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Eine Epidemie hat Menschen mit hohem Testosteronspiegel in Kreaturen verwandelt, die nur von primitiven Trieben geleitet werden: Fressen und Sex. Alle Männer sind so zu gefährlichen Bestien geworden. Die Transfrauen Beth und Fran durchstreifen die Küste Neuenglands und verbringen ihre Tage damit, Männer zu jagen: Sie müssen das in ihren Hoden enthaltene Östrogen zu sich nehmen, um sicherzustellen, dass ihnen nicht dasselbe Schicksal widerfährt. Doch dann werden sie von einer Armee radikaler Feministinnen verfolgt. Die hassen Transfrauen noch mehr als Männer. Dieser postapokalyptische Roman ist ein Schlag in die Magengrube des Lesers. Gnadenlos und äußerst polemisch. Eine unversöhnliche Auseinandersetzung mit Geschlechtsidentitäten. Transgender- und non-binäre Menschen auf einer grotesken Reise des Überlebens. Sie sind sowohl von ihrer neuen als auch von der vorherigen Welt traumatisiert.
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Seitenzahl: 579
Veröffentlichungsjahr: 2024
Aus dem Amerikanischen von Susanne Picard
Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Manhunt
erschien 2022 im Verlag Tor Nightfire.
Copyright © 2022 by Gretchen Felker-Martin
Published by arrangement with Tom Doherty Associates.
All rights reserved.
Copyright © dieser Ausgabe 2024 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Lektorat: Nelo Locke
Titelbild: Germán Castro · VISIVA/99design
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-98676-135-6
www.Festa-Verlag.de
Für Ezra
TEIL 1
MISANDRIE
Hey, ihr Transen, eure Familien werden euch niemals lieben. Wenn ihr das glaubt, dann lebt ihr eine Lüge & das wisst ihr ganz genau. Beendet eure traurige Existenz! Und bringt euch um. Am besten jetzt gleich.
unbekannter Troll
I
XX
Fran blinzelte in der grellen Sonne des frühen Nachmittags durch die zerkratzten Linsen ihres Fernglases und beobachtete den Mann, der sich gerade zum Trinken hinkniete. Der Teich lag mitten im Wald, war dunkel und brackig und überwuchert von giftgrünen Algen. Umgeben war er von dünnen Fichten, deren Zweige erst oben, etwa sechs Meter unter den Wipfeln, grüne Nadeln aufwiesen. Das stumpfe, dreckige Haar des Kerls schwamm auf der Wasseroberfläche, er trank in gierigen, hastigen Schlucken, wobei er immer wieder den Kopf in den Nacken legte wie ein Alligator, der einen Fisch hinunterschlang.
All diese Kreaturen mit genug Testosteron im Blut, um der Seuche zum Opfer gefallen zu sein, hatten diesen kreisrunden Fleck ohne Haare auf dem Schädel. Und sie alle hatten Schwierigkeiten mit dem Schlucken. Meist zerfetzten sie ihre Beute und schlangen das Fleisch in Batzen hinunter. Sie fraßen so ziemlich alles, was sie in die knorrigen Finger bekamen, wenn man genauer darüber nachdachte; auch Würmer und Käfer oder Wurzeln aller Art gruben sie aus. Einmal hatte Fran sogar gesehen, dass einer einen Tennisball hinunterwürgte.
»Na?«, fragte Beth und ging neben Fran in die Knie.
Fran ließ das Fernglas sinken. »Er ist allein. Kannst du ihn von hier aus mit einem Schuss erledigen?«
Beth hatte ihren Compoundbogen bereits vom Rücken genommen und machte Anstalten zu zielen. »Rund 60 Meter«, murmelte sie und schmunzelte. Die Narbe an ihrem rechten Mundwinkel straffte sich und zog ihr unteres Augenlid herab, bis sich eine kleine, feucht glänzende Falte darunter gebildet hatte. »Durch welche Augenhöhle soll’s denn gehen?«
»Sei keine Fotze«, zischte Fran. »Mach’s einfach.«
Beths Lächeln verbreiterte sich zu einem Grinsen, als sie einen Pfeil aus Kohlenstofffaser anlegte und die Sehne bis zum Anschlag spannte. Die kräftigen Muskeln in ihren langen, dicken Armen traten hervor. Sie kniff die Augen zusammen und zielte. »Leck mich doch«, flüsterte sie und schoss.
Die angespannte Sehne knallte leise. Der Pfeil sirrte durch die Luft, als wäre er eine Hornisse von einem Dreiviertelmeter Länge. Die bogenförmige Flugbahn wies aufwärts, bis in die Wipfel hinauf. Der Kerl, der vor dem von bräunlichen Tannennadeln verstopften Teich saß, schaute auf. Seine trockene Haut war überall an ihm aufgeplatzt, sodass man das rohe Fleisch darunter sehen konnte. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als er zornig hochsah, er fletschte halb verrottete, abgebrochene Zähne. Seine Nase war platt und drückte sich auf die linke Wange, als hätte man weiß Gott wie oft darauf eingeschlagen.
Er holte tief Luft und für einen Augenblick war Fran sicher, dass er schreien würde, dass er diesen grauenvollen, verfickten Laut von sich geben würde, den sie jeden Abend tausendfach hörte, kaum dass sie einigermaßen fest eingeschlafen war. Doch dann traf der Pfeil und durchdrang mit einem dumpfen Plopp den Schädel. Der Mann fiel vornüber in den Teich und blieb dort liegen, ohne sich noch einmal zu rühren. Ein paar Tauben gurrten verärgert in den Bäumen darüber.
Beth legte die Fingerspitzen aneinander und küsste sie, dann öffnete sie die Hand so, als würde sie wie ein Koch in einem Zeichentrickfilm eine besonders gelungene Soße beurteilen. »Bella, bella«, schrie sie. »Bellissima!«
Unwillkürlich musste Fran lachen. Ihre Beine zitterten, Adrenalin schoss durch ihre Adern. »Um Himmels willen, Beth«, kicherte sie und raffte sich auf, um der größeren Frau aus ihrem Versteck im Farn und dem Apfelbeerengestrüpp den Abhang hinab zu folgen. Für einen wunderbaren Augenblick, nur einen Herzschlag lang, fühlte sie sich schwerelos. Der warme, zimtartige Duft toter Tannennadeln stieg ihr in die Nase, ihr Nacken und ihr Rücken unter dem schweißdurchtränkten Tanktop waren feucht. So hatte sich früher immer der Sommer angefühlt, so juckig und rastlos und golden. »Du bist so dämlich.«
Fran schnitt ihn auf, ein v-förmiger Schnitt, dessen Basis am Ansatz der Wirbelsäule saß, und nahm die Adrenalindrüsen oberhalb der Nieren heraus. Dann fischte sie sich die Hoden aus dem Sack, der von einem Ausschlag befallen war. Als sie ihn aufschnitt, verbreitete sich der Gestank von ranzigem Schweinefleisch. Sie verpackte die Innereien in Trockeneis, das in vergilbtes Zeitungspapier gewickelt war, und steckte alles wieder in ihre Tasche. Sie versuchte, alles andere, was in diesem Kerl wucherte, zu ignorieren, diese immer noch zuckenden Tumore, die sich ihrem Jagdmesser und ihrem Skalpell entzogen, sich zwischen den Knochen und den fleischigen Membranen verbargen wie Goldfische hinter den Zinnen und in den Nischen einer Unterwasserburg in ihrem Aquarium.
Während sie noch arbeitete, versammelten sich Vögel in den Bäumen über ihr. Hauptsächlich Krähen, aber sie konnte auch die breiten Schatten der Schwingen von Geiern sehen, die über ihr träge ihre weiten Bahnen zogen. Ein Rotmilan behielt den Teich und die kleine chirurgische Szene still im Auge. Beth stand neben ihr und hielt, einen Pfeil im Anschlag, Wache. Auch sie hatte ein Messer griffbereit in der Scheide an ihrem Gürtel.
Kaum war Fran fertig, wusch sie sich die Hände im Teich und trocknete sie an ihrem blutbefleckten und mottenzerfressenen Tanktop ab. Der Tote starrte sie anklagend aus blutunterlaufenen, goldenen Augen an. Das Gesicht trug noch die starre Grimasse des Ärgers, mit dem er gestorben war.
»Alles in Ordnung?«, wollte Beth wissen. Die Schatten wurden schon länger. Die Vögel würden auffallen. Jetzt wurde es ernst, keine Scherze mehr.
Fran schulterte den Rucksack und stand auf. Ihre Knie knackten dabei, immerhin hatte sie über eine Dreiviertelstunde im Farn auf der Lauer gelegen und den offenen Rücken des Kerls angestarrt. Sie wandte sich von dem vorwurfsvollen Blick ab, der durch sie hindurchstarrte. Plötzlich erfasste sie ein absurdes Schuldgefühl. »Ja, lass uns abhauen.«
Schweigend erkletterten sie den Hang, Beth ging voran, Fran folgte dicht hinter ihr. Keine der beiden blickte sich noch einmal um.
Hinter ihnen krächzten die Aasvögel immer lauter, eine wilde Kakofonie in der Sommerhitze, in die sich das Flattern schwarzer Flügel mischte.
Ein paar Meilen von der Stelle entfernt, an der sie ihre Räder am Waldrand abgestellt hatten, legten sie eine kurze Pause ein, um etwas lauwarmes Wasser zu trinken und ein paar Proteinriegel hinunterzuschlingen. Fran versuchte, sich den Geschmack von frischen Keksen vorzustellen, die man in Würstchenfett ausgebacken hatte, würzig und buttrig und mit dem kräftigen Aroma von Geräuchertem. Stattdessen tauchte in ihrem Verstand einer der Tumore des Fremden auf, der sich hinter dem linken Lungenflügel versteckt hatte und dabei sein halb ausgebildetes Maul zu einem breiten, klaffenden Grinsen verzog.
Die Seuche, t. rex, war so berechenbar wie eine verdammte Atomuhr. Zuerst trat gnadenloser Hunger ein. Stimmungsschwankungen. Fieber. Die Haut riss auf, die Wunden bildeten Eiter und dunkles, zähes Blut, bevor sie verkrusteten, wieder aufbrachen und wieder verkrusteten, bis die Haut teilweise zentimeterdicke Schwielen bildete. Delirium. Ausbrüche spontaner, überbordender Aggressivität. Nachdem der Lavastrom dieser Symptome etwas erkaltet war, härtete er zu den kreischenden, wilden Viechern aus, die sich über den gesamten amerikanischen Superkontinent ausgebreitet hatten wie Läuse. Dann machte irgendetwas in dem, was von ihren Hirnen noch übrig war, »klick« und die Männer begaben sich auf die Suche nach Beute. Sie vergewaltigten, schändeten und ließen ihre Beute halb tot zurück wie Wespen, die ihre Eier in lebenden Taranteln ablegten. Die gute Nachricht war, dass eine Schwangerschaft jetzt kürzer war. Viel kürzer. Die schlechte, dass die Babys sich buchstäblich aus dem Körper hinausfraßen.
Hier in Küstennähe waren die Kreaturen, die einmal Männer gewesen waren, seltener. Wenigstens das. Sie konnten nicht schwimmen, also machten sie sich auch nicht viel aus Fischen, und das Großwild war schon vor Jahren ausgerottet worden. Trotzdem entdeckten sie einen manchmal, und bevor der erste Schrei verklingen konnte, waren ungefähr 30 von diesen Bestien auf allen vieren hinter einem her und jagten einen wie ein Rudel tollwütiger Hunde durch das Innere eines Walmart-Supercenters.
Und wenn mir jemals das Spiro und das Ö ausgehen, werde ich innerhalb weniger Wochen so sein wie sie. Und dann wird eins der T-Girls mir einen Pfeil durchs Hirn jagen und mir die Eier abschneiden. Na ja. Vielleicht nicht schade drum.
»Lass uns abhauen«, meinte Beth mit einem Mund voller Proteinriegel. Sie richtete sich auf und klopfte sich die Krümel von ihrem zerschlissenen und schmutzigen Kapuzenpulli. Lasch unsch abhaun.
»Ja«, erwiderte Fran.
Sie waren auf dem ebenen Boden gut vorangekommen und hatten den Waldrand fast erreicht, als Fran Stimmen hörte. »Warte!«, zischte sie Beth zu und warf sich flach in das spärliche Unterholz. »Runter. Runter mit dir.«
Beth ließ sich neben ihr auf die Ellbogen fallen. »Ich seh nichts«, flüsterte sie zurück. »Bist du sicher, dass du nicht nur eine nervöse Schlampe mit klinischer Paranoia bist, die nie diagnostiziert werden kann, weil alle Psychiater tot oder wie … na ja, in Monaco oder in einem echt kitschigen amerikanischen Slum leben?«
»Halt verdammt noch mal die Klappe und komm mit. Und sei um Himmels willen still.«
Für rund fünf Minuten krochen sie auf dem Bauch voran und hielten zwischendurch hin und wieder inne, um zu lauschen. Beths Miene wurde ernst, als sie beide eine hohe, schrille Frauenstimme hörten: »O mein Gott!« Die Stimme zitterte und klang atemlos vor Schreck. Andere Stimmen antworteten ihr. Fran und Beth krochen weiter, bis sie schließlich aus einem einigermaßen dichten Goldregengestrüpp auf einer Lichtung die TERFs sehen konnten.
Die Trans exkludierenden Radikalfeministinnen.
Sie waren wahrscheinlich noch über 100 Meter entfernt und vom hier am Waldrand lichter werdenden Fichtenwald nichtsdestotrotz halb verborgen. Ein Dutzend Frauen, die meisten noch Teenager oder gerade mal Anfang 20, ein paar sogar noch jünger, alle in Tarnkleidung, die meisten mit rasierten Undercut-Frisuren, standen um Frans und Beths Räder herum. Die beiden hatten sie an ein verrostetes Metallgestell gelehnt stehen lassen. Einem Überbleibsel aus der Zeit, in der das hier noch ein Ort gewesen war, an den reiche Yuppies aus Boston zum Wandern gekommen waren und um die Natur zu genießen, in die Sterne zu starren und mit Zitronensaft und Cayennepfeffer zu entschlacken. Und es sich zu besorgen.
»Schschscheiiiiße«, stöhnte Beth gedehnt und ging in die Hocke. »Das sind diese verdammten Chromosomen-Kreuzzüglerinnen.«
Plötzlich verfielen die jungen Frauen in Schweigen. Die Gruppe teilte sich so glatt wie eine Wohnzimmergardine und gab den Weg für eine dünne, blasse Frau frei, die gerade mal durchschnittlich groß war, etwa 40 Jahre alt und den Reißverschluss einer kurzen, engen Lederjacke bis zur Kehle zugezogen hatte. Mitten auf der Stirn, über dem Rücken ihrer kecken kleinen Stupsnase, hatte sie ein großes Tattoo: XX. Vagina-zertifiziert, ganz natürlich, von den ›Töchtern der Hexen, die nicht verbrannt werden konnten‹ oder wie auch immer sich diese Michigan-Caffè-Latte-Weiber aus Maryland in ihrer TERFokratie nannten.
Scheiße.
»Wir sitzen das einfach aus«, flüsterte Fran. Sie drückte das Kinn förmlich in den Dreck. Das Haar klebte ihr schweißnass im Nacken. »Das Schlimmste wäre, dass sie uns die Räder klauen und wir zu Fuß nach Hause gehen müssen. Wir haben genug Medis, um das zu schaffen, glaube ich. Das sollte gut gehen. Wahrscheinlich geht alles gut. Hey, würdest du dich vielleicht ein bisschen tiefer ducken?«
Beth gab nicht einmal vor, zugehört zu haben. »Ach, leck mich doch dreimal«, flüsterte sie zurück. »Das da ist die TERF-Königin. Das ist diese verdammte Teach.«
Fran riss die Augen auf. Sie starrte die dünne Frau mit den langen Haaren an, die gerade den Inhalt von Beths Fahrradkorb durchwühlte. Sie hatte schon gehört, dass man diese Frau Teach nannte, sie war vor dem T-Day psychologische Beraterin in Guantanamo gewesen. Sie hatte einen Doktor in Medizin, nach allem, was man sich in Fort Fisher, dem Handelsposten nahe Seabrook, so erzählte. Damals hatten sie nach einem Käufer für das überschüssige Ö gesucht. Was auch immer mit dieser Tussi los war, wo auch immer sie herkam, es bestand kein Zweifel daran, dass sie aus ganz hartem Holz geschnitzt war. Sie hatte sie und Beth an den Eiern und sie waren erledigt. Tot. Am Ende.
Die tätowierte Frau sagte etwas, das ihre Gefolgschaft auflachen ließ.
Fran sah, wie sich ihre Lippen bewegten, und beobachtete das Muskelspiel unter dem glatten Gesicht, das sich nun zu einem Lächeln verzog. Ein kalter Schauer rann ihr den Rücken hinab. Gott, da muss man ja nicht mehr von einer scheiß gendergläubigen Faschistin träumen, da drüben ist sie in echt. Sie presste die Augen zusammen. In ihrer Fantasie biss sie in das kleine Nichts von Latex über der blassen Haut; die Schenkel, die appetitlich von mit feiner, schwarzer Spitze besetzten Strapsen in kleine Flächen getrennt waren, die man mit der Zunge leicht ablecken konnte; dachte an eine Hand auf ihrem Nacken, die fester und fester zupackte, bis …
Sie biss sich auf die Lippen und drängte das Bild zurück. Die Welt gewann an Fokus, bis sie wieder normal wirkte. Na ja … nur dass Beth jetzt plötzlich aufrecht dastand, den Bogen in einer und einen Pfeil in der anderen Hand. Die breitschultrige Frau blinzelte. Es war weit nach Mittag, das Sonnenlicht schien ihnen direkt ins Gesicht. Die Schatten wurden wieder länger.
»Was machst du da, Beth?«
»Ich mache die Welt zu einem freundlicheren und netteren Ort«, erwiderte Beth. Sie grinste wie ein Fuchs, der gerade ins Hühnerhaus eingebrochen ist, und legte den Pfeil auf die Sehne. Sie zog die Sehne zurück, bis ihre Finger direkt neben dem Mundwinkel ohne Narbe lagen.
»Ich werde ihr einen Pfeil durch ihre verdammte Kehle jagen.«
II
Rakete im Schritt
»Sie hat sich bewegt!«, verteidigte Beth sich lauthals, während sie den Abhang hinab durch den Wald flüchteten. Das Heulen des verletzten Mädchens klang hinter ihnen her.
»Das ist doch nicht meine Schuld!«
Fran brauchte ihren Atem fürs Rennen. Sie rief sich den entscheidenden Augenblick ins Gedächtnis zurück. Beths wildes Grinsen. Das Knarren der Bogensehne. Sie hatte den Pfeil in genau dem Moment losgelassen, in dem Teach in die Hocke gegangen war, um etwas vom Boden aufzuheben. Und plötzlich brüllte ein breitschultriges Mädchen mit stacheligem blondem Haar, das hinter der Älteren gestanden hatte, Zeter und Mordio, weil ihm ein beinahe ein Meter langer Pfeil aus Karbonfaser in der Schulter steckte.
Mit dumpfem Knall landete ein Armbrustbolzen in einem Baumstamm links vor Fran. Eine absurd lange Sekunde dachte sie an einen Tweet, den sie einmal gelesen hatte, darüber, ob man unter Beschuss besser Haken schlug oder geradeaus floh. Sie gab es schnell auf und konzentrierte sich darauf, nicht in die Bäume zu laufen.
Am Fuß des Abhangs hasteten sie durch ein Feld mit hohen Farnen und dann eine lehmige Böschung hinab in einen Flusslauf, der etwa knöcheltief in seinem Kieselbett vor ihnen dahinrieselte. Keuchend wagte Fran einen Blick den Abhang hinauf.
Die TERFs waren ihnen dicht auf den Fersen. Es waren acht oder neun, bewaffnet mit Armbrüsten, die sie in der ersten Woche nach dem T-Day wohl in irgendwelchen Sportgeschäften geplündert hatten. Ein weiterer Bolzen bohrte sich zwischen Beths Füßen ins Flussufer. Sie versuchte, einen Pfeil anzulegen, doch ihre schweißnassen Finger machten ihr das schwer. Sie zog und ließ zu rasch wieder los, sodass der Pfeil über die Köpfe der TERFs hinwegflog und im Laub der Bäume verschwand. Wenigstens duckten sich ein paar von ihnen.
»Vergiss es!«, keuchte Fran, packte den vernarbten Ellbogen ihrer großen Gefährtin und zerrte sie flussabwärts. »Einfach rennen.«
Ein wahrer Schwarm von Bolzen schlug rings um sie im Farn ein, bohrte sich mit dumpfem Pochen in die Erde oder prallte von den Steinen im Flussbett ab, sodass Tropfen hoch in die Luft flogen und in der Sonne glitzerten. Fran spürte einen scharfen, heißen Schmerz im rechten Schenkel, doch sie wagte nicht, hinzusehen. Die Tasche über ihrer Schulter schien plötzlich eine Tonne zu wiegen. Ihr Herz raste, der Puls dröhnte in ihren Ohren.
Ein letzter Blick über die Schulter bewies, dass die meisten TERFs jetzt Schwierigkeiten hatten, ihre Waffen nachzuladen. Ein kräftiges Mädchen mit grimmiger Miene und einem Piercing über der Lippe, das den anderen etwas voraus war, zückte jetzt seine Armbrust und zielte. Es wartete auf den richtigen Augenblick. Der nächste Schuss würde sitzen.
Beth packte Frans Hand und riss sie mit sich davon.
Der Fluss wand sich durch den Wald. Es ging leicht abwärts, an manchen Stellen erweiterte sich das Bett, sodass sich kleine Tümpel bildeten, auf denen sich Pollen ablagerten, an manchen wurde er so eng, dass er sprudelnd über den Kies hüpfte und Beth und Fran aufpassen mussten, um auf den glatten Steinen nicht auszurutschen. Frans Schuhe und Socken waren durchnässt, ihre Knöchel wund gescheuert. Ihr Atem ging nur noch stoßweise.
Wieder zischte ein Bolzen links an ihr vorbei, prallte an einem bemoosten Felsen ab und landete irgendwo im Unterholz. Wieder warf sie einen Blick über die Schulter. Lippenpiercing war ein paar Dutzend Meter hinter ihnen, mit schwingenden Armen und rot angelaufenem Gesicht. Die anderen hasteten noch die Böschung hinab in den Fluss oder waren mit Nachladen beschäftigt. Fran stolperte und wäre fast in den Dreck gefallen, doch sie fing sich mit einem Hopser, der von hinten wahrscheinlich ziemlich dämlich aussah. Der Streifschuss an ihrem Bein schmerzte bei jedem Schritt.
Ihr kam das leichte Lächeln ihres Vaters in den Sinn. Seine Hand, die ihr Haar durcheinanderbrachte. Sieht übel aus, Kumpel. Soll ich die Wunde küssen, damit sie sich erst recht entzündet?
Sie strengte sich noch mehr an und richtete den Blick auf die Kiesel vor ihr. Auf der Schule und im College war sie im Leichtathletik-Team gewesen, damals, vor ihrem Coming-out. Keine so gute Läuferin, wie Beth es einst gewesen war, aber sie hatte viel trainiert. Eigentlich hätten drei Jahre als potenzielle Beute in einer postapokalyptischen Welt, in der Asche einer Zivilisation, sie besser machen sollen, aber das Licht, das durch das Laubdach über ihr und dem Fluss flirrte, war heiß, die Steine des Flussbetts gaben unter ihren Schritten nach und rutschten weg. Ihr Keuchen wurde röchelnder.
Das Platsch-platsch-platsch von Lippenpiercings Stiefeln im Fluss klang nun näher und holte offenbar unerbittlich auf. Du weißt doch, was sie mit trans Menschen machen, du dumme Kuh. Du hast die Storys gehört und die Fotos gesehen; und wenn du nicht als verstümmelte Schwuchtel des Monats im Jahreskalender enden willst, dann mach voran. JETZT.
Sie hasteten durch einen seichten Flussabschnitt, in dem trübes Wasser über vollgesogene Fichtennadeln floss. Staub und Pollen tanzten im heißen goldenen Licht, Kröten sprangen zur Seite, um ihnen Platz zu machen. Fran versuchte, sich auf Beths schweißnassen Rücken zu konzentrieren, auf die leichten, langen Schritte der größeren Frau vor ihr. Ihre Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Dann trat sie daneben, ein Stein rutschte unter ihren Schuhen weg. Sie spürte, wie sie in das schattige Wasser unter den Farnen fiel und sich die Hand und einen Unterarm bei dem Versuch aufschrammte, sich abzustützen. Ihr Kinn prallte auf einen Felsen, mit einem scharfen, endgültigen Klicken, das einen Schmerz auslöste, der wie ein Messer bis hinauf in ihr Jochbein schoss. Sie schmeckte Blut.
»Bleib unten«, empfahl Beth. Fran, die sich gerade auf Hände und Knie gestützt hatte, hielt still. Beth zielte mit Pfeil und Bogen. Fran folgte der Richtung, in die der Pfeil wies, und blieb an Lippenpiercing hängen, die wie erstarrt zehn oder 15 Meter entfernt mitten im Fluss stehen geblieben war. Die Armbrust hatte sie halb erhoben. Die anderen TERFs waren aufgrund der Flusswindungen und der über dem Ufer hängenden Zweige nicht zu sehen. Doch Fran konnte das Platschen der Schritte hören.
»Fallen lassen«, rief Beth.
Lippenpiercing ließ die Armbrust fallen. Der Strom zerrte die Waffe ein wenig von ihr fort, bis sie an einem unsichtbaren Hindernis unter Wasser hängen blieb. Sie atmete schwer und hatte die Hände so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Für eine Sekunde glaubte Fran, Beth würde das Duell verlieren, denn ihr Arm zitterte jetzt stark. Ihre Finger auf der Bogensehne ebenso. Lippenpiercing rührte sich nicht von der Stelle, doch Fran erkannte, dass ihre Unterlippe bebte wie die eines kleinen Mädchens.
Ich will das gar nicht mitansehen.
Das Heulen eines Motors durchschnitt die Stille. Beth wirbelte zu dem Geräusch herum, der Pfeil löste sich von der Sehne und flog irgendwo ins Unterholz. Lippenpiercing ließ sich fallen und hastete geduckt in den dichten Farn, wobei sie noch rasch ihre Armbrust aus dem Wasser fischte. Fran erhob sich mühsam, tropfnass und schwindlig vom Schmerz in ihrem Gesicht. Neben ihr beeilte sich Beth, einen weiteren Pfeil auf die Sehne zu legen.
Dort, auf dem Kamm der südlichen Böschung, tauchte Teach auf. Sie saß auf einer schnellen kleinen Honda, einem Moped, das Frans Vater »ein nettes kleines Maschinchen« genannt hätte. Sie raste und rutschte halsbrecherisch den Abhang hinab. Ihr Haar flog im Fahrtwind wie wild um das blasse, spitze Oval ihres Gesichts herum. In der Hand hatte sie etwas Kompaktes, Schwarzes, zu klein für eine Armbrust, aber …
»Beth!«, schrie Fran. »Runter!«
Die kleine Halbautomatik bellte in rascher Folge, es klang wie die Aufnahme eines Maltesers mit Krampfanfall, die im Schnelldurchlauf abgespielt wurde. Moos und Dreck spritzten auf, als sich die Kugeln ins Flussufer gruben. Zerfetzter Farn flog durch die Luft und über Frans Kopf hinweg, als sie sich wieder ins Wasser warf und die Tasche dabei fest an sich drückte. Sie konnte gerade so eben noch erkennen, wie Lippenpiercing auf dem Bauch aus der Schusslinie robbte. Das schien Fran eine gute Idee zu sein.
Wir brauchen nur einen Augenblick Zeit, um auf der anderen Seite den Abhang wieder raufzuklettern, dann können wir im Wald verschwinden. Sie werden uns nicht folgen, das lohnt bei zwei Mädels nicht.
Das nähmaschinenartige Rattern von Teachs Waffe hielt inne, doch das Echo hallte noch im Wald nach. Die Honda schnurrte, als sie immer weiter den Abhang hinab auf sie zurollte. Schon bald würde Teach nicht mehr danebenschießen können, selbst wenn sie es gewollt hätte. Fran warf Beth einen Blick zu. Ihre Gefährtin lag, den Bogen an sich und das Kinn in den Schlamm gedrückt, im Uferwasser. Ihr schmutzig blondes Haar verbarg ihr Gesicht. Wir werden es nichtschaffen, dachte sie. Ihr Magen verknotete sich, als der schwarze Schleim der Verzweiflung sich in ihrem Inneren ausbreitete.
Ich will nicht mehr fliehen.
Plötzlich erhob sich ein Kreischen im Wald. Es hing in der Luft, hoch und zitternd, es schien von allen Seiten zu kommen. Eine weitere Stimme, sehr weit entfernt noch, stimmte mit ein und Schrecken, weißglühend wie eine Klinge, riss Fran aus ihrer Betäubung. Diesen Laut kannte sie. Er hatte sie fünf Jahre lang verfolgt, sie gejagt, von den Garderoben des Charlotte Russe in der Steeplegate Mall bis hierher, in diesen überwucherten Tümpel an der Seite des Flusses, in dem sie kniete und zitterte, während Schweiß ihr das Gesicht hinabrann und sie den Tod erwartete. Sie blickte auf.
Mitten auf dem Abhang hing Teach auf ihrer im Leerlauf knatternden Honda. Einen Stiefel hatte sie in den Dreck und das tote Laub gestemmt, den Blick hatte sie nach oben gewandt, wo nun die Männer aus den Büschen brachen. Furcht flackerte über die Miene der älteren Frau, ihr Finger legte sich erneut auf den Abzug ihrer Maschinenpistole. Die Kerle kamen auf allen vieren an. Einige kreischten noch, andere grunzten aus der Brust heraus, kurz und rhythmisch. Es klang wie die Tiger, die Fran einmal im Safaripark in York gesehen hatte. Ihr Vater hatte sie während der Scheidung ein paarmal dorthin mitgenommen und das tiefe Grollen der Tiger, mit dem diese einander warnten, hatte sich ihr ins Gedächtnis gebrannt.
Teach ließ den Motor aufheulen. Das Hinterrad warf einen Strahl Dreck und Laub auf, als es kurz durchdrehte, ins Schleudern geriet, dann aber wieder griff. Die Männer kamen kreischend den Abhang herabgerast, mit verfilzten Haaren, mit schuppiger, vernarbter Haut und Mäulern voller verrotteter Zähne. Unter den Augen, in den Mundwinkeln und an den Gelenken zeigten sich wunde Stellen. Überall war die Haut aufgeplatzt, das rohe Fleisch zeigte sich darunter wie Lavaströme in den Rissen der Erde, wenn sich tektonische Platten verschoben. Mit wackelndem Hinterrad fuhr Teach den Hang hinauf und schoss mitten in zwei der herankommenden Kerle hinein, die gerade über dem Kamm des Hügels erschienen. Die Maschine hob für einen Augenblick vom Boden ab und landete dann mit einem Krach außer Sichtweite hinter dem Grat. Teach gab noch einmal ordentlich Gas. Die Männer hasteten grunzend und heulend hinter ihr her. Sie stolperten über sich selbst und fielen übereinander, während sie auf allen vieren wieder hinter dem Hügelkamm verschwanden.
Fran zerrte Beth aus ihrem Versteck ans andere Flussufer. Schweigend erklommen sie den Abhang. Fran sah immer wieder über die Schulter auf die vernarbte Stelle im Boden, an der Teach und ihre Gefolgsleute verschwunden waren.
Als sie beinahe oben angekommen waren, begann Beth zu lachen. Fran hatte nicht mehr die Energie zu fragen, warum. Ihr Körper fühlte sich wund an und verletzlich, so als ob man jeden einzelnen Zentimeter mit einer Käsereibe bearbeitet hätte. Sie schaffte es kaum über den Hügelkamm.
»Tut mir leid, das ist nur so …«
Beth, die hinter ihr herkroch, brach erneut in Gelächter aus und ließ sich hilflos an einem Baumstamm hinabsinken. Sie lachte immer noch, als der Bolzen einer Armbrust ihre Wange wie einen Reißverschluss öffnete und sich dahinter in den Stamm bohrte. Fran wirbelte herum, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Auf der anderen Flussseite stand Lippenpiercing neben einem umgestürzten Baum und spannte gerade mit einem Fuß und aller Kraft erneut die Armbrust. Ihre Knöchel waren weiß vor Anstrengung, sie zog, bis sich der Draht gespannt hatte. Ihre Wangen waren gerötet, das kurze blonde Haar hing ihr schweißverklebt in die Stirn. Sie hatte auf dem Schlüsselbein irgendein dummes Tattoo, eine Girlande aus rosafarbenen Blüten oder so etwas.
Fran fasste Beth unter den Schultern und zog sie ins Unterholz, wobei sie Lippenpiercing im Auge behielt, die immer noch mit dem Nachladen kämpfte. Beth fluchte mit der gesunden Hälfte ihres Munds und hielt sich die üble Wunde mit der Hand, während ihr das Blut den Hals hinabrann. Sie kämpfte sich wieder auf die Beine, wobei sie sich schwer auf Fran stützte. Auf der anderen Seite des Flusses legte Lippenpiercing jetzt den Bolzen ein. Fran wurde rot bei dem Grinsen auf Lippenpiercings Gesicht, weil sie sich vorstellte, wie diese scharfen, weißen Zähne sanft an ihrer Kehle nagten.
Du bist doch wirklich eine dumme Schlampe, Fran.
Lippenpiercings zweiter Schuss flog meterweit über sie hinweg und landete mit großem Abstand links neben ihnen im Gebüsch. »Dieser ganze Scheiß ist nur eure Schuld, ihr verdammten Monster!«, schrie das Mädchen zu ihnen herüber. Sie ging jetzt auf den Hügelkamm zu. Sie war groß, vielleicht 1,80 oder mehr. »Wenn wir euch erwischen …«
Eine kurze, aber lebhafte Vorstellung, diese an der Oberlippe gepiercte junge Frau trüge einen ledernen Lendenschurz, der gerade mal ihren zitternden und angespannten Arsch bedeckte, nahm für ein paar Sekunden Frans Gedanken ein.
»… dann werden wir euch aufgespießt in der Sonne verdorren und t. rex euch das verfickte Gesicht von der Haut schälen lassen!«
Das Letzte, was Fran von ihr sah, als sie Beth weiter ins Unterholz zerrte, waren ein Aufblitzen von Blondhaar und das Glitzern der Sonne auf einem rostfreien Stahlpiercing.
Ein dummes, aber geiles Miststück.
In einem Anime hätte Beth von diesem Armbrustbolzen wahrscheinlich nichts anderes davongetragen als eine säuberliche und sexy Narbe, dachte Fran, etwas, das sie interessant aussehen ließ und klarmachte, dass sie einiges hinter sich hatte. Der Bolzen hatte die Wange und das linke Ohr zerfetzt. Fran tupfte die Wunde mit ein wenig Baumwolle, die in Alkohol getränkt war, ab. Doch in Wirklichkeit würde sie wohl in Zukunft kein Ohrläppchen mehr haben und einen rund zehn Zentimeter langen Spalt im Gesicht, der irritierenderweise auffallend dem Nike-Logo glich. Sie saßen nebeneinander auf einer halb verrotteten Picknickbank, einem Rastplatz für Wanderer in der Nähe der Küste. Beth hatte die Beine ausgestreckt, Fran hatte sich rittlings darauf gesetzt.
»Diese kleine pseudopunkige Schlampe«, grummelte Beth mit zusammengebissenen Zähnen, als Fran die Wundränder untersuchte. »Ich wette, die hatte auf dem College blonde Dreadlocks. Und sie hat gebloggt, dass sich ihr Hetenlover beim Christopher Street Day unwohl gefühlt hat. Aua, verflixt, das tut weh!«
»Stell dich nicht so an.« Fran nahm die Nadel, in die sie einen Faden eingefädelt hatte, aus dem Erste-Hilfe-Set, das vor ihr auf der mit Flechten überzogenen Tischplatte lag. »Und jetzt halt die Klappe, ich muss nähen, bevor das Licht weg ist.«
Beth warf ihr einen bösen Blick zu, biss aber gehorsam die Zähne zusammen. Das Blut rann ihr in zähen Strömen übers Gesicht und das Kinn hinab. Der heiße, feuchte Wind seufzte durch die Bäume, die die ungepflegte Lichtung säumten. Wolken warfen Schatten auf das sich im Wind wiegende Gras. Dann setzte Fran die Nadel an, gleich auf dem oberen Rand der Wunde. Ihre Gefährtin schloss fest die Augen. Ihr Gesicht verkrampfte sich in der Erwartung der Schmerzen.
Es ging schnell, Beths Atem kam in raschen, erstickten Keuchern, sie grub die Fingernägel in die morsche Tischplatte. Fran nähte und presste die Wundränder dabei mit Daumen und Zeigefinger zusammen. Die Nadel tauchte in Beths sonnengebräunte Haut und zog mit jedem Stich daran. Rote Tropfen quollen um die Nähseide herum auf, wo die Nadel in die gerötete Haut drang. Es war beinahe angenehm, etwas so Flexibles zusammenzuheften. Die Welt um sie herum war kaputt, aber Beths Gesicht würde sie reparieren können. Sie nähte weiter, bis sich die feuchten und verletzten Wundränder trafen und die Wunde geschlossen war.
Fran steckte sich die blutige Nadel in den Mund, zog den Faden straff und verknotete ihn. Sie lehnte sich ein Stück zurück, um ihr Werk zu bewundern. Die Stiche waren nicht ganz regelmäßig, die Wundränder noch leicht geschwollen. Beth starrte sie böse an.
Doch Fran lächelte, ohne dabei auf ihren abgebrochenen Zahn und den dumpfen, pochenden Schmerz darin zu achten.
»Du wirst da eine verdammt blöde Narbe kriegen.«
III
Eine Schublade voller Belohnungen
Ein Großteil der prähistorischen Menschen, die lange genug lebten, um eines natürlichen Todes zu sterben, tat das schließlich an Zahnentzündungen. Fossilienfunde legten das nahe. Fran hatte einst in einer vergilbten Ausgabe der National Geographic darüber gelesen, die sie im Arbeitszimmer ihres Urgroßvaters in einer Kiste gefunden hatte. Damals war sie neun Jahre alt gewesen und in all den vergangenen Jahrzehnten hatte der Gedanke daran sie niemals losgelassen. Der Zusammenbruch der Zivilisation hatte vor allem anderen dafür gesorgt, dass sich dieses Wissen noch weiter in ihrem wachen Bewusstsein zementierte. Manchmal lag sie nachts wach, während sie darüber immer und immer wieder nachdachte, während sich eine Melodie aus dem Film Aristocats als Ohrwurm in ihrem Hirn festgefressen hatte: Everybody wants to be a cat.
Du stirbst an
ZAHNFÄULE!
Du STIRBST an ZAHNfäule!
Du stirbst an Zaaaaahnfäule
Du
stirbst
an
Zahn
fäu
le
Auch jetzt ging ihr die Melodie wieder im Kopf herum, während sie im Sternenlicht neben Beth auf der nackten, zerbröckelnden I-95 entlangwanderte. Ihr abgebrochener Zahn schmerzte, als hätte ihr jemand eine glühende Kohle in die Backe geschoben und sie dort festgetackert. Es war heiß, die Schnitte und Kratzer des Tages zehrten an ihr und machten jeden Schritt zur Qual. Sie kaute auf der linken Backenseite auf einem Stück Süßholz herum. Der ekelhaft süßliche Geschmack hatte sich bereits wie ein dicker Film in ihrem Mund ausgebreitet. Aber das Spiro aus dem Regal war größtenteils wirkungslos, vom UV-Licht zerstört, von Wasser oder einfacher Oxidation ruiniert. Also: Süßholzwurzel. Pfefferminztee. Ein paar Girls aßen auch Traubensilberkerze, aber von der bekam Fran nur fürchterlichen Durchfall.
Der Winter war gefährlich. Irgendwann im Februar verloren die getrockneten Pflanzen in der Regel ihre Wirkung, dann konnte selbst die Verdopplung einer Dosis t. rex manchmal nicht mehr in Schach halten. Vor zwei Jahren hatte Fran unter so schlimmen Krämpfen gelitten, dass sie Indi angebettelt hatte, sie umzubringen. Die Träume waren dabei das Schlimmste, fiebrige Albträume von kleinen Tumoren, die sich mit scharfen Zähnen unter ihrer Haut entlangfraßen und schimmernde Risse mit glänzendem, rohem Fleisch darin hinterließen, wenn sie die Muskeln anspannte. Ihr Körper schmerzte. Die Knochen fühlten sich an, als brannten sie von innen heraus aus.
Aber es ging vorbei und sie hatten nicht mehr darüber gesprochen. Es war eben ein Teil des Lebens, als bekäme man den Blinddarm entnommen. Außer man hatte tatsächlich Appendizitis. Dann starb man natürlich unter größten Schmerzen, es sei denn, man kannte einen Chirurgen, der den T-Day überlebt hatte, der einem nicht zu viel Blut abnahm und es an Bunkerratten verkaufte, damit die sich eine Vampirgesichtsmaske daraus machten. Nicht dass es irgendwie besser gewesen wäre, als sie noch ohne Krankenversicherung über Indis Garage gelebt hatte. Sie fuhr sich mit der Zunge vorsichtig über den abgebrochenen Zahn und ertastete die scharfen, schroffen Zahnfragmente und das zerfetzte Zahnfleisch darum herum.
Ich frage mich, ob es hier an der Küste noch Zahnärzte gibt. Ich frage mich, ob es noch Novocain oder Lachgas gibt.
»In Seabrook gibt es einen Zahnarzt«, meinte Beth, die offenbar Frans Gedanken gelesen hatte. Der Verband, mit dem Fran ihre Wunde versorgt hatte, war bereits blutverkrustet. »Vielleicht können wir was mit ihm aushandeln. Wir haben schließlich Gras. Glaubst du, er hat welches?«
Geistesabwesend schob Fran mit der Zunge die Süßholzwurzel auf die rechte Kieferseite und wollte loskauen. Nur die absolute Sicherheit, dass sie sich, falls irgendein Mann sie dann hörte, nur noch zum Sterben auf den Rücken legen könnte, hielt sie davon ab, lauthals loszuschreien. Plötzlich, ohne zu wissen, wie es passiert war, lag sie auf den Knien, den Rucksack irgendwo neben sich und die Hände auf den Mund geschlagen, in dem weißglühender Stacheldraht wütete. Sie keuchte und spuckte grüne Galle und Blut auf den rissigen Asphalt. In der Dunkelheit war beides schwarz. Beth ging neben ihr in die Hocke und rieb ihr über den Rücken, als sie wieder würgte. »Wir könnten es aber auch gleich hier machen.«
Beth brachte sie zu einem verrosteten Minivan, der am Rand des Highways südlich einer Steilwand aus Granit herumstand. In der Felswand glänzte eine Quarzader im Sternenlicht. Sie setzten sich auf den mottenzerfressenen Teppichboden, mit dem der Van ausgelegt war, ließen die Beine im Gras baumeln, das durch den Asphalt gebrochen und beinahe bis zur Tür hinauf gewuchert war, und aßen die kalten Hoden aus dem Schaumbett des Rucksacks. Fran kaute nur vorsichtig auf dem rohen, zähen Fleisch herum. Selbstmitleidig kratzte sie sich die eigenen Eier, während sie die beste Östrogenquelle herunterschlang, die fünf Jahre rücksichtslosen Experimentierens und verzweifelter Raubzüge durch medizinische Bibliotheken hatten auftreiben können. Sie konnte Indis Stimme hören, während sie aß.
Tu einfach so, als wäre es eine dieser guten Schokopralinen in Goldfolie. Du weißt schon, die ganz teuren in gepolsterten Schachteln.
Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie so teure Pralinen schmeckten, und das durchdringende, wildartige Aroma des Hodens legte sich wie ein Film auf ihre Zunge. Wie viele von diesen Dingern hatte sie schon heruntergewürgt, seit das letzte Restchen Östradiol oxidiert war? Wahrscheinlich waren es Hunderte. Sie hatte mehr Eier gegessen, als sie je Schwänze gelutscht hatte. Der Gedanke machte sie unerwartet traurig. Oder vielleicht war das nur die Feuchtigkeit. Zu schwitzen machte sie immer traurig.
Stell dir einfach vor, es sind Austern.
Sie schluckte und bekämpfte erneut den Würgereflex und lehnte sich dann an Beth. Ihr Kiefer tat weh. Langsam begann er anzuschwellen.
»Ich fühle mich scheiße«, murmelte sie mit Tränen in den Augen. »Ich will Eiscreme. Ich will in einem Bett schlafen.«
»Ich weiß«, antwortete Beth. »Aber heute werden wir in einem uralten Schrottauto übernachten und morgen ziehe ich dir den Zahn mit irgendwelchen Werkzeugen. Also solltest du vielleicht nichts anderes mehr essen, weil du mir sonst nur in den Schoß kotzt. Wir haben ohnehin nur noch abgelaufene Energieriegel und getrocknetes Fleisch. Und die Eier.«
Fran schloss die Augen. »Könntest du vielleicht nicht gerade jetzt Witze machen?«
Für einen Augenblick herrschte brüchiges Schweigen. »Klar«, meinte Beth dann. Ihre gute Laune klang gezwungen. »Tut mir leid.«
Als sie später schläfrig mit dem Rucksack als Kopfkissen auf dem modrig riechenden Boden lag, dachte Fran daran, dass sie beide eigentlich die meiste Zeit gut miteinander auskamen. Beth, der Leichtathletik-Star ihrer High School, die sie abgebrochen hatte, und Fran, die ihr vorklinisches Examen geschmissen hatte, jagten die Ostküste auf und ab, immer auf der Suche nach Hoden oder Nebennieren, die man in Indis Labor verarbeiten konnte. Die verkauften sie dann als schöne, saubere Hormone an die cis Ladys in Manchester und Seabrook, die in die Wechseljahre gekommen waren. Ab und an, wenn die Straßen offen waren, kamen sie sogar bis Nashua oder Concord.
Allerdings fühlte sich das manchmal so an, als hätte die High School nie aufgehört. Als hätten sie erst gestern den schrecklichen Kampf ausgefochten und nicht vor acht Jahren. Dann wünschte sich Fran – und sie hasste sich dafür –, dass zwischen ihr und Beth zwei Stunden Fahrt über den Highway lagen.
Und einen Knopf, mit dem man Bethany Crick auf »stumm« stellen konnte.
»Erinnerst du dich an diese kleinen Belohnungen beim Zahnarzt?«, fragte Beth leichthin. Im Plauderton. Es war kurz nach Sonnenaufgang und sie kniete über Frans Schoß, eine grobe Zange in der Hand. »Aufkleber konnte man kriegen. Fingerpuppen aus Gummi. Diese winzigen Labyrinthe mit winzigen Bällen, die man da durchlotsen musste.«
Fran grunzte Zustimmung. Es beruhigte sie seltsamerweise, eine solch banale Frage gestellt zu bekommen, während ihr Mund voller Finger und Metall war. Gerade kam sie sich fast so vor, als wäre sie wieder 20 und säße im Behandlungsstuhl eines echten Zahnarzts, der sie gerade biochemische Fakten fürs Studium abfragte. In ihrer Vorstellung war der Zahnarzt um die 50, besaß einen gewachsten Schnurrbart und untersuchte ihre Backenzähne auf Löcher.
Aber in der Wirklichkeit saß sie mit dem Rücken an der verrosteten Wand eines Vans, in dem sie geschlafen hatte. Ihr Kopf lehnte an Beths verschwitztem Pulli und sie wartete darauf, dass ihre Gefährtin ihr den Zahn zog. Wenigstens war über Nacht die Hitze verschwunden. Heute war es kühl und ein bisschen windig, die Brise trug den Duft nach Salz aus den nahen Lagunen ins Inland.
»Ich war verrückt nach diesen kleinen Spielzeugen«, erzählte Beth weiter. »Als wir noch versichert waren, hab ich den Zahnarzt immer um welche angebettelt.« Sie runzelte die Stirn und spähte in Frans weit geöffneten Rachen. »Wir hatten nicht viel Geld und ich war immer hinter Spielsachen her. Ich hab besonders die kleinen Sachen immer gemocht. Miniaturen von irgendwas und so.«
Die Greifer der Zange tasteten sich vorsichtig an Frans entzündetem Zahnfleisch entlang. Fran stöhnte auf, ihr Körper spannte sich bis in die Nackenmuskeln hinein an, Cortisol durchflutete ihre Adern und Muskeln.
»Als ich sechs war, gab es bei unserem Zahnarzt immer diese kleinen Autos. Dragster oder Betonmischer, egal. Einmal bekam mein Bruder Derek ein kleines Polizeiauto und ich war verrückt nach dem Ding. Ich stellte mir immer vor, es säßen echte kleine Polizisten darin, tränken Kaffee aus winzigen Bechern und beschwerten sich über ihre ebenso kleinen Frauen. Der Arzt behauptete damals, er hätte noch eins. Verdammt, das hätte ich für mein Leben gern gehabt.«
Die Zange stieß an einen Zahnsplitter, der in falschem Winkel aus dem Zahnfleisch ragte, dort, wo sich die Wurzel befand. Ihr Gesicht nur Zentimeter über Frans Mund, fischte Beth mit den Fingern nach dem Splitter und entfernte ihn vorsichtig. Der Schmerz löste eine Welle der Übelkeit in Fran aus. Ein grauer Schleier zog sich über ihr Bewusstsein. Sie stöhnte auf, als sie das blutverschmierte Zahnstück erblickte, doch Beth presste ihr die freie Hand auf den Mund. »Du darfst nicht schreien«, sagte sie. »Und ich weiß, wie scheiße das ist.«
Fran sog die Luft tief durch die Nase ein. Sie bekämpfte den Drang, Beth in die Hand zu beißen und sich dann die Lunge aus dem Leib zu schreien. Wie lange war es eigentlich her, dass sie das letzte Mal so richtig aus Leibeskräften gebrüllt hatte? Beth war sicher so ein Kind gewesen, das ständig geschrien hatte. Ein schreckliches, ständig aufgedrehtes Kind mit einem verrunzelten, roten Gesicht und gelblicher Haut. Mit sechs war sie bestimmt der Schrecken der Straße gewesen.
»Vor meinem nächsten Kontrolltermin hab ich förmlich gesabbert nach dem Ding. Was ich für verdammte Abenteuer mit dem Auto erleben würde!« Sie beugte sich näher über Fran. Ihre dunkelbraunen Augen waren nur noch Schlitze, als sie die Zange erneut in Frans Mund steckte, zwischen den Backenzähnen hindurch auf die Trümmer des heiß pulsierenden Zahnrests zu, der sich immer noch in ihren Kiefer klammerte. »Schließlich war nur noch ein Junge vor mir. So ein ekliger kleiner Rothaariger. Den kannte ich aus der Schule, er hieß Brian Finnerty. Ich wurde fast verrückt vor Ungeduld, während ich darauf wartete, dass er wieder rauskam. Ich wusste, er würde es kriegen, ich war sicher, er wüsste, wie sehr ich das Auto wollte, und dass er mir eins reinwürgen wollte.« Die Greifer der Zange fanden ihr Ziel. Wilder Schmerz zuckte wie Blitze durch Frans Kiefer.
»Als er endlich aus dem Behandlungsraum stolzierte und dieses Polizeiauto in der Hand hatte, verlor ich die Nerven. Ich ging auf ihn zu und rammte ihm die Faust in den Mund. Da flog ihm die neue Füllung gleich wieder aus dem Maul, ich sag’s dir.«
Fran lachte, sie konnte nichts dagegen tun. Beth, die offenbar nur darauf gewartet hatte, zog. Strahlen von Schmerz nahmen Fran die Kraft. Knochen rieb an Knochen. Blut quoll in dem weißglühenden Nichts von Loch im Kiefer auf. Lose Fleischfetzen zuckten und wanden sich wie Würmer im Mund. Fran wimmerte, wandte sich von dem ekligen kleinen Klumpen von Blut und Knochen in den Greifern von Beths Zange ab und rollte sich zu einem Ball zusammen. Ihre Gefährtin beugte sich zu ihr herab und küsste sie auf die Schläfe. Dann drückte sie ihr etwas Glattes und Knisterndes in die schlaffe Hand.
»Hast du gut gemacht, Frankie«, meinte Beth. »Und das hier ist deine Belohnung!«
Fran sah auf den Gegenstand hinab. Es war ein kleiner Snickers-Schokoriegel von der Größe, die man früher als Kind zu Halloween an den Türen bekommen hatte. Es war ihr Lieblingsschokoriegel. Tränen quollen aus ihren Augenwinkeln, sie drückte den Riegel fest gegen die Brust. Ihr Kiefer fühlte sich an, als hätte ihn jemand mit einer alten Autobatterie verbunden und vorher die Kabel mit Chilipulver eingerieben. Sie presste die Augen fest zusammen und stellte sich die Kinder in Kostümen vor, die an einem nebligen, verregneten Abend den Bürgersteig entlang durch totes Laub wateten, das Lachen und die Straßenlaternen, an denen sie dabei vorbeikamen.
»Dabke, Beff.«
Fran schlief schlecht in der folgenden Nacht, sie hatte abwechselnd Schweißausbrüche und Schüttelfrost, trank jedes Mal wie ein Loch, wenn sie erwachte, und humpelte dann alle Viertelstunde einmal hinter den Van, um zu pinkeln. Ihre Klamotten waren ihr zu eng und zu kratzig. Ihre Haut war dreckig, ihr Haar verfilzt. Sie kämmte es mit den Fingern und starrte dabei durch die zerbrochene und von Flechten überzogene Windschutzscheibe des Vans in die Sterne. Ihre Zahnlücke pochte und schmerzte unablässig.
Wenn sie doch einschlief, träumte sie von einer Welt, die es nicht mehr gab. Von den letzten Arbeitstagen im Starbucks der Park Avenue und dem nur stotternd anwachsenden OP-Spendenkonto auf Twitter. Sie träumte davon, dass sie immer und immer wieder nachsah, aber dabei feststellte, dass die Spenden und die motivierenden und freundlichen Kommentare immer weniger wurden. Sie träumte von dem schlanken, eleganten Gesicht, das sie sich zusammen mit ihrem Chirurgen, Dr. Bakshi, ausgesucht hatte.
Ich stand so kurz davor, dachte sie enttäuscht, während sie an einem Tisch mit erleuchteten Kerzen Platz nahm. Er war mit einem fast 15 Zentimeter langen Schwanz eingedeckt, der mit Tropfen einer feinen Vinaigrette bedeckt war. Beinahe wäre ich eine Frau geworden.
In den Schatten auf der anderen Seite des Restaurants regte sich nun eine andere Gestalt und ließ das Besteck auf den Tellern klappern. Kauen war zu hören, lauter und schneller Atem, ein Schmatzen drang unter dem Knirschen des Bestecks hervor. Nur eine Kante des Tellers lag im Licht. Blut tropfte darauf.
So kurz davor.
Die Züge des Gesichts, das sie sich ausgesucht und von dem sie sich immer vorgestellt hatte, dass sie es über ihr eigenes ziehen könnte, blickten höhnisch durch Flammen und schmelzendes Wachs zu ihr herüber. Blut und rohes Fleisch rannen das schmale Kinn hinab, und hinter den perfekt geschwungenen Augenbrauen und der römisch gebogenen Nase kochten im Halbdunkel dicke Batzen von Fett und Knochen und Muskeln vor sich hin. Ein übergroßer, halb verfaulter Männerkörper, der sich hinter dem versteckte, was sie nun nie bekommen würde.
Sie blickte auf ihren Teller hinab. Blut spritzte aus dem nackten Peniskopf hervor und sammelte sich jetzt auf dem Porzellan. Es sah bemitleidenswert aus. Das Ding auf der anderen Seite des Restaurants schmatzte mit den Lippen, die ihr hätten gehören sollen und auch ihre geworden wären, wenn der T-Day sich nur noch wenige Wochen Zeit gelassen hätte. Der Termin hatte doch schon festgestanden! Die Seuche hatte ihr den kurz vor der Erfüllung stehenden Traum vor der Nase weggeschnappt.
Aber du hättest für einige Zeit vor oder nach der OP deine Medis nicht nehmen können. Und dieses wunderschöne Gesicht wäre aufgeplatzt und Tumore wären dahinter gewachsen und hätten sich mit ihren scharfen kleinen Zähnen durch die Haut gefressen, und dann wäre überhaupt nichts mehr von dir übrig.
Sie blickte wieder auf zu diesem roten, vollen Schmollmund. Er öffnete sich. Aus einem Nasenloch darüber rann jetzt ein dünner Blutfaden in den Lippenspalt und über einen einzelnen scharfen, aber perfekt geformten Eckzahn. Zwischen den anderen Zähnen hingen Fleischfetzen.
Was aß dieses Ding da nur?
Das Gesicht sprach.
»Fran, du Arsch, wach auf.«
Blinzelnd erwachte Fran. Für einen Augenblick hatte sie vergessen, wo sie war. Panik breitete sich in ihr aus, bis die Realität wieder in ihr Bewusstsein sickerte. Der Van. Die Hitze war wieder da, intensiver und überwältigender als zuvor, Moskitos sirrten im Sternenlicht. Ihre Beine waren völlig zerstochen. Draußen auf dem Highway kroch Scheinwerferlicht näher und strich über ihren Unterschlupf hinweg. Beth war nach vorn zum Fahrersitz gekrochen und verbarg sich hinter dem, was davon noch übrig war. Fran lag ganz still da.
Ein Pritschenwagen donnerte an ihnen vorbei auf die Steigung zu. Irgendjemand hatte eine Art grob geschmiedeten Schienenräumer am Kühlergrill befestigt. Über ein paar Stahlstreben, die man auf der Ladefläche angebracht hatte, war eine Leinwand gespannt. Es wirkte wie ein spitzes Zelt. Darunter konnte Fran nur ein paar unscharfe Silhouetten und das orangene Glühen von Zigaretten erkennen, Stiefel ragten unter dem Saum über die Kante des Anhängers hervor.
»Es sind so viele«, raunte Fran.
Noch ein Laster kam dröhnend aus dem Dunkel hinter dem anderen her, der einzige Scheinwerfer flackerte. Mehr Stiefel, mehr Zigaretten. Das Glänzen von Metall, die blassen Kerzenflammen von geisterhaften Gesichtern unter dem zerschlissenen Verdeck, wo Laternen schwangen und Schutzanzüge an Haken hingen wie leere Leichensäcke. Noch ein dritter Laster tauchte auf, ein vierter.
»Heilige verfickte Mutter«, zischte Beth zurück. Ihre Augen waren vor Furcht weit aufgerissen und glänzten im Dunkel.
Fran sah es im stroboskopartig flackernden Scheinwerferlicht des vierten Lasters, bevor Beth ihre Worte beendet hatte. Zwei meterhohe X, die man mit weißer Farbe auf die Beifahrertür des dritten Lasters gepinselt hatte. Und die sich auf dem provisorisch anmutenden Rahmen des Daches befanden.
Die TERFs waren nach Norden unterwegs.
IV
Der High-School-Schönling
Sie wanderten an Foxborough vorbei, ohne die Interstate zu verlassen. Krähen und Truthahngeier kreisten in unregelmäßigen Spiralen über der Stadt und hockten auf den Giebeln und Schornsteinen der Häuser, die man vom Highway aus sehen konnte. Tankstellen, Ladenzeilen, Straßen mit Bürohäusern waren unter Ranken und Unkraut beinahe verschwunden. Überall ragten schlanke Buchen und immergrüne Bäume aus dem unförmigen Urwald heraus, der alles überzog. Der McDonald’s hatte ein riesiges, klaffendes Loch in der Seite. Vogelscheiße klebte überall daran und bildete einen Wasserfall aus Weiß und Grau und Braun.
Zweimal hörten sie das Brüllen von Männern in der Ferne. Beim zweiten Mal, gleich nach Einbruch der Dämmerung, antworteten sowohl das Heulen eines Kojotenrudels als auch das Gebell der Mischlingshunde, halb Kojoten, halb Haushunde. Es klang durchdringend, wild, einsam, mal höher, mal tiefer, wie die Klagen der Trauernden bei einer Beerdigung.
Fran beschwerte sich über die Blasen an den Füßen, alle paar Stunden rang sie die Hände, schnüffelte und fragte sich laut, ob Seabrook wohl schon in Flammen stand oder ob die TERFs in Boston die Türen einrannten und trans Frauen hinaus in die Nacht zerrten, so wie sie es den Gerüchten nach in Baltimore schon getan hatten. Beth versuchte, gar nicht erst hinzuhören.
Fran war mit Geld aufgewachsen, damals, als Geld noch einen Wert besessen hatte, und litt deshalb unter einer Vorstellung, die typisch war für Mittelklasse-Gehirne wie ihres: dass man Schicksalsschläge kontrollieren konnte. So war es schon seit ihrer Kindheit gewesen. Aber Beth wusste es besser. Egal wie sehr man sich vorbereitete, einiges überfiel einen einfach wie eine heiße, schwarze und klebrige Flut. Und man konnte von Glück reden, wenn man hinterher noch aufrecht stand.
Wieder dachte Beth mit einem Anflug von Scham und Schuld an die junge Frau, deren Schulter ihr Pfeil am Waldrand durchbohrt hatte. Sie war sich völlig sicher gewesen, dass ihr Pfeil Teach treffen würde. Es wäre perfekt gewesen, direkt durch die Nase dieser TERF und hinten aus dem verfickten, dämlichen Hirn wieder heraus. Natürlich hätte irgendeine andere sofort ihren Platz eingenommen, aber es hätte sich so gut angefühlt, die Nebenhöhlen dieser Schlampe mal so richtig gut durchzupusten und dabei zuzusehen, wie ihre Groupies ihre beschränkten Schulmädchen-Köpfe verlören. Außerdem hätte sie so vielleicht noch das Portemonnaie ihres Großvaters aus dem Fahrradkorb retten können, zusammen mit den alten Kreditkarten und den Ausweisen, die sie aus purer Gewohnheit seit dem Beginn der Apokalypse mit sich herumtrug. Na ja.
Frans Stimme ließ den morbiden Tagtraum zerplatzen. »Hörst du mir überhaupt zu?« Das klang verletzt. »Wir müssen irgendwo einen Platz zum Schlafen finden.«
Es war heiß hier draußen. Eine gemeine, drückende Art von Hitze, die sich wie dicke Erbsensuppe über die langen Schatten und das Licht des roten Sonnenuntergangs legte. Beth hatte sich schon vor einiger Zeit aus ihrem Kapuzenpulli geschält, ihr Unterhemd war schweißdurchtränkt und klebte ihr am Rücken. Sie konnte das leichte Ziehen eines Sonnenbrands auf der Schulter spüren. Mücken tanzten in der zunehmenden Dämmerung. Beth bemerkte erst jetzt, dass sie ihr Arme und Beine zerstochen hatten. Bisher war ihr das gar nicht aufgefallen.
»Ja«, murmelte sie und kratzte sich den Unterarm. »Ein paar Meilen entfernt ist ein alter Rastplatz. Da können wir vielleicht auf dem Dach schlafen.«
Das Brüllen eines Mannes erhob sich wieder in den Wäldern. Diesmal war es gar nicht so weit entfernt. Ohne sich abgesprochen zu haben, blieben beide stehen und beobachteten, in welche Richtung die Vogelschwärme aus den Bäumen aufstiegen. Nicht zum ersten Mal fragte sich Beth, ob diese Bestien, die einst Männer gewesen waren, wohl einsam waren. Ob sie ihre Ehefrauen, ihre Mütter, ihre Töchter, Freundinnen und Dominas wohl vermissten. Aber vielleicht waren sie ja auch glücklich, so, wie es jetzt war; froh, vergewaltigen, töten oder fressen zu können, was und wen sie wollten, frei zu sein, zu scheißen, zu pissen oder sich auf offener Straße einen abzuwedeln.
Vielleicht war die Welt jetzt so, wie sie sich das immer gewünscht hatten.
Der Rastplatz befand sich hinter einem kleinen Pinienhain. Ein paar verrostete Autowracks standen noch verlassen auf dem Parkplatz vor dem kastenartigen kleinen Haus, das einst die Rezeption beherbergt hatte. Umgestürzte Verkaufsautomaten lagen zerschlagen vor seinen Glastüren herum, die mittlerweile von Spinnweben und Flechten überzogen waren. Das Tageslicht bestand nur noch aus einem blutroten Lichtstreifen über der nächstgelegenen Hügelkette.
Ein Schuppen mit Gerätschaften, halb verborgen von Sumach, stand auf der anderen Seite des Parkplatzes. Beth trat die Tür ein und förderte nach einer kurzen, von Frans Taschenlampe beleuchteten Suche im modrigen Inneren des Schuppens hinter einem Stapel von schimmeligen Düngersäcken eine faltbare Aluminiumleiter zutage. Sie zerrte sie heraus, trug sie zum Rezeptionsgebäude und wartete ab, bis Fran das Kletterseil an die oberste Stufe geknotet hatte, um die Leiter aufs Dach ziehen zu können. Die neuen Männer waren dumm, aber sie wussten immer noch, wie man eine Leiter benutzte.
Neue Männer, dachte sie, packte die Regenrinne und stemmte einen Fuß gegen die Wand. Die sind wie Coke Zero. Der gleiche bösartige Mangel an Respekt unsereinem gegenüber und keinerlei sozial erzwungene Rücksicht!
Das Dach war eine eigene kleine Welt. Moos wuchs in dicken Flecken um den stählernen Regenfang herum und breitete sich in einem dunkelgrünen Teppich auf dem mit Teerpappe ausgelegten Dach aus, bis hin zu dem niedrigen und halb verrotteten Holzgeländer hin, das den Regenfang einhegte. Auf der südlichen Seite des Geländers saßen ein paar fette braune Spatzen in einer Reihe und beobachteten träge, wie sie die Schlafmatten im Licht der Sterne ausbreiteten. Beth dachte darüber nach, einen von ihnen abzuschießen, doch von einem allein würden sie wohl kaum satt werden. Sie hatten immer noch ein paar Energieriegel und etwas Reiseproviant.
Wieder musste sie an die junge Frau denken. Die TERF, die sie angeschossen hatte. Sie hatte seitdem keinen Pfeil mehr abgeschossen. Noch so eine lustige Sache, wegen der man eine PTBS in dieser postapokalyptischen Öde namens New England entwickeln konnte.
Beth konnte nicht schlafen. Die Sterne funkelten jetzt am dunklen Himmel und verschwanden nur teilweise hinter den dicken, sanft dahingleitenden Wolken. Fran schlief rund einen Meter von ihr entfernt in Unterhemd und Radlerhosen, zusammengerollt und leise schnarchend.
Wenn ich nicht wäre, wären wir jetzt schon wieder in Seabrook, dachte sie. Wenn ich nicht diesen verdammten, dämlichen Schuss abgegeben hätte.
Dieses kreischende Mädchen mit diesem geraden Pony und den großen braunen Augen, aus dessen Schulter der lange Schaft ragte.
Beth schüttelte den Kopf. Sie berührte vorsichtig mit der Hand ihr Gesicht, strich sanft über die Haut, die um die Stiche herum geschwollen war und fragte sich, ob sie morgen wohl Zeit für eine kurze Rasur hatte. Es war dumm, sich immer noch wegen so etwas zu sorgen. Es war ja nicht so, als wäre sie als Frau durchgegangen, mit ihren knapp 1,90 und 90 Kilo, dem langen Pferdegesicht, den breiten Schultern und dem kantigen Kinn. Warum machte sie sich eigentlich Sorgen darüber, sich ein paar Dreitagestoppeln aus einem Gesicht zu kratzen, das ohnehin niemand, der Augen im Kopf hatte, je für das einer echten Frau gehalten hätte?
Sie zwang sich, lange auszuatmen. Diese Spirale aus Selbstmitleid würde niemandem helfen. Sie würde sich mit einer Rasur einfach besser fühlen. Darüber musste sie überhaupt nicht mehr nachdenken. Danke trotzdem, liebe Depression. Hat Spaß gemacht.
Die Minuten vergingen. Beth versuchte, die Dauer eines Atemzugs abzuschätzen, sich selbst damit einzulullen, bis sie einschlief, die Muskeln einen nach dem anderen zu entspannen, bis sich das, was sie wach hielt, endlich auflöste. Die Sterne über ihr drehten sich weiter, Wolkenschatten zogen darunter hinweg. Die Hitze war furchtbar, sie lag wie ein Gewicht dicht auf ihrer Haut und ließ sich nicht abschütteln, egal wie oft sie sich hin und her warf. Schweiß rann ihr in Bächen über die vom Sonnenbrand spannende Haut.
Dann ließ ein Geräusch sie aufschrecken. Mit einem Mal saß sie aufrecht da und lauschte in die sternklare Nacht hinein. Da war gedämpftes Krachen und Knacken im Unterholz weiter im Norden. Ein Wispern erklang etwas entfernt in den Büschen. Auf den Knien rutschte sie zu dem schmalen Mäuerchen, das das Dach umgab, und richtete den Blick über die Bäume hinweg auf die fernen Lichter Bostons. Vor dem T-Day hätten die geleuchtet wie eine Fackel. Jetzt war da nur ein blasser, weißgelber Fleck. Kaum mehr als ein Verandalicht, das jemand vergessen hatte auszuschalten.
Das Krachen wurde lauter. Auf der anderen Seite des Parkplatzes brach ein Reh aus dem Dunkel unter den Tannen. Die Ricke rannte aus Leibeskräften, schweißbedeckt wie ein Rennpferd. Ihr Schatten huschte geschmeidig über die zerbrochenen Betonplatten. Eine Bande von Männern jagte mit in der Dunkelheit silbrig leuchtenden Augen hinter ihr her. Sie rannten auf allen vieren, das Trommeln schwieliger Füße und Knöchel ließ das Rezeptionsgebäude unter Beth erbeben. Sie warf einen Blick auf die noch schlafende Fran, dann wieder auf das, was da in ihre Richtung hetzte. Die Augen glänzten im Dunkeln wie die von Tieren, die im Scheinwerferlicht eines Autos aufleuchteten.
Das Reh rannte weiter. Beth fragte sich, was mit dem Rest seiner Herde geschehen war. Zerfetztes Fleisch, Knorpel, der von verfaulten Zähnen herausgezerrt war. Ein Lappen gefleckten Fells, ein blutiger Huf. Eine ganze Horde von Männern war hinter ihm her, mit sich wölbenden Rücken, Gliedern, die sie durch den Dreck hinter sich herzogen, wobei sie Staub und trockene Tannennadeln aufwirbelten. Für einen Augenblick gestattete Beth sich die Hoffnung, das Reh würde es schaffen. Dann brach leise, aber rasch eine zweite Männerhorde aus dem Wald. Direkt neben der Stelle, an der früher die Trucks geparkt hatten, damit deren Fahrer eine Mütze voll Schlaf bekommen konnten.
So wie es klang, erwischten sie das Reh in der Nähe der Auffahrt. Es schrie auf, nur einmal, heiser und hoch. Beth hätte den Klang am liebsten sofort wieder vergessen, sobald sie ihn gehört hatte. Dann war da nur noch das Krachen zersplitternder Knochen und das feuchte Reißen des Fleisches, in das die Männer sich hineinfraßen.
Das Rudel hatte sich noch vor der Dämmerung wieder verzogen und den halb aufgefressenen Leichnam des Rehs mit sich in den Wald gezerrt. Beth konnte noch ein paar Stunden schlafen, wenn auch von Albträumen schreiender Frauen durchzogen, deren Körper bei der leichtesten Berührung zu Staub zerfielen. Sie selbst fühlte sich schmierig und leicht krank, ihr Magen war ein einziger Knoten rund um einen halb verdauten Energieriegel und etwas Trockenfleisch. Sie stand auf, streckte sich und blinzelte mit aufgequollenen Augen in die weiche, feuchte Hitze.
Dann nahm sie ihr Rasierzeug und sprang vom Dach. Fran ließ sie noch etwas schlafen. Vor einem verstopften Abfluss hinter dem Parkplatz hatte sich ein kleiner Tümpel gebildet. Das Wasser sah einigermaßen klar aus, fand Beth, als sie näher herankam. Nicht gerade trinkbar, aber in Ordnung. Sie kniete sich in die weiche Erde am Tümpelrand, bückte sich und spritzte sich etwas davon ins Gesicht. Es war lauwarm und zu trübe, um bis auf den Grund zu blicken. Ihr Spiegelbild schwamm auf dem braunen Strudel der Oberfläche. Ein Gesicht, kantig wie ein Ziegel. Vernarbt und verbunden. Kantig. Ziegel. Brick.
Sie nahm das Rasiermesser aus dem Gürtel und zog die Klinge ein paarmal über die Scheide, um sie zu schärfen. Die Klinge war in den letzten fünf Jahren nach und nach durch die ständige Benutzung auf den Wanderungen und durch unregelmäßige Mahlzeiten schmal geworden. Sie wusste nicht, ob es wirklich half, die Klinge auf diese Weise zu schärfen, aber sie mochte das schleifende Geräusch. Ja, schleifen nannte man das.
Er kam aus dem Nichts, brach wie eine Explosion aus der ruhigen Oberfläche, in einer Wolke funkelnder Tropfen. Mit heißem Schrecken erkannte sie, dass er steif war, der Schwanz stand hoch vor seinem vorgewölbten Bauch. Sie ließ das Rasiermesser fallen und wollte das Kampfmesser ziehen, doch sie war langsam, so langsam. Es fühlte sich an, als müsste sie sich durch halbfesten Beton hindurchkämpfen, wie jemand, dessen Armgelenke verrosteten Kugellagern glichen. Ihre Hand umklammerte das abgegriffene Heft des Messers.
Er warf sich auf sie. Zusammen fielen sie und rollten durch das hohe Gras. Sie stach auf ihn ein. Er war größer als sie und stark, grausig stark. Sein Atem stank nach Sperma, nach verfaultem Fleisch und alten, vergessenen Gymnastikmatten, auf denen sich, im Dunkeln einer Sporthalle unsichtbar, die Überreste von Männlichkeit abgelagert hatten. Eine Ratte, die tot hinter neuem Rigips vergammelte. Seine Zähne schnappten nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt zu, nur zurückgehalten von ihrem überbeanspruchten Unterarm. Wieder stach sie zu, heißes Blut platschte über ihre Hand, sodass ihr das Messer wegrutschte, als er sich über ihr drehte und mit seinen Klauen ihre Kehle packte.
Seine dreckigen Nägel gruben sich in ihren Hals. Sie sah zu ihm auf, atmete mit geschlossenen Zähnen ein, kämpfte den Drang nieder, sich zu einem Ball zusammenzurollen und einfach zu verschwinden, bis er mit dem fertig war, was dieses Ding zwischen seinen Beinen ihr antun wollte. Ich kann es mit ihm aufnehmen, ich kann dieses Stück Scheiße fertigmachen. Als er noch eine Person war, hätte ich ihm seine Eier in den Arsch geprügelt und wäre dann mit seiner verfickten Freundin abgezogen.
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