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Solo und Tarzan endlich im Ruhestand. Mit einem alten Wohnmobil wollen sie ihr Leben entschleunigen. Die erste Tour führt nach Zeeland, an die niederländische Nordseeküste. Ihr Camper wurde dort ohne ihr Wissen, während eines Werkstattaufenthalts mit Drogen vollgestopft. Als sie auf der Rückreise durch Zufall die brisante Fracht entdecken, werden sie von den Drogenhändlern gezwungen, die Ladung direkt nach Sizilien zu bringen. Solo und Tarzan in den Fängen der niederländischen Drogenmafia. Ein höllischer Roadtrip mit einer eiskalten Oma und ihrem durchgeknallten Enkel. Ein Wohnmobil auf dem Weg zum Meeresgrund. Der neunte Band der erfolgreichen Solo & Tarzan-Reihe. Endlich! Es geht weiter!
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Manfred H. Krämer
Der neunte Solo & Tarzan Krimi
Für Monika Fleige
Das beste Up-Date meines Lebens!
In Gedenken an unser Urmel 1.0
Titelidee: Manfred H. Krämer
Satz & Gestaltung: Manfred H. Krämer, Verena Kessel
ISBN Taschenbuch
978-3-86476-201-7
ISBN E-Book EPUB
978-3-86476-514-8
ISBN E-Book PDF
978-3-86476-515-5
Verlag Waldkirch KG
Schützenstraße 18
68259 Mannheim
Telefon 0621-129 15 0
Fax 0621-129 15 99
E-Mail: [email protected]
www.verlag-waldkirch.de
© Verlag Waldkirch Mannheim, 2025
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verlags.
Manfred H. Krämer
Ein Solo & Tarzan-Krimi
Verlag Waldkirch
Solo und wer?
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Nachwort
Danke
Über den Autor
Liebe Leserinnen und Leser,
wenn dies Ihr erstes Buch aus dieser Reihe ist, stelle ich Ihnen meine Protagonisten kurz vor:
Solo heißt mit bürgerlichem Namen Bertha Solomon und wird seit ihrer Jugend von allen nur Solo genannt, was ihr gut gefällt, da sie ihren Vornamen für spießig und altbacken hält. Sie hat nach ihrer Hochzeit mit Tarzan (2016) ihren Nachnamen behalten. Mittlerweile ist sie 57 (meine Figuren altern mit mir) und immer noch sportlich schlank. Das feuerrote, kurzgeschnittene Haar weist inzwischen deutliche graue Strähnen auf, was sie nicht groß kümmert. Sie ist mit 1,74 m zwei Zentimeter größer als ihr Mann, was dieser stets auf ihre Laufschuhe schiebt. Ihr Hobby ist ein 68er Pontiac Firebird Convertible, der, zusammen mit Tarzans alter Harley, die meiste Zeit des Jahres in der Scheune eines Freundes unter einer Plane verbringt. Als Alltagsfahrzeug haben sich die beiden vor einem halben Jahr einen Dacia Duster zugelegt.
Tarzan heißt wirklich so. Naja, fast. Der 65-jährige ehemalige Lkw-Fahrer heißt Lothar Zahn und wird seit seiner Schulzeit Tarzan gerufen. Er ist von stämmiger Statur, trägt einen Kinnbart und verbirgt sein dünner werdendes graues Haar gerne unter einer Basecap oder einem Hut. Solo und Tarzan betrieben bis 2022 eine Firma für Sicherheit und Überwachung im Logistikbereich. Nach dem Verkauf des Unternehmens haben sie ihr altes Wohnschiff „Lady Jane“ sanieren lassen, das seinen Liegeplatz im Lampertheimer Altrhein hat, und leben im Ruhestand. Tarzans uneheliche Tochter Jay, die im Band 8 „Rivermord“ bei ihnen eingezogen war, ist zu ihrer Mutter in die USA ausgewandert und macht eine Ausbildung zur Rangerin in einem Nationalpark.
15.10.2023. Der Mann kniete im Schlamm. Den Blick zum Himmel erhoben, so dass die Regentropfen wie Tränen über sein Gesicht liefen, hatte er etwas Flehendes an sich.
Der Wind zerrte an der gelben Regenjacke. Die Brandung war bis hierher zu hören. Nur Zentimeter vor seinem Kopf befand sich das dreckverkrustete Vorderrad des Fahrzeugs.
„Es ist gut, Henk. Es ist gut ...“ Mühsam, die linke Hand auf ein Knie gestützt, rappelte er sich auf und stemmte die Arme in die Hüften. Der leidige Rücken. Henk, der Mann an der Winde, zeigte der Frau am Steuer einen erhobenen Daumen. Mit lautem Ratschen zog sie die Handbremse an. Nach einem halben Dutzend erfolgloser Versuche stand das alte Wohnmobil endlich in der richtigen Position auf dem Transportanhänger. Solo holte die Zurrgurte aus der Alukiste auf der Deichsel und half Tarzan und Henk, den Schrotthaufen ordentlich zu sichern.
Vor 24 Jahren war der Rimor mal ein schmucker Camper gewesen. Sechs Schlafplätze, ein Bad mit separater Dusche im Heck, Küchenblock mit Kühlschrank und Stauraum ohne Ende. Viel war davon nicht mehr übrig. Der Alkoven1 diente als Rumpelkammer. Im Bad stapelten sich Getränkekisten und die Sitzgruppe war einem aus rohen Brettern gezimmerten Doppelbett gewichen. Die Rollos an den Fenstern funktionierten nicht mehr, von den Einbauten schälte sich das Furnier ab, die Klappen schlossen nicht richtig und überall verliefen mit Lüsterklemmen verbundene Elektrokabel. Es roch wie in einem Gewölbekeller, hinter dessen Konservenregal etwas gestorben war. Wehmütig betrachtete Henk das bemooste Wrack.
„So viele schöne Sommer, haben wir darin verbracht.“ Er tätschelte die Aluminiumseitenwand, wie bei einem treuen alten Pferd. Henk, ein ehemaliger Kollege und Freund von Tarzan, hatte sich entschlossen, dem Camperleben Adieu zu sagen. Das Alter, der Rücken ... Der eigentliche Auslöser war allerdings die Insolvenz des kleinen Campingplatzes bei Eckernförde. Nein, den Planierraupen wollte er das Urmel, so hatte er das Mobil liebevoll genannt, nicht opfern. Vor drei Monaten, bei einem Treffen ehemaliger Lkw-Fahrer, hatten er und Tarzan sich nach vielen Jahren wiedergesehen. Als Tarzan ihm nach etlichen Bieren von seinem ewigen Lebenstraum, einem zum Wohnmobil umgebauten Omnibus, vorschwärmte, bot er ihm spontan das Urmel an. Geschenkt. Unter alten Fahrensleuten nimmt man kein Geld. Okay ... es ist ein bisserl was dran zu machen ... Ein Bus ist es auch nicht ... Aber mit gusseiserner Technik. Selbst in Papua Neuguinea kriegst du noch Teile für das Baby. Noch ein Bier. Noch ein Korn. Handschlach! Und Solo? Henk hatte Tarzan ein paar Fotos geschickt. Per Brief. Henk eben: Analog bis zur Schmerzgrenze. Auf den Rückseiten der verblassten Aufnahmen mit Bleistift gekritzelte Bemerkungen W.O.A 1999: vier langhaarige Kerle, drei Kästen Bier, im Hintergrund glänzt das Urmel in der Abendsonne. Gardasee 2000: Henk mit Anita, fröhlich aus dem Fenster winkend, Geranien im Blumenkasten. 2002: Marokko. Urmel unter Palmen, handgemalte Kamele samt Sonnenuntergang auf dem Alkoven. Aktuelle Bilder? Nö. Überhaupt: geschenkter Gaul und so ... Tarzan freute sich wie ein Kind. Solos Vorfreude hielt sich in engen Grenzen. Arg engen Grenzen!
Sie kletterte vorsichtig aus dem Führerhaus, wischte sich die Hände an ihrem Blaumann ab und schaute Tarzan kopfschüttelnd an: „Mit diesem Schimmelschloss kannst du alleine auf Tour gehen. Wenn du das Ding als Hundehütte nutzt, kriegst du eine saftige Anzeige vom Tierschutzverein.“
Tarzan hob besänftigend beide Hände. „Schatz, du wirst diese Kiste nicht wiedererkennen, wenn der Ottl und ich damit fertig sind, ich ...“
Solo unterbrach ihn seufzend. „Du weißt schon, dass ich Ende Fünfzig und du Mitte sechzig bist. Um aus dem morschen Hühnerstall etwas zu machen, in dem ich gut schlafe, braucht es mindestens zwanzig Jahre.“
Hier irrte Bertha Solomon. Tarzan und Ottl, sein handwerklich versierter Freund, der schon zwei alte Feuerwehrautos und einen T1-Bully umgebaut hatte, schafften es in neun Monaten. Genies, Päpste, Präsidenten, Stars wurden in ähnlichen Zeiträumen erschaffen.
13.07.2024. Tarzan war etwas gelungen, das er in über dreißig Jahren nicht geschafft hatte: Er hatte Solo nicht verraten, wie weit sie mit dem Um- und Ausbau des alten Wohnmobils vorankamen, und er hatte dem Wunsch widerstanden, ihr jeden Abschnitt nach Fertigstellung stolz zu zeigen. Wer Tarzan kennt, weiß, was er da geleistet hat. Doch nun war es soweit.
Das große hölzerne Rolltor wurde zur Seite gezogen und die rundliche Schnauze des 230er Ducatos glänzte im Sonnenlicht. Ja, glänzte. Der schwarze Stoßfänger sah aus wie neu. An den Rädern schimmerten verchromte Radkappen, die halb abgeblätterten Kamele auf der Alkovenfront waren einer großen untergehenden Sonne mit Möwen und angedeuteten Wellen gewichen. Ottl und Tarzan in ihren Latzhosen sahen aus wie einem alten Heinz-Rühmann-Film entsprungen und platzten fast vor Stolz, als sie Solos ungläubiges Gesicht sahen.
„Leute ...“ Flüsterte sie andächtig und strich über die ebenfalls tiefschwarzen Außenspiegel.
„Äh, nicht! Wir haben ...“ Zu spät, Solo betrachtete ihre fettige Handfläche und widerstand dem Impuls, sie an ihrer weißen Jeans abzuwischen.
„Hier, Schätzele!“ Tarzan reichte ihr ein leidlich sauberes Tuch. „Geheimtipp vom Ottl: ausgebleichte Plastikteile mit Sonnenblumenöl einreiben. Die werden wieder wie neu! Kannst du auch mal probieren ...“ Solos Blick hätte jeden anderen augenblicklich tot umfallen lassen.
„An deinem Firebird! Solo! An deinem Firebird, meinte ich! Herrgott!“ Solos Augen studierten aufmerksam Tarzans Gesicht, schienen keine Anzeichen von Bosheit zu finden und wurden um ein Grad wärmer.
„Gerade nochmal die Kurve gekriegt, mein Freund. Knapp. Megaknapp.“
Hinter dem Wohnmobil tauchte ein Mädchen auf.
„Hab ich gemacht!“ Das Kind sah aus, als sei es einem alten Kinderfilm entsprungen. Feuerrote Haare, etwas zu große Jeans-Latzhosen voller Farb- und Ölflecke und knallgelbe Gummistiefel. Auch verdreckt. Lilly. Ottls Enkelin. Als ihre Eltern sich vor sieben Jahren getrennt hatten, baute Ottl kurzerhand die nicht mehr benötigten Stallungen in eine rustikale Wohnung um und nahm Lilly und seine Tochter bei sich auf. Seitdem wohnten die beiden auf seinem Hof. Das Mädchen erzählte jedem begeistert, dass sie im Schweinestall lebte.
Vor fünf Jahren hatten Solo und Tarzan Ottheinrich Boxheimer kennengelernt, der ihnen bei der Revision ihres mittlerweile altersschwachen Wohnschiffs tatkräftig unter die Arme gegriffen hatte, so dass die Lady Jane wieder fit für viele weitere Jahre war. Lillys Mutter unterhielt in einem Mannheimer Vorort ein großes Yoga-Zentrum und gab auch Kurse außerhalb, so dass Lilly hauptsächlich von ihrem Opa erzogen wurde. Der sie in alles einband, was es auf dem ehemaligen Bauernhof so zu tun gab. Lilly hatte zwar Schwierigkeiten in Mathematik, aber sie konnte die Lichtmaschine eines T1-Bullys einbauen und hervorragend mit Bits und Akkuschraubern umgehen. Solo und Tarzan liebten sie wie eine eigene Enkelin und hatten ihr auch schon versprochen, sie in den nächsten Ferien mit auf Tour zu nehmen. Lilly trat aufgeregt von einem Bein aufs andere.
„Solo! Du musst dir unbedingt angucken, was wir drinnen alles gemacht haben!“ Das Mädchen öffnete die Aufbautür.
Sofort verrauchte bei Solo auch noch der letzte Zornesfunke. „Respekt, Jungs, Respekt! Das habt ihr ja genial hingekriegt“. Ehrliche Anerkennung schwang in ihren Worten mit.
„Warte ab, bis du das Bad siehst, Schatz! Ich sag nur: Wellness-Oase!“ Tarzan quetschte sich an seiner Frau vorbei und öffnete die Tür zu der winzigen Nasszelle im Heck. Da, wo einst die Duschtasse war, hatten er und Ottl einen Waschtisch mit Aufsatzwaschbecken samt Designergarnitur installiert. Zwei Wände waren mit Spiegelfliesen verkleidet. Alles andere in Weiß; Regale und Waschtischplatte in Bambus. Es sah aus wie in einem Luxusliner.
„Und wo duschen wir?“, fragte Solo.
„Folge mir!“ Tarzan grinste und verließ das Fahrzeug. Stolz präsentierte er eine Klappe an der Seite des Mobils. Er öffnete sie und Solo erkannte eine komplette Dusche samt Mischbatterie und sorgfältig aufgerolltem Schlauch. Sie schaute Tarzan mit dem ihm wohlbekannten Nicht-Dein-Ernst-Ausdruck an. Tarzan erklärte eifrig, bevor die Zornesfalte auf ihrer Stirn sich richtig entwickelt hatte: „Wir haben die Anschlüsse einfach nach außen verlegt, alles komplett abgedichtet. Ideal an heißen Tagen, nach einem Strandbesuch oder so ...“
„Und wenns kalt ist, oder wir mitten in einer Stadt stehen?“ Sie war immer noch skeptisch.
„Dann eben auf einem Campingplatz, einem Hallenbad, unter einem Wasserfall. Auf der Lady Jane duschen wir auch nicht jeden Tag.“ Solo nickte widerstrebend. Das originale Waschbecken war die reinste Müslischüssel gewesen. Dieses hier hatte eine fast normale Haushaltsgröße. Ausreichend, um einen Menschen von Kopf bis Fuß sauberzukriegen.
„Wir haben einen fetten Wasserschaden freigelegt“, fuhr Tarzan fort, „als wir das alte Bad rausgerissen haben. Wir mussten die komplette hintere Ecke und den Boden bis zur Küche neu aufbauen.“
Ottl, der die ganze Zeit auf seinem Handy herumgewischt hatte, hielt es ihr vors Gesicht: „Guckst du.“
Solo nahm das Gerät und verfolgte das verwackelte Video mit gerunzelter Stirn. Schwarz vermodertes Holz, schimmelige Dämmplatten. Das Display zeigte den Boden der winzigen Nasszelle. Durch ein faustgroßes Loch erkannte sie den staubigen Beton der Scheune.
„Das ist ja gruselig!“, sie gab Ottl das Handy zurück. „War da ein Loch im Dach?“
Ottl schüttelte den Kopf. „Da ist alles dicht. Innen waren die Dichtungen verhärtet und die Duschwanne hatte Risse. Außerdem wurden Haken für Handtücher und die Befestigungen für die Duscharmatur einfach nur mit Spaxen verschraubt. Da hat sich das Wasser und der Dampf vom Duschen seinen Weg gesucht. Wenn du mich fragst, sind Duschen in so engen Räumen wie in einem Womo absoluter Blödsinn.“ Tarzan bemerkte erleichtert, dass Solo verständnisvoll nickte. Sie schenkte ihm sogar ein schelmisches Lächeln und erklärte: „Fließendes Wasser, Seife und ein Waschlappen können wahre Wunder vollbringen. Hey Leute, wir sind Camper!“
Ottl deutete auf ein verbeultes Ölfass, auf dem eine Flasche und drei Gläser standen. „Und Camper reinigen sich auch von Innen!“
Er goss reichlich ein und drückte jedem eines der bauchigen Gläser in die Hand. „Slainthe! Mögen eure Reisen euch an spannende Orte voller Abenteuer und mit vielen neuen Bekanntschaften führen!“ Lilly prostete ihnen mit Orangensaft zu. „Slansche!“
„Slainthe!“, erklang im Chor. Gläser klirrten, warm rann der Single Malt durch die Kehlen.
„Und jetzt muss einer ein Foto von mir machen!“, krähte das Mädchen und kletterte auf den Fahrersitz. „Los!“
Entsetzt verfolgten Solo und Tarzan, wie Lilly prüfte, ob der Leerlauf drinnen war, den Zündschlüssel drehte und den Motor startete.
„Keine Angst“, sagte Ottl lachend. „Ihre Füße reichen noch nicht bis zu den Pedalen. Wenn das mal so ist, brauche ich wahrscheinlich einen Schlüsseltresor.“
„Tarzan! Los! Foto!“ Lilly grinste stolz und zeigte ihre großen Schneidezähne. Wer bitte ist Pippi Langstrumpf?
1Eine Bettnische in einem Wohnmobil über dem Fahrerhaus.
Holland sollte es werden. Mutterland aller Camper. Nicht Sardinien, nicht Marokko, nicht Kroatien. Nein, auch nicht das Nordkap. Für die Niederlande benötigte man keine Sandbleche, Winden oder Wasseraufbereitungsanlagen. Meer hatte es dort genug, Strände auch und außerdem gab es Pfannkuchen und Frikandel. Was Tarzan letzlich davon überzeugt hatte, seine Weltumsegelungsträume vorerst zurückzustellen. Vorerst! Solo war es, die Tarzans verklärte Sicht auf die grenzenlose Camper-Freiheit auf ein realistisches Maß zurückgestutzt hatte. Lagerfeuer am Strand, Würstelbraten am einsamen Seeufer, Stellplatz mit Panoramablick auf den Klippen ... Die üblichen Motive der Wohnmobilhersteller und Verkäufer. Alles gelogen.
Na dann: Ab nach Holland! Zeeland, um genauer zu sein. Ein Campingplatz im geografisch zerfledderten Süden des Landes, in der Nähe von Renesse. Nur durch die Dünen vom Strand getrennt. Tarzan wäre am liebsten gleich mit dem neuen alten Urmel losgedüst. Ein Kasten Bier, sechs Dosen Ravioli, jede Menge Schoki und ein Dutzend Unterhosen. Was ein Mann halt so braucht. Solo ihrerseits erstellte seitenlange Listen, überlegte zusammen mit Tarzan, welche Ausrüstung sinnvoll war und veranlasste mit dem Ergebnis tägliche Anfahrten der Paketdienste vor dem Liegeplatz des Hausboots. Die umliegenden Baumärkte und ein schwedisches Möbelhaus verzeichneten häufige Besuche. Glücklicherweise war das Urmel nicht so schwer wie seine modernen Vettern und konnte eine ordentliche Zuladung vorweisen. Wie die meisten Alkovenmobile besaß es geräumige Schränke, Fächer und Außenstauräume und einen Fahrradträger am Heck. Tarzan hatte ursprünglich vorgehabt, noch eine Anhängerkupplung anzubauen, um seine Harley mitzunehmen. Ottl hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und ihm schonend beigebracht, dass Urmels 90 PS mit dessen Eigengewicht schon fast überfordert waren, zumal es den CW-Wert einer Fertiggarage besaß.
Fahrrad also. Im Unterdeck der Lady Jane, dem „Keller“, rosteten Solos Hollandrad und Tarzans antikes Mountainbike traurig vor sich hin. Tarzan witterte Morgenluft und schlug Solo vor, zwei E-Bikes anzuschaffen. Die erklärte ihm, dass ihr E-Fahrzeuge, egal ob Auto oder Fahrrad, schon immer suspekt gewesen seien und verdonnerte ihn dazu, den „Keller“ aufzuräumen, die Fahrräder zu putzen und instand zu setzen und wasserdichte Packtaschen und ein gescheites Schloss zu besorgen. Sein Hinweis, an der Küste gäbe es ständig Wind, wurde mit den Worten „In Holland gibt es mehr Fahrräder als Einwohner!“, weggewischt. Antrag abgelehnt!
Ende Juni sollte es losgehen. Tarzan war gespannt. Das Frühjahr hatte bisher jede Menge Regen gebracht. Der Altrheinarm, an dessen Ende der Liegeplatz des ehemaligen Ausflugsschiffes lag, das sie bewohnten, führte seit Wochen Hochwasser und die Temperaturen kletterten nur selten in Richtung 20 Grad.
Zwei Wochen vor der geplanten Abfahrt holte die Müllabfuhr einen großen Haufen Sperrmüll ab. Der „Keller“ strahlte besenrein, mit ordentlichen Regalen, Werkzeugschränken und einer selbstgebauten Werkbank. Die Fahrräder hatten neue Reifen, neue Ketten und neue Bremsbeläge erhalten, die Beleuchtung funktionierte und an Solos Dreigang-Hollandrad hingen schmucke Packtaschen. Auf den Gepäckträger hatte Tarzan eine Pfälzer Weinkiste geschraubt. Sein Mountainbike hatte noch nicht einmal Schutzbleche. „Ist ein Sportgerät, Schatz.“, erklärte er selbstbewusst, was Solo ein Grinsen entlockte. Tarzan war früher Marathon gelaufen. Was immer wieder für Erstaunen sorgte, wenn er neuen Bekanntschaften seine Medaillen zeigte. Heute zeugten nur noch seine enormen Waden und gelegentliches Joggen von alten Glanzzeiten. Als er im letzten Jahr, zusammen mit einem alten Freund, einen Benefizlauf mitgemacht hatte, klopfte dieser ihm im Ziel anerkennend auf die Schulter: „Tolle Leistung, Alter! Mit dem Ranzen!“ Freunde waren sie trotzdem noch. Immerhin. Doch das mit dem Ranzen saß. Da konnte Solo zehnmal sagen, dass sie ihn so liebte, wie er war. Zumal sie deutlich schlanker war als er.
Am 30. Juni, ein Sonntag, war es endlich soweit. Tarzan überprüfte gefühlt zum zehnten Mal die Befestigung der Räder auf dem Gestell am Heck. Als ehemaliger Lkw-Fahrer achtete er penibel auf die Ladesicherung und jegliche Außenlasten waren ihm ein Graus. Selbst die Türen im Wohnbereich hatte er mit zusätzlichen Sicherungen versehen. Aus den sechs Dosen Ravioli und dem Dutzend Unterhosen war mittlerweile fast ein kompletter Hausstand geworden. Immerhin fand ein Kasten Bier Unterschlupf in einem gut zugänglichen Unterschrank und das Gefrierfach des Kühlschranks war bis auf den letzten Zentimeter mit Grillgut vollgestopft. Ottl kam mit dem Fahrrad den Zufahrtsweg herunter und drückte Tarzan ein verdächtig nach Flasche aussehendes Päckchen in die Hand.
„Man sollte stets eine Flasche Whisky im Auto haben. Im Falle eines Schlangenbisses!“
Tarzan lachte und ergänzte das W. C. Fields Zitat: „Außerdem sollte man stets eine Schlange im Auto haben!“ Die Männer umarmten sich und Tarzan verstaute das Päckchen in einem der Kleiderfächer. Ladungssicherung!
„Hier die Schlüssel von unserer Lady. Pflanzen gießen brauchst du nicht, die hat Solo mit den Jahren alle getötet und die Erdbeeren stehen eh draußen. Wenn welche reif sind, bedien dich. Wäre schade drum. Wenn in der Post etwas wichtig Aussehendes ist, mach es auf und schick mir ein Foto. Danke Mann!“
„Nicht dafür, Tarzan. Ich wünsch euch einen schönen Urlaub und besser Wetter.“ Wie zur Bestätigung grummelte es im Osten über den Bergen des Odenwaldes, wo sich bedrohliche Gewittertürme aufbauten. Solo kam mit ihrem Badköfferchen über den Steg an Land. Traditionell das letzte Gepäckstück bei allen Reisen. „Aye, Ottl! Pass gut auf den alten Dampfer auf! Nicht dass einer damit abhaut!“ Sie drückte den Mann in der Latzhose herzlich.
„Augen offenhalten“, entgegnete dieser. „Der Rhein fließt ja nach Holland. Wenn die an eurem Strand vorbeituckert, müsst ihr sie nur entern!“
Sie verabschiedeten sich von ihrem Freund und bestiegen das Fahrerhaus. Blechern knallten die Türen. Mit einer schwarzen Rauchwolke erwachte der Diesel. Solo übernahm die erste Etappe bis zur Mittagspause. Schwerfällig holperte das Urmel über den unbefestigten Sandplatz am Altrhein. Das Besteck in der Schublade klapperte, die Teller klirrten (Solo hasste Plastikgeschirr) und die Bierflaschen im Kühlschrank schepperten. Camper-Sinfonie. Kurz vor dem Autobahnanschluss Mannheim-Sandhofen plumpste der mit einem Saugnapf an der Frontscheibe befestigte Rückfahrmonitor auf das Armaturenbrett.
Solo fluchte und versuchte das Gerät am Kabel hervorzuangeln.
Tarzan winkte ab. „Lass es Schatz. Machen wir in der Pause. Bis dahin fahren wir nicht rückwärts.“ Er fummelte an seinem Handy herum, aktivierte die Bluetoothbox auf der Ablage und schon bald dudelte ihre Playlist „Country Roads“ von John Denver. Solo legte das vollbeladene Urmel flott in die Kurve zur A6, schaltete zurück und produzierte eine Abgaswolke wie eine Diesellok beim Kaltstart. „Pass auf, die machen gleich alle die Scheinwerfer an!“, lachte Tarzan und begann (Solo hatte es befürchtet!), lautstark mitzugrölen: „Almost heaven, West Virginia, Blue Ridge Mountains, Shenandoah River ...“ Solo verzog das Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen, musste dann aber doch lächeln. Tarzans Englisch mit Pfälzer Akzent. Das wäre doch mal was für den ESC. Zwei schräge Vögel auf dem Weg nach Lummerland. Am Ende sangen beide gegen den brummigen Diesel und die Windgeräusche des sperrigen Alkovenmobils an. So. Geht. Leben! Solo wurde beinahe sentimental. Was hatten sie in den vergangenen Jahren nicht schon alles erlebt. Nein! Niemals hatte sie ihre Entscheidung, in den Ruhestand zu gehen, bereut. Langeweile? Sie genoss es, ab und zu Langeweile zu haben. Ihr Leben war wahrhaftig turbulent genug gewesen. Sie freute sich auf entspannte Tage am Strand, wo das Aufregendste die Entdeckung einer Robbenfamilie auf einer Sandbank darstellte. Ausschlafen, wandern, schwimmen, lesen ... Die kommenden zwei Wochen würde sie sich nicht aufregen. Kein Stress! Kein Druck! Niggesse!
Hier irrte Bertha Solomon!
Am Frankenthaler Kreuz wechselten sie auf die A61 in Richtung Koblenz. Der Verkehr war nur mäßig. Solo ließ das Urmel mit 90 km/h schnurren. Als Tochter eines Spediteurs hatte sie schon ganz andere Kaliber gefahren. Trotzdem vermittelte die Sitzposition in dem Transporterfahrerhaus, die Fahrleistungen und der Geräuschpegel schon ganz gut das Lkw-Feeling der siebziger Jahre. Oft wurden sie von modernen Reisemobilen zügig überholt. Weit über 100 PS, LED-Beleuchtung, Leichtmetallfelgen. Schon schick. Sie vermisste nichts. Tarzan und sein Kumpel hatten aus der bemoosten alten Kiste ein hübsches, gemütliches Heim gebaut. Mein Gott! Ihr Vater hatte in den Siebzigern mit einem Mercedes 220 D einen sechs Meter langen Wohnwagen über den Brenner an die Adria gezogen. Wehmütig erinnerte sie sich an ihre Kindheit und Jugend. Erst mit den Eltern im Caravan, dann mit der Clique im alten Army-Zelt. Nein, in einem mit Elektronik vollgestopften 100.000-Euro-Wohnmobil unterwegs zu sein, war nicht das, was sie unter Camping verstand.
Tarzan auch nicht. Gott sei Dank! Wenn diese erste längere Probefahrt erfolgreich verlief, würden sie sich noch ein Kajak zulegen. Mosel, Lahn, der Neckar. Es musste nicht immer die Ardeche sein.
Bingen-Mitte. Die Berge des Hunsrücks zwangen sie zurückzuschalten. Rauchend schnaufte das Urmel in Richtung Holland. Ein Blumenlaster und zwei Kühltransporter zogen vorbei. 500 PS sind heutzutage nichts Besonderes mehr.
Kurz vor der niederländischen Grenze verließen sie die Autobahn, um zu tanken. In Holland war der Sprit etwas teurer. Der Tank fasste 90 Liter und reichte somit locker, um auf der Heimfahrt wieder in Deutschland zu tanken. Tarzan überschlug den Verbrauch und kam auf ziemlich genaue 10 Liter auf 100 Kilometer. Ottl hatte den robusten alten Diesel super eingestellt.
Solo hatte zuhause Stullen geschmiert und eine große Thermoskanne mit Kaffee gefüllt. Auf dem Parkplatz der Tanke genossen sie ihre Vesper und machten Bilder von ihrem neuen alten Wohnmobil. Sie waren Camper! Ein Traum ist wahr geworden!
Tarzan übernahm für die restliche Strecke den Platz hinter dem Lenkrad. Die Playlist spielte die Pet Shop Boys: Go West! Passend zur Fahrtrichtung. Über Antwerpen ging es in Richtung südholländische Inseln. Endlich brach auch die Wolkendecke auf und die Sonne tauchte das sattgrüne Land in ein märchenhaftes Licht. Noch 230 Kilometer bis zum Ziel!
Um 16.30 Uhr stoppte Tarzan das Urmel auf der Wartespur vor der Einfahrt zum Campingplatz De Groenduin. Erwartungsvoll steuerten sie die Rezeption an, wo sie nach einem (fast) akzentfreien „Goedemiddag“ augenblicklich als Deutsche erkannt und in ihrer Muttersprache angesprochen wurden. Sie erhielten einen Plan, in dem die freundliche ältere Dame ihren Platz, der die Nummer 1101 hatte, markierte und der gar nicht weit vom Eingang entfernt lag. Es stellte sich heraus, dass dieser Campingplatz aus vielen kleinen, durch Hecken und Bäume getrennten Arealen bestand, auf denen zwischen 5 und 10 Mobile oder Wohnwagen Platz fanden. Vorsichtig steuerte Tarzan das Urmel über die schmalen Straßen.
Solo zeigte nach links. „Ich glaub, da müssen wir rein.“ Tarzan rollte noch ein Stück, bis er den Platz einsehen konnte. Vier Wohnmobile standen dort. Aufgereiht wie eine Wagenburg mit ausgefahrenen Markisen, Vorzeltteppichen und Sitzgarnituren.
„Schaut gemütlich aus. Kannst du sehen, wo die Nummer 1101 ist?“
„Stopp mal, ich hüpf raus und sehe nach.“ Solo stieg aus und marschierte zielstrebig auf den Platz. Vor dem ersten Mobil, einem knuffigen TEC, saß ein Paar in ungefähr ihrem Alter. Dem Nummernschild nach kamen sie aus Bingen am Rhein.
„Gude“, begrüßte sie die zwei auf Rheinhessisch. „Wir haben die Nummer 1101. Könnt ihr mir sagen, wo die hier ist?“
„Drüben, der Eckplatz, vor dem Hymer. An der Stromsäule stehen die Nummern. Sieht man schlecht, weil das Gras so hoch ist. Willkommen, wir sind Moni und Maico aus Trexico.“
„Danke, wir sind Solo und Tarzan. Trexico? Wo ist denn das?“
„Verrat ich euch, wenn du mir sagst, warum dein Mann Tarzan heißt! Aber kommt erst mal an. Danach trinken wir einen guten Nahewein zusammen.“
Der Mann lachte. „Ihr könnt euch ja an einer Liane rüberschwingen!“
„Das hab‘ ich gehört!“, rief Tarzan aus dem Führerhaus und winkte fröhlich herüber. „Moin Leute!“ Zehn Minuten später war das Urmel korrekt geparkt. Mit den Vorderrädern stand es auf Nivellierkeilen, da der Boden etwas uneben war. Eckplatz war immer gut. Nur ein unmittelbarer Nachbar. Windgeschützt durch die angrenzenden Büsche und Bäume und etwas größer als die anderen. Gemeinsam zelebrierten sie die Inbesitznahme des Territoriums: Markise ausfahren, Teppich ausbreiten, Fahrräder abladen und Tisch und Stühle aufklappen. Solo schloss das Mobil an die Stromsäule an, schaltete den Kühlschrank auf Landstrom und öffnete eine der beiden Gasflaschen. Tarzan befestigte die Sturmsicherung an der Markise und brachte die Thermomatten an den Fenstern des Führerhauses an. So! Fertig! Meins!
Solo holte den kleinen Gasgrill aus seinem Fach unter der Sitzbank und begann ihn draußen zu montieren. Wie fast alles im und am Urmel war das Gerät nagelneu. Sie setzte sich in einen der Klappsessel und studierte die Betriebsanleitung. Tarzan kochte Kaffee und pfiff vergnügt vor sich hin. Sie lächelte. So entspannt war er selten.
„Grillen verboten!“ Erklang eine Stimme. Maico. Der Nachbar. Irritiert schaute Solo zu dem grinsenden Mann hinüber. „Bitte?“
„Spaß, Frau Nachbarin. Na klar, dürft ihr grillen, aber wir machen das heute auch und unserer ist eigentlich zu groß für zwei. Schade um das viele Gas. Wenn ihr wollt, bringt euer Grillzeugs rüber und werft es zu unserem dazu. Kost nix!“ Solo zögerte einen Augenblick, bevor sie zustimmte. Sie war nicht der Typ für spontane Einladungen und überschwängliche Best-Friends-Bezeugungen. Sie ließ sich gerne Zeit und war sehr sorgfältig bei neuen Bekanntschaften. Aber die beiden wirkten sympathisch, ihre Freundlichkeit schien echt zu sein und der stattliche Grill war tatsächlich ziemlich oversized.
„Danke wir kommen gerne. Aber wir steuern auch was zu trinken bei, dass das klar ist.“
***
Es wurde ein schöner, entspannter Abend, ohne aus dem Ruder zu laufen. Solo und Tarzan genossen die Gesellschaft, das Essen und den Wein und dass es hier an der Küste wohl keine Stechmücken gab. Leider erfuhren sie auch, dass ihre beiden neuen Camperfreunde schon morgen weiterzogen. Sie wollten nach Nordholland, auf die Insel Texel und schwärmten von der Schönheit der Landschaft und den romantischen kleinen Dörfern dort.
Es folgte eine Woche mit recht wechselhaftem Wetter, manchen Regenschauern und auch mal einem kurzen Gewitter. Solo und Tarzan erkundeten die Umgebung per Fahrrad, wanderten durch die Dünen und verbrachten den einzigen Tag, an dem durchgehend die Sonne schien, von morgens bis abends am Strand. Ansonsten lasen sie, spielten stundenlang ihr geliebtes Rummikub und saßen bis spät in die Nacht vor dem großen Laptop, um ihre Lieblingsserien zu streamen. Entspannung war die Losung für diese Reise. Beide genossen das Trommeln des Regens auf dem Aludach und das Rascheln des Windes in den Blättern der umliegenden Bäume.
Bis zu jener Nacht ...
Tarzan drehte sich vorsichtig auf die linke Seite. Er lag im vorderen Teil des Alkovens, wo die „Nase“ des Wohnmobils sich verjüngte. Solo mochte die Enge nicht, sie bestand von Anfang an darauf, auf der dem Wohnraum zugewandten Seite des Oberstübchens zu liegen. Dort breitete sie sich gerne wie in ihrem Bett auf der Lady Jane aus, bloß dass im Urmel die Liegefläche nur 1,40 m maß. Tarzan war das wurscht. Er hatte in seiner Zeit als Fernfahrer in bedeutend kleineren Kabuffs gepennt. Er hatte sogar gelernt, über Solo hinweg zu klettern, ohne dass sie dies bemerkte. Nützlich, wenn man abends gerne Bier trank und nachts mindestens einmal aufs Örtchen musste. Diesmal war es nicht seine Blase, die ihn geweckt hatte, sondern ein Hubschrauber. Einer, der schon im Schlaf Kreise in seinem Kopf gezogen hatte. Blackhawk. Mindestens. Wenn nicht sogar ein Chinook mit seinen Doppelrotoren.
Er stützte sich auf den Ellbogen und lauschte. Durch die Dachluke fiel Streulicht von der Straßenlampe herein. Er tastete nach seinem Handy. 02:35 Uhr. Kein Traum. Das gleichmäßige Pochen und Surren war immer noch da. Es veränderte sich auch nicht. Wurde weder lauter noch leiser. Kein Helikopter. Vorsichtig griff er über Solos Rücken, hob sein rechtes Bein an und verlagerte sein Gewicht. Dann zog er das linke Bein nach, während er mit dem anderen nach der obersten Stufe der Leiter angelte. Die dürre Hühnerleiter, welche die meisten Wohnmobilhersteller ihren Mobilen spendierten, hatten sie bereits vor der ersten Tour ausgemustert und durch eine Haushaltsleiter mit extra breiten Stufen ersetzt. Der Platz im Rimor ließ das problemlos zu und mit dieser Lösung war es sogar möglich, vorwärts aus dem Alkoven zu steigen.
Leise stieg er nach unten. Das Surren und Pochen wurde geringfügig lauter. Seine nackten Fußsohlen spürten feine Vibrationen. Scheiße! Das kam von innen! Aus dem Mobil! Schlagartig erwachten seine Sinne vollends. Er kannte dieses Geräusch. Es war jedesmal zu hören, wenn ein Wasserhahn geöffnet wurde, oder die Klospülung betätigt wurde. Die Pumpe! Warum zum Teufel, lief die Tauchpumpe, wenn kein Wasser angefordert wurde? Tarzan schwitzte, sein Herz klopfte. Er fuhr herum. Tastete im Zwielicht nach dem Bedienpanel über der Eingangstür und schaltete die Pumpe ab. Augenblicklich herrschte Ruhe. Ächzend ließ er sich auf die Knie sinken, schlug den Sisalteppich zurück und öffnete den Wartungsdeckel im Boden. Modriger Geruch schlug ihm entgegen und als er sich bewegte, um die Taschenlampe aus dem Organizer hinter dem Beifahrersitz zu holen, hörte er ein leises Gluckern. Oh nein! Das klang gar nicht gut. Gar nicht! Wasser, das hatten ihm erfahrene Camper unzählige Male ans Herz gelegt, war der schlimmste Feind aller Wohnmobilisten. Eine Hand auf den rechten Oberschenkel gestützt, erhob er sich schwer atmend. Testweise trat er von einem Fuß auf den anderen. Das Urmel schwankte. Wieder gluckerte es tief in den Eingeweiden des Fahrzeugs.
Solos Kopf erschien über dem Rand des Bettes: „Was’n los? Hops hier nich rum, wie’n Raver, ich bin müde.“
Tarzand schaute sie traurig an. „Wasser im Schiff. Wir haben einen Wassereinbruch, Schatz. Wie es aussieht nicht zu knapp ...“ Er zog die Nase geräuschvoll hoch. Solo glitt mit katzenhafter Geschmeidigkeit aus dem Bett und die Leiter hinunter. Sie war hellwach. Wasser war fast so schlimm wie Feuer.
„Wo?“ Sie starrte auf die Öffnung im Boden. Tarzan ging wieder auf die Knie und leuchtete mit der Taschenlampe ins Innere des Unterbodens. Dort wohnte der 100 Liter fassende Frischwassertank mit seinen Ventilen, Schläuchen, Schaltern und elektrischen Leitungen. Der Kunststoffbehälter füllte den Raum fast vollständig aus. Tarzan wagte kaum, den Strahl der Taschenlampe auf den schmalen Spalt zwischen der Tankhülle und der Außenwand des Mobils zu richten. Der faulige Geruch verriet es ihm schon vorher: Der „Keller“ des Urmels stand unter Wasser.
„Oh Mann ...“, Solos Stimme klang heiser. Wasserschäden waren die häufigste Ursache für wirtschaftliche Totalverluste bei Wohnwagen und Mobilen. War dies das Ende ihres lange gehegten Traumes? Ein Campingfahrzeug nach einem Wassereinbruch wieder instandzusetzen, konnte schon mal fünfstellig werden.
Tarzan schaute ungläubig auf die hin- und herschwappende Flüssigkeit, als Solo in die Hocke ging, um sich das Desaster aus der Nähe anzusehen.
„Wie kann sowas passieren Tarzan? Wie zum Teufel ...“, sie brach ab. Tränen rollten ihr über die Wangen. Tarzan legte die Taschenlampe zur Seite und legte unbeholfen die Arme um seine Frau. Er war auch kurz davor in Tränen auszubrechen. So viel Arbeit. So viele Wochen, so viel Herzblut ...
Er schluckte mehrere Male, bis er wieder sprechen konnte. „Da muss ein Schlauch gerissen, oder von einer Muffe gerutscht sein, ein Ventil durchgegangen oder ein Winkelstück gebrochen sein. Die Tauchpumpe erhält dann das gleiche Signal, als würdest du den Wasserhahn öffnen und pumpt.“
„Und hört nicht mehr auf ...“, ergänzte Solo und wischte sich über die Augen.
„Und jetzt? Was machen wir jetzt?“ Sie schaute Tarzan mit großen feuchten Augen an.
„Ich hab‘ die Pumpe ausgeschaltet. Ich werde jetzt das Restwasser ablassen. Mehr können wir nicht tun. Sobald die Rezeption aufmacht, frage ich nach einer Werkstatt. Vielleicht ist noch was zu retten.“
„Was glaubst du, wie lange die schon gelaufen ist?“ Solo schaute auf ihre Uhr.
„Keine Ahnung“, Tarzan schraubte den Revisionsdeckel oben auf dem Tank auf und leuchtete hinein.
„So gut wie leer. Gut, dass ich mit dem Befüllen noch gewartet habe. Aber 30 Liter waren da mindestens noch drin. Die laufen jetzt im Urmel rum.“
„Besser, wir klemmen die Aufbaubatterie ab“, meinte Solo und begann die vordere Sitzbank der Dinette2 abzuräumen, um den Staukasten darunter zu öffnen.
Tarzan half ihr dabei und trennte auch die Landversorgung vom Netz des Fahrzeugs. Sicher ist sicher. Sie öffneten noch den Absperrhahn und ließen den Restinhalt des Tanks auf die Wiese laufen. Frischwasser tat niemandem weh. Außer ihnen ... Den Rest der Nacht saßen sie bei Kaffee zusammen am Laptop und googelten sich durch die deprimierende Welt der Wasserschaden-Artikel in den verschiedensten Foren und Portalen.
***
„Moin, äh, Goedemorgen“, begrüßte Tarzan die Frau, die gerade die Tür zur Rezeption aufschloß. Es war kurz vor acht Uhr morgens. Die Sonne schien und es sah aus, als würde es heute ein wunderschöner Tag werden. Für die meisten jedenfalls.
„Moin, ist okay, ihr Lieben, ich stamme aus Cuxhaven“, die Frau lächelte sie an, wie ein Mensch, der seine Arbeit liebt und nichts daran auszusetzen hatte, wenn einem die Kundschaft noch vor Arbeitsbeginn auflauerte.
„Ich bin Anke. Wo brennt’s denn so früh am Tag?“ Sie winkte ihnen, ihr zu folgen, stellte die Tür fest, schaltete die Beleuchtung an und öffnete eines der Fenster. Solo und Tarzan traten vor einen der Schalter, doch die Frau bat sie ins Büro dahinter.
„Ihr seht aus, als hättet ihr was auf dem Herzen. Kommt rein und setzt euch.“ Dankbar nahmen sie Platz. Tarzan erzählte ihr von der Horrornacht und fragte, ob sie eine Werkstatt empfehlen könne, die sich den Schaden ansehen würde.
„Nicht nur empfehlen“, sagte sie und wählte eine Nummer auf ihrem Handy. „Dringend anraten würde ich euch, damit zu Wim zu gehen.“ Sie hob kurz die Hand, als der Angerufene sich meldete und sprach dann schnell auf Niederländisch. Parzelle 1101 und ihre Namen waren das Einzige, das Solo und Tarzan verstanden. Mit zufriedenem Gesichtsausdruck legte Anke das Telefon zur Seite, faltete die Hände auf dem Tisch und schaute die beiden Unglücksraben aufmunternd an.
„Ihr habt Glück. Wim kommt in etwa einer Stunde auf den Platz. Er war drei Tage unterwegs und er wird sich bei euch melden.“
„Das klingt ja super“, sagte Solo und auf Tarzans Gesicht erschien der Anflug eines hoffnungsvollen Lächelns.