Parker und sein Doppelgänger - Günter Dönges - E-Book

Parker und sein Doppelgänger E-Book

Günter Dönges

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Beschreibung

Butler Parker ist ein Detektiv mit Witz, Charme und Stil. Er wird von Verbrechern gerne unterschätzt und das hat meist unangenehme Folgen. Der Regenschirm ist sein Markenzeichen, mit dem auch seine Gegner öfters mal Bekanntschaft machen. Diese Krimis haben eine besondere Art ihre Leser zu unterhalten. Butler Parker ist seinen Gegnern, den übelsten Ganoven, auch geistig meilenweit überlegen. In seiner auffallend unscheinbaren Tarnung löst er jeden Fall. Bravourös, brillant, effektiv – spannendere und zugleich humorvollere Krimis gibt es nicht! Josuah Parker, wie stets makellos gekleidet, servierte seiner Herrin das Frühstück. Mylady bevorzugte strengste Diät, und so beschränkte sich das karge Mahl auf gedünstete Lachsforelle, Rühreier mit Schinken, geröstete Nierchen und heißen, gebutterten Toast. Lady Agatha war anzumerken, wie schwer es ihr fiel, ihrem Vorsatz treu zu bleiben. Schon nach der dritten Tasse Kaffee mit frischer Sahne erklärte sie sich für gesättigt. »Räumen Sie bitte die Reste weg, Mister Parker, und vergessen Sie nicht, mich um zehn Uhr auf meinen Termin aufmerksam zu machen. Ich brauche Sie – und natürlich den Wagen.« »Der Wagen« war Parkers hochbeiniges Monstrum, ein ehemaliges Londoner Taxi. Die Kastenform war zwar nicht besonders schön, aber ein Rennmotor unter der Haube sorgte dafür, daß schnelle Limousinen auf der Strecke blieben. »Sehr wohl, Mylady«, erwiderte Parker mit einer Verbeugung. »Meine Wenigkeit gestattet sich, Mylady auf einen weiteren Termin aufmerksam zu machen. Für elf Uhr ist ein Gespräch im ›Bear and Lion‹ anberaumt. Es handelt sich um Recherchen für Myladys künftigen Bestseller, mit Verlaub.« »Ach, diese einfältigen Einbrecher, die sich in dem übel beleumundeten Lokal regelmäßig treffen! Natürlich weiß ich von diesem Termin. Was habe ich mir denn vorgenommen, mit diesen zweifelhaften Elementen zu besprechen, Mister Parker?« Der Butler stand in aufrechter und zugleich ehrerbietiger Haltung. »Mylady beabsichtigen, ein hochaktuelles Thema aufzugreifen: organisiertes Verbrechen unter besonderer Berücksichtigung der sich mehrenden schweren Einbrüche in herrschaftliche Stadthäuser.« »Aber ja, das ist meine Absicht, Mister Parker.

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Butler Parker – 208 –Parker und sein Doppelgänger

Günter Dönges

Josuah Parker, wie stets makellos gekleidet, servierte seiner Herrin das Frühstück. Mylady bevorzugte strengste Diät, und so beschränkte sich das karge Mahl auf gedünstete Lachsforelle, Rühreier mit Schinken, geröstete Nierchen und heißen, gebutterten Toast.

Lady Agatha war anzumerken, wie schwer es ihr fiel, ihrem Vorsatz treu zu bleiben. Schon nach der dritten Tasse Kaffee mit frischer Sahne erklärte sie sich für gesättigt. »Räumen Sie bitte die Reste weg, Mister Parker, und vergessen Sie nicht, mich um zehn Uhr auf meinen Termin aufmerksam zu machen. Ich brauche Sie – und natürlich den Wagen.«

»Der Wagen« war Parkers hochbeiniges Monstrum, ein ehemaliges Londoner Taxi. Die Kastenform war zwar nicht besonders schön, aber ein Rennmotor unter der Haube sorgte dafür, daß schnelle Limousinen auf der Strecke blieben.

»Sehr wohl, Mylady«, erwiderte Parker mit einer Verbeugung. »Meine Wenigkeit gestattet sich, Mylady auf einen weiteren Termin aufmerksam zu machen. Für elf Uhr ist ein Gespräch im ›Bear and Lion‹ anberaumt. Es handelt sich um Recherchen für Myladys künftigen Bestseller, mit Verlaub.«

»Ach, diese einfältigen Einbrecher, die sich in dem übel beleumundeten Lokal regelmäßig treffen! Natürlich weiß ich von diesem Termin. Was habe ich mir denn vorgenommen, mit diesen zweifelhaften Elementen zu besprechen, Mister Parker?«

Der Butler stand in aufrechter und zugleich ehrerbietiger Haltung. »Mylady beabsichtigen, ein hochaktuelles Thema aufzugreifen: organisiertes Verbrechen unter besonderer Berücksichtigung der sich mehrenden schweren Einbrüche in herrschaftliche Stadthäuser.«

»Aber ja, das ist meine Absicht, Mister Parker. Ich werde einen authentischen Bestseller schreiben. Mir steht auch schon der Titel vor Augen. Eine gewisse Kollegin, die den Vornamen mit mir teilt, wäre vor Neid erblaßt. Wie will ich mein Buch nennen, Mister Parker?«

»Mylady planen den Titel: ›Heimlich – im Dunkel der Nacht‹«, erwiderte Josuah Parker gemessen. »Darf meine Wenigkeit sich erlauben, Mylady zu diesem überragenden Wurf die größte Hochachtung auszusprechen. Allein der Buchtitel wird dazu führen, daß Myladys begeisterte Leser vor den Buchläden – wie der Volksmund sagt – Schlange stehen.«

»Das versteht sich von selbst«, erklärte Agatha Simpson ohne falsche Bescheidenheit und ließ sich von ihrem Butler beim Aufstehen helfen. Trotz Myladys Körperfülle ging das erstaunlich schnell vonstatten.

»Sie finden mich im Studio«, fuhr die Hausherrin fort. »Ich werde schöpferisch nachdenken, Mister Parker. Bringen Sie mir Kaffee und meinen Kreislaufbeschleuniger. Wir Erfolgsschriftsteller brauchen gelegentlich eine Stimulans, um die kreative Vielfalt erblühen zu lassen.«

»Und schicken Sie Miß Porter zu mir, Mister Parker. Ich habe diverse Aufträge für die Gute.«

Butler Parker räusperte sich dezent. »Miß.Porter ist schon früh zur Curzon Street gefahren und dem Vernehmen nach noch nicht zurück, Mylady.«

»Ach, ich vergaß ... Welchen Auftrag habe ich ihr denn für den guten Jungen mitgegeben, Parker?«

»Meiner bescheidenen Wenigkeit ist nichts von einem einschlägigen Auftrag bekannt, Mylady. Vielmehr steht zu vermuten, daß Miß Porter Mister Rander aus eigenem Antrieb aufgesucht hat.« Parker verschwieg seiner Herrin, daß Kathy schon über Nacht ausgeblieben war und am frühen Morgen nur kurz zum hochherrschaftlichen Haus am Shepherd’s Market zurückgekehrt war, um ihren vergessenen Make-up-Koffer zu holen.

»Um so besser, um so besser...«, begeisterte sich Lady Simpson. »Die jungen Leute heutzutage sind ja so frei! Wenn ich da an meine eigene Jugend denke...«

Josuah Parker beeilte sich, das Tablett aüfzunehmen und sich devot zur Tür zu entfernen. Myladys Jugendzeit war ein unerschöpfliches Thema, und Parkers Pflichten erlaubten nicht, Myladys Erinnerungen soviel Zeit zu widmen.

Er durchquerte die Halle, als die Haussicherungsanlage durch intermittierendes Warnlicht die Annäherung einer fremden Person signalisierte. Parker setzte das Frühstückstablett ab und erreichte den gläsernen Windfang vor dem Portal, ehe der Besucher draußen Gelegenheit bekam, zu läuten.

»Einen wunderschönen guten Morgen, Sir«, begrüßte Parker den Einlaß begehrenden McWarden, seines Zeichens Chief-Superintendent bei Scotland Yard. »Hoffentlich führt Sie nicht Unangenehmes hierher, Sir?«

»Überhaupt nicht. Im Gegenteil!« erwiderte McWarden in aufgeräumter Stimmung. »Ich hatte in der Gegend zu tun und möchte Lady Agatha einen kurzen Besuch abstatten. Die Dame des Hauses ist sicher noch im Frühstückssalon, nicht wahr, Mister Parker?« Der Superintendent trat hoffnungsfroh näher.

»Mylady hat bereits gefrühstückt, Sir«, äußerte sich Parker mit hörbarem Bedauern. Es wäre Lady Agathas strenger Diät gut bekommen, wenn McWarden sich beteiligt hätte, die Platten zu leeren. »Inzwischen hat Mylady sich ins Studio zurückgezogen, Sir. Meine bescheidene Wenigkeit muß bedauernd erklären, daß Mylady in ihrer schöpferischen Stunde nicht gestört zu werden wünscht.«

»Macht ja nichts, Mister Parker.« McWarden trat vollends ein und reichte dem Butler Stockschirm, Bowler und Handschuhe. »Ich will keinesfalls stören. Was mich hergeführt hat, kann ich auch mit Ihnen besprechen.«

»Sir...?«

Der etwa 55jährige korpulente Mann machte eine ausholende Handbewegung. »Unweit von hier ist in der Nacht eingebrochen worden, Parker. Dummerweise hielt sich zur Tatzeit niemand im Haus auf. Sir Archibald und seine Gattin sind mit dem gesamten Personal zu den Festspielen nach Edinburgh gereist.«

»Höchst bedauerlich, Sir. Sind Wertgegenstände entwendet worden?« erkundigte sich Parker voller Anteilnahme. Sir Archibald war Politiker und belegte einen Sitz im Oberhaus. Mit dem Haus Agatha Simpson verband die Kandermeeres, Sir Archibald und Frau Gemahlin, eine gutnachbarliche Beziehung.

»Wertgegenstände?« McWarden blickte Josuah Parker unschlüssig an. »Die Leute vom Einbruchsdezernat sind noch bei den Ermittlungen. In Sir Archibalds Arbeitszimmer gähnt ein Loch in der Wand. Man darf davon ausgehen, daß sich an dieser Stelle ein Safe befunden hat. Jetzt ist er weg. Die Kerle haben ihn komplett aus der massiven Wand gestemmt.«

»Wirklich ärgerlich, Sir. Selbstverständlich ist Sir Archibald sofort verständigt worden, nicht wahr?«

»Eben nicht, Parker. Eben nicht! Sie dürften wissen, daß die Kandermeeres samt dem Personal gestern erst abgereist sind. Sobald Sir Archibald in Edingburgh eingetroffen ist, brauchen wir von ihm eine exakte Aufstellung über den Inhalt des Wandsafes. Womöglich bewahrt Lady Kandermeere in diesem Safe auch den Familienschmuck auf, den sie nach Edinburgh nicht mitgenommen hat. Ein unverzeihlicher Leichtsinn!«

Der Butler sah sich genötigt, dem Chief-Superintendent in gewundener Form recht zu geben. Er beendete seine Äußerungen mit dem Angebot, in Anbetracht der herrschenden Umstände Mylady doch noch in ihrer kreativen Denkphase zu stören. »Schließlich betrifft es ein Haus ganz in der Nähe, Sir.«

»Ja, ja. Gehen Sie nur, Parker, gehen Sie nur. Bis Lady Agatha mich empfängt – und das eilt keineswegs – wäre ich für eine kleine Erfrischung dankbar.« Der Superintendent blickte den Butler erwartungsvoll an.

Parker entschuldigte wortreich den Mangel an Gastfreundlichkeit. »In wenigen Augenblicken wird im Frühstückssalon für Sie gedeckt sein, Sir. Man hat in der Küche noch etwas schottischen Räucherlachs auf Eis. Dazu empfiehlt sich eine Creme aus geschlagener Sahne, frischem geriebenen Meerrettich und Preißelbeeren, selbstverständlich heißer frischer Toast. Oder ziehen Sie geräucherten Aal vor, Sir?«

»Allmächtiger! Nicht so Fettes, Parker. Wenig Lachs ist gerade das richtige. Keinen Tee. Sie können mir in Anbetracht der fortgeschrittenen Morgenstunde einen Aquavit bringen und etwas Mineralwasser.«

»Mit größtem Vergnügen, Sir.« Josuah Parker geleitete den Gast des Hauses würdevoll zum Frühstückssalon und empfahl sich mit einer angedeuteten Verbeugung, um McWardens Imbiß zusammenzustellen.

*

»Eingebrochen?« entsetzte sich Lady Agatha. »Bei Kandermeere? Unglaublich, Mister Parker!«

»Leider gibt es an der Wahrheit nichts zu rütteln, Mylady. Chief-Superintendent McWarden hat sich persönlich hierher bemüht, um Mylady die unangenehme Nachricht mitzuteilen.«

»Ich sagte: unglaublich, Mister Parker. Nicht: unangenehm! Dieser Einbruch bei Sir Archibald kommt mir höchst gelegen. Ich werde sofort mit den Ermittlungen beginnen. McWarden kann sich glücklich schätzen, mich zur Seite zu haben – eine erfahrene Amateurkriminalistin. Ist McWarden noch unten, Mister Parker? Bringen Sie mich zu ihm!«

Agatha Simpson schien vom Jagdfieber gepackt zu sein, denn trotz ihrer Körperfülle schlug sie Parker bis zum kleinen Salon um Längen. An den Flügeltüren erstarrte sie. »Was haben Sie Mister McWarden denn vorgesetzt, Mister Parker?«

Der Superintendent erhob sich kauend, wischte mit der Serviette über die Lippen und trat Lady Agatha entgegen. »Wirklich, ein ausgezeichneter Lachs, den Butler Parker serviert hat, Mylady.«

»Ausgezeichnet?« erwiderte sie mit entrüsteter Miene. Sie selbst hatte sich den teuren schottischen Lachs zum Frühstück nicht gönnen wollen. Wo kam man denn hin, wenn man das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinauswarf, dachte Agatha Simpson.

Die äußerst vermögende und zugleich geizige Hausherrin mißbilligte McWardens offensichtlichen Genuß. »Der Lachs war nicht mehr besonders gut, McWarden. Parker sollte ihn der Katze geben – aber nun haben Sie ihn verzehrt...«

Der Superintendent griff sich an die Kehle. »Ich brauche noch einen Aquavit, Mister Parker. Einen doppelten sogar!«

»Bringen Sie dem Chief-Superintendent ein Glas Wasser, Mister Parker. Unverzeihlich, schon am frühen Morgen Alkohol zu sich zu nehmen.«

»Mylady wollten auf den Zehn-Uhr-Tee aufmerksam gemacht werden«, brachte Parker in Erinnerung.

»Ach ja? Was hatte ich denn vor, Mister Parker?«

»Mylady verlangten den Wagen«, erwiderte der Butler. »Örtlichkeit und Anlaß jenes Termins sind meiner bescheidenen Wenigkeit nicht bekanntgegeben worden. In der Folge steht dann noch das Gespräch im ›Bear and Lion‹ auf Myladys heutigem Programm.«

»Bear and Lion«, ereiferte sich McWarden. »Das ist kein Lokal für Damen, Lady Agatha! Dort verkehrt minderwertiges Gelichter. Die Polizei überlegt, ob dem Wirt dieses zweifelhafte Etablissement nicht die Konzession entzogen werden muß.«

»Wie schön!« sagte Agatha Simpson mit dem baritonalen Klang ihrer Stimme. »Genau das suche ich: eine richtige Ganovenkneipe. Sie müssen wissen, McWarden, ich arbeite an meinem Bestseller. Es geht um die Einbruchsserie in dieser Stadt. Ich werde nicht fiktiv, sondern höchst authentisch berichten, Namen nennen und Köpfe rollen lassen. Dieses Buch wird eine Sensation! Ich werde Mister Parker bitten müssen, den Ansturm von Presse, Funk und Fernsehen von meinem Haus fernzuhalten. Vielleicht werde ich in der Royal Albert Hall eine einmalige Lesung abhalten – aber nur, wenn mich die Krone darum bittet.«

McWarden bekam Stielaugen. »Ist Ihr Buchobjekt denn schon so weit fortgeschritten, Lady Agatha? Ich nahm an, Sie wären noch in der Vorplanung. Haben Sie schon einen Verleger gefunden?«

»Verleger – ach was! Ich brauche keinen Verleger zu suchen. Die Verlagsleute werden sich für mein Manuskript in Stücke schneiden lassen, Mister McWarden. Achten Sie nur auf die Bestsellerliste! Wie werd ich mein Buch nennen, Mister Parker?«

»Mylady planten den Titel ›Heimlich – im Dunkel der Nacht‹.«

»Da hören Sie’s. Unübertrefflich, nicht wahr? Der Titel sagt alles aus. Alles! Erklären Sie dem Superintendent, was ich meine, Mister Parker.«

»Mylady sehen schattenhafte Gestalten verstohlen durch schwachbeleuchtete Gassen schleichen«, führte Josuah Parker aus. »Plötzlich erfolgen Schüsse – fallen Todesschreie ... Ein hinkender Greis mit Augenklappe flüchtet zur Themse hinunter, in seiner Faust hält er die noch rauchende Waffe. Sirenen heulen. Die Polizei naht mit Blaulicht. Todesmutig nehmen Polizeibeamte Ihrer Majestät die Verfolgung auf...«

»Übertreiben Sie nicht, Mister Parker«, unterbrach Agatha Simpson die Schilderung ihres Butlers. »Mister McWarden weiß aus eigener Erfahrung, wie die Polizei veranlagt ist. Ich schreibe schließlich ein authentisches Buch und keine Märchen.«

»Bei der Gelegenheit«, sagte McWarden und erhob sich. »Mich ruft die Pflicht, Lady Agatha. Ich muß zum Tatort im Haus Kandermeere zurück.«

»Trinken Sie erst Ihr Glas aus, McWarden. Wasser ist sehr gesund bei dem Bluthochdruck, an dem Sie leiden. Wo bleibt das Leitungswasser für den Chief-Superintendent, Mister Parker?«

»Sofort, Mylady. Meine Wenigkeit wurde ersucht, einen Eindruck von Myladys Buch zu ermitteln.«

»Keine Ausflüchte, Mister Parker. Mister McWarden ist mein Gast. Er soll sich nicht beklagen, mein Haus durstig verlassen zu haben.«

»Nicht nötig, das Wasser«, beteuerte der Superintendent. »Um die Wahrheit zu sagen, mir wäre ein Schluck trockener Sherry viel lieber.«

»Pfui...«, sagte Lady Agatha strafend. »Alkohol zu früher Stunde und im Dienst, Superintendent! Sie werden mich unverzüglich zu Sir Archibalds Stadthaus führen. Ich möchte in dieser Einbruchssache die notwendigen Ermittlungen leiten. Ihre Mitarbeiter vergeuden nur kostbare Zeit, wenn sie nach Fingerabdrücken suchen. Die Verbrecher waren Professionelle, McWarden. Solche Leute arbeiten mit Handschuhen.«

»Wie kommen Sie darauf, Mylady?« fragte McWarden betroffen.

»Das Ergebnis meines klar denkenden Hirns und meiner exzellenten Kombinationsgabe, Superintendent. Mister Parker, erklären Sie ihm bitte, was ich meine!«

»Mylady wollen zum Ausdruck bringen«, sagte Parker, »daß das Vorgehen jener nächtlichen Einbrecher auf Professionalität hindeutete, Sir. Einfallslose Anfänger hätten zweifellos versucht, den Wandsafe an Ort und Stelle aufzubrechen. Da dies aber nicht geschehen ist, müssen die Verbrecher nach einem ausgeklügelten Plan vorgegangen sein. Die Tat im Haus Kandermeere erforderte genaueste Kenntnis der Lebensumstände Sir Archibalds und der Örtlichkeiten, außerdem das Wissen über den geplanten Besuch der Festspiele in Edinburgh und die Verfügbarkeit eines geeigneten Transportmittels, um den gewichtigen Safe fortzuschaffen. Da dies unbemerkt und lautlos geschah, ist der Rückschluß zulässig, daß die Diebe Unterstützung erhalten haben, wobei Mitglieder des Personals nicht ausgeschlossen werden können.«

»Was ich doch sage, McWarden«, trumpfte die passionierte Detektivin auf. »Dank meiner Kombinationsgabe ist der Fall so gut wie gelöst. Wir brauchen nur das Hauspersonal streng zu verhören. Die Leute sollen sofort mit dem nächsten Expreßzug aus Edinburgh zurückkehren. Ich werde sie der Reihe nach vernehmen, bis die ungetreue Person entlarvt ist, die mit den Einbrechern zusammengearbeitet hat. Gegen wen richtet sich mein schärfster Verdacht, Mister Parker?«

»Mylady werden überprüfen, wer vom Personal erst kürzlich eingestellt wurde. Langjährige Hausangestellte bürgen durch ihre Zuverlässigkeit für sich.«

»Das wollte ich doch gerade sagen! Und wen beschuldige ich des Komplotts mit den verbrecherischen Elementen, Mister Parker? Wer ist die ungetreue Person, die noch nicht lange für Sir Archibald tätig sein darf und dabei das Vertrauen mißbraucht hat?«

»Mylady verdächtigen den Chauffeur. Sir Archibald hat seinen langjährigen Fahrer aus Altersgründen freigestellt«, erklärte Parker gemessen. »Seit drei Wochen hat ein Mister Bower die Bedeutung des Kandermeereschen Wagenparks übernommen.«

»Zum Teufel, das ist wahr!« entfuhr es dem Chief-Superintendent. »Ich bitte für meine Unbeherrschtheit um Verzeihung, Mylady.«

»Ein Subjekt wie dieser Bower ist hauptverdächtig, Mister McWarden. Ich habe in Minutenschnelle den Fall für Sie gelöst! Nein, danken Sie mir nicht. Mein kriminalistisches Können verpflichtet mich, unbedankt zum Wohl der Allgemeinheit und speziell im Fall meines guten Freundes Sir Archibald tätig zu werden. Lassen Sie diesen Bower festnehmen, McWarden! Dieser Halunke wird Ihnen dann schon die Identität der anderen Verbrecher preisgeben, an die er Sir Archibalds Besitz verraten hat. Ich hoffe, Lady Kandermeere hatte den größten Teil ihrer Juwelen im Safe deponiert. Zehn Prozent des Wertes sind bei der Wiederbeschaffung angemessen. Ich will dabei sein, wenn der Safe amtlicherseits geöffnet wird, Superintendent, damit ich bei der Festsetzung des Betrages der mir zustehenden Belohnung nicht benachteiligt werde.«

McWarden hatte Agatha Simpsons baritonalen Redeschwall über sich ergehen lassen und die Hände wie abwehrend erhoben. »Es verhält sich nicht ganz so, wie Sie vorgetragen haben, Mylady«, wagte er einzuwenden. »Zwar trifft es zu, daß Sir Archibald seinen langjährigen Chauffeur hat ablösen lassen, aber Bower kann nicht zum Personal des Hauses Kandermeere gezählt werden.«

»Warum denn nicht? Ist der Mann erst auf Probe eingestellt, Mister McWarden? Diese Weitsicht hätte ich Sir Archibald gar nicht zugetraut.«

»Auch nicht auf Probe. Bower – ich sollte sagen, Sergeant Bower – gehört zur Polizei und hat seinen Jahresurlaub darauf verwendet, Sir Archibald auszuhelfen, bis das Vermittlungsbüro einen tüchtigen Chauffeur gefunden hat.«

»Soll das etwa heißen, dieser Mister Bower ist zuverlässig?«

»Absolut, Mylady. Sein Inspektor legt die Hand für ihn ins Feuer, wie man so sagt. Das Ganze war ein behördliches Entgegenkommen, da Sir Archibald Mitglied des Oberhauses ist und im Gespräch steht für die Besetzung eines Postens im diplomatischen Dienst.«