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Sie sind Außenseiter und kämpfen gegen Dämonen – nicht zuletzt ihre eigenen. Der erste Fall für Dora und Rado, Kriminalpolizei Reykjavík. Als im Thingvellir-Nationalpark ein Teenager verschwindet, wird Polizistin Dora mit den Ermittlungen betraut. Eigentlich soll sie nur Schreibtischarbeit leisten, da sie mit den Folgen einer Hirnverletzung aus einem Einsatz kämpft. Aber die Kollegen sind mit einer riskanten Razzia in der Unterwelt beschäftigt. Dora zur Seite steht Rado, Sohn serbischer Einwanderer. Er hat sich bei der Polizei hochgearbeitet, aber gerät durch familiäre Verbindungen in Schwierigkeiten. Für das Außenseiter-Duo wird die Suche zur Obsession: Rado wird vom brennenden Wunsch nach Gerechtigkeit angetrieben, während Dora Dinge bemerkt, die anderen entgehen – doch ihr Kopf ist unberechenbar. »Der isländische Kriminalroman des Jahres.« Steingerdurblog »Eine spannende Vision unserer Zeit.« Stundin Der faszinierende skandinavische Nr.-1-Krimi mit überraschenden Wendungen, der die sozialen Veränderungen in Island in den Blick nimmt – Nordic Noir zwischen überwältigender Natur, alten Mythen und neuen Verbrechen. »Unheimlich glaubwürdige Figuren und ein bemerkenswerter Plot, der wirklich funktioniert.« Frettabladid
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Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2025
Jón Atli Jónasson
Ein Fall für Dora und Rado
Dunkel über Island
Sie kann an einem Wochenende eine neue Fremdsprache erlernen und spürt alles intensiver: Nach einer Verletzung im Einsatz funktioniert Doras Hirn anders als zuvor. Sie lebt mit Schmerzen und tut sich schwer mit anderen Menschen. Seit Jahren hat sie keine Ermittlungsarbeit mehr außerhalb des Polizeireviers gemacht. Doch während die Kollegen eine gefährliche Aktion gegen das organisierte Verbrechen durchführen, kommt es auf einmal auf Dora an: Was ist mit Morgan geschehen, dem Teenager, der auf einem Schulausflug verschwunden ist?
Rado hat es so weit gebracht wie kaum ein Isländer mit ausländischen Wurzeln. Für seinen kleinen Sohn Jurek würde er alles tun. Doch durch familiäre Verbindungen gerät er bei der Polizei ins Abseits. Ausgerechnet der seltsamen Kollegin, mit der keiner redet, soll er bei einem Fall helfen. Zusammen gehen Dora und Rado neue Wege – und begeben sich mitten hinein in die Gefahr.
Ein faszinierender skandinavischer Krimi mit ungewöhnlichen Wendungen, der die sozialen Veränderungen in Island in den Blick nimmt zwischen überwältigender Natur, alten Mythen und neuen Verbrechen.
»Unheimlich glaubwürdige Figuren und ein bemerkenswerter Plot, der wirklich funktioniert.« Frettabladid
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Jón Atli Jónasson ist ein vielfach ausgezeichneter Bühnen- und Drehbuchautor, dessen Werk auf der ganzen Welt gezeigt wurde. Sein Film »The Deep« war für einen Oscar nominiert; er ist Co-Autor der Serie »The Arctic Circle« (ZDF). Mit der Buchreihe um das ungleiche Ermittlerduo Dora und Rado eroberte Jónasson die isländische Bestsellerliste und erzielte den internationalen Durchbruch als Spannungsautor. Er sieht sich klar in der Tradition des Nordic Noir. Jón Atli Jónasson hat einige Zeit in Berlin gelebt und wohnt derzeit mit seiner Familie in Reykjavík.
Freyja Melsted ist in Österreich und Island aufgewachsen. Sie hat in Düsseldorf Literaturübersetzen studiert und überträgt Werke aus dem Englischen, Spanischen und Isländischen.
Teil 1
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
Teil 2
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
Hinweis auf weitere Neuerscheinung
Sie waren übermütig. Die Schicht war fast vorbei und die Nacht ruhig verlaufen. Gegen Mitternacht hatten sie sich Pizza geholt. Dora zahlte. Elliði versprach, sie beim nächsten Mal einzuladen. Sie hörten Radio und fuhren durch die Gegend. Ein Betrunkener, der sich gegen zwei Uhr im Haus irrte. Ein Herzinfarkt in Breiðholt. Sonst gab es wenig. Bis der Ruf kam.
Nachbarn hatten Schreie aus einer Villa in einem Neubauviertel der Stadt gehört. Später erinnerte sich Dora nicht daran, dass sie sich bei dem Entschluss, den Einsatz zu übernehmen, abgesprochen hatten. Elliði wendete einfach das Auto und raste los. Sie bretterten mit Blaulicht die Ártúnsbrekka hinauf. Die Straßen waren menschenleer.
Nachdem sie ein paar falsche Kreisverkehre genommen hatten, erreichten sie schließlich die Sackgasse, in der das Haus stand. Es war groß, ein weißer Kasten mit zwei kleineren Kästen daneben. Das Haus passte nicht auf den isländischen Kiesboden, auf dem es stand. Es wirkte wie eine Villa aus einem französischen Thriller. Sollte viel eher von Palmen umgeben sein, mit dem Mittelmeer im Hintergrund.
In der Einfahrt parkten zwei Autos. Ein schwarzer Range Rover und ein Porsche, später meinte Dora sich zu erinnern, dass er blassrosa war. Sie wusste jedenfalls, dass sie noch nie zuvor so ein Auto gesehen hatte. Elliði stieg aus dem Wagen und eilte die Eingangstreppe hinauf. Sie folgte ihm. Nach dem langen Sitzen im Auto waren ihre Gelenke ganz steif, sie war etwas langsamer als er. Im Augenwinkel sah sie Elliði, wie er an die Eingangstür klopfte. Sie war nicht abgeschlossen. Dann verschwand er im Haus, bevor sie etwas sagen konnte. Sie erinnert sich noch, dass sie kurz innegehalten und sich die anderen Häuser in der Straße angesehen hatte.
Gegenüber der weißen Villa stand ein älteres Haus. Ihr Blick fiel auf eine betagte Frau im Nachthemd, die sie von ihrem Wohnzimmerfenster aus beobachtete. Sie erinnert sich, dass sie ihr zugewunken, aber die Frau nicht darauf reagiert hatte. Die meisten Leute hätten eine solche Geste einer uniformierten Polizistin verstanden und sich zurückgezogen. Dann hörte sie einen Schrei im Haus. Er durchdrang ihre Ohren. Wie ein Urschrei. Er kam von einer Frau, und Dora eilte die Treppe hinauf zum Eingang.
Sofort kam ihr der strenge Geruch von Erbrochenem entgegen. Als sie weiter ins Haus ging, roch sie zusätzlich etwas Saures. Wie saure Milch. Ja, der Geruch von saurer Milch, da war sie ganz sicher.
Das Haus war nobel eingerichtet und wirkte zugleich wie leer. Sie blickte nach links ins Wohnzimmer. Dort standen ein weißes Ledersofa, ein Glastisch und zwei weiße Chesterfieldsessel. Auf dem Boden lag ein dicker, weißer Teppich. Eigentlich war alles in dem Haus weiß. Geradeaus war die Küche mit weiß lackierten Fronten und einem weißen Tisch. Geschirr war keines zu sehen. Aber drei Stühle, dänisches Design, meinte sie. Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass der saure Milchgeruch vielleicht gar nicht von Milch ausging, sondern von dem Haus selbst. Als wäre es aus Milch. Ein Milchhaus. Was auch immer das heißen sollte. Sie war einfach müde, und das Adrenalin strömte durch ihren Körper und rief diese seltsamen Gedanken hervor.
Rechts von sich sah sie eine halb offene Tür. Lautes Schluchzen erklang aus der Richtung. Sie schlich so leise wie möglich näher. Was nicht schwer war, da der weiße Teppich ihre Schritte dämpfte. Das Zimmer war ebenfalls weiß, jedoch ziemlich dunkel. Über dem Kopf des Bettes hing ein erotisches Bild in Schwarz-Weiß, und am Fuß stand eine kleine weiß lackierte Wiege.
Elliði stand vor einer Frau, die auf dem Bett saß. Sein Gesicht sah besorgt aus. Das einzige Licht im Raum kam von einer Nachttischlampe. Vorsichtig trat Dora näher und betrachtete die Frau. Sie trug ein Negligé und hielt ein Neugeborenes auf dem Arm. Es war blau im Gesicht. Elliði sah sie an und schüttelte den Kopf.
»Dora, ihr Mann ist im Arbeitszimmer nebenan«, sagte er leise. »Sieh bitte nach ihm. Ich hab schon in der Zentrale Bescheid gesagt.«
Sie nickte und ging schnell aus dem Schlafzimmer. Weg von dem sauren Milchgeruch. Sie hörte Elliði noch leise mit der Frau reden. Er versuchte, sie dazu zu bringen, ihm das Baby zu übergeben. Damit er sichergehen könnte, dass es tot war. Was es natürlich war. Aber er musste sich versichern, prüfen, ob er nicht doch noch Erste Hilfe leisten könnte. Was natürlich keinen Sinn hatte. Dafür waren sie viel zu spät, und bei dem Gedanken an die dämliche Hetzfahrt hierher lief es Dora kalt den Rücken hinunter. Denn hier konnten sie nichts mehr tun. Sie war noch nicht lange bei der Polizei. Hatte kaum Erfahrung, und dennoch wusste sie, warum die Frau sich sträubte, Elliði das Kind zu geben. Sobald sie das tat, würde es fort sein, in jeglicher Hinsicht. Solange sie es festhielt, war es immer noch ein Teil von ihr, und sie hatte noch nicht alles verloren. Ihre Arme waren noch nicht leer. Dora konnte es verstehen. An ihrer Stelle hätte sie sich vermutlich genauso verhalten.
Die Tür zum Arbeitszimmer neben dem Schlafzimmer stand offen, und sie ging hinein. Es war groß, aber genauso karg wie die anderen Räume im Haus auch. Ein Mann um die dreißig saß an einem Glasschreibtisch vor einem großen Aussichtsfenster. Ein silberner Computerbildschirm stand auf dem Tisch, davor lag eine kleine Tastatur. Der Mann war schlank gebaut und hatte struppige Haare. Er trug Boxershorts und einen blauen Wollpullover. Vor ihm auf dem Tisch standen eine halb leere Whiskeyflasche und ein Glas.
Dora ging langsam auf ihn zu, als würde sie versuchen, ein verletztes Tier in die Enge zu treiben. Der Mann ließ den Kopf hängen, und als er sie bemerkte, blickte er auf und sah sie an. Seine Miene war ausdruckslos. Er hatte ein schönes Gesicht und strahlend blaue Augen.
»So, so«, murmelte er, als Dora zum Fenster ging und die Arme verschränkte. Plötzlich überkam sie Müdigkeit, und sie hatte keine Ahnung, was sie überhaupt zu dem Mann sagen sollte. Sie hatte verstanden, was passiert war. Plötzlicher Kindstod war selten, aber hin und wieder kam er vor. Niemandes Schuld. Nur ein trauriger Preis, den man dafür bezahlte, ein Kind in die Welt gesetzt zu haben.
»Er hat einfach aufgehört zu atmen«, sagte der Mann und schaukelte im Sitzen vor und zurück. Dann griff er unter seinen Pullover, zog eine Pistole hervor und legte sich den Lauf an die Lippen.
Dora erinnert sich noch, dass sie den Mann an der Schulter packte. Dann fiel der Schuss.
An den Knall erinnert sie sich nicht.
Nur an den stechenden Schmerz in ihrem Auge.
Sie erwacht vom müden Piepen des Braun-Reiseweckers. Immer wieder ist sie überrascht, wenn sie morgens die Augen öffnet. Gemessen an der hohen Dosis Schlaftabletten, die sie jeden Abend einnimmt, rechnet sie nicht wirklich damit, überhaupt aufzuwachen. Und doch tut sie es. Mit trockenem Mund, einem Stechen im Auge und Kopfschmerzen, die an der Stirn beginnen und sich bis tief in den Schädel fortsetzen.
Sie ist allein im Bett. Im Augenblick ist sie nicht sicher, wie sie und Jafet gerade zueinander stehen. Sie meint, sich an einen Streit am Vorabend zu erinnern. Und an das erdrückende Schweigen, das immer darauf folgt. Vielleicht ist er gegangen, nachdem sie schon geschlafen hat.
Es ist kurz vor sieben. Das sagt Dora, dass er woanders übernachtet hat, denn er steht selten vor Mittag auf. Eine andere Frau oder einen anderen Mann gibt es nicht. So ist Jafet nicht. Wahrscheinlich hat er bei einem Freund auf dem Sofa geschlafen.
Draußen ist es immer noch stockdunkel. Bisher war es ein ziemlich harter Winter. Der Streit tut ihr leid, aber sie kann es nicht ändern, sie hat sich nicht unter Kontrolle. Ihre Beziehung stand von Anfang an auf wackeligen Beinen, doch in den letzten Monaten drehen sie sich in einer immer enger werdenden Spirale, bis es irgendwann knallt und er verschwindet. Nicht für lange, meist nur über Nacht. So gehen sie mit Konflikten um, es wird geweint und gevögelt, sie versprechen sich, verständnisvoller und offener zu sein, und dann geht der Alltag weiter. Bis wieder einer von ihnen an die Decke geht. Doch in Wahrheit ist es ihre Schuld, Dora weiß das. Sie kann es nicht kontrollieren, aber Jafet geht ihr auf die Nerven. Was genau es ist, kann sie nicht sagen. Es ist alles und nichts Bestimmtes zugleich. Sie stochert und stochert, bis alles explodiert. Vielleicht nur, um ein bisschen Ruhe zu bekommen.
Auf dem Tisch liegt kein Handy. Kein iPad, keine Smartwatch und auch kein Laptop, um Nachrichten zu checken. Sie lässt solche Geräte nicht in der Wohnung herumliegen. Das Handy und den Laptop bewahrt sie in einer Faradaybox auf, die sie online bestellt hat. Sie steht im Vorraum und soll neunzig Prozent der elektromagnetischen Strahlung filtern. Dora hat auch kein WLAN, deshalb benutzt sie diesen uralten Wecker. Wenn die Batterie fast leer ist, klingt der Piepton etwas weicher, nicht ganz so schrill, so kommt es ihr jedenfalls vor.
Sie kriecht aus dem Bett und schlüpft in einen Bademantel. Die Wohnung besteht nur aus einem einzigen Zimmer, und ein japanischer Raumteiler schirmt das Bett ab. Früher wurden hier Kugellager und andere Ersatzteile aufbewahrt. Im Flur gibt es eine kleine Toilette und eine Dusche. An der Wand steht eine Badewanne und in der Mitte des Raums eine Kochinsel mit Gasplatten. Die Badewanne benutzen sie fast nie, momentan ist sie voller Bücher. Die Wohnung liegt im ersten Stock, über einer Tischlerei in dem Industrieviertel am Stadtrand. Um zur Wohnung zu gelangen, muss man erst durch die Werkstatt im Erdgeschoss, die ein alter Mann namens Rúrik betreibt. Er kommt immer um sieben Uhr morgens und geht um fünf. Vor kurzem ist er achtzig geworden; er restauriert Möbel, wenn er nicht gerade Lack herstellt, nach eigenem Rezept, den er an Leute verkauft, die alte Häuser renovieren. Rúrik ist Doras Großonkel. Ihm gehört das Gebäude, und er liebt Dora wie eine eigene Tochter, auch wenn sie nicht weiß, womit sie das verdient hat.
Sie presst Kaffee in die Mokkakanne und schraubt sie zu. Ihre Hände zittern leicht. In ihrem Zustand dauert es manchmal ein wenig, bis das Bild der Umgebung scharf wird. Aber die Gasplatte anmachen und eine Tasse holen kann sie auch, ohne deutlich zu sehen. Sie öffnet eine Schublade der Kochinsel, in der sie ihre Medikamente aufbewahrt. Gleich nach dem Aufwachen nimmt sie Schmerzmittel. Halb blind schraubt sie das Medikamentenglas auf, kippt den Inhalt in die Hand und zählt wie eine Süchtige eine Pille nach der anderen zurück ins Glas. Zwei Tabletten behält sie und zerkaut sie gründlich, bevor sie den Brei schluckt. Kurz darauf beginnt der Kaffee, in die Kanne zu fließen. Sie füllt ihn in eine Tasse und dreht die Gasplatte ab. Mit dem brennend heißen Kaffee löst sie die letzten Reste der Pillen ganz hinten im Mund und im Rachen.
Dann geht sie zu dem Tisch, auf dem ihr Plattenspieler, ein Verstärker und das Mischpult stehen. Sie muss nichts sehen, um die Geräte einzuschalten und die Nadel auf das Vinyl zu setzen. In den letzten Wochen hat sie vor allem das neueste Album von Arca gehört. Sie hat eine spezielle Version des Technics SL-1200-Plattenspielers, eine Sonderausgabe in limitierter Auflage zum 50-jährigen Jubiläum des Modells. Er ist mattschwarz, und sie hat ein Vermögen dafür ausgegeben. Aber er war jede Krone wert. Unter dem Tisch bewahrt sie ihre Plattensammlung auf, die mit jedem Jahr größer wird.
Dora trinkt den Kaffee aus und hat das Gefühl, dass die Kopfschmerzen nachlassen. Ihr rechtes Auge brennt zwar, aber damit hat sie gelernt zu leben. Der Schmerz geht nie ganz weg. Je nach Tagesform ist er mal stärker, mal schwächer. Eigentlich ist er wie ein Phantomschmerz, den Menschen verspüren, die Gliedmaßen verloren haben. Nach dem Unfall bekam sie erst eine Augenklappe, die bedeckte, was von dem alten Auge übrig war. Als die Ärzte noch dachten, sie könnten es retten. Dann bekam sie das Glasauge. Trotzdem ging der Schmerz nicht weg. Sie vergisst ihn nur, wenn es ihr gelingt einzuschlafen.
Sie zieht sich an und schlüpft in ihre Schuhe, wirft eine dicke Winterjacke über und öffnet mit einem Schlüssel die Faradaybox. Sie packt den schmalen Laptop in ihren Rucksack und wirft einen Blick auf das Display des Handys. Jede Menge Nachrichten von Jafet, sie klingen alle ähnlich: Verzeih mir – rede mit mir – wir schaffen das. Sie mag sich nicht damit auseinandersetzen, nicht jetzt. Irgendwann muss der Teufelskreis enden.
Sie geht die Treppe hinunter in die Werkstatt, wo es nach Holz, Schmieröl und Kaffee riecht. Rúrik sitzt in seinem Büro und sortiert Rechnungen und Quittungen.
Ihr fällt auf, dass seine Hände zittern. Vermutlich erste Anzeichen von Parkinson. Rúrik zeigt auch Symptome von Stress und Angstzuständen, die in ihren Augen ein deutliches Zeichen für Dopaminmangel sind. Er ist so vertieft in seine Arbeit, dass sie beschließt, ihn nicht zu stören, und stattdessen wortlos die Werkstatt durchquert und durch die halb offene Tür verlässt.
Draußen steht ihr weißer Volvo, der etwa so alt ist wie sie selbst. Er wäre schon längst zu einem kleinen Würfel zusammengepresst worden, wenn Rúrik sich nicht darum kümmern würde, ihn in einem fahrbaren Zustand zu halten, ungebeten wohlgemerkt.
Dora setzt sich ins Auto und startet den Motor. Als sie aufblickt, sieht sie Rúrik, der in der Tür zur Werkstatt steht und ihr zunickt. An seinen Lippenbewegungen erkennt sie, was er sagt: Der Mensch ist eine Maschine. Damit ist sie gemeint. Sie nickt mit einem halben Lächeln zurück und fährt los.
Die Straße ist voller Autos in den unterschiedlichsten Zuständen, die wenigsten sind tatsächlich fahrtauglich. In dieser Gegend gibt es viel Kleingewerbe, hier werden Jeeps aufgerüstet, Salate abgepackt und noch viel mehr. Es knarrt in Doras Kopf. Kein Arzt hat ihr bisher erklären können, warum das passiert. Sie stellt sich vor, dass die Gehirnhälften in ihrem Schädel aneinanderreiben wie zwei kleine Eisberge oder tektonische Platten.
Als sie auf den Parkplatz hinter dem Polizeidezernat an der Hverfisgata einbiegt, bemerkt sie sofort den Trubel. Die Spezialeinheit bereitet sich auf einen Einsatz vor, zusammen mit Kollegen aus dem Streifendienst und der Kriminalpolizei, des Rauschgiftdezernats und Vertretern der Staatsanwaltschaft. Für heute ist eine Razzia geplant. Ziel ist eine osteuropäische Verbrecherbande, die in letzter Zeit vermehrt in der Stadt aktiv war.
Dora stellt den Volvo auf einen freien Parkplatz und geht ins Dezernat. Sie nickt ein paar ihrer Kollegen zu, die gerade kugelsichere Westen und Einsatzgürtel anlegen. Es herrscht eine angespannte Stimmung.
Die Razzia ist schon seit einigen Wochen in Planung. Eine durchdachte Aktion unter Geheimhaltung, bei der mehrere vermutete Geldwäschefirmen der Bande gleichzeitig durchsucht werden und auch ein paar Privathäuser der Anführer. Dora weiß nur wenig darüber, obwohl sie selbst bei der Kriminalpolizei arbeitet, aber das kümmert sie nicht. Sie ist an einer anderen Sache dran, die sie in letzter Zeit völlig vereinnahmt hat. Wie schon oft hat man ihr einen Fall übergeben, der eigentlich bereits untersucht worden ist und bei dem die Staatsanwaltschaft keinen Grund sieht, die Ermittlungen fortzusetzen.
Es geht um den Tod einer älteren Frau, den ursprünglich ihr Kollege Gunnþór untersucht hat. Lovísa, achtundsechzig Jahre, wohnhaft in der Weststadt, wurde tot in ihrem Bett aufgefunden, Todesursache Ersticken. Doch das ist nur die medizinische Erklärung, die Umstände sind ein großes Rätsel. Bei der Obduktion zeigten sich keine Auffälligkeiten, und bei ihrem letzten Hausarztbesuch kurz vor ihrem Tod war sie noch bei bester Gesundheit.
Gunnþór ist bei den Ermittlungen nicht weit gekommen. Es gab keine Zeugen, Lovísa lebte allein, und an der Leiche waren keine Hinweise auf eine Gewalttat zu erkennen. Gunnþór war mit der Planung der Razzia beschäftigt und hat deshalb Dora gebeten, den Fall abzuschließen, was nicht weiter kompliziert sein sollte. Manchmal sterben Leute einfach, und die Welt zuckt nur mit den Schultern und dreht sich weiter. Aber etwas in den Unterlagen hat sie stutzig gemacht, auf einem Bild der toten Lovísa in ihrem Schlafzimmer. Nur ein winziges Detail, es scheint niemandem aufgefallen zu sein. Außer ihr.
Sie freut sich nicht wirklich darauf, Gunnþór in den Besprechungsraum zu bitten, um die Sache noch einmal durchzugehen. Dora hat nämlich einen gewissen Ruf innerhalb der Polizei. Immer wieder fällt ihr etwas auf, was die Ermittelnden übersehen haben, und die wenigsten Polizisten mögen es, wenn man Fälle löst, die sie für unlösbar halten. Allerdings sind Kolleginnen eher dazu bereit, Fälle mit ihr zu besprechen, die ihnen über den Kopf gewachsen sind. Männliche Ermittler reagieren oft defensiver, und sie muss ihre Vermutungen gut begründen, sie dazu bekommen, ihre Sturheit und ihren Stolz abzulegen.
In Gunnþórs Fall rechnet sie mit einer ähnlichen Reaktion. Sie hat die ganze Woche lang über den Fall nachgedacht und genug recherchiert, um sich ihrer Sache sicher zu sein. Um die Todesursache geht es nicht. Die stimmt. Aber Lovísa ist nicht einfach so gestorben. Dora hat etwas bemerkt, das den Fall in einem neuen Licht erscheinen lässt.
Sie geht in das Großraumbüro der Abteilung, wo die gleiche Spannung in der Luft liegt wie unten auf dem Parkplatz. Eine Gruppe Kollegen kommt ihr entgegen, mit Einsatzgürteln und kugelsicheren Westen. Manche haben Sorgenfalten im Gesicht. Andere lassen sich nichts anmerken, doch es ist klar, dass alle Angst vor dem haben, was bevorsteht. Sie müssen dem Monster direkt gegenübertreten. Die Bande ist berüchtigt für ihr gewalttätiges Vorgehen. In der Hinsicht hat sich das kleine Island in den letzten Jahren ziemlich verändert. Dora nickt ihren Kollegen zu, und manche erwidern den Gruß. Andere sind zu sehr in ihre eigenen Gedanken vertieft, um sie zu bemerken. Dora fällt auf, dass alle bewaffnet sind. Gunnþór bildet das Schlusslicht.
»Können wir nachher kurz sprechen?«, fragt sie ihn, und er sieht sie verwundert an.
»Ja«, sagt er und steckt seine Pistole in die Hülle. »Geht es um etwas Bestimmtes?«
»Um Lovísa«, sagt Dora.
»Wer ist das?«, fragt Gunnþór.
»Die alte Frau, die erstickt ist.«
»Ich weiß nicht, wann wir hier fertig sein werden«, sagt er und blickt hinüber zu den Kollegen, die mit ernsten Blicken vor den Aufzügen stehen.
»Morgen geht sonst auch«, sagt sie, und Gunnþór nickt wie ein Schuljunge, der weiß, dass er eine schlechte Note bekommen hat. Dann eilt er seinen Kollegen hinterher.
Dora seufzt und geht in die kleine Kaffeeküche. Dort sieht es aus, als hätte ein Blitz eingeschlagen. Leere Tassen und Colaflaschen stehen herum und Verpackungen von Proteinriegeln, Sandwiches und Fertiggerichten. Die Kollegen haben die ganze Nacht hindurch die Razzia vorbereitet. Sie versucht, nicht zu viel über die Strahlung nachzudenken, die von der Mikrowelle ausgeht.
Sie öffnet die Spülmaschine, und zu ihrer großen Verwunderung ist sie voll mit sauberem Geschirr. Sie stellt eine Tasse unter den Vollautomaten und drückt einen Knopf. Auf dem Bildschirm erscheint eine Nachricht, dass der Kaffeesatz entsorgt und Wasser und Bohnen nachgefüllt werden müssen.
Aus dem Schrank über der Kaffeemaschine holt sie eine Packung Bohnen hervor. Da sieht sie im Augenwinkel ihren früheren Streifenpartner Elliði, der jetzt die Abteilung leitet, nachdem sein Vorgänger ein Burn-out hatte. Elliði sieht müde und blass aus. Er begrüßt sie mit einem Nicken und lächelt schal. Dann geht er weg. Genauer gesagt, geht er ihr aus dem Weg. So ist ihr Verhältnis mittlerweile.
Eigentlich sollte Dora ihre Kollegen bei der Razzia begleiten, doch das kommt nicht in Frage. Seit ihrem Wechsel zur Kriminalpolizei achtet Elliði penibel darauf, dass sie so selten wie möglich das Büro verlässt. Die vielen Krankschreibungen, die sie regelmäßig einreicht, bestätigen ihn in dem Beschluss. Seit sie damals zu dem Einsatz in der Villa gerufen wurden, hat sie keinen Tatort mehr gesehen. Elliði gibt sich selbst die Schuld für das, was dort passiert ist: Er hätte den Familienvater genauer prüfen müssen, seine Fehleinschätzung kam Dora teuer zu stehen. Sie sieht das völlig anders, aber Elliði lässt nicht mit sich diskutieren. Er ist der Chef, und in der Abteilung gelten seine Regeln. Für gewöhnlich redet Elliði nicht über diesen Einsatz. Außer, wenn er betrunken ist. Dann bekommt Dora Anrufe von ihm, in denen er losredet oder einfach nur weint, je nachdem, wie viel er schon getrunken hat. Im Dezernat jedoch vermeidet er direkten Augenkontakt mit ihr. Bleibt meist in seinem Büro, das mit Glaswänden abgetrennt am Ende des Flurs liegt. Kollegen, die Elliði auf Doras Aufgaben innerhalb der Abteilung ansprechen, machen diesen Fehler kein zweites Mal. Er ist ein Chef, mit dem man es sich nicht verscherzen will. Er kann knallhart sein, hat einen scharfen Verstand. Ein guter Polizist.
Als Dora endlich die Maschine zum Laufen gebracht hat und ein schmaler brauner Kaffeestrahl in ihre Tasse rinnt, klopft ihr jemand auf die Schulter. Sie dreht sich um, und vor ihr steht Gunnar, der diensthabende Schichtleiter.
»Du musst für mich einen Einsatz übernehmen«, sagt er und gähnt.
»Aber ich …«, sagt Dora zögerlich.
»Kein Aber. Es ist sonst keiner da.«
Rado betritt seine Dreizimmerwohnung im Urriðaholt-Viertel. Vorsichtig schließt er die Tür und zieht sich Schuhe und Jacke aus. Es ist sieben Uhr morgens.
Seit ein paar Wochen muss er im Rauschgiftdezernat aushelfen. Dort ist man gerade hinter einem gewissen Þormóður Óli her, einem Anwalt, der Strippenzieher von umfassendem Kokainschmuggel sein soll. Leider haben sie kaum etwas gegen ihn in der Hand. Sie haben lediglich eine Informantin, eine Kurierin, die in anderer Sache festgenommen wurde, ein glücklicher Zufall; die Frau kennt Þormóður und sagt, eine große Sendung sei auf dem Weg.
Rado folgt dem Anwalt jeden Morgen von dessen Einfamilienhaus in Kópavogur, wo er allein lebt, zur Kanzlei in Borgartún. Mittags geht Þormóður meist ins Fitnessstudio oder zum Essen in die Innenstadt. Manchmal muss er auch zum Amtsgericht, und dann meist, um irgendwelche guten Bekannten der Polizei zu verteidigen, die ihn auch regelmäßig in der Kanzlei besuchen.
Am schlimmsten sind die Wochenenden. Dann lässt sich Þormóður volllaufen und schmeißt fette Partys in seinem Haus. Das Rauschgiftdezernat achtet darauf, dass uniformierte Polizisten den Lärmbeschwerden der Nachbarn nachgehen. Zweimal kam es vor, dass er zwei Kinder abgeholt hat, um die sechs und acht Jahre alt, ein Junge und ein Mädchen, und mit ihnen ins Kino und in den Streichelzoo in Laugardalur gegangen ist. Er ist geschieden, die Kinder leben bei ihrer Mutter in der Weststadt. Der Anwalt hat ein paar Freundinnen, die er regelmäßig besucht. Die meisten sind irgendwann schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten, kleinere Delikte, Drogen. Die Polizei geht davon aus, dass er sie für den Sex bezahlt. Manchmal verbringt er die Nacht auch bei einer jungen Frau mit einem einjährigen Kind.
So auch gestern, als Rado Nachtdienst hatte. Zu Beginn der Schicht wurde ihm einfach nur gesagt, dass dies vorerst seine letzte sein würde. Die Beschattung kam ihm von Anfang an seltsam vor. Wochenlang hat er Þormóður Óli gewissenhaft aufgelauert, war dabei aber immer allein. Er hat Protokolle eingereicht, aber um einen Bericht wurde er nicht gebeten. Er hat keine Ahnung, ob die Abteilung einen Gerichtsbeschluss hat, der ihnen erlaubt, Þormóðurs Telefon abzuhören. Wenn, dann hat Rado jedenfalls noch keine Aufnahmen zu hören bekommen.
Er schleicht in das Zimmer von Jurek, seinem dreijährigen Sohn, der seit kurzem darum bittet, allein in seinem eigenen Bett zu schlafen. Das Bett hat die Form eines Rennwagens, was dabei eine wesentliche Rolle spielt. Auf dem Tisch neben dem Bett brennt ein Nachtlicht, das aussieht wie ein kleines Ungeheuer aus Plastik. Jurek schläft noch friedlich.
Leise geht Rado weiter ins Schlafzimmer, wo seine Frau Ewa ebenfalls schläft. Vorsichtig zieht er sich aus und schlüpft unter die Decke. Er hat seit vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, aber müde ist er trotzdem nicht. In seiner Brust macht sich Unbehagen breit. Es fühlt sich irgendwie schwer an. Als hätte er etwas Wichtiges vergessen. Wie wenn man das Haus verlässt und sich nicht erinnert, ob man alle Kerzen oder das Bügeleisen ausgemacht hat. Er versucht, die Augen zu schließen und sich auf seinen Atem zu konzentrieren. Aber es bringt nichts.
Er kriecht wieder aus dem Bett, zieht sich an und geht in die Küche. Für eine Weile steht er vor dem Fenster mit der Aussicht auf einen Einkaufspark. Costco, IKEA und der Toyota-Händler. Er schaltet die Kaffeemaschine ein, doch plötzlich hört er ein leises Rascheln im Wohnzimmer und geht zögernd hinüber. Dort steht Jurek in seinem Pyjama und hält die Fernbedienung des riesigen Flachbildfernsehers in der Hand, den Rados Schwiegervater ihnen neulich geschenkt hat, indem er ihn einfach ungefragt aufgehängt und angeschlossen hat.
»Wir werden jetzt nicht fernsehen, mein Junge«, sagt Rado liebevoll, und Jurek erschrickt ein wenig.
»Okay, Papa«, sagt er. Er legt die Fernbedienung wieder auf den kleinen Glastisch und dreht sich um. Rado beobachtet ihn. Oft staunt er darüber, wie ruhig und ausgeglichen der Junge ist. Im Gegensatz zu den anderen Kindern in seinem Kindergarten bekommt er nie Trotzanfälle. Jurek wirkt wie eine alte Seele. Rado prahlt nicht damit, aber sein Sohn war von Geburt an ruhig und besonnen. Von seiner Mutter hat er das nicht, sie ist hitzig und kann ganz schön launisch sein. Bei Rado ist das nicht viel anders. Vielleicht ergeben minus und minus in dem Fall plus.
Rado hebt Jurek hoch und setzt ihn in der Küche auf seinen Stuhl. Er holt Cerealien und Hafermilch für ihn hervor. Als die Kaffeemaschine schnaubt, schenkt er sich eine Tasse ein. Er macht schon lange keinen Kaffee für Ewa mehr, sie würde ihn ohnehin nicht trinken. Neben seiner kleinen Filtermaschine steht ein italienisches Edelstahlmonster, das er sich nicht traut, auch nur anzufassen. Es ist trotzdem nur eine Miniatur im Vergleich zu der Maschine hinter dem Tresen in Ewas Café im Smárar-Viertel.
Rado setzt sich Jurek gegenüber an den Küchentisch und trinkt seinen Kaffee. Das Koffein scheint das Unwohlsein in seiner Brust nur weiter anzukurbeln. Vielleicht liegt es auch einfach an der Übermüdung. Und manchmal, vor allem, wenn er müde ist, beschleicht ihn noch ein ganz anderes Gefühl: dass er hier nicht wirklich zu Hause ist. Dass dieses Zuhause nicht seins ist und auch nicht die Frau und der Junge, der ihm gegenübersitzt und mit einem Löffel Cornflakes aus der Milch fischt. Das Gefühl, dass er einfach nicht dazugehört. Das hat nichts mit Liebe oder Treue zu tun. Er liebt seine Frau und seinen Sohn über alles. Mit Ewa ist es nicht immer leicht, aber er könnte sich kein anderes Leben vorstellen. Und trotzdem verspürt er dieses Zaudern. Das ist sein großes Geheimnis. Manchmal, wenn der Junge ihn ansieht, wartet er nur darauf, dass er es anspricht. Dass er einfach sagt: »Schon gut, Papa. Du kannst gehen.« Rado hat immer wieder den gleichen Albtraum. Er beginnt damit, dass Jurek ihm erlaubt zu gehen. Dann nickt Rado nur, zieht sich Schuhe und Jacke an und öffnet die Tür nach draußen. In dem Moment, in dem er den Flur betritt, wacht er immer auf. Als würde sein Bewusstsein nicht weiter reichen. Als gäbe es jenseits des Treppenhauses nichts als gähnende Leere.
Er hört, dass Ewa ins Bad geht und die Dusche anmacht. Sofort schaltet er die italienische Kaffeemaschine ein, damit sie warm ist, wenn Ewa fertig geduscht hat. Die schweren Gedanken versucht er, erst einmal beiseitezuschieben.
Er sieht Jurek an, der sein Frühstück aufgegessen hat, und fragt, ob sie sich nicht anziehen und zum Kindergarten gehen sollten. Jurek nickt, aber verzieht keine Miene. Rado steht auf und geht mit ihm zur Tür, vorbei am Badezimmer, wo er Ewa unter der Dusche singen hört. Ein Anzeichen, dass sie einigermaßen gut gelaunt ist. Ihre Beziehung ist schon immer instabil gewesen, aber seit Jureks Geburt herrscht zwischen ihnen eine Art Waffenstillstand. Rado ist ein guter Vater. Das bestätigen ihm seine Verwandten und Bekannten immer wieder. Aber er muss sich dafür nicht anstrengen, es geschah ganz natürlich. Als er seinem Sohn zum ersten Mal in die Augen sah, fiel der ganze Stress, der zu seinem Beruf dazugehört, einfach von ihm ab, so klischeehaft das auch klingen mag. Es ist auch nicht verwunderlich, dass er sich Ewa als Partnerin ausgesucht hat. Daran wird er erinnert, als sie aus dem Bad ins Schlafzimmer huscht, um sich anzuziehen: Sie ist einfach umwerfend. Vielleicht kommt sein Zaudern daher, dass er keine Ahnung hat, was sie eigentlich in ihm sieht. Und er vermutet, dass sie das ganz genau weiß.
Es ist kurz vor acht, als er sich in der Garderobe des Kindergartens von Jurek verabschiedet. Er gibt ihm einen Kuss auf die Stirn und geht zurück zu seinem Auto, einem alten Toyota-Jeep, den er einem Kumpel für wenig Geld abgekauft hat. Eine ziemliche Spritschleuder, aber zuverlässig und unkaputtbar. Ewa fährt einen Tesla, den sie von ihrem Vater bekommen hat.
Ewa wusste, dass sie Rado besser nicht fragt, woran er gerade arbeitet. Er hätte doch nur gesagt, dass er gerade ein Projekt abschließe und nicht genau wisse, was danach kommt. Er hat noch ein paar Urlaubstage und hat sich vorgenommen, die Garage aufzuräumen, um zu prüfen, ob sie dort nicht eine Ladestation für den Tesla einrichten können. Darum bittet ihn Ewa schon lange. Außerdem soll er Jurek am Nachmittag vom Kindergarten abholen.
Ewa wollte erst zu Hause Rechnungen prüfen, die Bestellungen erledigen und gegen Mittag ins Café gehen. Rado hat ihr gesagt, er würde noch kurz auf der Polizeistation vorbeifahren, um ein paar Berichte fertig zu schreiben – eine Lüge. Dieses ungute Gefühl in seiner Brust geht einfach nicht weg, es ist sogar noch stärker geworden. Schlafen könnte er ohnehin nicht, also will er sich kurz im Dezernat an der Hverfisgata blicken lassen. Mit den Kollegen plaudern, die er während seiner Zeit beim Rauschgiftdezernat wochenlang nicht gesehen hat. Vielleicht hat Elliði ja etwas für ihn zu tun.
Ein weißer Volvo schneidet ihn, als er auf den Parkplatz hinter dem Hauptdezernat einbiegt. Rado flucht leise und schüttelt den Kopf. Er kennt die Fahrerin. Das ist diese komische Kollegin aus der Kriminalabteilung, die Ermittlerin ist und doch wieder nicht. Eine Art Aktenschubserin. Rado weiß es nicht genau, aber er würde auch nie nachfragen. Irgendwie hat sie Elliði in der Hand. Vielleicht schlafen sie miteinander. Lange dachte Rado, sie wäre seine persönliche Assistentin, was sie in gewisser Hinsicht ja auch ist. Sie ist verdammt schlau, aber auch verrückt. Einmal hat sie ihn an der Kaffeemaschine in die Ecke gedrängt und einen Bericht auseinandergenommen, den er zu einem seiner Fälle geschrieben hatte. Vor allem sprachlich hatte sie viel auszusetzen. Sie redete von erbärmlichem Satzbau und zwanghaftem Dativgebrauch, was ihrer Ansicht nach die Genauigkeit des Textes untergrub. Am Ende bot sie an, ihm bei den Korrekturen zu helfen. Er willigte ein, ohne lange zu diskutieren.
Als er hinter dem weißen Volvo endlich auf den Parkplatz fährt, bleibt ihm fast die Luft weg. Alle sind dort versammelt. Wirklich alle. Das Rauschgiftdezernat, die Spezialeinheit und zusätzliche Verstärkung. Alle seine Kollegen und ein Großteil der Streifenpolizisten aus dem gesamten Hauptstadtgebiet. Alle hat man gerufen, nur ihn nicht. Das kann nur eins bedeuten.
Rado parkt sein Auto ein wenig abseits und holt tief Luft, sein Herz schlägt schneller. Mit langsamen Schritten geht er auf die Gruppe zu, die sich gerade bereit macht. Kugelsichere Westen, Elektroschocker, Pistolen. Unter ihnen sind auch Kollegen, die für Wirtschaftsdelikte zuständig sind. Sævar, der Leiter der Spezialeinheit, grinst breit und nickt ihm mit seinem kahl geschorenen Kopf zu. Sie sind keine besonders guten Freunde, das wissen alle, die es interessiert. Aber sein ehemaliger Kommilitone aus der Polizeiakademie ist nun einmal ein richtiges Arschloch.
Endlich sieht er Elliði, der den Mund öffnet, als er ihn bemerkt, und dann seufzt. Das unbehagliche Gefühl überrollt Rado wie ein Tsunami, ihm wird richtig schwindelig. Fast verliert er das Gleichgewicht, doch er kann sich nirgendwo festhalten. Er ist allein auf offener See. Mitten in seiner eigenen Wüste.
»Dann weißt du es jetzt«, sagt Elliði freudlos.
»Waren der Einsatz beim Rauschgiftdezernat und dieses Beschatten also nur …«, Rado findet nicht die richtigen Worte.
»Wir nehmen Jurek fest«, sagt Elliði. »Die ganze Bande. Ich musste dich da raushalten.«
Rado nickt. Am liebsten würde er Elliði korrigieren, der Polizeiaufmarsch gilt nicht seinem Sohn, sondern Jurek senior. Aber er sagt nichts. Was sollte er auch sagen, Elliði sitzt am längeren Hebel. An seiner Stelle hätte er genau dasselbe getan, wenn einer seiner Mitarbeiter mit der Tochter des Anführers einer Verbrecherbande liiert wäre, dem schon viel zu lange freie Hand gelassen wurde. Vor allem, nachdem die Justizministerin der Wählerschaft versprochen hat, die organisierte Kriminalität mit aller Härte zu bekämpfen.
»Rado?« Elliði legt die Hand auf seine Schulter. »Mach keinen Unsinn. Dein Handy wird getrackt.«
»Werde ich nicht«, sagt er und dreht sich zu seinen Kollegen um, die seinem Blick ausweichen. »Aber nehmt euch in Acht.«
Es kommt ihm vor, als würde er sich blind zum Hintereingang vortasten. Endlich angekommen, ruft er den Aufzug, fährt direkt zur menschenleeren Cafeteria hoch und setzt sich an einen Tisch in der hintersten Ecke.
Er greift nach seinem Handy in der Hosentasche. Es fühlt sich glühend heiß an, als würde es ein Loch in den Stoff und die Haut brennen. Fuck, fuck, fuck. Er muss Ewa anrufen. Er muss … was? Was kann er tun? Sein Handy wird getrackt. Wenn er innerhalb der nächsten Stunde jemanden anruft, landet er am Ende noch selbst hinter Gittern. In seinen Ohren klingt ein Rauschen. Die Augen wandern unablässig durch den Raum. Er spürt einen stechenden Schmerz in der Brust. Das ist kein Herzinfarkt. In diesem Moment ist es wahrscheinlicher, dass die Scham ihn umbringt.
»So schwierig wird es schon nicht sein«, sagt Gunnar, der Schichtleiter, und zuckt mit den Schultern. Natürlich weiß man nie, was einen bei so einem Einsatz erwartet, aber meist sind es doch nur Stürme in Wassergläsern. Plural. Weil es so viele sind. In der heutigen Servicegesellschaft rufen die Leute wegen der unnötigsten Kleinigkeiten an: unhöfliche Pizzaboten, Personal, das kein Isländisch spricht, besoffene Nachbarn und manchmal auch einfach nur, um sich irgendwohin kutschieren zu lassen.
Bei dem Einsatz, mit dem Gunnar Dora betrauen will, weil außer ihr schlichtweg niemand Zeit hat, geht es um eine vermisste Person im Thingvellir-Nationalpark. Dora schnappt nach Luft. Es hat seinen Grund, dass sie sich seit Jahren hinter dem Schreibtisch versteckt. Der fahrlässige Todesschuss, wenn man es überhaupt so nennen kann, hat viele Nachwirkungen. Nach der Operation, bei der die Ärzte die Kugelsplitter aus ihrem Auge und Gehirn entfernten, war sie in ein künstliches Koma versetzt worden, und seit sie daraus aufgewacht ist, spürt sie die Folgen. Doch der Schmerz, den sie regelmäßig mit Tabletten betäubt, ist komplex. Das Trauma ist nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, existenziell sogar, um es dramatisch auszudrücken. Es ist ein Cocktail aus verschiedenen Symptomen, von posttraumatischer Belastungsstörung bis hin zu Depressionen, Hypersensibilität und obsessivem Verhalten. Die Ärzte meinen, ihre Gehirnrinde sei verletzt worden, was möglicherweise Einfluss auf die Gehirnfunktion hat. Die Veränderungen seien nicht zwangsläufig negativ – auch wenn das meist der Fall ist –, und sie könne durchaus ein normales Leben führen – was ihr sehr schwerfällt.
In den ersten Monaten merkte sie wenig. Weder ihr noch anderen in ihrem Umfeld fiel etwas auf. Dora war zwar insgesamt langsamer als zuvor, aber viele dachten, sie selbst mit inbegriffen, das liege an den Schmerzmitteln. Doch die Folgen waren viel tiefgreifender. Es war, als hätte sich eine schwere Last auf sie gelegt. Als hätte sie mit einem Mal die Ernsthaftigkeit des Lebens erkannt. Man begreift solche Situationen ja oft erst mit etwas Abstand. Irgendwann fühlt es sich an, als hätte jemand einen Schleier weggezogen: Sie nimmt alles intensiver wahr, empfindet mehr Mitgefühl. Und dann manchmal auch wieder gar keines, je nach Tagesform. Manchmal kann sie nicht aufhören zu weinen, und an anderen Tagen ist sie eiskalt, nichts berührt sie. Am schlimmsten sind die manischen Anfälle. Die bekommt sie nur selten, aber sie machen ihr mehr Angst als alles andere. Dann wird sie wie besessen. Die Veränderung ihrer Gehirnfunktion nach dem Schuss ist viel einschneidender, als die Ärzte erwartet hatten. Als sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, nahm sie sich vor, wieder ganz gesund zu werden. Abgesehen von den Schmerzen erzählte sie niemandem von den Nebenwirkungen. Sie wollte unbedingt wieder arbeiten und wusste, wenn sie alles über ihren Zustand offenlegte, würde sie als geistig unzulänglich eingestuft werden. Als psychisch krank. Und das war ein Stempel, den sie nicht bekommen wollte. Auch wenn psychische Erkrankungen in der Gesellschaft kein Tabu mehr sind, gilt das nicht innerhalb der Polizei. Niemand will mit jemandem zusammenarbeiten, der nicht bei klarem Verstand ist. Es ist schon für Menschen in guter mentaler Verfassung schwer genug, in den unzähligen verrückten Situationen des Arbeitsalltags einen kühlen Kopf zu bewahren.
Das erste Anzeichen auf eine krasse Veränderung nach dem künstlichen Koma war, dass sich ihr Musikgeschmack gewandelt hatte. Davor hatte sie sich nicht sonderlich für Musik interessiert. Natürlich hatte sie als Jugendliche ein paar Popstars verehrt, aber im Laufe der Jahre keine speziellen Vorlieben entwickelt. Sie hörte nur das, was gerade im Radio lief. Ein paar Monate nach dem Koma saß sie im Warteraum einer Zahnarztpraxis und entdeckte durch Zufall den Grundstein der westlichen Musik: Ihr Zahnarzt spielte gerne Klassik, und sie war völlig verzaubert. Darauf folgte ihre erste manische Phase, in der sie voll und ganz in die Welt der E-Musik eintauchte und wochenlang kaum schlief.
»Vermisste Person ist wahrscheinlich übertrieben«, sagt Schichtleiter Gunnar nun, als er Doras bleiches Gesicht sieht. »Eine Gruppe aus der Hagaskóli war auf Klassenfahrt im Nationalpark, und als im Bus gezählt wurde, fehlte jemand.«
»Du willst, dass ich nach Thingvellir fahre?«
»Ich habe mit den zuständigen Lehrern gesprochen. Sie sind ganz entspannt. Anscheinend passiert das nicht zum ersten Mal. Das Kind lässt sich ›verschwinden‹, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Du musst nur hinfahren und die Lage beurteilen. Vielleicht klärt sich der Fall von selbst.« Gunnar sieht sie bittend an und reicht ihr einen Autoschlüssel. »Du kannst den Jeep nehmen, der draußen steht. Den können wir bei der Razzia ohnehin nicht gebrauchen, er würde zu viel Aufmerksamkeit erregen.«
Eine Viertelstunde später fährt Dora in einem nagelneuen Toyota Land Cruiser stadtauswärts Richtung Thingvellir. Ihr Handy vibriert, und sie nimmt den Blick kurz von der Straße und schielt aufs Display. Gunnar hat ihr die Namen und Nummern der Lehrer geschickt. Es kommt ihr vor, als würde sie etwas Verbotenes tun. Was irgendwie auch der Fall ist, denn Elliði hätte es nie erlaubt. Aber er ist anderweitig beschäftigt.
Der Land Cruiser fährt sich ganz anders als der alte Volvo. Aus Gewohnheit hält sie sich an die Geschwindigkeitsbeschränkung, obwohl sie mit dem Polizeiauto natürlich niemand anhalten würde. Sie greift nach der Tablettenschachtel in der Outdoorjacke. Sie ist an ihrem Platz, aber momentan hat sie keine Schmerzen. Der Bordcomputer im Auto verbindet sich unaufgefordert mit dem Handy, und auf dem Bildschirm sieht sie, dass Jafet anruft. Neben seinem Namen leuchten zwei Symbole eines Hörers auf, einer grün und der andere rot. Sie entscheidet sich für den roten und steigt etwas fester aufs Gaspedal.
Als sie beim Besucherzentrum des Thingvellir-Nationalparks ankommt, hat Jafet bereits viermal angerufen und eine Nachricht geschickt: Melde dich bei mir. Aber sie hat jetzt keine Ruhe, um sich mit ihm auseinanderzusetzen. Sie steigt aus dem Jeep, der sofort die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich gezogen hat. Auf dem Parkplatz stehen zwei Reisebusse. Ein kurzer Blick auf die Passagiere reicht, um festzustellen, für welchen der beiden sie hier ist. Einer ist voller alter Leute. So alt sogar, dass Dora nicht sicher ist, ob sie überhaupt noch zu Fuß unterwegs sein sollten, und erst recht nicht im Nationalpark, der auf zwei auseinanderdriftenden tektonischen Platten liegt und voller Spalten und Risse im Boden ist. Ein schlanker Mann um die vierzig steigt aus dem anderen Bus und läuft auf sie zu. Er trägt einen Islandpulli, eine Outdoorhose und moderne Wanderschuhe. In der Hand hält er eine kleine Mappe und ein Handy. Er ist blond und sieht gut aus, macht einen irgendwie ehrlichen Eindruck.
»Ich bin Marteinn«, sagt er und reicht ihr die Hand. Dora schüttelt sie zur Begrüßung. Er riecht unglaublich gut. Sie muss sich zusammenreißen, ihm das nicht zu sagen. Das ist vor allem dem Gehirnschaden zuzuschreiben, manchmal verspürt sie so einen Drang. Wahrscheinlich eine Art Tick, irgendein Filter in ihrem Kopf, der nicht mehr funktioniert.
»Ich bin Dora«, sagt sie und mustert ihn. »Ich bin wegen einer vermissten Person hier. Von der Polizei«, fügte sie hinzu.
»Ja, das dachte ich mir. Wir vermuten, dass Morgan einfach per Anhalter zurück nach Reykjavík gefahren ist. Das Handy scheint ausgeschaltet zu sein«, sagt Marteinn.
»Morgan?«, fragt Dora. »Heißt er so?«
»Nein«, sagt Marteinn. »Und Morgan ist weder er noch sie. Wir sollen jetzt Morgan sagen.«
»Morgan ist also ein Spitzname?«
»Nein. Kein Spitzname. So will Morgan jetzt genannt werden. Wir müssen den Kindern da entgegenkommen, sie haben immer wieder solche Selbstfindungsphasen«, sagte Marteinn. »Letzte Woche sollten wir Ken sagen.«
»Aha. Für die Fahndung brauchen wir den richtigen Namen von … Morgan?« Dora geht einen Schritt auf Marteinn zu und atmet möglichst unauffällig seinen Geruch ein. Der Drang, ihm zu sagen, wie gut er riecht, ist noch stärker geworden. Sie fühlt sich regelrecht gezwungen, es zu tun.
»Guðbjörg«, sagt Marteinn.
»Was?« Dora spürt, dass sich der Satz bereits auf ihren Lippen formt. Wenn sie jetzt nichts tut, wird sie es aussprechen. Wie gut er riecht. Verdammt. »Morgan ist also ein Mädchen?«, fragt sie und hält sich die Hand vor den Mund.
»Nein, Morgan identifiziert sich als non-binär, also weder als Junge noch als Mädchen«, erklärt Marteinn.
»Aha. Wissen Sie was, Marteinn«, sagt Dora. »Ich gehe jetzt mal ins Besucherzentrum aufs Klo, dann komme ich wieder, und wir besprechen das.« Sie geht, und Marteinn bleibt verdutzt zurück.
Sie ist stolz auf sich. Sie hat es geschafft, ihn nicht auf seinen Geruch anzusprechen. Jetzt ist der Drang vergangen. Das ganze Genderzeug hat sie ohnehin abgeturnt.
Vor den Toiletten im Besucherzentrum steht eine lange Schlange von Touristen. Dora hört mindestens vier verschiedene Sprachen, Französisch, Deutsch, Spanisch und Flämisch. Zwei davon spricht sie fließend, und die anderen beiden könnte sie an einem Wochenende erlernen, zumindest in Grundzügen. Nicht, weil sie so schlau ist, auch das ist eine Nachwirkung des Schusses. Sie erinnert sich an alles, was sie hört und sieht, ihr Gehirn ist wie ein Schwamm. Sie setzt sich auf die Toilette und weint ein bisschen. Ohne besonderen Grund. Es ist nicht so dramatisch, dass sie ihr Schicksal beweint oder dergleichen, sie muss nur ein paar Tränen vergießen, um die innere Spannung zu lösen.
Direkt vor der Toilette streitet sich ein Paar auf Niederländisch, was sie nicht spricht. Sie lauscht genauer hin und versteht schon bald die Situation. Als würde ihr einfach ein Licht aufgehen. Der Streit dreht sich ums Kinderkriegen. Er will Kinder, sie aber nicht. Im Laufe der Islandreise ist ihm klargeworden, dass an der Scheidung kein Weg mehr vorbeiführt. Dora betätigt die Spülung und wäscht sich die Hände. Dann öffnet sie die Tür, und vor ihr steht die Frau mit verweinten Augen. Dora umarmt sie kurz und läuft dann schnell durch das Besucherzentrum.
Wieder vibriert ihr Handy. Sie sieht nach, wer es ist: weitere Nachrichten von Jafet. Aber sie muss sich jetzt darauf konzentrieren, die kleine Göre zu finden. Ein blassgrüner Bus mit einem großen Game-of-Thrones-Logo fährt auf den Parkplatz ein, als Dora das Besucherzentrum verlässt und nach Marteinn Ausschau hält. Sie geht am Bus vorbei und läuft ihm direkt in die Arme. Neben ihm steht eine Frau um die zwanzig, die gerade etwas in ihr Handy tippt.