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Alle Vögel sind schon tot – vier Hobby-Ornithologen ermitteln in ihrem ersten Fall am Chiemsee Harald, Katja, Thilo und Sabine sind Vogelbeobachter. Oder Birder, wie es in Fachkreisen heißt. Jeden Sonntag treffen sie sich in aller Herrgottsfrühe auf dem Beobachtungsturm im Grabenstätter Moos am Chiemsee, um ihrem Hobby nachzugehen und ein seltenes gefiedertes Exemplar vors Fernglas zu bekommen. So auch an diesem Sonntag, als sie das Nest eines brütenden Braunkehlchens entdecken. Nur dass sich unweit entfernt ein weniger schöner Anblick bietet. Dort liegt Frank, ebenfalls ein begeisterter Hobby-Ornithologe, tot im Gehölz. Ein tragischer Unfall, sagt die Polizei. Doch davon wollen die Vogelbeobachter nichts wissen. Nach dem längsten Gespräch ihrer bisherigen Bekanntschaft sind sie sich einig: Es war Mord. Und den müssen sie aufklären. Trotz anfänglicher Turbulenzen wachsen sie bald zu einem gar nicht mal schlechten Team zusammen und beweisen sogar ungeahnte ermittlerische Fähigkeiten. Denn sie lagen goldrichtig mit ihrer Vermutung: Der ach so harmlos wirkende Frank war ein knallharter Staatsanwalt, der sich nicht nur Freunde gemacht hatte …
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Seitenzahl: 414
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anna Täuber
Kriminalroman
Der erste Fall für die Vogelbeobachter
Harald, Katja, Thilo und Sabine haben eine gemeinsame Leidenschaft: Sie beobachten Vögel. Jeden Sonntag treffen sie sich in aller Herrgottsfrühe auf dem Beobachtungsturm im Grabenstätter Moos am Chiemsee, um nach einem seltenen Exemplar Ausschau zu halten. Doch an diesem Sonntag bietet sich ihnen ein schrecklicher Anblick: Frank, ebenfalls ein begeisterter Hobby-Ornithologe, liegt tot im Gehölz. Ein tragischer Unfall, sagt die Polizei. Eiskalter Mord, sagen die Vogelbeobachter. Und fangen direkt an zu ermitteln. Ihr erster gemeinsamer Fall stellt die „Soko Neuntöter“ dabei vor so manche Herausforderung, doch bald ist klar:
Sie sind gar kein schlechtes Team (wenn sie sich zusammenraufen).
Sie lagen goldrichtig, Frank war kein unbeschriebenes Blatt.
Sie werden die Sache aufklären.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Weiß der Kuckuck wie Anna Täuber alias Dorothea Böhme und Regine Bott darauf kamen, den gefiederten Freunden eine große Rolle in ihrem Leben einzuräumen. Aber inzwischen tummeln sie sich munter an den gut ausgestatteten Futterplätzen in Regines Garten und auf Dorotheas Balkon. Dorothea hat ihr Berufsleben darüber hinaus dem Naturschutz gewidmet, und Regine streift gern mit einer Vogelbestimmungsapp durch den Wald. Da lag es nahe, eine Gruppe Hobby-Ornithologen zu den Hauptfiguren ihrer Krimireihe »Schräge Vögel« zu machen. Denn wer reglos Vögel beobachten kann, der hat auch bei der Beschattung von Verbrechern einen klaren Vorteil. Wenn sich die Autorinnen nicht gerade ein neues Abenteuer für ihre fünf »Birder« ausdenken, treten sie regelmäßig gemeinsam im Rahmen einer Lesebühne auf. Sie leben mit ihren Familien in Stuttgart und Kornwestheim.
[Die Vogelbeobachter]
Alle Vöglein sind schon da
Der frühe Vogel fängt den Wurm
Der Neuntöter
Deine Wälder hör ich rauschen und vernehme Vogellaut
Bei dir piept’s wohl
Das pfeifen die Spatzen von den Dächern
Sieh auf die Hühner und nicht auf die Nester
Weiß der Kuckuck
Auch ein blindes Huhn findet einmal ein Korn
Nach dem kräht kein Hahn mehr
Harald schießt den Vogel ab
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer
Höhenflug
Vögel, die morgens singen, holt abends die Katz
Nun sei bedankt, mein lieber Schwan
Kann es das Meer stören, wenn der Spatz hineinpisst?
Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen
Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund
Zwei Hähne auf dem Mist vertragen sich nicht
Sei eine Taube, scheiß drauf
Das Leben wäre nur halb so nett, wenn keiner einen Vogel hätt
Nachwort
Glossar
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Frank aka »Die Elster«, 34, Staatsanwalt und Mordopfer
Harald aka »Der Zaunkönig«, 73, Forensiker im Ruhestand, eigenbrötlerisch und nicht auf der Höhe der Zeit. Sehr zu seinem Leidwesen haben die Kollegen bei der Polizei ihn nie ermitteln lassen, weshalb Franks Tod für ihn durchaus aufregend ist, kann er doch seine Fähigkeiten nun voll zum Einsatz bringen. Trotz des Altersunterschieds freundet sich Harald während der gemeinsamen Ermittlungen mit Thilo an, auch wenn es nach außen manchmal nicht so scheint.
Katja, 46, Doktorin der Altphilologie, gibt ihren Mitstreitern gern Vogelnamen. Ihr Latein und ihre analytischen Fähigkeiten sind besser als ihre Sozialkompetenz, weshalb Katja Sorge hat, den Rest ihres Lebens in ihrem langweiligen Verwaltungsjob bei der VHS versauern zu müssen. Familie hat sie bisher nicht, auf ihren Love Interest, die irische Kollegin Roisin, trifft sie jedoch täglich, was sie nicht selten in emotionales Chaos stürzt. Katjas Lichtblick zu Hause ist Roberta, das Amrock-Huhn, das bei ihren Ausflügen zum Vogelbeobachten ins Grabenstätter Moos auf dem Rücksitz mitfährt.
Thilo aka »Der Stieglitz«, 21, Maschinenbau-Student und das, was die anderen Vogelbeobachter unter einem Nerd verstehen. Thilo ist verliebt in Emily, eine glühende Naturschützerin und Klimaaktivistin, traut sich aber zunächst nicht, ihr das zu sagen. Ihretwegen hat Thilo sein neues Hobby, das Vogelbeobachten oder Birding, wie er es nennt, aufgegriffen. Da er der Jüngste der Gruppe ist, wird er von den anderen immer dann vorgeschickt, wenn bei den Ermittlungen Körpereinsatz gefragt ist. Und wenn Beweisbilder gebraucht werden – fürs Fotografieren hat Thilo nämlich ein echtes Talent.
Sabine aka »Die Störchin«, 55, geschieden, pflegt ihre kranke Mutter und hat einen halbwüchsigen Sohn. Deshalb kann sie nicht anders, als auch für Thilo Muttergefühle zu entwickeln. Überhaupt kümmert sich Sabine um alles und jeden, hat stets heiße Croissants für die ganze Vogelbeobachter-Truppe dabei und geht vor allem Harald mit ihrer Fürsorglichkeit bisweilen auf die Nerven. Doch Sabines Beruf in der Telefonakquise stellt sich für die Ermittlungen der Gruppe als ein Segen heraus: Denn sie hat ein Händchen dafür, jedem noch so einsilbigen Menschen nützliche Informationen aus der Nase zu ziehen.
Von unseren gefiederten Freunden können wir viel lernen. Beispielsweise können sie, ohne ein Flugzeug zu besteigen, in der Luft schweben. Sie reagieren schneller auf Veränderungen in ihrer Umwelt. Sie leben nicht nach der Uhr, sondern nach dem Stand der Sonne, der sie beim Anbruch der Morgendämmerung schon zum Singen verleitet.
Und just als das Zentralgestirn sich über den Horizont schob, warf sich eines der drei Braunkehlchenmännchen in die Brust, um ein Lied anzustimmen. Auf einem im Wind schaukelnden Grashalm am Chiemsee begann es mit einem aufgeregten »Djit«, das von einem Weibchen fröhlich erwidert wurde. Die beiden angehenden Eltern hatten zum ersten Mal in ihrem kurzen Leben ein Nest gebaut: Eine Bodenmulde unweit einer kleinen Weißdornhecke war dafür auserkoren worden, und die Vögel wirkten äußerst zufrieden mit ihrer Wahl. Das Nest wurde perfekt durch längere Grashalme versteckt, und der belaubte Weißdorn selbst bot eine gute Sitzwarte, von der aus das Männchen bald auf Nahrungssuche gehen würde.
Ganz beschäftigt mit ihrer kleinen Familie nahmen weder das Männchen noch das Weibchen den Toten wahr, der in unmittelbarer Nähe zu ihrem Brutplatz nicht einmal zwei Meter entfernt, eingebettet in blaue und gelbe Iris, in einer Blutlache lag.
Kunststoff knirschte gegen Kunststoff.
Erschrocken drehte Katja den Kopf, nicht sicher, woher das Geräusch gekommen war. Im Ausparken war sie nicht gerade eine Expertin, hatte sie womöglich den Spiegel des Nachbarn touchiert? Sie bremste, ließ die Scheibe herunter und spähte vorsichtig ins Morgengrauen, um festzustellen, dass es nicht beim Touchieren geblieben war: Sie hatte den Spiegel voll erwischt.
Kurz hielt sie inne, wusste nicht, wie sie reagieren sollte.
»Dasdarfdochallesnichtwahrsein!«, presste sie dann hervor. »Das ist nicht meine Woche.« Ihr Blick streifte das Schreiben auf dem Beifahrersitz. Der weiße DIN-A4-Umschlag lag weiterhin dort, wohin er am Vortag von ihr verbannt worden war, nachdem sie ihn aus dem Briefkasten geangelt und mit Magengrimmen gelesen hatte. Darin: eine Absage. Die dritte diesen Monat. Und nun auch noch der zerstörte Außenspiegel. »Ich fass es nicht. Was tun wir jetzt, Roberta?« Sie drehte sich um und linste in den Fond.
Ihre verkehrsregelkonform gesicherte Mitfahrerin schien kurz zu überlegen, dann neigte sie aufmunternd den Hals zur Seite.
»Ja, du hast wieder einmal recht. Schlechte Gedanken bringen einen nicht weiter. Aber es ist schwierig, weißt du?« Katja atmete einmal tief durch.
Roberta kommentierte diese Aussage mit einem Kopfzucken.
»Ja, das gebietet eigentlich der Anstand.« Katja runzelte die Stirn. »Aber meinst du nicht, es ist noch etwas früh dafür?«
Da Roberta dazu nichts zu sagen hatte, musste Katja diese Entscheidung allein treffen. Ein Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass es immerhin nicht mehr sechs war.
Der Motor blubberte und erstarb dann abrupt, als ihre Sandale von der Kupplung rutschte. Sie stieg aus, eilte den von violetten Teppichglockenblumen eingesäumten Weg zum Hauseingang mit der Nummer 23 entlang und drückte dann entschlossen auf das Klingelschild.
Da sich nach zehn Sekunden noch nichts tat, klingelte sie erneut. Und nach weiteren zehn Sekunden ein drittes Mal. Endlich öffnete sich im ersten Stock ein Fenster.
»Herr Huber!«, brüllte Katja nach oben. »Herr …« Ihre Stimme erstarb, als sich der zerzauste Schopf des alten Mannes ins Freie schob. Seine Frisur glich so sehr der Robertas – der aufgestellte Kamm, diese Fülle –, dass Katja für eine Sekunde mächtig aus der Fassung geriet. Auch das Gesicht des Mannes hatte dieselbe Farbe angenommen wie Robertas fettiger Hautlappen. Puterrot. Nach einem kurzen Moment fing sie sich wieder.
Nicht so Herr Huber.
»Frau Sommerrain!«, zeterte es von oben herab. »Zefix! Es ist sechs Uhr in der Früh! Am Sonntag!«
Zehn nach inzwischen.
»Verzeihen Sie, Herr Huber, aber ich habe …«
»Schon gut, ich habe noch drei Kartons mit Ersatzspiegeln in der Garage.«
»Wirklich?«, hakte Katja erfreut nach.
»Wirklich«, kam es mit einem Seufzer von oben.
Fünf Minuten später trat Katja erneut aufs Gas, und der weiße Volvo hüpfte aus der Einfahrt auf die Straße. Kies knirschte, als sie in den nächsten Gang schaltete und das Pedal weiter herunterdrückte.
Roberta liebte Geschwindigkeit. Der puterrote Kamm wackelte.
Abwechselnd zuerst auf die Straße und dann auf die CD in ihrer Hand schauend, befreite Katja die Scheibe von der Hülle und schob sie in den Player. Sie bildete sich ein, dass Roberta nicht nur Tempo liebte, sondern auch Gitarrenklänge. Und da das Huhn jetzt in zuckende Bewegungen verfiel, den Kopf vor- und zurückriss wie ein Rockstar und dabei mit den Krallen im Sand ihres auf der Rückbank gesicherten Käfigs scharrte, fühlte sich Katja in ihrer Einschätzung bestätigt.
Aber Roberta brauchte mehr Bewegungsfreiheit, so viel war klar. Langsam steuerte Katja deswegen den Wagen an den Straßenrand, zog die Handbremse, löste den Gurt und schob ihren Oberkörper zwischen den Sitzen nach hinten. Nachdem sie Robertas Käfig entriegelt hatte, tat das Huhn einen Satz in den Fußraum, flatterte anschließend auf den Beifahrersitz und machte sich pickend über den Umschlag her.
»Tu dir keinen Zwang an.« Katja löste die Handbremse und lenkte den Volvo zurück auf die Straße. Jedoch nicht, ohne vorher zweimal in den Seitenspiegel geschaut zu haben.
Zehn Minuten und zwei Melissa-Etheridge-Songs später bog der weiße Volvo zu den Klängen von Bring me some water auf den Parkplatz ein. Kurz gackerte es empört von rechts, als Katja zu scharf bremste, dann aber sah Roberta interessiert zum Fenster hinaus.
Katja stieg aus, ging um ihren Schneewittchensarg herum und öffnete dessen Heckklappe. Gespannt verfolgte Roberta jede Bewegung.
»Mist!« Entnervt blickte Katja nach unten, wo ihr gerade der Sack mit dem Futter in den Matsch gefallen war.
Sie nahm Rucksack und Fernglas aus dem Kofferraum, stellte beides auf den Rücksitz und wuchtete anschließend den Futtersack auf die Rückbank. Wenigstens war er nicht geplatzt. Eiweiß-Mineral-Sticks. Robertas ausgewogene, bedarfsgerechte Ernährung, über die sich das Huhn später als Belohnung fürs geduldige Ausharren hermachen durfte.
Das Geräusch des zuknallenden Kofferraumdeckels hallte über den Hotelparkplatz, der Deckel schloss aber wie so oft nicht richtig. Obwohl sie damit womöglich einige Feriengäste aus dem Schlaf reißen würde, donnerte ihn Katja ein weiteres Mal zu. Danach ging sie um den Wagen herum, quetschte sich neben den Futtersack und tauschte die Sandalen gegen ihre Trekking-Schuhe.
»Positiv denken. Denk positiv«, murmelte sie ihr morgendliches Mantra. Ob es funktionierte? Da wollte sie sich noch kein abschließendes Urteil erlauben. Aber heute war Sonntag. Der Tag der Woche, an dem sie Kraft tankte. Kraft tankte, während sie reglos mit einem Fernglas vor den Augen dasaß, um die verschiedensten Vogelarten zu beobachten, die sich aus den Dunstfetzen des frühen Morgens schälten, mit den Schnäbeln ins Wasser tauchten und dabei laute Schreie ausstießen.
Nachdem sie den Volvo abgeschlossen hatte, setzte sie den Rucksack auf, hängte sich den Feldstecher um und machte sich auf den Weg zum Beobachtungsturm.
Noch gut ein Jahr zuvor hätte Katja niemals vermutet, dass es ein Genuss war, um diese Uhrzeit auf das Achendelta zu schauen. Aber wenn die Sonne an Kraft zunahm, den neuen Tag einleitete und ihre Strahlen über dem Chiemsee ergoss, so dass die Natur leuchtete wie in einem Farbkasten, füllte sich Katjas Körper mit Energie, was weder Yoga noch Joggen oder Bogenschießen vollbracht hatten. Sie hatte all das ausprobiert, und besonders auf Letzteres war Roberta nicht gut zu sprechen gewesen.
Ein Haustier war ihr zum Stressabbau empfohlen worden, eine Katze. Aufgrund ihres augenblicklichen Entsetzens, dass so ein Stubentiger womöglich die Amselküken in ihrem Nest im Kirschbaum vertreiben – oder Schlimmeres – würde, war sie dann glücklich auf ihr jetziges Hobby gekommen. Und Katjas neue Mitbewohnerin eine natürliche Folge des Ganzen. Im Garten hinter dem Haus hatte Roberta einen Stall mit reichlich Auslauf. Sie war in vielen Dingen dickköpfig und nicht immer zielstrebig. Katja fühlte sich ein bisschen an sich selbst erinnert. Das Huhn gehörte zur Rasse der Amrocks, denen man normalerweise eine enorme Wirtschaftlichkeit nachsagte – Roberta fiel in dieser Hinsicht aus dem Rahmen, was sie in Katjas Augen aber nur sympathischer machte. Die Wirtschaftlichkeit beziehungsweise deren Ausbleiben waren auch ihr großes Lebensthema.
Während einer Legehennenausstellung des regionalen Bauernverbands hatte sich Katja in das Tier verliebt. Es gab eben sonst nicht viel zu tun, in Nußdorf. Und auf der Stelle war sie dort den Tieren erlegen. Dem Tier, besser gesagt: Robertas Federkleid bildete durch mehrfach gestreifte Federn, die schwarz umrandet in einer ebenso schwarzen Spitze endeten, ein bezauberndes Muster. Und seit Gegacker in Katjas Leben eingedrungen war, lag nicht nur 220 Tage im Jahr ein Spiegelei auf dem Frühstücksteller, sondern sie fühlte sich auch ein wenig ausgeglichener. Die gefiederten Freunde streichelten ihre Seele, Roberta zu Hause und die Piepmätze im Naturschutzgebiet. Und sie lenkten auch von dem Brief auf dem Beifahrersitz ab.
Wie ein angegrauter Brautschleier, der nach Gebrauch in einem Karton vergessen worden war, legte sich der Morgennebel auf das Schilf unterhalb des Beobachtungsturms. Im Hintergrund schälten sich majestätisch die Chiemgauer Alpen aus den Wolken. Katja hob das Fernglas an die zusammengekniffenen Augen und sah zuerst nichts als ihren eigenen Atem, der in kleinen Wölkchen an der Linse vorbeitrieb. Lauschte den intensiven Vogelrufen. Dem Beginn eines Konzerts, das durch die zunehmende Helligkeit bestimmt wurde. In einer vorgeschriebenen Reihenfolge setzte jede Vogelstimme ein.
»Fünf nach schon.«
Sie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, von wem das brummende Genörgel gekommen war. Zuerst hatte sie aus der Ferne nur die surrende Batterie des E-Bikes gehört, die das Vogelkonzert wie eine Schar Hummeln beinahe übertönt hatte. Nur die letzten Meter über die Wiese zum Beobachtungsturm ging der »Zaunkönig« immer zu Fuß.
Er war vorhersehbar. Und wie der Vogel, nach dem Katja ihn getauft hatte, braun, klein und laut. Und stets der Zweite auf der Plattform. Bevor die anderen kamen, deren Namen Katja ebenso wenig kannte. Und dennoch hatte sich über die Monate hinweg eine Vertrautheit eingeschlichen. Jeden Sonntag in der Früh waren sie hier, bei Sonnenschein oder Regenguss. Mittlerweile nickten sie sich zu, zählten Vögel und brachen anschließend gemeinsam zum Parkplatz auf. Katja musste zugeben, dass sie sich inzwischen recht wohl dabei fühlte, gemeinsam mit den vier anderen, die Feldstecher vor den Augen, das Moor abzusuchen. Beinahe erstaunt hatte sie neulich registriert, dass sie mit dem »Stieglitz«, dem mit Abstand Jüngsten der Gruppe, der bei jedem Wetter fröhlich-rot-gelbe Turnschuhe trug, ein Gespräch angefangen hatte – über Juvenal, den römischen Satiriker.
Sie ließ das Fernglas sinken und nickte dem Zaunkönig, der nun den Beobachtungsturm erreicht hatte, grüßend zu. Er war der Älteste von ihnen und trug wie immer eine dunkelbeige Jacke zum hellbeigen Hemd über einer braunen Hose. Niederschmetternde Farben. Frustrierend. Katja selbst kleidete sich zwar auch nicht wie ein Papagei, aber gegen etwas Farbe in ihrem Leben hatte sie nichts.
»Fünf nach schon«, wiederholte er grunzend und sah dabei demonstrativ auf die Armbanduhr.
»Zaunkönig« beschrieb den Mann nur unzureichend, das musste Katja zugeben, aber sie kannte keinen Vogel, der grunzte oder enerviert den Kopf schüttelnd zur Uhr blickte. 80 Punkte von 100. Das reichte.
»Ich bin pünktlich«, erwiderte sie und schob ihre große Brille zurück auf den Nasenrücken. Große runde Brillen waren wieder modern, das gefiel Katja, und ihre passte toll zu ihrem glatten Bob, ließ sie interessant wirken.
»Du doch nicht. Die anderen Gucker.«
Von ihrer Position auf dem Turm aus hatte Katja eine gute Sicht auf den Parkplatz. Neben ihr Auto gesellte sich in diesem Moment ein zweites, dann folgte hinter ihr deutlich das scharfe Bremsen eines Rads im Kies.
»Na bitte«, meinte Katja. »Da sind sie ja schon.«
Thilo war zwar der Jüngste der Gruppe, aber dennoch – oder gerade deswegen? – war es ihm alles andere als leicht gefallen, sich vor Sonnenaufgang aus dem Bett seiner Studentenbude zu bewegen. Auf der anderen Seite sorgten die wenigen Quadratmeter in seiner WG mit Mark dafür, dass Bewegung eine Frage der Interpretation war, denn auf dem Klo zu sitzen und gleichzeitig mühelos die Zahnbürste auf dem Waschbecken erreichen zu können, entsprach keinem Marathonlauf, nicht einmal einer Yogaübung für Anfänger. Insofern gab Thilo auf der knapp zehn Kilometer langen Strecke von Traunstein bis zum Vogelbeobachtungsturm Hagenau auf seinem Rennrad alles. Emily joggte, das hatte er mitbekommen, und Thilo wollte ihr gegenüber nicht wirken wie ein Phlegma, weswegen er sich vorgenommen hatte, ein wenig an seiner Kondition zu arbeiten. Mens sana in corpore sano.
Der kühle Morgenwind blies ihm um die Ohren, und Thilo verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Mens sana in corpore sano. Diese Sonntagsausflüge hatten sich unvermutet zu einer Art Bildungsprogramm entwickelt. Nicht nur hatte er etliche Vogelrufe kennengelernt, zu allem Übel hatte ihn auch noch die Birderin mit dem Huhn letzte Woche schmallippig mit einem zackigen Vortrag über irgendeinen römischen Poeten den letzten Nerv geraubt, von dem die Sache mit dem gesunden Geist und dem gesunden Körper stammte. Keine Ahnung, wie sie darauf gekommen war, normalerweise redeten sie nicht miteinander. Aber vermutlich hatte sie das ironisch auf Grumpy bezogen. Grumpy war zwar alt, kam aber ebenfalls mit dem Fahrrad – wenn auch mit elektrischer Unterstützung. Seine Wampe zeugte deutlich davon, dass ihm dieser römische Dichter und dessen Erkenntnisse komplett egal waren.
Wie immer, wenn er in die Pedale trat, klackten Thilos Gedanken umher wie Billardkugeln. Auch wenn Emily joggte und offenbar auf ihre Gesundheit achtete, lateinische Glückskekssprüche sollte er ihr gegenüber wohl besser nicht benutzen. Das wäre ein beschissener Einstieg. Zu gewollt. Zu programmiert. Er war schließlich nicht irgendein vergeistigter Möchtegernpoet. Hoffentlich stand sie nicht auf Gedichte. Scheiße, was machte er, wenn sie auf Gedichte stand?
Jetzt nicht die Nerven verlieren.
Von Selbstmotivation gepackt, zog Thilo das Tempo an.
Kino? Sneakpreview? Wurde in Traunstein angeboten, in Prien auch, soweit er wusste.
Nein, schlechte Idee. Absolut unberechenbar. Was, wenn sie den Film mochte und er nicht? Oder umgekehrt? Katastrophenszenario, wenn man sich gleich beim ersten Date nicht einigen konnte.
Ohne den gedanklichen Faden zu verlieren, manövrierte Thilo geschickt um einen dicken Ast herum, der mitten auf dem Weg lag.
Also kein Kino.
Kaffee? Zu bourgeois. Absolutes No-Go.
Bar? Was, wenn sie keinen Alkohol trank?
Irgendein veganes Restaurant? Sie war sicherlich Veganerin. Wo gab es hier in der Nähe ein verdammtes veganes Restaurant?
Das Dumme war, dass Thilo absolut nichts über Emily wusste, deren Herz er – ob langsam oder im Sturm, das war ihm eigentlich komplett schnuppe – erobern wollte.
Obwohl: Sturm, das war jetzt nicht so sein Ding.
Außer Storms von Fleetwood Mac. Seine Mutter liebte die Band, und als Neunjähriger hatte sich Thilo in Stevie Nicks auf dem Rumours-Cover verknallt. Wenn er genau darüber nachdachte … sah Emily nicht ein wenig aus wie …?
Bullshit.
Der Beobachtungsturm kam in Sicht, Thilo holte noch einmal Schwung, ließ das Rad danach auslaufen und rollte langsam den kleinen Hügel hinauf, auf dessen Kuppe ein Baum stand. Dort schloss Thilo sein Rad neben dem Senioren-E-Bike von Grumpy ab.
Wie lautete der Fleetwood-Mac-Songtext noch gleich? Irgendwas mit »Storm« eben. Die genauen Zeilen fielen ihm nicht mehr ein, aber an die Melodie erinnerte er sich noch gut.
Scheiße, das Lied würde ihm jetzt eine Weile erst mal nicht mehr aus dem Hirn gehen.
Zwei waren schon da. Grumpy eben und die Hühnerfrau. Grumpy machte seinem Namen heute wieder alle Ehre: Mit zusammengekniffenen Augen saß er auf dem Campingstuhl, den er auf seinem Gepäckträger transportierte, und blickte auf die Uhr. Thilo hatte nicht gewusst, dass sie sich bei ihm an- und abmelden mussten.
»Wird auch Zeit. Acht nach schon«, murmelte er, und Thilo überlegte sich gerade, ob er den vorher nur gedachten Satz laut ausgesprochen und sich damit Feinde gemacht hatte. Denn um ehrlich zu sein, auf eine verquere Art und Weise mochte er diese frühen Sonntagmorgenstunden und, um noch ehrlicher zu sein, er hatte auch nichts gegen die anderen Birder. Klar, die Dozentin mit dem Huhn hätte sich ihre Klugscheißerei sparen können, und auch für Grumpy hatte Thilo meist nur ein inneres Augenrollen übrig, aber … dennoch.
»Fehlen noch zwei«, sagte Grumpy jetzt und faltete die Hände über seinem Bauch. Wenigstens schaute er nicht mehr auf die Uhr, die wie er selbst aus grauer Vorzeit stammen musste.
Noch zwei. Also die Mutti und der BWL-Justus. Mutti, so nannte Thilo in Gedanken die zweite Frau unter ihnen, weil sie immer für alle Croissants mitbrachte. Im Gegensatz zur schlanken Hühnerfrau war sie eher rundlich, mit einem rotwangigen Gesicht, und schien als Einzige wirklich ständig gute Laune zu haben. Allein wie sie die Holzleiter zum Beobachtungsturm hinaufstieg, mit glühenden Wangen vor Vorfreude und in Schals und Jacken gehüllt, deren Muster Thilo an ein Buch erinnerten, das er in der Grundschule besessen hatte: Optische Illusionen. Man musste die irre gemusterten Seiten schräg halten, dann wurde einem plötzlich schwindelig.
BWL-Justus, da war Thilo sich sicher, arbeitete als Banker oder Rechtsanwalt. Es war ein Klischee, aber die Lederschuhe ließen ihn mit seinem Pferdeschwanz eher nach Yuppie als nach Barkeeper aussehen. Er war älter als Thilo, aber jünger als die beiden Frauen, und Thilo fragte sich oft, ob nicht eine Familie zu Hause auf ihn wartete. Das Huhn der crazy Dozentin fuhr bei ihr auf der Rückbank mit, da gab es ganz sicher keine Familie, und die Mutti schien ihrer eigenen am Sonntagmorgen zu entfliehen. Na, möglich war alles, vielleicht tat der BWL-Justus es der Mutti gleich. Thilo jedenfalls konnte sich nicht vorstellen, jemals Emily entfliehen zu wollen. Bei dem Gedanken spürte er, wie er rot wurde, und bevor den anderen beiden etwas auffiel, hob er schnell sein Fernglas vor die Augen, das zusammen mit der Kamera vor seiner Brust baumelte. Ein Bergpieper wäre toll, der fehlte ihm noch in seinem Sammelheft. Ja, Thilo liebte Sammelheftchen, hatte sie immer schon geliebt seit seinem ersten Panini-Büchlein von Spiderman im Kindergarten. Fürs Birding hatte er sich selbst eins gebastelt, natürlich nicht mehr auf Papier, für so was gab es mittlerweile Apps, aber das Prinzip war das Gleiche: Die Vögel, die er sah, trug er mit Bild und Steckbrief in einer bestimmten Reihenfolge in die Datei ein. Ein Foto konnte man auch hochladen, deswegen hantierte Thilo parallel zum Fernglas mit einer Canon herum. Er war sich noch nicht ganz sicher, ob ihn das zu einem Nerd machte. Aber Panini-Sammelhefte liebte doch jeder.
Jetzt war deutlich ein Automotor zu hören, und Grumpy ließ sich wie erlöst zurück in seinen Campingstuhl sinken.
»Zwölf nach«, grunzte er kopfschüttelnd.
»Binchen!«, flüsterte es durch die Dunkelheit. »Bist du schon wach?«
Gähnend rieb sich Sabine die Augen, tastete nach dem Smartphone auf ihrem Nachttisch und warf einen Blick auf die Uhrzeit. Kurz nach fünf. Sie streckte die Beine, es zog im unteren Rücken, am Abend würde sie ein paar Übungen machen müssen. »Ich bin wach, Mama.«
»O Gott sei Dank.«
Alarmiert schlug Sabine die Bettdecke zurück und stolperte ohne Pantoffeln zur offenen Zimmertür. »Hast du Schmerzen?«
Es kicherte. Zunächst dachte Sabine, sie hätte sich verhört. Aber nein, ihre kranke, vom Krebs geschwächte und von ihr betreute Mutter kicherte.
»Alles in Ordnung?«, fragte Sabine und trat in Heides Schlafzimmer neben ihrem, von dem aus sie nachts in nur wenigen Schritten am Pflegebett ihrer Mutter sein konnte. Dort richtete Heide sich jetzt, die papierne Hand am Haltegriff, im schwachen Licht der Nachtlampe auf. »Bine, ich habe keine Schmerzen, ich habe Hunger.« Die grauen Locken noch vom Schlaf seitlich an den Kopf gepresst, blickte sie ihre Tochter mit großen Augen an.
Jetzt musste auch Sabine kichern. Aber gut, dass Heide essen wollte. Sie aß viel zu wenig.
»Ich habe dich nicht geweckt, oder?«, fragte ihre Mutter jetzt besorgt.
»Nein, ich muss doch eh gleich los.« Sanft drückte Sabine ihre Schulter. »Ich hol dir schnell was.«
Seit einiger Zeit schon musste Heides Nahrung immer weicher sein, und Sabine graute es vor dem Tag, an dem sie zum ersten Mal Spaghetti Bolognese würde pürieren müssen. Die Ärzte hatten Haferbrei zum Frühstück vorgeschlagen.
In der Küche öffnete sie den Vorratsschrank. Die Tüte mit den Haferflocken schon in der Hand hielt sie in der Bewegung inne. Ach, was soll’s, dachte sie, man lebt nur einmal – und das nicht mal besonders lange. Im Tiefkühlfach gab es noch eine Packung Croissants zum Aufbacken. In mundgerechte kleine Stücke geschnitten, konnte sie ihrer Mutter damit immer noch eine Freude machen. Bei dem Anblick begann auch ihr eigener Magen zu knurren.
Während die Hörnchen im Ofen langsam vor sich hin bräunten, setzte Sabine die Kaffeemaschine in Gang und brühte ihrer Mutter parallel einen Tee auf. Trotzdem würde sie ihr zusätzlich eine Tasse Cappuccino hinstellen, das gehörte sich einfach so. Wenige Monate bis zu einem Jahr hatte der Arzt gesagt, und da wollte er ihr die kleinen Freuden am Sonntagmorgen verbieten? Das war auch der Grund gewesen, weshalb Sabine Heide aus dem Pflegeheim zu sich nach Hause geholt und auf Teilzeit reduziert hatte. Wenn ihr Arbeitgeber nicht großzügig Homeoffice angeboten hätte, wäre das gar nicht gegangen. Und selbst so, das musste Sabine sich eingestehen, kroch sie an manchen Tagen auf dem Zahnfleisch. Ihr Sohn Felix machte ihr das Leben auch nicht einfacher. Von montags bis freitags tönte aus Heides Zimmer Let the Sunshine in, aus Felix’ dröhnte VIP in der Psychiatrie, und Sabine klickte sich mit Headset von einem Call in den nächsten. Deshalb brauchte sie die Sonntagmorgenstunden, die absolute Ruhe im Moos. Runterkommen, entspannen, die nächste Woche in Angriff nehmen.
Nicht daran denken, dass sie all das, das Chaos, die Hektik, die Überforderung vermissen würde. In zwei Jahren, spätestens, wenn Heide nicht mehr war und Felix nach dem Abi auszog –, so Gott und seine Lehrer überhaupt zuließen, dass er es denn bekäme. Dann wäre sie wieder allein, zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren.
Mit einem lauten Schrillen verkündete der Backofen, dass die Croissants fertig waren, und selten war sie dem Piepen so dankbar wie heute, dass es sie aus ihren Gedanken riss.
Verstohlen wischte sie sich über die Augen, auch wenn es doch ohnehin niemand sehen konnte, denn ihre Mutter schaffte es ohne Hilfe nicht mehr aus dem Bett, und Felix schlief noch. Dann arrangierte sie das Frühstück auf dem Tablett, stellte ein Schnapsglas mit den ersten Gänseblümchen dazu und trug alles hinüber in Heides Schlafzimmer. Später würde sie ihr helfen, ihr Lager auf der Couch aufzuschlagen, um den Rest des Tages Gesellschaft zu haben und das Gefühl, dabei zu sein, am Leben im Haus teilzunehmen. Außerdem stand im Wohnzimmer der Fernseher.
»Aufpassen, Mama!«
Im letzten Moment gelang es Sabine, das Tablett vor einem Zusammenstoß mit Felix zu retten, als er in die Küche hinein-, sie hinauswollte.
»Grundgütiger, wo kommst du denn jetzt …« Sabine unterbrach sich, als ihr Blick auf seine Jeans, die Straßenschuhe und Jacke aus Lederimitat fiel. Er roch nach Alkohol und Rauch. »Das ist doch nicht dein Ernst?« Sie stellte das Tablett so fest auf der Kommode ab, dass etwas Tee über die Croissants schwappte. »Felix, es ist halb sechs Uhr morgens!«
»Ja und?«
»Jetzt spiel hier nicht den Brando in deiner Jacke!«
»Muss ich den kennen?«
Es war so friedlich gewesen, dachte Sabine. Der Morgen war trotz der frühen Stunde so geruhsam verlaufen. Sie hätte wissen müssen, dass es nicht so bleiben würde.
»Mitternacht war abgemacht, du hättest um Mitternacht zu Hause sein sollen!« So lautete die Vereinbarung, solange er noch sechzehn war. »Wenn das dein Vater wüsste.« Sie umgriff das Tablett fester, drehte sich um und ging damit in Heides Schlafzimmer.
Felix, der ihr folgte, schnaubte.
»Die anderen …«, begann er, doch Sabine unterbrach ihn.
»Und wenn die anderen von der Brücke springen, springst du dann hinterher?« Sie biss sich auf die Zunge, wie oft hatte ihre Mutter genau diesen Satz gesagt? Und wie oft hatte sie ihn mittlerweile wiederholt? Man versuchte, nicht zu sein wie die eigenen Eltern, und verfiel doch fortwährend in dieselben abgedroschenen Phrasen. »Ich muss mich auf dich verlassen können«, fuhr sie dann an den Türrahmen gelehnt fort und bemühte sich um eine ruhige Stimme. Deeskalation. So machte man es doch, oder? »Und wo warst du überhaupt so lange?«
»Bei Leon.«
»Bei Leon? Und da wird gesoffen und was, geraucht?« Auch diesen Satz bereute Sabine augenblicklich. Deeskalation! Und richtig, es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis Felix vielsagend die Augenbrauen hob und in Richtung Wohnzimmer zeigte. Mist, er hatte die Überreste der abendlichen Aktivitäten von Heide und ihr gesehen. Sie hatte vergessen, die Beweise ihrer Kifferaktivitäten vom Couchtisch zu räumen. Und genau in diesem Moment erscholl auch schon das zwar leise, aber deutlich vernehmbare Lachen ihrer Mutter, die das Kopfende ihres Krankenbettes hochgestellt hatte und sich fürstlich amüsierte.
Seufzend rieb sich Sabine die Stelle zwischen den Augenbrauen. »Ich mach mir eben Sorgen, Felix. Du willst doch das Abi schaffen.« Oder wollte sie, dass er es schaffte?
»Na, du hast es auch geschafft, und Cannabis, Mama, ist auch nicht besser als Alkohol.«
»Oh doch, das ist Medizin!«, rief es aus dem Bett. Der gestrige Joint bescherte Heide sogar heute noch überragend gute Laune – die schmerzstillende Wirkung schien unschlagbar.
Jetzt zupfte es auch an Sabines Mundwinkeln, und, weiß Gott, dachte sie, einen Moment der Leichtigkeit konnten sie alle gebrauchen. Sie stupste Felix gegen die Schulter. »Lass uns frühstücken.«
Ihr Sohn gähnte, zuckte dann jedoch mit den Schultern.
»Mit etwas im Magen schläft man seinen Rausch auch viel besser aus.«
Heide seufzte vernehmlich. »Als ob man in seinem Alter so etwas wie einen Kater überhaupt kennt.«
»Aber uns geht es heute auch erstaunlich gut.«
Erneut kicherte ihre Mutter. »Bis auf den Heißhunger.«
»Bis auf den.« Der aber ein netter Nebeneffekt war.
Sabine stellte ihr Tablett auf Heides beweglichem Nachttisch ab und rümpfte die Nase; eines der Croissants war durch den übergeschwappten Tee ganz matschig geworden.
Aber Heide schien sich daran nicht zu stören und griff danach. »Ich kann doch ohnehin nicht so gut beißen.«
Felix nahm sich ebenfalls ein Croissant und den Cappuccino, den Heide ihm augenzwinkernd hinüberschob, Sabine setzte sich mit ihrem Kaffee und dem verbliebenen Hörnchen neben das Bett ihrer Mutter.
»Es ist egal, ob Papa davon erfährt«, nuschelte Felix plötzlich.
Sabine sah ihn fragend an.
»Mama, ich bin sechzehn. Ich darf mir aussuchen, bei wem ich leben will. Er kann mich dir nicht wegnehmen.«
Langsam nickte sie, seltsam gerührt. Felix war ein aufmerksamer Junge, der aufmerksamste. Wenn er sein Abitur nicht schaffte, würde er seinen Weg dennoch gehen, davon war sie überzeugt.
»Tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe«, entschuldigte sie sich bei ihrem Sohn. »Das war nicht fair.«
Er nickte, gähnte erneut, riss dabei den Mund ungebührend weit auf, aber Sabine verkniff sich einen Kommentar. Sein Blick zur Uhr ließ sie plötzlich aufspringen.
Himmel, sie kam zu spät! Was für ein Glück, dass sie ihre Croissants für heute schon gegessen hatten, für einen Umweg über den Bäcker blieb keine Zeit mehr. Die anderen Vogelfans würden eben darben müssen. Oder … Sie griff nach der Keksdose, die irgendeine Nachbarin Heide letzte Woche vorbeigebracht hatte. »Ich muss los. Und ihr zwei legt euch jetzt beide noch mal schlafen. In einer Stunde bin ich zurück.«
Die Autoschlüssel schon in der Hand, drehte sie sich kurze Zeit später an der Tür noch einmal um, überlegte und ging dann zurück ins Zimmer ihrer Mutter. Und in der Tat, sie hatte die richtige Vorahnung gehabt.
»Nein. Schlafen! Jetzt!« Kurzerhand entriss sie Heide den letzten Jointstummel, den sie sich eben zwischen die Lippen stecken wollte. »Und du auch«, befahl sie ihrem Sohn. »Und das hier: nicht hinter meinem Rücken. Nur nach Absprache. Ihr kennt die Regeln.«
Gehorsam legte Felix das Feuerzeug auf den Nachttisch. Und reckte danach unisono mit seiner Großmutter die Finger zum Peace-Zeichen.
»Alles stabil hier. Fahr schon, Mama, wir kommen klar.«
Sabine seufzte. Wenn das mal der Wahrheit entsprach.
»Wird auch Zeit«, grummelte der Zaunkönig, der heute an einem Thema festzuhängen schien, als die »Störchin« den Beobachtungsturm betrat. »Fast Viertel vor.«
Nun waren sie immerhin schon zu viert, dachte Katja, während sie ihr Fernglas langsam von rechts nach links wandern ließ. Nach dem Zaunkönig war vorhin der Stieglitz eingetroffen – wie immer in seinen farbigen Turnschuhen. Und nun auch die Störchin, ebenfalls mit unverkennbarem Schuhwerk – knallorangefarbenen Gummistiefeln. Doch die Croissant-Tüte, die sie sonst stets mütterlich herumgehen ließ, schien sie dieses Mal nicht dabeizuhaben. Fehlte nur noch die »Elster«, um die Runde, die sich nun, im April, mehr oder minder pünktlich um sechs Uhr dreißig jeden Sonntagmorgen hier oben traf, komplett zu machen. Die Elster – Katja hatte den Mann wegen seiner straff zu einem Pferdeschwanz zurückgebundenen schwarzen Haare so getauft – hatte ihr vergangene Woche seine Karte zustecken wollen, als sie ein Knöllchen von der Windschutzscheibe zupfen musste. Womöglich ein hipper Rechtsanwalt.
Während Katjas Blick langsam dem Flug eines Rotmilans folgte, fragte sie sich, welchen Vogelnamen sie sich selbst geben würde. In den altgriechischen Quellen, die sie gerade für einen wissenschaftlichen Artikel analysierte, tauchten oft Raubvögel auf. Die homerischen Epen erwähnten sie im Zusammenhang mit wichtigen kriegerischen Ereignissen, Adler oder Habichte waren Vorzeichen der Götter. In Mesopotamien und Ägypten …
»Da fehlt immer noch einer«, wurde ihr Gedankenfluss vom Zaunkönig unterbrochen.
Sie ließ den Feldstecher sinken. »Hm?«
»Der Gelackte. Ist der schon vorgegangen? Ich hab doch sein Auto auf dem Hof vom Hotel parken sehen. Weiter hinten, nicht bei deinem Wagen.« Er deutete auf sein Fernglas, mit dem er offensichtlich alle dort stehenden Autos in Augenschein genommen hatte.
Katja schluckte den trockenen Keks herunter, den die Störchin ihr statt der üblichen Croissants angeboten hatte, versuchte, ein Husten zu unterdrücken, und griff zu ihrer Wasserflasche. Hatte sie die etwa selbst gebacken? Hoffentlich fuhr die Frau nächste Woche wieder beim Bäcker vorbei.
Heute gab es etliche Abweichungen von der gewohnten Routine, weder Elster noch Croissants, und Katja hatte Probleme, sich damit zu arrangieren. Das passte nicht in ihr gut geordnetes Konzept. In den durchgeplanten Ablauf ihres Tages. Addiert zum kleinen Missgeschick mit Herrn Hubers Autospiegel – nun gut, das passierte Katja häufiger. Doch trotz aller Bemühungen ihrerseits entwickelte dieser Tag besorgniserregende Auffälligkeiten.
»Wir gehen immer gemeinsam los, und Frank weiß das«, erwiderte die Störchin.
War ja klar, dass sie wusste, wie die Elster hieß. Die Frau passte in Katjas Schublade von Menschen, die die Marotte hatten, sich in alles einzubringen. Aber ihre Croissants waren gut, das musste Katja zugeben. Nur, dass die eben heute fehlten.
Geistesabwesend biss sie erneut in den Keks, doch jetzt blieb irgendetwas in der Kehle stecken und ihr nichts anderes übrig als zu husten, was ihr prompt einen tadelnden Blick des Zaunkönigs und einen besorgten der Störchin eintrug.
Nur der Stieglitz lehnte, das Fernglas vor Augen, an der Holzbrüstung des Beobachtungsturms und schien sie alle gar nicht wahrzunehmen.
»Ein Braunkehlchen«, flüsterte er ehrfürchtig, reglos verharrend, und plötzlich waren alle Gedanken an trockene Kekse, die Störchin oder die Elster Frank verpufft. »Verdammt, ausgerechnet heute habe ich das Teleobjektiv vergessen …«
Katja versuchte, den Punkt zu finden, an dem der junge Mann mit den farbenfrohen Turnschuhen das Braunkehlchen gesehen hatte. »Saxicola rubetra«, murmelte sie, »von ›saxum‹ und ›colere‹, also ›einen Stein bewohnend‹«.
Latein gehörte zu ihren Lieblingssprachen, nicht umsonst war sie Altphilologin geworden. »Ausgestorben«, von wegen. Die Sprache ließ sich so mühelos in ihr neues Hobby integrieren, das war wie eine hervorragend aufgehende Gleichung.
»Es gibt nur ganz wenige Brutpaare am Chiemsee.« Beinahe blieb der Störchin vor Aufregung die Stimme weg. »Das sollten wir melden.«
»Vier«, sagte der Zaunkönig. »Es gibt drei, maximal vier Brutpaare hier im Grabenstätter Moos.« Mit dem Feldstecher in der Hand deutete er nach vorne ins Schilf. »Das Braunkehlchen steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten, Kategorie zwei.«
»Es ist so hübsch!« Ganz verzückt blickte die Störchin durch ihr Fernglas.
Heute lief wirklich alles anders, musste Katja feststellen. Jetzt unterhielten sie sich sogar schon, als wäre es das Normalste der Welt und sie alte Bekannte, dabei wusste sie immer noch keinen einzigen Namen ihrer Mitstreiter. Außer den von diesem Frank, aber der war nicht da.
Sie widmete sich wieder der Beobachtung der Sandbänke und Wiesen, folgte dem leichten Wiegen der Halme, entdeckte Baldrian, Johanniskraut, Huflattich und Salbei, bewegte den Feldstecher weiter, bis sie tatsächlich das Nest sehen konnte. Das Nest des Braunkehlchenpaars, gut geschützt und nahezu unsichtbar im hohen Gras neben einer Weißdornhecke. Wie friedlich das landschaftliche Juwel hier wirkte. Instinktiv versuchte sie, keine Geräusche zu machen, das Brutpaar nicht zu erschrecken, obwohl die Vögel sie hier, gut und gerne fünfzig Meter entfernt, sicher nicht hörten. Und dennoch hätte Katja Skrupel gehabt, die kleine Idylle zu zerstören. Deswegen kam sie am Sonntag in aller Herrgottsfrühe hierher. Deswegen …
Moment. Katja stellte ihr Fernglas schärfer. Da war etwas, das dort nicht hingehörte. Nicht zu den Braunkehlchen, überhaupt nicht ins Moor. Sie blinzelte, wanderte mit dem Objektiv einen Meter weiter, zwei, und dann hatte sie es. Ein grässliches Rot, das in dieser Idylle keinen Platz hatte.
Sprachlos ließ sie den Feldstecher sinken. Spürte, wie ihr Kreislauf mit Tempo absackte. Die Störchin sah sie besorgt an, und auch der Stieglitz hatte sich zu ihr gedreht, während der Zaunkönig sie misstrauisch mit zusammengekniffenen Augen betrachtete.
Trinken, sie musste etwas trinken. Schließlich, der Atem flach, der Puls schnell, brachte sie hervor: »Ich glaube, ich weiß, warum Frank heute nicht hier ist.«
Es war wohl das erste Mal in ihrem Leben, dass Sabine nicht wusste, was sie sagen sollte. »Wie schrecklich!«, war das Einzige, was ihr einfiel, aber das hatte sie auch gesagt, als Tante Irmintrauds getigerter Kater drei Tage in einem Keller festgesteckt hatte. Die beiden Situationen schienen ihr allerdings nicht vergleichbar. Nachdem sie den Beobachtungsturm in Richtung Nest verlassen hatten, lag nun nicht einmal mehr zwei Meter entfernt der regungslose Frank unter einem Baum in den Stacheln des Weißdorns. Und das, was sich um seinen Kopf herum ausbreitete, waren keine Früchte, sondern offenbar Blut. So ein junger Mann, dachte Sabine und zog ihren Parka enger um sich. Er war höchstens Mitte dreißig, sicher zwanzig Jahre jünger als sie, sie hätte seine Mutter sein können. Unwillkürlich musste sie an Felix denken. Nicht auszudenken, wenn ihm so etwas zustoßen würde.
Es dauerte also etwa sechzig Sekunden, bis sie sich wieder gefangen hatte. Sechzig Sekunden, in denen die anderen schon durcheinanderredeten.
»Ist er tot?«, fragte Thilo, ebenfalls noch so jung, noch viel jünger, und jetzt ungewöhnlich blass.
»Wir brauchen einen Krankenwagen!«, rief Katja und suchte mit zittrigen Händen nach ihrem Smartphone.
Auf Sabine wirkte sie immer leicht kapriziös, nicht zuletzt aufgrund ihres Haustiers. Als Sabine das Huhn zum ersten Mal gesehen hatte, war ihr erster Gedanke eine Halluzination gewesen, ausgelöst von Heides Cannabis, das Sabine gerne tief in ihre Lungen einsog, wenn sie sich mit ihrer Mutter im gleichen Raum aufhielt oder abends mit ihr rauchte. Als sie das erste Mal gemeinsam auf der Couch gelegen und gekifft hatten, war es eines der tiefsinnigsten Mutter-Tochter-Gespräche gewesen, das sie seit Heides Krankheit geführt hatten.
Und am nächsten Tag sah sie dann das Huhn.
Aber nein, das Tier war echt und zudem echt nervtötend. Wie hieß es noch gleich? Sabine hatte durchaus ein Namensgedächtnis, aber meist hießen Haustiere Fluffi oder Beauty, dieses hier hatte einen dezidiert menschlichen Namen. Ella? Tina? Es war der Name einer schwarzen Soulsängerin, das zumindest wusste Sabine genau.
Der missmutige Harald unterbrach ihre Grübelei.
»Ein Krankenwagen wäre vergebliche Liebesmüh«, murmelte er, zupfte seine beige Hose an den Oberschenkeln leicht nach oben und kniete sich neben Frank, um dessen Kopf prüfend ein wenig zur Seite zu bewegen. Dabei kam einiges mehr an Blut zum Vorschein.
»Ach du Scheiße«, flüsterte Thilo, und das war der Moment, in dem Sabine sich wieder fing. Zunächst nahm sie einen Bissen von ihrem Keks, den sie noch immer in der Hand hielt. Sie war eine Stressesserin, und Kohlenhydrate waren jetzt genau das Richtige.
»Vorsicht bei jeder Bewegung«, sagte sie, gestärkt vom Zucker, der in ihre Blutbahn schoss. »Denkt an die Braunkehlchen.« Gleich ins Auge gefallen war ihr das Nest der kleinen Vögel, die sie vor wenigen Minuten durch ihre Ferngläser betrachtet hatten. Es lag einige Meter von ihrem Standort entfernt, aber sie wollte das Familienglück nicht um alles in der Welt stören.
»Tot«, bestätigte Harald lapidar mit einem knappen Nicken und sah zum Rest der Gruppe auf. Sabine suchte darin Zeichen von Entsetzen oder Mitleid, stattdessen fielen ihr Haralds buschige Augenbrauen auf, die über der Nasenwurzel nahezu zusammenwuchsen.
»Bist du dir sicher? Sollten wir nicht vorsichtshalber seinen Puls checken?«, krächzte Thilo.
Harald grunzte. »Müssen wir nicht. Hier, seht ihr die Flecken? Sogenannte Leichenflecken. Er muss schon einige Stunden hier liegen, ich schätze so etwa vier bis sechs.«
Vier bis sechs Stunden! »Woher weißt du das?« Sabine ließ ihren Keks sinken. Die Bestimmtheit von Haralds Aussage überraschte sie. Natürlich, von Leichenflecken hatte sie auch schon gehört, aber wie konnte Harald an ihnen so genau den Todeszeitpunkt eingrenzen? Mit einem Mal kam ihr das Moor bedrohlich vor. Kein Zufluchtsort und die Familienstube seltener Tier- und Pflanzenarten. Aber auch der Chiemsee, das Bayerische Meer, das jetzt im Morgenlicht friedlich dalag und schimmerte, gebärdete sich bei Sturm und über das Wasser fegenden Böen wie ein tosender Ozean. Ja, das war es, dachte Sabine. Eine Art Sturm der anderen Art. Mitten vor ihren Füßen.
»Wie ist es denn passiert? Ein Unfall?«, wollte Katja wissen. »Hat er die Vögel beobachtet und ist … unglücklich vom Baum gestürzt?«
»Es scheint so zu sein.« Harald kniff die Augen zusammen, was seine Brauen in zwei tanzende Raupen verwandelte, und deutete mit Kennermiene nach oben. »Da sind Äste und Zweige abgebrochen. Vielleicht wollte er die Braunkehlchen beobachten.«
»Hm.« Sabine schürzte die Lippen. »Warum ist er überhaupt auf den Baum? Vom Beobachtungsturm hat man doch einen wunderbaren Blick.« Das hatten sie vor wenigen Minuten selbst festgestellt. »Hier stört man sie doch nur.«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Harald ungehalten.
Natürlich, woher auch. Aber Sabine konnte sich nicht helfen, sie wollte wissen, was passiert war. Offenbar ein Ausdruck ihrer Verzweiflung, dachte sie und blickte traurig auf den angebissenen Keks in ihrer Hand und dann zu Thilo. Im Auto lagen ein paar Snacks, womöglich mochte Thilo die lieber. Er brauchte dringend wieder etwas Farbe im Gesicht.
»Magst du Salzstangen?«, fragte sie den jungen Mann, der sie aber nur verständnislos ansah. Felix mochte Salzstangen. Ja, sie würde dem Jungen welche holen, er wirkte so, als müsse er sich jeden Moment übergeben. Bei Magen-Darm leisteten Salzstangen Wunder.
Behäbig stand Harald auf, griff in seine Hosentasche, förderte ein Taschentuch zutage und säuberte fachmännisch seine Hände, indem er jeden Finger einzeln abrieb. »Auf den ersten Blick kann man die Todesursache natürlich nicht feststellen«, sagte er. »Womöglich ist er mit einem Herzinfarkt vom Baum gefallen. Aber auch Kopfverletzungen können sehr schnell tödlich enden.«
»Und das Blut?«, fragte Thilo jetzt mit so fester Stimme, wie es ihm möglich schien. Er deutete nicht nur auf den Stein, sondern auch auf das Gras und die Erde, die sich verfärbt hatten.
»Nun ja, er ist auf den Weißdorn gefallen«, versuchte Sabine sich mit einer Erklärung. »Neuntöter.« Dieser seltsame Zusammenhang war ihr einfach durch den Kopf geschossen, obwohl er ganz und gar nichts mit dem Tod von Frank zu tun haben konnte. Sie wollte sich gerade korrigieren, sich für den Fauxpas entschuldigen, da ging Thilo eifrig auf ihre flapsige Bemerkung ein.
»Du hast recht! Aufgespießt von Dornen wie von einem Neuntöter.« Sein Grinsen geriet etwas schief. »Wie ein Beutetier des Vogels.«
»Danke für den Kalauer. Wir wissen alle: Der Weißdorn ist dafür nicht spitz genug.« Unwillig schüttelte Harald den Kopf.
»Aber der Zusammenhang ist spitze«, entgegnete Thilo.
»Na, wenn du das sagst.« Haralds süffisantes Grinsen brachte selbst Sabine auf die Palme.
Meine Güte. Wie Felix und sein Vater. Erschöpft schloss sie die Augen. Sie würde Tage, wenn nicht gar Wochen brauchen, um sich von diesem vermaledeiten Sonntag zu erholen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausat …
»Er ist tatsächlich nicht spitz genug«, mischte sich in dieser Sekunde dankenswerterweise Katja ein und schüttelte den Kopf, wobei ihr die Brille auf die Nasenspitze rutschte. Routiniert schob sie die großen Gläser mit einem Zeigefinger in die richtige Position. »Der Crataegus-Strauch wird wohl kaum für den Tod des Mannes verantwortlich sein.«
»Crataegus«, formte Thilo lautlos mit den Lippen.
»Der Mann heißt Frank«, warf Sabine ein. »Er hat einen Namen.« Oder sollte sie »hatte« sagen? Aber ein Name war ein Name, und den behielt man auch noch nach dem Tod bei, oder etwa nicht?
»Trotzdem hat sie recht«, bestätigte Harald, brach ab und wedelte mit der Hand in Richtung Katja. »Also sie.«
»Katja«, half Sabine wiederum aus.
»Katja«, wiederholte Harald gönnerhaft. »Die Ursache seines Todes werden wir erst sehen, wenn wir den Leichnam bewegt haben.«
»Bewegen?« Thilos Skepsis war unüberhörbar.
Die Sonne hatte sich inzwischen weiter über den Horizont geschoben und färbte die Wolken in Orangetönen. Annähernd rot wurden sie. Rot wie Franks Kopfwunde. Der arme Mann! Aber auch Sabine würde seinen toten Körper auf keinen Fall anfassen. »Sollten wir das nicht der Feuerwehr überlassen? Der Polizei? Wie Katja vorgeschlagen hat?«, fragte sie.
»Ich weiß schon, was ich hier tue«, entgegnete Harald.
»Das ist ein Unfallort! Wir können der Polizei doch nicht in ihre Arbeit pfuschen.« Katjas Brille rutschte schon wieder.
»Ich pfusche nicht! Wir greifen der Polizei hier nur unter die Arme!« Bevor Sabine etwas erwidern konnte, ging er erneut in die Knie und legte beide Hände unter Franks Rücken. »Die können froh sein, dass ich hier am Unfallort bin«, brummelte er, während er den Körper langsam in die Seitenlage drehte.
Thilo atmete hörbar aus, und ein schmerzverzerrter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Katja rückte ihre Brille zurecht, als eine klaffende Kopfwunde seitlich an Franks Schädel zum Vorschein kam.
»Da haben wir es«, sagte Harald, stand auf und betrachtete die Leiche mit sichtlichem Wohlgefallen. »Das ist eine ordentliche Kopfverletzung. Er ist unglücklich gefallen, möglicherweise haben die Äste seinen Sturz so aufgefangen, dass er mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen ist. Und Kopfverletzungen bluten immer sehr stark, da haben wir die Erklärung. Er ist wahrscheinlich sofort gestorben, so etwas kann ganz schnell gehen, hab ich früher oft genug gesehen«, fuhr er fort und steckte sein schmutziges Taschentuch wieder zurück in die Hosentasche.
»Leichenflecken, Unfälle, Tote, was um Himmels willen hast du gearbeitet?«, fragte Katja.
»Forensik.« Harald wirkte mächtig stolz, wie er auf den Zehen wippte und die Gruppe erwartungsvoll anblickte.
Aber Katja starrte nur in den Baum zu der Stelle, wo die Zweige und Äste abgebrochen waren, und Sabine schwieg ebenso.
»Wow.« Wenigstens von Thilo kam eine Meldung, wenn auch nur eine gehauchte, während alle anderen schwiegen. Nur die Vögel zwitscherten munter weiter.
Üblicherweise bewirkte ihr Gesang, dass sich in Sabines Kopf alles beruhigte. Sie konnte damit den Lärm aus ihrem Kopf vertreiben. Heide, Felix, das Stimmengewirr unterschiedlicher Tonlagen während der Arbeit vermittelten ihr das Gefühl, ihr Leben im Orchestergraben einer Free-Jazz-Band zu verbringen. Hier aber, am Ufer des Chiemsees, badete sie in Vogelstimmen. Sie gaben ihr Zuversicht.
Nur heute funktionierte das nicht.
In ihrem Kopf ratterte es. Harald war Forensiker? Von der Spurensicherung? Das hieße, er suchte Hinweise, Indizien, die er anschließend zu einem Gesamtbild zusammenfügte, um zu zeigen, was passiert war. Aber sie konnten sich immer noch nicht erklären, was Frank in diesem Baum zu suchen gehabt hatte, nicht einmal fünfzig Meter von ihrem Stammplatz auf dem Beobachtungsturm entfernt.
»Ich habe Mordfälle aufgeklärt«, führte Harald verschnupft aus. Er hatte sichtlich mehr erwartet als das dürftige »Wow« eines erkennbar angeschlagenen Jungspunds.
»Wow.« Sabine wiederholte Thilos Aussage mit etwas mehr Nachdruck. »Mordfälle aufgeklärt. Beeindruckend.«
»Durch meine Analysen und Ergebnisse habe ich den Kommissaren die Hinweise geliefert, in welche Richtung sie ermitteln mussten, das kam alles von mir. Aber, na ja, das waren eben Mordfälle.« Er deutete mit einer Geste auf ihr Umfeld. »Kein schnöder, wenn auch unglücklicher Unfall wie hier.«
»Nein«, sagte Katja langsam. »Das hier war auch kein Unfall.«
Sabine wandte sich abrupt zu ihr um, auch die anderen musterten Katja, der die plötzliche Aufmerksamkeit sichtlich unangenehm war. Eine leichte Röte breitete sich auf ihren Wangen aus.
»Seht ihr das Nest?«, fragte sie und deutete mit dem Finger nach oben.
Thilo nickte beeindruckt, und Sabine imponierte Katjas Gabe für Details ebenso. Sie hatte das Nest im Baum bemerkt, und dass trotz der Leiche zu ihren Füßen. Von ihr waren die Hinweise gekommen, Feuerwehr und Polizei zu verständigen und nichts anzufassen. Sabine hatte sich zwar gleich nach dem zweiten Treffen nach den Namen der anderen erkundigt und sich selbst vorgestellt – ein höfliches Vorgehen, dem nur sie nachgekommen war –, aber ansonsten wusste sie nichts über die drei anderen. Jetzt aber war sie sich sicher: Katja hatte ein Faible für analytische Betrachtung. Offenbar sogar mehr als Harald, auch wenn der behauptete, Mordfälle gelöst zu haben.
»Frank hätte nie ein Brutgelege gestört, nicht einmal, um Braunkehlchen zu beobachten«, stimmte sie Katjas Vermutung zu.
»Quatsch, das war ein Unfall«, brummelte Harald, und die Augenbrauenraupen begannen wieder zu zucken. »Was sollen die abgebrochenen Zweige und Äste sonst zu bedeuten haben?«
»Vielleicht hat ihm jemand hier aufgelauert«, widersprach Katja. »Und ihm die Kopfwunde zugefügt.«
»Ich weiß nicht recht«, murmelte Thilo, der sich inzwischen wieder ein wenig gefasst zu haben schien, denn sein jungenhaftes Gesicht war nicht mehr ganz so blass. Mit verkniffenem Lächeln stand er da, die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben. »Ein Mörder? Hier im Naturschutzgebiet? Glaubst du das ernsthaft? Das klingt mehr nach Hatchet als nach Chiemsee.«
Katja sah ihn verständnislos an, und Thilo schaute verdutzt zurück.
»Ein Horrorfilm«, erläuterte er. »Spielt in den Sümpfen von …« Er brach ab. »Ach, ist ja auch egal.«
»Wir sollten keine Möglichkeit ausschließen, bis wir nicht wissen, was passiert ist.«