»Midworld« - das grüne Inferno... - Alan Dean Foster - E-Book

»Midworld« - das grüne Inferno... E-Book

Alan Dean Foster

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Beschreibung

»Midworld« - 445 AA (after Alliance)... Vor Generationen landete ein menschliches Siedlungsschiff, wegen eines Navigationsfehlers, an einer falschen Zielkoordinate; einer Welt, die einer grünen Hölle glich. Eine unvorstellbar üppige Flora und gefährlich-räuberische Fauna dezimierte die Kolonisten schnell. Die Überlebenden mussten sich ihrer erzwungenen neuen Heimat anpassen. Jahrhunderte später bekommt der grüne Globus erneut Besuch von - allerdings illegalen - Vertretern aus dem Bereich des »Homanx-Commonwealth« (einem Bündnis von Homo sapiens und den insektoiden Thranx); diesmal beabsichtigt und mit dem Willen, den Planeten, gewinnorientiert, auf Ressourcen zur Herstellung von wertvollen Drogen, sowie hochwirksamen Medikamenten zu untersuchen und auszubeuten. Die meisten Ökologien wären ihrer Zerstörung schutzlos ausgeliefert - doch diese Welt wehrt sich und schlägt erbarmungslos zurück...

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Bildnachweis:

Cover und S. →, S. → bis S. →:

Screenshot / »Skyrim« (Music & Ambience)

»›'‹« V-180225

»...wo höchste Wälder, undurchdringbar für das Licht der Sterne, ihren Schatten breiten.«

(»Das verlorene Paradies« von John Milton; 1608 - 1674)

°°°

»Wer hört die Fische, wenn sie schreien..?«

(Henry David Thoreau; 1817 - 1862)

°°°

Der Autor dieses Romans, Alan Dean Foster, wurde am 18. November 1946 in New York City, USA, geboren.

Zur kurzen Einleitung...

Schade eigentlich, dass exzellente, fünfzig Jahre alte Werke irgendwann nur noch in Antiquariaten zu finden, oder überhaupt nicht mehr zu bekommen sind... Auch das Ansinnen zur Schaffung einer, auf dieser Weltenkreation basierenden, Folge-Story, ließ es geboten erscheinen - abrundend - dieses Remake zu erstellen.

Die im Heyne-Verlag 1979 erschienene deutsche Übersetzung »Die denkenden Wälder« von Heinz Nagel habe ich noch einmal gründlich bearbeitet und mit viel Empathie sorgfältig verbessert; dazu gehörte auch, den Inhalt des Romans, als Ganzes, tief zu erfassen, mitzuschwingen und sich, selektiv, in eine jeweils beschriebene Situation hineinzudenken, bzw. - zufühlen, sodass, teils unter Hinzuziehung des amerikanischen Originals, gegebenenfalls der vorgefundene Text darauf (neu) abgestimmt werden konnte.

Uwe Laubach

Altmorschen, im April 2023

Inhalt:

1 - Prolog; die unfreiwilligen Siedler

2 - Born und Ru'Umahum

3 - Im Dorf

4 - Der »Dämon«

5 - Die illegale Station

6 - Zwei »Aliens« in Midworlds Dschungel

7 - Akadi..!

8 - Die Verteidigung des Heimbaums

9 - Rituale für die Toten

10 - Der zweite Anlauf

11 - Flucht in die »Untere Hölle«

12 - Die größte Lichtung der Welt

13 - Ein erschreckender Rundgang

14 - Wehret den Anfängen...

15 - Das Bewusstsein des Waldes

Anmerkungen des Bearbeiters

Vorausschau / Geplantes

1 - Prolog; die unfreiwilligen Siedler

»Midworld« hieß die Welt; doch dies war ironisch gemeint, denn eigentlich war sie eine Außenseiterwelt - eine Welt am äußersten Rand des Commonwealth-Gebietes, gut 800 Parsec, das heißt etwas mehr als 2.600 Lichtjahre von Terra und Hivehom entfernt. [1]

Grün war sie.

Grün und schwanger, lebensträchtig...

Hingestreckt und träge lag sie in einer See aus zischender Jade, ein schwärender Smaragd im Ozean des Universums. Sie trug kein Leben, nein, auf dieser Welt explodierte das Leben, brach hervor, vermehrte sich und wucherte in einem Maße, welches jede Fantasie überstieg.

Auf einem Boden, so fett, so nahrhaft, dass er beinahe selbst lebte, ergoss sich »grünes Magma« und überflutete das Land. Eine solche Palette an Grün, dass dieses Grün im Spektrum des Unmöglichen ihresgleichen suchte, seinen eigenen Platz einnahm; ein alldurchdringendes Grün, ein überall gleichzeitiges, allmächtiges Grün.

Welt eines chlorophyllischen Demiurgen. [2]

Abgesehen von ein paar Flecken aus ranzigem Blau, waren auch die Meere dieses Globus grünlich - übersättigt vom dahintreibenden Pflanzenleben, das die Wasser schier erwürgte. Die Berge waren grün, bis sie in grünen Schaum übergingen; nur in den polaren Zonen und den höchsten Gebirgsregionen, jenseits des 65. Breitengrades, kämpften Moose und Flechten mit dem kriechenden Eis, so wie auf den meisten Welten die Wellen gegen das Land anrollen.

Selbst die Atmosphäre verfügte über einen schwachen grünen Schimmer, so dass man glaubte, durch Linsen aus Smaragd zu blicken.

Überflüssig die Frage, ob der Planet Leben beherbergen konnte. Die Frage war eher, ob auf ihm des Vitalen nicht zuviel war..!

Und trotzdem gab es in all dem Leben, das da auf der fruchtbarsten Weltenkugel im ganzen Universum wuchs, kreuchte und fleuchte, kämpfte und starb, kein einziges Geschöpf, das dachte - nicht in der Art dachte, in der man gewöhnlich das Denken definiert.

Man muss dabei berücksichtigen, dass jenes, was die Welt ohne Namen bewohnte, den Kosmos auch anders sah, als üblich - wenn man es überhaupt so bezeichnen wollte...

Oh..., es gab natürlich die Pelziger; aber diese verstanden sich nicht als Individuen, die sich, per Namensgebung, hätten voneinander unterscheiden wollen - bis die »Leute« kamen! Diese »Leute« waren eigentlich auf dem Weg zu einem anderen Ort...

*

216 AA [3]; für den Kommandanten und die Offiziere des Auswandererschiffes, die auf der Steuerbrücke standen und fluchten, über ihre Koordinaten schimpften und sie immer wieder studierten, war es ganz eindeutig ein Unfall.

Dieser Planet, beschienen von einer Sonne der Spektralklasse F7V [4], war nicht der Himmelskörper, zu dem ihr Auto-Pilot sie hätte bringen sollen! Und jetzt waren sie im Orbit, hatten keinen Treibstoff mehr, um den Flugfehler zu korrigieren; hatten nicht die richtige Ausrüstung, um diese Welt zu besiedeln, hatten keine Zeit und keine Mittel, um Hilfe herbeizurufen.

Irgendwie würden sie sich mit der Situation abzufinden haben; das Beste aus der Lage machen müssen.

Sie hatten keine andere Wahl..!

Die Kolonisten stimmten ab und machten sich dann ans Werk, die Segnungen der Zivilisation auf diese Welt zu bringen. Sie waren ursprünglich voller Zuversicht gewesen; nun indes müde und verzweifelt - auf das Vorgefundene überhaupt nicht eingerichtet.

Die »Grüne Hölle«, auf welcher sie gelandet waren, filterte ganz schnell das Übermaß menschlicher »Spreu« aus dem »Weizen«.

Ganz schnell und sauber tat sie das und fraß sie auf. Und jene, die sie nicht fraß, veränderte sie.

In benannten frühen Tagen war die Menschheit gewöhnt, das Universum zu lenken - wenn nötig mit Gewalt. Menschen, die von dieser Maxime überzeugt waren, brachten auf der namenlosen Welt keine zweite Generation hervor. Einige wenige, die flexibler waren, weniger vom Stolz gesteuert, überlebten und bekamen Kinder. Deren Nachkommen wiederum wuchsen ohne Illusionen hinsichtlich der Überlegenheit der Menschheit oder anderer Rassenbünde auf.

Sie reiften heran und sahen die Welt um sich herum mit neuen Augen.

Der Mensch war es gewohnt, dass sich alles ihm unterzuordnen hatte. Doch die neue Prämisse lautete anders; bescheidener, demütiger..:

Richtet euch nach dem Baum.

Gebt und nehmt.

Beugt euch im Winde.

Und... –

Passt euch an..., passt euch an!

2 - Born und Ru'Umahum

»Midworld«, 445 AA - inmitten des wuchernden, schäumenden, wogenden Grüns; irgendwo auf etwa 29° südlicher Breite...

*

Born sah zu, wie die Morgennebel sich hoben und träumte von der Sonne. Er kuschelte sich tiefer in die Astbeuge des Thomabarbaumes und hüllte sich enger in seinen Umhang aus grünem Blattleder. Die Gedanken an die Sonne heiterten ihn ein wenig auf.

Harte Arbeit, tüchtige Kletterei und Mut hatten ihm im Laufe seines bescheidenen Lebens dreimal jenen Anblick beschert. Es gab nicht viele Männer, die sich dessen rühmen konnten, dachte er stolz.

Um die Sonne zu sehen, musste man auf den »Gipfel« der Welt klettern. Und dann bis zur Krone einer der Säulen kriechen, welche ihre Stützen waren. Zu solchen Orten aufzusteigen, hieß, den Tod herausfordern, wie ihn all die gierigen Geschöpfe brachten, die in der »Oberen Hölle« flogen oder schwebten.

Dreimal hatte er es getan. Er gehörte zu den tapfersten der Tapferen - oder wie manche im Dorf behaupteten, zu den verrücktesten der Verrückten.

Der wabernde Nebel wurde noch dünner als die aufgehende Sonne die Feuchtigkeit aus der Dritten Etage sog. Er schauderte. Es war nicht nur unbequem, sondern auch gefährlich, so früh am Tage so ungeschützt zu liegen, wenn alle möglichen unangenehmen Geschöpfe unterwegs waren. Aber die Dämmerung des Morgens, sowie jene des Abends, waren die beste Zeit zum Jagen - und Born fühlte sich seinen Feinden ebenbürtig. Ein guter Jäger hielt sich nicht verborgen, während andere die beste Beute machten.

Er überlegte, ob er Ru'Umahum rufen sollte, aber der große Pelziger war nicht nahe, und wenn er jetzt laut rief, verscheuchte er damit mögliche Jagdbeute. Er würde eine Weile ohne seinen Begleiter und die von ihm ausstrahlende Wärme auskommen müssen.

Born hatte keine Zweifel, dass Ru'Umahum in Rufweite war. Wenn ein Pelziger sich einmal einem Menschen angeschlossen hatte, verließ er ihn nie wieder, bis dieser Mensch starb.

»Wenn er starb...« Born tat den Gedanken ärgerlich mit einem Achselzucken ab. Für einen Mann auf der Jagd waren dies sinnlose Überlegungen.

Drei Tage lag es jetzt zurück, dass er das Dorf verlassen hatte, und bis jetzt war ihm nichts begegnet, das zu erbeuten sich gelohnt hätte. Na ja, eine ganze Menge Buschäcker - aber ehe er mit nur einem oder zwei Buschäckern ins Dorf zurückkehrte, konnte er ebensogut gleich »nach unten« gehen.

Die Erinnerung an Lostings Rückkehr mit dem Kadaver des Brüters trieb ihm noch immer das Blut ins Gesicht; die Erinnerung an die Bewunderung, die dem großen Mann entgegengeschlagen war. Gewiss - das waren Kleinigkeiten, frivole Kleinigkeiten, trotzdem machten sie ihn heiß.

Der Brüter war ebenso groß wie Losting gewesen, nichts als Klauen und Scheren; aber diese drohenden Klauen und Scheren waren voll des besten, weißen Fleisches. Und Losting hatte sie Gehéle zu Füßen gelegt - und diese hatte sie nicht abgelehnt.

Das war der Anlass gewesen, weswegen Born aus dem Dorf gestürmt war und seine augenblickliche, bislang noch erfolglose Jagd angetreten hatte.

Er hatte sich nie in Größe oder Kraft mit Losting messen können, aber er war geschickt. Selbst als Kind schon war er kreativ, flexibel und wendig gewesen; schneller als seine Freunde - und er hatte jede Gelegenheit wahrgenommen, um das zu beweisen.

Wenn auch heute niemand seine Fähigkeiten in Zweifel zog, hätte ihn doch die Vorstellung erschreckt, dass alle ihn für etwas unvorsichtig, eine Spur verirrt hielten. Sie hätten nie Borns beständiges Bedürfnis verstanden, sich vor anderen zu beweisen. In der Beziehung war er ein Atavismus. [1]

Jetzt war er wieder alleine unterwegs, eine stets gefährliche Situation. Er konzentrierte sich darauf, sich von der Welt abzuschließen, wurde eins mit dem Blattwerk, wurde ein Teil des Grüns, praktisch unsichtbar.

Der Nebel war aufgestiegen, hatte sich in die Zweite Etage verzogen. Die Luft war fast klar, wenn auch noch feucht. Born konnte ungehindert auf die große epiphytische Bromeliade sehen, die einige Meter weiter unten an der Liane wucherte.

Die riesige Parasitenblüte wuchs mitten aus der Liane heraus; ein Sub-Parasit, der am Parasiten wucherte. Breite Blätter in Oliv und Schwarz umgaben die grüne Blüte. Die dicken Blütenblätter wuchsen dicht aneinander, wölbten sich, bildeten ein wasserdichtes Becken.

Wie nach dem nächtlichen Regen üblich, war dieses Becken nun gut einen Meter tief mit frischem Wasser gefüllt. Irgendwann würde etwas, das zu töten sich lohnte, kommen, um davon zu trinken.

Allseits erwachte nun der Wald, ein Chor von Geräuschen. Bellen, Quietschen, Zirpen, Heulen und Kreischen verdrängte die Stimmen der weniger gesprächigen nächtlichen Vettern.

Schon begann ihn der Mut zu verlassen, und er schickte sich an, einen anderen Ort zu suchen, als er in den Zweigen und Lianen über der natürlichen Zisterne eine Bewegung entdeckte. Er riskierte es, sich nach vorne zu schieben, verließ einen Augenblick lang die Tarnung seines grünen Umhangs. Ja, da war ein Rascheln zu hören, immer noch ein gutes Stück über seinem gegenwärtigen Standort, aber nach unten kommend...

Mit ein paar sparsamen Bewegungen zog er den Bläser in Position. Das eineinhalb Meter lange Rohr aus grünem Holz hatte hinten einen Durchmesser von knapp sechs Zentimetern und verjüngte sich an der Spitze. Ganz vorsichtig schob er es auf die vor ihm liegende Astgabel. Dort ruhte es reglos, wie ein Ast ohne Blätter. Er richtete sein Blasrohr auf die Zisterne, griff in den Köcher, den er unter dem Cape auf dem Rücken trug, und zog einen der zehn Zentimeter langen Dorne heraus. Indem er ihn vorsichtig an dem fächerförmigen Schwanz hielt, wo man ihn von der Mutterpflanze abgebrochen hatte, schob er ihn hinten in die Waffe. Dem Sack, der neben dem Köcher hing, entnahm er ein Tankkorn. Es war hellgelb, mit schwarzen Adern, und etwas größer als eine Männerfaust. Seine lederne Haut war zäh wie eine Trommel. Born schob das Korn hinten in den Bläser und klappte den Block hoch.

Über ihm war aus dem Rascheln derweil ein Krachen und Knacken von dicken Zweigen geworden. Er umfasste mit der rechten Hand den pistolenähnlichen Abzug und benutzte die andere Hand, das Rohr zu fixieren.

Still wie eine Statue stand er jetzt. Indem er sich ganz auf die Bromeliade konzentrierte, war er bemüht, mit der Pflanze eins zu werden.

»Sieh doch, was für einen bequemen Ruheort ich biete«, dachte er angespannt. »Wie geräumig doch dieser Kabbl-Ast ist, wie breit und wohlschmeckend seine Gefährten, wie klar, frisch und kühl das Wasser, das ich so geduldig gerade für Dich gesammelt habe. Komm doch zu mir herunter und trinke aus mir..!«

Eine verirrte Brise bewegte die Blattspitzen der Bromeliade.

Born hielt den Atem an und hoffte, dass die Brise nicht seine Witterung nach oben trug - zu dem Geschöpf, was immer es sein mochte, welches sich schwerfällig den Weg nach unten bahnte. Ein letztes lautes Knacken abbrechender Blattstiele, und die Kreatur zeigte sich - eine Kegelgestalt mit kurzem, dunkelbraunem Fell bedeckt. Am flachen Ende des Kegels waren jetzt zwei lange Tentakel zu sehen. Augen mit roter Iris standen darüber. Und um den kegelförmigen Körper des Grasers, in gleichmäßigen Abständen verteilt, waren vier muskulöse Arme, die ihn zwischen den oberen und unteren Ästen festhielten. An einem kräftigen Schwanz, der von der Spitze des Kegels ausging, ließ er sich vorsichtig herab.

Der Graser war beinahe zwei Meter lang und fünfmal so schwer wie Born. Es würde nicht leicht sein, ihn zu töten. Der dicke Pelz war kaum zu durchdringen, aber der flache Unterteil des Kegels war nur mit dünnen Borsten bedeckt. Um jedoch das Tier exakt dort treffen zu können, würde Born warten müssen, bis dieses Wesen sich ihm zuwandte.

Der winzige runde Mund an der Kegelbasis war harmlos, enthielt vier einander gegenübergestellte Gruppen flacher Mahlzähne - indes konnten die Arme des Tieres einen Kabbl [2] in Fetzen reißen. Und ein Mensch würde noch viel leichter in Stücke gehen!

Einer der Arme löste seinen Griff, packte einen niedrigeren Ast. Der Schwanz bog sich herunter, um sich an demselben Ast festzuklammern. Dann ließen der obere und der linke Arm los, und der Graser schwang sich tiefer.

Born wünschte, er hätte sich ein wenig besser vorbereitet, einen zweiten Tankkorn und Jacaridorn vorbereitet. Aber jetzt war es zu spät dafür. Die leiseste Bewegung, und der Graser würde blitzschnell das Weite suchen. Er konnte sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch den Dschungel bewegen - nach oben oder unten, ebenso wie zur Seite. Und er konnte einen Menschen auch von hinten anfallen, ehe jener auch nur Zeit zum Umdrehen fand.

Jetzt wartete er auf der Liane unmittelbar über der Zisterne.

Mit Hilfe seines Schwanzes und seiner vier Greifer drehte er sich langsam nach allen Seiten um. Einmal schien es Born, als starrten die suchenden Augen direkt in sein Versteck - aber sie hielten nicht inne, sondern kreisten weiter.

Offenbar mit dem Zustand seiner Umgebung zufrieden, ließ der Graser sich auf den Kabbl herunterfallen. Drei Arme stützten ihn am äußersten Rand der Bromeliade. Er beugte sich vor und sein breites, flaches Gesicht senkte sich aufs Wasser. Born konnte schlürfende Geräusche hören.

Jetzt ergab sich ein Problem: Wenn er pfiff - würde sich der massive Kopf dann nach links oder rechts drehen? Seine Chance stand sozusagen 50 : 50... Intuition war gefragt.

Wenn er falsch spekulierte, würde er wertvolle, vielleicht entscheidende Sekunden verlieren. Born traf seine Wahl und schob die Mündung des Bläsers vorsichtig in die Richtung des Grasers. Er schürzte die Lippen und stieß einen leisen stotternden Pfiff aus. Fleisch rührte der Graser nicht an, aber Blumenkit-Eier waren eine Delikatesse für ihn.

Auf den Klang von Borns Imitation des Gefahrenrufs eines Blumenkitweibchens hob sich der massige Kopf, wandte sich zur »richtigen« Seite, und starrte ihn direkt an. Der Jäger atmete kurz durch und drückte ab.

Im Inneren des Laufes schoss ein langer zugespitzter Splitter aus Eisenholz nach hinten und durchbohrte die straff gespannte Haut des Tankkorns. Ein weiches »Plopp« war zu hören, als der gasgefüllte Samen explodierte. Das komprimierte Gas strömte explosionsartig aus und trieb den Jacaridorn aus dem Lauf. Er traf das stoppelig-flache Gesicht des Grasers über dem Mund und unter den beiden Augenstielen.

Alle vier Kiefer wurden schlaff.

Ein kreischender Schrei ertönte.

Als wäre er ein Auslöser gewesen, brüllte der Dschungel in der Umgebung auf - eine Extra-Tonkulisse aus erschrecktem Heulen und Kreischen, welche einige lange Augenblicke anhielt.

Der Graser machte einen Satz auf Born zu, erzitterte kurz, als er knapp zwei Meter von ihm entfernt landete, brach zusammen und stürzte vom Kabbl. Allein - die paralysierten »Hände« und der Schwanz hielten die große Liane weiterhin fest. Man würde diese kräftigen, vielgliedrigen Finger abschneiden müssen...

Er beobachtete das Geschöpf scharf. Graser spielten gerne tot, bis man ihnen zu nahe kam - dann packten sie den, auf ihr Täuschungsmanöver hereingefallenen, unvorsichtigen Jäger ohne Vorwarnung und rissen ihn mit einem Ruck in Stücke. Aber dieses Exemplar zitterte noch nicht mal mehr. Der Dorn hatte sein Gehirn durchbohrt und ihn auf der Stelle getötet.

Born seufzte, legte den Bläser weg, richtete sich auf und streckte die verkrampften Muskeln. Der grüne Lederumhang fiel ihm herunter. Er zog das Knochenmesser aus dem Gürtel, trat aus dem Schutz des Blattwerks hervor und schritt die breite Liane hinunter, auf die reglose Gestalt seines Opfers zu.

Sein Gewicht mal fünf - und fast zur Gänze essbar. Indes: Sich in Gedanken bereits an ihm zu ergötzen, war eine Sache, ihn über einem Feuer zu braten, eine ganz andere. Jetzt ging es nur noch um die »Kleinigkeit«, den Kadaver ins Dorf zu schaffen und unterwegs hungrige Aasfresser abzuwehren. Je schneller er hier verschwand, umso besser... Er beugte sich über den Rand des Kabbl und ging mit dem Messer zu Werke. Muskeln und Sehnen lösten sich, als er die Greifhände und den Schwanz bearbeitete, die den Leichnam festhielten. Der Graser fiel in das Blattwerk darunter.

Eine Stimme, die an das Geräusch einer Dampflokomotive im Leerlauf erinnerte, erklang plötzlich hinter ihm. Born sprang instinktiv und segelte in die Tiefe, ehe er sich an einem Zweig des Kabbl festhielt und mit einem, seine Muskeln durchlaufenden, Ruck zum Stillstand kam.

Keuchend wandte er sich um und blickte nach oben. Noch während er absprang, hatte er das Poltern erkannt - aber schon zu spät, um die Reflexbewegung aufhalten zu können. Ru'Umahum stand da und blickte vom Hauptstamm des Kabbl auf ihn herunter. Der Pelziger schob sich näher; alle sechs seiner dicken Beine ins Holz gekrallt. Das bärenähnliche Gesicht starrte ihn an, die drei dunklen Augen, die in einem Bogen über der Schnauze standen, musterten ihn traurig. Große Klauen scharrten an dem Ast.

Born schüttelte den Kopf und schwang sich auf die Liane. »Ich hab' Dir schon so oft gesagt, Rúma, dass Du Dich nicht so an mich heranschleichen sollst.«

»Spaß«, protestierte Ru'Umahum, schnaufend.

»Kein Spaß!«, widersprach Born energisch und zog sich an einem Stiel nach oben. Ein kurzer Sprung, und er stand wieder auf dem Kabblweg. Er packte Ru'Umahum an einem seiner flauschigen Ohrmuscheln und zwickte ihn empfindlich, um seine Aussage zu unterstreichen.

Der Pelziger war so lang wie der Graser, wenn auch nicht ganz so massig. Außerdem war er unglaublich stark, schnell und intelligent. Ein Rudel Pelziger könnte die Geißel der Waldwelt sein, wären sie nicht so unvorstellbar träge und verbrächten sie nicht den größten Teil ihres Lebens mit der einzigen Leidenschaft, der sie ausgiebigst frönten - dem Schlaf.

»Nicht Spaß«, schloss Born und riss ein letztes Mal an dem Ohr.

Ru'Umahum nickte, wechselte um den Jäger herum und beschnüffelte den Graser. »Zu alt nicht«, polterte er. »Gut essen... Viel gut essen.«

»Wenn wir ihn nach Hause schaffen können«, pflichtete Born ihm bei. »Schaffst Du das?«

»Kann schaffen«, brummte der Pelziger, ohne einen Augenblick zu zögern.

Born beugte sich über den Rand und studierte den Kadaver.

»Er ist auf einen ziemlich kräftigen Ast gefallen, aber er könnte leicht abrutschen. Willst Du ihn aufheben oder Dich unter ihn stellen und ihn auffangen, wenn ich ihn wegstoße?«

»Gehe fangen.«

Born nickte. Ru'Umahum kletterte nach unten, beschrieb einen weiten Bogen, der ihn unter den Graser führen würde. Sobald der Pelziger seinen Posten bezogen hatte, würde Born senkrecht hinuntersteigen, bis er den Kadaver vom Ast stoßen konnte. Keiner von beiden verspürte Lust, hinter einem stürzenden Kadaver in die unbeschreiblichen Tiefen unbekannter Etagen herabzukrachen.

»Midworlds« Dschungelwelt wurde von den Menschen gemeinhin in sieben Etagen eingeteilt.

Die Menschheit, das heißt die Menschenabkömmlinge, zogen diese Etage - die dritte - vor.

Ebenso die Pelziger. Darüber gab es noch zwei, dann kam ein von der Sonne ausgebleichtes grünes Dach und danach die blaue Weite der »Oberen, Lichten Hölle«. Unter ihnen lagen vier Etagen; wobei der Grund der siebten, der tiefsten, die »Untere und Wahre Hölle« war - mehr als vierhundertfünfzig Meter unter dem Heim. [3]

Die »Obere oder Lichte Hölle« hatten viele Menschen gesehen. Born sogar schon dreimal - und er lebte noch. Aber nur zwei legendäre Gestalten waren je bis in die »Untere Hölle« vorgedrungen, zur irdenen Oberfläche des Planeten. Einzig diese beiden waren bis zu dem ewig dunklen Sumpf vorgestoßen, einem feuchten Land aus riesigen, offenen Gruben und gehirnlosen Scheußlichkeiten, die dort krochen, quollen, schwammen und fraßen.

Wenigstens hatten sie das behauptet...

Der erste hatte bei seiner Rückkehr den Verstand verloren und war kurz darauf gestorben. Als der zweite zurückgelangte, fehlten ihm einige wichtige Körperteile - aber er hatte immerhin den Bericht seines Begleiters bestätigt, wenngleich er auch, fast jede Nacht, im Schlaf schrie.

Nicht einmal die Pelziger konnten in den Erinnerungen ihrer Ahnen einen Artgenossen finden, der je über die sechste Etage hinaus nach unten vorgedrungen wäre. Es war ein Ort, den man mied. So war es begreiflich, dass weder Mensch noch Begleiter Lust verspürten, nach dorthin abzutauchen, um heruntergestürzte Beute zu suchen.

Ru'Umahum erschien unter dem Graser und knurrte.

Born rief ihm eine Antwort zu und machte sich seinerseits auf den Weg. Der Graser hing immer noch an dem Ast, als er ihn endlich erreichte, aber ein einziger Stoß reichte aus, um ihn davon zu lösen. Ru'Umahum klammerte sich mit den mittleren und hinteren Beinen am harten Holz des Kabbl fest. Dann beugte er sich etwas vor und schlug die beiden Vordertatzen, von denen jede ausreichte, einem Menschen den Schädel zu Brei zu zermalmen, unmittelbar unter dem Schwanz in den Körper des Grasers.

Der Kadaver wurde, mit Borns Hilfe, gleichmäßig auf Ru'Umahums Rücken verteilt. Die Vorderpfoten stützten das Gewicht, während Born es mit unzerreißbarem Fom festband, das er an der Hüfte trug. Er führte die Leine einige Male um den Leichnam und den zwei Bäuchen des Pelzigers hindurch, verknotete sie dann und trat zurück.

»Probier's mal, Rúma. Sitzt es gut?«

Der Pelziger krallte alle sechs klauenbewehrten Tatzen ins Holz und lehnte sich prüfend nach links und rechts. Nachdem schüttelte er sich absichtlich, hob den Kopf und senkte die Hüften. »Rutscht nicht, Born. Sitzt gut.«

Born musterte das riesige Geschöpf besorgt. »Bist Du auch sicher, dass Du das bewältigen kannst..? Der Weg nach Hause ist lang und wir müssen vielleicht kämpfen.«

Die Last war selbst für einen ausgewachsenen Pelziger von Ru'Umahums Größe beträchtlich.

»Schaffs schon...«, knurrte dieser nur, »kämpfen nicht sicher.«

»Schon gut, mach Dir keine Sorgen. Beute oder nicht, wenn es wirklich Ärger gibt, dann schneide ich Dich frei.« Er grinste. »Dass Du mir bloß nicht auf halbem Weg zwischen hier und zu Hause einschläfst...«

»›Einschläfst‹? Was ist Schlaf?«, schnaubte Ru'Umahum.

Die Pelziger hatten ihren eigenen Humor, der für Menschen nur gelegentlich verständlich war. Da Born selbst auch von der Norm abwich, verstand er ihre Scherze besser als die meisten anderen seiner Gattung.

»Okay - lass' uns von hier fortkommen; ich will nur eben noch meinen Bläser aus dem Versteck holen und mir umhängen.«

Somit gab es nur noch eines zu tun: Born ging zu dem schwer beladenen Ru'Umahum zurück und blieb am Rande der Bromeliade stehen, die solch ausgezeichnete Beute angelockt hatte.

Er strich mit den Händen liebkosend über die breiten Blätter. Dann beugte er sich vor, um einen langen Zug aus dem klaren Wasser zu tun, das der unglückliche Graser gesucht hatte. Als er ausgiebig getrunken hatte, schüttelte er sich die Tropfen ab und wischte sich die nassen Hände an seinem Umhang trocken. Noch einmal streichelte er, in stummem Tribut für die Pflanze, über das nächste Blatt, bevor er und Ru'Umahum die lange Reise heimwärts antraten.

*

Es war ein grünes Universum, grün durch und durch; aber seine »Sterne« und »Nebel« waren strahlend bunt. An Blumenkohl erinnernde Luftbäume, die epiphytisch auf den breiten Ästen der Säulen wuchsen, waren mit duftenden Blüten jeder vorstellbaren Form und Farbe bedeckt, von denen einige Düfte verbreiteten, die man meiden musste, um nicht für immer den Geruchssinn zu verlieren. Diesen stark riechenden Blüten gingen Born und Ru'Umahum sorgfältig aus dem Wege. Ihre Gerüche waren ebenso sinnlich wie tödlich. Auch Lianen und Schlingpflanzen hatten ihre eigenen Blüten, und an manchen Stellen blühten sogar Luftwurzeln. Hier herrschte eine Vielfalt und ein Crescendo der Farben, die selbst die reichsten Dschungel der Erde vergleichsweise fahl und blass hätten erscheinen lassen.

Obwohl die Flora die Oberhand hatte, war auch die Fauna vielfältig und üppig. Baumwesen aus den Gattungen der Vögel, Säugetiere, Reptilien, Insekten und Arachniden glitten, krabbelten, kletterten oder flogen durch sich windende smaragdfarbene Tunnel. Freilich befanden sie sich in der Minderzahl gegenüber den Geschöpfen, die über die Schwerkraft Lügen strafenden Straßen und Pfade aus Holz krochen, sprangen und schwangen.

Der stetige Kreislauf von Leben und Tod drehte sich um Born und Ru'Umahum als sie sich, über ineinander verschlungene mahagonifarbene Tungtankel [4], moosbewachsene kaffeeoder karamellbraune Kabbl und diverse gewundene hölzerne Pfade, zum Dorf zurückarbeiteten.

Ein Schweber mit schraubenförmigen Schwingen stieß auf eine unvorsichtige sechsbeinige, gefiederte Pseudo-Echse herunter und wurde seinerseits verschlungen, als er auf einem »Falschen Kabbl« landete.

Der »Falsche Kabbl« glich aufs Haar dem dicken, hölzernen Kriechgewächs, auf dem Born und Ru'Umahum sich bewegten. Wäre Born darauf getreten, hätte er zumindest einen Fuß verloren. Der »Falsche Kabbl« war eine lange Kette ineinander verschlungener Münder, Mägen und Eingeweide.

Schweber und Pseudoechse verschwanden in einem der Mäuler des mit Zähnen bewehrten »Astes«.

Es war beinahe Mittag. Gelegentlich drang ein Strahl des Sonnenlichts in die Dritte Etage; einige fielen sogar noch tiefer, auf die Vierte und Fünfte. Überall glitzerten sogenannte »Spiegel-Lianen«, in deren diamanthellen, durchsichtigen Blättern sich das lebenspendende Licht von Midworlds Tagesgestirn brach und Hunderte von Metern, durch grüne Schluchten, an Orte hinunter geleitet wurde, welche es sonst nie erreichen könnte.

Die Mittagszeit war der finale Höhepunkt dieser Sinfonie aus Licht und Tönen. Kamm-Lianen und Echoblätter bildeten den grünen Hintergrund für die Sänger des Tierreichs. Sie hätten einen wissbegierigen Botaniker ebenso überrascht, wie die Spiegel-Lianen.

Born war kein Botaniker. Er hätte den Begriff nicht einmal definieren können. Sein Ururururgroßvater wäre dazu noch imstande gewesen. Doch auch dieses Wissen hatte ihn nicht davor bewahrt, jung zu sterben.

Schließlich hüllte sie der feuchte Abendnebel katzenhaft verstohlen ein. Die munteren Schreie der Geschöpfe des Lichts wichen den Geräuschen erwachender Nachtschwärmer, deren Grunzen finsterer und tiefer klang, deren Schreie der Hysterie näher lagen. Und so war das dröhnende Heulen der nächtlichen Fleischfresser eine Spur drohender. Es war Zeit, Unterschlupf zu finden.

Born hatte den größten Teil der letzten Stunde damit verbracht, einen wilden Heimbaum zu suchen. Solche Bäume waren rar! Er hatte den ganzen Nachmittag über keinen gesehen. Sie würden also mit einem weniger bequemen Nachtquartier vorliebnehmen müssen.

Zehn Meter über ihnen lag beispielsweise eines, und man konnte es leicht durch die ineinander verschlungenen Äste und Lianen des Waldbaldachins erreichen.

Weder Born noch Ru'Umahum konnten ahnen, welche Krankheit oder welcher Parasit die großen verholzten, hohlen Verkapselungen am Zweig des Säulenbaumes hervorgerufen hatte, aber jedenfalls waren sie für ihr Vorhandensein dankbar. Sie würden die Gefahren der Nacht lindern. Sechs oder sieben der kugelförmigen Ausbuchtungen drängten sich um den Ast. Die kleinste war etwa halb so groß wie Born, die größte groß genug, um Mensch und Pelziger spielend leicht aufzunehmen.

Er untersuchte die letztgenannte mit seinem Messer und stellte fest, dass sie für das geschärfte Beil viel zu zäh war - so, wie er das auch erhofft hatte..! Wenn sein Bowiemesser die verholzte Blase nicht durchdringen konnte, blieb auch die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie irgendein Räuber von hinten anfiel. Er löste den toten Graser, der bereits zu riechen begann, von Ru'Umahums Rücken und schob den Kadaver auf den Ast.

Ru'Umahum reckte sich genüsslich, Wellenbewegungen fuhren wohlig durch seinen Pelz, als er die Muskeln am Rücken spannte. Er gähnte, so dass man seine Reißzähne und zwei rasiermesserscharfe Hauer im Unterkiefer sehen konnte.

Dann machte sich der Pelziger, nach Borns Anweisung, daran, mit beiden Vorderpfoten die Blase aufzureißen. Gemeinsam zwängten sie den Kadaver in den Hohlraum, woraufhin Born sorgfältig seine übriggebliebenen Jacaridorne in eine Liane knüpfte, bis sie eine primitive Barrikade vor der Öffnung bildeten. Wenn jetzt ein Aasfresser versuchte, sich hineinzuschleichen, riskierte er ein paar gefährliche Wunden. Die spitzen Dornen bildeten ein Kreuz über der Öffnung. Ein intelligenter Räuber könnte sich gegebenenfalls dennoch leicht Zutritt verschaffen - aber dazu gehörte die menschliche Fähigkeit einen Sachverhalt komplex zu erfassen. Nun, da ihre Beute für die Nacht sicher verwahrt war, machte Ru'Umahum sich an der nächsten Blase zu schaffen und schnitt eine kleinere Öffnung hinein, die ihnen Zutritt gewährte. Born kniete nieder und spähte hinein. Sie war schon lange abgestorben, trocken und schwarz. Er holte ein Päckchen mit rotem Staub aus dem Gürtel; Ru'Umahum schabte bereits an den Innenwänden der Kapsel und schob das, was sich dort löste, in der Nähe der Öffnung zusammen. Born schüttete etwas von dem roten Pulver auf einen Holzspan und drückte den Daumen darauf. Ein paar Sekunden des Kontaktes mit seiner Körperwärme reichten aus, um den Staub in genau dem Augenblick aufflammen zu lassen, als der Jäger den Daumen zurückzog. Bestimmten parasitischen Knollen dienten diese brennbaren Pollen als besonders wirksame Verteidigung. Borns Leute hatten reichlich Lehrgeld bezahlt, als sie ihn kennenlernten.

Er wartete, bis sich aus dem kleinen Flämmchen ein bescheidenes Feuer entwickelt hatte, dessen Knistern und Tanzen in der Schwärze der Nacht auf sie beruhigend wirkte. Jetzt war nur noch eines zu erledigen: Er musste Ru'Umahum heftig schütteln, um ihn lange genug wachzuhalten, bis er an der anderen Seite der Blase ein winziges Loch in die Wand gebohrt hatte. Als damit der entlüftende Rauchabzug gesichert war, holte Born ein Stück dunkles Dörrfleisch aus einer Tasche am Gürtel und kaute auf dem würzigen steinharten Brocken herum.

Der allabendliche Niederschlag setzte ein. Es würde die ganze Nacht hindurch regnen - nicht ein gelegentlicher Wolkenbruch, sondern ein beständiger, gleichmäßiger Regen, der zwei Stunden vor der Morgendämmerung aufhören würde. Mit wenigen Ausnahmen hatte es jede Nacht geregnet, an die Born sich erinnern konnte. Der Regen kam des Nachts ebenso sicher, wie am Morgen die Sonne aufging. Wasser trommelte gleichmäßig auf das Dach der Höhlung und floss an ihren gebogenen Flanken entlang, um in endlose Tiefen zu tropfen.

Ru'Umahum schlief tief.

Borns Blick verlor sich sinnend einige Minuten lang in den prasselnden Flammen. Gähnend legte er das restliche Dörrfleisch weg, um es sich für den nächsten Abend aufzubewahren, kuschelte sich an Ru'Umahums warme Flanke. Der Pelziger regte sich im Schlaf, drückte sich, den Kopf auf die Brust gelegt, gegen die Innenwand der sie schützenden Kapsel. Born seufzte und schaute auf die massive schwarze Wand jenseits des Feuers.

Er war zufrieden. Sie waren an diesem ersten Tag ihrer Rückkehr keinen Aasfressern begegnet, und Ru'Umahum hatte die mächtige Last des großen Grasers gut bewältigt; hierhergeschleppt, ohne auch nur ein einziges Mal einzuschlafen. Er strich dankbar über die mächtige Hinterkeule des Wesens und grub die Finger in das dicke, grüne Fell.

Zusätzlich hatten sie noch einen warmen, trockenen Unterschlupf für die Nacht gefunden. Viele Nächte, die er im Freien verbringen musste, bis auf die Haut durchnässt, ließen ihn diesen schützenden Kokon des Baumes schätzen! Er hüllte sich in den grünen Lederumhang und drehte sich zur Seite. Sein Messer lag neben seiner rechten Hand, der Bläser zu seinen Füßen. Relativ beruhigt, und mehr oder weniger überzeugt, nicht im Bauch irgendeines nächtlichen Räubers zu erwachen, fiel er in tiefen, traumlosen Schlaf.

*

Es war ein ziemlich kräftiger Regen gewesen, stellte Born fest, als er durch das Loch in der Blase hinausblickte. Hinter ihm schlief Ru'Umahum tief. Der Pelziger würde schlafen, bis Born ihn weckte. Wenn man ihn nicht daran hinderte, würde ein Pelziger fast immer schlafen - bis auf wenige Stunden am Tag. Vom grünen, ewigen Baldachin des Blattwerks - ihrem »Himmelszelt« - fielen immer noch Tropfen, trotzdem es schon lange aufgehört hatte, aus den Wolken dieses Planeten zu regnen. Ein paar trafen Born platschend ins Gesicht. Er schüttelte die schale Feuchtigkeit ab.

Eine Weile würde das Astwerk, die »Pfade« und »Straßen« dieser Welt, noch schlüpfrig und glatt sein, aber sie würden sich trotzdem gleich auf den Weg machen.

Er wollte rasch nach Hause kommen. Es drängte ihn danach, Gehéles Gesichtsausdruck zu sehen, wenn er ihr den Graser präsentierend zu Füßen legte.

Er schnellte hoch und stieß Ru'Umahum ein paarmal in die Rippen.

Der Pelziger grunzte verschlafen und stöhnte.

Born trat noch einmal zu.

Ru'Umahum erhob sich langsam, jeweils zwei Füße gleichzeitig, und brummte gereizt.

»Schon Morgen..?«

»Wir haben einen langen Marsch vor uns, Rúma...«, erklärte Born. »Letzte Nacht goss der Regen lang und intensiv. Bis Mittag sollte es rote Beeren und Pium geben.«

Der Gedanke an Nahrung ermunterte Ru'Umahum. Er hätte es vorgezogen zu schlafen, aber... - nun, Pium war eine feine Sache! Ein letztes Dehnen, Recken, Strecken und die Krallen seiner Vorderpfoten gruben acht parallele Furchen in das Holz der hohlen »Baumzyste«, welches zäh wie Metall war. Manchmal, das musste er einräumen, war es ganz angenehm, Menschen um sich zu haben..! Sie hatten so eine unnachahmliche Art, gute Sachen zum Essen zu finden und das Essen vergnüglicher und genüsslicher zu gestalten. Dafür war Ru'Umahum bereit, Borns Fehler zu übersehen... Seine drei Augen leuchteten heller. Die Menschen schmeichelten sich, dass die Zähmung der ersten Pelziger eine große Leistung gewesen sei. Die Pelziger hatten keinen Anlass, dagegen Einspruch zu erheben. Tatsächlich hatten sie sich den Menschen, mehr aus Neugierde, freiwillig angeschlossen...

Menschen waren die ersten Geschöpfe, die den Pelzigern je begegnet waren, deren Verhalten unvorhersehbar genug war, um sie wachzuhalten. Man konnte wirklich kaum vollständig erahnen, was ein Mensch als nächstes tat - selbst, wenn man ihn gut kannte. Also hielten sie den Pakt, ohne wirklich zu verstehen, weshalb sie es taten. Sie wussten nur, dass an der Beziehung etwas Nützliches und Gutes war.

Der Gedanke an die Piumherzen hielt Ru'Umahum lange genug wach, dass Born, ohne zuviel Zeit zu vergeuden, den Graserkadaver auf seinem Rücken festzurren konnte.

Entweder hatte kein Aasfresser ihr Lager gefunden, oder sie hatten es vorgezogen, den tödlichen Dornen aus dem Wege zu gehen. Born zog die Jacaris nacheinander aus dem verschlungenen Lianengewirr, barg sie in seinem Köcher, schlang sich die Liane um den Gürtel und blickte nach vorn, denn ihre Strecke war noch weit...

*

»Nahe Heim«, konstatierte Ru'Umahum an jenem Abend und fuhr sich mit seiner dicken, gebogenen Zunge über die Rückseite seiner Vorderpfote.

Born hatte schon seit einer Stunde vertraute Landmarken und Baummarkierungen erkannt. Da war zum Beispiel der Sturmtreterbaum, der den alten Hanna tötete, als dieser einen Augenblick lang nicht aufgepasst hatte. Sie schlugen einen weiten Bogen um den schwarz-silbernen Stamm.

Einmal mussten sie stehenbleiben, als ein Buna-Schweber mit langen Tentakeln an ihnen vorbeizog. Während sie warteten, stieß der Schweber einen langen zischenden Pfiff aus und ließ sich tiefer sinken. Vielleicht wollte er sein Glück auf der Vierten Etage versuchen, wo es mehr Buschäcker gab.

Born war hinter einem Baumstamm hervorgetreten und wollte gerade seinen Umhang ablegen, als über ihnen ein Kreischen ertönte, das laut genug war, um ein Pfeffermall zum Zerspringen zu bringen, lauter als das Heulen eines Schollakee auf der Jagd. Der Schrei kam so plötzlich und war so überwältigend, dass der normalerweise nicht aus seiner Ruhe zu bringende Ru'Umahum unwillkürlich Kampfstellung bezog, das heißt sich, trotz des Grasers auf seinem Rücken, gegen den nächsten Stamm presste und die Vorderpfoten mit ausgestreckten Klauen hob.

Der Schrei ging in ein Stöhnen über, und dann war plötzlich ein überwältigendes, erschreckendes Krachen und Brechen zu hören. Selbst der wuchtige Arm des nächsten Säulenbaumes erbebte; sogar der Ast, auf dem sie standen, zitterte noch heftig.

Ru'Umahum konnte sich, dank seiner überlegenen Kraft, festhalten, aber Born war nicht so standsicher. Er fiel ein paar Meter tief, brach hilflos rudernd durch eine Anzahl, keinen Halt bietender, Blattgewächse, bis er auf Widerstand traf. Fast wäre er weiter gestürzt, hätte er nicht rechtzeitig beide Arme um den steifen Fom klammern können.

Das Vibrieren endete abrupt, und er konnte sich auch mit den Beinen daran festhalten.

Bis ins Mark erschüttert richtete er sich auf. Er hatte sich anscheinend nichts gebrochen, alles funktionierte noch. Aber sein Bläser war verschwunden; dessen Band war gerissen, und so war er in die Tiefe gefallen. Das war ein schlimmer Verlust.

Die krachenden und brechenden Geräusche wurden leiser und hörten schließlich ganz auf. Born bildete sich ein, bei seinem Sturz in der Ferne eine unglaublich große Masse von etwas Blauem, Glänzendem gesehen zu haben. Es war ebenso schnell wieder vorbei gewesen, und jetzt war in dem grünen Dschungel nichts mehr davon auszumachen.

Schnüffler und Orbiolen kamen aus ihren Verstecken, riefen prüfend ins Dickicht. Dann schlossen sich Buschäcker, Blumenkits und ihre Verwandten an - und schon nach wenigen Minuten erklang um sie herum wieder die vertraute Sinfonie des Urwaldes.

»Etwas geschehen«, meinte Ru'Umahum leise.

»Allerdings... Etwas Außergewöhnliches! Ich glaube, ich habe es erblickt.« Born strengte seine Augen noch mehr an, sah aber nur Vertrautes. »Du auch? Etwas Riesiges, Blaues, Glänzendes.«

Ru'Umahum fixierte sein Gegenüber: »Nichts gesehen. Dachte echt, ich fahre in Hölle hinab! Mich konzentriert, hier bleiben, toter Graser mich herunterziehen. Keine Zeit für Neugier.«

»Du hast Dich besser gehalten als ich, Alter«, räumte Born ein, während er wieder zu dem Pelziger hinaufkletterte. Er zog prüfend an einer Liane, stellte fest, dass sie sein Gewicht trug, und wollte sich in Richtung auf die mörderischen Geräusche entfernen. »Ich glaube, wir sollten besser...«

»Nicht!«

Als er sich umblickte, sah er, wie der Pelziger seinen großen Kopf gesenkt hatte und ihn langsam, in Imitation der menschlichen Verneinungsgeste, von einer Seite zur anderen schwenkte. Drei Augen blickten zu dem Weg, den sie gekommen waren.

»Bis jetzt wir glücklich, Born Mensch. Bald andere toten Graser auf meinem Rücken riechen. Wir kämpfen müssen jeden Schritt. Zuerst Heimgehen. Dieses andere...«, sein Kopf deutete in Richtung auf die Quelle der Ursache des Ungeheuerlichen, »...ich zuerst mit meinen Brüdern sprechen, die solche Dinge vielleicht kennen.«

Born stand auf der hölzernen Brücke und dachte nach. Seine große Neugierde, seine »Verrücktheit«, wenn man seinen Stammesgenossen glaubte, zog ihn förmlich zum Ursprung der Geräusche, so drohend sie auch geklungen haben mochten. Aber dann behielt die Vernunft die Oberhand. Ru'Umahum und er hatten vieles auf sich genommen, um den Graser zu töten und bis hierher zu schleppen. Jetzt zu riskieren, dass sie ihn, ohne wirklich guten Grund, verloren, wäre in der Tat unklug.

»Okay, Rúma, Du hast wohl ganz Recht...« Er sprang auf den größeren Ast und ging wieder in Richtung auf das Dorf. Ein letzter Blick, den er nach hinten warf, zeigte ihm nur Grün, keine unnatürliche Bewegung.

»Aber sobald wir das Fleisch heimgebracht haben, komme ich zurück, um herauszufinden, was das war, ob Du, oder ein anderer, nun mitkommst oder nicht.«

»Ich keinen Zweifel«, erwiderte Ru'Umahum wissend.

3 - Im Dorf

Sie erreichten die Sperre vor Einbruch der Dunkelheit.

Vor ihnen schien die Dschungelwelt die Gestalt eines einzigen Baumes anzunehmen - seinem Heim.

Nur die Säulen selbst waren größer - und der Heimbaum war ein Baum von monströsen Ausmaßen. Breite, verschlungene Äste und Zweige erstreckten sich nach allen Richtungen. In den Baum verschlungen wuchsen Luftbäume, Kabbls und Lianen. Born registrierte befriedigt, dass auf dem Heimbaum nur Pflanzen wuchsen, die entweder unschädlich oder ihm nützlich waren.

Seine Leute sorgten gut für den Heimbaum; und der Heimbaum, in symbiontischer Fürsorge, seinerseits für sie.

Die Eigenschlingpflanzen waren von rosa Blüten gesäumt, mit Pollensäcken, die wie Kugeln in ihnen ruhten. Diese Säcke glichen den gelben Tanksamen, welche die Bläser zu solch gefährlichen, tödlichen Waffen machten - nur, dass sie viel feinfühliger waren. Die leiseste Berührung der empfindlichen rosa Oberfläche würde die papierdünne Haut platzen lassen und eine Staubwolke in die Luft jagen, die jedes Lebewesen sofort tötete, das den Staub einatmete - sei es nun durch Nase, Mund oder Hautpore.

Die Lianen umschlangen den Baum in der Mitte der Dritten Etage - der Dorf-Etage - und bildeten ein schützendes Netz tödlicher Seile.

Born ging auf die nächste Blüte zu, bückte sich vorsichtig, und spuckte sie direkt an - wobei er darauf bedacht war, nicht den Pollensack zu treffen. Die Blüte zitterte, aber der Sack platzte nicht. Die mimosenhaften, rosafarbenen Blütenblätter schlossen sich und kurz darauf begannen die Schlingpflanzen sich zu kräuseln, sich zu spannen wie Klettertriebe, die sich festkrallen wollen.

Jetzt lag der Weg vor Born und Ru'Umahum frei; wenn auch die Pflanzenwand sich schnell, fast gleich darauf, wieder schloss - kaum, dass sie jene passiert hatten. Die Blüte, in die Born gespuckt hatte, öffnete erneut ihre Blätter, um das letzte Licht des Abends zu trinken.

Ein beiläufiger Beobachter hätte feststellen können, dass Borns Speichel verschwunden war. Einem Chemiker wäre aufgefallen, dass er geradezu absorbiert worden war. Ein brillanter Wissenschaftler hätte vielleicht entdeckt, dass er nicht nur absorbiert worden war - nein, er war zudem analysiert und identifiziert worden!

Doch Born wusste nur, wie man in die Blüte spucken musste, um vom Heimbaum als Freund erkannt zu werden.

Während er auf das eigentliche Dorf zuging, versuchte er vergnügt zu pfeifen. Aber das Lied wollte nicht zustande kommen. Seine Gedanken waren immer noch mit dem geheimnisvollen blauen Ding befasst, das in den Dschungel gestürzt war.

Es kam nur ganz selten vor, dass einer der größeren Luftbäume massiger wuchs, als seine Wurzeln dies zuließen und dann abstürzte und Schlingpflanzen und andere Gewächse mit sich in die Tiefe riss. Aber Born hatte noch nie ein solches Zersplittern von Holz gehört. Dieses Ding war viel schwerer gewesen als jeder Luftbaum. Das wusste er - allein wegen der Geschwindigkeit, mit der es gestürzt war.

Und dann war da noch dieser halb vertraute, seltsame bleiblaue Schimmer gewesen...

Seine Gedanken waren nicht bei seinem erwarteten Triumph, als er das Dorfzentrum betrat. Hier spaltete sich der mächtige Stamm des Heimbaumes in ein Geflecht kleinerer Unterstämme und Äste, bildete ein ineinander verschlungenes Netz aus Holz um einen freien Raum in der Mitte, ehe die einzelnen Nebenstämme und Ausläufer sich, hoch oben, wieder miteinander verbanden, um erneut einen einzigen sich verjüngenden Stamm zu bilden, der noch gute sechzig Meter weiter himmelwärts stieg.

Die Dorfbewohner hatten mit Schlingpflanzen, Pflanzenfasern und Tierhäuten einzelne Abschnitte dieser Stämme miteinander verbunden, sodass Räume und hüttenähnliche Behausungen mit Dächern entstanden waren, die von Wind und Regen nicht durchdrungen werden konnten.

Als Nahrung bot der Heimbaum an Blumenkohl erinnernde Früchte, die wie Heidelbeeren schmeckten und manchmal sogar im Inneren der abgeschlossenen Räume wuchsen.

In den Häusern und unter dem Baldachin auf dem Platz in der Mitte gab es kleine versengte Stellen. Diese winzigen Brandstellen schadeten dem riesigen Gewächs nicht. Außerdem besaß jedes Haus auch eine Grube, die in das Holz selbst eingefurcht war. Hier statteten die Bewohner des Baumes viele Male am Tag ihren Dank für den Schutz und das Dach, welches der Baum ihnen bot, ab und mischten ihre Gaben mit einem Brei aus toten, fleischigen Pflanzen, die sie zu diesem Zweck gesammelt hatten.

Dieser Brei diente auch dazu, die Gerüche zu vertilgen. Wenn die Gruben voll waren, säuberte man sie. Die trockenen Überreste wurden in die Tiefen geworfen, damit man die Gruben wieder aufs Neue gebrauchen konnte. Der Baum nahm dieses Opfer mit großer Geschwindigkeit und einzigartiger Effizienz an und absorbierte es.

Der Heimbaum war die größte Segnung des Waldes, die Borns Ahnen zuteilwerden konnte. Man entdeckte seine Einzigartigkeit zu einem Zeitpunkt, als es schon den Anschein hatte, auch die letzten überlebenden Kolonisten würden bald zugrunde gehen. Damals machte sich niemand Gedanken, weshalb sich ein Gewächs, welches vom eingeborenen Leben nicht benutzt wurde, fremden Eindringlingen so gewogen zeigen sollte. Als die menschliche Bevölkerung gerettet schien, schickte man Späher aus, um andere Heimbäume zu finden und dort neue Stämme zu gründen. Aber in den Jahren seit Borns Urururururgroßvater sich in diesem Baum niedergelassen hatte, war die Verbindung zu den anderen Stämmen zuerst schwächer geworden und dann ganz abgerissen. Niemand machte sich die Mühe, solche Kontakte wieder herzustellen, oder dachte auch nur darüber nach. Sie waren voll und ganz damit beschäftigt, in einer Welt zu überleben, in der es von alptraumhaften Manifestationen des Todes und der Vernichtung nur so wimmelte..!

»Born ist wieder da..., schaut doch, Born ist zurückgekehrt..., Born, Born!«

Ein kleines Grüppchen sammelte sich um ihn, begrüßte ihn vergnügt, aber es waren ausschließlich Kinder. Eines davon besaß die Frechheit, an seinem Umhang zu zerren, ohne Respekt, wie er einem zurückkehrenden Jäger gebührte. Er sah hinunter und erkannte den Waisenjungen Din, für den die ganze Dorfgemeinschaft sorgte.

Etwas, das einen einzigen schrecklichen, hustenden Laut ausgestoßen hatte und dann wieder im Wald verschwunden war, hatte seine Mutter und seinen Vater dahingerafft, als sie beim Früchtesammeln waren. Die anderen der Gruppe waren schreckerfüllt geflohen und hatten, als sie später zurückkehrten, nur noch die Werkzeuge der beiden Vermissten vorgefunden. Sonst hatte man nie wieder eine Spur von ihnen gesehen.

Also übernahm es die ganze Dorfgemeinschaft, den nun verwaisten Knaben aufzuziehen. Aus Gründen, die keiner kannte (am allerwenigsten Born), hatte der Junge sich ihm angeschlossen. Der Jäger konnte den Jungen nicht von sich stoßen. Es war ein Gesetz. Ein Gesetz, das dem Überleben diente, dass ein freies Kind sich jeden Beliebigen zum Ziehvater oder zur Ziehmutter erwählen durfte.

Wie sich freilich jemand den »verrückten Born« aussuchen konnte...

»Nein, Du kannst den Graserpelz nicht haben«, wehrte Born ab und schob den Jungen sanft von sich. Din war mit dreizehn kein Kind mehr. Es war also nicht mehr so leicht, ihn zur Seite zu drücken.

Hinter dem Waisenknaben rollte ein Pelzknäuel einher - noch nicht ganz so groß wie Din. Das Pelzigerjunge Muf stolperte bei jedem dritten Schritt über seine eigenen Stummelbeine. Als es zum dritten Mal strauchelte, legte es sich mitten im Dorf schlafen; das war die beste Lösung des Problems.

Ru'Umahum musterte das Junge und brummte missbilligend. Aber er konnte es ihm nachfühlen: Er selbst empfand Schläfrigkeit. Es war Zeit für ein ausgedehntes Nickerchen.

Born ging nicht unmittelbar auf seine Unterkunft zu, sondern steuerte eine andere an.

»Gehéle!«

Grüne Augen, so grün wie sonnenbeschienene, dunkle Blätter, spähten heraus, und dann folgte ihnen Gesicht und Körper einer Waldnymphe; schlank wie ein Kätzchen. Sie ergriff seine beiden Hände.

»Schön, dass Du zurück bist, Born. Alle haben sich Sorgen gemacht. Ich... war sehr besorgt...«

»Besorgt?«, antwortete er herablassend. »Wegen eines kleinen Grasers?« Er machte eine weit ausholende Handbewegung in Richtung des Kadavers.

Ru'Umahum war wütend - angefüllt mit unfreundlichen Gedanken über Menschen, die sich zuerst mit Frivolitäten befassten und erst dann das Wohlergehen ihrer Pelziger im Auge hatten.

Gehéle starrte den Graser an und ihre Augen wurden so groß wie Rubinartblüten. Sie runzelte unsicher die Stirn. »Aber Born, das kann ich doch nicht alles essen?«

Borns Lachen klang etwas gezwungen. »Du kannst von dem Fleisch haben, was Du brauchst, und Deine Eltern auch. Allein, das Fell gehört natürlich Dir.«

Gehéle war das schönste Mädchen im Dorf; indes, manchmal ertappte Born sich dabei, wie er recht unfreundlich über ihre anderen »Qualitäten« dachte. Aber dann musste er wieder an ihre dünnen Blattlederhüllen denken, und er vergaß alles weitere.

»Du lachst mich aus«, protestierte sie verärgert. »Du sollst mich nicht auslachen!«

Ganz das Gegenteil damit erreichend, reizte ihn das nur noch mehr.

»Losting«, erklärte sie würdevoll, denn sie wusste wie begehrt sie war, »lacht mich nie aus.«

Das brachte ihn schnell zum Schweigen.

»Wen interessiert es denn, was Losting tut?«, forderte er sie heraus.

»Mich interessiert es.«

»Hmm..., nun gut.« Etwas schien plötzlich schief zu laufen. Die Dinge entwickelten sich nicht so, wie er es sich vorgestellt, wie er es geplant hatte. Aber irgendwie war das immer dasselbe.

Er sah sich in dem schweigenden Dorf um. Einige der älteren Leute hatten ihn aus ihren Häusern beobachtet, als er zurückgekehrt war. Jetzt, da der Reiz des Neuen vorbei war, wandten sie sich wieder ihren Haushaltspflichten zu. Die meisten Erwachsenen waren selbstverständlich unterwegs auf der Jagd; beim Sammeln von Früchten, oder damit beschäftigt, den Heimbaum von Parasiten freizuhalten.

Die erwartete Bewunderung seiner Person hatte sich, aus unerfindlichen Gründen, nicht entwickelt. Er hatte also sein Leben riskiert, um zu ein paar neugierigen Kindern zurückzukehren - und einer Gehéle, die ihm gegenüber gleichgültig war. Seine anfängliche Euphorie verflog.

»Ich werde Dir jedenfalls den Pelz saubermachen«, brummte er. »Komm, Rúma.« Born wandte sich ab und ging verärgert zum anderen Ende des Dorfes.

Hinter ihm vollzogen sich im Gesicht Gehéles ein paar Veränderungen, die ein breites Spektrum von Gefühlen offenbarten. Dann drehte sie sich um und ging ins Haus ihrer Eltern zurück.