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Eine gemeinsame Vergangenheit. Ein gebrochenes Herz. Eine zweite Chance, die alles verändern könnte.
Callum hat sich geschworen, nie wieder nach Winter Harbor zurückzukehren. Doch der Tod seines Vaters zwingt ihn und seine Brüder, sich der Vergangenheit zu stellen – ein Jahr in der Kleinstadt leben, bevor sie ihr Erbe antreten können.
Doch kaum angekommen, trifft Callum ausgerechnet auf Harlow Jackson – die Frau, die er nie wiedersehen wollte. Einst gehörte ihr sein Herz, doch ein einziger Fehler riss sie auseinander. Jetzt steht sie wieder vor ihm, und Callum merkt, dass er sie nie wirklich vergessen konnte. Wird er den Mut haben, um ihre Liebe zu kämpfen? Oder ist es für eine zweite Chance längst zu spät?
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Seitenzahl: 434
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Eine gemeinsame Vergangenheit. Ein gebrochenes Herz. Eine zweite Chance, die alles verändern könnte.
Callum hat sich geschworen, nie wieder nach Winter Harbor zurückzukehren. Doch der Tod seines Vaters zwingt ihn und seine Brüder, sich der Vergangenheit zu stellen – ein Jahr in der Kleinstadt leben, bevor sie ihr Erbe antreten können.
Doch kaum angekommen, trifft Callum ausgerechnet auf Harlow Jackson – die Frau, die er nie wiedersehen wollte. Einst gehörte ihr sein Herz, doch ein einziger Fehler riss sie auseinander. Jetzt steht sie wieder vor ihm, und Callum merkt, dass er sie nie wirklich vergessen konnte. Wird er den Mut haben, um ihre Liebe zu kämpfen? Oder ist es für eine zweite Chance längst zu spät?
Whitley Cox ist an der kanadischen Westküste geboren und aufgewachsen. Sie studierte Psychologie und unterrichtete zeitweise in Indonesien, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte. Heute ist sie mit ihrer Highschool-Liebe verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.
Ember Leigh stammt aus dem nördlichen Ohio und lebt derzeit mit ihrem argentinischen Ehemann und zwei Kindern in der Nähe des Eriesees, wo sie einen argentinisch-amerikanischen Food Truck betreiben.
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Whitley Cox, Ember Leigh
The Ruthless Heir
Aus dem Amerikanischen von Cécile Lecaux
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Inhaltsverzeichnis
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KAPITEL EINS — HARLOW
KAPITEL ZWEI — CALLUM
KAPITEL DREI — HARLOW
KAPITEL VIER — CALLUM
KAPITEL FÜNF — HARLOW
KAPITEL SECHS — HARLOW
KAPITEL SIEBEN — CALLUM
KAPITEL ACHT — HARLOW
KAPITEL NEUN — CALLUM
KAPITEL ZEHN — HARLOW
KAPITEL ELF — CALLUM
KAPITEL ZWÖLF — CALLUM
KAPITEL DREIZEHN — HARLOW
KAPITEL VIERZEHN — HARLOW
KAPITEL FÜNFZEHN — HARLOW
KAPITEL SECHZEHN — CALLUM
KAPITEL SIEBZEHN — CALLUM
KAPITEL ACHTZEHN — CALLUM
KAPITEL NEUNZEHN — HARLOW
KAPITEL ZWANZIG — HARLOW
KAPITEL EINUNDZWANZIG — CALLUM
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG — CALLUM
KAPITEL DREIUNDZWANZIG — CALLUM
KAPITEL VIERUNDZWANZIG — HARLOW
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG — CALLUM
Epilog — Ein paar Monate später …
Impressum
Lust auf more?
HARLOW
»Ist das Ihr fucking Ernst?«
Ich konnte nicht fassen, dass ich das sagte.
Nein, falsch.
Ich konnte nicht fassen, dass ich das zu meinem Boss gesagt hatte. Zu dem Mann, der über meine weitere Karriere entschied. Dem Mann, von dem ich hoffte, dass er mich bald in den Rang einer Teilhaberin erhob.
»Harlow, ich weiß, dass Sie bereits mehr als genug zu tun haben«, erwiderte Dalton schmallippig. »Aber vertrauen Sie mir, dieser Fall wird zu einem Meilenstein Ihrer Karriere.«
Ich biss mir auf die Lippen, um weiteren verbalen Entgleisungen vorzubeugen, die besagter Karriere womöglich ein abruptes Ende bescheren würden. Die Strahlen der Frühlingssonne fielen durch die Holzlamellen vor dem nach Westen ausgerichteten Fenster mit Blick auf den Hafen. Hier in Winter Harbor war so ziemlich jeder Tag idyllisch, aber die im Wasser dümpelnden Boote und der strahlend blaue Himmel konnten mich auch nicht besänftigen.
Dalton hatte nicht unrecht. Dieser Fall wäre die langersehnte Chance, ihm und Troy, dem zweiten Teilhaber der Kanzlei, zu beweisen, dass mein Name einen Platz auf dem Kanzleischild verdient hatte. Aktuell stand dort Quick & Fairchild, aber wenn ich zur Teilhaberin der in ganz Oregon bekannten Rechtsanwaltskanzlei, die sich auf Erbrecht spezialisiert hatte, aufstieg, könnte dort schon bald Quick, Fairchild & Jackson stehen. Das klang nicht nur gut, sondern war zudem genau das, worauf ich vom ersten Tag meiner Karriere als Rechtsanwältin an hingearbeitet hatte.
Nur konnte ich diesen Mandanten unmöglich vertreten.
Und ich konnte Dalton unmöglich sagen, warum.
»Ich weiß«, entgegnete ich langsam, beinahe mechanisch, während ich weiterhin aus dem Fenster blickte, in der Hoffnung, dass mich der Anblick des Wassers, das gegen die Docks schlug, doch noch beruhigte. »Trotzdem würde ich mich lieber anderweitig beweisen. Können Sie das Winters-Mandat nicht Stephanie übertragen … oder Ian?«
Allein den Namen des Mandanten auszusprechen – Winters –, jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Ich hatte seit dem Abschlussjahr auf dem College nicht mehr an die Familie Winters gedacht. Nein, das war gelogen. An einen bestimmten Winters dachte ich seit dem letzten Jahr auf dem College fast täglich, genauer, seit jenem Tag, an dem dieses Arschloch mich auf die denkbar mieseste Art abserviert hatte.
Aber er brauchte nicht zu wissen, dass ich nach diesem furchtbaren Tag mehr als einen Gedanken an ihn verschwendet hatte. Und ich würde unter keinen Umständen ein Mandat annehmen, bei dem ich, acht Jahre nachdem er sich auf so ehrlose Weise aus meinem Leben verabschiedet hatte, persönlichen Kontakt zu ihm – oder seinen Brüdern – hätte.
»Ich möchte, dass Sie das übernehmen, weil ich möchte, dass Sie den Ruhm einheimsen«, sagte Dalton mit einem unterdrückten Seufzen. »Weil ich denke, dass Sie so weit sind. Es sei denn, Sie wollen, dass Ian statt Ihrer Teilhaber wird.«
In diesem Moment wusste ich, dass ich verloren hatte. Ich konnte mich nicht entziehen. Der Fall Winters war fast ein Jahr lang von einem ehemaligen Teilhaber betreut worden, bis dieser vergangene Woche ganz plötzlich von der Bildfläche verschwunden war, nach einem Riesenskandal um Spielschulden. Ich hatte die Chance ergreifen wollen, die vakante Stelle zu übernehmen, aber offenbar ging das nicht, ohne diesen Mandanten zu übernehmen, den einen Menschen auf der Welt wiederzusehen, dem ich nie wieder begegnen wollte. Lieber ließ ich mir ein Bein amputieren. Ich hatte erst vor einer Stunde zufällig von dem Fall erfahren, als Daltons Sekretärin irrtümlich eine E-Mail von Callum Winters an mich weitergeleitet hatte, in der er den Termin in der Kanzlei heute bestätigte.
»Eigentlich wollte ich selbst einspringen, weshalb Sie auch erst so kurzfristig davon erfahren, aber ich habe gerade das Ludgate-Mandat angenommen und habe somit keine Kapazitäten mehr frei.« Er gab einen tiefen, müden Seufzer von sich.
Das Ludgate-Erbe war eine Katastrophe. Ich beneidete ihn nicht.
»Ich weiß nicht, Dalton …« Für eine Anwältin war das ein schwacher Auftritt, und das wussten wir beide.
»Sie schaffen das. Ich habe volles Vertrauen in Sie, Harlow.« Dalton legte mir lächelnd väterlich eine Hand auf die Schulter, doch ich sah ihm an, dass er langsam die Geduld verlor angesichts meines Widerwillens, diese einmalige Chance zu ergreifen.
Ich kaute auf der Innenseite meiner Lippe und resümierte noch einmal die Fakten. Dalton wollte das Mandat mir übertragen. Ich würde den Winters-Brüdern – allen dreien, insbesondere aber zweien, die einmal ein wichtiger Teil meines Lebens gewesen waren – gegenübertreten. Und zum Dank würde ich bald Teilhaberin sein. Das sollte es wert sein. Eigentlich.
Wenn die Begegnung mit Callum Winters mich nicht vorzeitig und ohne Testament ins Grab brachte.
Ich bin Fachanwältin für Erbrecht. Ich sollte es eigentlich besser wissen.
»Sie haben recht«, sagte ich schließlich und stemmte die Hände in die Hüften. »Ich übernehme den Fall. Kein Problem. Ich werde Sie nicht enttäuschen.«
Es gab nämlich etwas, das noch schlimmer wäre, als Callum Winters wiederzusehen, und zwar, mir die Beförderung zur Teilhaberin der Kanzlei meiner Träume wegen ebendieses Mannes entgehen zu lassen.
Dalton schien ein wenig überrascht von meiner plötzlichen Kehrtwende und blickte mich stirnrunzelnd an, als ich ihm ein aufgesetztes Lächeln schenkte und in mein Büro zurückging. Meine Absätze klapperten laut auf dem teuren Sandelholzparkett, während in mir der alte Zorn wieder hochkochte.
Wie konnte ich mit dreißig immer noch nicht darüber hinweg sein, dass Callum Winters mich vor acht Jahren so mies behandelt hatte?
Inzwischen hatte ich mein Studium abgeschlossen und war Mitglied der Anwaltskammer von Oregon. Ich arbeitete für die angesehenste Kanzlei im ganzen Bundesstaat, und das als Fachanwältin für Erbrecht, was schon immer mein Steckenpferd gewesen war, auch wenn der Rest meiner Familie sich einem anderen Rechtszweig verschrieben hatte. Ich besaß ein Stadthaus ganz in der Nähe der Prachtstraße in der Innenstadt und bewies jeden Tag aufs Neue mein Können als Juristin. Außerdem war ich inzwischen seit zweieinhalb Jahren vom Krebs geheilt. Alles in allem ein Leben, das wohl die meisten normalen Menschen als beneidenswert bezeichnen würden.
Woher rührte also diese kribbelnde Hitze im ganzen Körper allein bei dem Gedanken an diesen Vollhonk von Callum Winters?
Der E-Mail-Kette zufolge hatten Callum und seine Brüder letzte Woche mit Daltons Sekretärin korrespondiert bezüglich des Testaments ihres kürzlich verstorbenen Vaters. Sie würden nach Winter Harbor kommen – dem Wohnsitz ihres Vaters und zufällig auch der meine –, um seine Angelegenheiten zu regeln. Das hieß, dass sie in diesem Moment vermutlich nur wenige Häuserblocks entfernt waren und ich so tun sollte, als ließe mich das kalt.
»Hey, Bets.« Ich blieb am Schreibtisch meiner Sekretärin stehen. Genau genommen war es meine und Ians Sekretärin, aber ich wusste, dass sie mich bevorzugte. »Ich bräuchte so schnell wie möglich die Winters-Akte. Gerne mit Schleifchen drum.«
Betsy lächelte und klickte sich durch verschiedene Fenster auf ihrem Computerbildschirm. »Kriegst du, Harlow. Sonst noch was?«
»Vielleicht einen Martini.« Ich ließ mich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch fallen. Sie war die Seele der Kanzlei und vermutlich unterbezahlt. Wenn ich erst Teilhaberin war, würde ich sie zu meiner persönlichen Sekretärin machen und ihr Gehalt deutlich erhöhen. »Und eine Massage wäre schön.«
Sie schmunzelte, während der Drucker ansprang. »Alles machbar.«
»Du bist die Beste, Bets. Und schick mir gutes Juju für diese Besprechung.« Ich warf einen Blick auf mein Handy. Halb zwölf. In weniger als einer Stunde würden die Gebrüder Winters mir gegenübersitzen. Das genügte, um mir einen Überblick zu verschaffen … aber nicht annähernd, um mich für das Wiedersehen mit meiner ersten und bisher einzigen großen Liebe – und ihrem jüngeren Bruder, der uns auseinandergebracht hatte – zu wappnen.
»Gutes Juju gesendet«, entgegnete Bets und holte den Stapel Blätter, die der Drucker ausgespuckt hatte. »Aber ich dachte eigentlich, davon hättest du selbst genug.«
Ich strich meine schwarze Bundfaltenhose glatt. Betsy hatte ja keine Ahnung, wie viel Juju – oder positive Schwingungen – ich brauchen würde, um die Begegnung mit Callum und Carson Winters heil zu überstehen. Ich wusste es selbst nicht, ahnte jedoch, dass es nicht reichen würde.
»Ein bisschen zusätzliches Juju kann nicht schaden.« Ich nahm die Ausdrucke von ihr entgegen.
»Vor allem, wenn man es mit den Winters zu tun hat«, entgegnete Betsy seufzend, als hätte sie bereits weniger gute Erfahrungen mit ihnen gemacht.
»Das kann ich nicht beurteilen.« Ich hielt es für besser, meine Romanze mit meinem neuen Mandanten für mich zu behalten. Ich wusste nur, wenn es etwas gab, was ich Callum Winters nicht gönnte, dann die Befriedigung, mir meinen Aufstieg zur Teilhaberin der Kanzlei zu vermasseln. »Hattest du schon mit ihnen zu tun?«
Betsy musterte mich mit ihren warmen braunen Augen. Ein paar graue Strähnen hatten sich aus ihrem tiefen Pferdeschwanz gelöst. »Die ganze Stadt hat so ihre Erfahrungen mit den Winters gesammelt. Natürlich nicht mit den Kindern, die ja nie hier waren.« Sie macht eine abwertende Geste. »Aber der Mann, dessen Erbe du abwickeln sollst? Jeder hier über fünfundfünfzig weiß bestens Bescheid über Elliot und Camille.«
Sie hatte natürlich recht. Meine Eltern hatten in meiner Jugend auch mehrmals die traurige Geschichte der Winters erwähnt, aber ich hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Mir war das immer antiquiert und unwichtig erschienen. Und ich hatte tatsächlich nie einen Zusammenhang hergestellt zwischen Callum Winters und Winter Harbor.
Bei der Erwähnung von Callums Mutter zog sich mein Magen zusammen. Er hatte immer voller Zuneigung von ihr gesprochen. Es war schon seltsam, dass Callums Vater und ich in derselben Stadt lebten, Callum selbst jedoch nie hier gewesen war.
Bis jetzt.
»Alter Adel, richtig?«
Betsy lachte nicht, sie lächelte nicht einmal. Stattdessen packte sie mein Handgelenk. »Sagen wir, du kannst alles Juju brauchen, das du kriegen kannst. Bei dieser Familie ist Ärger vorprogrammiert.«
Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Wer wüsste das besser als ich? Zumindest, was Callum und Carson betraf.
Warum der Rest der Familie für Ärger stand, wusste ich jedoch nicht. Oder weshalb mich das interessieren sollte.
»Es wird schon gut gehen«, entgegnete ich, womit ich wahrscheinlich mehr mich selbst beruhigen wollte als sie. »Das ist eine einfache Erbangelegenheit. Sobald das Erbe abgewickelt ist, ist die Sache erledigt. Easy-peasy.«
»Mmmmm.« Betsys schiefes Lächeln verriet mir, dass sie weniger optimistisch war. »Du bist zu jung, um zu wissen, was für ein Mensch Elliot Winters war. Er ist noch vor deiner Geburt weggezogen. Aber wenn seine Söhne auch nur ansatzweise so zwielichtig sind, wie er es war …« Betsy blickte über meine Schulter den Flur hinunter, wie um sich davon zu überzeugen, dass weder Dalton noch Troy in Hörweite waren. »Du musst alles, was sie dir erzählen, sorgfältig überprüfen.«
Plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals. Ich schluckte und lächelte gezwungen. Bets ahnte ja nicht, wie recht sie hatte und dass ich meine Lektion bereits gelernt hatte. Auf die harte Tour.
Weil Callum meine erste große Liebe war und sein jüngerer Bruder Carson mein Ex.
Ich entschuldigte mich, um meine Sachen zu holen, und nahm mehrere tiefe Atemzüge. Ich hatte in Hope Creek Manor einen Termin mit den Winters-Brüdern und wollte früher dort sein, um mich mental auf die Begegnung vorzubereiten.
Trotzdem hatte ich weiche Knie, als ich meine Aktentasche packte und das Büro verließ. Acht Jahre waren vergangen. Wie mochte es ihnen ergangen sein? Hoffentlich hatten sie die Sache verwunden und waren inzwischen glücklich verheiratet. So wie ich es sein sollte. Und wie ich es vermutlich wäre, hätte es Callum nicht gegeben.
Ich verspürte einen heftigen Stich in der Brust und atmete tief die frische Aprilluft ein, um meine Gedanken zu klären. Es brachte nichts, an die unerfreuliche Vergangenheit zu denken und in quälenden Was-wäre-wenns zu schwelgen. Das hatte ich viel zu lange getan und mir eingeredet, Callum sei mein Seelenverwandter gewesen. Bevor er alles kaputtgemacht hatte. Und dann hatte ich auf eine zweite Chance gehofft, wenn das Schicksal uns eines Tages wieder zusammenführte.
Und jetzt, wo der Fall eintrat, weckte es in mir keine Hoffnung, sondern vielmehr die Ahnung einer bevorstehenden Katastrophe. Dieses Kribbeln im Bauch war ganz sicher keine Wiedersehensfreude, sondern eine Warnung – oder eine Magenverstimmung.
Reiß dich zusammen, Harlow.
Die salzige Meeresbrise wirkte beruhigend, als ich auf mein zweitüriges schwarzes Coupé zuging, das direkt vor der Kanzlei auf der Main Street parkte. Winter Harbor war eine beschauliche Kleinstadt mit vielen von Einheimischen geführten Restaurants und einem geschäftigen Hafen. Es war nicht nur meine Heimatstadt, sondern auch meine Zuflucht. Und als ich über Nebenstraßen zu dem imposanten Anwesen im Kolonialstil fuhr, schwor ich mir, nicht zuzulassen, dass die Vergangenheit mir meinen Seelenfrieden raubte.
Ich hatte lange und hart für meinen bescheidenen Erfolg gearbeitet. Ich würde die Erinnerung an meine vergangene Liebe mit Callum Winters nicht ewig mein Leben überschatten lassen.
Oder?
Auf der ganzen Fahrt hielt ich das Lenkrad fest umklammert. An meinem Ziel angekommen, parkte ich direkt vor dem riesigen Bau, der immer noch einen beeindruckenden Anblick bot, auch wenn er ziemlich heruntergekommen war.
Sträucher überwucherten die Holzstufen zur Veranda, die um das ganze Haus herum verlief, und im weitläufigen Vorgarten standen riesige Eichen. Das viktorianische Herrenhaus im Queen-Anne-Stil war ein Schmuckstück – trotz der abblätternden weißen Farbe und der traurigen Geschichte der Familie, die einst hier gewohnt hatte. Jener Familie, die Winter Harbor gegründet hatte.
Und deren Nachfahren jede Minute eintreffen würden.
Ich blieb in meinem Wagen in der großen runden Auffahrt sitzen und atmete tief durch.
Ich würde ihn nämlich nicht nur das erste Mal seit acht Jahren wiedersehen, sondern musste auch noch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass er und seine Brüder sich in Winter Harbor niederließen. Zum Glück befanden sich meine Eltern gerade auf einer längeren Urlaubsreise in Europa. Da sie selbst Anwälte waren, unterhielten sie sich gerne mit mir über laufende Fälle. Sie würden tausend Fragen haben, wenn sie erfuhren, dass ich ausgerechnet für diesen Mann tätig werden sollte, den Mann, der mir das Herz gebrochen hatte. Demgemäß wollte ich ihnen nicht auf die Nase binden, dass mein Ex in der Stadt war und mein Boss ihn mir als Mandanten aufs Auge gedrückt hatte.
Die ganze Sache würde meine Eltern nur in ihrer Überzeugung bestärken, dass es besser gewesen wäre, in die Familienkanzlei einzutreten, die sich auf Urheber- und Vertragsrecht spezialisiert hatte, anstatt mich als Fachanwältin für Erbrecht zu versuchen. Tatsächlich war ihre Kanzlei in Winter Harbor so erfolgreich, dass mein Bruder eine Zweigniederlassung in Portland eröffnet hatte. Die hätte ich eigentlich leiten sollen, aber nein, ich musste ja meinen Kopf durchsetzen und einen Weg beschreiten, der nach all den Jahren in einem Wiedersehen mit meinem Ex gipfelte.
Aber ich liebte mein Fachgebiet. In meinem zweiten Jahr an der Hochschule hatte ich einer Verhandlung wegen eines Erbstreits zwischen drei Geschwistern beigewohnt, der dermaßen eskaliert war, dass sie vor Gericht zogen. Die Angelegenheit wurde immer surrealer, bis man schließlich glaubte, man befände sich mitten in einer Folge von Melrose Place. Aufgrund meiner Vorliebe für dramatische Seifenopern, die ich vermutlich den häufigen Besuchen bei meiner Großmutter in den Ferien zu verdanken hatte, faszinierte mich das Schauspiel so sehr, dass ich beschloss, mich auf Erbrecht zu spezialisieren.
Das Knirschen von Kies in der Auffahrt riss mich aus meinen Gedanken. Panik stieg in mir auf und lähmte mich. Ich konnte mir einreden, soviel ich wollte, dass ich das schaffen würde, doch ich würde niemals gewappnet sein für eine Begegnung mit Callum.
Ich beobachtete im Rückspiegel, wie ein breitschultriger Mann aus einem Wagen ausstieg. Sofort wusste ich, wer er war. Die Art, wie er sich mit den Fingern durch das zu lange braune Haar fuhr, weckte Erinnerungen, die ich vergessen zu haben glaubte. Eisblaue Augen. Schultern, die in den vergangenen acht Jahren noch breiter und muskulöser geworden waren.
Callum Winters.
Der einzige Mann, den ich zu lieben gewagt hatte.
Der Mann, der mir das Herz gebrochen hatte.
Bei ihm war ein weiterer groß gewachsener dunkelhaariger attraktiver Mann mit den gleichen stechenden eisblauen Augen. Das war der Moment, in dem die Wahrheit mich mit der Wucht einer Abrissbirne traf.
Mein Abschluss war bedeutungslos.
Meine Karriere war bedeutungslos.
Mein Talent im Gerichtssaal? Bedeutungslos.
Nichts konnte mich auf eine Begegnung mit allen drei Winters-Brüdern vorbereiten.
CALLUM
Zu behaupten, dass die letzten Monate suboptimal gewesen wären, wäre maßlos untertrieben, und als ich jetzt aus dem Mietwagen stieg und das heruntergekommene Haus vor mir betrachtete, wurde mir sofort klar, dass noch kein Ende der Pechsträhne in Sicht war.
Ich hatte meinen Job auf so demütigende Weise verloren, dass man über mein grandioses Scheitern glatt eine Netflix-Serie hätte drehen können. Der Loser von Manhattan. Der One-Hit-Wunderknabe der Wall Street: Wie Callum Winters in New York ein Vermögen verdient und verspielt hat.
Ich konnte die Kommentare auf Rotten Tomatoes schon vor mir sehen, die mir ebenso auf den Magen schlugen, als hätte ich tatsächlich verdorbenes Gemüse gegessen.
Und wegen meines epischen Versagens und des legendären Endes meiner Karriere hatte ich auch meine Eigentumswohnung in New York City verkaufen und mein ganzes Hab und Gut einlagern müssen. Ich war arbeits- und obdachlos. Job weg: check. Wohnung weg: check.
Und den Rest gab mir das hier. Meine Rückkehr nach Oregon. Mein erster Besuch hier, nachdem ich gleich nach dem College abgehauen war. Und das erste Wiedersehen mit meinen Brüdern, von denen ich mich entfremdet hatte.
Wiedersehen mit den Brüdern: check-check.
Zwei weitere Fahrzeuge – ein Truck und ein Motorrad – hielten in der Kieseinfahrt hinter mir und lenkten meine Aufmerksamkeit von dem Coupé ab, das vor dem Haus stand. Vermutlich mein Anwalt – nein, Dads Anwalt. Ich konnte immer noch nicht fassen, was passiert war.
Dad war tot.
Nicht, dass sein Tod für mich einen großen Unterschied machen würde.
Er hatte es nicht einmal für nötig gehalten, uns – oder zumindest mir – mitzuteilen, dass er erkrankt war. Wir hatten erst hinterher von seinen Ärzten und Anwälten erfahren, dass vor drei Monaten bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs im vierten Stadium diagnostiziert worden war und ihm gerade noch genug Zeit blieb, seinen Nachlass zu regeln.
Für einen Anruf bei seinen Söhnen oder zumindest eine E-Mail, um uns davon in Kenntnis zu setzen, dass er starb, hatte es offenbar nicht gereicht.
Typisch Elliot Winters. Wie immer hatte er nur an sich gedacht. Er hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Söhnen gehabt. Am Ende seines Lebens besaß er eine gut gehende Importfirma, ein großes Haus und ein ordentliches Polster auf dem Konto. Nur materielle Güter.
Ich hatte mich oft gefragt, ob Dad sich überhaupt an meinen zweiten Vornamen erinnerte oder an meinen Geburtstag. Er hatte mich seit Jahren nicht mehr an meinem Geburtstag angerufen und auch keine Karte geschrieben, ich ging also davon aus, dass er mich einfach vergessen hatte. Vielleicht hatte er seine Söhne ja bereits abgeschrieben, als er uns schon im Grundschulalter aufs Internat schickte.
Ich stieg aus dem Wagen und blickte nach hinten auf die beiden Neuankömmlinge. Ich hatte meine Brüder seit Jahren nicht mehr gesehen, aber sie waren es, daran bestand kein Zweifel. Eine sonderbare Wärme durchströmte mich, obwohl ich mir schon vor Jahren vorgenommen hatte, sie komplett aus meinem Leben zu streichen. Nach allem, was Carson mir angetan hatte, wollte ich schon aus Prinzip nichts mehr mit ihm zu tun haben. Und weil ich meinen jüngsten Bruder Colton so selten gesehen hatte, dass nie eine echte Beziehung zwischen uns entstanden war, hatte ich auch ihn aufgegeben.
Nur weil wir das gleiche Erbgut, den Familiennamen und die Augenfarbe teilten, machte uns das noch nicht zu einer Familie, das hatten meine Brüder sehr deutlich gemacht.
Es war mir besser erschienen, sie zu vergessen.
Auch wenn es mir in der Seele wehgetan hatte, sie abzuschreiben.
Es war wohl besser so.
Ich wollte den ganzen Herzschmerz vergessen, nach vorn blicken und irgendwo anders meine eigene Familie gründen.
Auch wenn ich inzwischen ziemlich sicher war, dass es meine Mrs. Right nicht gab. Und sofern es sie mal gegeben hatte … nun, dann hatte ich diese eine Chance vor acht Jahren vertan.
»Wow. Seht euch das an«, drang Carsons raue Stimme in meine Gedanken.
Ich vergrub die Hände in den Taschen und stählte mich innerlich, bevor ich mich zu ihm umdrehte. Wir waren nie wirklich gut miteinander ausgekommen. Er war als Jugendlicher ein echtes Arschloch gewesen, und ich war mir ziemlich sicher, dass sich daran nicht viel geändert haben würde. Einmal Arschloch, immer Arschloch. Den Spruch sollte man auf sein Kopfkissen sticken.
»Bruder.« Es klang völlig neutral. Ja, wir waren biologische Brüder, aber ich wusste, dass es zwischen uns nicht so sein sollte, wie es war. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie ich es anstellen sollte, das zu ändern. Oder ob ich das überhaupt sollte. Oder wollte. Erst recht nach dem, was er sich geleistet hatte und was es mich gekostet hatte.
Carson lachte spöttisch und fuhr sich mit den Fingern durch das volle dunkle Haar. Wie die meisten Arschlöcher hatte er tolles Haar. Voller als mein eigenes – nicht, dass ich das ihm gegenüber zugegeben hätte.
Colton war dicht hinter ihm. Er wirkte steif und sah viel älter aus als bei unserer letzten Begegnung. Allerdings war er damals auch ein sechzehnjähriger Halbstarker gewesen. Ich hatte keine Ahnung, was er jetzt für ein Leben führte. Was für ein Mensch er geworden war.
Das Schlimmste aber war, dass ich es gerne gewusst hätte, jedoch nicht wusste, wie ich ihn danach fragen sollte.
Stolz war eine zerstörerische Macht, und nach allem, was zwischen Carson und mir vorgefallen war, war ich zu stolz, um das Kriegsbeil zu begraben.
Zumal ein Teil ihm am liebsten mit dem besagten Beil eins übergezogen hätte.
Wir musterten einander in angespanntem Schweigen. Das war schlimmer als ein gemeinsames Thanksgiving oder ein Treffen mit entfernten Verwandten, die man nach zehn Jahren zum ersten Mal wiedersah. Wobei es weder das eine noch das andere in unserer Familie gegeben hatte. Dad hatte immer irgendeine Ausrede gefunden, um uns in den Ferien nicht nach Hause zu holen, und er selbst pflegte keinen Kontakt mehr zu seiner Verwandtschaft. Unsere Verwandten mütterlicherseits hatten wir nie kennengelernt, auch nicht nach ihrem Tod.
Die Begegnung mit diesen zwei Fremden, mit denen ich Abstammung und Kindheit teilte, war die reinste Folter.
Ich musterte Colton eine Weile. Es fiel mir leichter, ihn anzusehen als Carson, da ich gegen meinen jüngsten Bruder keinen Groll hegte. Wir kannten uns kaum, das war alles. Wie ich trug er einen Dreitagebart, während Carson glatt rasiert war. Dazu hatte Colton sich die Ohren piercen lassen und trug Holztunnel von der Größe eines Zehncentstücks. Nicht mein Ding, doch ich musste zugeben, dass es ihm gut stand.
»Seid ihr so weit?«, unterbrach eine weibliche Stimme die angespannte Stille.
Die Stimme kam mir bekannt vor, aber es musste Einbildung sein. Ich wunderte mich nur, dass die Frau uns duzte. Ungewöhnlich für eine Anwältin. Ich hatte bei der unerwarteten Erinnerung an die Vergangenheit – eine Vergangenheit, in der ich geliebt und diese Liebe weggeworfen hatte – plötzlich einen Kloß im Hals und schluckte schwer.
»Harlow?« Bei Carsons ungläubigem Tonfall überzog Gänsehaut meine Arme.
Ich hatte diesen Namen in acht Jahren weder gehört noch ausgesprochen. Nur in meinen Träumen suchte er mich immer noch heim. Ich spürte ein Kribbeln im Nacken, als ich mich langsam umdrehte.
Und da war sie. Der lebendige Beweis dafür, dass es noch schlimmer werden konnte als in den letzten Wochen, in denen mein ganzes Leben in sich zusammengefallen war wie ein Kartenhaus.
Harlow stand mit dem Rücken zum Haus vor uns. Sie hatte das mahagonifarbene Haar zu einem klassischen Dutt geschlungen, mit ein paar losen Strähnen, die ihr Gesicht einrahmten. Aber es waren ihre Augen, bei deren Anblick mein Herz sich zusammenzog und ich schwitzige Hände bekam. Diese Augen waren es gewesen, die damals meine Welt auf den Kopf gestellt hatten. Ihretwegen hatte ich mich schockverliebt und alles darangesetzt, diese Frau für mich zu gewinnen.
»Ja«, entgegnete sie mit einem knappen Lächeln, das jedoch rasch wieder verflog, während sie es tunlichst vermied, mich anzusehen. »Sollen wir gleich zur Sache kommen?«
Ich registrierte das Zwitschern der Vögel in den Bäumen, während ich verzweifelt versuchte, zu begreifen, was sie hier wollte.
Das musste ein Traum sein. Oder nicht?
»Was machst du hier?«, brach es schließlich aus mir hervor, schroffer als beabsichtigt, aber die Gefühle, die gerade auf mich einstürmten, waren einfach zu viel für mich und brachten mich völlig aus dem Konzept.
Sie zuckte nicht mit der Wimper. »Ich bin die Nachlassverwalterin eures Vaters.«
»Ich habe bisher mit Leonard Rasmussen korrespondiert«, entgegnete ich. »Wo ist er?«
»Leonard arbeitet nicht mehr für Quick & Fairchild. Ich habe als langjährige Mitarbeiterin der Kanzlei einen Teil seiner Mandanten übernommen, darunter auch Elliot Winters. Genügt das?« Zum ersten Mal schaute sie mich aus ihren tiefblauen Augen an.
Hitze durchzuckte mich wie ein Stromschlag. Ich biss die Zähne so fest zusammen, dass ich den Schmerz bis hinauf zu den Schläfen spürte. Seltsamerweise empfand ich ihn irgendwie als tröstlich. Als hätte ich zu leiden verdient, nachdem ich mich selbst in eine Situation hineinmanövriert hatte, in der ich gezwungen war, der Frau in die Augen zu sehen, die mir das Herz gebrochen hatte. Und das im Beisein des Bruders, der den Bruch verursacht hatte, und des anderen Bruders, der still dastand wie ein unbeteiligter Dritter.
Ich brachte keinen Ton mehr hervor.
Carson räusperte sich. »Aha. Gut.« Dann wandte er sich an uns. »Callum? Colton? Ist euch das recht?«
Colton murmelte sein Einverständnis, während ich den Blick nicht von Harlow losreißen konnte und auch meinen Puls nicht unter Kontrolle bekam.
Ich sah nur die Vergangenheit. Die Morgen in ihrer Wohnung auf dem Campus, an denen ich sie mit einem Frühstück im Bett überrascht hatte. Wie sie dankbar zu mir aufgelächelt hatte, mit Tränen in den Augen, wenn ich sie mit ihrem Lieblingssaft – Mango – oder Pancakes in einer neuen Variation überrascht hatte. Ich gab mir viel Mühe, sie immer wieder mit solchen Kleinigkeiten zu überraschen. Als mir jetzt schlagartig bewusst wurde, wie sehr ich gerade diese Dinge in den vergangenen acht Jahren vermisst hatte, fühlte es sich an, als würde ich von einem Güterzug überrollt.
Der Tag der Trennung blitzte vor meinem geistigen Auge auf wie ein Filmausschnitt.
Ihre Tränen hatten mein Herz förmlich pulverisiert.
Und doch hatte ich, nach allem, was ich erfahren hatte – und das ausgerechnet von Carson –, keine andere Wahl gehabt, als es zu beenden.
Inzwischen älter – wenn auch nicht unbedingt weiser – wusste ich, dass es damals sehr wohl Alternativen gegeben hätte. Ich war nur zu stolz, zu stur und zu verletzt gewesen, um zu erkennen, dass ich ihr hätte verzeihen können.
Wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn ich mich in meinem Schmerz dazu hätte durchringen können.
Ich war mir absolut sicher, dass Harlow die Trennung längst überwunden hatte. Wahrscheinlich war sie glücklich verheiratet, hatte zweieinhalb Kinder, ein großes Haus mit weißem Lattenzaun und einen flauschigen Hund, der auf einen furchtbaren Namen hörte wie Precious oder Darling.
Mag sein, dass ich ein Arschloch bin, doch ich habe nie wieder eine Frau kennengelernt, der ich mit solchen kleinen Gesten eine Freude machen wollte. Natürlich hatte es in all den Jahren Affären und auch feste Freundinnen gegeben, aber ich hatte sie alle mit Harlow verglichen, und leider hatte keine von ihnen der Frau, die jetzt vor mir stand, das Wasser reichen können.
»Bringen wir es hinter uns«, brummte ich. Der Ärger auf mich selbst wegen der aktuellen Situation ließ mich barsch klingen.
Harlow machte auf dem Absatz kehrt und ging auf das Haus zu. Mein Ausflug in die Vergangenheit nahm ein jähes Ende.
Wir folgten ihr schweigend.
Einen traurigeren Haufen konnte es im ganzen Pazifischen Nordwesten nicht geben.
Ich bildete das Schlusslicht hinter Colton. Sein weißes T-Shirt spannte über seinem Rücken und war leicht durchsichtig, so dass ich vage Umrisse eines großen Tattoos zwischen seinen Schulterblättern erahnen konnte. Im Nacken ragte ein winziges Stück der Tätowierung über den Kragen, aber nicht genug, um Aufschluss über das Motiv zu geben.
»Ich werde zuerst das Testament verlesen«, rief Harlow über die Schulter, während sie auf ihren schwarzen High Heels vorsichtig über den Kies stakste.
Ich konnte nicht anders. Wie von allein glitt mein Blick an der weichen Rundung ihrer Wade hinab bis zu ihrer zarten Fessel. Hitze stieg mir ins Gesicht, als ich daran zurückdachte, wie oft ihre Füße auf meinen Schultern geruht hatten und wie oft meine Lippen an ihren Beinen aufwärtsgewandert waren.
Ihre Absätze wackelten auf dem gepflasterten Weg zur Veranda. Sie sog scharf Luft ein, als sie plötzlich umknickte. Reflexartig sprang ich vor, um sie zu stützen.
»Vorsicht«, rief ich mit heiserer Stimme, als sie gegen mich fiel. Ich hielt sie fest, bis sie wieder sicheren Stand hatte. Der Duft ihres Shampoos weckte eine tiefe Sehnsucht in mir.
Sie blickte auf, und ein rosiger Hauch überzog ihre Wangen. Aber sie fing sich rasch wieder, murmelte ein halbherziges Danke und räusperte sich dann, um auf die Tür zuzusteuern, als wäre nichts gewesen.
»Nachdem ich das Testament verlesen habe«, fuhr sie fort, ein kaum hörbares Zittern in der Stimme, »machen wir eine Hausbegehung und gehen die Inventarliste durch. Bei dieser Gelegenheit kann ich auch eventuelle Fragen beantworten.«
Ich hatte so viele Fragen.
Hatte Harlow geheiratet, so wie wir es damals vorgehabt hatten, als die Zukunft noch so verheißungsvoll war, so voller Liebe und Möglichkeiten, dass wir sicher waren, dass nichts uns daran hindern könnte, unseren Traum zu leben?
Offensichtlich hatte sie wenigstens ihren Traum verwirklicht, Anwältin zu werden. Vielleicht gab es auch irgendwo eine Miniausgabe von ihr, die darauf wartete, dass sie nach einem langen Tag im Büro heimkam, damit sie zusammen Pancakes zum Abendessen backen konnten.
»Riesenkasten«, hörte ich Carson wie aus weiter Ferne sagen.
Ich sah zu ihm. Sein Blick glitt am Verandageländer entlang und dann an den Säulen aufwärts zum Dach.
»Das Haus zählt seit seiner Fertigstellung zu den schönsten Gebäuden von Winter Harbor.« Harlow kramte in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel. »Und es könnte das nächste Jahr über euer Zuhause sein, falls ihr die an das Testament geknüpften Bedingungen akzeptiert.«
Ich blinzelte mehrmals, und es dauerte einen Moment, bis ich den Sinn ihrer Worte verstand. Ich konnte das Vogelgezwitscher wieder hören, nur dass es mir diesmal ohrenbetäubend laut vorkam. Geradezu bedrohlich. So als würden die Vögel mich verspotten.
Colton schnaubte. Es war die erste Gefühlsregung, die ich seit fast zehn Jahren an ihm sah. »Was sagst du da?«
»Genau. Wie sollen wir das verstehen?«, meldete sich auch Carson zu Wort.
»Warum um alles in der Welt sollte auch nur einer von uns ein Jahr lang hier wohnen?«, platzte ich heraus. »Mein Lebensmittelpunkt ist in New York. Soll das ein Witz sein?«
Dann ging mir auf, dass meine tatsächliche Situation der eigentliche Witz war. Es gab keinen Lebensmittelpunkt mehr in New York. Keinen Job, keine Wohnung.
Ich war frei.
Ziellos.
Lustlos.
Völlig lost, um genau zu sein.
Ich konnte immer noch nicht fassen, was passiert war. Dass die dreisten Lügen mich in den Abgrund gestürzt hatten.
Aber ich wollte nicht, dass Harlow in mir den Loser sah, der ich zweifellos war.
Nicht, wo sie offensichtlich so erfolgreich war und ihr Leben im Griff hatte.
Ich könnte den Ausdruck in ihren Augen nicht ertragen, wenn sie die Wahrheit über mich wüsste.
Vermutlich Mitleid.
Oder Erleichterung. Dass der Kelch namens Callum Winters an ihr vorbeigegangen war.
Ganz zu schweigen von dem Ausdruck auf Carsons Gesicht. Zweifellos die pure Schadenfreude.
In meinem Leben gab es nichts mehr – keine Arbeit, kein Zuhause, keine Liebe.
Zum Tramp fehlte mir nur noch der Stock mit dem gepunkteten Bündel am Ende, das meine ganzen Habseligkeiten enthielt.
Aber eins war sicher. Auch wenn das Ende unserer Beziehung mich abgehärtet hatte – woran ich selbst die Schuld trug, so wie ich damals vorgegangen war –, hatte das Wiedersehen mit ihr mir klar vor Augen geführt, dass ich noch lange nicht über sie hinweg war. Acht Jahre waren vergangen, und ich begehrte sie immer noch wie am ersten Tag. Sehnte mich nach ihr. Ich wollte sehen, ob sie einen Ring am Finger trug – nicht, dass das dieser Tage noch viel besagte. Trotzdem wollte ich sehen, ob ein fetter Diamant ihren zarten Finger schmückte.
Ich holte tief Luft und stieg die Stufen hinauf.
Die Jahre hatten nichts an meinen Gefühlen für Harlow Jackson geändert.
Die Frau hatte sich so tief in meinem Herzen eingenistet, dass sie für immer ein Teil von mir sein würde. Der einzige Weg aus dieser Hölle bestand darin, möglichst schnell aus Winter Harbor abzuhauen und niemals zurückzukehren.
HARLOW
Es war schwer, Callum nicht anzusehen. Seine markante Kieferpartie und seine beinahe stechenden eisblauen Augen zogen die Blicke fast magisch auf sich.
Bei aller Verwirrung, die dieses unerwartete Wiedersehen gestiftet hatte, war eins offensichtlich geworden: Ich fühlte mich immer noch unwiderstehlich zu dieser Naturgewalt namens Callum Winters hingezogen. Er war damals auf dem College schon ein gut aussehender Mann gewesen, aber jetzt war er mehr als heiß.
Ein Teil von mir hatte vermutlich insgeheim gehofft, er hätte mit den Jahren an Attraktivität eingebüßt und wäre vielleicht mit einer Zahnlücke, einer haarigen Warze auf der Stirn oder der abstoßenden Angewohnheit nach Oregon zurückgekehrt, sich den Hintern zu kratzen.
Aber nichts dergleichen.
Natürlich musste Callum wie ein moderner Don Draper im lässigen Freizeitlook aussehen.
Ob er irgendwelche abstoßenden Gewohnheiten entwickelt hatte, würde ich wohl nie erfahren, da ich nicht beabsichtigte, genug Zeit mit ihm zu verbringen, um es herauszufinden.
»Wir gehen drinnen alles durch«, erinnerte ich sie. Ich hatte gewusst, dass sie nicht begeistert sein würden von den an das Erbe geknüpften Bedingungen. Das war tatsächlich eine Bombe.
Ich räusperte mich, kämpfte mit dem Türschloss und ließ vor lauter Nervosität den verdammten Hausschlüssel auf die ausgebleichte Fußmatte fallen. Ich konnte ihre eindringlichen Blicke auf mir spüren, als ich mich bückte, um ihn aufzuheben.
»Brauchst du Hilfe?«, fragte Carson.
»Nein.« Ich richtete mich auf und vermied jeden Blickkontakt mit allen dreien, bis ich mich wieder gefasst hatte. Diesmal gelang es mir, die Tür aufzuschließen. Als sie aufschwang, wehte uns muffige, abgestandene Luft entgegen. Callums Blick brannte weiter auf meiner Haut, und alles Leugnen wäre zwecklos gewesen. Die Chemie zwischen Callum und mir hatte vom ersten Tag an gestimmt, und das würde offenbar auch immer so bleiben. Es verunsicherte mich, dass es nur einiger Blicke und eines Remplers bedurfte, damit das alte Feuer zwischen uns wieder aufloderte. Ich musste verrückt sein und würde wohl für immer Single bleiben und meiner ersten großen Liebe nachtrauern.
Als wir die geräumige Eingangshalle betraten, die zwar wie der Rest des Hauses etwas abgewohnt war, aber immer noch beeindruckend, stieß Carson einen leisen Pfiff aus. »Alle Achtung. Das sieht aus, als wäre Opa Winters königlichen Geblüts gewesen.«
»Dann wären wir ja Prinzen«, bemerkte Colton grinsend und blickte an den Säulen hinauf. »Und Callum als Erstgeborener wird Thronfolger.«
Ich lachte gezwungen. »Da eure Familie den Ort gegründet hat, genießen die Winters hier tatsächlich einen Sonderstatus.«
»Wenn wir der Herrscherklasse angehören, benennen wir Callum in Caligula um«, sagte Carson mit einem breiten Grinsen in Callums Richtung.
Nur ein Zucken seines Kiefermuskels verriet Callums Ärger über diese Bemerkung. Er sagte jedoch nichts und begnügte sich damit, Carson einen eisigen Blick zuzuwerfen.
»Das ist so witzig, dass er glatt vergessen hat, zu lachen«, bemerkte Colton und blickte zwischen den Brüdern hin und her.
Ich musste zugeben, dass es tatsächlich – ein bisschen – witzig war, wollte aber kein Öl ins Feuer gießen. Ich hatte schon genug mit mir selbst zu tun, da brauchte ich mich nicht auch noch in ihre Streitigkeiten einzumischen.
»Lasst uns anfangen«, schlug ich stattdessen vor. Ich stellte meine Aktentasche auf einen Vorsprung, der sich an der Wand entlangzog, und holte das Testament und die Kopien für die Brüder heraus. Nachdem ich die Unterlagen verteilt hatte, heftete ich den Blick auf das Testament und nahm mir fest vor, erst wieder aufzublicken, wenn ich fertig war.
»›Ich, Elliot John James Winters, wohnhaft 1467 Gregory Crescent in Portland, Oregon, im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte, erkläre hiermit, dass es sich bei dem vorliegenden Dokument um meinen Letzten Willen handelt. Mit Inkrafttreten dieses Testaments erlöschen alle vorausgegangenen. Da ich unverheiratet bin, sind meine Alleinerben meine drei Söhne: Callum Johnathan Winters, Carson Jeffrey Winters und Colton James Winters …‹«
Die Brüder waren mucksmäuschenstill, während ich las, so dass es mir stellenweise beinahe vorkam, als wären sie gar nicht da. Das war ganz hilfreich, da sie noch die eine oder andere unangenehme Überraschung erwartete.
»›Ich vermache mein gesamtes Vermögen meinen drei Söhnen, knüpfe jedoch ein paar Bedingungen an das Erbe. Um das Haus und alle anderen beweglichen und unbeweglichen Güter zu erben, müssen meine Söhne das Haus in Winter Harbor ein Jahr lang alle zusammen bewohnen. Während dieser Zeit haben meine Söhne die volle Verfügungsgewalt über den Grundbesitz und alle Besitztümer, auch während der Dauer der Nachlassabwicklung, vorausgesetzt, sie halten sich an die Verfügungen des Testaments und leben ein volles Jahr lang in Hope Creek Manor.‹«
Ich las einfach weiter, um ihnen keine Gelegenheit zu geben, auf die Bestimmungen im Testament ihres verstorbenen Vaters zu reagieren oder Einwände zu erheben.
Allerdings kam ich nicht weit. »Hey, Moment mal, dann war das vorhin dein Ernst?«
Ich legte eine Pause ein und überlegte, was ich darauf erwidern sollte.
Aber Callum kam mir zuvor. »Niemals wird auch nur einer von uns ein Jahr lang in dieser heruntergekommenen Ruine leben. Das Haus sollte abgerissen werden, bevor es einstürzt. Die Stadt würde auch gar nicht erlauben, dass wir hier wohnen.«
»Ich denke nicht, dass die Stadt Einwände erheben würde«, widersprach ich und konnte mir ein verstohlenes Grinsen nicht verkneifen. Die Stadt nicht, möglicherweise aber die Einwohner nach allem, was mir in letzter Zeit über die Familie zu Ohren gekommen war.
»Die Stadt hat großes Interesse am Erhalt des Hauses. Aber auch sie muss sich an die Bestimmungen des Testaments halten. Es sei denn, ihr schlagt das Erbe aus. Die Stadt hätte das Haus gerne und wird während der Frist im eigenen Interesse handeln, darauf könnt ihr wetten.«
»Lies weiter.« Colton legte den Kopf schief und musterte mich eindringlich.
Da er der einzige von den Winters-Brüdern war, mit dem ich nie intim gewesen war, machte ihn das per se zu meinem Favoriten. Ich schenkte ihm ein leises Lächeln, ehe ich fortfuhr, lediglich unterbrochen von dem einen oder anderen Seufzer aus Callums Richtung. Als ich schließlich das Testament wieder wegpackte, starrten mich alle drei Brüder grimmig in fassungslosem Unglauben an. Carson hatte die Arme vor der Brust verschränkt, Callum tigerte rastlos auf und ab und fuhr sich immer wieder mit der Hand durch das Haar, und mein Lieblingsbruder Colton hielt den Kopf immer noch schräg, die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen.
»Wie viel ist der Nachlass wert?«, fragte Colton schließlich.
»Etwa zwanzig Millionen.« Bei meinen Worten blieb Callum abrupt stehen. »Das ist nur eine vorläufige Schätzung, da der Wert einiger Besitztümer erst noch ermittelt werden muss.«
Angespannte Stille senkte sich herab.
»Und was passiert, wenn wir die Bedingungen nicht erfüllen?«, wollte Callum wissen. »Wenn wir uns weigern, ein Jahr lang hier zu leben?«
»Dann fällt der gesamte Nachlass an den Bundesstaat Oregon.« Ich warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schaute sofort wieder weg. »Können wir jetzt zu den Briefen übergehen?«
»O Gott, da ist noch mehr«, knurrte Carson.
Ich zog die beschrifteten Umschläge aus meiner Aktentasche und verteilte sie an die Brüder.
Carson riss seinen Umschlag als Erster auf, dann Colton. Callum trat derweil an das gegenüberliegende Fenster mit Blick auf den überwucherten Garten hinter dem Haus. Der gepflasterte Weg war gerade noch zu erkennen, ebenso wie der Springbrunnen mit dem abgestandenen tiefgrünen Wasser. Früher einmal musste das Herrenhaus so prächtig gewesen sein wie die Anwesen in Better Homes & Gardens. Heute erinnerte es nur noch an ein Filmset für eine traurige Serie über eine völlig zerstrittene Familie.
Ich versuchte, unbeteiligt zu bleiben, während die Brüder die Abschiedsworte ihres Vaters lasen. Wirklich. Aber insgeheim war ich schrecklich neugierig. Auch wenn ich nie wieder auf freundschaftlicher Ebene mit Callum Winters würde umgehen können, fiel es mir extrem schwer, nicht verstohlen zu beobachten, wie er grimmig aus dem Fenster starrte und zwischendurch immer wieder auf den Umschlag in seiner Hand blickte.
Carson schnaubte an einem Punkt der Lektüre seines Briefs. Coltons Gesichtsausdruck wurde beim Lesen immer ernster. Letztlich resignierte auch Callum und riss seinen Umschlag auf. Ich betrachtete meine Fingernägel – mein Nude-Nagellack sah immer noch perfekt aus, aber ich hätte einen kräftigeren Ton gewählt, wenn ich früher von meiner bevorstehenden Begegnung mit Callum gewusst hätte. Außerdem hätte ich dann einen figurbetonteren Rock gewählt und dazu ein bauchfreies Oberteil, um ihm vor Augen zu führen, was er versäumte.
Aber wozu? Dieses unsinnige Bedürfnis, Callum anziehen und gleichzeitig vor ihm weglaufen zu wollen, war verwirrend und ärgerte mich. Eine normale Frau würde nach all dieser Zeit nichts mehr für Callum empfinden, aber mein Körper kribbelte vor Verlangen und Sehnsucht. Als bestünde noch eine Chance, das, was zwischen uns gewesen war, wiederzubeleben. Ein absurder Gedanke.
Colton atmete geräuschvoll aus und faltete seinen Brief wieder zusammen. »Okay. Der Alte hatte sie nicht mehr alle. Ich bin raus.«
»Niemals«, brummte auch Carson und starrte immer noch auf den Brief in seiner Hand.
»Ich hoffe, euer verstorbener Vater hat euch tröstliche Worte hinterlassen.« Was ich eigentlich sagen wollte, war: Was zur Hölle steht in den verdammten Briefen?
»Offensichtlich war er, als er das verfasst hat, geistig verwirrt.« Auch Carson faltete seinen Brief wieder.
Im nächsten Moment schnaubte auch Callum verächtlich und stopfte sein Exemplar in die Gesäßtasche seiner Hose. »Man kann es so zusammenfassen, dass mein Vater wollte, dass wir zusammenleben, damit wir uns einander wieder annähern.«
»Der Drops ist gelutscht«, warf Carson ein. »Da lässt sich nichts mehr reparieren.«
Ich konnte mir eine Grimasse nicht verkneifen. Noch drastischer konnte man den letzten Wunsch eines Vaters nicht ablehnen. »Das ist natürlich eure Entscheidung. Weder ich noch sonst jemand will euch zu irgendetwas zwingen. Lasst mich nur innerhalb von zwei Wochen eure endgültige Entscheidung wissen.«
Als ich hierauf keine Antwort bekam und mich alle drei Brüder nur eindringlich musterten, nickte ich. »Also gut. Starten wir mit dem Rundgang.«
Ich durchquerte die Diele und betrat den riesigen Salon. Das Haus war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gebaut worden, und die fast sechs Meter hohen Decken waren nach Jahren der Vernachlässigung voller Spinnweben.
Meine Absätze klapperten auf dem Parkettboden, als ich vorausging in den angrenzenden Raum. »Esszimmer. Küche. Wintergarten.« Ich blieb vor der Fensterfront stehen. »Oben gibt es fünf Schlafzimmer und drei Badezimmer. Das Haus steht seit den neunziger Jahren leer. Ihr müsstet einiges an Arbeit investieren, es sei denn, ihr überlasst das Anwesen dem Staat.«
Colton blickte die breite Treppe hinauf. »Ein Vermögen von zwanzig Millionen, sagst du? Habt ihr das Haus dazugerechnet?«
»Der Kasten ist nichts wert, es sei denn, das Fundament wäre aus purem Gold oder so was«, murrte Carson und versetzte den Bodendielen einen kräftigen Tritt mit dem Stiefelabsatz.
»Neben den anderen Vermögenswerten verfügt das Haus über einen beeindruckenden Weinkeller und etwa acht Hektar Land. Ganz davon abgesehen, dass es sich um ein historisches Bauwerk handelt. Der Geschichtsverein der Stadt würde einen Mord begehen, um das Haus in die Finger zu bekommen und es in ein Museum zu verwandeln. Und wenn man die Grundstückspreise heutzutage berücksichtigt … da kommt schon was zusammen.«
»Du hast uns den Weinkeller nicht gezeigt«, sagte Carson.
Ich ignorierte seinen schroffen Tonfall. »Ihr könnt euch gerne alles ansehen. Auch den Weinkeller.«
Carson kniff die Augen zusammen und schnaubte.
Ich ließ mich nicht provozieren und schob seine schlechte Laune auf die unerwarteten Bedingungen, die sein Vater an die Erbschaft geknüpft hatte. Andererseits war er vor acht Jahren schon ein Widerling gewesen, und daran hatte sich vermutlich in den vergangenen Jahren nichts geändert. »Ihr wisst also jetzt, was Sache ist«, sagte ich abschließend. »Entweder ihr wohnt gemeinsam ein Jahr lang hier im Haus, oder es fällt an den Staat. Eure Entscheidung.« Bitte entscheidet euch gegen das Haus.
»Ich würde gerne eine zweite Meinung einholen.« Callums Stimme klang ebenso eisig und emotionslos wie an jenem Tag, als er mir den Laufpass gegeben hatte.
Ich hörte sie heute noch gelegentlich in meinen Albträumen.
Wie in Zeitlupe zog ich die Brauen hoch. Vielleicht war das ja die Lösung.
Wenn die Brüder eine zweite Meinung einholen wollten, musste mein Boss das hinnehmen, ohne dass es meine Chancen auf die Teilhaberschaft schmälerte. Der perfekte Ausweg aus dieser für mich untragbaren Situation. Je weniger Zeit ich mit den Winters-Brüdern – und insbesondere Callum – verbrachte, desto besser.
»Unser Vater kann uns nicht zwingen, in einer Bruchbude aus dem neunzehnten Jahrhundert zu wohnen«, fuhr Callum fort. »Wir leben in Amerika und nicht im mittelalterlichen England.«
»Was hat das hier mit dem mittelalterlichen England zu tun?«, brummte Carson.
Colton zog die Brauen zusammen. »Ein Haus aus dem neunzehnten Jahrhundert ist nicht …«
»Klappe«, knurrte Callum. Es war der erste Sprung in seiner Fassade der Unerschütterlichkeit.
Sie waren immer noch Brüder, und ich konnte mir fast vorstellen, dass sie die Angelegenheit mit einem brüderlichen Armdrücken austrugen.
Oder einem Duell.
Aber sie beließen es dabei.
»Ihr könnt euch meinetwegen auch gerne eine modernere Alternative suchen«, entgegnete ich und konnte meine Schadenfreude nicht ganz verhehlen. »Denkt in Ruhe über alles nach. Das Testament wurde verlesen und Abschriften jedem von euch ausgehändigt. Sofern ihr das Testament nicht anfechten wollt, bin ich fertig hier, bis ihr mir eure finale Entscheidung mitteilt. Dann werde ich euch eine Inventarliste des Nachlasses übergeben. Normalerweise hätte ich euch die Liste vorab schon gegeben, aber im Testament heißt es ja ausdrücklich, dass ich euch die Inventarliste nur aushändigen darf, nachdem ihr euch einverstanden erklärt habt, ein Jahr lang zusammenzuleben.«
»Zur Hölle mit Dad und seinen Spielchen«, grummelte Carson kopfschüttelnd.
Insgeheim gab ich ihm recht, doch da Carson und ich keine Freunde waren, behielt ich das für mich. Stattdessen richtete ich den Blick auf Colton, den Einzigen von den dreien, den ich ansehen konnte, ohne dass mir übel wurde. »Noch Fragen?«
Die Brüder schwiegen, aber ich konnte den Groll, den Callum ausstrahlte, förmlich fühlen. Trotz der Jahre, die vergangen waren, wusste ich immer noch intuitiv, was in ihm vorging. Ich ging sogar davon aus, dass dieses unerwartete Wiedersehen das Band, das von Anfang an zwischen uns bestanden hatte, weiter festigen würde. Diesem Band hatte weder die Zeit etwas anhaben können noch die Ereignisse, die mein – und zweifellos auch sein – Leben in den vergangenen Jahren geprägt hatten.
»Solltet ihr etwas brauchen, könnt ihr über die Kanzlei mit mir in Kontakt treten. Und wenn ihr einen zweiten Anwalt konsultieren möchtet … viel Glück. Das Testament ist wasserdicht.«
Ich drehte mich um und ging zurück zur Tür, wobei ich das Haus noch einmal auf mich wirken ließ.
Hope Creek Manor war die Art Haus, von dem ich immer geträumt hatte. Sicher, ich hatte ein hübsches Haus in der Innenstadt mit kleinem Garten und Blumenkübeln voller frischer Kräuter, aber dieses Anwesen hier schrie förmlich nach Familie. Vermächtnis.
Ich hatte mir vorgestellt, mit dem Mann meiner Träume und unseren gemeinsamen Kindern in einem solchen Haus zu wohnen. Ein Wunschtraum, den ich mit viel Arbeit kompensiert und verdrängt hatte, um den Herzschmerz zu überdecken, den die Trennung von Callum mir zugefügt hatte.
Aber mit der Diagnose Brustkrebs war der alte heimliche Traum wieder in den Vordergrund gerückt. Nicht zu wissen, ob ich lange genug leben würde, um eine Familie zu gründen, war beängstigend gewesen. Jetzt, wo ich offiziell krebsfrei war, war ich umso entschlossener, das zu erreichen, was ich mir im Leben am meisten wünschte.
Und wenn sich doch kein Mr. Right zeigte und die Kinder nie geboren wurden, hatte ich immer noch eine erfolgreiche Karriere, auf die ich stolz sein konnte.
Vielleicht würde ich bis ans Ende meines Lebens nur Vollzeit-Anwältin sein. Immerhin hatte ich gleich mehrere gescheiterte Beziehungsversuche hinter mir, so dass ich die Hoffnung darauf, jemals »Ehefrau und Mutter« im Lebenslauf stehen zu haben, vielleicht abhaken sollte.
Nun zu erfahren, dass Callum Winters ausgerechnet dieses Traumhaus geerbt hatte, machte alles nur noch schlimmer. Er wäre nicht nur um ein Haar der Mann aus meinen Träumen gewesen, sondern hatte zudem noch seine Wurzeln in meiner Heimatstadt. Seine Vorfahren hatten mein Winter Harbor gegründet und gehörten somit dem lokalen »Adel« an.
Er hatte ein Herrenhaus geerbt.
War Anwärter auf ein Vermögen.
Nur dass keiner seiner Brüder Interesse an dem Haus zeigte, und auch das Vermögen war an Bedingungen geknüpft. Callum Winters war lediglich die leere Hülle einer Zukunft, die niemals die meine sein würde. Er stand für einen Traum, der sich für mich nie erfüllen würde.
Und nachdem ich Callum hier in Winter Harbor gegenübergetreten war, musste ich ihn gleich wieder vergessen, und zwar diesmal endgültig.
CALLUM
Alles in meinem Inneren war angespannt, mein Herz eingeschlossen, als Harlow ihre schlanke Gestalt mit dem knackigen Po hinter das Steuer ihres Coupés gleiten ließ, den Motor startete und dann, nachdem sie eine Minute mit laufendem Motor dagesessen hatte, schließlich losfuhr. Das Knirschen ihrer Reifen auf dem Kies hallte laut von der Einfahrt durch die offen stehende Haustür ins Haus. Erst als ihr Wagen aus meinem Blickfeld verschwunden war, wandte ich mich meinen Brüdern zu.
»Ich telefoniere mal rum und besorge uns einen anderen Anwalt«, verkündete ich.
»Das ist unnötig«, sagte Colton und verdrehte die Augen. »Ich bin sicher, dass das Testament wasserdicht ist. Auf mich hat Harlow einen sehr kompetenten Eindruck gemacht.«
Zu meiner Überraschung nickte Carson zustimmend.
Ich winkte ab. »Ich werde trotzdem telefonieren.«