1,99 €
In der Kölner Altstadt tobt der Karneval - doch in all dem Trubel und der Ausgelassenheit lauert das Böse. Ein grimmig dreinblickender Clown zieht durch die Straßen und hinterlässt Verzweiflung und Trauer. Immer mehr Menschen verlieren ihre Lebensfreude - und als es dann die ersten Toten gibt, werden die Londoner Geisterjäger John Sinclair und Suko nach Köln gerufen. Mitten im närrischen Treiben beginnt für sie ein Wettlauf gegen die Zeit ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Karneval der Tränen
Briefe aus der Gruft
Vorschau
Impressum
Karneval der Tränen
von Marlene Klein
Karneval! Die fünfte Jahreszeit!
Insbesondere in Köln wird sie gefeiert, und dann steht die Domstadt tagelang Kopf! Verkleidete Menschen treffen sich zu Hunderten auf den Straßen und in den rappelvollen Lokalen, um zu feiern, zu singen und einfach guter Laune zu sein!
Seit Jahrhunderten ist das Tradition! Man lässt allen Ärger und alle Probleme hinter sich und feiert das Leben!
Aber in diesem Jahr schleicht sich ein dämonisches Wesen unter die Feiernden am Rhein und raubt ihnen jegliche Freude, jegliche Lebenslust und hinterlässt depressive Menschen, denen die Welt nur noch trübe und trist erscheint!
Nur hat diese finstere Kreatur nicht mit John Sinclair und Suko gerechnet, den beiden Geisterjägern aus London, die den Kölnern zu Hilfe eilen!
Okay, der erste Punkt war einfach.
Die große Kirche von Supper Fritham war an fünf Tagen in der Woche öffentlich zugänglich. Die fünfzehnjährige Katie Solven und ihre drei Freunde, Lennox Amosi, Max Manthon und Jack Rouven hatten nicht viel mehr tun müssen, als sich unter die Besucher zu mischen.
Nur ein Ehrenamtlicher war von der Gemeinde abgestellt worden, der nach dem Rechten sehen und Vandalismus verhindern sollte. Das wohl durch seine bloße Anwesenheit, denn körperlich konnte er es mit keinem vernünftigen Gegner mehr aufnehmen. Der Mann war bestimmt schon weit über siebzig, das Haupt mit spärlichem Haar bedeckt, eine Hornbrille saß auf einer knubbeligen, großporigen Nase, und die Cordhosen trug er bestimmt schon, seit sie in Mode gewesen waren, also den Siebzigerjahren.
Er erklärte den Besuchern in einer Engelsgeduld die gotischen Spitzbögen und die Technik der Fenstermalereien, offensichtlich war er in seinem Element und erfreut, dass sein Wissen auf Interesse stieß.
Lennox wusste, wo der Aufgang zum Dach war. Alles, was sie zu tun hatten, war, sich heimlich durch die kleine Holztür mit dem klobigen Eisenschloss zu schummeln, als der Aufpasser der Gemeinde gerade durch seine eigene Begeisterung für eine Madonnenfigur neben dem Eingang abgelenkt war.
Die Tür war nicht verschlossen, und außer einem Schild, das den Durchgang verbot, versuchte sie niemand aufzuhalten. Easy bis hierher.
Die Freunde fanden sich in einem Treppenhaus wieder. In das jahrhundertealte Basaltsteinmauerwerk war eine hölzerne Konstruktion verankert, die die einzelnen schmalen Stufen trug. Die waren kaum mehr als dicke Bohlen.
Katie legte den Kopf in den Nacken. Die simple Treppe endete in einem steinernen Zwischenboden, etwa drei Stockwerke über ihnen. Vertrauenserweckend sah das alles nicht gerade aus. Einzelne Bretter waren aus einem helleren Holz, mussten also zwischenzeitlich ausgetauscht worden sein. Sie konnte nicht abschätzen, ob dies in diesem oder noch im letzten Jahrhundert geschehen war. Immerhin schien irgendwann irgendjemand die Treppenkonstruktion auf ihre Tragfähigkeit geprüft zu haben. Katie beruhigte das nur wenig.
Obwohl der Turm für einen Kirchturm außergewöhnlich breit war, etwa fünf auf fünf Meter, war die Treppe, die sich an die Außenwand schmiegte, so eng, dass sie nur hintereinander laufen konnten.
Lennox, der sich keinerlei Sorgen um die Trittfestigkeit der Stufen zu machen schien, sprang geradezu die alte Treppe hoch. Auch Jack nahm sie sportlich. Schnell tat sich ein Abstand zu Katie auf, die den Jungen folgte und vorsichtig ihre Schritte setzte.
Nur Max war noch hinter ihr, beschwerte sich aber nicht über ihr langsames Vorankommen. Warum auch, schließlich hatten sie mehr als genug Zeit.
Nach etwa drei Kehren und auf vielleicht fünf Metern Höhe entdeckten sie ein kleines Fenster, durch das sie ins Kirchenschiff blicken konnten. Von hier aus hatte der Türmer in alter Zeit den Ablauf des Gottesdienstes verfolgen und abschätzen können, wann er die großen, mächtigen Glocken zu läuten hatte. Heutzutage erfolgte das Glockengeläut automatisiert per Knopfdruck.
Sie erreichten den ersten Zwischenboden, einen etwa zwanzig Quadratmeter großen Raum. Die alte, sehr einfache Holztür dorthin war ebenfalls nicht verschlossen.
Kalt war es hier oben. Dieses Zimmer hatte Fenster auf zwei sich gegenüberliegenden Seiten, die offenbar undicht waren. Es war wie eine Einladung an die Februar-Kälte, die sich im Raum ausbreitete. Noch schien das letzte Tageslicht trübe durch die schmutzigen Scheiben.
In einer Ecke stand ein alter, gusseiserner Ofen.
Die Jugendlichen nahmen ihre Rucksäcke ab und setzten sich auf den Boden. Katie zog den Schal enger und stülpte die Kapuze noch über die pinke Mütze, die ihre blau gefärbten Haare verdeckte.
»In der alten Zeit war dies die Wohnung des Türmers«, erklärte der farbige Lennox. »Er durfte hier kostenfrei wohnen, musste aber zum Läuten der Glocken zur Verfügung stehen. Urlaub kannte er also nicht. Mein Großvater ist hier im Kirchenbeirat und hat mir viel von der Kirche und ihrer Geschichte erzählt. Da sind ein paar spannende Storys dabei.«
»Wie die Geschichte mit dem Gargoyle!«, bekräftigte Max.
»Genau! Und den sehen wir uns heute mal aus der Nähe an!«, erklärte Jack voller Tatendrang – und seine Aussage gleich darauf zu relativieren. »Wenn wir ihn finden ...«
Draußen ging die Sonne langsam unter, es dämmerte bereits. Kurz nach sechs sollte sie ganz untergegangen sein. Dann würde auch die Kirche für die Öffentlichkeit geschlossen werden.
»Erzähl noch mal genau die Geschichte und wie der Gargoyle aussehen könnte«, forderte Jack.
Lennox nickte. »Also ... vor etwa zweihundert Jahren befand sich die Stadt Supper Fritham in einer tiefen Krise. Immer mehr Bewohner gaben sich der Trübsal hin, wie es damals hieß. Heute würde man sagen, sie wurden depressiv. Zu der Zeit wurden in Supper Fritham Tuche gewebt, die auf dem Markt verkauft wurden. Die Stadt war im ganzen Land dafür bekannt. Aber im Zuge der Industrialisierung entstanden in den großen Städten wie Manchester große Stoff- und Tuchfabriken. Supper Fritham konnte da nicht mithalten. Die Wirtschaft brach quasi zusammen. Hinzu kamen Missernten durch Klimakapriolen. Die Folge war eine große Hungersnot. Die Selbstmordrate stieg innerhalb kurzer Zeit dramatisch an, beinahe wäre die gesamte Stadt aufgegeben worden.«
»Ich dachte, es geht um einen Dämon«, warf Katie gelangweilt ein. Für Industriegeschichte interessierte sie sich kein bisschen, für Gruselgeschichten umso mehr.
Zumal in diesem Moment die Sonne komplett verschwunden war und die Nacht den Raum eroberte.
Jack schaltete eine Taschenlampe ein.
»Nicht!«, zischte Lennox aufgeregt. »Das kann man von draußen sehen, und es sind noch sehr viele Leute unterwegs!«
Jack tat, wie ihm geheißen, und steckte die große Lampe wieder in seinen Rucksack.
»Erzähl die Geschichte fertig!«, forderte der dunkelhaarige Max. »Was war denn nun mit dem Dämon?« Er war bereits achtzehn und der älteste der Truppe.
»Nun, objektiv gesehen hatte die Bevölkerung damals genug Gründe, depressiv zu werden«, fuhr Lennox fort. »Doch die Selbstmordrate in Supper Fritham war eklatant höher als in den umliegenden Gemeinden, und selbst die größten Frohnaturen wurden melancholisch. Der Priester fand dann heraus, dass alle Personen, die trübsinnig geworden waren, immer Kontakt zu einer ganz bestimmten Person hatten: dem Tuchhändler Peter Brown. Der Priester erkannte, dass Brown von einem Dämon besessen war, der sich von der Lebensfreude und -energie seiner Mitmenschen ernährte. In einer Art Exorzismus gelang es dem Priester, Brown von dem Dämon zu befreien und ihn in einem Gargoyle zu bannen, in einem der Wasserspeier draußen an der Kirche, so heißt es. Durch die Verbundenheit zu einem Gotteshaus konnte sich der Dämon seitdem nicht mehr befreien. Das Trübsal fiel wieder von den Menschen in Supper Fritham ab, und der Ort war gerettet. Ende gut, alles gut. Abgesehen von denen, die sich das Leben genommen hatten.«
»Wie sollen wir diesen Gargoyle finden?«, fragte Jack. »Da sind Dutzende an der Kirchenfassade.«
»Ich habe nie gesagt, dass ich genau wüsste, welcher der Gargoyles das ist!«, verteidige sich Lennox. »Lasst uns einfach rausgehen und kucken. Entweder wir finden ihn oder nicht. Das war doch unser Plan. Ihr wart doch ganz scharf drauf, ob wir vielleicht einen echten Dämon finden können!«
»Es gibt keine Dämonen«, brummte Max genervt.
»Was wir heute Nacht beweisen oder wiederlegen können!«, meinte Lennox. »Wenn ihr euch nicht traut, mache ich es halt allein.«
»Also ich trau mich!«, behauptete Katie, die sich bisher zurückgehalten hatte. »Einen Dämon suchen ist doch spannend. Besser als ein langweiliges Abendessen mit meinem Stiefvater.«
»Es gibt jetzt sowieso kein Zurück mehr«, meinte Lennox. »Wir sind hier eingesperrt, schon vergessen?«
Katie fröstelte und blies ihren warmen Atem auf ihre behandschuhten Finger, doch das Leder und das Fell waren zu dick, als dass sie den warmen Lufthauch auf der Haut hätte spüren können. Sie wollte, dass es endlich los ging. Geduld war wahrlich nicht ihre Stärke. Warten in Eiseskälte erst recht nicht.
Aber noch mussten sie warten, bis es draußen wirklich dunkel war und sich keine Leute mehr auf dem Kirchplatz aufhielten. Sie wollten ja nicht entdeckt werden. Das hätte sicherlich Ärger gegeben.
Lennox packte Chips, Sandwiche und eine Thermoskanne Tee aus. Katie hatte was anderes mitgebracht, einen Joint, den sie genüsslich entzündete. Genau das richtige, um Langeweile und Kälte zu vertreiben.
Langsam spürte sie, wie sich ein wohliges, entspanntes Gefühl in ihr breitmachte.
Vielleicht würde sie in dieser Nacht auf einen Dämon treffen.
Endlich mal Action in Supper Fritham!
Es war kurz nach 22 Uhr, als sich die Freunde aufmachten, um die letzten Meter auf der Treppe nach oben zu überwinden. Der Grundriss war wie bei vielen Kirchen, Kathedralen und Basiliken ein Kreuz aus Langschiff und Querschiff. An der vorderen Schmalseite war ein Kreuzgang vorgelagert, den man durchqueren musste, um zum Eingangsportal zu gelangen.
Dort erhob sich auf einer Seite der hohe Turm.
Vorsichtig öffnete Lennox die Tür zum Dach. Das lange Hauptschiff der Kirche war in einzelne Segmente gegliedert, vom Vorplatz erkennbar durch die typisch gotischen stützenden Strebepfeiler, die die Fassade aufteilten.
In jedem Segment gab es ein hohes Fenster, was die jungen Leute natürlich von ihrer Position auf dem Dach nicht sehen konnten. Dafür umso besser die Gauben. Aus dem Satteldach wuchs jeweils eine Sattelgaube in jedem Segment. Sie liefen an Dreiecken vorbei, in die jeweils zwei kleine Fenster eingelassen waren. Wie ein Ring führte ein Weg, der mit einer Brüstung gesichert war, einmal um die gesamte Kirche herum.
Die Brüstung bestand aus einer endlosen Wiederholung eines gotischen Blumen-Motivs, das ein Bildhauer vor Hunderten von Jahren in den braunen Stein gehauen hatte.
Direkt hinter der Tür im Turm war etwas mehr Platz, entlang des Daches am Hauptschiff mit seinen Gauben war der Weg kaum breiter als die moderne Ablaufrinne für das Regenwasser, die in einem Fallrohr endete. Die eigentliche Funktion von Gargoyles, nämlich das Regenwasser abzuleiten, war in der heutigen Zeit überholt.
Von den Freunden konnte diese Rinne nur im Gänsemarsch begangen werden.
Manche Gargoyles waren mit Mörtel direkt an der Außenwand angebracht, andere thronten auf einem exponierten Platz auf den gotischen Stützmauern.
Von hier aus waren sie ihnen ganz nah.
Und in einem von ihnen sollte ein Dämon gebannt worden sein.
Während ihres Marsches lehnten sie sich weit über die Brüstung, um die Figuren in Augenschein zu nehmen.
Der Platz vor der Kirche war menschenleer, das Risiko, entdeckt zu werden, entsprechend gering. Hier in der Innenstadt gab es nur wenige Wohngebäude, direkt um die Kirche befanden sich kleinere Geschäfte.
Die Stadt lag nicht in kompletter Dunkelheit, Straßenlaternen erhellten die Straßen, Gassen und Plätze.
Leise umrundeten sie die Kirche, jeder Gargoyle wurde genauestens begutachtet. Keiner fiel in besonderer Weise ins Auge. Jeder war ein Unikat mit ganz eigenen, liebevoll heraus gearbeiteten Charakterzügen. Sie hatten die Gestalt von Tieren oder Fabelwesen. Geflügelte Drachen, Hunde, Eulen, sogar einen Affen entdeckten die Freunde.
Selbst damals hatte nicht jeder die Funktion eines Wasserspeiers gehabt, manche waren nicht durchbohrt und rein dekorativer Natur.
Nach wenigen Minuten waren sie erfolglos wieder an der Tür zum Turm, ihrem Ausgangspunkt, angekommen.
»Ist euch ein besonderer Gargoyle aufgefallen?«, fragte Lennox. Ein wenig Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit.
Katie verneinte, die Jungs schüttelten unisono die Köpfe.
Lennox dachte laut nach. »Wenn sie den Dämon in einem Gargoyle gebannt haben, dann muss dieser ja schon vorhanden gewesen sein, als dies geschah. Er kann sich also optisch gar nicht von den anderen entscheiden, etwa indem er besonders hässlich wäre oder einen Dämon darstellt. Aber er muss in großer Eile angebracht worden sein. Das könnte ein Unterscheidungsmerkmal sein. Okay, versuchen wir es in umgekehrter Richtung! Achtet darauf, ob ihr irgendetwas Ungewöhnliches rund um die Figuren entdeckt!«
Sie drehten um und gingen den Weg zurück, den sie gerade gekommen waren. Gargoyle für Gargoyle inspizierten sie, bis Max bei einem Exemplar stehen blieb. Das befanden sich dort, wo ein runter, schmaler Turm im Winkel von Quer- und Langhaus beide Gebäudeteile optisch miteinander verband.
Aufgrund der Rundung des vorgesetzten Turms bildete sich zwischen Turm und Kirchenwand eine kleine Nische. Und genau dort befand sich ein kleiner Gargoyle.
Von den wuchtigen Mauern um ihn herum wurde er nahezu erdrückt. Es war ein rein dekorativer Gargoyle, es führte keine Öffnung für das Regenwasser durch den Stein der Balustrade, und er hatte in seinem Maul auch keine Austrittsöffnung.
»Dieser hier ist doch interessant, findet ihr nicht?«, fragte Max und leuchtete mit seiner Taschenlampe in die Nische auf die recht versteckte Steinfigur.
»Warum gerade dieser?«, fragte Katie.
»Nun ...«, begann Max gedehnt. Es würde wohl eine längere Erklärung werden. »Zum einen ist es schon mal seltsam, einen dekorativen Gargoyle an einer Stelle anzubringen, an der man ihn nicht sieht. Dann sind die Standorte für unsere steinernen Freunde immer auf beiden Seiten des Hauptschiffs gleich, nur dieser hat auf der anderen Seite kein passendes Pendant.«
Katie, Lennox und Jack tauschten erst einen Blick untereinander, bevor sie auf die Steinfigur starrten. Sie war wirklich ungewöhnlich klein und maß nur etwa dreißig Zentimeter. Der Körper war der eines Vogels, vielleicht einer Eule. Beine und Füße passten nicht zu den Flügeln, denn es waren die Beine eines Hundes mitsamt Pfoten. Kopf und Schnauze ähnelten ebenfalls einem Hund, nur die spitzen Ohren erinnerten eher an eine Fledermaus.
Dieses Fabelwesen hockte auf einer Grundplatte an der Wand. Die Figur befand sich also in der waagerechten, mit Blick aus steinernen Augen auf das Treiben der Stadt.
Katie, die sowieso schon fror, lief ein Schauer den Rücken hinunter, der nicht der Kälte geschuldet war. Wenn die Legende tatsächlich der Wahrheit entsprach, bedeutete das dann nicht auch, dass es Dämonen gab?
Sie war sich plötzlich nicht mehr so sicher, ob sie das wirklich herausfinden wollte.
Sie wollte zurückweichen, doch das ließ die Enge des Weges nicht zu. Intuitiv bog sie den Rücken durch, um möglichst viel Raum zwischen sich und dem Fabelwesen zu bringen.
»Okay, dann lasst es uns durchziehen und zu Ende bringen. Wir montieren den ab und schauen, was passiert.«
»Runter!«, zischte Lennox warnend.
Sofort wurde das Taschenlampenlicht gelöscht. Die Jugendlichen drückten sich an die Fassade des Turms, zwischen die Gauben und hinter die Balustrade.
Katie hielt den Atem an. Sie hörte Schritte auf dem Vorplatz und schielte durch die Öffnungen der gotischen Blumen nach unten.
Ein Mann ging dort von der Altstadt kommend in westliche Richtung. Ihre Verstecke waren nicht wirklich gut, aber er sah nicht nach oben. Er schwankte leicht, vielleicht kam er aus einer Kneipe und war auf dem Nachhauseweg.
So kurz vor dem Ziel war die Angst vor einer Entdeckung groß. Die Stille war bedrückend. Die Anspannung spiegelte sich auf ihren Gesichtern wider. Katie befürchtete, dass selbst die Wölkchen ihres kondensierenden Atems sie verraten konnten.
Erst als sie sich sicher waren, dass der nächtliche Spaziergänger sie nicht mehr hören und ihre Aktion gefährden konnte, richteten sie sich wieder auf. Glück gehabt.
Jack zog den Rucksack ab und holte Werkzeug hervor. Spatel, Hammer, Meißel und Mörtellöser in einer Flasche, die so viele Gefahrgutzeichen hatte, als würde das Zeug darin aus reiner Säure bestehen.
»Du willst das wirklich durchziehen?«, fragte Lennox nervös. »Das ist doch Sachbeschädigung.«
»Wer sollte den vermissen? Man kann ihn von unten ohnehin kaum sehen!« Jack kniete sich und konnte von seiner Seite wunderbar an dem Gargoyle arbeiten, wenn er durch die Öffnungen der Balustrade griff. »Katie, halt du ihn fest, damit er nicht nach unten stürzt!«
»Warum ich?« Katies Stimme klang erschrocken.
»Weil du die dicksten Handschuhe trägst und ich hier mit Säure arbeite!«
Verdammt, er hatte recht. Die Fünfzehnjährige und jüngste im Bunde trug als einzige Lederhandschuhe.
Zusätzlich zog sie sehr große, unförmige Gummihandschuhe darüber, die Jack ihr gab. Sicher war sicher. Katie wollte nicht kneifen oder als feige vor den Jungs dastehen. Also ging sie in die Knie und legte beide Hände um die Steinfigur, obwohl ihr Herzschlag sich dabei erhöhte.
Jack begann, mit dem Spatel den alten Mörtel abzukratzen, was erstaunlich gut funktionierte. Schnell hatte er eine tiefe Rille gewetzt, in die er vorsichtig etwas von dem Mörtellöser kippte.
Katie spürte, wie sich der Gargoyle lockerte. Sie griff fester zu, beobachtete gleichzeitig mit Respekt vor der Säure, ob etwas davon seitlich hinter der Platte hervorfloss, was seltsamerweise nicht der Fall war.
»Er löst sich«, stellte sie fest.
»Ich versuche es weiter mit dem Spatel«, flüsterte Jack. »Hammer und Meißel könnte jemand hören.«
Er kratzte an den Seiten der Platte herum. Mörtelstaub rieselte entlang der Fassade den sehr langen Weg nach unten. Er war so fein, dass sie nicht hörten, wie er etwa dreißig Meter unter ihnen aufkam.
Katie unterstützte Jack, indem sie begann, am Gargoyle, der auf einer schon recht großen Fläche nicht mehr mit dem Gebäude verbunden war, zu ruckeln. Noch saß er fest.
»Ich komme neben dich!« Jack stand auf, quetschte sich in der Enge an Katie vorbei und kratzte und schabte nun von der anderen Seite.
»Warte!«, rief Katie leise, und Jack hielt inne. Außen war der Mörtel fast vollständig gelöst. Bewegung kam in die Figur, wenn Katie daran ruckelte.
Es war fast geschafft. Bald konnten sie den legendären Gargoyle mit nach Hause nehmen und sich einen Dämon ins Regal stellten.