Tausend kleine Träume - Beth Morrey - E-Book

Tausend kleine Träume E-Book

Beth Morrey

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Beschreibung

Federleicht & tief berührend: Beth Morreys lebensbejahender Roman ist eine Hymne auf die Kraft unserer Träume und den Glauben an uns selbst. Vor einer Ewigkeit hatte auch Delphine Jones einmal Träume: Sie wollte studieren, die Welt bereisen, sich einen Namen machen. Stattdessen fischt die alleinerziehende Mutter jetzt Münzen aus den Sofaritzen, weil ihr Job als Kellnerin einfach nicht reicht, um sie und die kleine Em über die Runden zu bringen. Delphines Leben steckt in einer Sackgasse und nichts, was sie tut, macht einen Unterschied. Erst die Begegnung mit der rechthaberischen Lehrerin Roz, der sarkastischen Letty und dem manchmal etwas schroffen Musiker Dylan stößt die Tür zu Delphines kleiner Welt wieder weit auf. Aber hat sie auch den Mut, noch einmal zu träumen? Warmherzig, einfühlsam und mit leisem Humor erzählt der Roman »Tausend kleine Träume« von Familie und Freundschaft und vom Mut, zu träumen und das Leben zu umarmen. Entdecken Sie auch Beth Morreys bezaubernden Roman »Sterne bei Tag« über Einsamkeit im Alter und die Kraft der Freundschaft.

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Seitenzahl: 506

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Beth Morrey

Tausend kleine Träume

Roman

Aus dem Englischen von Simone Jakob und Anne-Marie Wachs

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Vor einer Ewigkeit hatte auch Delphine Jones einmal Träume: Sie wollte studieren, die Welt bereisen, sich einen Namen machen.

Stattdessen fischt die alleinerziehende Mutter jetzt Münzen aus den Sofaritzen, weil ihr Job als Kellnerin einfach nicht reicht, um sie und die kleine Em über die Runden zu bringen. Delphines Leben steckt in einer Sackgasse und nichts, was sie tut, macht einen Unterschied. Erst die Begegnung mit der rechthaberischen Lehrerin Roz, der sarkastischen Letty und dem manchmal etwas schroffen Musiker Dylan stößt die Tür zu Delphines kleiner Welt wieder weit auf.

Aber hat sie auch den Mut, noch einmal zu träumen?

Warmherzig, einfühlsam und mit leisem Humor erzählt der Roman »Tausend kleine Träume« von Familie und Freundschaft und vom Mut, zu träumen und das Leben zu umarmen.

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Herbsttrimester

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Frühjahrstrimester

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Sommertrimester

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Danksagung

Zitatnachweise

 

 

 

 

Für Wilfred und Edmund

 

 

 

 

Eine weise Frau hat einmal zu mir gesagt: »Zwei bleibende Dinge sollten wir unseren Kindern mitgeben: Wurzeln und Flügel.«

Hodding Carter, Where Main Street Meets the River

Herbsttrimester

Kapitel 1

C’est le premier jour!« Schwungvoll hatte Maman jeden Morgen die Vorhänge aufgezogen, denn für sie war jeder Tag der erste, ein Neuanfang. So hatte ich sie in Erinnerung, wie sie sich lächelnd umwandte, die Haare im Sonnenlicht schimmernd, strahlend vor Vorfreude auf all die Möglichkeiten, die vor ihr lagen.

Als es an diesem Morgen hell wurde, lag ich an eine kalte Wand gedrückt da und starrte zum Schimmel an der Decke hinauf, als sähe ich ihn heute zum ersten Mal. Er kroch an einem Riss entlang, der in der Ecke über unseren Köpfen verlief, ein blühender Fleck inmitten von einem Halbmond schwarzblauer kleinerer Kreise – mein ganz persönlicher Rorschach-Test. Früher einmal hatte ich Tests geliebt. War es ein zunehmender Mond, ein Apostroph oder ein Bassschlüssel? Der Körper neben mir bewegte sich unruhig, sodass ich noch dichter an die feuchte Prägetapete geschoben wurde. Eine Sichel, ein Angelhaken … Als ich aus dem Bett stieg, bekam ich einen Ellbogen in die Rippen. Letztendlich war es einfach nur Schimmel – Schimmel, den zu beseitigen mir die Zeit, das Geld und die Kraft fehlten. Während ich mir einen Pullover überzog, hörte ich ein leises Murmeln, das aus der Richtung des in den Kissen vergrabenen Kopfes kam.

»Schlaf weiter«, sagte ich und ging in die Küche.

In der Spüle stand eine Pfanne zum Einweichen, und nachdem ich den Wasserkocher angestellt hatte, tauchte ich die Hände in das schmierige Wasser und kratzte die aufgeweichte Pasta mit den Fingernägeln vom Pfannenboden. Draußen ging die Sonne auf, ihre Strahlen hatten unsere Souterrainwohnung allerdings noch nicht erreicht, doch das taten sie eigentlich fast nie. Mein Traumhaus lag erhöht, ragte hoch zwischen den Bäumen auf und hatte Fenster, durch die das Licht hereinströmte. Aber wie die Bilder, die man in den Schimmelflecken sehen konnte, existierte dieses Haus lediglich in meiner Vorstellung. Dad rührte sich nicht, als ich auf Zehenspitzen zu ihm hineinschlich, um ihm Tee zu bringen, und als ich in unser Schlafzimmer zurückkehrte, war ihr Körper unter der Bettdecke kaum zu sehen. Ich nahm meine Kleidung und ging leise zur Tür, doch da tauchte ihr Kopf auf, und ein Paar große Augen richteten sich auf mich.

»Komm nicht zu spät zur Schule«, sagte ich und verließ den Raum. Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen, denn sie war immer pünktlich.

Le premier jour. Es war Mitte September. Obwohl ich schon seit zwölf Jahren nicht mehr zur Schule musste, hatte ich das Gefühl, jetzt ginge es also wieder los. Auf der Busfahrt zur Arbeit straffte ich die Schultern, bereit, mich dem Tag zu stellen. Der Schimmel war ein warnend erhobener Zeigefinger, eine Mahnung zu einem Neuanfang.

Gio schnalzte gereizt mit der Zunge, als ich das Café betrat, obwohl auch ich mich nie verspätete.

»Andiamo! Dai! Ein bisschen dalli!«

»Entschuldigung.«

Er griff sich die Daily Mail und schüttelte die Zeitung zurecht, und ich band mir eilig meine Schürze um und ging die Spülmaschine ausräumen. Im Radio schmetterte Elton John »Tiny Dancer«, und unwillkürlich schwang ich beim Ausleeren des Besteckeinsatzes die Hüften, was mich an meine Tochter erinnerte, die sich nachts in unserem Bett herumwälzte und mir dabei Stöße und Tritte versetzte. Als ich daran dachte, wie sie mit ihrem Wuschelkopf und ihrem Piratinnengrinsen unter der Decke hervorspähte, zog sich mein Herz zusammen, ein Anflug von Liebe, der mich fast aus dem Gleichgewicht brachte. Langsam wurde sie zu groß für unser Bett, oder das Bett zu klein für uns, aber wie beim Schimmel wusste ich nicht so recht, was ich dagegen tun sollte.

Der Tag verging, ohne dass ich es richtig mitbekam, in einer Abfolge hektischer Aktivitäten, verschwommen im Dampf der Kaffeemaschine. Kaffee mahlen, aufbrühen, filtern, Brote schmieren, einpacken, herumhasten. Nach der Morgenhektik kam die Vormittagshektik, dann die Mittagshektik, und schließlich eine Flaute, in der ich mich am liebsten an einen der Tische gesetzt und mir die schmerzenden Füße massiert hätte. Aber Gio konnte Untätigkeit nicht ausstehen, daher polierte ich, an den Tresen gelehnt, ein weiteres Mal das Besteck und nahm die Füße mal aus dem einen, mal aus dem anderen Schuh, um die Zehen zu bewegen. Mein Chef erlaubte mir nicht, Turnschuhe zu tragen, er meinte, das sehe zu leger aus. Wenn der Tag doch nur endlich vorbei wäre, dann könnte ich nach Hause zu Em fahren, einen Kakao trinken und vielleicht ein Bad nehmen, falls wir noch genug heißes Wasser hatten, und …

»Delphine Jones!«

Vor mir stand eine Frau, die mir irgendwie bekannt vorkam. Sie war etwa in meinem Alter, doch ihr glamouröses Aussehen deutete darauf hin, dass sie wohlhabend war. Sie hatte butterblonde Strähnchen, wie man sie mit Farbe aus dem Drogeriemarkt nicht hinbekommt, ihre Haut strahlte mit dem Edelstahlkännchen in meiner Hand um die Wette, und in ihren sorgfältig manikürten Fingern hielt sie ein Lederportemonnaie, das sie definitiv nicht auf dem Wochenmarkt erstanden hatte. Während ich sie anstarrte, spulte mein Gehirn zurück, bis ich sie vor mir sah, sechzehn Jahre alt, wie sie sich in der Schultoilette die Haare einsprühte und den Rock hochkrempelte.

»Lexy?«

»Dass ich dich hier treffe!« Sie legte ihre Geldbörse zwischen uns auf den Tresen. »Du … arbeitest hier?«

Das war ziemlich offensichtlich, und mir schien es lächerlich, es abzustreiten, so, wie ich dastand, mit der Schürze und dem Geschirrhandtuch. Und was außerdem lächerlich war: Ich hatte das Bedürfnis, genau das zu tun, zu behaupten, ich hätte hier bloß kurz reingeschaut auf dem Weg in mein Eckbüro in einem Hochhaus mit Ausblick auf Canary Wharf.

»Irgendwie muss ich ja meine Rechnungen bezahlen.« Wenn es dafür nur gereicht hätte.

»Ist ja lustig.« Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr perfekt geglättetes Haar. »Ich habe immer gedacht, du würdest beruflich mal was … Akademisches machen. Und jetzt bist du hier Kellnerin.«

»Barista«, sagte ich. »Möchtest du was bestellen?«

»Einen koffeinfreien Latte mit Sojamilch.«

Ich kehrte ihr den Rücken zu und klopfte den Siebträger aus, während der Lärm, den ich damit machte, fast Freddie Mercury übertönte, der in »A Kind of Magic« gerade von Wut, der brennenden Flamme und geheimnisvollen Klängen sang …

»Du warst doch immer so eine Streberin, und ich dachte, mittlerweile bist du sicher in der Politik, aber stimmt, du hast ja ein Baby bekommen. Wie schade.«

Ich hielt einen Moment inne. Mit gesenktem Kopf, den heißen Kaffeebecher in der Hand, atmete ich das bittere Aroma der Bohnen ein und sah vor meinem inneren Auge, wie meine Freundin Marni weinte, nachdem Lexy sie wegen ihrer schiefen Zähne »Metall-Marni« genannt hatte. Wie es schien, war Lexy im Laufe der Jahre kein bisschen netter geworden.

»Was trödelst du so rum? Hopp, hopp!«, riss Gio mich aus meinen Gedanken, und ich wandte mich zu Lexy um, in der Hand den Kaffee.

»Dein Latte. Tut mir leid, dass du warten musstest.«

Sie lächelte, aber ihre Augen glichen zwei Eissplittern. Was mochte in ihrem Leben schiefgelaufen sein? Es gab Gerüchte, wonach ihr Vater ein ziemlich unangenehmer Mensch war. Als ich ihr den Becher über den Tresen zuschob, beugte sie sich vor und umfasste auf plump-vertrauliche Art mein Handgelenk. Jetzt, wo ich ihr so nah war, roch ich Jasminduft und etwas Holziges. Um nicht wie das Stinktier zu riechen, das sie war, brauchte sie bestimmt eine Menge davon.

»Siehst du Adam denn noch?«

Ich schluckte. »Nein.«

»Wie schade«, heuchelte sie. »Ich nehme mal an, wenigstens er widmet sich jetzt etwas Bedeutenderem.«

Dank der vielen kleinen Handwurzelknochen sind Handgelenke besonders beweglich. Em hat mir das mal erklärt, als sie sich eines Abends daranmachte, ihre Namen auswendig zu lernen. Allerdings brauchte sie nicht den ganzen Abend dafür, ja noch nicht mal eine halbe Stunde; wenn Em etwas sieht, dann nistet es sich direkt in ihren kleinen grauen Zellen ein. Ich wusste ihre Bezeichnungen nur noch, weil Em mir die Eselsbrücke verraten hatte: »Es fuhr ein Kahn im Mondenschein, im Dreieck um das Erbsenbein. Vieleck groß und Vieleck klein, am Kopf, da muss ein Haken sein.« Kahnbein, Mondbein, Dreiecksbein, Erbsenbein, Großes Vieleckbein, Kleines Vieleckbein, Kopfbein, Hakenbein. Das Hakenbein war hakenförmig, wie der Schimmelfleck an unserer Decke. Ich verzog keine Miene, und bei meiner nächsten Bewegung arbeiteten die Knöchelchen geschmeidig und zugleich kraftvoll in perfekter Harmonie zusammen.

»Aaaah!« Auf Lexys Schrei hin kam Gio herbeigestürzt, griff nach einem Stapel Papierservietten und begann, ihr den dampfenden Schoß abzutupfen, wobei die Servietten auf ihrer Designerjeans weiße Flöckchen hinterließen. Wie schade.

»Tut mir leid, war ein Versehen.«

Als Gio sich noch mehr Servietten nahm, um den nassen Fleck trocken zu tupfen, hob Lexy den Kopf und funkelte mich wütend an.

»Das hat sie mit Absicht gemacht«, zischte sie.

Mein Chef schaute zuerst seine Angestellte an, dann seine Kundin. Mich, Delphine Jones, in meiner Schürze, mit nach hinten gebundenem krausem Haar, geröteten, rauen Fingerknöcheln und angeknabberten Fingernägeln. Und sie, Alexa Marshall, mit ihren Shellac-Klauen, den weißen Zähnen und ihrer kleinen hellblauen Geldbörse, die noch auf dem Tresen lag. Das Leder war gesteppt, und den Verschluss zierten zwei ineinander verschlungene »C«s. Gio erfasste, was los war. Es gefiel ihm zwar nicht, dass sie ihn dazu zwang, aber natürlich konnte er das nicht durchblicken lassen. Also richtete er seine Wut auf mich, seine Barista, die ihm gelegentlich auch als Punchingball diente.

»Was soll der Quatsch, bist du verrückt geworden? Nach allem, was ich für dich getan habe. Dauernd machst du Probleme, es reicht! Basta! Zisch ab, sofort!«

Je länger Gio seine Nummer abzog, desto mehr schien er es zu genießen, mir die Leviten zu lesen. Meine Gedanken wanderten zu einem Demonstranten zurück, der am Vortag auf der Straße ein Plakat hochgehalten hatte, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen: »DIE ERDE KOCHT VOR WUT.« Wir hatten einen brütend heißen Sommer gehabt, der immer noch schwelte, alles hatte sich erhitzt, siedete, brodelte, bis es überkochte … Als ich meine Sachen packte, merkte ich, dass Gio sein Verhalten bereits bereute, aber Ms Marshall hätte es als persönliche Beleidigung betrachtet, wenn er seine Worte zurückgenommen hätte. Daher ging er zur Tür, hielt sie mir auf, und ich quetschte mich mit gesenktem Kopf unbeholfen an ihm vorbei, trat hinaus in die drückend schwüle Septemberhitze.

Draußen auf der Treppenstufe merkte ich, dass ich den langstieligen silbernen Löffel, den ich zuvor poliert hatte, noch in der Hand hielt. Ich hatte ihn vorher aus der Schürzentasche genommen und nicht zurückgelegt. Er glänzte, als ich ihn hin und her drehte. Die gewölbte Innenfläche war stumpf und dunkel, doch die Außenseite funkelte im hellen Sonnenlicht. Ich musste an meine Mutter denken – wie sie vom Vater eines ihrer Schüler erzählt hatte, der sie wie eine Bedienstete herumkommandiert hatte, und wie sie darauf nichts entgegnete – »Rien du tout!« – und erst im Nachhinein auf die passende Erwiderung gekommen war. »L’esprit de l’escalier, ma chérie.« Treppenwitz – was man hätte sagen sollen, fällt einem erst beim Rausgehen ein, und dann ist es zu spät.

Gio stand nach wie vor in der offenen Tür, während Lexy sich tränenreich bei ihm bedankte, und weder er noch sie hatten erwartet, dass ich noch einmal hereinkommen und dabei mit meinem glänzenden Talisman fuchteln würde.

»Nur damit du’s weißt, Gio, tesoro, ich würde auch keine weitere Minute in diesem Pseudo-Starbucks arbeiten, selbst wenn du mir eine Gehaltserhöhung anbieten würdest. Aber das würdest du sowieso nie tun, denn du bist ein wahrer Blutsauger, ein gieriger, zusammenkratzender, festhaltender, geiziger alter Sünder!« Vielen Dank, Miss Challoner, dass Sie mir etwas über Dickens beigebracht haben. Und nun war Lexy dran. »Und du. Du warst immer scharf auf Adam, hab ich recht? Wie schade, dass er nie scharf auf dich war.« Und, wieder an Gio gerichtet: »Nur für den Fall, dass ich mich nicht deutlich ausgedrückt habe, du kannst dir deinen Job und deine Scheiß-Espressomaschine ficcatelo su per il culo.« Und noch zu Lexy: »Das heißt: in den Hintern schieben. Das Gleiche kannst du mit deinem Chanel-Portemonnaie machen.«

Es zu denken ist das eine, es wirklich zu tun etwas anderes. Der Geist war willig, hatte sich die Worte schon zurechtgelegt, doch das Fleisch war schwach, und meine Knie zitterten bei der bloßen Vorstellung. Die Lexys auf dieser Welt konnten sagen, was sie wollten, und einen Scherbenhaufen hinterlassen, ich dagegen kehrte ihn mit gesenktem Kopf auf. Was hatte ich bloß getan? Ich hatte meinen Job hingeworfen, den ich unbedingt brauchte, damit unser Kartenhaus nicht in sich zusammenfiel, und das war völlig verrückt. Irgendetwas trieb mich allerdings an.

Ich drehte mich auf der Stufe um und ging hinein. Gio und Lexy sahen mich erstaunt an, als ich den Löffel auf den Boden warf, den ich heute früh noch gewischt hatte.

»Polier dein Besteck doch selbst!«

Nicht viel, aber besser als gar nichts. Ich drehte mich auf dem Absatz um, trat erneut in die Sonne hinaus und legte blinzelnd die Hand über die Augen, um die Zukunft nicht sehen zu müssen.

Le premier jour.

Kapitel 2

Da ich sonst nichts zu tun hatte, machte ich mich auf den Weg, um Em von der Schule abzuholen. Seit ihrem ersten Tag dort, Anfang des Monats, war ich nicht mehr da gewesen – eine Schicht im Café, Einkäufe oder irgendwelche anderen Aufgaben, immer war mir vermeintlich etwas dazwischengekommen. Aber tatsächlich mied ich diesen Ort, weil es früher einmal auch meine Schule gewesen war. Die Brownswood High, damals eine verwahrloste staatliche weiterführende Schule mit vielen Gebäuden, deren Direktor Gerald Haynes wohl lieber ein Gefängnis geleitet hätte. Jetzt war es eine Academy School, mit einer neuen Bibliothek und einer neuen Schulleiterin namens Mrs Boleyn, die, wie Em mir erzählt hatte, auf »kooperatives Lernen« setzte und den Laden umkrempeln sollte. Beim Anblick der roten Backsteingebäude, Schauplatz diverser Delikte, packte mich das kalte Grausen.

Würde es Em recht sein, dass ich hier auftauchte? Wahrscheinlich war es endpeinlich, von der eigenen Mutter abgeholt zu werden, besonders, wenn ihre Mascara verschmiert war. Während ich noch überlegte, ob ich mich unauffällig verdrücken sollte, erspähte ich meine Tochter. Sie war im Gespräch mit einer Frau mit hochgetürmtem blondem Haar und Kugelschreiberflecken auf den Wangen. Als Em mich bemerkte, musterte sie mich mit großen Augen, und man konnte sehen, dass sie ihre Schlüsse zog – vermutlich die richtigen. Sie flüsterte der Frau etwas zu, die sich lächelnd umdrehte; irgendwie kam sie mir bekannt vor. In ihrem lockeren Dutt steckte ein Kugelschreiber und in der Lücke zwischen ihren Schneidezähnen anscheinend so etwas wie ein Getreidekorn.

»Hallo, Mum, was machst du denn hier? Ich habe jetzt noch meine erste Begabtenförderungsstunde.«

In dem offiziellen Schreiben, das die Direktorin mir bereits eine Woche nach Ems erstem Tag an der Schule per E-Mail zugeschickt hatte, wurde mir mitgeteilt, Em sei außergewöhnlich begabt. »Ein besonderes Lernangebot für besondere Schüler.« Außergewöhnlich begabt und besonders. Nicht, dass ich da anderer Meinung gewesen wäre, aber manchmal war es besser – oder zumindest einfacher –, gewöhnlich und normal zu sein.

»Tut mir leid, das hab ich vergessen.«

»Mrs Jones! Wie schön, Sie kennenzulernen. Wir sind uns ja, glaube ich, noch gar nicht begegnet? Ich bin Mrs Gill, Emilys Englischlehrerin.«

Die berühmte Mrs Gill, von der Em ständig erzählte. Sie hatte mir ebenfalls eine E-Mail geschrieben, wegen einer Theater-Exkursion – Was ihr wollt –, und ich hatte sie abgewimmelt, weil ich das Geld dafür noch nicht zusammenhatte. Wo sollte ich es nun hernehmen? Erneut kämpfte ich mit den Tränen, denn Em wollte unbedingt mitfahren, hatte allerdings behauptet, es wäre ihr nicht so wichtig. Erst gestern in der Küche, als sie heißes Wasser in die Nudelpfanne hatte laufen lassen und mit ihren schmalen Schultern gezuckt hatte. »Sollte es Probleme wegen der Kosten geben, könnte Ihnen die Schule womöglich unter die Arme greifen«, hatte Mrs Gill geschrieben. »Das wird nicht nötig sein«, hatte meine Antwort gelautet. Eine Extraschicht, etwas auf eBay verkaufen, ein paar Münzen von der Straße aufklauben – alles besser, als zuzugeben, dass es durchaus ein Problem war.

»Dann werde ich wohl besser mal gehen …«, sagte ich und drehte mich schon um, doch die Frau fuhr fort.

»Emily macht sich ausgezeichnet, sie ist sehr belesen für ihr Alter. Eigentlich für jedes Alter! Wir freuen uns so, dass sie in unserer neuen Gruppe dabei ist. Es wird ihrer Entwicklung unglaublich guttun, wenn wir sie etwas mehr fordern.«

Sie kam mir tatsächlich sehr fordernd vor, wie sie mich so am Schultor bedrängte und auf mich einredete. Ich war total geschafft von diesem Tag, von der Horrorvorstellung, einen neuen Job finden zu müssen, und von der Flut von Erinnerungen, die dieser Ort in mir auslöste.

»Na ja, das hat sie selbst so entschieden …« Ich wischte mir eine vorwitzige Träne weg.

Mrs Gills Augen wurden schmal. »Natürlich, aber wenn die Eltern ihre Kinder unterstützen, ist das doch … Alles in Ordnung?«

Vor meiner Nase erschien ein Taschentuch.

»Danke«, murmelte ich und nahm es entgegen. »Tut mir leid. Ich weiß nicht, was …«

»Emily, Mr Davidson unterrichtet heute den Kurs – mach dich auf den Weg, sonst kommst du noch zu spät. Ich gebe deiner Mutter eine kleine Führung. Na los!«

Mrs Gill nickte Em zu, die mit einem argwöhnischen Blick langsam davonging.

»Kommen Sie mit.« Mrs Gill führte mich zu dem umgebauten Eingangsbereich und durch verschiedene helle Flure, die neu und zugleich merkwürdig vertraut wirkten. Dabei redete sie in einem fort, während ich versuchte, ihren Redeschwall auszublenden. Da war das Klassenzimmer, wo Marni und Sheba sich die Haare zusammengeflochten hatten und den Tag über aneinanderhingen wie siamesische Zwillinge, bis Miss Kornack ihnen mit der Schere gedroht hatte – nicht sehr pädagogisch, aber wirkungsvoll. Der Speisesaal, wo Leroy Ellis einmal eine allergische Reaktion auf Fisch gehabt hatte und Mr Wilsden ihm, während wir alle noch beim Mittagessen saßen, eine Injektion mit dem EpiPen geben musste. Der Chemieraum, in dem Sally Barclay … Nein. Stopp. Das hier war jetzt Ems Schule, das Leben der anderen war weitergegangen.

»Ich kann kaum in Worte fassen, was für eine herausragende Schülerin Emily ist. Sicher sind Sie sich dessen bewusst – es war mir von der ersten Unterrichtsstunde an klar. Wir haben Viel Lärm um nichts gelesen, das Streitgespräch zwischen Benedict und Beatrice, und ich wollte Beispiele für andere streitende Paare wissen. Natürlich kam nichts, ein Schüler sagte ›Ernie und Bert‹ – ich meine, bitte! Und dann hört man Emily von hinten: ›Kate und Petruchio‹. Und gleich darauf rezitiert sie aus Der Widerspenstigen Zähmung! Als Mrs Boleyn mich später gefragt hat, wer in den Fast-Track-Begabtenförderungskurs aufgenommen werden soll, habe ich sofort gesagt: ›Emily Jones.‹« Sie öffnete die Tür zu einem leeren, dunklen Klassenzimmer und bedeutete mir, einzutreten. »Setzen Sie sich.«

Der Raum weckte keine besonderen Erinnerungen in mir, aber selbst im schwachen Licht war offensichtlich, dass es ein farbenfroher Ort war, in dessen Gestaltung man viel Zeit, Ideen und Mühe investiert hatte. Zwischen den Fenstern hing eine »Wortwand«, ein Poster mit Papierschmetterlingen, die aus einem aufgeschlagenen Buch herausflogen, und auf jedem Flügel waren Synonyme zu dem Begriff angebracht, der auf dem Körper des Schmetterlings stand. Reich: wohlhabend, begütert, einkommensstark, herrschaftlich, vermögend, finanzkräftig … Mrs Gill reichte mir ein weiteres Taschentuch und schwieg zur Abwechslung, während ich versuchte, mich zu beruhigen. Als ich aufblickte, lächelte sie und nestelte an dem Getreidekorn zwischen ihren Zähnen herum.

»Vor der Kamera zu weinen ist beinahe unmöglich, wissen Sie. Da gibt es diese Tropfen, und manche Maskenbildner verwenden so einen Tränenstift. Manchmal blasen sie einem auch Mentholdämpfe in die Augen. Gefährliche Sache, denn wenn man etwas von dem Öl ins Auge bekommt, kann es zu Verletzungen kommen. Was die Szene komplett ruinieren würde, was die Continuity angeht.« Sie griff in die Schublade ihres Lehrertisches und holte eine hübsche rosafarbene Schachtel hervor. »Nehmen Sie sich ein Macaron.«

Als ich in der Informationsbroschüre der Schule die Liste der Mitarbeiter durchgegangen war, hatte ich zu meiner Erleichterung festgestellt, dass nur noch ein paar Lehrer aus meiner Zeit dort waren. Mrs R. Gill (BA) gehörte zur neuen Generation, und Em hatte sich genauestens über sie informiert, als sie herausgefunden hatte, wer sie war. Wenn Mrs Gill lächelte, war sie immer noch wiederzuerkennen – an ihrer berühmten Zahnlücke. Vor mehr als zwanzig Jahren, als Teenager, hatte Miss Rosalind Cartwright in dem oscarnominierten Film Agnes Grey die Rosalie Murray gespielt, die durch den Unterrichtsraum tanzt und Sir Thomas Ashby mit ihren hübschen Locken bezirzt. Schwer vorstellbar, hier in diesem Klassenzimmer in Hackney. Ich hatte den Film vor zwölf Jahren mit meinem Vater geschaut, kurz nachdem ich erfahren hatte, dass ich schwanger war. Wir saßen in unserem kalten Wohnzimmer, vor uns Tabletts mit unserem Abendessen, und ich war wütend, denn obwohl ich den Film zusammen mit Dad guckte, schien er nicht richtig bei der Sache zu sein. Ich war wütend, weil ich gerade meine A-Levels in den Wind geschossen hatte und niemals würde tun können, was ich tun wollte, etwas mit Büchern wie Agnes Grey. Die Wut war nie ganz verschwunden, schwelte weiter im Verborgenen vor sich hin, ohne ein Ventil zu finden.

Rosalind Cartwright musste ein Vermögen verdient haben, warum also unterrichtete Mrs R. Gill an der Brownswood? Ihre Vergangenheit könnten die Schüler durchaus gegen sie verwenden. Es sei denn, Em war die Einzige, die davon wusste – meine Tochter sammelte leidenschaftlich gern Informationen. Sie hatte mir erzählt, dass ihre Lehrerin nun mit einem Rockgitarristen verheiratet war und die Klatschblätter damals eine Weile über das Paar berichtet hatten, die Berichterstattung jedoch mit der Zeit abgeebbt war. Abgesehen von einem Krimi vor ein paar Jahren hatte Roz Gill schon eine Weile nicht mehr vor der Kamera gestanden, und in ihrer neuen Rolle wirkte sie alles andere als glamourös. Mit ihrem aschblonden, am Ansatz grau nachwachsenden Haar und den leichten Augenfältchen war sie eine ältere, unordentlichere, geschwätzigere Version der Schauspielerin aus dem Fernsehen. Wir beide waren tief gefallen.

»Also, was ist passiert? Sie haben vorhin etwas aufgelöst gewirkt.« Die Lehrerin meiner Tochter biss in ein Macaron und hielt sich die Hand unters Kinn, um die Krümel aufzufangen und sie sich anschließend in den Mund zu stopfen.

»Es war kein einfacher Tag. Ich habe meinen Job verloren.«

»Oh nein. Wie das?« Sie stützte das Kinn in die Hand und blickte mich intensiv an. Auf ihren Lippen waren kleine Zuckerreste zurückgeblieben.

»Wegen einem … Missverständnis.« Irgendwie stimmte das auch. Gio hatte nicht verstanden, dass Lexy es verdient hatte, eine Ladung Kaffee abzubekommen.

»Können Sie es nicht aufklären? Alles richtigstellen?«

»Das bringt nichts.« Ich fuhr mit der Fingerspitze die feinen Ränder der rosafarbenen Macaronfüllung nach. »Außerdem habe ich diesen Job gehasst. Mein Chef war furchtbar und die Bezahlung mies.« Zwei Jahre lang hatte ich es ausgehalten, weil eine miese Bezahlung besser war als gar keine und ein furchtbarer Chef besser als gar keiner.

An der Wand hinter dem Lehrertisch hatte jemand ans Whiteboard geschrieben: »Kann man reich und arm zugleich sein?« Arm: bedürftig, mittellos, abgebrannt, zahlungsunfähig, beklagenswürdig.

»Na ja, vielleicht hat es ja auch sein Gutes. Suchen Sie nach einer neuen Stelle? Als was arbeiten Sie denn?«

»Ich bin Kellnerin. Und putze.«

»Während meines Lehramtsstudiums habe ich in einer Bar gejobbt – das war wirklich harte Arbeit. Soll ich mich für Sie mal umhören? Ich habe noch ein paar Kontakte.«

»Danke, schon gut. Mir bleibt ja noch mein Putzjob.« Nichts war gut, aber ebenso wie bei der Theater-Exkursion würde ich auch hierbei keine Hilfe annehmen. Sobald man sich auf so etwas einließ, öffneten sich Schleusentore. Fragen, Formulare, Sozialarbeiter, Berichte. Hilfe wurde zu Einmischung. Am besten, man zog den Kopf ein und machte einfach weiter.

»Gibt es denn einen Mr Jones?«, fragte sie, ruderte jedoch sofort zurück. »Tut mir leid, das geht mich nichts an.«

Ich dachte an Sid, meinen letzten Ex, und an Dad, den einzigen Mr Jones in meinem Leben, und schüttelte den Kopf. Sie schien etwas sagen zu wollen, überlegte es sich aber anders und legte mir nur sanft die Hand auf die Schulter.

»Sie finden bestimmt was.« Sie erhob sich und strich sich die Kekskrümel von der Kleidung. »Okay, dann bringe ich Sie raus, denn wenn Sie hier jemand ohne Besucherausweis erwischt, werden Sie noch verhaftet.«

Ich versuchte zu lachen und stand ebenfalls auf, in der Hand immer noch mein Macaron. Doch als wir zur Tür gingen, wurde sie von außen geöffnet. Jemand betätigte den Schalter, und der Raum wurde von Licht durchflutet. Während sich meine feuchten Augen an die Helligkeit gewöhnten, konnte ich die Person nicht gleich erkennen.

»Delphine Jones!«

Eine weitere ältere Version einer Frau aus meiner Erinnerung. Aber der durchdringende Blick war derselbe geblieben, der männliche Kleidungsstil ebenfalls, auch wenn das kurz geschnittene, zurückgekämmte Haar jetzt grauer war. So viele Stunden hatte ich sie angeschaut, ihr zugehört, mitgeschrieben, was sie sagte, an ihren Lippen gehangen. Bis ich alles hinter mir gelassen hatte.

»Miss Challoner.«

Völlig überrascht streckte sie mir die Hand entgegen. »Jetzt Mrs Boleyn«, erwiderte sie.

Miss Challoner war also die neue Schulleiterin. Als sie mich unterrichtet hatte, war sie eine einfache Englischlehrerin gewesen, die versucht hatte, Geld für die Renovierung der Schulbibliothek aufzutreiben. Die Bibliothek, in der Adam und ich … Ich stopfte mir den Macaron in den Mund, nahm ihre Hand und hoffte, sie würde nicht merken, dass meine zitterte.

»Delphine war meine beste Schülerin, vor langer, langer Zeit.« Miss Challoner – Mrs Boleyn – nickte Mrs Gill zu.

»Wirklich?« Mrs Gill schien begeistert. »Und ihre Tochter ist jetzt meine!«

Mrs Boleyn betrachtete mich scharf, und ich versuchte, ihrem Blick standzuhalten. »Tochter? Ihr Kind geht auf unsere Schule?«

»Ja. Sie heißt Em Jones«, nuschelte ich und schluckte. Wie viel würde sie daraus schließen können? Sie unterrichtete Englisch; wie gut war es um ihre Kopfrechenkünste bestellt? »Sie ist … elf. Und ist gerade in die siebte Klasse gekommen.«

Mrs Boleyn runzelte kurz die Stirn. »Ah ja, Emily. Roz hat sie erwähnt. Das Shakespeare-Zitat. Wirklich erstaunlich. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ist sie jetzt im Fast-Track-Kurs dabei?«

»Ja«, antwortete ich. »Sie ist ganz begeistert.«

Mrs Boleyn nickte zustimmend. »Ausgezeichnet. Genau wie Sie!«

Doch ich war fest entschlossen, dass Em nicht so werden würde wie ich. Sie würde Erfolg haben, wo ich versagt hatte.

Kapitel 3

Gute Lehrer und Lehrerinnen vergisst man nie. Sie begleiten uns wie freundliche Geister, die auf unserer Schulter sitzen und uns daran erinnern, dass wir etwas wert sind. Ich entsinne mich noch an die Lehrerin, die mir das Lesen und Schreiben beigebracht hat und mir sagte, meine Version der Geschichte von Ikarus sei großartig. »Was für Flügel du ihm verliehen hast«, lobte sie mich, und ich strahlte übers ganze Gesicht. Diese tiefe Verbindung zwischen Lehrer und Schüler ist etwas sehr Kostbares, das Wissen, das Lehrer besitzen, so glänzend und verlockend wie ein frisch gepflückter Apfel. Sie sind das Tor zu einem neuen Leben, einem besseren Leben – zumindest hatte ich das vor langer Zeit einmal geglaubt. Miss Challoner war eine von den Lehrkräften gewesen, die es vermochten, ihren Schülern eine völlig neue Welt zu eröffnen, und in meinem Fall stellte sich heraus, dass zu dieser Welt auch Adam Terris gehörte. Noch so ein Apfel, dem ich nicht widerstehen konnte.

Adam war zu Beginn der zehnten Klasse an die Brownswood gekommen. Sein Vater war ein hohes Tier im Staatsdienst und war von Brüssel nach London versetzt worden, schon allein deshalb hatte Adam etwas Glamouröses an sich. Wie sich bald herausstellte, war er ziemlich klug, aber kein Streber. Miss Challoner bot mittwochmittags einen Literaturkurs an, und als Adam dort dazustieß, nahmen plötzlich immer mehr Schülerinnen daran teil, weil alle ihn angaffen wollten, wie er lässig auf seinem Stuhl saß und die Taschenbücher in seinen großen Händen hielt, in denen sie winzig erschienen. Ich war wegen Mrs Challoner dort, nicht seinetwegen. Ich wollte hören, was sie über Thomas Hardy und Charlotte Brontë erzählte, ihr lauschen, wenn sie Elizabeth Bishop vorlas. Doch nach und nach hörte ich auch Adam zu, bemerkte, dass ihm beim Lesen eine Locke seines kupferfarbenen Haars in die Stirn fiel, was mich aufwühlte wie eine feurige Villanella.

Sonst war der einzige Augenblick, in dem sich ein warmes Gefühl in mir ausbreitete, wenn ich mich in ein Buch vertiefte, in eine andere Welt flüchtete, wo ich nicht Delphine Jones sein musste. Ich verbrachte viele Stunden in der Bezirksbücherei, denn dort war es gemütlicher als in unserer feuchtkalten Souterrainwohnung, wo Dad zusammengesunken in seinem Sessel saß und mich am Boden hielt, wenn ich abheben wollte. Ein anderer Englischlehrer, Mr North, begann uns Bücher mitzubringen, die ich ebenfalls verschlang. Die einzigen Momente, in denen ich mich wirklich gesehen und gehört fühlte, waren jene, in denen ich, unter Adams Blicken, darüber sprach, was ich gerade gelesen hatte, und auf die Anerkennung meiner Lehrer wartete.

Außerhalb der Schule war es, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Was auch wirklich der Fall war – um Strom zu sparen. Etwas im Kühlschrank zu haben, das kaputte Rohr reparieren zu lassen, das Geld dafür zusammenzukratzen, und vor allem, dafür zu sorgen, dass niemand merkte, was los war. Schotten dicht. Ich begann, an den Wochenenden zu kellnern, um Rechnungen zu bezahlen, die Dad nicht begleichen konnte, ich aß zum Abendessen trockene Brötchen aus dem Café, las bis in die Nacht hinein im Schein einer Taschenlampe. Anfangs war die Arbeit für die Schule nur ein Weg, die Leute auf Distanz zu halten, sie glauben zu lassen, es sei alles in Ordnung. Doch was als Notwendigkeit begonnen hatte, wurde für mich zum Vergnügen. Ein Flirt, aus dem sich mehr entwickelte.

Die Schule war mein Leuchtturm – die hellen, warmen Räume, die Geräusche und Farben, das warme Mittagessen. Lehrkräfte wie Miss Challoner, die uns anspornten, unser Bestes zu geben. Bücher, die mir einen Fluchtweg eröffneten. Und Adam, der im Kursraum saß, mich ansah und mir zuhörte, mich wahrnahm, wie Dad es nicht mehr vermochte. Seit Maman nicht mehr lebte, war es mir ganz recht gewesen, dass man mich übersah, damit niemand bemerkte, wie schlecht es uns ging, aber bei Adam war es anders. Er war die Sonne, und ich wollte immer höher fliegen, um ihre Strahlen auf meinen Schwingen zu spüren, mich in ihrem Glanz zu wärmen.

Kapitel 4

Nach Ems Begabtenkurs entspannten wir beide uns auf die beste Weise, die wir kannten, mit Kakao und Schachspielen. Das alte Holzspielbrett gehörte Dad, von dem ich auch das Spielen gelernt hatte, als ich sechs war. Damals saßen wir an einem verregneten Nachmittag auf dem Fußboden, zwischen uns das Brett, und er erklärte mir die Regeln. Am besten gefiel mir, dass aus einem Bauern eine Dame werden konnte, wenn er die gegnerische Seite erreichte. Seitdem nannte mich Dad seine Dame, und wir spielten jedes Wochenende. Jetzt spielten Em und ich auf dem kleinen Klapptisch, während Dad zugunfähig zwischen uns saß, ohne den Blick vom Fernseher zu lösen.

»Warum wolltest du mich heute abholen?« Em eröffnete das Spiel mit einem Bauern.

Ich zuckte zusammen, als ich an den Vorfall im Café zurückdachte, und schob selbst eine Figur nach vorn. »Ich wollte dich einfach nur sehen.« Damit würde ich nicht durchkommen. »Ich wollte nur mal sehen, ob du die Schule schwänzt, um fürs Klima zu streiken.« Em hatte von einem Mädchen gelesen, das vor dem schwedischen Parlament demonstrierte, und spielte mit dem Gedanken, ihren eigenen Protest zu starten.

Mit gerunzelter Stirn blickte sie auf das Spielbrett. »Ich hab drüber nachgedacht. Aber ich wollte den neuen Kurs nicht verpassen.«

»Wie war’s?« Ich setzte einen Springer, in dem Gefühl, alles riskieren zu können. Em würde sowieso gewinnen.

»Cool. Wir machen Vertiefungsarbeit zu Was ihr wollt.«

Diese Theater-Exkursion. Irgendwie musste ich das Geld dafür auftreiben. »Ist ja toll. Wenn man bedenkt, dass du das Stück schon fast auswendig kannst.«

Em setzte einen ihrer Läufer und lächelte schief. »Den fünften Akt muss ich noch lesen. Wie war die Arbeit?«

Meine Hand verharrte über dem Spielbrett. »Wie meinst du das?«

»Du hast heute früher Schluss gemacht. Und du hast geweint.«

»Ich … hab gekündigt.«

Em nippte am Kakao, um zu prüfen, ob er schon ausreichend abgekühlt war. »Gut. Fünfter Akt, die Auflösung. Du kannst einen besseren Job kriegen.«

»Ich werd nicht gerade mit Angeboten überhäuft.«

»Alles ist besser als Giovanni.« Die paarmal, die Em im Café vorbeigeschaut hatte, war Gio nicht besonders freundlich gewesen, und sie hatte bemerkt, dass er den Gästen so oft falsches Wechselgeld herausgab, dass es kein Zufall sein konnte.

Alles war besser als Giovanni, aber ich hatte nichts. Wenn ich einen besseren Job bekäme, könnten wir aus Dads Wohnung ausziehen, uns eine neue Bleibe suchen, mit einem eigenen Zimmer für jede von uns, und uns das Leben aufbauen, das ich mir für Em wünschte. Doch ich konnte Dad nicht im Stich lassen, und wie sollte ich eine angemessen bezahlte Arbeit finden, um für meine eigene Miete aufzukommen und Dad finanziell unter die Arme zu greifen, obwohl ich keinerlei Beziehungen oder Qualifikationen hatte?

Einmal hatte ich im Park auf einer Kirmes eine Art Bungee-Laufstrecke gesehen. Die Leute ließen sich festhaken und rannten wie verrückt, nur um im letzten Augenblick wieder vom Seil zurückgezogen zu werden. Mir fehlte zwar das Geld für solche Dinge, aber das Gefühl kannte ich auch so. Mein ganzes Leben kam mir vor wie ein Rennen, das man nicht gewinnen konnte.

»Du selbst entwirre dies, nicht ich.« Em zog mit ihrer Dame.

Ich schaute auf das Brett. »Ein zu verschlungner Knoten ist’s für mich.«

»Schachmatt«, sagte sie mit ihrem Piratinnengrinsen.

So viele mögliche Züge, und Em hatte sie alle bedacht. Ich stand auf und räumte das Spiel zusammen. »Ich kümmere mich mal ums Abendessen. Musst du nicht noch deine Hausaufgaben machen?«

»Hab ich schon, auf der Heimfahrt im Bus.«

»Natürlich. Dann setz dich doch zu Granddad, und ich mach uns was zu essen.«

Drei Fischstäbchen, zwei Becher Instantnudeln, gemischt mit Dosenmais, dazu Margarinebrot. Es hatte etwas Befriedigendes, das Puzzle aus den Beständen unserer Küchenschränke zusammenzusetzen. Durch die Durchreiche sah ich, wie Em zum Sessel ihres Großvaters ging. Sie war die Einzige, die in ihm so etwas wie einen Funken von Freude entfachen konnte. Er schaute gerade Zurück in die Zukunft, man sah die Flammenspuren des DeLorean auf dem Asphalt. Jede Woche ging ich in die Bücherei und lieh etwas für Dad aus. Science-Fiction- und Fantasy-Filme mochte er besonders – je weiter weg von der Realität, desto besser. Nachdem ich die Fischstäbchen ins Backrohr geschoben hatte, schaltete ich den Wasserkocher an und ging ins Wohnzimmer, um mich auf die andere Armlehne seines Sessels zu setzen.

Etwa eine Minute lang sagte er nichts, dann meinte er: »Achtundachtzig Meilen pro Stunde.«

»Stimmt.«

»Nicht gerade schnell.«

»Nein.« Der Film stellte Zeitreisen als etwas Unkompliziertes dar, als könnten Hinz und Kunz eine Zeitmaschine in der eigenen Garage zusammenbasteln, und das gefiel Dad, der immer nach einem Ausweg gesucht hatte. Vielleicht war, wenn man die nötige Geschwindigkeit erreichte, selbst die Vergangenheit nicht unwiederbringlich verloren.

Das Wasser kochte, ich ging zurück in die Küche und bereitete die Nudeln zu, und wir aßen und schauten zu, wie Marty McFly wieder in eine Zukunft zurückfand, mit der er leben konnte. Als der Film zu Ende war, nahm ich die DVD aus dem Player und legte sie zu den anderen, die ich in die Bücherei zurückbringen wollte. Dad musterte die Neuzugänge – I, Robot; Alles über Eva; Die Truman Show –, drehte die DVD-Hüllen herum und las die Rückseiten, wobei er die Worte lautlos mit den Lippen formte. Em goss ihm eine Tasse Tee auf, und ich räumte auf und machte eine Bestandsaufnahme für das morgige Abendessen. Während Em wartete, dass der Tee fertig gezogen hatte, schaute sie aus dem Fenster, zum steilen Grashang, der zu einer Grünfläche hinaufführte. Einem Ort, den Dad schon lange nicht mehr besucht hatte.

»Erzähl mir von JoJo«, sagte sie.

Meine Tochter fragte oft nach ihrer Großmutter, und ich mochte ihr die Bitte nicht abschlagen, auch wenn es schmerzhaft war, die Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken, um ihren Wissensdurst zu stillen.

»Wenn sie traurig war, hat sie am liebsten ›But Not for Me‹ gespielt.« Ich ließ meine Hände zu beiden Seiten des Spülbeckens ruhen. »Sie improvisierte, spielte nur ein paar Noten, langsam, sodass man die Melodie kaum erkannte. Aber wenn sie fröhlich war, dann hat sie ›On the Sunny Side of the Street‹ gespielt, in die Tasten gehauen und dazu gesummt, manchmal auch gesungen. Aber immer mit ihrem Akzent: ›Leave your worriihs on se dorstep …‹« Ich sang es ihr bloß leise vor, damit Dad es nicht hörte.

»Und wann war sie fröhlich?«, fragte Em, nahm den Teebeutel aus der Tasse und ging zum Kühlschrank, um die Milch herauszuholen.

»Meistens. Es brauchte nicht viel, um sie in gute Laune zu versetzen. Osterglocken, die dein Großvater ihr mitgebracht hat. Meine Bilder – sie hat sie wie Wimpel an einer Schnur aufgehängt, die sie quer durchs Wohnzimmer gespannt hat. Und sie hat gern gekocht. Am liebsten hat sie Gerichte aus ihrer Heimat zubereitet – Crêpes, Zwiebelsuppe, Clafoutis und so was. Manchmal hat sie uns auch einen Afternoon Tea mit allem Drum und Dran gezaubert, wenn es etwas zu feiern gab.«

»Und wann war sie traurig?«

Ich drehte das warme Wasser für den Abwasch auf, und um mich herum stieg Dampf hoch, den ich mit der Hand fortwedelte.

»Wenn uns das Geld ausging«, sagte ich. »Wenn sie Angst hatte, dass wir das Klavier verkaufen müssten.«

Wir blickten beide zum Klavier, das im Wohnzimmer stand, ein staubiger Altar, ungestimmt, ungenutzt und doch unverkauft.

»Na, wenigstens ist es so weit nie gekommen«, sagte Em und trug den Tee ins Wohnzimmer. Ich lachte, obwohl es natürlich nicht lustig war. Das Klavier war zwar noch da, aber Maman nicht mehr, und Dad eigentlich ebenso wenig. Er saß in seinem DeLorean und versuchte, mit flammenden Reifen einen Weg in die Zeit zurückzufinden, bevor alles schiefgelaufen war.

Früher hatte Dad mir Geschichten erzählt, und Maman hatte mir vorgesungen. Dad las nicht viel, aber er hatte die Geschichten alle irgendwie im Kopf, und er war immer da, um mich fest zuzudecken und dann in eine unbekannte Welt zu entführen. Er erzählte mir griechische Sagen, Spukgeschichten, Schauermärchen, Romanzen. Meine Eltern machten sich Sorgen, weil ich Einzelkind war, doch ich wuchs umgeben von den magischen Figuren auf, die der Fantasie meines Vaters entsprangen – wie meine imaginäre Freundin, eine Gepardin namens Yara, die den Hindukusch durchstreifte, um einen verzauberten Bernstein in seine alte Höhle zurückzubringen. Maman hat ihr einmal Essen hingestellt – einen Teller Haferkekse, die mit bunten Streuseln verziert waren. Aufgeregt ging ich ins Bett, und am nächsten Morgen war der Teller leer.

Ich versuchte, über die Jahre auch für Em magische Welten zu erschaffen, aber allein, ohne einen Partner als Komplizen, war es ziemlich schwierig, an Heiligabend draußen vor dem Fenster Glöckchen läuten zu lassen oder eine Karte von der Zahnfee zu verfassen. Dad und Maman hatten immer verstohlen gekichert und einander erzählt, was ich gesagt hatte, Blicke gewechselt, bevor sie meine Fragen beantworteten. Wenn er seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, sang sie mir ein Lied vor, was ein wunderbarer Abschluss war. Und so wechselten Geschichten und Gesang sich ab, bis zu meinem dreizehnten Geburtstag, als beides verstummte, und von da an gab es nur noch Stille; ich saß auf meinem Bett, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen, und mein Vater in seinem Sessel, beide mit unseren Schatten ringend.

Die Zeit ließ sich nicht mehr zurückdrehen, und uns blieb nichts anderes übrig, als weiterzumachen und das Unglück hinter uns zu lassen. Ich dachte zurück an den Tag, als Em geboren wurde, dieses kleine Wunder von Mensch, das man mir reichte – Emily Josephine Jones; daran, wie sie die winzigen Hände nach mir ausstreckte, ein Moment, in dem alles anders wurde. Ich war siebzehn, allein in einem Krankenzimmer, erschöpft und voller Blut, aber irgendwie spürte ich, wenn ich sie so betrachtete, dass ich damit klarkommen würde, dass wir aus dem Schlamassel, den ich mir eingebrockt hatte, herausfinden würden. Vor ihrer Geburt hatte ich noch überlegt, sie zur Adoption freizugeben, um ihr ein besseres Leben ohne mich zu ermöglichen, doch als ihre Hand meinen Finger umschloss, wusste ich, dass sie meine Zukunft war, und das Einzige, was zählte, war, ihr die beste Zukunft zu bieten, die ich ihr geben konnte. Wie die Königin, die sich eine Tochter mit blutroten Lippen, schneeweißer Haut und Haaren schwarz wie Ebenholz wünscht, schwor ich mir, dass ich uns ein Zuhause schaffen würde, mit einem rot flammenden, knisternden Feuer im Kamin, einem weißen Lattenzaun und einem Bankkonto in den schwarzen Zahlen.

Doch als wir uns an diesem Abend in meinem feuchten, engen ehemaligen Kinderzimmer in unser gemeinsames Bett quetschten, musste ich mir eingestehen, dass es mir nicht gelungen war, das Versprechen vom Tag ihrer Geburt einzulösen. Stattdessen fühlte ich mich wie Schneewittchen in ihrem Sarg, die darauf wartete, dass sie jemand aufrüttelte, sodass das vergiftete Apfelstück ihr aus dem Mund fiel.

Kapitel 5

Adam sprach Französisch. Er hatte mit seinen Eltern in Brüssel gelebt und es dort auf der internationalen Schule gelernt und ließ manchmal französische Worte ins Gespräch einfließen. Sein Akzent war nicht übel, wenn auch mit leicht amerikanischem Einschlag, aber das machte ihn irgendwie nur noch sexyer. Als das Frühjahrstrimester begann, waren alle Mädchen verrückt nach ihm, lüpften, wenn er vorüberging, ein Stück den Rocksaum und schauten ihn kichernd aus eyelinerumrandeten Augen an. Nicht, dass er sie dazu ermutigt hätte, doch es gefiel ihm.

Im Literaturkurs hatten wir so etwas wie ein Beatrice-Benedict-Ding laufen, bei dem wir uns über D. H. Lawrence’ Gedichte stritten und uns Wortgefechte zu Edgar Allan Poes Das verräterische Herz lieferten, befeuert von Miss Challoner oder Mr North, der gern literarische Requisiten mit in den Unterricht brachte. Eines Tages legte er einen Türknauf und ein Taschentuch auf einen der Tische, und wir sollten den Autor der Kurzgeschichte nennen, auf die sie anspielten. Ich erriet es als Erste – »Ray Bradbury!« – und freute mich, weil Mr North zustimmend nickte und Adam sich sichtlich ärgerte.

»Die Früchte am Grund der Schale«, sagte Mr North. »Was hat die Geschichte deiner Meinung nach mit Das verräterische Herz gemeinsam?«

»Schuld«, sagte ich. »Und das Verwischen von Spuren.«

»Exakt«, sagte er. »Nehmt euch die Kopien mit und lest den Text. Nächstes Mal besprechen wir diese Motive. Ms Jones ist diese Woche freigestellt.«

Nach der Stunde sprach Adam mich auf dem Flur an – es war das erste Mal, dass wir außerhalb des Unterrichts miteinander redeten. Er legte mir die Hand auf die Schulter, und ein Schauder lief mir über den Rücken, aber ich wandte mich lässig um, als hätte ich nicht die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet.

»Du bist also Sci-Fi-Fan?« Es war schwer zu sagen, ob er aus Interesse fragte oder mich aufziehen wollte.

»Könnte man so sagen. Seit ich mit meinem Vater Fahrenheit 451 geschaut hab.«

»Das hab ich gelesen. Und ein paar von Bradburys Kurzgeschichten. Aber nicht die über die Früchte.«

»Es sind Wachsfrüchte«, entgegnete ich. »Keine echten.« Mehr fiel mir nicht ein, und so schauten wir uns einfach nur an.

»Dunkel waren sie und goldäugig«, sagte er dann und streckte die Hand aus, um mir sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. »Kennst du die?«

Die Geschichte handelte von Menschen, die sich auf dem Mars ansiedelten und sich langsam zu Marsianern entwickelten. Innerlich zitterte ich angesichts des Stimmungswandels zwischen uns, als wäre plötzlich ein überirdischer Wind aufgekommen.

»Ja«, antwortete ich. »Merkwürdig, aber schön.«

»Du siehst so aus, als könntest du aus der Geschichte stammen.« Er beugte sich vor, und seine Lippen bewegten sich kaum, als er mir ins Ohr flüsterte: »J’ai trouvé l’or dans tes yeux.«

Ich habe das Gold in deinen Augen gefunden … Es war kitschig, doch meine Wangen glühten.

»J’espère que je ne suis pas en train de devenir une extraterrestre«, antwortete ich. Hoffentlich werde ich jetzt keine Außerirdische …

Lachend wich er zurück. »Touché. Ich wusste nicht, dass du Französisch kannst.«

Meine Kehle war wie zugeschnürt. »Meine Mutter war Französin.«

»War?«

Ich nickte und lächelte, bevor mir die Tränen kommen konnten. »Entschuldige.«

»Das tut mir leid.«

Wir sagten es zeitgleich. Ich hatte es vermasselt. Wir waren fünfzehn und wollten flirten, wollten nach mehr aussehen, als wir waren, gleich den künstlichen Früchten in der Schale, mit meiner persönlichen Tragödie hatte ich allerdings alles kaputt gemacht. Jetzt würde er mich bemitleiden, dabei wollte ich doch nur, dass er auf mich stand.

Aber er streckte noch einmal die Hand aus und strich mir mit einem Finger hauchzart über die Wange.

»Du bist so klug«, sagte er. »Die Klügste von allen.«

Kapitel 6

Am Sonntag machten wir auf dem Heimweg von der Kirche einen Abstecher in den Supermarkt, um uns von dem Geld, das wir nicht in den Klingelbeutel geworfen hatten, Milch und Brot zu kaufen. Ich dachte mir, dass Gott uns schon vergeben würde, selbst wenn der Pfarrer das anders sah. In unserer Wohnung war es wie immer kalt und dunkel, im Wohnzimmer lief der Fernseher, und Dad saß mit einer Decke über den Beinen im Sessel. Obwohl es draußen noch warm war, herrschte hier drinnen Winter. Dad trug ein Hemd, darüber eine schmuddelige Strickjacke, und auf seine gebeugten Schultern waren weiße Kopfschuppen gerieselt. Als wir hereinkamen, hob er sein schmales, faltiges Gesicht und streckte uns seine knochigen Hände entgegen.

»Hallo, FiFi«, begrüßte er mich leise, als ich mich zu ihm hinunterbeugte, um ihm einen Kuss zu geben. »Und mein kleines Mädchen!«, fügte er hinzu, als Em von der anderen Seite um den Sessel herumkam.

»Wir waren in der Kirche«, sagte ich, und er nickte abwesend.

Mit Maman war er jeden Sonntag in die Kirche gegangen, da sie im Chor gesungen hatte, und Em und ich führten diese Tradition fort, auch wenn es wenig Sinn hatte, so zu tun, als wäre man gläubig, obwohl man es schon lange nicht mehr war. In gewisser Weise war es nur eine Tradition, die ich weiterleben lassen wollte.

An diesem Abend legte Em ihre Ausgabe von Farm der Tiere kaum aus der Hand, denn es stand wieder eine Fast-Track-Stunde bevor, und sie versuchte, mich in ein Gespräch über das Buch zu verwickeln.

»Hast du das auch gelesen?« Sie ließ sich auf ihren Sitzsack fallen und hielt es hoch.

Ich saß gerade vor dem Laptop (einem Uraltmodell, das ich gebraucht auf eBay gekauft hatte) und versuchte, meinen kümmerlichen Lebenslauf auf den neuesten Stand zu bringen. Dass Gio mir ein Arbeitszeugnis ausstellen würde, war eher unwahrscheinlich.

»Weiß ich nicht mehr.« Den Blick immer noch auf den Bildschirm gerichtet, tippte ich ein paar Wörter und löschte sie gleich wieder.

»Frei zu sein ist mehr wert als bunte Bänder«, sagte sie und ließ einen Bleistift zwischen den Fingern kreisen.

»Freiheit ist mehr wert.«

»Wie?« Sie sah mich erwartungsvoll an.

»›Begreifst du denn nicht, dass Freiheit mehr wert ist als bunte Bänder?‹, heißt es«, sagte ich und tippte ungeduldig weiter.

»Wirklich?«, fragte Em und sah wieder ins Buch, als wollte sie das Zitat überprüfen, aber natürlich wusste sie, dass ich recht hatte. Sie hatte die Angewohnheit, mich in alle ihre aktuellen Lektüren einzubeziehen, ob ich wollte oder nicht.

Ich gab die Sache mit dem Lebenslauf auf und warf einen Blick in meinen Instagram-Feed, was ziemlich sinnlos war, weil ich kaum etwas postete und praktisch niemandem folgte. Doch irgendwer hatte mich auf einem alten Foto getaggt – auf dem ich als Teenager mit einem anderen Mädchen zu sehen war, mit ausgebreiteten Armen und einem albernen Schmollmund. Mir stockte der Atem, als ich mich an diesen Augenblick mit Sheba Hughes kurz vor dem Abschlussball erinnerte. Marni hatte uns geknipst und gerufen, wir sollten stillhalten. So viel Aufregung und gespannte Erwartung war auf diesem Bild eingefangen. Darunter hatte Sheba geschrieben: »Hey, schöne Fremde, mal wieder Lust auf ein Treffen?« Seit sie nach der Uni zurück nach London gezogen war, waren wir ein paarmal einen Kaffee trinken, doch unsere Gespräche waren steif gewesen, und meist hatte ich mich unter einem Vorwand entschuldigt und war früh gegangen. Eine Sekunde lang sah ich vor meinem inneren Auge, wie wir in einer Bar saßen und den neuesten Klatsch austauschten, aber allein die Vorstellung war mir unangenehm. Ich wohnte noch bei meinem Vater, teilte mir ein Zimmer mit meiner Tochter und verdiente meinen Lebensunterhalt mit Kellnern. Beziehungsweise nicht einmal mehr das. Was konnte ich ihr denn schon erzählen?

Seufzend klappte ich den Laptop zu. »Also, dann leg los.«

Em blätterte mit dem Daumen durch die Seiten wie bei einem Daumenkino. »Worum geht es da drin?«

»Was meinst du denn, worum es geht?«

»Um Macht, und wie sie einen verdirbt.«

»Gut.«

»Und was denkst du, worum es darin geht?«

Eine Motte flog gegen die Glühbirne, die von der Decke hing. Sie gelangte nirgendwohin, verletzte sich auf ihrer Suche nach dem Licht nur die Flügel.

»Um Veränderung. Veränderung ist nicht immer was Gutes. Man kann am Ende schlechter dastehen als vorher. Manchmal ist es besser, alles so zu lassen, wie es ist.«

Sie wirkte skeptisch. »Man soll sich also besser mit dem Übel abfinden, das man bereits kennt?«

Ich klappte den Laptop wieder auf. »Am besten, man lernt überhaupt keine Übel kennen.«

»Also, du bist echt keine Hilfe«, schnaubte Em. »Mrs Gill sagt, wir sollen uns überlegen, was es noch so für Allegorien gibt. Ich dachte an Unten am Fluss, aber das werden alle nennen.«

»Ah, plötzlich willst du also was Besonderes sein? Und herausstechen?«, fragte ich schmunzelnd.

Der Sitzsack, auf dem sie es sich gemütlich gemacht hatte, war ein Geschenk von mir zu ihrem elften Geburtstag. Elf Kerzen auf einer Miss-Havisham-Hochzeitstorte, wie gewünscht. Em war definitiv jemand Besonderes. Ich hatte eine Ewigkeit gebraucht, um das Backwerk mit welken Rosen und Spinnweben aus geschmolzenen Marshmallows zu verzieren, damit es so wie in Große Erwartungen aussah.

»Möglich.«

Em ging gerade einmal ein paar Wochen auf die weiterführende Schule und brillierte dank Mrs Gill schon jetzt. Ich war müde und hungrig. An dem Abend hatten wir Baked Beans auf Toast gegessen, Margarine war keine mehr da gewesen, und ich wollte einfach nur ins Bett fallen, denn wenn ich schlief, konnte ich wenigstens meinen leeren Magen und mein ebenso leeres Bankkonto vergessen. Aber hier saß Em und sah mich wissbegierig an.

Ich zerzauste ihr die Haare. »Was ist mit Ein Tiger kommt zum Tee? Das Beispiel bringt garantiert keiner.«

Sie zog die Nase kraus. »Weil das ein Buch für Babys ist.«

»Dann bist du eben unkonventionell.«

»Eher plemplem.« Sie stand auf und ging in unser Zimmer. »Ich bin mir nicht mal sicher, ob das überhaupt eine Allegorie ist.«

»Dann könnte man doch gut genau darüber diskutieren.«

Manchmal ist ein Tiger bloß ein Tiger. Und manchmal ist er auch etwas völlig anderes. Nämlich die drohende Gefahr, dass ein Tiger vor deiner Tür stehen und dich rauswerfen könnte.

Am nächsten Morgen nach meinem wöchentlichen Reinigungsjob in Bloomsbury ging ich zurück nach Finsbury Park und verbrachte den Rest des Tages damit, auf der Suche nach Arbeit alle möglichen Cafés, Pubs und Bars abzuklappern. Manche hatten dichtgemacht, in den Fenstern hingen handgeschriebene Schilder, auf denen man sich bei der Kundschaft entschuldigte, und drinnen sammelte sich der Staub auf den gestapelten Tassen. In den Lokalen, die noch geöffnet waren, wollten sie niemanden einstellen. »Wir müssten eher Leute entlassen«, sagte ein Barchef schulterzuckend, während er planlos Zitronenscheiben schnitt. In einem Pub musterte mich der Wirt von Kopf bis Fuß, bevor er mir rundheraus erklärte, dass er lieber Männer einstellte. »Die werden auch mit den Arschlöchern fertig.«

Während der Tag verstrich, suchte ich zunehmend verzweifelt in immer größerer Entfernung von zu Hause. Ich hätte alles gemacht – Töpfe gespült, Tische abgewischt, Gläser zusammengeräumt. »Sie haben den GCSE-Abschluss in zehn Fächern«, bemerkte eine Frau, die eine Bio-Weinbar in Stoke Newington führte. »Aber ich brauche jemanden mit WSET, Level 1, mindestens.« »Tut mir leid, ich weiß nicht, was das ist«, entschuldigte ich mich. »Dann habe ich leider keine Arbeit für Sie«, entgegnete die Frau.

Ich hatte meinen Lebenslauf im Copyshop in der Blackstock Road ausgedruckt, doch um halb fünf hatte ich noch fast genauso viele Kopien wie am Anfang und mit jeder Seite zwanzig Pence verschwendet. Nächste Woche war unsere Miete fällig, und auch die Stromrechnung stand ins Haus. Der Reinigungsjob allein reichte nicht aus. Nicht mal annähernd, nie im Leben. Schließlich ging ich mit schmerzenden Füßen, Tränen in den Augen und wachsender Panik heim. Als ich unsere Wohnungstür aufschloss, schlug mir die vertraut muffige Luft entgegen, und ich hörte den Fernseher laufen, wie immer.

»Hallo, Dad.« Ich zog meine Jacke aus und schaute, ob Em auch da war, aber auf dem Tisch neben der Durchreiche lag bloß ein Post-it. Darauf stand: »Komm um 17:30 ins Merhaba. Ich bin auch dort«, darunter eine Adresse.

»Was ist das?«, fragte ich Dad und hielt ihm den Zettel hin. Er schaute ihn an und blinzelte, während er sich zu erinnern versuchte. Wie bei einer schlechten Telefonverbindung drang man nicht immer zu meinem Vater durch.

»Em«, sagte er schließlich. »Sie wollte sich mit dir treffen.«

»Wieso?«

Er runzelte die Stirn. »Irgendwas mit einer Bücherei.«

Ich war müde und verschwitzt, wollte mich einfach nur hinlegen und meine nächste Jobsuchaktion planen. Und jetzt sollte ich schon wieder aus dem Haus. Die Adresse war in der Nähe der Upper Street, eine hippe und angesagte Gegend – eine halbe Weltreise, besonders wo ich kein Geld für den Bus übrig hatte. Und wozu überhaupt? Die seltsamen Anwandlungen meiner Tochter waren mitunter verwirrend. Wie mein Vater schien sie sich manchmal in einer anderen Sphäre zu befinden – einer höheren. Seufzend schulterte ich meine Tasche und machte mich erneut auf den Weg.

Während ich mir über unsere Finanzen den Kopf zerbrach, lief ich drei Mal an dem Laden vorbei, ohne es zu merken. Er war unscheinbar und heruntergekommen, lag in einer kleinen Seitenstraße zwischen schmalen georgianischen Stadthäusern versteckt. Auf dem Schild über der Tür stand »Merhaba«, die blaue und goldene Farbe blätterte zwar ab, aber in der Herbstsonne war es noch lesbar. Auf der Sitzbank am Erkerfenster lagen bunte Kissen, und als ich durch das Fenster hineinspähte, konnte ich eine Weinflasche mit einer Kerze im Flaschenhals ausmachen, die auf einem runden Tisch mit einem Fuß aus Korbgeflecht stand.

Drinnen empfing mich ein wilder Stilmix – tausend Kulturen und Ideen, vereint in einem lang gestreckten Raum, dessen hinterer Teil im Dunkeln lag. An den Wänden standen mit Büchern und Nippes vollgestopfte Regale, der Boden war bunt durcheinander mit ockerfarbenen, blauen und schwarzen Fliesen belegt, an der Decke hingen türkische Laternen, es gab kleine Sukkulenten in gesprungenen türkisfarbenen Töpfen, in der Luft lag der Duft von Kaffee und Zimt, und im Hintergrund hörte man einen Song von Billie Holiday. Ein paar Tische waren besetzt – an einem saß ein Karten spielendes älteres Paar, an einem anderen ein lesender junger Mann, an einem dritten zwei lachende, in eine Unterhaltung vertiefte Frauen.

So viel Plunder. Was für ein Luxus, sich Dinge leisten zu können, um einen Raum damit zuzumüllen. Unsere Wohnung war weitestgehend grau und trist, abgesehen von Ems Büchern. Als Maman noch lebte, war es anders gewesen – sie hatte ein Händchen für solche Dinge gehabt –, aber seit sie nicht mehr lebte, wurde nichts mehr ersetzt, wenn es kaputt war oder verloren ging. Wenn man sein ganzes Geld für die Miete und Essen und Heizung ausgab, blieb für Deko nichts mehr übrig.

»Hallo, Mum.«

Em saß in einer schwach beleuchteten Ecke und ließ die Beine baumeln, vor sich ein Glas Limonade.

»Wo hast du das her? Hast du das bezahlt?«

Sie wirkte empört. »Natürlich! Ich hab für Keziah Slack die Mathehausaufgaben gemacht, und sie hat mir einen Fünfer dafür gegeben.«

Ich stellte meine Tasche ab und setzte mich neben sie. »So was darfst du nicht mehr machen. Das ist nicht in Ordnung.«

»Ich hab ihr erklärt, wie man das rechnet, hinterher. Von daher war es eher Nachhilfe als Schummeln. Ist doch nicht meine Schuld, wenn sie’s nicht verstanden hat.«

Ich griff nach ihrem Glas und nahm einen Schluck. Die Limonade war selbst gemacht, säuerlich und süß zugleich. »Und verrätst du mir jetzt, wieso wir hier sind?«

»Sie brauchen eine neue Bedienung, und ich glaube, du wärst dafür die Richtige.«

Ich verschluckte mich an dem Getränk. »Was?«

»Die letzte ist zurück nach Polen gegangen, zum Studieren. Selassie sucht händeringend Ersatz.«

»Und woher weißt du das alles?«

Em zog eine kleine Karte aus ihrem Rucksack hervor. »Das hier haben sie in der Bibliothek ans Schwarze Brett gepinnt. Ich hab es mitgenommen, damit sich nicht noch jemand anderes bewirbt. Es passt perfekt auf dich.«

Sie reichte mir das Kärtchen. »Belesene Bedienung gesucht.«

»Selassie mag Menschen, die Bücher mögen«, fuhr Em fort. »Er meint, denen kann man vertrauen. Zofia, also seine letzte Bedienung, hatte immer eine Ausgabe von Anna Karenina dabei. Da wusste er, dass sie sich gut machen würde.«

»Woher weißt du das alles?«, fragte ich erneut.

»Er plaudert gern. Du wirst ihn mögen.«

Ich schaute mir die Stellenanzeige noch einmal an. »Ich bin nicht belesen«, murmelte ich, peinlich berührt.

Eine Sekunde lang wirkte Em enttäuscht. »Aber du warst es. Vor langer, langer Zeit.«

Unsere Blicke trafen sich. Dieses kleine Gesicht mit dem spitzen Kinn und den Schleiereulenaugen, das ich so liebte – alles, wovor ich mich gefürchtet hatte, und alles, was ich mir je gewünscht hatte, vereint in dieser kraushaarigen kleinen Person.

Ich riss mich am Riemen. »Und wo ist dann dieser Selassie?«

»In der Küche. Die Mühle von der Kaffeemaschine ist kaputt, er versucht gerade, sie zu reparieren.«

»Also, während wir hier warten, erzähl mir doch von deinem Literaturkurs. Hast du Ein Tiger kommt zum Tee als Beispiel genannt?«

Em schüttelte den Kopf. »Zu babymäßig. Mir ist einer von Granddads Filmen eingefallen, 2001: Odyssee im Weltraum. Die Monolithen, die Wandel symbolisieren, auch wenn sie sich äußerlich nicht verändern.«

Den Film hatten wir gemeinsam geschaut. Ein Knochen, der durch die Luft wirbelte, und der hoch aufragende glatte Stein, der darauf wartete, dass jemand seine Energie aufnahm und einen Entwicklungssprung machte.

»Und, hat das Mrs Gill gefallen?«

»Ja. Besser als das Beispiel von Lenny Mitchell. Er hat Dick Whittington und seine Katze genannt, nur damit er immer wieder ganz ordinär ›dick‹ sagen konnte. Peinlich.«

»Entschuldigen Sie, dass Sie warten mussten. Was kann ich Ihnen bringen? Eine Limonade wie für unsere kleine fiori?«