12,99 €
Hinter jeder Ecke lauert der nächste Kriminalfall! Ein Bankräuber wird aus der Haft entlassen und sucht seine Beute. Drei Männer treffen sich in einem Hotelzimmer: Einer überlebt das Spiel zwischen Sein und Schein nicht. Was geschah mit der Frau, nach ihrem Besuch bei einem einsamen Schriftsteller? Mystery, Übernatürliches, Skurriles: Der zweite Band mit zehn spannenden Kurzgeschichten von Kult-Autor Robert Arthur. Der Erfinder der Detektivreihe "Die drei ???" erzählt in seinen Geschichten gruselig-aufregende Begebenheiten. 1966 zum ersten Mal veröffentlicht. Jetzt in einer Neuübersetzung aus dem Englischen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2025
Im Kabinett der Illusionen
10 mysteriöse Kurzgeschichten
Robert Arthur
KOSMOS
Alle Angaben in diesem Buch erfolgen nach bestem Wissen und Gewissen. Sorgfalt bei der Umsetzung ist indes dennoch geboten. Verlag und Autoren übernehmen keinerlei Haftung für Personen-, Sach- oder Vermögensschäden, die aus der Anwendung der vorgestellten Materialien und Methoden entstehen könnten. Dabei müssen geltende rechtliche Bestimmungen und Vorschriften berücksichtigt und eingehalten werden.
Distanzierungserklärung
Mit dem Urteil vom 12.05.1998 hat das Landgericht Hamburg entschieden, dass man durch die Ausbringung eines Links die Inhalte der gelinkten Seite gegebenenfalls mit zu verantworten hat. Dies kann, so das Landgericht, nur dadurch verhindert werden, dass man sich ausdrücklich von diesen Inhalten distanziert. Wir haben in diesem E-Book Links zu anderen Seiten im World Wide Web gelegt. Für alle diese Links gilt: Wir erklären ausdrücklich, dass wir keinerlei Einfluss auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten haben. Deshalb distanzieren wir uns hiermit ausdrücklich von allen Inhalten aller gelinkten Seiten in diesem E-Book und machen uns diese Inhalte nicht zu Eigen. Diese Erklärung gilt für alle in diesem E-Book angezeigten Links und für alle Inhalte der Seiten, zu denen Links führen.
Wir behalten uns die Nutzung von uns veröffentlichter Werke für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Unser gesamtes Programm finden Sie unter kosmos.de.
Über Neuigkeiten informieren Sie regelmäßig unsere Newsletter kosmos.de/newsletter.
Umschlagsabbildung: © Saul Lambert
© 2025, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG
Pfizerstraße 5–7, 70184 Stuttgart
kosmos.de/servicecenter
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-440-51109-1
Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan
E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
Cover
Titel
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Hauptteil
Vorwort
Mr Mannings Geldbaum
Diebesgut und Spitzenhäubchen
Besuch um Mitternacht
Aus heiterem Himmel
Die Glasbrücke
Der Nachsendeauftrag
Der verschwundene Passagier
Ein harter Knochen
Das Abenteuer vom einzelnen Fußabdruck
Hufmord
Dieses Buch ist ein Silbertablett. Krimi- und Mysterymeister Robert Arthur hat Appetitliches für die verschiedensten Krimigeschmäcker und hin und wieder ein kleines Blutbad angerichtet. Was ihr gleich verkosten werdet, entstand in mehreren Jahrzehnten seiner vielseitigen Arbeit, zwischen den Dreißiger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Die Kurzgeschichten wurden teils in Zeitschriften abgedruckt, und später setzte Arthur die scharfe Klinge der Überarbeitung an, tauschte Figuren, änderte Titel und machte ein Buch daraus.
Wie aufregend ein Tag im Kopf dieses Vielschreibers gewesen sein muss, den frisch gewaschene Wäsche, ein heruntergekommenes Haus, wissenschaftliche Bücher, Kindheitserinnerungen und selbst das Fehlen einer Leiter auf Ideen brachten. Der für diverse Pulp-Magazine ebenso schrieb wie hunderte Skripte fürs Radio oder Fernsehen, unter anderem für Alfred Hitchcocks Fernsehshow. Alfred Hitchcock ist der berühmte Regisseur, den einige fälschlicherweise für den Erfinder von Die drei ??? halten. Dabei ist das – ihr wusstet es natürlich längst – Robert Arthur. Für seine drei Detektive ist Arthur hierzulande am besten bekannt.
Ihn aber darauf zu reduzieren würde ihm und seinem Schaffen nicht gerecht. Die Geschichten in diesem Band entstanden weit vor der Geburt der drei produktivsten Spürnasen von ganz Kalifornien. Irgendjemand musste ja die ungelösten Fälle und Rätsel aller Art übernehmen, für die Arthur sich später die drei Detektive ausdachte.
Diese Kurzgeschichten erschienen also teils lang vor 1964, als Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews zum ersten Mal durch die Straßen von Rocky Beach radelten, detektivische Apparaturen bastelten und gegen Peters Willen nachts auf der Lauer nach Geistern lagen.
Und irgendwie schienen die drei aber doch schon weit davor durch den Kopf ihres Erfinders zu geistern. Wenn ihr genau hinschaut, entdeckt ihr bestimmt das eine oder andere, was euch an die Jungs aus Rocky Beach erinnert. Vor allem aber findet ihr hoffentlich Lesegenuss und haarsträubende Spannungsmomente in Robert Arthurs frühem und vielfältigem Krimiwerk, das den einen oder anderen Fingerzeig auf sein späteres Schaffen bereithält.
Der Startschuss fällt, das Buffet ist eröffnet. Schlingen ist erlaubt. Viel Vergnügen!
© Saul Lambert
Pünktlich um zwölf Uhr mittags schloss Henry Manning, ein freundlicher junger Mann mit sandfarbenem Haar, das vergitterte Fenster seiner Kassenkabine in der First National Bank. Er nahm Aktentasche und Hut, verließ die Kabine und schlenderte zur Eingangstür der Bank. In der Aktentasche befanden sich eine Thermosflasche und zwei belegte Brote. An schönen Tagen verzehrte Henry, der vielversprechende junge Bankangestellte, sein Mittagessen immer im Park.
Als Henry das Gebäude verließ, nickten sich zwei Herren in grauen Anzügen am anderen Ende der Bank zu, woraufhin ihm einer unauffällig folgte. Henry entdeckte ihn jedoch fast augenblicklich und sein Herz schlug schneller. Wenn sie einen Ermittler auf ihn angesetzt hatten, dann war seine Verhaftung nur noch eine Frage der Zeit. Dann hatte er auch keine Chance, die zehntausend Dollar beiseitezuschaffen, die sicher in seiner harmlos aussehenden Thermoskanne verstaut waren.
Seit Montag wusste er, dass sie hinter ihm her waren. Inzwischen mussten sie sich fast sicher sein, dass Henry Manning es war, der im Lauf des vergangenen Jahres zwanzigtausend Dollar von verschiedenen Konten abgezweigt hatte. Schon erstaunlich, wie einen ansonsten ehrlichen Mann das Börsenfieber packen konnte, sodass er sich immer weiter in Spekulationen hineinziehen ließ. Anfangs in der Hoffnung auf einen Glückstreffer, setzte er dann auf einen cleveren Rateversuch, mit dem er das Geld wieder hereinholen konnte, später ...
Jedenfalls waren die zwanzigtausend weg und er konnte sie nicht zurückzahlen. Also hatte Henry, inzwischen weitaus skrupelloser, fremdes Geld an sich zu nehmen, sich weitere zehntausend beschafft. Doch wo um alles in der Welt sollte er sie jetzt mit einem Polizisten auf den Fersen verstecken?
Als er am Park ankam, schlossen sich gerade die Türen eines Busses. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprang Henry hinein, während die Türen sich zischend zuschoben. Durchs Fenster sah er seinen Verfolger auf die Haltestelle zurennen und ihm hilflos hinterherschauen. Henry lächelte. Ein Problem weniger.
Doch das größte Problem lag noch vor ihm. Er hatte nämlich gar nicht vor, zu fliehen. Er würde seine Strafe annehmen. Wer mochte schon den Rest seines Lebens auf der Flucht zubringen? Für seinen Neuanfang wollte er aber auf das Geld in seiner Aktentasche zählen können. Wie konnte er es also sicher verstecken, bis er wieder auf freiem Fuß war?
»Melwood Estates«, rief der Fahrer gerade. »Endhaltestelle.«
Henry stieg aus. Er war in einem der Vororte, die gerade überall am Stadtrand aus dem Boden schossen: Hunderte Häuser, alle identisch, reihten sich an frisch gesäten Rasenflächen aneinander. Den Anschein erweckend, er wohne in einem davon, ging er zügig weiter. Innerlich aber war er am Verzweifeln. Die Gegend war so kahl und leer, wo sollte er hier etwas verstecken? Wieso war ihm nicht noch ein Tag vergönnt worden? Mittlerweile suchten sie nach ihm, nur noch ein Tag und er hätte ...
Wie vom Blitz getroffen blieb Henry stehen. Er war an einer Ecke angelangt. Keine fünf Meter weiter stand ein hübsches Einfamilienhäuschen, umgeben von grünem Rasen, in dem ein tiefes Loch ausgehoben war. Gleich daneben wartete, die Wurzeln in Sackleinen gewickelt, eine prächtige Fichte darauf, eingepflanzt zu werden.
Weit und breit war niemand zu sehen. Henry nahm seinen Hut ab, wischte sich über die Stirn. Dann ließ er wie aus Versehen seinen Hut in das Loch fallen. Beim Bücken ließ er die Thermoskanne aus der Aktentasche in das Loch gleiten und versteckte sie unter Erdkrumen und Kompost.
Die Angelegenheit dauerte keine zwanzig Sekunden. Henry richtete sich wieder auf und bewunderte den Baum, als ein fröhlicher, stämmiger Mann mit schwarzem Haar und einem Eimer Wasser in der Hand daherkam.
»Ich bewundere bloß Ihren Baum«, sagte Henry als wäre er ein Nachbar. »Sehr schönes Exemplar.«
»Das möchte ich meinen.« Der andere schmunzelte. »Ich musste ordentlich was dafür berappen, weil ich einen großen wollte.« Er stellte den Eimer ab und Henry trat einen Schritt vor.
»Lassen Sie mich Ihnen helfen«, sagte er.
Henry blieb, bis der Baum gepflanzt und die Erde darum herum festgestampft war. Eine attraktive junge Frau mit hellbraunem Haar kam an die Haustür und schaute ihnen zu. Ein junges Paar, eher wenig Geld – Henry sah den billigen Wagen in der Einfahrt. In Gedanken wünschte er ihnen alles Gute. Auf dem Rückweg in die Bank zu seiner Verhaftung verspürte er eine gewisse Zuneigung zu diesen Fremden, die ihm, ohne es zu wissen, bei seinem Problem geholfen hatten.
Dreieinhalb Jahre dauerte es, bis Henry den Baum wiedersah. Inzwischen hatte er zugenommen, wirkte älter, hatte sich einen Schnurrbart stehen lassen und einen neuen Beruf. In der Gefängniswerkstatt war aus ihm ein fachkundiger Automechaniker geworden.
Auch der Baum hatte sich verändert. Er war zu einer schönen jungen Fichte herangewachsen. Und auch das Haus war größer geworden, wie Henry im Vorbeigehen bemerkte. Eine Doppelgarage war hinzugekommen. Auf der einen Seite stand derselbe alte Wagen, nun fuhr aber noch ein wesentlich teureres Auto herein und der stämmige, nun wohlhabend wirkende Mann stieg aus. Seine Frau, deren seidig braunes Haar ihr ins Gesicht wehte, kam mit einem kräftigen Baby auf dem Arm heraus und begrüßte ihn.
Henry freute sich. Es war ihnen gut ergangen. Sie würden sich einen neuen Baum leisten können, wenn er diesen hier ausgrub und ... er stutzte abrupt. Noch nie war ihm in den Sinn gekommen, was für eine Aufgabe das werden würde, einen stattlich gewachsenen Baum auszugraben. Inzwischen war der Vorort eine lebhafte Gegend, mit regelmäßigen Polizeistreifen, Passanten auf der Straße – niemals würde er das schaffen, ohne erwischt zu werden, nicht einmal nachts.
Henry schluckte und lief weiter. Offenbar hatte er sich selbst reingelegt. Er hatte das Geld so sicher versteckt, dass nicht einmal er mehr drankam.
Schließlich fasste er einen Plan. Um auf legalem Weg an den Baum zu kommen, musste er das Haus kaufen. Augenblicklich ging das natürlich nicht. Er war mittellos und es gab keinerlei Anzeichen, dass die Eigentümer verkaufen wollten. Doch er konnte warten. Für zehntausend Dollar konnte er sich gedulden. Den Eigentümern ging es gut, ihre Familie wuchs. Letzten Endes würden sie ein größeres Haus wollen. Bis dahin würde er zu Geld kommen.
Sobald sein Plan feststand, verlor Henry keine Zeit. Er färbte sich die Haare und bekam, wie er glaubte, gut getarnt, eine Anstellung bei einer nahe gelegenen Autowerkstatt, in der Jerome Smith, der Eigentümer von Henrys Geldbaum, Stammkunde war.
Henry tat sein Bestes, um sich mit ihm anzufreunden. Smith jedoch, der mittlerweile an Gewicht zugelegt hatte, war barsch und ungeduldig, als hätte er Wichtigeres im Kopf.
Umso bezaubernder dagegen war seine Frau Constance. Henry hatte gerade Schicht, als sie ihr Auto vorbeibrachte, um zu tanken und den Ölstand prüfen zu lassen.
»Sie sind neu, stimmt’s?«, fragte sie mit klangvoller Stimme. Henry nickte.
»Erst seit letzter Woche, Mrs Smith. Soll ich den Kühler und die Batterie überprüfen?«
»Wären Sie so nett?«
Geduldig blieb Constance Smith sitzen und ließ das Radio laufen.
»Mozart, nicht wahr?«, fragte Henry.
»Stimmt. Sie kennen sich mit Musik aus?« Constance sah Henry interessiert an.
»Ein bisschen«, sagte Henry bescheiden. »So, das hätten wir, Mrs Smith. Aber um den Motor würde ich mich auch gern kümmern. Rufen Sie an, wenn Sie das Auto ein paar Stunden nicht brauchen, dann komme ich es abholen.«
»Danke, das mache ich.« Eine Woche später rief sie an. Henry schraubte am Motor herum, bis dieser schnurrte. Als er den Wagen zurückbrachte, spielte sie gerade mit ihrem Sohn im Garten.
»Das ist Peter«, sagte sie, als Henry ihr die Schlüssel gab.
»Hallo, Peter. Sag mal, magst du Hunde?« Mit großen Augen starrte Peter ihn an. Aus seiner Tasche zog Henry eine Packung Pfeifenreiniger, und mit ein paar Handgriffen bog er daraus einen Hund mit großen Ohren. Begeistert griff Peter danach.
»Hundi!«, rief er.
»Der sieht ja toll aus!«, rief Constance. »Danke Ihnen. Und danke, dass Sie sich um das Auto gekümmert haben.«
»Sehr gern«, sagte Henry. Mit einem wohligen Gefühl machte er sich auf den Rückweg zur Werkstatt. Sicher, zum Teil wollte er sich mit den Smiths anfreunden, um als einer der Ersten davon zu erfahren, wenn sie verkaufen wollten. Zu seinem Plan gehörte jedoch nicht, sich auf eine Begegnung mit Constance zu freuen und Trübsal zu blasen, wenn die Tage verstrichen und sie nicht in der Werkstatt vorbeikam. Und doch war es so. Anstatt der Hoffnung, die Smiths würden bald umziehen wollen, regte sich in Henry der Wunsch, sie möchten bleiben.
Inzwischen hatte Henry eine leitende Position in der Werkstatt und seine Freundschaft mit Constance, wenn auch begrenzt auf kurze Plaudereien beim Warten auf den Wagen oder bei einer Tasse Kaffee in ihrer Küche, wenn er an kalten Tagen kam, um das Auto zu starten, war beständig und wichtig für sie beide. Sie redeten über Bücher, Musik und Theater und offensichtlich genoss Constance die Gespräche genauso wie er. Da Jerome Smith meist geschäftlich unterwegs war, achtete Henry darauf, aus ihrer Freundschaft nicht etwas werden zu lassen, was nach außen unangemessen hätte wirken können.
Aber da Constance’ Mann seine Geschäfte allmählich nach Westen verlagerte, bedrückte ihn zunehmend der Gedanke, dass er bestimmt auch bald seine Familie würde nachholen wollen. Als Constance also eines Morgens aufgeregt in der Werkstatt anrief und Henry fragte, ob er vorbeikommen könne, hielt er den Moment für gekommen. Auf der Hinfahrt war ihm schwer ums Herz.
Blass führte Constance ihn ins Wohnzimmer.
»Es ist etwas passiert, Henry«, sagte sie im Versuch, zu lächeln, »und ich ... nun, ich muss mit einem Freund darüber reden.«
»Ich freue mich, dass du mich als Freund ansiehst.«
»Es fällt mir nicht leicht. Es ist so ...«, hauchte sie nahezu, »Jerry und ich sind uns schon lang fremd geworden. Er ist so oft weg, und selbst wenn er zu Hause ist ... Jedenfalls ist er jetzt in Nevada. Er will dort eine Firma aufbauen und wird eine ganze Weile dort sein. Deshalb ... In einem Brief, den ich heute Morgen erhalten habe, schlägt er vor, dass er dorthin zieht und wir uns scheiden lassen.«
»Scheiden lassen?« Ungläubig sah Henry sie an.
»Natürlich werde ich zustimmen. Ich will ganz sicher keinen Ehemann, der mich nicht will.« Ihr Lachen war ein wenig zittrig, aber es hielt die Tränen zurück.
Fortan beschränkten sich Henrys Besuche nicht mehr nur aufs Geschäftliche. Er schaute vorbei, wann immer er konnte. Er half Constance, eine Stelle als Sprechstundenhilfe zu finden, und arrangierte, dass die Mutter eines seiner Mitarbeiter Constance den Haushalt machte. Stolz hatte Constance die Unterhaltszahlung abgelehnt, die Jerome Smith ihr zähneknirschend angeboten hatte, und nur das Haus und, natürlich, das Sorgerecht für Peter behalten.
In dieser Zeit kümmerte sich Henry so sehr um Constance und Peter, dass er seinen Geldbaum ganz vergaß. Bis zu dem Abend, an dem er ihr, nach einem Konzertbesuch, einen Heiratsantrag machte.
Er war gerade dabei, ihr zu sagen, wie viel sie ihm bedeute, als ihm plötzlich einfiel, dass der Baum im Falle einer Heirat ihm gehören würde. Und beschämt fragte er sich, ob er sie wirklich liebte oder ob er nur an sein verstecktes Geld wollte. Das brachte ihn durcheinander und er stammelte herum, sodass Constance leise lachte.
»Henry, willst du mir gerade einen Antrag machen?«
»Ja, das will ich! Ich liebe dich!«, platzte Henry heraus.
Constance lächelte ihn an. »Und es geht sicher nicht nur darum, dass Peter und ich versorgt sind?«
»Ganz sicher nicht«, sagte Henry zu ihr und meinte es auch so. »Ich liebe dich. Ich will, dass du meine Frau bist, Constance, und Peter mein Sohn.«
Eine Weile musterte sie schweigend sein Gesicht.
»Ja, Henry«, sagte sie schließlich. »Das möchten wir auch.«
Und so zog Henry in das Häuschen an der Ecke und endlich gehörte ihm der Geldbaum, was ihm aber nicht viel bedeutete.
Nun, da er eine anmutige und liebende Frau und einen prächtigen Sohn hatte, wozu brauchte er noch gestohlenes Geld?
Dennoch erwies sich dies als nützlich, als der Eigentümer der Werkstatt im Jahr darauf beschloss, in Rente zu gehen. Henry verfügte nicht über die Mittel, um das Geschäft zu kaufen. Aber er wusste, wo Geld zu finden war – direkt in seinem Vorgarten. Also unterschrieb er leichtfertig Schuldscheine. Letzten Endes konnte er, sollte es hart auf hart kommen, sie ja jederzeit abbezahlen.
Mit der Wirtschaft ging es leicht bergab und es gab viele Nächte, in denen Henry hinaus in den Garten ging, den Duft der Fichte einatmete und sich zurückhalten musste, sie nicht schon jetzt auszugraben. Doch aus irgendeinem Grund widerstrebte es ihm, sie anzurühren.
Unterdessen erschien Jerome Smith’ Foto regelmäßig in der Zeitung. Er hatte Anteile an einem großen neuen Hotel und Spielcasino in Las Vegas erworben und eine umwerfende blonde Revuetänzerin geheiratet. Henry und Constance war das herzlich egal.
Sie hatten nun auch eine Tochter, Anne. Die Kinder wurden von Jahr zu Jahr größer.
Im Vertrauen auf den Geldbaum kaufte Henry ein Autohaus und es folgten viele bange Nächte, in denen er im Dunkeln neben dem Baum stand und dachte, er röche zum letzten Mal seinen Duft. Ganz sicher müsste er am nächsten Tag das Geld ausbuddeln. Doch jedes Mal schaffte er es auch ohne das Geld.
Als das Geschäft endlich brummte, hätten sie viel weniger bescheiden leben können, als sie es taten. Henry aber sparte auf etwas Wichtiges hin. Endlich war der Tag da – so sonnig wie damals, als er als junger Mann mit gestohlenem Geld in der Aktentasche die Bank verlassen hatte. Mittlerweile war er grau geworden, die Jahre und das Leben hatten Runzeln in seinem Gesicht hinterlassen, als er erneut mit einer Aktentasche unterm Arm die Bank betrat – derselben Aktentasche.
Beim Herauskommen war die Aktentasche leer. Er hatte dreißigtausend Dollar mit Zinsen zurückgezahlt und seine Miene hatte sich kaum merklich verändert. Mit der Welt im Reinen ging er nach Hause.
In der Nacht stand er unter seinem Geldbaum und dachte dankbar an alles, was er hatte: eine liebende Frau, eine reizende Tochter, einen kräftigen Stiefsohn, eine florierende Firma, Glück, Respekt und inneren Frieden.
Das unterm Baum versteckte Geld hatte seine Aufgabe erfüllt. Nun konnte er es vergessen und die lieb gewordene Fichte verschonen. Er streckte die Hand aus und streichelte ihre Nadeln.
»Hast du gut gemacht, alter Junge«, sagte er. »Du hast mein gestohlenes Vermögen sogar vor mir beschützt. Niemals werde ich dich anrühren. Du kannst für immer stehen bleiben.«
Doch eines Tages im darauffolgenden Herbst zog ein Wirbelsturm vom Atlantik heran und tobte durch die Stadt. Den ganzen Tag lang heulte der Wind und es goss in Strömen. Mit Anbruch der Nacht wütete der Sturm noch stärker. Die Straße war mit Ästen, Mülltonnen und Trümmern übersät.
Henry und Constance saßen im Wohnzimmer und lauschten den Radiomeldungen, als das Licht ausging und das Radio verstummte. Aus dem Garten waren ein Knarren und Ächzen zu hören, der Wind kreischte. Mit einer schrecklichen Vorahnung kam Henry gerade noch rechtzeitig ans Fenster und sah in der Dunkelheit, wie seine stolze Fichte umfiel und ein klaffendes Loch hinterließ. Ihm war so elend zumute, als sei ein Freund gestorben. Dann fiel ihm ein, dass er die Thermoskanne finden musste, bevor es jemand anderes tat.
Bei Tagesanbruch war er auf den Beinen. Der Sturm war vorüber. In Stiefeln und alten Klamotten kletterte er in das Loch, das die Wurzeln der Fichte hinterlassen hatten.
In der aufgehenden Sonne glitzerte etwas. Vorsichtig fasste er hinein. Es war das silbrige Innenleben der Thermoskanne – die äußere Hülle war längst weggerostet. Der Glaskern aber war noch intakt und fest zugestöpselt. Mit seinem Taschenmesser löste er den Korken und schüttelte die Flasche. Zwei Papierfetzen fielen heraus. Mehr nicht. Nur zwei Papierfetzen. Er hob sie auf.
Einer war ein alter Zeitungsartikel. Erschrocken erkannte er ein Bild von sich und den Bericht von seiner Verhaftung. Das andere war einfach ein Stück Papier, auf dem in Jerome Smith’ enger, schartiger Schrift geschrieben stand: Dachte ich’s mir. Danke, Kumpel.
Benommen ging Henry ins Haus und setzte sich an den Küchentisch. All die Jahre war das Geld, auf das er gezählt hatte, gar nicht da gewesen! Binnen vierundzwanzig Stunden hatte Smith es wieder ausgegraben. Damit hatte Smith eine Elektronikfirma gekauft, sie für die Herstellung illegaler Spielautomaten umgerüstet und dann ein Hotel und Casino in Nevada erworben, um später ein großer Name im Glücksspiel mit illegalen Beteiligungen im ganzen Land zu werden.
Langsam verzog sich der Schock dieser Erkenntnis. Darauf folgte ein Gefühl tiefer und bescheidener Dankbarkeit. Das Leben nahm wirklich seltsame Wendungen. Das entwendete und vergrabene, aber nie genutzte Geld hatte ihm eine Familie, Erfolg, Zufriedenheit beschert. Jerome Smith jedoch hatte es ...
Henry schüttelte den Kopf und nahm das Stück Papier, auf das Smith Danke, Kumpel geschrieben hatte. Darunter schrieb er fein säuberlich Gern geschehen. Dann steckte er es in einen Umschlag, klebte ihn zu und schrieb die Adresse darauf. Jerome Smith’ genaue Adresse kannte er zwar nicht, doch dem zufolge, was er unlängst in der Zeitung gelesen hatte, sollte Bundesstrafanstalt, Atlanta, Georgia als Anschrift wohl genügen.
© Saul Lambert
Das Signal einer Schranke ertönte. Scheinwerfer wartender Autos erhellten den Waggon, und der Zug verlangsamte seine Fahrt. Grace Usher blickte von ihrem Buch auf.
»Das muss Milwaukee sein«, sagte sie. »Wird ja auch höchste Eisenbahn. Schon neun Uhr. Wir haben vier Stunden Verspätung.«
»Mr Bingham wird sich fragen, was aus uns geworden ist«, stimmte Florence Usher zu. Sie strich ihre schwarze Jacke glatt und ordnete ihre Frisur. Florence bildete sich viel auf ihre Jugendlichkeit ein – sie war siebzig, zwei Jahre jünger als Grace.
»Jedenfalls«, sagte Grace mit Genugtuung, »konnte ich auf die Weise sowohl den neuen John Dickson Carr als auch Ellery Queen fertig lesen. Hach, wie aufregend! Ich liebe einen guten Krimi.«
»Die muss ich als Nächstes lesen.« Florence schrieb sich etwas in ein kleines rotes Büchlein, das sie in einer Lederhandtasche, so groß wie eine Aktentasche, bei sich trug. »Hast du nach dem Gepäckträger geläutet, Grace?«
»Und ihm dann einen Vierteldollar Trinkgeld geben müssen? Unfug! Wir können unser Gepäck sehr wohl selbst tragen.«
»Aber er könnte uns helfen, ein Taxi zu finden, und uns sagen, wie wir zu Mr Binghams Büro kommen.«
»Florence, sei bitte nicht so provinziell. Im Grunde ist Milwaukee doch auch nur eine Stadt. Und auch wenn wir noch nie in einer Großstadt waren, wissen wir doch eine Menge über sämtliche Großstädte der Welt. Schließlich hat jede von uns mehr als tausend Kriminalromane gelesen, oder etwa nicht? Von Agatha Christie und Margery Allingham kennen wir London, von Brett Halliday Miami, Chicago von Craig Rice, Paris, San Francisco, New York -«
»Jaja«, unterbrach Florence, »das mag sein, aus Krimis wissen wir viel übers Leben – aber ...«
»Papperlapapp, nichts aber! Ich erachte uns als gewappnet für so gut wie jede Lage, und alles dank der großzügigen Bildung durch Kriminallektüre«, sagte Grace. »Und nun steigen wir lieber aus. Mr Bingham wartet sicher schon auf uns – zumindest hoffe ich das.«
Mr Bingham wartete. Stundenlang hatte er ungeduldig in seinem schäbigen Büro gewartet, dessen Glastür mit E. BINGHAM – RECHTSANWALT – Immobilien und Versicherung beschriftet war.
Nun kaute er Minzbonbons und schenkte Grace und Florence Usher Tee ein. Den Tee hatte er auf einer Kochplatte zubereitet, auf der er sonst ausschließlich starken Kaffee kochte, der ihm über die Nacht zuvor hinweghalf.
»Wie aufmerksam von Ihnen!«, sagte Grace, an ihrem Tee nippend. »Es geht doch nichts über eine schöne Tasse Tee zur Erfrischung nach einer langen Zugreise. Wir sind liegen geblieben, wissen Sie, knapp achtzig Kilometer weiter westlich.«
»Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht, meine Damen«, sagte Bingham. Gelbe Zähne kamen zum Vorschein bei seinem Lächeln, dessen Wirkung durch seine große Nase und seine kleinen, zu eng stehenden Augen geschmälert wurde. »Ich fürchtete schon, Sie hätten beschlossen, den Anspruch auf Ihr kleines Erbe nicht wahrnehmen zu wollen.«
»Wir haben alle Brücken hinter uns abgebrochen«, versicherte ihm Florence. »Als wir Ihren Brief erhielten, dass unser Neffe Walter uns sein Haus hinterlassen hat, haben wir die Bücherei verkauft, die wir seit unserer Pensionierung geführt haben, uns von allen verabschiedet und sind hergekommen.«
»Siebzig Jahre lang«, Grace’ Hütchen wippte, als sie sich vorbeugte, »haben wir in einer Kleinstadt gelebt. Und nun wollen wir unbedingt einen Blick über den Tellerrand wagen, wissen Sie.«
Ein Stückchen Minzbonbon blieb Bingham im langen, dürren Hals stecken.
»Ganz recht. Chm, chm ... ganz recht. Also, äh, ich dachte, sobald Sie das Haus Ihres Neffen verkauft haben, fahren Sie wieder zurück nach Kiskishaw und -«
»Um Himmels willen, nein!«, stellte Grace klar. »Wir wollen leben, Mr Bingham! Wir werden Walters Haus zu einer Pension für Künstlerinnen und Literaten umbauen.«
»Wir werden so faszinierenden, kreativen Menschen begegnen«, fiel Florence mit ein. »Die Gespräche bei Tisch werden wie Musik für unsere ausgehungerten Ohren sein.«
Mit einem Scheppern stellte Mr Bingham seine Teetasse ab.
»Wirklich«, sagte er tonlos, »ich rate Ihnen zum Verkauf. Das Haus ist heruntergekommen, die Steuern sind hoch, das Viertel widerlich ...«
Grace schüttelte bloß den Kopf.
»Das werden wir schon meistern«, sagte sie. »Nun erzählen Sie bitte vom armen Walter. Immerhin haben wir ihn die letzten fünfundzwanzig Jahre nicht gesehen.«
»Wie ist er gestorben?«, fragte Florence, die vor Neugier die behandschuhten Hände aneinanderdrückte.
»Nun«, Mr Bingham rieb sich fahrig die Stirn, »er starb an einer Art Herzversagen ...«
»Man könnte wohl«, pflichtete Grace bei, »drei Kugeln ins Herz als eine Art Herzversagen bezeichnen. Allerdings -«
»Zwei Kugeln ins Herz«, berichtigte Florence. »Laut gerichtsmedizinischem Bericht ging die dritte knapp daneben. Sie müssen wissen, Mr Bingham, wir haben schon vor Ihrem Brief alles darüber in der Zeitung gelesen. Wir verfolgen sämtliche Nachrichten über Straftaten. Selbstverständlich wussten wir da noch nicht, dass es um unseren Neffen ging. Wirklich überrascht hat uns sein Tod aber nicht. Uns war von jeher klar: Mit Walter würde es ein schlimmes Ende nehmen.«
»Als Junge hat er Welpen gequält«, fügte Grace hinzu. »Und bei drei Universitäten ist er rausgeflogen, wie sein Vater.«
»Unser Bruder Henry. Der ist vor Jahren verschwunden.« Grazil nippte Florence ihren Tee. »Wir hatten ihn im Gefängnis vermutet. In dem Fall war er da nicht unter seinem richtigen Namen. Auf die Familie ließ Henry nichts kommen.«
Mit einem nicht ganz so sauberen Taschentuch tupfte sich Mr Bingham die Lippen ab.
»Natürlich«, sagte er. »Sehr lobenswert. Also, Walter nannte sich Walter Smith, und bevor ich einen Vermerk in seinen Papieren entdeckte, dass Sie das Haus erben sollen, wusste ich weder seinen richtigen Namen noch von überhaupt irgendwelcher Verwandtschaft.
Er war ... äh ... um es frei heraus zu sagen, ein rätselhafter Mann. Seine Einkommensquelle war nicht ... ähm ... bekannt. Ihm gehörte dieses große Haus am Stadtrand, wie er jedoch dazu kam, weiß niemand. Letzten Monat kam er eines Abends gegen Mitternacht nach Hause und wurde auf der eigenen Türschwelle von einem unbekannten Angreifer erschossen. Die Polizei konnte bislang den Täter nicht dingfest machen, geschweige denn ein Motiv finden.«
»Wer es auch war, der Mensch hatte sicher einen guten Grund.« Penibel tupfte sich Grace den Mund ab. »Als Walter noch jünger war, hätten wir ihn oft am liebsten selbst umgebracht.«
Mr Bingham wischte sich die Stirn.
»Ähm, ja, gewiss«, sagte er. Unglücklich sah er die beiden aufgeweckten alten Damen an, wie sie da saßen mit ihren schlichten Kleinstadtkleidern, ihren altmodischen Häubchen und den grauen Frisuren.
»Aber noch einmal, meine Damen, möchte ich darauf dringen, das Haus zu verkaufen. Es steht wirklich in einer zwielichtigen Gegend, befleckt von einem Mord, und ich habe einen Käufer, der es abreißen und eine Tankstelle bauen will, daher –«
»Nein. Wir beabsichtigen, dort zu leben, und werden eine Pension für Intellektuelle betreiben«, sagte Grace bestimmt. »Also, Mr Bingham, wenn wir nun bitte die Schlüssel und die Adresse bekommen könnten, ein Taxi wird uns dann hinbringen.«
Mr Bingham, der einst eine Tante mit eisernem Willen gehabt hatte, holte den Schlüssel hervor und schrieb eine Adresse auf.
»Hier«, murmelte er unzufrieden, »Ich hoffe, Sie erwartet eine ... äh ... ruhige Nacht. Das hoffe ich wirklich.«
»Warum denn nicht?«, fragte Grace. »Komm, Florence, ich will endlich unser Erbe sehen. Ich habe schon über einen Namen dafür nachgedacht. Meinst du wohl, wir können es ›Das Haus Usher‹ nennen?«
Sie rauschten hinaus. Aus dem Fenster sah Mr Bingham sie ihre Regenschirme schwenken und ein Taxi anhalten. Er stöhnte und lief nach einem kurzen Zögern durch den dunklen Flur zu einer Tür, an die er erst zaghaft klopfte, bevor er eintrat.
Drinnen thronte ein gewichtiger Mann mit Maßanzug und rauchender Zigarre in einem Ledersessel. Das Zimmer war wesentlich stilvoller eingerichtet als Binghams Büro und auf der Tür stand Gordon Enterprises, Inc.
Harry Gordon blies einen Rauchkringel aus, als Bingham eintrat.
»Na, Ed, was hat mich die Hütte gekostet?«
Bingham wischte sich abermals die Stirn. »Sie verkaufen nicht, Harry.«
»Nicht?« Der Mann stellte beide Füße auf. »Dann hast du ihnen wohl nicht gut genug zugeredet.«
»Sie wollen eine Pension mit dem Namen ›Das Haus Usher‹ eröffnen.«
Bingham ließ sich in einen Sessel sinken.
»Sie haben genug von Provinznestern.« Er seufzte trübselig. »Sie wollen in einer Metropole wie Milwaukee wohnen und ihr Leben der Kunst widmen. Sind zwei kleine alte Damen mit eisernem Willen.«
»Hast du ihnen erzählt, dass ihrem Neffen das Licht ausgeblasen wurde?«
»Ja. Hab ihnen erzählt, die Gegend sei verrufen, ihr Neffe sei ein rätselhafter Mann gewesen – die ganze Palette.«
»Du hast ihnen nicht erzählt, dass er der cleverste Erpresser war, der Harry Gordon je in die Mangel genommen hat?«
»Natürlich nicht.«
Harry Gordon verzog mürrisch das Gesicht. »Ich wüsste nur zu gern, wo zum Henker er die geklauten Kontoauszüge versteckt hat«, sagte er. »Die müssen irgendwo in dem Haus sein – weit entfernt hätte er die nicht aufbewahren wollen. Aber wir waren ja schon dreimal dort und haben sie nicht gefunden. Falls die je dem Sonderermittler in die Hände fallen ...«
Er klemmte sich die Zigarre zwischen die Zähne. Mit seinem nicht allzu sauberen Taschentuch wischte sich Bingham erneut das Gesicht ab.
»Wenn wir die Papiere nicht finden konnten, dann sind sie weg. Die zwei Dämchen werden die düstere Gruft bald satthaben, dann kaufen wir sie billig und reißen sie ab. Kein Grund zur Sorge.«
»Vielleicht sollten wir sie ein bisschen aufmischen.«
»Nein, auf keinen Fall! Das würde bloß die Bullen auf den Plan rufen. Die Presse und die Leute lieben solche alten Damen. Da denken immer alle gleich an die Mutter von irgendjemandem.«
»Jedenfalls kriegen sie vielleicht einen Schreck und verschwinden«, knurrte der große Mann. »Heute Abend schicke ich Muskel-Mickey noch mal hin, damit er sich im Haus umsieht. Wenn sie dem begegnen, wollen sie vielleicht doch ganz schnell verkaufen. So einem wie Mickey wollen zwei kleine alte Damen spät nachts in einem dunklen alten Haus nicht begegnen!«