Lone Shadow - Barry T. Bridge - E-Book
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Lone Shadow E-Book

Barry T. Bridge

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Beschreibung

Das Vis – so mächtig wie gefährlich, so verheißungsvoll wie zerstörerisch. Legenden flüstern von einer Zeit, in der die Naturgeister Fertilis beschützten. Doch nun scheint das Gleichgewicht zu kippen. In den Schatten wächst eine Bedrohung - ein dunkler Bund, der alles zu verschlingen droht. Shira, ein Mädchen, das ihre Fähigkeiten gerade erst entdeckt, muss ihren Platz in einer Welt finden, in der Freundschaft ein Luxus und Macht alles ist. Gefangen in einem Strudel aus Intrigen und dunklen Geheimnissen, lernt sie schmerzhaft, dass Vertrauen kostbar und Verrat tödlich ist. Auf der Suche nach der Wahrheit gerät sie ins Zentrum des finsteren Bundes und muss entscheiden: Rettet sie Fertilis – oder wird sie selbst zur Gefahr?

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Seitenzahl: 415

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für meinen Bruder

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

PROLOG

Seit mehr als dreihundert Jahreszyklen herrscht nun Frieden in Fertilis und die Friedensverträge der fünf Reiche werden von Generation zu Generation weitergegeben und neu gezeichnet. Unter den Augen der fünf Naturgeister muss ein jeder König den Bedingungen zustimmen und schwören, den Lebewesen im Sinne der Geister zu dienen.

Als Ergebnis des lang anhaltenden Friedens schlossen die Könige die Übereinkunft, dass der Glaube an die Geister in jedem Land ausgeübt werden darf, gleich welcher Geist es sein mag. Daraus entstand eine Vielzahl an verschiedenen Tempeln in den Ländern und die Priester verbreiteten in ihnen die unterschiedlichen Lehren der Geister.

Das Vis, ein Teil der Kraft der Geister selbst, existiert nach wie vor unter den Lebewesen von Fertilis, auch wenn es immer weniger besitzen und die meisten Bewohner es nur noch von Erzählungen kennen.

Durch den Rückzug der Erd- und Wassernymphen, die ohnehin dezimierte Zahl der Dezrá und die schrumpfende Bevölkerung der Zwerge haben die Menschen die Macht in Fertilis übernommen. Die Rassen leben friedlich in Einklang, doch es gibt einen Kult, der diesen Frieden gefährdet …

1.

Auch dieser Tag im Erdreich begann kühl und wolkenverhangen, trotzdem schimmerten die Bäume in den schönsten Farben. Ein sattes Rot vermischte sich mit Senfgelb und Kastanienbraun, während die ersten Blätter zu Boden fielen.

Burm betrachtete aus sicherer Entfernung die Situation. Inmitten der Felder und Wiesen lag ein kleiner Hof, der einfach, aber schön mit Blumen dekoriert war. Die Hochzeitsgäste waren schon eingetroffen, unter ihnen zwei seiner Krieger und Suani, die wahrscheinlich brutalste Kämpferin des Ordens. Sie war ein Zwerg mit kurzen roten Haaren, die ihren Kopf wie Feuer umloderten. Ihr Blick war stechend und durchdringend, was von ihrer robusten Bekleidung und den nackten Füßen ablenkte. Es war ihr wichtig, den Boden zu spüren, nur so konnte sie kämpfen. Ihre lederne Hose und die ärmellose Weste verbargen eine festliche Robe, die einer Hochzeit angemessen war. Die muskulöse Figur wurde durch das Gewand verdeckt, und als der Blick ihrer hellblauen Augen seinen kreuzte, bedeutete sie ihm, dass sie noch sprechen müssten. Burm begab sich zur Hochzeitsgesellschaft hinter dem Hof und konnte nun auch sehen, wo die Zeremonie stattfinden würde. Holzstühle in verschiedenen Größen und Farben waren aufgestellt und zwischen ihnen lag ein kurzer Gang. Dieser führte zu einem Blumenbogen, hinter dem ein Pult mit ein paar Pergamenten darauf stand. Es war für eine Hochzeit ein akzeptabler Rahmen, aber man sah, dass das Geld für mehr nicht reichte.

»Wie erbärmlich.«

Hinter ihm tauchte Suani auf, er reagierte aber nicht und blickte sich auch nicht um.

»Die anderen sind positioniert und getarnt?«

»Natürlich«, antwortete die Zwergin mit einer wegwerfenden Handbewegung.

»Du bist auch bereit und kannst dich beherrschen?«, ermahnte sie Burm.

»Was fällt dir ein!«, zischte sie.

Burm antwortete mit einem Lächeln, wodurch seine Wangenknochen stark hervortraten.

Er war ein dürrer Mann, der einen gebrechlichen Eindruck vermittelte. Keiner vermutete in ihm einen begnadeten Krieger, der im Gegensatz zu Suani auch ohne das Vis gut klarkam. Sein goldenes Haar verharmloste sein ganzes Erscheinungsbild noch mehr und förderte den Vorteil des Überraschungsmoments.

Der Blick des Mannes glitt über seinen eigenen Körper, der ihm in der ungewohnten Festkutte fremd vorkam. Er betrachtete die linke Hand und machte sich wieder bewusst, wie gefährlich seine Aufgaben waren und was auf dem Spiel stand. Der kleine Finger fehlte.

Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit in einem fast sicher gewonnenen Kampf hatte ihm dieses Andenken beschert.

Aus seinen Gedanken zurück bei Suani fuhr er fort:

»Noch einmal die genauen Infos zu dem Paar und den Gästen, bitte.« Er sprach gedämpft und monoton.

»Ein Mensch und ein Dezrá. Im Publikum sitzen ebenfalls Mischpaare und Rassen, die sich paaren wollen«, erläuterte sie verächtlich.

»Wie viele Dezrá sind es und haben sie Waffen, die ihren Elementen geweiht sind?«

»Mit dem Bräutigam nur drei und die einzige Person mit einer Geweihtenwaffe bin ich hier.« Die Zwergin grinste höhnisch.

»Gut, die Anweisungen stehen. Niemand bleibt übrig außer den Kindern, die können noch vor dieser Hirnseuche gerettet werden.«

Burm wollte gerade gehen, um noch weitere Informationen zu sammeln, als die Zwergin erneut ansetzte.

»Ich will den Priester! Er ist von einem Windtempel, wenn du verstehst.« Sie kicherte.

Sein Nicken war kaum zu erkennen, dann ging er ein gutes Stück nach hinten zu einer Eiche, um die Festivität aus der Entfernung zu beobachten. Suani war gut in dem, was sie tat, aber er hatte trotzdem Angst, wenn eine Waffe wie ihre anwesend war. Es gab sie zwar nicht mehr oft, aber wenn man erst einmal gegen eine kämpfen musste, half einem Lebewesen ohne das Vis nur noch die Flucht. Die Waffen waren eigentlich nur noch an königlichen Höfen oder der Akademie vertreten. Burm zog ein zerfleddertes Stück Pergament mit Notizen hervor und sah es sich an. Seine Angst vor diesen Waffen war so groß geworden, dass er ständig alles notierte, was er darüber erfuhr. Jemand anderes hätte ihn als paranoid bezeichnet, aber er ließ niemanden davon Wind bekommen.

Jede Waffenform möglich

Nur von Geweihten verwendbar

Ebenfalls in Elemente unterteilt

Können nur vom gleichen Element benutzt werden

Herstellung nicht möglich

Jede Waffe einzigartig

Herkunft?

Der letzte Punkt ärgerte Burm am meisten, da er mit einem Fragezeichen versehen war. Wenn er wüsste, woher sie kamen, würde er es vielleicht schaffen, eine Verteidigung gegen sie zu entwickeln, die jemand ohne das Vis benutzen konnte. Der Ordensanhänger war keineswegs neidisch auf Menschen oder andere Wesen mit dem Vis, er war so gut, dass er sie trotzdem besiegen konnte, aber es machte ihn verrückt, dass es diese Waffen gab.

Ein weiteres Mal wurde er aus seinen Gedanken gerissen, diesmal wurden die Gäste gebeten, ihre Plätze einzunehmen. Er reagierte zu langsam und ein Mann trat auf ihn zu. Als er Burm gerade bitten wollte, auch zu den Stühlen zu gehen, stockte er.

»Wer sind Sie denn? Ich kenne doch die ganze Hochzeitsgesellschaft.«

»Ich wurde nachträglich auf die Gästeliste gesetzt, ich bin ein Freund der Familie der Braut. Mein Weg war lang und man rechnete nicht mit meinem Erscheinen, doch hier bin ich«, entgegnete Burm, um einen freundlichen Ton bemüht.

»Dieser Freund des Bruders vermute ich?«, gab der Mann amüsiert zurück, klopfte ihm auf die Schulter und bat ihn, Platz zu nehmen.

Im gleichen Moment, als Burm nickend auf die Stühle zutrat, verstand er. Der Mann war der Bruder. Die Situation hatte der Krieger aber bereits überblickt und nutzte die Gelegenheit, dass sie die letzten beiden waren, die noch fehlten. Blitzschnell und mit einer lockeren Handbewegung zog er eines seiner Wurfmesser. Der Bruder konnte sich nicht einmal mehr in Richtung seines Angreifers drehen, da steckte die Klinge auch schon in seiner Kehle. Mit leisem Röcheln ging er am Stamm der Eiche entlang zu Boden, während das warme Blut den Hals herunterrann. Die Leiche war für Burms dürren Körper schwer, aber er zog sie wie einen Betrunkenen um das Haus des Hofes in einen kleinen Holzschuppen. Aufgrund der Entfernung zur Zeremonie und der nach vorn gerichteten Aufmerksamkeit der Gäste hatte ihn niemand bemerkt.

Werkzeuge und Geräte zum Bestellen der Felder waren im Schuppen gelagert. Mit einer Mistgabel wollte er einen Unfall vortäuschen, um den Tod zu erklären, doch die Zeit rannte ihm davon. Er deckte die Leiche des Mannes nur mit ein paar leeren Säcken zu, in denen zuvor Mais oder Stroh gewesen waren. Die Festrobe schmiss Burm in eine Ecke der Hütte, um nicht während der Zeremonie aufgrund der Blutflecke entlarvt zu werden. Die Tür hinter sich schließend, ging er gelassen, als ob nichts geschehen wäre, zurück. Die Festivität hatte offenbar bereits begonnen und Burm nahm einen leeren Stuhl in der letzten Reihe. Ein paar Kinder rannten noch aufgeregt an ihre Position, um nach der Zeremonie Blumen zu streuen. Es fiel niemandem auf, dass Burm keine Festrobe trug, da alle nur auf das Pult und das Brautpaar starrten.

Sie stand in einem schlichten braunen Kleid mit dunkelroter Schürze unter dem Bogen. Ihre schwarzen Haare waren geflochten und lagen auf ihrer Brust, die kaum zu erkennen war. Der Bräutigam hingegen war um einiges interessanter. Zwar nicht wegen seiner Robe, welche aus schwarzen Lederstiefeln, einer weißen Stoffhose und einem eleganten schwarzen Wams bestand, sondern weil er ein Dezrá war. Der Mann hatte wie jeder seiner Rasse eine anthrazitfarbene Haut, rote Augen und einen in die Länge gezogenen Kopf, wodurch das Gesicht schmal wurde. Das Beeindruckende aber waren die vier Arme. Zwei waren wie bei einem Menschen gewachsen, doch noch ein weiteres Paar befand sich links und rechts unterhalb des Brustkorbes. Sie waren nicht so lang und muskulös wie die oberen beiden, doch mussten sie extrem nützlich sein. Zudem sind die Angehörigen dieser Rasse im Normalfall größer als Menschen, sodass das untere Armpaar sowohl optisch als auch kräftemäßig etwa auf Menschenniveau lag. Es wäre ein angsteinflößender Anblick gewesen, wenn Burm nicht schon öfter mit Dezrá zusammengetroffen wäre.

Die Braut schien beunruhigt, ihr Blick suchte offenbar den fehlenden Gast, doch die Feier wurde fortgesetzt. Als das Ende der Zeremonie näher rückte, fiel plötzlich die Aufmerksamkeit der Gäste und des Brautpaares auf einen kleinen Jungen, dessen Kleider mit Blut besudelt waren. Heulend und voller Entsetzen berichtete er von seiner Entdeckung.

Das war ihre Gelegenheit! Anders als geplant rissen sich Suani und die weiteren zwei Krieger bereits jetzt ihre Tarnung vom Leibe. Unter ihren festlichen Roben kamen eng anliegende, unbequem wirkende Monturen zum Vorschein, die voll mit Messern, Dolchen und weiteren Waffen waren. Burm blieb noch einen Moment sitzen und beobachtete Suani, die ihr Vis aktivierte.

Wie jedes Mal war es für ihn ein sehenswertes Ereignis. Ihre Augäpfel verfärbten sich komplett in ein dunkles Violett, was ein Zeichen dafür war, dass sie dem Windgeist geweiht war. Um ihre Füße bildeten sich ebenfalls violette Rauchschwaden, die sich wie dünne Schleier bis zu ihren Knien hochschlängelten und sich dann von ihr lösten. Burm wusste, dass die Schleier im Gegensatz zur Verfärbung der Augen nur dann auftauchten, wenn das Vis in Gliedmaßen konzentriert wurde. Der stille Beobachter sah die violetten Rauchschwaden und die Zwergin übernatürlich schnell und mit dem Auge fast nicht mehr erkennbar in Richtung Brautpaar schießen. Nicht im Geringsten verstehend, was soeben geschah, glotzten die fast frisch Vermählten die Zwergin mit großen Augen an, während der Priester das Weite suchte.

»Ihr und eure Freunde widert mich an! Es ist falsch, unsere Rassen zu kreuzen, deswegen erlöse ich euch hiermit im Namen des Ordens der Hoffnung!«

Die violetten Schleier waren mittlerweile an Suanis Händen angelangt. Mit kräftigen Stichen stieß sie dem Brautpaar zwei ihrer Dolche ins Herz, während sie nach oben sprang. Als Burm das Spektakel fertig betrachtet hatte, machte er sich daran, selbst ins Geschehen einzugreifen. Er zog zwei Einhandschwerter, jeweils mit zwei Holzspitzen am Ende der Parierstangen. Die restlichen Krieger des Ordens hatten schon gute Arbeit geleistet und achteten darauf, dass keiner entkam. Wer floh, ging wenig später mit einem Wurfmesser im Rücken zu Boden. Als Burm sich in die Menge stürzte und die ersten durch seine Schwerter zu Boden gingen, sah er aus dem Augenwinkel, dass der Priester und andere Leichen tiefe Schnitte über ihren Fersen trugen.

»Sie kann es nicht lassen«, murmelte er vor sich hin.

Aufgrund ihrer Größe und Flinkheit liebte es Suani, ihren Opfern zuerst die Sehnen in den Füßen zu durchtrennen, wodurch sie zusammensackten und es schließlich ein Leichtes war, sie zu töten.

Fast alle Gäste waren nun tot, nur zwei Dezrámänner wehrten sich noch mit stumpfen Äxten und Stecken, die sie aus dem Schuppen hatten holen können. Burm lockte die Männer mit wildem Geschrei zu sich, da die anderen Ordensanhänger nicht mit ihnen fertig wurden. Er stellte sich in die Mitte zwischen die Angreifer und rammte seine Schwerter nebeneinander in den weichen Boden. Dann betätigte er am Knauf seiner Waffen jeweils einen Knopf und die Holzspitzen aus den Parierstangen rasten in Richtung der Vierarmigen. Auf Höhe der Oberschenkel drangen die Holzgeschosse ein und hinterließen zwei große Löcher, aus denen das hellgrüne Dezráblut austrat. Einer der beiden ging sogleich zu Boden und wurde von Suani erledigt, während der andere mit großer Mühe auf Burm zusteuerte. Mit Leichtigkeit zog dieser eines seiner Schwerter aus dem Boden und stieß es dem Mann in die Brust. Zufrieden betrachteten die vier ihr Massaker, als ein Kind auf Suani zulief. Der Junge, nicht älter als elf Jahreszyklen, ging mit einem spitzen Stein auf sie los, da sie für ihn von der Größe her am besten zu erreichen war. Als der schwache Schlag sie am Rücken traf, zog sie, ohne zu zögern, ihre Zweihandaxt, die umhüllt von violettem Rauch war, ihre Geweihtenwaffe. Mit einer schnellen Bewegung drehte sie sich um und teilte den Körper mit einem präzisen Hieb in zwei Teile, die vor ihr auf den Boden fielen. Eines der Ordensmitglieder übergab sich, während Burm Suani die Missachtung des Befehls vorhielt, die ihm mit wegwerfender Handbewegung den Rücken kehrte und in das Haus ging. Er erschauderte, aber nicht etwa wegen des Jungen, sondern wegen dieser Axt, die seine Angst verkörperte. Die Schleier blieben nicht wie bei normalen Waffen am Körper, sondern griffen auf die Waffe über, die dadurch einen bedrohlichen Lichtschein annahm.

Im Haus war in einem kleinen Speisezimmer ein Buffet aufgebaut, welches als Hochzeitsmahl hätte dienen sollen, jetzt aber zu einem Leichenschmaus, wie es Suani nannte, umfunktioniert wurde. Die vier Ordensanhänger aßen die frischen Salate, Suppen, Brot, Käse, Gemüse, Braten und noch vieles mehr, um ihren Triumph zu feiern, den der dürre Befehlshaber aber immer wieder dämpfte, indem er ihnen die Tat der Zwergin ins Gedächtnis rief.

»Die Toten bleiben unberührt liegen, um ein Zeichen für jeden zu setzen, der es wagt, sich rassenfremd zu vermählen. Die gefangenen Kinder werden ins nächstliegende Versteck gebracht.«

Ehrfürchtig betrachteten die Krieger mit Ausnahme von Suani Burm, der seine Schwerter an den Parierstangen wieder mit Holzgeschossen befüllte.

»Wie kann man nur seine Rasse verraten? Nicht umsonst sind wir unterschiedlich! So eine Unzucht ist nicht vorgesehen! Außerdem seid ihr Menschen doch hässlich wie die Nacht.«

Die Zwergin biss in einen Hähnchenschenkel und die Tür hinter Burm, der am Kopf des Buffets saß, öffnete sich. Eine Frau, bekleidet mit einer schwarzen Kutte, kam herein und mit ihr trat der Gestank von Blut in den Raum.

»Ich habe dich erwartet.« Burm lächelte müde.

Unterdessen sprangen die anderen Männer auf und zückten ihre Waffen. Die Frau lächelte ebenfalls.

»Setz dich und trink einen Schluck Wein mit uns. Ein leichter. Gut zu verdauen«, bot Burm an und nahm einen großen Schluck. Der Geruch der Traube stieg in seine Nase und er gurgelte den Wein einen kurzen Moment im Mund, damit sich das Aroma entfaltete.

»Wie ich sehe, hattet ihr Erfolg, was aber auch nicht anders zu erwarten war. Feo schickt nach dir.«

Bei der Nennung dieses Namens setzte Burms sonst so ruhiges Herz einen Schlag aus. Das Ordensoberhaupt persönlich verlangte nach ihm. Er könnte nun endlich die Anerkennung bekommen, die er sich wünschte. Mit geschwollener Brust und bemüht ruhigem Ton antwortete er:

»Was wünscht unser Herr?«

»Er möchte dich zu seiner rechten Hand erklären. Wir erhielten vor Kurzem die Information, dass im Feuerreich Ria gesichtet wurde. Bei ihr sind drei Kinder. Ein Junge und zwei Mädchen.«

Die Schauer auf seinem Rücken schienen kein Ende zu nehmen und er konnte sein Herz kräftig schlagen hören.

»Du weißt, was zu tun ist. Viel Spaß dabei!«, endete die Botin glücklich.

»Endlich«, seufzte Burm.

2.

Ein lautstarkes Trampeln weckte Shira an diesem Morgen. Als sie die Augen öffnete, sah sie noch nicht ganz klar. Das grelle Sonnenlicht blendete sie, aber langsam nahm ihr Zimmer Gestalt an. Es hatte nur ein Fenster und mehr als drei Betten und ein kleiner Schrank passten nicht hinein. Sie musste sich das Zimmer mit zwei weiteren Kindern teilen, Runa und Kero. Alle drei waren sie Waisen und wuchsen bei einer Bordellverwalterin am Rande eines kleinen Dorfes in der Nähe von Taír, im Feuerreich, auf.

Nun konnte Shira endlich sehen, wer den Lärm verursacht hatte. Runa stand am Fenster. Ihr Körper war noch recht kindlich im Vergleich zu Shiras, obwohl Runa schon einen Frühling mehr, den vierzehnten, um genau zu sein, erlebt hatte. Ihr freudestrahlendes Gesicht schmückten volle rote Lippen und fast genauso rote Wangen.

»Wacht auf, wacht auf! Es wird wieder schön draußen, es hat aufgehört zu regnen!«

Da flog auch schon ein Kissen in Runas Richtung. Es war Keros. Er war der Älteste von ihnen und erlebte nun schon seinen fünfzehnten Sommer. Seine Haare waren schwarz wie Kohle und sahen durch den schlechten Schnitt immer so aus, als wäre er gerade erst aufgestanden. Sein Gesicht zierte, wie er es nennen würde, eine Narbe über dem linken Auge, was den leidenden Ausdruck seiner Augen nur noch stärker hervorhob. Er sah abgemagert aus, wodurch die Arme etwas zu lang wirkten und seine Beine wie verdorrte Stecken erschienen.

Runa ignorierte das Kissen, fing an, sich anzuziehen und ihre goldenen Haare zu bürsten, die noch ganz zerzaust vom Schlaf waren. Aus dem Holzschrank holte sie sich ihr ausgewaschenes gelbes Lieblingskleid, das ihr etwas zu groß war, dann zog sie sich ihre braunen Schuhe an. Kero machte sich ebenfalls fertig, warf sich ein braunes Wams über und sprang im Laufen in seine Stoffhose und seine Stiefel. Als die beiden das kahle Zimmer verlassen hatten, machte sich auch Shira daran aufzustehen. Ihr Bett stand direkt neben der morschen Tür, welche wiederum gegenüber dem Fenster lag. So konnte sie sich fast komplett gespiegelt sehen. Sie hatte lange Beine und ihr dünner Körper fing langsam an, weibliche Formen anzunehmen. Mit ihren indigoblauen Augen betrachtete sie ihren wohlgeformten Mund, ihre etwas spitz zulaufende Nase und ihre niedrige Stirn. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie es gar nicht wahrnahm, wie Kero das Zimmer wieder betrat. Er legte ihr behutsam eine Hand auf die Schulter, woraufhin sie erschrak.

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken, aber magst du nicht auch kommen?«, sagte er mit tiefer Stimme und lächelte sie an.

Es war noch ungewohnt, ihn mit solch einer tiefen Stimme zu hören, doch sie hatte gehört, es sei normal, dass dies irgendwann bei Jungen geschieht.

Sie nickte und zog eine braune Stoffhose, ein dunkelgrünes Wams und viel zu große Lederstiefel an. Die Gewänder hatten ursprünglich einem jungen Mann gehört, aber da nur sehr wenig Geld vorhanden war, konnten sie sich keine neuen Kleider leisten. Ihre schulterlangen schwarzen Haare, welche ihre blassen Wangen betonten, band sie wie immer zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen und ließ jeweils eine Strähne links und rechts an ihrem Gesicht herunterhängen. Sie erinnerte sich noch gut an den Tag, als sie das Band mit den zwei schwarzen Perlen gestohlen hatte. Bis heute hatte sie niemandem davon erzählt.

Als sie in die Küche kam, die ebenfalls nicht sonderlich groß war, waren Kero und Runa schon beim Frühstücken, während Ria einen Topf abwusch. Neben dem Becken war ein Ofen, der mit kleinen Holzscheiten gefüllt war, und um den Tisch in der Mitte des Raumes standen Schränke und Regale. Außerdem gab es eine kleine Arbeitsfläche. Es war nicht viel und auch nicht hochwertig, doch es reichte der kleinen Familie.

»Guten Morgen, Shira, hast du gut geschlafen?«, fragte die Erwachsene in einem zuneigungsvollen Ton. Sie trug, wie so oft, eines dieser tief ausgeschnittenen Kleider, die bis zum Boden reichten und ab der Taille abwärts etwas locker saßen. Ria war eine große Frau mit muskulösen Armen und breiten Schultern. Shira verstand mittlerweile, was Rias Beruf war, wusste aber nicht genau, ob sie ihren Worten Glauben schenken konnte, wenn sie sagte, sie würde sich nur um das Geschäft rund um das Bordell kümmern und auf die Mädchen achtgeben.

»Ja …«, wollte Shira gerade mit ihrer Antwort beginnen, als ihr Runa ins Wort fiel und die Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Beeil dich, Shira, wenn wir nicht schnell genug sind, sind vielleicht schon andere an unserem Baum und nehmen uns die Kastanien weg.«

Shira wusste natürlich, was sie meinte, denn jeden Herbst ging es darum, die schönsten und besten Kastanien zu sammeln, und das wollten die drei nicht versäumen.

»Du willst aber nicht in dem Kleid nach draußen gehen, junge Dame?! Wir haben Herbst! Das ist viel zu kalt«, mahnte Ria das aufgeweckte Mädchen mit den kastanienbraunen Augen, die durch die langen Wimpern und dünnen Augenbrauen eindrucksvoll zur Geltung kamen.

Sie war zwar nicht ihre Mutter, doch kümmerte sie sich um die drei, als ob sie ihre eigenen Kinder wären. Ria versuchte, sie zu verwöhnen, wo es nur ging, mit dem wenigen Geld, das sie zur Verfügung hatte. Auch wenn das hieß, dass sie eine nicht sehr hoch angesehene Arbeit ausüben musste. Ihre mütterliche Zuneigung traf bei allen dreien auf Dankbarkeit und sogar ihre Erziehung schien zu fruchten, was sich mit zunehmendem Alter immer öfter bemerkbar machte.

Als Shira fertig gegessen und ihr Geschirr abgeräumt hatte, machten sie sich auf in Richtung des nahegelegenen Waldes. Es war frisch geworden, aber die Sonnenstrahlen auf der Haut wärmten genug, um nicht zu frieren. Gerade Runa kam das gelegen, da sie sich trotz der Mahnung nur in ihrem Kleid davongeschlichen hatte. Auf ihrem Weg mussten die Kinder einmal durch das ganze Dorf hindurch und trafen dabei auf viele bekannte Gesichter. Die einen mit einem freundlichen Lächeln, die anderen mit einem abwertenden Blick.

Vor ein paar Sommern hatte Shira mitbekommen, wie sich ein paar Dorfbewohner stritten. Es ging um sie und ihre zwei Freunde. Worte wie Schande und Demütigung waren auf der einen Seite gefallen, während andere die Kinder verteidigten und für sie einstanden. Die Kinder würden nichts dafür können, dass sie keine Eltern mehr haben, und dass man es respektieren sollte, dass sich jemand anderes ihrer annahm, hieß es. Doch der Großteil der Einheimischen einigte sich darauf, dass eine zugezogene Fremde, die die Verwaltung des ohnehin schon verhassten Bordells übernahm, nur Geld im Sinn haben konnte und keineswegs das Wohl der Kinder. Außerdem wurden Shira, Kero und Runa von manchen als uneheliche Missgeschicke verhöhnt, aus denen bei dieser Voraussetzung sowieso nichts werden konnte. Nach diesem Streitgespräch wurde es anderen Kindern sogar verboten, mit ihnen zu spielen.

Am Baum angelangt fingen die Heranwachsenden gleich zu suchen und zu sammeln an. Sie waren die Ersten und das mussten sie ausnutzen. Die zwei Mädchen beschäftigten sich mit den Kastanien am Boden und versuchten dort, die am schönsten geformten zu finden. Kero hingegen packte einen Stock und versuchte, die Kastanien vom Baum zu holen, die noch nicht abgefallen waren. Er schleuderte den Ast mehrmals in den Baum hinein, woraufhin immer mehr Kastanien herabprasselten. Es war ein wunderschönes Bild, wie nicht nur die Kastanien, sondern auch die bunten Blätter zu Boden tanzten und die Kinder sich austobten.

Als alle Taschen voll waren und Kero die Lust verlassen hatte, schlug er vor, noch weiter in den Wald hineinzugehen, um zu spielen. Es war zwar nicht sein Hauptanliegen, ein Spiel zu spielen, aber er wusste, dann würden die Mädchen mitkommen. Er liebte es, im Wald auf Bäume zu klettern und neue Verstecke oder Lichtungen zu entdecken. Ein einfaches Schere, Stein, Pergament entschied, dass sie Verstecken spielten und Runa suchen musste. Shira kam sich zwar mittlerweile etwas zu alt für das Spiel vor, aber sie genoss es, sich bei solch einem Wetter im Wald aufzuhalten. Das Laub rascheln zu hören, das Moos zu riechen und auch das ein oder andere Tier zu sehen, war Balsam für die Seele. Jeder Atemzug in der Natur fühlte sich für das Mädchen an, als würde sie ihren Körper von innen reinigen. Außerdem straften die Bäume sie nicht mit urteilenden Blicken. Der Wald war beinahe wie ein zweites Zuhause für Shira.

Kero nahm das Spiel nicht so ernst und versuchte nur, so schnell wie möglich in eine Richtung zu laufen, in der er zuvor vielleicht noch nie gewesen war. Um ihn herum waren so viele Bäume, dass er das Ende des Waldes schon nicht mehr sehen konnte. Geschickt kletterte er auf einen kleinen, mit Moos bewachsenen Hügel, der wohl aufgrund eines umgestürzten Baumes entstanden war. Er sah in die Ferne und bewunderte die Sonnenstrahlen, die die Baumkronen durchbrachen, als etwas an seiner Tasche zog und ein paar der Kastanien herausfielen. Der Junge drehte sich vorsichtig um und im ersten Moment war er starr vor Schreck. Ein junger und anmutiger Hirsch stand direkt vor ihm und zog erneut an seinen Taschen. Kero konnte sich nicht erklären, was das sollte, doch als ein paar weitere Kastanien aus der Tasche fielen und der Hirsch sie gierig verschlang, verstand er. Der Junge griff mit seiner Hand nach noch mehr Kastanien, um sie an das Tier zu verfüttern. Der Hirsch war für sein Alter groß und prächtig. Über seine kräftigen Muskeln spannte sich ein feines hellbraunes Fell. Sein Geweih war noch nicht ganz ausgeprägt, flößte Kero aber trotzdem etwas Angst ein.

Der Junge ging vorsichtig in die Knie, griff zu einem Stock und schrieb etwas in den Boden. Dann legte er seine Hand über das Geschriebene und ein grünliches Licht erstrahlte unter seiner Handfläche. Die Schrift im Boden fing an sich zu drehen und sammelte sich zur Mitte hin wie in einem Strudel aus Wasser. Als alle Wörter in der Mitte angekommen waren, bildete sich eine kleine Kugel, deren eine Hälfte sich im Boden befand, während die andere über die Erdoberfläche hinausragte und den Boden wölbte. Kurz bevor das Licht erlosch und Kero sich wieder aufrichtete, murmelte er Shira und die Kugel bewegte sich wie durch Geisterhand über den Waldboden. Die Nachricht sah aus, als würde sich ein Maulwurf ganz knapp unter der Erdoberfläche fortbewegen, nur dass die Nachricht keine Schneise hinterließ. Hoffentlich hatte sich Shira gut versteckt, nicht dass Runa noch etwas mitbekommen würde.

Shira hatte ein Versteck am Waldrand gewählt. Sie lehnte sich an einen großen Stein und sah in Richtung der Felder, um die Aussicht zu genießen. Die meisten Wiesen und Äcker waren schon abgeerntet und sie konnte den Blick weit schweifen lassen. Vereinzelt entdeckte sie noch Mais- und Kartoffelfelder. Am besten gefiel ihr jedoch, dass die Früchte der Apfel- und Birnenbäume ihre kräftigen Farben annahmen und den rauer werdenden Witterungsbedingungen trotzten.

Als sie etwas am Fuß berührte, zuckte sie zusammen. Sie sah, wie eine halbe Kugel neben ihr zum Stillstand kam. Ihr war sofort klar, dass die Nachricht von Kero sein musste, da sie sonst niemanden kannte, der solche Botschaften schicken konnte. Shira wusste noch genau, wie sie zum ersten Mal eine Nachricht bekommen hatte. Es war im Frühling desselben Jahreszeitenzyklus gewesen. Das Wetter war schlecht und sie alle waren zu Hause. Runa hatte gerade ihr Lieblingskleid geschenkt bekommen, während Kero und sie in der Küche saßen und aus Langeweile auf den Rückseiten von alten beschrifteten Pergamenten herummalten. Das grüne Licht erregte ihre Aufmerksamkeit und sie beobachtete, wie Kero die Hände über einem Blatt ausbreitete. Als eine Kugel vor ihr auf dem Tisch zum Stillstand kam, erklärte Kero ihr, dass er zufällig beim Lesen eines Steckbriefes, den er auf der Straße gefunden hatte, entdeckt hatte, dass er Energie in seine Hände leiten konnte und diese dann leuchteten. Shira verstand nicht, was er meinte, und er selbst vermutlich auch nicht so recht, aber in diesem Moment war sie zu fasziniert, um über etwas anderes nachzudenken. Der Junge mit den grünen Augen erklärte ihr weiter, dass er seitdem mit seiner Entdeckung heimlich herumexperimentiert hatte und dass das Geschriebene nur dann zu einer Kugel wurde und hinwegeilte, wenn er ihren Namen laut aussprach.

Wie damals im Haus auch tippte sie einfach die Kugel an. Shira wusste nicht, was der Grund war, aber die Kugel versank im Boden und Keros Schrift war deutlich zu erkennen:

Bin tiefer im Wald! Hirsch bei mir! Beeilung!

Das Mädchen verwischte die Worte schnell und wollte gerade loslaufen, als sie Runa hinter sich entdeckte.

»Wie lange stehst du schon hinter mir?«, fragte sie zögerlich.

»Lange genug, um das mit der Kugel zu sehen. Was ist das?«, erwiderte Runa empört.

»Das kann ich dir nicht erklären, aber bitte sag niemandem etwas davon«, flehte sie die Ältere an.

Shira stotterte unbeholfen, dass sie schnell zu Kero gehen sollten, um einen Hirsch zu sehen. Die Ablenkung war nicht gut, doch sie reichte aus. Mit dem älteren Mädchen an der Hand lief sie weit in den Wald hinein, obwohl sie überhaupt nicht wusste, in welche Richtung sie laufen musste, aber da übernahm auch schon Runa die Führung. Sie erklärte, dass sie bereits den Bereich abgesucht habe, in den Shira laufen wollte, und dass Kero nur noch links von ihnen sein konnte. Kaum dass sie Kero und den Hirsch endlich aus der Ferne sehen konnten, war Runa auch schon bei ihnen und versuchte, das Tier ebenfalls zu füttern. Der Hirsch schien zunächst verschreckt, aber als er noch mehr Kastanien erblickte, war die Furcht schnell genommen. Nun wollte Shira ihn füttern. Sie griff in ihre Tasche und streckte dem Hirsch ein paar Kastanien mit flacher Hand entgegen. Im Gegensatz zu den anderen beiden beschnupperte der Hirsch sie erst einmal gründlich. Dann ging er ein paar Schritte zurück, röhrte, senkte leicht den Kopf, sodass sein Geweih nach vorne wies und schien Shira angreifen zu wollen. Er gab bedrohliche Geräusche von sich und scharrte mit seinem linken Huf am Boden. Shira lief ein Schauer über den Rücken, als sie das mächtige Tier so aufbrausend vor sich sah. Kero stellte sich ihm mutig in den Weg. Als der Hirsch ihm in die grün funkelnden Augen sah, machte er kehrt und floh im Galopp tief in den Wald, doch sein Röhren war noch lange zu hören.

»Alles in Ordnung? Geht´s dir gut?«, fragte Runa besorgt.

»Hab ich was falsch gemacht?«, erkundigte Shira sich mit zitternder Stimme, nickte aber.

»Eigentlich nicht, du hast das Gleiche getan, wie wir auch«, antwortete Kero kopfschüttelnd.

»Er war bestimmt nur überfordert, weil wir zu dritt waren«, warf das ältere Mädchen lächelnd ein.

Auf dem Weg nach Hause sprach keiner ein Wort und Shira hoffte, dass das auch so bleiben würde, da sie dem Jungen noch nichts davon erzählt hatte, dass Runa sie ertappt hatte. Erst vor dem Abendessen erzählte Shira Kero davon. Der Junge war sichtlich sauer, wusste aber, dass er genauso schuld war. Wie die beiden es erwartet hatten, konnte Runa nicht schweigen und petzte natürlich alles sofort Ria. Somit stand ihnen ein unangenehmes Gespräch bevor.

»Wie lange wolltet ihr mir das verheimlichen?«, begann Ria in einem überraschend verständnisvollen Tonfall, während ihre braunen Augen liebevoll schimmerten.

»Shira kann nichts dafür. Ich hab sie gebeten nichts zu sagen, weil ich derjenige bin, der die Nachrichten verschicken kann, und sie kann sie nur lesen«, nahm Kero sie sofort in Schutz, was dem Mädchen zwar schmeichelte, aber ihr auch kein besseres Gefühl gab.

»Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht sauer auf euch, aber enttäuscht. Ich dachte, ihr kommt zu mir und wir können über alles reden«, warf Ria mit leicht bedrückter Stimme ein, ohne auf Kero einzugehen.

Kero und Shira starrten beschämt zu Boden und wussten nicht, was sie erwidern sollten. Die Frau mit den dicken und langen braunen Haaren bemerkte, dass es ihnen unangenehm war, und wollte es mit diesem Tadel belassen.

»Wie bist du darauf gekommen, dass du solch eine Gabe besitzt?«, erkundigte sich Ria nun interessiert bei Kero, was ihn so erfreute, dass seine Bedrückung fast verflog. Er erklärte ihr die ganze Geschichte mit den Pergamenten und mit seinen heimlichen Experimenten. Während er erzählte, fiel Shira auf, dass Ria wenig beeindruckt von seiner Geschichte schien, und sie wurde misstrauisch. Als der Junge fertig erzählt hatte, hakte sie bei ihrer Ziehmutter nach, ohne Ria auch nur auf Keros Geschichte antworten zu lassen.

»Was weißt du darüber?«

Ria lächelte mit ihren vollen Lippen und ihre Wangen röteten sich dabei leicht.

»Du hast also bemerkt, dass ich nicht sehr überrascht bin. Ich wollte euch eigentlich, so lange es geht, von dieser Sache fernhalten, aber es scheint mir, als müsste ich euch etwas über unsere Welt erzählen.«

Die drei liebten es, Geschichten zu hören, egal ob es um die tatsächliche Geschichte ihrer Welt oder nur um ein Märchen ging.

Sie rückten ganz nahe zusammen, Runa holte noch eine Decke und wickelte sich mit den anderen zwei darin ein.

»Ich weiß auch nur das darüber, was die Allgemeinheit spricht. Jedenfalls ist das, wovon wir sprechen, das Vis. Es ist eine immer seltener werdende, angeborene Macht, welche nicht nachträglich erlangt werden kann. Nur Geweihte, so werden die Träger genannt, haben es in sich, weshalb es auch etwas sehr Besonderes ist. Das Vis wird in zwei verschiedene Arten unterteilt, weswegen manche es als Fluch und nicht nur als Segen bezeichnen. Auf der einen Seite kann es Lebewesen bemächtigen, Magie zu erlernen, auf der anderen Seite stattet es Lebewesen mit Kräften aus, um ihre Schöpfer, die Naturgeister der fünf Elemente, zu verteidigen. Zu welcher Sorte man erkoren wird, kann man nicht beeinflussen. Einem Kämpfer ist es jedoch nicht möglich, Magie auszuüben, und einem Magier ist es nicht gestattet, das Vis zum Kämpfen zu missbrauchen. Von den Nachrichten, die Kero schickt, weiß ich, dass sie nur zwischen Geweihten desselben Elements versandt werden können.«

»Wer sind die Naturgeister?«, fiel ihr Kero ins Wort, der sich vor Begeisterung kaum halten konnte.

»Wer die Naturgeister sind, kann ich dir nicht sagen, aber die meisten Lebewesen glauben an sie und beten in Tempeln zu ihnen. Es gibt fünf Elemente und zu Ehren der Geister wurde jeweils ein Land in Fertilis nach ihnen benannt. Das Feuerreich, in dem wir leben, das von König Jotam regiert wird, das Windreich, in dem König Neus herrscht, das Wasserreich, über das König Rimaro regiert, das Erdreich, in dem König Ahab herrscht, und zuletzt das Blitzreich, das von König Ieri regiert wird. Die Könige sollten ursprünglich die Geister vertreten, bis sie eines Tages wieder zurück auf unsere Welt kehren. Heute aber hat die Position eines Königs nichts mehr mit dem Glauben an die Geister zu tun. Sie interessieren sich nur für Macht. Den Glauben an die Geister aufrechtzuerhalten und die Geschichten und Lehren, die sie uns hinterlassen haben, zu verkünden ist jetzt Sache der Priester in den verschiedenen Tempeln. Ich schweife aber ab, über diese Themen müsst ihr euch nun wirklich nicht den Kopf zerbrechen. Ihr habt das Glück, in einer friedlichen Welt aufzuwachsen, und ich wollte euch so lange wie möglich von diesen komplizierten Dingen fernhalten, da die Dorfbewohner sicherlich noch nie das Vis erblicken durften und sie uns ohnehin nicht gut gesonnen sind.« Mit diesen Worten beendete Ria ihre kurze Geschichte.

3.

Seit Ria und Runa erfahren hatten, dass Shira und Kero den Geistern geweiht waren, waren ein paar Tage vergangen. Ria hatte ihnen versprochen, sie zu unterstützen und herauszufinden, was für eine Art Geweihter sie waren, Krieger oder Magier.

Heute kam die Adoptivmutter erst am frühen Morgen nach Hause, da Bosz, der Bordellbesitzer, Ria viel Verantwortung übertragen hatte und die Arbeit sie somit ständig beanspruchte. Als sie das Haus betrat, wachten die drei auf. Sie schliefen nie gut, wenn sie wussten, dass Ria nicht zu Hause war.

Die Frau war sehr erschöpft, was man an den dunklen Augenringen und der Frisur erkannte. Ihr sonst hübsch gewelltes Haar stand in alle Richtungen ab und kräuselte sich zu kleinen Locken.

»Guten Morgen, meine Lieblinge, hab ich euch etwa geweckt? Das tut mir leid«, sprach sie leise zu den dreien, die in ihren Schlafgewändern in der Tür zu ihrem Zimmer standen. Ria bemühte sich stets um einen liebevollen Umgangston und stellte ihr eigenes Wohl gerne hinter das ihrer drei Liebsten.

»Heute Nachmittag bekommen wir übrigens Besuch von einem Priester, der wird euch zwei helfen können«, fuhr sie an Kero und Shira gewandt fort, bevor sie sich in ihr Zimmer begab, um zu schlafen.

»Ein echter Priester. Wow! Ob der uns wirklich sagen kann, welche Art des Vis wir besitzen und welchem Geist wir angehören?«

»So wie Ria das erklärt hat, müsstet ihr dem gleichen geweiht sein, sonst könntet ihr euch keine Nachrichten schicken.«

Runa hatte recht. Shira hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, aber die Tatsache, dass sie Keros Nachrichten lesen konnte, bedeutete, dass sie dem gleichen Element geweiht sein mussten.

Der Vormittag verlief unruhig. Kero konnte vor Aufregung nicht stillhalten und rannte durch das ganze Haus, um Ablenkung zu finden, bis der Priester eintraf. Runa hingegen zog sich etwas zurück und las in einem Buch. Sie vermittelte den Eindruck bedrückt zu sein, weil sie normal war. Shira selbst spielte in ihren Gedanken durch, welche Art des Vis sie gerne haben würde, was das für ihre Zukunft bedeuten könnte und ob sie überhaupt für solch eine Veränderung bereit war. Eigentlich war sie nicht wie die anderen Mädchen, die gerne in Kleidern herumsprangen und Prinzessin spielten. Sie hatte Gefallen daran, mit den Jungen im Wald Krieg zu spielen oder auf Bäume zu klettern. Kero war dabei ihr großes Vorbild, da sich dieser geschickt wie kein anderer und lautlos bewegen konnte. Beeindruckt war das Mädchen aber auch jedes Mal aufs Neue, wenn ihr ein Mann mit einem Schwert oder einer Axt begegnete und er eine Rüstung trug. Ob das ein Zeichen für ihre Bestimmung war?

Ria war inzwischen wieder aufgewacht und sah etwas frischer aus.

Wie jedes Mal, wenn sie solch eine lange Nacht hinter sich hatte, entschuldigte sie sich mehrfach bei ihren Kindern.

Das Klopfen an der Tür ließ Kero in seiner Bewegung erstarren. Er ließ alles stehen und liegen und rannte los. Als er die Türe öffnete, stand ein älterer Mann davor, der in einen alten, dreckigen dunkelroten Mantel gehüllt war. Sein Gesicht durchzogen zornige Falten und sein Schädel war nahezu kahl. Er hatte dichte krause Augenbrauen, die sich in der Mitte fast trafen. Seine große, breite Nase sah aus, als hätte er sich geprügelt, und unter dem Mantel ragte ein großer Bauch hervor.

»Schön, dass Sie es geschafft haben«, begrüßte ihn Ria, die hinter Kero auftauchte und den Mann hereinbat.

Noch während Kero seine Schwestern aufgeregt in die Küche rief, steckte Ria dem Priester ein großes Säckchen voller Silberstücke zu. Dieser wog den Beutel sogleich kritisch in der Hand ab und warf Ria einen zweifelnden Blick zu, welche ein paar weitere Münzen geschickt in seinem Mantel verschwinden ließ, sodass Kero es nicht mitbekam.

Der Priester breitete ein paar Glasgefäße mit Flüssigkeiten und Kräutern auf dem Küchentisch aus, nachdem sie gemeinsam durch den Vorraum gegangen waren. Shira und Runa waren inzwischen ebenfalls in die Küche gekommen und warteten gespannt auf die nächsten Schritte.

»Ich bin ein Priester aus einem Tempel hier im Feuerreich, nicht weit von Taír, und wir verehren dort den Geist des Wassers. Geweiht bin ich ebenso dem Wassergeist und als einer der Ältesten des Tempels praktiziere ich sehr fortgeschrittene Magie. Ria hat mich gerufen, um zweien von euch zu helfen. Sie meinte, ihr habt vermutlich auch das Vis.«

Ehrfürchtig schauten die Jugendlichen den Priester an, der langsam und erhaben sprach.

»Zunächst aber möchte ich euch erklären, wie die Magie funktioniert. Unabhängig davon, welche Art von Vis ihr besitzt, müsst ihr das Grundprinzip verstanden haben. Das magische Vis, das ein Geweihter besitzt, ist nämlich von Person zu Person unterschiedlich. Manche haben mehr Energie als andere und können deswegen auch mächtigere Zauber anwenden. Die Magie sitzt im Körper des Menschen fest und sie freizusetzen, nun, das ist, was wir als Magie bezeichnen. Die Kunst ist es, das Vis in der jeweils richtigen Menge freizugeben. Ein einfaches Ausschütten der Energie führt zu keinerlei Ziel. Die wichtigsten Instrumente zur Freisetzung sind die Hände eines Magiers. Ein Zauber entsteht, wenn eine Person in gewissen Abständen die Energie durch die Arme in die Hände und dann aus den Fingern leitet. Hier kommt nun das Schwierige an der Sache. Jeder Finger hat seinen eigenen Zweck und je nachdem, aus welchen Fingern, in welchen Abständen, in welcher Stärke und in welcher Reihenfolge die Energie fließt, entstehen die unterschiedlichsten Zauber. Der Zauber, mit dem man Botschaften schicken kann, ist einer der einfachsten, weil durch alle Finger gleichzeitig Energie ausgeschüttet wird. Die Schwierigkeit besteht nur darin, es zum gleichen Zeitpunkt zu schaffen und auf das gewünschte Objekt zu zielen. Schwierigere Zauber verlangen perfekte Selbstbeherrschung. Ein kleines Zögern reicht und der Magiefluss wird so verändert, dass furchtbare Sachen geschehen können. Es ist schwer zu verstehen, das weiß ich, aber es ist wichtig, um Magie praktizieren zu können. Wie ich gehört habe, hast du es ja schon geschafft, eine Botschaft zu verschicken?«, fragte er an Kero gewandt.

Kero war völlig überfordert von den ganzen Erläuterungen und brachte keinen Ton heraus, weswegen er nur nickte.

»Großartig! Du bist ein Naturtalent! Es gibt selten Personen, die ohne fremde Hilfe überhaupt irgendeinen Zauber hinbekommen. Jetzt hoffe ich, dass du auch ein Magier bist, so ein Talent sollte nicht verloren gehen«, meinte der Priester erfreut.

Es war also schwer, Magie anzuwenden, aber trotzdem scheinbar einfach, Botschaften zu versenden – und weil Kero dies konnte, galt er als Naturtalent? Allesamt waren sie verwirrt. Runa, die eigentlich am wenigsten mit der Sache zu tun hatte, war es, die sich traute, etwas zu fragen.

»Und wie ist es, wenn man zum Kämpfen geboren wurde?«

Die Miene des Priesters verfinsterte sich.

»Hier ist das Vis nur dazu da, so lange wie möglich die eigene Kraft zu stärken. Man leitet es in die gewünschten Teile des Körpers und fängt an mit dem Gemetzel. Damit kenne ich mich aber selbst nicht aus.«

Die Antwort des Mannes war unmissverständlich, schroff und klang verächtlich. Seinen Zuhörern wurde schnell klar, dass er von Kriegern nichts wissen wollte und diese Art von Vis verachtete.

»Nun gut, beginnen wir mit dem Jungen.«

Der Wassergeweihte nahm nun seine Gefäße zur Hand und mischte die Inhalte zusammen. Die Flüssigkeiten nahmen hierbei die verschiedensten Farben an. Als er schließlich ein paar zermahlene Kräuter in ein Glas hinzugab, fing die Flüssigkeit an zu rauchen. Kero nahm wahr, dass aus den Fingern des Mannes irgendeine Energie floss, doch er konnte nicht sagen, an was es wirklich lag, dass er dessen Magie spürte. Sobald der Zauber zu Ende war, stoppte das Farbenspiel und die Substanz wurde schneeweiß. Der Magier forderte Kero auf, ihm die Hände zu geben, und goss dann die Hälfte des Inhalts über seine Handflächen, sodass auch etwas davon auf den Tisch tropfte. Die flüssige Substanz zog sogleich ein und der Junge betrachtete ängstlich seine Hände. Dann kratzte er sich an der Stirn. Fragend blickte er zu dem lächelnden Priester, dessen Blick ungeduldig war. Wieder musste sich der Junge an der Stirn kratzen, die ihn immer mehr juckte und glühend heiß war. Besorgt sprang Shira plötzlich auf und schrie, was mit Kero passieren würde, während Ria und Runa sich nur fragend ansahen.

»Nur Shira und ich können sehen, was gerade geschieht. Denjenigen, welche keinem der Geister geweiht sind, ist es nicht gestattet, diesen Zauber mitzuverfolgen, tut mir leid«, erläuterte der Priester an Ria gewandt.

Auf der Stirn des Jungen fing ein Licht zu strahlen an, erst leicht, dann ein mattes Leuchten, bis es stärker wurde und sich verformte. Es war eine Hand, die aus jedem Finger einen Lichtstrahl bis hoch an die Decke warf. Am hellsten Punkt, den die fünf Strahlen erreicht hatten, blitze ein noch grelleres Licht auf und die Hand verschwand wieder. Das Lichtspiel war atemberaubend und Shira sah ihm gebannt zu, während Kero immer wieder versuchte, nach oben zu schielen und ebenfalls etwas zu sehen.

»Wir sind fertig, das war‘s. Du bist definitiv ein Magier, herzlichen Glückwunsch, du kannst stolz sein«, gratulierte der Ältere.

Überglücklich sprang der Junge auf und freute sich wie damals, als er das erste Mal auf einem Pferd gesessen hatte. Er konnte zwar noch nicht genau einordnen, was das jetzt zu bedeuten hatte, aber nach dem, was der Priester ihm zuvor erzählt hatte, musste er wirklich Glück haben. Während der junge Magier noch weiter Sprünge machte und Ria erzählen wollte, was er gesehen hatte, begann das Gleiche bereits mit Shira, der ein kalter Schauer über den Rücken lief, als die Substanz ihre Hände berührte. Sie kühlte und brannte zugleich und während das Mädchen beobachtete, wie die Flüssigkeit in ihre Hände einzog, dachte sie darüber nach, was sie eigentlich sein wollte. Wollte sie wirklich zaubern? Aber Menschen verletzen wollte sie natürlich auch nicht. Ihre Stirn begann ebenfalls zu jucken und sie musste sich heftig kratzen. Nun war Kero derjenige, der sie ansah, als würde er zum ersten Mal in seinem Leben einen Zwerg sehen. Auch das Mädchen versuchte jetzt, nach oben zu schielen, um etwas zu erkennen, doch mehr als einen einzigen dicken Strahl sah sie nicht. Dann kam auch schon der Blitz und das Spektakel war vorüber. »Eine Faust. Eine Kriegerin«, platzte es aus dem Wassergeweihten heraus.

»Armes Ding. Völlige Verschwendung«, schob er leise hinterher. »Tut mir leid, meine Kleine, aber du hast das Pech, das körperliche Vis zu besitzen.«

Seine Enttäuschung, der Spott und die Geringschätzung waren kaum zu überhören. Er hatte bereits mit dem Mädchen abgeschlossen, bevor es überhaupt wirklich anfing. Zu Shiras eigener Überraschung verspürte sie nun fast so etwas wie Anziehung, wenn sie an Schwerter, Schilde und Bogen dachte.

»Mein Herr, können Sie auch herausfinden, welchem Element wir geweiht sind?«, warf Kero ein, nachdem sich der Priester von Shira abgewandt hatte.

»Um dies bestimmen zu können, habe ich leider nicht die passenden Utensilien bei mir, aber erzähle mir doch von deiner Botschaft, vielleicht kann ich anhand deiner Informationen helfen.«

Bis ins kleinste Detail erläuterte der Junge, was jedes Mal geschah, sobald er an Shira eine Nachricht sandte. Er erwähnte das grüne Licht, den erhabenen Boden und wie es sich fortbewegte, während sich der Mann nachdenklich das Kinn rieb.

»Wenn das so ist, wirst du wohl dem Erdgeist geweiht sein. Was ein Jammer auch, ich hätte dich zu gerne mit in meinen Tempel genommen.« Er seufzte.

»Und was ist mit mir?«, versuchte es Shira, um sicherzugehen.

»Nun ja, du bist ebenfalls dem Erdgeist geweiht, ansonsten könntest du die Botschaften deines Bruders nicht öffnen.«

Das Mädchen fühlte sich immer unwohler in der Gegenwart des Priesters und seine schroffe und abweisende Art ihr gegenüber wurde immer schlimmer. Er hatte außerdem das Wort Bruder benutzt, was die drei unter sich vermieden. Die Geweihte war daher froh, als er kurz vor Einbruch der Dunkelheit das Haus wieder verließ.

Abends in ihren Betten unterhielten sich die drei Kinder noch viel über das Vis. Ein kühler Herbstwind pfiff durch die Balken des Holzhauses und das Licht der Kerze, die die Kinder in der Mitte des Raumes entzündet hatten, tanzte rhythmisch zum Rauschen der Bäume. Selbst Runa beteiligte sich eifrig am Gespräch, doch je mehr Zeit verstrich, umso mehr kristallisierte sich heraus, dass das Mädchen doch ein Problem damit hatte, dass sie als Einzige nicht den Geistern geweiht war. Als das Thema aufkam, dass Shira und Kero das Dorf verlassen mussten, um sich weiterzuentwickeln, begann sie leise vor sich hin zu wimmern. Sie hatte noch nicht das ganze Ausmaß der Ereignisse des vergangenen Tages verstanden, doch nach und nach dämmerte es auch ihr. Der Junge redete überfürsorglich auf sie ein und versprach ihr, dass sie immer beisammenbleiben würden. Kritisch beobachtete Shira, was sich vor ihren Augen abspielte. Wie ein Blitz schoss es jetzt durch ihren Kopf und sie erkannte, dass Kero sich durch mehr als nur Freundschaft zu Runa hingezogen fühlte. Ein wärmendes Gefühl um das Herz erfüllte sie, das sich auf den ganzen Raum auszubreiten schien. Selbst die Kerze stoppte für einen Augenblick ihr Spiel mit dem Wind.

Auffällig unauffällig versuchte der junge Geweihte das Thema nun auf die Frage nach den wahren Eltern der Kinder zu lenken, nachdem er Shiras warmherzigen und wissenden Blick erhascht hatte. Er wusste sich nicht besser zu helfen und das Thema war ihm am nächsten, obwohl es bis jetzt immer als Tabu gegolten hatte. Ria war ihre Familie und damit waren sie glücklich. Warum sich also über etwas anderes Gedanken machen?

An diesem ohnehin schon ereignisreichen Tag sollte das Tabu aber gebrochen und eine ganz neue Ebene der Dreierfreundschaft betreten werden.

»Alles, was ich über meine Eltern weiß, hat mir Ria erzählt. Sie hat die beiden nicht gekannt, aber einen Brief bekommen, in dem stand, dass sie mich über alles lieben würden und mich nicht abgeben wollen, dass sie aber keine Wahl hätten. Sie mussten eine Aufgabe für ein höheres Ziel erfüllen. Was auch immer das war, es muss bestimmt sehr wichtig gewesen sein, ansonsten hätten sie sicher nicht ihren Sohn zurückgelassen. Jedenfalls starben die beiden bei dieser Aufgabe, aber ich bin nicht sauer auf sie, ich bin beeindruckt von ihrem Ehrgeiz. Vielleicht werde ich ja auch eines Tages so mutig sein und dann ihre Aufgabe zu Ende bringen.«

Ein leichter Anflug von Panik überkam Shira, als sie hörte, dass Kero so ambitioniert war und klar wusste, was er erreichen wollte. Er sprach von seinen Eltern, als seien sie allgegenwärtig und als hätten sie diese Aufgabe an ihn weitergegeben. Runa jedenfalls war hin und weg. Sie hatte ihre Sorgen schnell vergessen, auch wenn das für die Geweihte keinen Sinn ergab, und staunte offensichtlich nicht schlecht über den zielstrebigen Jungen.

»Was ist mit dir?«, fragte Kero sie vorsichtig.

Zunächst brachte Runa keinen Ton heraus, sie wollte die anderen nicht enttäuschen, doch irgendwann begann sie leise.

»Ich … Ich weiß, um ehrlich zu sein, gar nichts über meine wahren Eltern. Ria weiß auch nicht, ob sie tot oder verschwunden sind. Ich wurde einfach mit euch hier abgegeben. Es gab einmal ein Holzspielzeug, das von ihnen war, aber es ist kaputtgegangen.«

Das Mitgefühl des Jungen war auch jetzt wieder deutlich zu erkennen, denn es spiegelte sich in seinen Augen. Am liebsten wollte er sie in den Arm nehmen, doch Shira kam ihm zuvor. Sie kroch unter ihrer Decke hervor und setzte sich mit in Runas Bett. Diese nahm die Umarmung dankbar an.