Isabel McCaler - Holly J. Black - E-Book

Isabel McCaler E-Book

Holly J. Black

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Beschreibung

 Isabel Mc.Caler zieht nach dem mysteriösen Verschwinden ihrer Eltern zu ihrer Tante auf einen abgelegenen Hof. Doch das scheinbar ruhige Leben wird abrupt unterbrochen, als ihr Cousin Gabriel beim Spielen in einen Brunnen stürzt und in eine magische Welt der Wichtel gerät. Schnell wird klar, dass Gabriel in großer Gefahr schwebt: Der scheinbar hilfsbereite Wichtel Bulu hat finstere Pläne und will ihn dem mächtigen Schattenfürsten ausliefern.
Isabel, ihre Geschwister Tom und Kim sowie ihre neu gewonnenen Freunde – die Wichtel Lilo und Meiler, die liebenswerte Waldgeister Sieta und die Spinnreiter Prinz Ahorn und Prinzessin Pia – machen sich auf eine gefährliche Rettungsmission. Sie müssen sich Gnomen, Sumpfhexen und den tödlichen Intrigen des Schattenfürsten stellen. Unterwegs entdecken sie das legendäre Medaillon der Seelen, ein magisches Artefakt, das nicht nur den Schattenfürsten besiegen, sondern auch die gefangenen Seelen, darunter Onkel Paul, befreien kann.
In einem dramatischen Showdown verwandelt der Schattenfürst Gabriel fast in Stein, doch Isabel gelingt es, das Medaillon zu aktivieren. Die Kinder retten alle Gefangenen, besiegen den Schattenfürsten und kehren als Helden in ihre Welt zurück. Doch nicht alles wird vergessen: Isabel behält die Erinnerung an ihre Abenteuer und die Freundschaft mit den magischen Wesen – ein Versprechen, dass die Magie nie ganz verschwinden wird.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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„Isabel McCaler und das Medaillon der Seelen“

Das Telegramm

 

Es war wieder ein wunderschöner Morgen, als die Familie McCaler aufstand. Wie an jedem anderen Tag seit ihrem Einzug auf den Hof fühlten sie sich hier einfach wohl. Seit sie auf dem Land lebten, waren auch die Kinder wie verwandelt – freundlicher, ausgeglichener und hilfsbereiter als früher in der Stadt. Damals, in der Großstadt, hatte es oft Streit zwischen ihnen gegeben. Hätten die Eltern gewusst, wie friedlich es hier werden würde, wären sie schon viel früher aufs Land gezogen.

Wenn sie heute zurückblickten, erinnerten sie sich kaum an einen guten Morgen, an ein „Habt ihr gut geschlafen?“ oder ein freundliches Wort am Frühstückstisch. Nun aber war alles anders. Ab und zu gab es zwar noch kleine Streitereien, doch meist begann der Tag harmonisch.

„Guten Morgen, Mama! Guten Morgen, Papa! Und hallo, Tom!“, rief der kleine Gabriel fröhlich.

Seit sie hier wohnten, war er zu einem freundlichen Jungen geworden, für den es selbstverständlich war, seine Familie jeden Morgen zu begrüßen.

„Guten Morgen, Gabriel!“, antworteten die drei fast gleichzeitig.

„Komm, setz dich erst mal an den Tisch und frühstücke“, sagte seine Mutter. „Für die Schule hast du später noch genug Zeit.“

Gabriel stellte seine Schultasche beiseite, setzte sich und begann zu essen. Während sie alle am Tisch saßen, unterhielten sie sich über ihre Pläne für den Tag und darüber, ob das Wetter wohl so schön bleiben würde wie am Vortag – oder ob es Regen geben könnte.

Da sagte ihr Vater schmunzelnd: „Ihr habt’s gut! Ich muss zur Arbeit, und ihr könnt euch einen schönen Tag machen. So hätte ich’s auch gern mal!“

„Wie meinst du das denn?“, entgegnete seine Frau, leicht verärgert. „Ich muss Betten machen, einkaufen, kochen und für euch alle da sein! Ist das denn gar nichts?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Und außerdem wartet auch noch der Garten auf mich!“

„Mein Schatz, so war das doch gar nicht gemeint“, sagte ihr Mann und lächelte sie beschwichtigend an. „Ich weiß doch, dass du eine fleißige Mutter und Ehefrau bist. Ich wünschte mir keine andere. Da bin ich wohl in ein Fettnäpfchen getreten, was?“

„Schon gut“, antwortete sie, nun wieder milder. „Ich weiß ja, dass du’s nicht so meinst.“

„Aber Tom und Gabriel – die beiden haben es wirklich gut! Sie müssen nur in die Schule und können den ganzen Tag spielen. Stimmt’s, Schatz?“

„Sag mal, bist du heute mit dem falschen Fuß aufgestanden?“, fragte sie kopfschüttelnd. „Warum musst du die Jungs jetzt auch noch aufziehen?“

„Na ja, es stimmt doch, oder etwa nicht?“

Doch die beiden Jungen ließen sich das nicht gefallen.

„Ja genau!“, rief Gabriel empört. „Wir gehen nur zur Schule und liegen dann faul in der Sonne! Wer füttert denn die Hühner, Schweine und Enten, wenn nicht wir?“

„Hier wohnen ja keine Heinzelmännchen!“, fügte Tom hinzu.

Der Vater grinste nur und hörte weiter zu.

„Und wer hilft Mutter im Garten oder geht mit ihr einkaufen?“, fragte Gabriel verärgert.

„Das hast du gut gesagt, Gabriel!“, lobte Tom ihn. „Und außerdem gehen wir auch mit Qualm raus – Mutter, das stimmt doch, oder?“

„Ja, das stimmt“, bestätigte sie schmunzelnd.

„Und wer hat dein Auto gewaschen, als es so schmutzig war?“, fragte Gabriel noch.

„Schon gut!“, gab ihr Vater nach. „Ich entschuldige mich in aller Höflichkeit bei euch für das, was ich gesagt habe.“

Er wusste, dass er sich auf seine Jungs verlassen konnte. Seit sie den Hof von Onkel Paul geerbt hatten, hielten sie ihr Versprechen: Die Tiere zu versorgen und sich um alles zu kümmern. Eigentlich wollten die Eltern die Tiere verkaufen, doch die Kinder hatten sich vehement dagegen gewehrt. Schließlich gaben die Eltern nach – und so wurden die Tiere, ebenso wie ihr Hund Qualm, Teil der Familie.

Als der Vater merkte, dass seine Söhne noch immer leicht beleidigt waren, fügte er hinzu:„Meine Lieben, ich weiß doch, dass ihr fleißig seid. Ich wollte euch nur ein bisschen necken. Als Wiedergutmachung überlege ich mir fürs Wochenende eine Überraschung – versprochen! Aber jetzt muss ich los, sonst komme ich zu spät.“

„Ich hole dir schnell deine Jacke“, sagte seine Frau und stand auf.

Gemeinsam gingen sie in den Flur. Der Vater verabschiedete sich noch einmal von seinen Söhnen:„Seid ihr mir wieder gut?“

„Schon gut, wir sind dir nicht mehr böse“, sagte Gabriel.„Wir verzeihen dir noch mal“, grinste Tom.

Sie umarmten ihn beide, und kurz darauf trat er in den Flur hinaus, wo seine Frau mit der Jacke auf ihn wartete.

„Ich wünsche dir einen schönen Tag – und fahr vorsichtig, ja?“, sagte sie liebevoll.

„Mach ich. Und du, mein Engel – arbeite nicht zu viel! Es wird sicher heiß heute. Geh doch mit den Kindern zum See, dann habt ihr auch mal was anderes.“

„Ich überlege es mir“, meinte sie lächelnd. „Wenn du früher heimkommst und wir nicht da sind, kannst du ja zum See nachkommen.“

„Gute Idee“, sagte er und umarmte sie. Sie küsste ihn auf die Wange, und kurz darauf stieg er ins Auto und fuhr vom Hof.

Seine Frau winkte ihm nach, bis er außer Sicht war, und kehrte dann ins Haus zurück. Tom und Gabriel hatten den Tisch bereits abgeräumt, um ihr eine Freude zu machen. Doch dabei war Gabriel der Honigtopf heruntergefallen und zerbrochen. Erschrocken schob er die Scherben unter die Anrichte. Tom half ihm – er wollte seinen Bruder nicht verraten.

„Oh, hier sieht’s ja schon richtig sauber aus! Das habt ihr gut gemacht“, lobte die Mutter.

„Das war Toms Idee, ich hab nur geholfen“, sagte Gabriel rasch.

„Denkt dran, dass ihr euch noch um die Tiere kümmern müsst, bevor ihr zur Schule geht“, erinnerte sie die beiden.

„Ja, Mutter, wir machen’s gleich!“, rief Gabriel.

„Tom, gehst du mit Qualm raus? Ich füttere derweil die Tiere“, schlug Gabriel vor.

„Okay, aber morgen bis du dran mit dem Hund!“, erwiderte Tom.

„Abgemacht!“, rief Gabriel und rannte schon hinaus.

Er war froh, dass Tom nichts vom Honigtopf erzählt hatte – das würde er ihm mit Sicherheit danken. Während er über den Hof ging, kam er am alten Brunnen vorbei. Er nahm einen kleinen Stein vom Boden auf, warf ihn hinein und zählte die Sekunden, bis er das Platschen hörte.

„Seltsam“, murmelte er. „Gestern waren’s weniger Sekunden.“

Kurz sah er noch einmal zurück, dann ging er weiter zur Scheune. Vor dem alten Tor blieb er stehen. „Hier müsste Vater auch mal was machen“, murmelte er und stemmte sich mit ganzer Kraft dagegen. Das Tor klemmte, der Wind hatte es in der Nacht verzogen, und einige Bretter hingen lose herab.

„Die Bretter wollte Vater schon längst einmal nachsehen und mit längeren Nägeln wieder festmachen“, murmelte Gabriel vor sich hin. „Dann hätten wir es leichter, hier reinzukommen.“ Er drückte das Scheunentor auf und trat ein.„Guten Morgen, Frieder! Guten Morgen, Hanna!“, begrüßte er die beiden Ziegen. „Na, habt ihr gut geschlafen? Könnt ihr mir sagen, wo sich schon wieder Anton, der dumme Hahn, versteckt hat? Aber nein – ihr könnt ja nicht sprechen, und eure Mäh-Sprache verstehe ich sowieso nicht.“

Gabriel streichelte die Ziegen noch eine Weile – sie genossen seine Nähe und wichen ihm nicht. Danach fütterte er die übrigen Tiere, säuberte den Stall und brachte den Mist hinaus zum Haufen hinter der Scheune.

In der Zwischenzeit war Tom schon mit Qualm draußen gewesen. Kurz darauf saß er wieder mit seiner Mutter in der Küche.

„Du warst aber nicht lange mit Qualm draußen?“, fragte sie.

„Nein, war ich nicht“, antwortete Tom kleinlaut. „Ihm war kalt, er wollte wieder rein.“

Diese Ausrede kannte seine Mutter nur zu gut – Tom ging nicht gern allein mit dem Hund hinaus.

„Wann steht eigentlich unsere Schwester Kim auf?“, fragte er empört. „Ich hab sie noch nicht einmal gesehen. Sie hilft uns nie! Außerdem wohnt Kim doch auch hier!“

„Ach, Tom, sie ist doch noch klein“, meinte seine Mutter beschwichtigend.

„Klein? Die spielt doch bloß die feine Dame!“, rief Tom verärgert. „Kim kann ruhig auch mal mithelfen, Mutter!“

„Ach Tom, Mädchen machen sich nicht so viel aus Landarbeit“, versuchte sie ihn zu beruhigen.

„Man darf ja wohl noch seine Meinung sagen!“, murrte Tom. „Und überhaupt – es wird Zeit, dass Kim endlich aufsteht. Sonst schafft sie’s nicht mehr rechtzeitig zur Schule!“

„Du hast recht“, seufzte die Mutter und rief laut: „Kim! Stehst du endlich auf? Du kommst sonst zu spät zur Schule!“

„Ich komm ja schon! Ich bin doch schon unterwegs!“, tönte es von oben zurück.

Obwohl ihr Zimmer unterm Dach lag, konnte man sie gut hören. Inzwischen kam auch Gabriel wieder in die Küche. Er blieb neben dem Tisch stehen, sah seine Mutter an, seine Augen wurden immer größer und die Stirn legte sich in Falten.

„Ich glaub’s nicht!“, rief er. „Wenn ich ein Mädchen wäre, müsste ich hier auch nicht helfen! Mutter, du kannst Vater ja mal fragen, ob ihr mich nicht wieder zurückverwandeln könnt – dann komm ich das nächste Mal als Mädchen zur Welt!“

Gabriel hatte mitgehört, was seine Mutter über Mädchen gesagt hatte, und war sichtlich verärgert.

„Ich weiß gar nicht, was ihr habt“, sagte Kim, als sie die Treppe hinunterkam. Sie hatte alles gehört. „Aber lass uns heute Abend weiter diskutieren. Jetzt müssen wir los!“ Sie griff nach ihrer Schultasche. „Nehmt lieber eure Sachen, sonst kommen wir wirklich zu spät.“

„Kim, du hast ja noch nichts gegessen“, meinte die Mutter.

„Ich ess in der Schule zu Mittag. Und ich hab noch meinen Apfel von gestern in der Tasche“, antwortete Kim gelassen.

„Dann hast du ja gestern kaum gegessen“, entgegnete die Mutter streng. „Sonst wäre der Apfel ja weg!“

„Mach dir keine Sorgen, Mutter. Ich werd schon nicht verhungern“, sagte Kim schmunzelnd.

Die drei Kinder verabschiedeten sich, gaben ihrer Mutter nacheinander einen Kuss auf die Wange, zogen ihre Jacken an und nahmen ihre Schulsachen. Draußen auf dem Hof stand ihre Mutter mit Hund Qualm am Halsband und sah ihnen nach.

Gerade als die Kinder den Hof verließen, kam der Briefträger, Herr Johannsen, mit seinem alten Fahrrad herangeradelt.

„Guten Morgen, Herr Johannsen! Geht es Ihnen gut?“, riefen sie fröhlich.

Der Briefträger stieg ab, stellte sein Fahrrad beiseite und antwortete freundlich:„Mir geht’s gut, danke der Nachfrage! Und wie geht’s euch dreien?“

„Uns geht’s auch gut!“, sagte Gabriel.

„Wenn wir bloß nicht zur Schule müssten, ginge es uns noch besser!“, fügte Tom lachend hinzu.

„Ja, das kenn ich noch aus meiner Kindheit“, lachte Herr Johannsen. „Und bei so schönem Wetter würd ich auch lieber was anderes machen, statt in die Schule zu gehen, stimmt’s?“

„Da mögen Sie recht haben“, erwiderte Kim. „Aber unsere Mutter würde uns was anderes erzählen.“

„Herr Johannsen, Ihr Fahrrad hat wohl auch schon bessere Zeiten gesehen, oder?“, fragte Tom neugierig.

„Da hast du recht“, sagte der alte Mann schmunzelnd. „Das Beste daran ist schon lange vorbei. Überall klappert und rostet es – von der gelben Farbe ist kaum noch was zu sehen.“

„So, ich muss jetzt weiter zu eurer Mutter“, meinte er dann. „Ich wünsche euch einen schönen Schultag!“

„Auf Wiedersehen, Herr Johannsen!“, riefen die Kinder und liefen im Trab weiter. Es war noch ein weiter Weg bis zur Schule.

Herr Johannsen stieg wieder auf sein Fahrrad und fuhr das kurze Stück zum Haus hinüber. Frau McCaler stand noch immer auf dem Hof und war überrascht, ihn so früh zu sehen.

„Hallo, Frau McCaler! Ich bin gleich bei Ihnen!“, rief er schon von Weitem.

Etwas wackelig kam er mit seinem Fahrrad näher, stieg ab und schob es bis zur Hauswand. Dann ging er auf sie zu.

„Schönen guten Morgen, Frau McCaler. Ich habe ein Telegramm für Sie und Ihren Mann“, sagte er.

„Ein Telegramm? Für uns?“, fragte sie erstaunt.

Der Briefträger holte seine alte Nickelbrille aus der Tasche, setzte sie auf und überprüfte die Adresse.„Ja, hier steht’s – es kommt aus Hiltonsen und ist an Sie gerichtet.“

„Aus Hiltonsen?“, wiederholte sie überrascht. „Warum denn ausgerechnet von dort? Da wohnt doch niemand aus unserer Familie.“

„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen“, erwiderte Herr Johannsen.

Er sah noch einmal auf das Formular. „Doch, stimmt – Hiltonsen.“

Er reichte ihr das Telegramm. Dann nahm er die Brille wieder ab und steckte sie sorgfältig in die Tasche zurück.

Frau McCaler strich sich mit der freien Hand durch ihr langes blondes Haar, löste eine Haarklammer und öffnete damit vorsichtig das Telegramm. Dann las sie schweigend.

„Oh mein Gott“, entfuhr es ihr schließlich. „Das darf doch nicht wahr sein!“ Sie setzte sich auf die Stufe vor der Haustür.

„Ist alles in Ordnung, Frau McCaler? Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Herr Johannsen besorgt.

Die Haarklammer glitt ihr aus der Hand und fiel zu Boden. Mit der anderen Hand hielt sie das Telegramm schlaff nach unten.

„Nein, nein, es geht schon wieder“, sagte sie leise. „Mein Schwager und seine Frau… sie sind mit dem Auto verunglückt. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.“

„Sind sie schwer verletzt?“, fragte Herr Johannsen mitfühlend.

„Das weiß ich nicht“, antwortete sie. „Sie liegen beide im Krankenhaus in Hiltonsen. Es steht nichts Weiteres im Telegramm – nur, dass wir uns um ihre Tochter Isabel kümmern sollen.“

„Wie alt ist denn Ihre Nichte, wenn ich fragen darf?“

Frau McCaler hob den Blick, dachte kurz nach und sagte:„Neun – oder war sie elf? Nein, vielleicht älter… Ich weiß es gar nicht mehr genau.“ Das Telegramm hatte sie völlig durcheinandergebracht.

„Machen Sie sich nicht zu viele Sorgen, Frau McCaler“, sagte Herr Johannsen beruhigend. „Es wird bestimmt alles wieder gut.“

„Ich sollte mich gleich fertig machen und nach Hiltonsen fahren“, entschloss sie sich.

„Wissen Sie schon, wann der nächste Zug geht?“, fragte er.

„Nein, aber bis ich am Bahnhof bin, vergeht ohnehin etwas Zeit. Wenn kein Zug gleich fährt, warte ich dort.“ Sie sah ihn an. „Seien Sie mir bitte nicht böse, Herr Johannsen, dass ich Sie jetzt einfach stehen lasse – aber ich muss mich beeilen.“

„Aber nein, ich bin Ihnen nicht böse“, sagte er freundlich. „Ich verstehe das vollkommen. Ich wünsche Ihrem Schwager und seiner Frau gute Besserung.“

„Vielen Dank“, sagte sie dankbar. „Ich werde es ihnen ausrichten – und danke, dass Sie das Telegramm gleich vorbeigebracht haben.“

Er drehte sich um, ging zu seinem Fahrrad hinüber, nahm es von der Hauswand und schob es ein Stück weiter, bevor er aufstieg. Beim Anfahren wackelte das Rad hin und her, denn der Sand war durch die lange Trockenheit locker und ausgetrocknet. Dadurch sackte das Fahrrad tief ein, und er konnte nur mühsam vom Hof fahren. Es sah fast so aus, als würde er umkippen, doch er hatte Glück und hielt sich gerade noch aufrecht. Nachdem er schon ein paar Meter gefahren war, drehte er sich um und rief:„Ich wünsche Ihnen eine gute Reise – und dass wir uns bald wiedersehen!“

Sie hörte ihn schon nicht mehr, denn sie war längst ins Haus zurückgekehrt und sprach leise mit sich selbst, während sie über den langen Flur ins elterliche Schlafzimmer lief.„Ich weiß gar nicht, wie ich den Kindern Bescheid geben soll. Wie komme ich überhaupt zum Bahnhof? Ist in meinem Fahrrad noch genug Luft?“ Über all diese Dinge redete sie halblaut vor sich hin. „Zuerst muss ich ein paar Sachen packen – ich kann ja nicht ohne Nachthemd fahren. Ein paar Sachen sollte ich schon mitnehmen“, murmelte sie weiter. „Und außerdem muss ich die Kinder benachrichtigen. Ach, ich weiß ja gar nicht, wann der Zug fährt!“

Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr Hund vor ihr saß, sie anschaute und den Kopf schief legte.„Ach Qualm, dich hätte ich fast vergessen!“Sie seufzte. „Was mache ich bloß so lange mit dir, bis die Kinder wieder da sind? Aber da wird mir schon noch etwas einfallen – und nun schau nicht so traurig drein.“

Qualm hatte die Ohren aufmerksam aufgerichtet und beobachtete sie beim Packen. Sie hatte inzwischen so viel eingepackt, dass es für drei Wochen Urlaub gereicht hätte. Schließlich war sie fertig und trug die Taschen nach draußen vor die Tür. Dann holte sie ihre Jacke von der Garderobe, kam wieder hinaus, nahm den Haustürschlüssel von der Innenseite der Tür und steckte ihn nach außen. Sie schloss ab und blickte auf die Taschen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie viel zu viel mitnehmen wollte. Also öffnete sie erneut die Tür, schob die Taschen eine nach der anderen mit dem Fuß zurück in den Flur, bückte sich und nahm nur das Nötigste heraus – das, was sie für eine Nacht brauchen würde. Danach verschloss sie die Tür wieder.

Unten an der Treppe wartete Qualm geduldig auf sie und sah sie verwundert an.„Du brauchst mich gar nicht so anzusehen“, sagte sie schmunzelnd. „Du denkst bestimmt: ‚Die ist vielleicht ein bisschen verrückt.‘ Und weißt du was? Du hast recht! Ich habe gepackt, als wollte ich für immer weg.“

Qualm stellte die Ohren steil auf, als hätte er jedes Wort verstanden, bellte laut und wedelte mit dem Schwanz.„Na, komm mit, mein Guter. Ich bringe dich so lange in den Stall und stelle dir etwas Leckeres hinein. Ein ganz feines Leckerli bekommst du, damit du es gut hast, bis die Kinder wieder da sind.“

Sie nahm ihn am Halsband und brachte ihn hinüber zur Scheune. Mit viel Kraft öffnete sie das große Tor und trat zusammen mit Qualm ein.„So, mein Lieber. Ich habe dir das Futter dort hingestellt. Du musst nur so lange allein bleiben, bis die Kinder zurück sind.“

Dann drehte sie sich um, verließ die Scheune, während Qualm ihr traurig hinterherblickte. Sie schloss das Tor sorgfältig und prüfte, ob der Riegel richtig saß. Anschließend lief sie zur Haustür, wo noch immer ihre kleine Reisetasche stand. Sie nahm sie auf, schaute sich um und entdeckte schließlich ihr Fahrrad – das alte Stück, das sie eigentlich gar nicht vermisst hatte, denn sie fuhr nicht gern damit. Doch es half nichts, wenn sie nicht laufen wollte. Sie ging zum Anbau, räumte ein paar Sachen beiseite und zog das Rad hervor. Es war verstaubt, aber immerhin noch fahrbereit.„Na ja“, murmelte sie, „Luft ist ja noch in den Reifen.“

Sie wischte es notdürftig ab, setzte sich auf und fuhr los – in der Hoffnung, rechtzeitig zum Bahnhof zu kommen. Fast hätte sie es geschafft, da fiel ihr ein, dass sie einem ihrer Kinder noch Bescheid sagen musste. Sie wollte gerade umkehren, als sie in der Ferne den Briefträger Herrn Johannsen sah.

„Hallo, Herr Johannsen!“, rief sie laut. „Können Sie mir einen Gefallen tun?“„Nun halten Sie erst mal an und kommen Sie näher, damit ich Sie auch verstehe“, antwortete er.

Sie fuhr zu ihm hin, stieg ab und sagte:„Lieber Herr Johannsen, ich brauche Ihre Hilfe.“„Und was kann ich für Sie tun?“„Wären Sie so freundlich, einem meiner Kinder auszurichten, dass ich dringend fortmusste? Sie wissen ja, weshalb. Sagen Sie ihnen, ich beeile mich und komme so schnell wie möglich zurück. Würden Sie das für mich tun?“„Natürlich. Das hätte ich heute Morgen schon erledigen können, wenn Sie’s mir gesagt hätten – aber halb so wild, ich fahre kurz zurück und richte es aus.“„Ich hatte es in der Aufregung ganz vergessen“, sagte sie dankbar. „Aber dafür lade ich Sie auf einen Kaffee ein, wenn ich wieder da bin.“„Ich nehme Sie beim Wort, Frau McCaler“, entgegnete er lächelnd. „Ihr Apfelkuchen ist schließlich berühmt – auf den möchte ich nicht verzichten.“„Das brauchen Sie auch nicht, Herr Johannsen. Ich sage Ihnen Bescheid, sobald er im Ofen ist.“ Sie blickte auf die Uhr. „Oh, jetzt muss ich mich aber sputen, sonst verpasse ich noch den Zug!“„Wissen Sie denn, wann der nächste fährt?“Schon wieder saß sie auf dem Rad und rief im Wegfahren:„Ich habe noch knapp eine halbe Stunde, Herr Johannsen!“

Sie trat kräftig in die Pedale und fuhr so schnell sie konnte die abschüssige Straße hinunter. Herr Johannsen lehnte sich an sein Fahrrad, zog seinen Tabaksbeutel aus der Jacke, stopfte die Pfeife und sah ihr nach, während der Rauch gemächlich aufstieg.„Die Frauen von heute haben’s aber auch eilig“, murmelte er schmunzelnd. „Keine Zeit mehr für gar nichts.“

Da fiel ihm ein, dass er selbst kaum Zeit hatte. Er hatte seiner Frau versprochen, heute früher nach Hause zu kommen – sie hatten Hochzeitstag und wollten noch etwas unternehmen.„Das wird sie verstehen, wenn ich’s ihr erkläre“, sagte er vor sich hin. „Aber nun los – sonst ist die Schule aus, bevor ich da bin, und die McCaler-Kinder sind schon wieder zu Hause.“

Er klopfte den Rest Tabak aus seiner Pfeife, pustete sie sauber und steckte sie in die Tasche zurück. Dann stieg er wieder auf sein altes, gelbes Fahrrad und machte sich auf den Weg zur Schule.

Er musste mehrere Straßen durchqueren – dieselben, die er am Morgen schon entlanggefahren war. Vor der Metzgerei seines alten Freundes Boldie blieb er kurz stehen. Boldie rauchte vor der Tür und rief spöttisch:„Na, wieder was vergessen? Vielleicht doch zu alt für deinen Beruf?“„Wenn du mein Freund bleiben willst, halt lieber den Mund!“, rief Johannsen zurück. „Und überhaupt – was geht’s dich an? Ich red’ dir ja auch nicht in deine Wurst rein. Aber heute Abend erzähle ich’s dir – bei der Feier mit meiner Frau.“„So lange soll ich warten? Da bin ich aber gespannt!“, lachte Boldie.„Dann halt mich jetzt nicht länger auf!“, rief Johannsen und fuhr weiter.

Er bog in die Lindenallee ein, die zum Wendehammer vor der Schule führte. In der Mitte stand eine alte Eiche mit einer Bank darunter – dort ruhte er sich manchmal aus, wenn er seine Tour machte. Auch jetzt stellte er das Fahrrad an den Baum, ging die paar Schritte weiter und hatte Glück: Es war gerade große Pause. Überall tobten Kinder über den Schulhof, und zwei Jungen rauften sich auf dem Boden. Einer riss dem anderen an den Haaren, der biss zurück, bis die Lehrerin dazwischen ging und sie trennte.

„Guten Morgen, Frau McReim!“, rief er. „Sie haben hier ja ordentlich was zu tun!“„Das können Sie laut sagen, Herr Johannsen – guten Morgen auch! Was führt Sie her? Doch wohl nicht, um sich Schlägereien anzusehen?“„Nein, ich müsste kurz mit einem der McCaler-Kinder sprechen.“„Ist etwas passiert?“„Nichts Schlimmes, keine Sorge“, beruhigte er sie.

Frau McReim sah sich um und rief laut: „Gabriel! Komm bitte mal her!“Gabriel saß auf der grünen Bank beim Spielplatz, wo er oft in der Pause saß, wenn das Wetter schön war. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und genoss die Sonne im Gesicht. Als er seinen Namen hörte, blickte er auf, stand auf und kam herüber.

„Komm mal her, Gabriel, ich muss dir etwas Wichtiges sagen“, rief Johannsen ihm zu.Gabriel lief zu ihm und blieb neben der Lehrerin stehen.

„Deine Mutter lässt dir ausrichten, dass sie dringend wegmusste“, begann Johannsen. „Sie will morgen Abend wieder zu Hause sein.“„Wo ist sie hin?“, fragte Gabriel.„Dein Onkel und deine Tante hatten einen Unfall. Deine Mutter ist zu ihnen ins Krankenhaus gefahren.“„Weiß Vater schon davon?“„Das weiß ich nicht genau. Aber sie sagte, du sollst dich um deine Geschwister kümmern, bis euer Vater von der Arbeit kommt – und ihr sollt euch keine Sorgen machen.“

„Hat sie denn noch etwas gesagt?“, wollte Gabriel wissen.„Nein, hat sie nicht! So, jetzt wird es für mich aber Zeit, weiterzumachen – meine Arbeit erledigt sich schließlich nicht von allein“, sagte Herr Johannsen.„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“, verabschiedete sich die Lehrerin und reichte ihm die Hand. „Oh, das Wichtigste hätte ich ja fast vergessen: Herzlichen Glückwunsch an Sie und Ihre Frau!“

Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Er bedankte sich überrascht, drehte sich dann um und ging zu seinem Fahrrad. Auf halbem Weg blieb er noch einmal stehen, sah zurück und rief:„Wenn Sie wollen, können Sie und Ihr Mann heute Abend zu unserer Feier kommen. Sie sind herzlich eingeladen!“„Vielen Dank!“, rief sie zurück. „Wir werden pünktlich da sein – und vielen Dank für Ihre Einladung!“

„Aber jetzt muss ich mich sputen“, murmelte Herr Johannsen vor sich hin. Er stieg auf sein Fahrrad und fuhr weiter, um seine Arbeit fortzusetzen.

Die Lehrerin legte währenddessen ihren Arm auf Gabriels Schulter und sagte freundlich:„Mach dir keine Sorgen, es wird schon alles wieder gut. Morgen Abend ist deine Mutter sicher wieder zu Hause. Geh jetzt und sag deinen Geschwistern Bescheid. Danach kannst du ja wieder zu mir kommen.“„Ja, das mache ich“, antwortete Gabriel. „Ich kann sie ja gleich auf dem Pausenhof finden, dann muss ich ihnen nicht hinterherlaufen.“

Er sah sich draußen um – und tatsächlich, dort waren Tom und Kim bei der alten Schaukel. Mit großen Schritten lief er zu ihnen hinüber.„Tom! Kim! Kommt mal her, ich muss euch was Wichtiges erzählen!“, rief er aufgeregt.„Wieso kommst du nicht zu uns?“, rief Kim zurück.„Das ist doch egal! Kommt einfach her!“, rief Gabriel zurück.

Nach kurzem Zögern kamen sie schließlich zu ihm.„Das hätte ich euch auch nur geraten“, meinte Gabriel ernst.„Na los, sag schon – was ist los? Warum mussten wir herkommen?“, fragte Tom ungeduldig.„Unsere Mutter hat uns eine Nachricht geschickt – über Herrn Johannsen“, erklärte Gabriel.„Und was will Mutter denn von uns?“, wollte Kim wissen.„Sie kommt morgen irgendwann wieder nach Hause. Bis dahin bleiben wir allein mit Vater“, sagte Gabriel.„Aber wo ist sie denn hin?“, fragten beide gleichzeitig.

Daraufhin erzählte Gabriel vom Unfall und dass sie sich keine Sorgen machen sollten.„Also müssen wir uns nach der Schule zusammensetzen und besprechen, wer zu Hause was übernimmt“, schloss Gabriel.„Ist das alles? Können wir jetzt wieder gehen?“, fauchte Kim genervt.„Na schön, dann geht. Wir reden nach der Schule weiter“, meinte Gabriel und drehte sich um, um zu seiner Lehrerin zurückzugehen.

„Hast du gehört, wie der sich aufspielt?“, murrte Kim.„Ach, lass ihn doch. Er meint es ja nur gut. Komm, lass uns lieber noch ein bisschen schaukeln“, sagte Tom.„Oh ja, das macht sowieso mehr Spaß, als sich den Kopf über Hausarbeit zu zerbrechen“, antwortete Kim.

Gabriel war inzwischen wieder bei seiner Lehrerin angekommen. Sie hatte sich hingesetzt, und er setzte sich neben sie.„Na, alles in Ordnung?“, fragte sie ihn.„Wie man’s nimmt. Ich hab ihnen alles erzählt und gesagt, dass wir über die Hausarbeit reden müssen – aber begeistert waren sie nicht gerade“, gab Gabriel zu.„Du machst das schon, Gabriel. Deine Mutter kann sich auf dich verlassen“, sagte sie aufmunternd. „Und mach nur das Nötigste, dann musst du dich auch nicht ärgern.“

„Wir reden und reden, und ich merke gerade, dass die Pause schon längst vorbei ist“, stellte sie plötzlich fest, als sie sah, wie die Kinder wieder in die Schule liefen.„Das macht doch nichts“, meinte Gabriel.

Sie stand auf, klatschte in die Hände und rief:„Na los, auch die Letzten – die Pause ist vorbei!“„Oh schade!“, riefen die Kinder im Chor. Sofort hörten sie auf zu spielen und gingen hinein.

Gemeinsam mit ihren Schülern betrat die Lehrerin das Klassenzimmer. Es fiel hier ohnehin kaum auf, wenn die Pause mal länger dauerte, denn Frau McReim war die einzige Lehrerin im Ort. Viele Schüler gab es nicht – Gabriels Klasse bestand nur aus acht Kindern. Wenn sie ihre Aufgaben gut erledigten, durften sie auch mal früher nach Hause gehen.

So wie heute: Die Lehrerin hatte Gabriels Klasse zwei Stunden früher entlassen. Gabriel machte sich gleich auf den Heimweg, weil er für seine Geschwister etwas zu essen vorbereiten wollte.

Da es ein schöner Sommertag war, ließ er sich Zeit. Der Weg nach Hause führte über einen sandigen Feldweg, und immer wieder sammelte sich Sand in seinen Schuhen. Schließlich zog er sie aus, schüttelte sie aus – und als es ihm zu dumm wurde, hängte er sie an seine Schultasche. Auch die Strümpfe zog er aus und lief barfuß weiter.

„Ich darf bloß nicht die Tiere vergessen – sonst gibt’s Ärger!“, murmelte er.

Unterwegs sah er am Wegesrand hübsche Blumen. Er beschloss, einige für seine Mutter zu pflücken – und ein paar für die Ziegen, die frische Blumen liebten. Seine Mutter hatte einmal gesagt, davon würden sie mehr Milch geben. Ob das stimmte, war Gabriel egal – er wollte einfach Freude bereiten. So sammelte er einen ganzen Arm voll Blumen, bis er fast zu Hause war.

Vor der Haustür legte er ein paar davon ab – die wollte er später hineinbringen. Zuerst aber wollte er in den Stall zu den Tieren. Er vermutete, dass Qualm dort war, denn seine Mutter hätte den Hund bestimmt nicht allein im Haus gelassen.

Er stellte seine Schultasche neben die Blumen vor der Tür, dann machte er sich auf den Weg zum Stall.

Doch kaum war er ein Stück gegangen, hörte er Stimmen. Er blieb stehen, sah sich um und rief:„Hallo? Ist da jemand?“Keine Antwort.

Gabriel lauschte, konnte aber nicht erkennen, woher das Gemurmel kam. Langsam ging er weiter über den Hof, um die Quelle der Stimmen zu finden.

Da blieb er plötzlich stehen.„Was ist das denn? Wer hat denn die ganzen Steine wieder aus dem Brunnen geworfen?“

Rings um den Brunnen lagen die Steine, die er selbst in den letzten Tagen hineingeworfen hatte – und zwar fast alle.„Wer mag das bloß gewesen sein?“, fragte er sich. „Ich hab doch tagelang Steine hineingeworfen, und jetzt liegen sie alle wieder draußen?“

Da flog plötzlich erneut ein Stein aus dem Brunnen.„Oh je, da kommt ja schon wieder einer!“, rief Gabriel. „Dem geh ich auf den Grund.“

Er schlich sich in gebückter Haltung näher heran. Immer mehr Steine flogen heraus. Dann wurde es still. Gabriel legte die Hände auf den Brunnenrand und zog sich langsam hinauf. Er wollte hineinschauen – und gerade als er sich weiter vorbeugte, traf ihn plötzlich ein Stein am Kopf.

Er schrie auf, verlor den Halt und stürzte in den Brunnen. Es kam ihm vor, als würde er ewig fallen, ohne den Boden zu erreichen. Schließlich ein dumpfer Aufschlag – dann Stille. Nur ein leises Stöhnen und Wimmern war noch zu hören, bis selbst das verstummte.

 

Aus der Tiefe erklangen seltsame Laute.„Uh!“, murmelte eine Stimme. „Ich hab was getroffen – und jetzt ist es in mein Loch gefallen! Ich mach mal Licht, dann kann ich’s besser sehen.“

Das Wesen dort unten nahm zwei Steine, rieb sie aneinander – und sie begannen rot zu leuchten. Der Schimmer erhellte den Brunnen, oder besser gesagt: den Tunnel.

„Oh! Ein Erdbein hab ich gefangen!“, rief die Stimme begeistert.„Muss ich schnell verstecken, bevor Lilo kommt. Lilo darf’s nicht wissen – sonst nimmt sie mir das Erdbein wieder weg!“, murmelte das Wesen.

Von Weitem hörte man schon andere Stimmen rufen:„Bulu! Wo bist du schon wieder?“„Wir finden dich schon – du kannst dich nicht ewig verstecken!“

„Du kannst ruhig nach mir suchen, du findest mich doch nicht gleich“, rief Bulu leise. „Und außerdem, immer wenn ich etwas gefunden habe, kommt Lilo daher und will es mir wegnehmen – das ist doch so gemein.“

Damit er Ruhe hatte, rief das kleine Wesen zurück, denn er wollte auch keinen Ärger mit Lilo haben.„Hier bin ich, Lilo, hier bin ich!“

Da es da unten so dunkel war, dauerte es eine ganze Weile, bis Lilo dort angekommen war. Bulu hatte noch Zeit und wollte Gabriel vor Lilo verbergen, um ihn nicht wieder hergeben zu müssen.

Und da kam Lilo auch schon angelaufen, begleitet von zwei weiteren Artgenossen im Brunnen: Meiler und Tolo. Außerdem war noch ein fliegendes Wesen dabei, Sieta. Sie sah aus wie eine Libelle, hatte jedoch drei Fühler, acht Flügel und leuchtete gelb, blau und grün. Sie war etwa dreißig Zentimeter lang.

Als sie alle bei Bulu angekommen waren und auf einem Haufen standen, sagte Lilo:„Da bist du ja! Wir haben dich überall gesucht. Du sollst nach Toma kommen, er möchte mit dir sprechen! Was machst du hier überhaupt?“

„Ich werfe nur Steine, die wieder ins Himmelland zurückgehen, die hier heruntergefallen sind“, antwortete Bulu.

„Komisch! Was gehen uns die blöden Steine an?“, fragte Lilo. „Lasst die Steine sein und kommt mit zu Toma.“

„Ihr könnt schon vorgehen, ich komme gleich nach“, schlug Bulu vor.

„Was verbirgst du denn da in der Ecke?“, wollte Lilo wissen.

„Ich verberge gar nichts, ich stehe nur hier in der Ecke, damit ihr mehr Platz habt“, antwortete Bulu. Dabei stieß er mit seinem linken Fuß gegen einen Stein, der auf dem Boden lag.

„Du hast doch etwas zu verbergen, stimmst? Lass mich mal sehen!“, sagte Lilo.

„Nein, nein… da ist nichts! Glaubt mir doch!“, erwiderte Bulu und versperrte Lilo den Weg.

 

Doch Lilo schaffte es, an ihm vorbeizukommen. Und was sie da sah, gefiel ihr überhaupt nicht.„Oh nein, ein Erdbein!“, rief Lilo.„Was hast du da nur gemacht, Bulu?“, sagte Meiler.„Was sollen wir nur tun?“, fragte Sieta, nachdem sie es ebenfalls gesehen hatte.„Der sieht nicht mehr ganz heil aus“, bemerkte Tolo.

„Ich habe gar nichts gemacht, hab nur Steine geworfen, da kam das Erdbein von oben“, sagte Bulu verstört.

Als Lilo Gabriel genauer ansah, stellte sie fest, dass er ziemlich mitgenommen war. Sie fragte Sieta, ob sie ihm helfen könne. Sieta flog zu Gabriel hinüber, doch was sie dort sah, war besorgniserregend: Überall Platzwunden, Schürfwunden und ein offener Beinbruch. Sein ganzer Körper wirkte verletzt, und er war bewusstlos.

„Ich werde es versuchen und hoffe, dass ich ihn retten kann“, sagte Sieta. „Doch ich kann es nicht versprechen!“

Das fliegende Wesen flog kleine Kreise über Gabriels Körper und summte eine unverständliche Melodie. Nach einer Weile hörte sie auf zu fliegen und ließ sich langsam auf Gabriels Oberkörper nieder. Sie kniete sich hin und sprach eine Zauberformel:

 

Mir, mir Meler du,

keiner hört und schaut mich zu,

wie ich dich zurückholen tu.

Alle Brüche diese gleichen,

sollen mit den Schmerzen weichen,

und das Leben wird dich erreichen.

 

Als Sieta fertig war, sah Gabriel aus, als wäre nie etwas passiert. Danach flog Sieta zu Lilo zurück und sagte:„Lilo, wir müssen ihn von hier fortbringen, sonst holt ihn das schwarze Monster aus der Schattenwelt.“„Du hast recht, Sieta“, antwortete Lilo. „Wir bringen ihn zurück ins Himmelsland.“

„Meiler und Kalmar nehmt ihn an den Füßen, Bulu und ich nehmen die Arme“, schlug Sieta vor.„Aber vorsichtig! Nicht dass wir ihn wieder verletzen!“, warnte Lilo.

Gesagt, getan: Sie hoben Gabriel hoch und trugen ihn davon. In einer Hand trugen sie Gabriel, in der anderen eine Fackel, um den Weg zu erleuchten. So verschwanden sie in einen unterirdischen Tunnel.

 

Die Geschwister von Gabriel, Tom und Kim, waren inzwischen ebenfalls von der Schule zurückgekehrt. Vor der Haustür entdeckten sie nur die Blumen, die vor der Eingangstür lagen, und Gabriels Schultasche daneben. Als sie zum Scheunentor schauten und sahen, dass es verschlossen war, riefen sie nach ihm – doch Gabriel antwortete nicht.

Tom schickte Kim zur Scheune, um nach ihm zu sehen, während er selbst im Haus nachsah. Beide blieben erfolglos, und so trafen sie sich wieder draußen.„Wir können höchstens noch am See nachsehen“, schlug Tom vor.„Ja, lass uns schnell dorthin laufen!“, stimmte Kim zu.

 

Sie gingen zum See, doch außer dem alten Kalle, der versuchte, einen Fisch zu fangen, war niemand da. Seit Jahren waren keine Fische in diesem See, doch Kalle hoffte weiter.„Komm, lass uns Kalle fragen, ob er Gabriel gesehen hat“, meinte Tom.

„Einen schönen guten Tag, Herr Kalle!“, grüßten sie ihn.„Ich euch auch!“, antwortete der Alte. „Ihr könnt hierbleiben, aber seid leise, sonst verjagt ihr mir die Fische.“„Nein, wir haben keine Zeit“, sagte Kim.„Wir wollten nur fragen, ob Sie vielleicht unseren Bruder Gabriel gesehen haben“, fügte Tom hinzu.„Nein Kinder, ich war den ganzen Morgen hier, niemand war bei mir“, antwortete er.

„Komm Tom, lass uns wieder nach Hause gehen und noch einmal alles durchsuchen. Vielleicht ist Gabriel ja schon da!“, sagte Kim.„Na schön, dann los“, stimmte Tom zu und wünschte dem Alten trotzdem einen guten

Fang, obwohl er wusste, dass Kalle keinen Fisch fangen würde.„Vielen Dank! Viel Glück, dass ihr euren Bruder bald findet“, verabschiedete sich Kalle.

Kim und Tom eilten nach Hause, suchten überall und riefen immer wieder Gabriels Namen.„Komm, wir schauen noch einmal in der Scheune nach!“, sagte Tom zu Kim.

„Tom, ich war doch schon in der Scheune, da war er nicht“, sagte Kim.„Das ist egal! Wir können doch lieber noch mal nachsehen. Er kann ja nicht einfach vom Erdboden verschluckt sein“, erwiderte Tom.„Vielleicht hat er sich nur versteckt und wir sollen ihn suchen“, schlug Kim vor.

Beide stürmten aus dem Haus, ließen die Haustür zufallen und rannten gemeinsam über den Hof zur Scheune. Sie öffneten das große Tor und traten ein.„Schau mal — wer da liegt! Unser lieber Bruder Gabriel“, rief Tom und schüttelte den Kopf. „Wir haben uns Sorgen gemacht, und der schläft hier wie ein Murmeltier im Stroh.“„Das ist komisch, vorhin war er doch noch nicht hier“, sagte Kim verdutzt.„Bestimmt war er hier — du hast ihn nur übersehen“, meinte Tom.„Nein, das habe ich nicht!“, entgegnete sie ärgerlich.„Ist doch egal, wir haben ihn ja wiedergefunden“, sagte Tom und wollte die Sache beschwichtigen.

Gabriel regte sich noch nicht. Kim überlegte kurz, griff dann zwei leere Blecheimer, hob sie hoch und ließ sie mit einem lauten Schlag zu Boden fallen.Der Krach weckte Gabriel schlagartig. Er riss die Augen auf und sah seine Geschwister verwirrt an.„Was ist denn hier los?“, fragte er erschrocken.„Wir haben dich überall gesucht!“, schimpfte Tom.„Tom und ich haben die ganze Zeit nach dir gerufen“, fügte Kim hinzu.„Es tut mir leid“, stammelte Gabriel. „Ich wollte nur die Tiere füttern und muss mich wohl hingelegt haben — dann bin ich eingeschlafen. Es tut mir wirklich leid, dass ihr euch Sorgen gemacht habt.“

„Du hast aber nur geschlafen — deine Arbeit ist noch nicht erledigt“, sagte Tom streng.„Ich kann mich wirklich nicht erinnern, etwas getan zu haben“, gab Gabriel zu.„Dann ist es wohl so. Aber warum sind denn alle Tiere gefüttert und sauber?“, fragte Tom und lachte verwundert.„Ich weiß nicht — vielleicht habe ich im Schlaf geputzt“, murmelte Gabriel.

Kim half ihm auf die Beine. „Komm, lass uns ins Haus gehen. Ich hab Hunger, und wir müssen noch unsere Hausaufgaben machen“, sagte sie.

Die drei verließen die Scheune, schlossen das Tor hinter sich und gingen Arm in Arm zum Haus. Sie machten drei Schritte vor und zwei zurück, lachten und hatten Spaß — ganz gleich, dass Gabriel sich an vieles nicht erinnerte. Der Tag verlief für die Kinder normal weiter; sie merkten nicht, dass die Wichtel für Gabriel die Tiere versorgt hatten, um zu helfen, was Bulu angerichtet hatte. Mehrmals sprachen sie noch über ihre Mutter, ob sie wohl bald zurückkehren würde. Am Abend bereiteten sie das Essen vor und warteten auf den Vater. Als er heimkehrte, empfingen sie ihn zusammen und begleiteten ihn in die Küche. Er staunte über das, was sie alles geschafft hatten. Beim gemeinsamen Abendessen erzählte Gabriel schließlich, wohin die Mutter gefahren war und was geschehen war.

 

Die Mutter erreichte am Abend spät die große Stadt. Sie war erschöpft von der langen Zugfahrt, und nun musste sie zu Fuß weiter — doch sie kannte den Weg zum Hospital nicht. Glücklicherweise sprach sie auf der anderen Straßenseite ein junges Pärchen an:

„Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, wie ich zum Hospital komme?“„Ja“, antwortete der junge Mann freundlich. „Das kann ich Ihnen erklären.“

Seine Freundin mischte sich ein: „Liebe Frau, so spät sollten Sie nicht allein gehen. Es laufen hier viele Betrunkene herum. Wir begleiten Sie ein Stück, wir gehen ohnehin in dieselbe Richtung.“ Sie zwickte ihren Freund in die Seite, und er stimmte verlegen zu.„Na denn, vielen Dank“, sagte Frau McCaler dankbar.

Der junge Mann deutete den Weg und sie gingen los. Nach einigen Schritten deutete die Frau auf Frau McCalers Taschen und nickte, als wolle sie sagen, ihr Freund solle die Tasche tragen.„Was soll das?“, fragte er verdutzt. „Ach so — ja, jetzt verstehe ich.“„Entschuldigen Sie bitte“, sagte er zu Frau McCaler. „Wenn Sie erlauben, nehme ich Ihnen die Tasche ab, dann haben Sie es leichter.“

„Vielen Dank! Das ist sehr nett von Ihnen!“, erwiderte sie und übergab ihm ihre Tasche.Auf dem Weg zum Hospital unterhielten sie sich über alles Mögliche. Etwa eine Dreiviertelstunde waren sie zu Fuß unterwegs, bis sie schließlich an einem schmalen Weg ankamen.„So, jetzt müssen Sie nur noch diesen Weg entlanggehen, dann stehen Sie direkt vor der Eingangstür“, erklärte der junge Mann.„Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei Ihnen beiden bedanken kann“, sagte Frau McCaler.„Das ist schon gut, Sie brauchen sich nicht zu bedanken“, antwortete das junge Fräulein. „Vielleicht sieht man sich ja mal wieder – und wer weiß, vielleicht brauche ich dann einmal Ihre Hilfe.“„Stimmt, das weiß man nie so genau“, meinte ihr Freund und lächelte.„So, jetzt müssen wir aber weiter“, sagte seine Freundin.

Beide reichten Frau McCaler zum Abschied die Hand und wünschten ihr alles Gute. Dann machten sie sich auf den Rückweg – denselben Weg, den sie gekommen waren.„Das habe ich mir fast gedacht“, murmelte Frau McCaler. „Sie sind nur meinetwegen mitgelaufen.“Sie blickte den beiden noch nach, bis sie verschwunden waren, und machte sich dann auf den Weg ins Hospital.

Vor der großen Eingangstür blieb sie kurz stehen, atmete tief durch, öffnete schließlich die Tür und trat ein. Sie ging einige Schritte in die Halle hinein und sah sich um. Hinter einer Glasscheibe saß ein alter Mann, der anscheinend eingeschlafen war – sein Kopf lag im Nacken, die Augen geschlossen. So bemerkte er auch nicht, dass sie eine Weile vor ihm stand und ihn beobachtete.Da er nicht von selbst wach wurde, überlegte Frau McCaler kurz, ob sie ihn wecken sollte. Schließlich klopfte sie zweimal gegen die Scheibe und sagte leise:„Hallo? Entschuldigen Sie bitte, dass ich störe.“

Der alte Mann fuhr erschrocken hoch und zuckte mit den Schultern. Als er sich gefasst hatte, fragte er freundlich:„Was kann ich zu so später Stunde für Sie tun, meine Dame?“„Entschuldigen Sie, dass ich so spät noch komme, aber ich suche meinen Schwager und seine Frau. Sie sollen nach einem Autounfall hier im Krankenhaus liegen. Und außerdem suche ich ihre Tochter – meine Nichte.“„Wie heißen sie denn mit Nachnamen, liebe Frau?“, fragte er höflich.„Olaf und Mati McCaler. Und die Tochter heißt Isabel.“

„Einen Moment, ich schaue gleich nach, auf welcher Station sie liegen“, meinte er und schlug ein großes Buch auf, in dem alle Patienten eingetragen waren. Eine Weile blätterte er darin, bis er schließlich rief:„Ah, hier haben wir sie – Olaf und Mati McCaler!“Dann blickte er zu Frau McCaler auf und sagte:„Ach, das muss wohl das kleine Fräulein sein, das ich heute schon ein paar Mal gesehen habe. Sie spielt manchmal oben im zweiten Stock auf dem Flur. Ihre Eltern liegen in Zimmer 14, man hat sie zusammengelegt, weil sie ein Ehepaar sind. Ich habe mich schon gewundert, dass niemand da war, der sich um die Kleine kümmert.“

„Wie sieht sie denn aus? Und könnte ich jetzt noch zu ihnen?“, fragte Isabels Tante. „Ich bin von weit hergekommen und möchte wissen, wie es ihnen geht – und ob ich meine Nichte vielleicht mit nach Hause nehmen soll.“„Gehen Sie ruhig nach oben und fragen Sie dort die Nachtschwester“, sagte der alte Pförtner.„Und wie komme ich dorthin?“„Gehen Sie da vorne durch die Tür, dann die Treppe hoch. Oben müssen Sie nur links um die Ecke, dann sind Sie da. Oder nehmen Sie den Fahrstuhl dort drüben.“„Vielen Dank!“, sagte sie und machte sich auf den Weg zur Treppe.„Ach, und falls Sie eine Schwester treffen – sagen Sie einfach, Pförtner Meisner hat Sie hochgeschickt. Eigentlich ist es nämlich schon zu spät für Besuch“, rief er ihr noch hinterher.

Sie bedankte sich noch einmal herzlich und ging weiter. Auf dem Weg nach oben dachte sie darüber nach, wie wohl ihre Nichte inzwischen aussah – es war schon so lange her, seit sie sie das letzte Mal gesehen hatte.

Oben angekommen, sah sie sich den langen Flur hinauf und hinunter. Da entdeckte sie Isabel – sie lag zusammengerollt auf einer Bank.Frau McCaler ging zu ihr, kniete sich hin, strich ihr sanft über den Kopf und flüsterte:„Oh, meine kleine Bella … hast du noch nicht mal ein Bett und musst hier auf der Bank schlafen?“

Obwohl sie ihre Nichte lange nicht gesehen hatte, erkannte sie Isabel sofort wieder. Das Mädchen wurde wach, blinzelte und sah sie mit großen Augen an.„Du brauchst keine Angst zu haben, Bella. Ich bin deine Tante Karla.“Es dauerte einen Moment, bis Isabel sie erkannte – dann rief sie laut:„Tante Karla, du hier! Bist du endlich gekommen? Ich hab schon auf dich gewartet. Ich war es, die dir das Telegramm geschickt hat!“„Das hast du gut gemacht, kleine Bella. Jetzt bin ich hier, und ich werde mich um dich kümmern“, sagte Tante Karla liebevoll. „Komm, wir gehen zu deinen Eltern und sagen ihnen, dass ich da bin. Dann müssen sie sich keine Sorgen mehr machen.“

„Tante Karla, ich weiß nicht, ob wir noch so spät hinein dürfen. Die Schwestern haben mich schon ausgeschimpft, als ich das letzte Mal so spät bei meinen Eltern war. Weil sie so krank sind, muss ich hier draußen auf der Bank schlafen.“

Da weit und breit niemand zu sehen war, beschloss Tante Karla, einfach hineinzugehen. Sie nahm Isabel an die Hand, klopfte an und trat ein. Hinter sich schloss sie leise die Tür.Sie ging ans Bett von Isabels Mutter, nahm ihre Hand und strich darüber. Langsam wurde sie wach, öffnete die Augen – und als sie Karla erkannte, lächelte sie schwach. Nun wusste sie, dass Isabel in guten Händen war.

Leise, um den schlafenden Vater nicht zu wecken, sprach sie mit ihrer Schwägerin. Sie beschlossen, dass Isabel vorerst mit ihrer Tante und ihrem Onkel auf den Calerhof gehen sollte, bis die Mutter wieder gesund war.„So, du kleine Naseweis, du kannst schon mal auf den Flur gehen“, sagte Karla sanft. „Ich möchte noch kurz mit deiner Mutter allein sprechen.“Isabel verabschiedete sich, gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und sagte:„Und das hier ist noch einer für Papa!“Dann verließ sie das Zimmer und wartete draußen. Nach einer Weile kam ihre Tante wieder heraus.„So, jetzt lass uns gehen“, sagte sie leise.

Tante Karla wusste längst, was zu tun war. Sie hätte niemals zugelassen, dass die kleine Bella allein in der großen Stadt blieb. Schon auf der Zugfahrt hatte sie sich vorgenommen, sie mitzunehmen – in der Hoffnung, dass ihre Eltern nicht allzu schwer verletzt seien. Doch nun war klar: Isabel würde wohl mehrere Wochen bei ihnen bleiben müssen.

Nach dem Besuch liefen sie gemeinsam zu Isabels Elternhaus. Sie wollten noch ein paar Stunden schlafen, bevor sie früh am Morgen zum Bahnhof mussten, um den langen Heimweg anzutreten.

 

Am nächsten Morgen standen die Kinder auf dem Calerhof schon früh auf. Sie glaubten, die Mutter sei mit dem letzten Zug angekommen. Doch der Stuhl, auf dem sie sonst beim Frühstück saß, blieb leer – nur der Vater war am Tisch.„Kommt schon her“, sagte er. „Eure Mutter hat es wohl nicht mehr geschafft, den letzten Zug zu nehmen.“

Einer nach dem anderen begrüßte ihn mit einem Guten Morgen und fragte gleich nach der Mutter.„Nein, meine Lieben, sie ist noch nicht hier. Aber sie hat ein Telegramm geschickt – Herr Johannsen hat es heute früh vorbeigebracht. Sie kommt heute Nachmittag mit dem Zug nach Hause, und sie bringt Isabel mit.“

„So, und jetzt wird’s Zeit, dass ich loskomme“, sagte der Vater. „Aber bevor ich gehe, denkt bitte an die Tiere. Und wenn ihr nach der Schule noch Zeit habt, macht ein bisschen sauber – für den Fall, dass Mutter noch nicht da ist, wenn ihr heimkommt.“„Machen wir, Vater!“, sagte Gabriel.„Wir bereiten für Mutter und Isabel einen Empfang vor!“, rief Kim begeistert.„Das ist eine großartige Idee“, lobte der Vater.

Nachdem er gegangen war, machten sich die drei Kinder an die Arbeit. Sie putzten den Tisch, Kim holte Blumen aus dem Garten und stellte sie in eine bunte Vase, deckten Teller und Tassen – alles sollte schön aussehen, damit die Mutter sich freute.

Plötzlich hatte Kim eine Idee und rief ihre Brüder.Die waren im Stall, wie der Vater es verlangt hatte.„Wir kommen gleich!“, rief Tom zurück. „Wir sind gleich fertig!“

Da Kim im Haus war, konnte sie nur hoffen, dass sie sie gehört hatten. Nach kurzer Zeit kamen die Jungen tatsächlich aus dem Stall ins Haus.„Was gibt’s denn so Dringendes, dass wir sofort kommen mussten?“, fragte Tom neugierig.

„Wollen wir nach der Schule ein paar Kuchen kaufen?“, fragte Kim ihre Brüder.„Darüber würde Mutter sich bestimmt freuen!“, meinte auch Gabriel, als er den Vorschlag seiner Schwester hörte.„Oh ja!“, rief Tom begeistert. „Das ist eine großartige Idee, Kim!“„Aber woher nehmen wir das Geld dafür?“, fragte Gabriel.„Ganz einfach“, schlug Kim vor, „jeder holt ein paar Münzen aus seiner Spardose.“„Können wir nicht auf den Kuchen verzichten? Sonst kann ich mir im Herbst keinen Drachen mehr kaufen“, murmelte Gabriel leise.

Er war zwar grundsätzlich für die Kuchenidee, doch sein Erspartes wollte er nicht hergeben – er hatte lange gebraucht, um das Geld zusammenzubekommen.„Mach dir keine Sorgen wegen deines Drachens“, sagte Kim beruhigend. „Tom und ich helfen dir, einen zu bauen. Papier und Holzleisten haben wir genug, und eine Schnur habe ich auch noch.“„Außerdem ist ein selbstgebauter Drache viel schöner – und es macht mehr Spaß, ihn steigen zu lassen“, meinte Tom.„Na gut, ihr habt ja recht“, gab Gabriel schließlich nach.„Dann holt euer Geld, und wir treffen uns gleich wieder in der Küche!“, sagte Kim und lief als Erste los.

Gesagt, getan – auch die anderen beiden gingen in ihre Zimmer, holten ihr Geld aus dem Versteck und kamen kurz darauf in der Küche zusammen. Dann nahmen sie ihre Schulsachen und machten sich auf den Weg. Sie freuten sich, dass sie ihrer Mutter eine Freude bereiten konnten. Es war ein schöner Sommermorgen: Die Sonne schien, kein Wölkchen war am Himmel, und es sah nicht so aus, als würde sich das ändern. Gabriel plauderte fröhlich über seinen zukünftigen Drachen – wie groß und bunt er werden sollte, wie viel Schnur er brauchen würde – und versprach seinen Geschwistern, dass sie ihn auch steigen lassen dürften. Natürlich aber nur, wenn er dabei wäre.

 

Isabel und ihre Tante waren früh aufgestanden und hatten bereits gefrühstückt. Sie waren fast fertig, mussten nur noch ihre Jacken anziehen. Tante Karla hatte einen alten braunen Koffer und eine orangefarbene Reisetasche vom Dachboden geholt, in die sie Isabels Sachen packen wollte.Während sie packte, fragte sie:„Seit wann wohnt ihr eigentlich hier in Hiltonsen? Früher habt ihr doch in Traveles gewohnt – daran erinnere ich mich noch gut.“„Dann warst du wohl schon lange nicht mehr bei uns“, meinte Isabel. „Wir wohnen schon ein paar Jahre hier, Tante. Ihr hattet wohl nicht mehr so viel Kontakt mit meinen Eltern?“„Nein, das stimmt“, seufzte ihre Tante. „Und das ist wirklich schade.“

„So, da wir fertig sind, können wir uns auf den Weg zum Bahnhof machen und schauen, wann der nächste Zug fährt“, sagte Karla.Sie zogen ihre Jacken über, nahmen die Taschen und den Koffer, verriegelten die Haustür und machten sich auf den Weg. Unterwegs unterhielten sie sich über vieles – sie hatten sich schließlich lange nicht gesehen.

Am Bahnhof angekommen, hatten sie Glück: Gerade fuhr ein Zug ein. Tante Karla kaufte rasch zwei Fahrkarten, und gemeinsam stiegen sie ein. Die Koffer waren schwer, doch ein älterer Herr kam ihnen zu Hilfe, trug das Gepäck in ein Abteil und sagte mit einem freundlichen Lächeln:„Ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt, Majestät.“Dann verschwand er ebenso plötzlich, wie er erschienen war.

Isabel lachte laut. „Ha-ha-ha! Sehe ich etwa aus wie eine Königin?“Tante Karla verneigte sich scherzhaft. „Nein, Eure Majestät – nicht ganz, aber vielleicht ein kleines bisschen“, neckte sie.Beide lachten herzlich und ließen sich in ihre Sitze fallen.

Kurz darauf hörten sie den Pfiff des Schaffners, der die Türen schloss. Der Zug setzte sich in Bewegung.Da öffnete sich die Abteiltür, und ein großer Mann in blauer Uniform trat ein. Mit tiefer Stimme sagte er: „Die Fahrkarten, bitte.“Tante Karla reichte sie ihm, der Schaffner lochte sie und wünschte: „Ich wünsche Ihnen weiterhin eine angenehme Fahrt.“ Dann ging er weiter.

Da Isabel noch nie Zug gefahren war, stellte sie viele Fragen. Nachdem ihre Tante ihr alles erklärt hatte, lächelte sie und sagte:„Du kannst aber fragen!“„War es zu viel?“, fragte Isabel verlegen.„Nein, gar nicht. Wer nicht fragt, will auch nichts wissen“, antwortete Tante Karla.„Warum nennst du mich eigentlich immer Bella, wo ich doch Isabel heiße?“„Ach, das ist nur ein Kosename. Den hast du schon als Baby von mir bekommen“, erzählte Karla.„Ist das schlimm?“„Nein, Bella klingt schön“, antwortete Isabel und lächelte.

Danach schaute sie aus dem Fenster und betrachtete die Landschaft, an der der Zug vorbeifuhr. Tante Karla saß ihr gegenüber und las in der Zeitung, die sie sich am Bahnhof gekauft hatte. Nach einiger Zeit fragte Isabel:„Sag mal, Tante Karla, wie sieht es eigentlich bei euch aus? Ich war ja noch nie bei euch.“„Das stimmt – und das kannst du auch gar nicht, wir wohnen erst seit einem halben Jahr dort“, begann Karla zu erzählen. „Wir haben ein großes Haus mit Hof und Garten. In der Mitte steht ein alter Brunnen, ganz tief. Außerdem haben wir Ziegen, Hühner und allerlei Kleintiere, die alle zusammen in einer Scheune leben. Und dann ist da noch Qualm, unser Hund – der wohnt natürlich im Haus. Rundherum gibt es Hügel, Wälder und einen großen See in der Nähe. Es wird dir bei uns gefallen, ganz bestimmt. Kim, Gabriel und Tom werden dir alles zeigen – du wirst viel Spaß mit ihnen haben.“

Isabel nickte und sagte leise: „Tante Karla, ich hab ein bisschen Angst.“„Das brauchst du nicht, mein Schatz. Sie sind alle ganz lieb“, beruhigte Karla sie.