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Paris um 1900. In einem Haschisch-Klub erzählen sich die berauschten Anwesenden Geschichten um Liebe, Tod und die Dinge, jenseits aller Vorstellungskraft. Kannibalismus, Nekrophilie, Blasphemie und weitere Themen der Dekadenzliteratur geben sich in diesem Skandalbuch ein Stelldichein.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2025
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In dieser Reihe bisher erschienen:
01 Grausame Städte Markus K. Korb
02 Spuk des Alltags Alexander M. Frey
03 Cosmogenesis Jörg Kleudgen
04 Die weissen Hände Mark Samuels
05 Haschisch Oscar A.H. Schmitz
06 Grausame Städte 2 Markus K. Korb
Edgar Allan Poe's Phantastische Bibliothek
Buch Fünf
Copyright © 2004, 2021, 2025 Blitz Verlag, eine Marke der Silberscore Beteiligungs GmbH, Mühlsteig 10, A-6633 Biberwier
Redaktion: Danny Winter
Coverdesign: Mark Freier
Satz: Gero Reimer
Alle Rechte vorbehalten.
www.blitz-verlag.de
e805 V1 19.12.2024
ISBN: 978-3-68984-248-2
Haschisch
Der Haschischklub
Die Geliebte Des Teufels
Eine Nacht Des Achtzehnten Jahrhunderts
Karneval
Die Sünde Wider Den Heiligen Geist
Die Botschaft
Der Schmugglersteig
Nachwort
Paris um 1900. In einem Haschisch-Klub erzählen sich die berauschten Anwesenden Geschichten um Liebe, Tod und die Dinge jenseits aller Vorstellungskraft.
Kannibalismus, Nekrophilie, Blasphemie und weitere Themen der Dekadenzliteratur geben sich in diesem Skandalbuch ein Stelldichein. Oscar A. H. Schmitz hat mit „Haschisch“ der frühen deutschen Phantastikliteratur um 1900 ein Denkmal gesetzt, das kein Kenner des Genres verpassen sollte.
An einem Abend des Winters 189* befand ich mich in einem wenig besuchten Pariser Speisehaus. Während ich, ohne meiner Umgebung zu achten, ausschließlich mit der Mahlzeit beschäftigt war, hörte ich neben mir eine halblaute Stimme, die sich an den Kellner wendete. Die trotz des fremdländischen Akzents gewandte Ausdrucksweise, welche Vertrautheit mit den Boulevards verriet, fesselte meine Aufmerksamkeit, und ich erkannte in dem schlanken, diskret blonden, schon etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio Alta-Carrara. Ich beobachtete, während er, ohne mich zu sehen, sein Menü zusammenstellte, daß sich die vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem letzten Zusammentreffen noch verstärkt hatte und eine unübertreffliche Kunst des Anzugs dieser Veranlagung durchaus gerecht wurde. Die schmalen langen Beine ließ er in die schlanksten Stiefel auslaufen, während die fast entfleischten Finger in spitzbogigen Nägeln endigten. Seine dünnen Lippen, die keine Sinnlichkeit merken ließen, hatten neben dem ennui*eine gewisse Bitterkeit angenommen, die seine kühle Persönlichkeit fast menschlicher und etwas nahbarer erscheinen ließ.
„Ah, Sie sind in Paris“, sagte der Graf und zeigte sich nur aus Liebenswürdigkeit erstaunt, obgleich zwischen unserem letzten Zusammentreffen und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Länder lagen.
Wir hatten uns einmal in einem römischen Salon kennengelernt, wo wir eines Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Teetasse in der Hand, zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang nebeneinander standen. Später erfuhr ich, daß er einen kalabrischen Vater hatte, der ihn in einer geheimnisvollen Schwärmerei für die großen, blondhaarigen Frauen des Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin gezeugt hatte, die immerhin blond und schlank genug war, um dem phantastischen Südländer den Duft der Freiaäpfel wenigstens von weitem wittern zu lassen.
Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederländischen Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers, Allaert van Assen, suchte. Dieser Meister – so versicherte er – hatte in Höllenszenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen sollten, daß der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, daß nur törichte Menschen nicht nach den Genüssen einer ewigen Verdammnis lechzen könnten. Die Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit Schneeumschlägen auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und seine Werke vernichtet oder entstellt. Zum letzten Male hatte ich den Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen, wo er einen arabischen Kodex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische Literatur der Europäer überflüssig machte.
Heute abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine Aufmerksamkeit schien von den Speisen gefesselt zu sein, die ihn, nach seiner besonderen Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen. Plötzlich unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, als ob sie in ihm eine Erinnerung wachrufe: „Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht – so etwas wie…
…und eine Lust, gepflückt in tausend Lenzen, der sich die Seele wie aus früherem Sein entsinnt, verklärt mit gelbem Morgenschein die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen…?
Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies darstellen, das wäre große Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir schaffen es nicht. Die neue Kunst müßte den Haschisch, das Opium entthronen!“
Ich war überrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hören. Und das geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt ließ. Ich war bisher geneigt gewesen, ihn nur für einen gebildeten ästhetischen Dandy zu halten. Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der Unendlichkeit zu hören aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute manche Geister verwirrt, die früher in gewissen feineren Richtungen des Christentums Genugtuung fanden, vielleicht heute noch finden würden, wenn nicht bestimmte Kapellen – wer weiß auf wie lange – verschlossen wären.
Ich hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den Augen Alta-Carraras zu begegnen, und beobachtete erst jetzt jenes beinahe angestrengte Starren, das außermenschliche Horizonte zu berühren sich abmüht, Ausblicke in künstliche Paradiese sucht, zu denen nur die satanischen Drogen, die der Graf bereits genannt, den Übergang gestatten.
Wir hatten ungefähr gleichzeitig die Mahlzeit beendet, während der Alta-Carrara wieder in die bewußte Zurückhaltung eines einsamen Menschen getreten war, der glaubt, sehr höflich gewesen zu sein, weil er ein paar Worte gesprochen hat.
„Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen“, sagte er plötzlich. „Vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft teilzunehmen?“
Ich war wieder überrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er konnte von mir nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen als die Qualitäten meines Schneiders. Eine unüberlegte Höflichkeit war diesem stets bewußten Menschen nicht zuzutrauen. Ich mußte also eine Beziehung annehmen zwischen jener Strophe, die er vielleicht für ein Pantakel *meiner Persönlichkeit hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich einführen wollte.
Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte ich, einige vorbereitende Bemerkungen über den Freundeskreis Alta-Carraras zu hören. Er sprach indessen mit oberflächlicher, fast graziöser Leichtigkeit über die verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu sagen. Ich fühlte, daß es ihm nur darum zu tun war, ein neues Stillschweigen zu vermeiden.
Nachdem wir die sechs Treppen eines modernen Mietshauses erstiegen hatten, wies man uns in einen weiten, atelierartigen Raum. In dem dämmerigen Licht rotverschleierter Kerzen gewahrte ich mehrere Männer, die in bequemen, orientalischen Kleidern auf niederen Polstern lagen. Zwischen den Ruhebetten standen Taburett *mit Nargilehs *und dampfende Duftschalen. Ein sanfter Geruch brennender Harze vermengte sich mit dem Rauch leichter englischer Zigaretten. An den dunkelroten Wänden hingen tiefschwarze Radierungen und Stiche, deren kaum erkennbare Darstellungen wie die Gesichte eines Alpdrucks auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied ich zwischen fremdartigen Gewächsen altmodische musikalische Instrumente wie seltsame Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten. Leichte Grüße wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine Handbewegung, als stelle er mich vor. Dann ließen wir uns auf Kissen nieder. Von einem zwischen uns stehendem Tischchen nahm der Graf einige Haschischpillen und bot mir lächelnd die Schale.
„Die Umherliegenden“, erklärte er halblaut, „befinden sich in einem Zustand der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben nur sehr geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen Wortfolgen reden hören, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhänge finden sehen, als sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glück haben, können wir uns wie in einer Versammlung plötzlich erleuchteter Künstler befinden, denen fabelhafte Worte von den Lippen fließen, von deren Glanz sie morgen kaum selbst noch etwas ahnen. Andere verzichten auf den Genuß des Haschischs und bewundern die Wirkung, die er in den übrigen hervorbringt. Wer dazu imstande ist, wird durch Musik oder seltsame Erzählungen den Vorstellungen der übrigen besondere Richtungen zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen Blick durch diese offene Tür in die Nebenräume: Dort befinden sich die, welche völlig in die Abgründe der Unbewußtheit versinken wollen.“
Ich sah in der Dämmerung schlafende Menschen vor venezianischen Spiegeln ausgestreckt.
„Durch die bunten Glasblumen der Spiegel glauben sie in fabelhafte Wasserteiche unterzutauchen“, sagte der Graf. „Die beiden auf Zehen herumgehenden Männer sind geschickte Diener, die sie gegen Kälte und Durst schützen, da sie in ihrer Willenslähmung vorziehen würden, die Lippen verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getränk selbst an den Mund zu führen.“
Ich beschloß, gleich meinen Nachbarn, durch eine leichte Haschischdosis nur die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen tätigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu genießen.
Es herrschte große Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne französische Worte, deren Aussprache mir verriet, daß die Anwesenden teils Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde träumend gewartet haben, als in einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fühlte mit besonderem Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstände rings durchdrang, durchblutete, durchglomm. Es schien mir selbstverständlich, wie nun alles aufglühte. Das war die eigentliche Farbe des Lebens. Vorher hatten die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und vor allem sehr gütig. Die Undurchsichtigkeit der Gegenstände war wie aufgehoben; alles war farbiges Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg. Die Wortfolgen, die ich hörte, waren bestimmt und einfach, wie mathematische Sätze, auflösbar in Zahlen. Mit einem Blick übersah ich Zusammenhänge, die sonst das Ergebnis mühseliger Überlegung sind; die Worte funkelten in den verschiedenen Farben aller Sprachen. Die Silben Kirche klangen zugleich groß und hell wie église, mißtrauisch-puritanisch wie church. Die Buchstaben Wort enthielten gleichzeitig das talismanähnliche logos, das runenhafte waurd, das spitze fliegende mot, die ein wenig gewichtig aufgeputzte parole. Bei allen Silben klangen wie Untertöne halbverwehte Reime mit. Ich roch, sah, schmeckte jedes Wort, fühlte es an wie Seide oder Marmor. Ich sah nicht mehr bloß Flächen, sondern ganze Körper von allen Seiten zugleich. Und dieser plötzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus der ich keineswegs heraustrat, machte mich übersprudelnd glücklich und dankbar, sa daß ich gern anderen Leuten Gutes getan hätte, gesetzt, daß ich dabei auf der Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir übrigens vollkommen bewußt, wo ich mich befand. Mir war, als hätte ich eine farbige Brille auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Gläsern vorbeischielen und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben eigentlich ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge wirklich und gefärbt betrachten.