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Die 1875 in Berlin geborene Alice Berend gehörte zu den produktivsten humoristischen als auch realistischen Schriftstellerinnen der 1910 er und 1920er Jahre. Da sie nach den NS-Rassegesetzen als Jüdin galt, verbrachte sie die Jahre 1935 bis zu ihrem Tod 1938 im Ausland. Ihre Literatur war bei den Nationalsozialisten genauso unwillkommen wie sie selbst, und so wanderten ihre Werke in den Schrank mit der Aufschrift "Verbrannt und Verbannt." Heute gehören Berends Romane zu den Klassikern der Literatur und sind allesamt und allemal lesenswert.
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Seitenzahl: 174
Veröffentlichungsjahr: 2025
Marionetten
des Schicksals
ALICE BEREND
Marionetten des Schicksals, A. Berend
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
86450 Altenmünster, Loschberg 9
Deutschland
ISBN: 9783988681874
Dieses Werk folgt der Originalausgabe des Jahres 1909, erschienen im Schottlaender Verlag Berlin. Quelle: http://digital.bib-bvb.de/view/bvb_mets/viewer.0.6.5.jsp?folder_id=0&dvs=1741868467971~666&pid=18429109&locale=de&usePid1=true&usePid2=true.
www.jazzybee-verlag.de
I1
II9
III16
IV.. 22
V.. 28
VI33
VII38
VIII39
IX.. 42
X.. 45
XI50
XII56
XIII59
XIV.. 61
XV.. 62
XVI66
XVII70
XVIII72
XIX.. 76
XX.. 78
XXI80
XXII82
XXIII83
XXIV.. 87
XXV.. 90
XXVI92
XXVII94
XXVIII98
XXIX.. 102
XXX.. 105
XXXI106
XXXII109
XXXIII111
XXXIV.. 112
XXXV.. 114
XXXVI116
XXXVII118
XXXVIII120
Der Schriftsteller Günter Klemens saß, wie immer, wenn die Sonne herunter und damit die Arbeitszeit für den Maler vorüber war, rauchend in Thomas Dittmars Atelier.
"Was in aller Welt hast Du eigentlich heute vor," rief er endlich, nachdem er schweigend Thomas Dittmar betrachtet hatte, der in seiner ganzen Breitschultrigkeit vor dem hohen Stehspiegel stand und eine Krawatte nach der andern mir Umständlichkeit umknüpfte, und gleich darauf mit ärgerlichem Grunzen wieder abzerrte.
"Ich bin ausgebeten heute" antwortete Dittmar kurz.
Er brauchte ja dem Freund nicht zu sagen, dass er Frau Evi Emdens klirrende, feine Stimme im Ohre hatte, die sagte: "Man kann sich auch bei einer geschmackvollen Krawatte mancherlei denken, ebenso wie Euch Manner ein schöner Seidenstoff an uns Frauen reizt. Aber ihr gebt Euch gar keine Mühe, uns zu gefallen, ihr denkt alle unwiderstehlich zu sein und dabei machen wir uns gar nichts aus Euch." Er hatte damals lachend gedroht, diese Ansichten ihrem Mann zu verraten. Sie hatte ihre geschmeidige Gestalt in dem lilafarbenen Seidenkleid tief in den Ledersessel gedrückt und ebenfalls lachend erwidert: "Oh, der kennt sie ganz genau. Ich habe sie ihm oft genug gesagt. Aber, da sie ihm unbequem sind, glaubt er sie einfach nicht."
"Da gehst Du also zu Vollradts, wie?" unterbrach Klemens diesen Gedankengang. "Ich traf Hans Vollradt heute in der Stadtbahn, vollständig hummerbüchsen-beladen. Er war äußerst verlegen, als er mich sah. Ich bin nämlich nicht eingeladen. Mit mir ist kein Staat zu machen. Frack aus der Zeit Wilhelms des Großen, Berühmtheit erst Mitte des nächsten Jahrhunderts zu erwarten, Vollradt stotterte also etwas von Verpflichtungen, Abfütterungen, ich verstände, begriffe doch, nicht wahr und überhaupt. Endlich half ich ihm aus der Verlegenheit und sagte: "Aber gewiss, sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, wer Du bist." Klemens lachte und rauchte einen langen Zug. "Er sah mich zweifelnd, beunruhigt an und begann hastig von etwas anderem zu sprechen."
"Er sagte nichts von Frau Christie?" Dittmar hatte sich inzwischen endgültig für eine Krawatte entschieden, setzte sich Klemens gegenüber und zündete sich eine Zigarette an. "Von Frau Christie nicht ein Wort. Dieser Mensch spricht doch immer nur von sich selbst. Der macht doch nur den Schnabel auf, um sein eigenes Lob zu krähen. Gilt es nicht seinen Dramen, seinen Feuilletons, seinen Kritiken, was er mir gegenüber denn doch nicht wagt, geht's um die Privatperson. Heute war er ganz Haushahn. wie er für Lohndiener, Blumenschmuck, Tafelservice und Gott weiß was alles gesorgt hatte, welche Mühen solche Festlichkeit mit sich bringe. Kein Wort von Christie, die natürlich eine Heidenarbeit um das fremde Menschenvolk hat, das nur ihn und immer wieder ihn angeht und "die kleine Frau" des berühmten Mannes mitleidig mit in den Kauf nimmt. Ich glaube, wenn es möglich wäre, behauptete er auch, die Kinder selbst zur Welt gebracht zu haben, Christie hätte nur so dabeigestanden."
Dittmar lachte. "Nun, wir und ein paar andere wissen ja, dass Christie hundert Mal mehr wert ist als er samt seiner ganzen Berühmtheit. Und ihre Kinder werden's auch einmal wissen. Das genügt ja. Übrigens gehe ich nicht zu Vollradts, sondern zu weitläufigen Verwandten, draußen am Kurfürstendamm."
"So, ich dachte, das hattest Du überwunden, Geldprotz."
"Es ist mir natürlich nicht um die Gesellschaft zu tun, aber ich habe da zwischen jenen gepflegten Beeten eine schillernde Schlange entdeckt, eine Frau, die mich interessiert. Von rein künstlerischem Standpunkt."
"Natürlich, das sagst Du jedes Mal, mein Lieber. Also diesmal ist es eine schillernde Schlange. So will ich, wie immer, diskret warten, bis sie sich in einen Regenwurm verwandelt hat."
Sie stiegen indessen die vielen Treppen herunter. "Wenn ich Dich nicht sehr im Vorgenuss störe, komme ich noch ein bisschen mit", fragte Klemens.
"Komm nur". Dittmar lachte. "Aber Du bringst mich doch nicht auf halbem Weg zur Umkehr. Ich kenne Dich."
"Na, ja, Du gehst da am Ende in eine gewöhnliche Verlobungsfalle, vergiss nicht, dass man die Frauen, wenn man von ihnen Vergnügen haben will, wie Kunstgegenstande betrachten muss — von weitem."
"Man sollte vielleicht doch ein wenig individualisieren, Klemens."
"Gar nicht nötig. Ob primitiv, prä-rafaellitisch, gotisch, nämlich mit hübschen Rundbogen, ob barock, oder modern, alles ist schließlich ein und dasselbe. Jemand, der was Eigenes leisten will, betrachte sie auf kühlem Abstand."
"Das ist sehr nett zu hören. Aber ich finde nun gerade in den Frauen die Natur. Das Erdverbundene."
"Das heißt, Du suchst es. Wie mir scheint, unterscheidest Du da nicht recht zwischen Suchen und Finden."
Dittmar blieb stehen, "Nun will ich aber doch das letzte Stück Wegs allein gehen. Sonst kehr ich wirklich um. Mir ist da plötzlich ein neuer Gedanke für mein Bild aufgesprungen. Morgen fange ich ein Neues an, Junge, weißt Du, was das heißen will? Jetzt habe ich ordentlich Sehnsucht nach meinem Atelier, da könnt' ich am Feuer sitzen mit Flauberts "Salambo", die ich gestern einmal wieder zu lesen begonnen habe."
"Also, kehr um, die guten Instinkte warnen Dich."
"Das tun sie immer," rief Dittmar, "aber wir sind viel zu klug, um auf sie zu hören und patschen lieber von einer Dummheit in die andere. Dagegen ist nichts zu machen." Er drückte Klemens die Hand und ging davon.
Einen Augenblick später saß er in einem Automobil und fuhr, umweht von der frischen Novemberluft, den glatten Kurfürstendamm herauf. Er atmete mit Behagen den würzigen Erdgeruch des Herbstes, er blickte mit Vergnügen in das elegante Menschen- und Wagengewühl, aus dem die hohe, romanische Kirche ragte. Berlin gefiel ihm heute. Ihm war leicht zu Sinn, er freute sich auf heute und morgen.
Bald stand der Wagen vor der Villa von Michael und Evi Emden. Aus allen Fenstern strahlte, durch gelbseidene Vorhänge gedämpft ein warmer Lichtschein auf die Straße.
AIs Dittmar den Salon betrat, hatten sich die Gaste gerade erhoben, um in den Speisesaal zu gehen. Michael machte ihn hastig bekannt. Ein Herr Rechtsanwalt, ein Herr Bankdirektor, ein Herr Baumeister, alles befrackte Herren mit dekolletierten Gattinnen. Er verstand keinen Namen, er kannte niemand von ihnen zuvor. Sie musterten einen Augenblick den titellosen, unbekannten Fremden und wandten sich dann wieder zueinander. Die Türen des Speisesaales wurden weit auseinandergeschoben und Frau Evi kam herein. Sie trug ein helles Kleid aus zarten Spitzen, die Hals und Arme durchscheinen ließen und über denen in zarten Windungen ein dünnes Goldkettchen lief, das einen großen, schweren Rubin amulettartig tragen musste. Sonst fiel das Kleid schmucklos in schlanken Linien bis zum Boden herab. Aber am Saum, dicht über dem Boden waren ringsum dunkelrot leuchtende Rosen eingewebt oder gestickt. Frech, sinnbetörend wirkte dieser tiefrote Rosenkranz, als er von schmalen, in Gitterschuhen steckenden Füßen nachlässig über den dunkelgrünen Teppich geschleift wurde.
Frau Evi hatte gelächelt, als sie unvermutet Thomas Dittmar im Salon fand und kam ihm langsam ein paar Schritte entgegen.
"Also doch noch," sagte sie, ihm die Hand reichend, "nun aber bitte ohne Aufschub an die Tafel. Wir haben lange gewartet. Nein, sehen Sie sich nicht erst um, Sie haben doch keine Tischdame, weil — "
"Weil"?
"Sie doch zu niemand hier passen würden". Frau Evi wendete sich lächelnd fort.
"Soll dies schmeicheln oder beleidigen," rief Dittmar ihr leise nach.
"Ganz, wie man's nehmen will," war die im selben Ton gehaltene Antwort und Frau Evi war zwischen ihren Gästen in den Speisesaal geglitten. —
Dittmar saß zur Seite der Frau Bankdirektor am Ende des Tisches, und da diese sich eifrig zur Linken unterhielt, hatte er Zeit, sich umzublicken. Der weiße, von Silber und Kristall glitzernde Tisch war über und über mit Veilchen bestreut, die einen wundersamen Waldgeruch in die parfümierten Luftwellen des Zimmers trugen, der Dittmar fast unbehaglich ans Herz griff.
Er ließ die Blicke über die Frauen gleiten. Wohlgepflegte, junge Gesichter, aber nirgends der geheimnisvolle Reiz einer Persönlichkeit in den zufriedenen Zügen. Wie aus dem Rahmen eines Bildes gefallen, saß Frau Evi mit den schillernden Augen, dem schmallippigen, scharfen Mund, dem hellbraunen, in Puffen zu beiden Seiten des gemmenartigen Gesichtes aufgesteckten Haar, zwischen ihren leise sprechenden Gästen. Ihr zur Seite saß ein Herr, den Dittmar bei der flüchtigen Begrüßung nicht bemerkt hatte. Sein glatt-rasiertes Gesicht, das von dem bis an die Ohren reichenden, schneeweißen Kragen fest umschnürt wurde, hatte dauernd den spöttischen Zug des bewussten Salonmephistos und seinen schmalen fein gepflegten Händen sah man an, dass sie nie etwas aus Frauenhand nehmen konnten, ohne sie leise zu streifen, zu berühren. Dittmar fand, dass dieser fade Geselle seinen Stuhl unnötig nahe neben Evi gerückt hatte. Unwillkürlich sah er zu Michael, dem Hausherrn, hinüber. Dessen, immer ein wenig gerötetes, Gesicht strahlte unbekümmert in froher Gutmütigkeit. Michael war stets guter Laune. Das Geschick hatte ihm keine Sorgen in den Weg geschoben und er selbst hatte sich gewiss keine gemacht. Sein nettes Vermögen vergrößerte sich jedes Jahr, er hatte das Mädchen, das ihm gefiel, geheiratet, hatte nun eine nette Frau, eine nette Häuslichkeit, nette Freunde. Na ja, er hatte keine Kinder, aber sie konnten ja noch kommen und wie viele -Leute gab es, die keine hatten und sehr glücklich waren. Er fand das Leben einfach eine nette Sache.
Man trug schon den zweiten Gang des Menüs ab, als sich die Frau Bankdirektor endlich Dittmar zuwendete.
"Entschuldigen Sie, Herr Doktor," sagte sie mit herablassendem Lächeln, "aber ich hatte etwas Wichtiges zu besprechen."
Dittmar hatte Evi beobachtet und fuhr erschreckt auf.
"Sie sind Jurist, nicht wahr, Herr Doktor." "Ich bin Maler, gnädige Frau."
"Ach, nicht möglich". Sie musterte erstaunt seinen tadellosen Frack. "Da habe ich gewiss schon viele Bilder von Ihnen gesehen, ich bin überall abonniert, wie war doch Ihr werter Name?"
"Mein Name ist Thomas Dittmar, aber ich habe noch nirgends ausgestellt, gnädige Frau."
"Von den Bank-Dittmars aus Hamburg?" wie ein elektrischer Funke sprang die Frage hervor.
Günter Klemens hatte einmal gesagt, die Finanzwelt höre Goldstücke klirren, wenn der Name Bank-Dittmar ausgesprochen würde. Thomas trank jetzt lächelnd einen heimlichen Schluck auf Günters Wohl, als er zustimmend nickte.
"Ach so, da malen Sie also nur zu Ihrem Vergnügen," sagte die Frau Bankdirektor erfreut und schob ein nicht kleines Stück Kapaun in den Mund.
Dittmar wurde rot vor Unbehagen und schwieg.
Die Unterhaltung begann jetzt allgemeiner zu werden. Der Wein tat seine Schuldigkeit, die Gedanken wurden flinker und froher und Spaße flogen über den Tisch.
"Nun, Herr Chemiker, haben Sie im Sommer das Geheimnis der Alchimie gefunden?" rief jemand Evis Nachbar zu und man horchte auf seine Antwort.
"Beinahe", rief er zurück. "Ich habe nämlich in Ostende die Flüssigkeit entdeckt, in der sich Gold am besten auflöst."
"Nicht möglich", rief Michael aus und streckte den Kopf vor.
"Na und", fragte der Bankdirektor ungeduldig.
"Heidsiek Monopol", sagte der Chemiker ernsthaft und wandte sich wieder Evi zu, während alles am Tisch in schallendes Gelächter ausbrach.
Michael und der Herr Rechtsanwalt stritten sich ganz erhitzt über ein Schachrätsel.
"Spielen Sie auch Schach", fragte man Evi.
"Ich hasse Geduldspiele", war ihre Antwort und dabei hob sie den Sektkelch und trank.
"Dann hätten Sie nicht heiraten sollen, schöne Frau", rief der Bankdirektor, der schon ganz dunkel im Gesicht war. "Die Ehe ist das größte Geduldspiel"; er prustete vor Lachen.
"Hermann, was sollen die Leute denken", flüsterte seine Gattin.
Aber als das Dessert kam, war auch sie warm geworden, sie fächerte sich heftig und kicherte viel.
"Wissen Sie", sagte sie im vertraulichen Ton zu Dittmar, während ihre weiße Schulter seinen Arm streifte, "ich bewundere ja alle Talente, aber neben einem Künstler, der noch nichts ist und nichts von Hause aus hat, gruselt's mich immer ein wenig. Ich denke immer, der Frack kommt vielleicht direkt aus dem Leihhause, war am Vormittag vielleicht zu einer Beerdigung verborgt." Sie kicherte wieder und fächelte ihr gerötetes Gesicht.
Endlich erhob man sich. Man verbeugte sich gegeneinander. Alle hatten erhitzte Gesichter, des Chemikers schiefes Spottgesicht quoll wie eine Päonie aus seinem Kragenkelch, nur Evis Gesicht war ebenso bleich wie es vor der Mahlzeit gewesen war. Dittmar fühlte ein Brennen in den Augen, als hätte er stundenlang geweint und sein Körper war wie steif geplättet von Langerweile. Er ging durch zwei Zimmer hindurch in Evis kleines Boudoir. Die kühle Luft und das gedämpfte Licht darin taten ihm wohl. Er ging ein wenig umher und sah die süßlichen englischen Bilder an den Wanden an. Man merkte, dass dieses Zimmer eine Überraschung Michaels für Frau Evi gewesen war. Als er aufblickte, stand Frau Evi neben ihm und bot ihm eine Schale Kaffee. Ein Diener brachte eine zweite und nun saßen sie sich in dem stillen matt erhellten Raum gegenüber, durch die geöffnete Tür sah man in das hell erleuchtete Zimmer nebenan, in dem sich die andern plaudernd bewegten. Der Chemiker saß am Flügel und spielte einen Walzer, der schmeichelnd hereinflutete.
"Wer ist eigentlich dieser Herr mit dem Chauffeurgesicht", fragte Dittmar in leisem Ton.
Evi lächelte. "Er hat einen sehr gewöhnlichen Namen, er heißt Becker. Aber Chauffeur passt doch gar nicht auf ihn. Chauffeure sind doch brutale Kraftmenschen, die uns in einer Staubwolke auf geebneten Wegen vorwärts jagen. Das find eigentlich die Ehemänner."
Von draußen schallte gerade Michaels behagliches Lachen herein.
"Warum haben Sie Michael geheiratet?" sagte Dittmar unwillkürlich, unüberlegt.
Evi Emden hob hastig den Kopf und er fürchtete schon, sie gekränkt zu haben, aber dann sagte sie ruhig, indem sie den kleinen, glänzenden Mokkalöffel im Walzertakt an die Tassen klirren ließ: "Ja, lieber Malersmann, so genau weiß ich das auch nicht. Ich wollte vor allen Dingen nicht langer höhere Tochter sein, hinaus ins Leben kommen. Und Michael gefiel allen meinen Freundinnen so gut." Sie beugte sich lächelnd vor. Einen Augenblick schimmerten ihre Zähne hell auf.
"Haben Sie nie an Liebe gedacht?"
"Oh ja, als ich noch ein halbwüchsiges Mädchen war und immer auf etwas wartete, das — niemals kommt."
Die Musik brach plötzlich ab. Die Stimmung zerriss und das eben Gesprochene wirkte peinlich.
Evi huschte auf und Dittmar sah, wie sie sich zu einer Dame neigte und ihr etwas zuzuflüstern schien, denn dieselbe lächelte erfreut.
Dittmar sah mit Entzücken auf die schlanke, geneigte Gestalt mit dem Rosensaum über den Füßen. Einen Augenblick später saß sie wieder neben ihm.
"Was haben sie denn eben der üppigen Dame Schönes zugeflüstert"?
"Dass sie unglaublich schlank geworden ist, seit ich sie nicht sah." Evi lachte ein ganz helles Mädchenlachen.
"Das soll mir eine Warnung sein." Er sah sie lächelnd an.
"Dass ich noch nie ein Bild von Ihnen gesehen habe", sagte Evi nach einer Weile.
"Kommen Sie doch einmal in mein Atelier?"
Sie sah ihn von der Seite an und sagte unvermittelt: "Lesen Sie eigentlich auch? Ich wollte jetzt La-bas von Huysman lesen, aber das ist zu abscheulich."
"Warum? Der Glöckner, seine Frau, sein ganzes Turmreich sind wundervoll."
"Ja, aber die schwarzen Messen."
"Warum halten Sie sich nicht an den Glöckner, Frau Evi Emden? Jedes Buch gibt jedem das seine. Übrigens, da Sie mich fragten, im ganzen lese ich wenig, aber jetzt bin ich gerade dabei, Flauberts Salambo wieder durchzulesen. Dieses Buch hat für einen Maler immer neue Reize."
"Ach, Salambo, deren Fußgelenke mit einem Goldkettchen zusammengeschmiedet waren, auf dessen Zerreißen Todesstrafe stand. Ich las das Buch als junges Mädchen."
"Sie scheinen alles von einer Seite anzusehen."
"Das tun wir doch wohl alle. Sie sehen alles von der malerischen Seite und ich —"
"Und Sie?"
"Von der Hungrigen", erwiderte sie rasch und leise. Oder hatte er sich verhört? Denn im selben Augenblick hatte sie sich erhoben und sagte: "Aber wir sitzen hier ungebührlich lange. Ich muss zu meinen anderen Gästen."
"Kommst Du Tarock spielen, Thomas?" Michael guckte, eine Zigarette in der Hand, herein.
"Nein danke, Michael, wenn Ihr erlaubt, verabschiede ich mich."
Er fühlte einen Augenblick Michaels warme, gepolsterte Hand, Evis kühle Finger streiften flüchtig die seinen.
Dann war er draußen.
Der Himmel war klar und ausgestirnt und die Luft winterlich kalt. Dittmar ging achtlos an den vor der Haustür wartenden Wagen vorüber, weiter und weiter die gerade, stille Straße entlang. Der Nachtwind blies ihm um die Ohren, er ging mit kräftigen Schritten vorwärts. Er freute sich auf sein schweigsames Atelier. Morgen also wollte er den Diogenes anfangen. Ja, Diogenes sollte es sein. Nackt, nur die eiserne Kette als Gürtel vor seiner Tonne sitzend. Die Lampe neben ihm leuchtet erst schwach, denn es ist noch Dämmerung, der Himmel im Westen ist noch gerötet. Diogenes Blick aber ist auf das schon nachtschwarze Firmament im Osten, wo morgen die Sonne wiederkehren wird, gerichtet. Er merkt es nicht, dass hinter seinem Rücken zwei vornehme Jungfrauen, im Dämmern dem Hause entschlüpft, neugierig lüstern über die Tonne spähen und den nackten Weisen betrachten. So ungefähr sollte es sein. Aber ein zartes Genrebild würde es nicht werden. Dietmar reckte sich auf und von seinen Gedanken angefeuert marschierte er, die Hände in den Taschen, den Stock gleich einem Gewehr im Arm, rascher und rascher vorwärts. Allein mit sich.
Als er am Zoologischen Garten vorüberkam, hörte er die Zyanen heulen, wie Raubtierzähne waren Evis Zähne aufgeblitzt, als sie erzählte, dass Michael ihren Freundinnen so gut gefallen hatte. Nun, er wollte nicht das Lamm sein, das sich holen ließ.
Dann war er in seinem Atelier, vor dem Feuer am Ofen saß er in seinem alten Malrock, und den Blick in den Flammen formte und zeichnete er in Gedanken noch als längst in der Villa Emden die Lichter gelöscht waren.
Schon früh am Morgen war Dittmar wieder auf. Die Arbeitslust hatte ihn gepackt und ließ ihm keine Ruhe. Aber er musste warten, bis sein Modell, sein Diogenes kam.
So wanderte er rauchend mit langen Schritten durch die Räume seiner Wohnung. Es brannte noch Licht, das Feuer prasselte im Ofen, irgendwo hörte man die Aufwärterin rumoren.
Dittmars Atelier war kahl und schmucklos, nicht ein Bild hing an den hellen Wänden. Es gab wohl stille Stunden, in denen Thomas Dittmar alle seine Bilder hervorholte, sie in die richtige Beleuchtung rückte, zwischen ihnen auf und ab spazierte und seine eigenen Gedanken dabei hatte. Ein Zwerg war der Thomas Dittmar am Ende doch nicht, wenn ihn auch noch niemand gesehen hatte.
Heute aber, wie immer, wenn er etwas begann, stand alles als alter Kram im Winkel.
Das kahle Atelier konnte die Werkstatt eines Handwerkers sein, aber wenn man in das Wohnzimmer trat, brauchte man kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass man in dem Zimmer eines vornehmen Mannes war. Ein hoher, dunkelvioletter Teppich dämpfte das Geräusch der Tritte, die großen, wuchtigen Möbel, die Dittmar sich einmal aus Nürnberg geholt hatte, schienen die Ruhe und Würde des Patrizierhauses, in dem sie alt geworden waren, mitgebracht zu haben. In der eisenbeschlagenen eichenen Truhe vermutete man die Kostbarkeiten eines Sammlers. In glatter Fläche schlossen die silbergrauen Wände den viereckigen Raum ein. Ein einziges Bild hing an der Mittelwand über der Eichenbank. Ein feingeschnittener Frauenkopf, der sich vor einer fröhlichen Hügelkette abhob, die sicher aus der Landschaft der Toskana ragte. Das nachdenkliche, zarte Mädchengesicht, die scharfumrissene und doch weiche Linienführung erinnerte an die Bilder des heißblütigen Mönches, der die Frauen so liebte. Dittmar hatte das Bild auf einer Fußwanderung zwischen Florenz und Prato in einem Bauernhaus entdeckt und erhandelt und vielleicht war es wirklich ein Werk des frohen Filippo Lippi. Dittmar machte sich keine Gedanken darüber, seine Schätzung auf dem Kunstmarkt konnte es ihm nicht wertvoller machen. Es war ein guter Zimmergenosse in seiner wahren, ungewollten Kunst und sein Schöpfer schien ihm herzlich vertraut zu sein. Gewiss war er oft zusammen mit dieser Lieblichen auf den Hügeln von Florenz und Prato umhergestreift, hatte so schönheitstrunken auf das blühende Land der Toskana niedergeblickt, wie damals Dittmar, als er, das Bild in Händen, dort wanderte.
Dittmars Blick glitt jedes Mal über das Bild, als er jetzt vom Atelier in das Zimmer, immer wieder aus- und einwanderte.
Neben dem Wohnzimmer lag Dittmars Schlafraum, den Günter Klemens die Zelle nannte, weil er zwischen weißgetünchten Wanden nicht viel mehr als Bett und Tisch enthielt und kaum größer war als das daran stoßende kleine Badezimmer.
Jetzt kam aus der niederen Eichentür, die in das Schlafzimmer führte, die drollige, zwergartige Aufwärterin, vollbeladen mit Besen und anderen Scheuerwaffen heraus. Sie duckte sich ganz zusammen, wurde noch kleiner als sie schon war, als sie an Dittmar vorüberkam. Sie fühlte instinktiv die Anschauung ihres Herrn, dass man Dienstboten haben, aber niemals sehen müsse. Jeden Morgen war es dasselbe Spiel, sie und sie floh ihn.
Kaum dass sie an ihm vorüber war, rannte Dittmar in sein Schlafzimmer. Erstaunt blieb er in der Tür stehen. Seine Augen leuchteten auf. Durch das weitgeöffnete Fenster sah er große, weiße Flocken wirbeln, im lautlosen Tanz legten sie sich auf die Dächer, die schon blauweiß schimmerten, und weißumwickelt reckten sich dahinter die knorrigen Baumgerippe des Tiergartens. Und die Luft, die hereindrang. Frisch und scharf wie im Morgengrauen auf den Bergen.
Dittmar holte Hut und Mantel von der Wand und wenige Augenblicke später war er auf der Straße und ging mit raschen Schritten dem Tiergarten zu.
Die kleine Verschrumpelte hatte nur die Achseln gezuckt und langsam den Kopf gedreht, als die Tür schallend ins Schloss gefallen war. Dann war sie fröstelnd an die Fenster geschlurft und hatte eins nach dem andern fest verriegelt.
Bald darauf klopfte es kräftig an die Tür. Draußen stand ein Mann mit einem großen Fass.
"Fässer in den Keller", brummte die Alte und schlug die Tür wieder zu.
Aber der Draußenstehende klopfte von Neuem und trommelte solange gegen die Tür, dass sie wieder aufmachen musste.
"Ne leere Tonne für Herrn Kunstmaler Dittmar, is das nun hier richtig oder nich?" Er hielt der Alten einen feuchten, grauweißen Zettel unter die Nase, aber sie stieß seine Hand bei Seite. Lesen hatte sie nie ordentlich gekonnt und jetzt längst verlernt.