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Dass der Mensch "unheilbar religiös" sei oder irgendwann die Frage nach Gott stellen wird, gehörte lange zu den unhinterfragten Voraussetzungen von Theologie und Pastoral. Empirische Daten melden jedoch Zweifel an diesen Gewissheiten an. Wenn man zulässt, dass es auch anders sein könnte, verschieben sich nicht nur theologische Gedankengebäude, auch die Koordinaten der Seelsorge verändern sich von Grund auf. Dann geht es nicht mehr allein um eine Optimierung pastoraler Vollzüge bzw. Strukturen, sondern um das Gestalten einer fundamentalen Transformation. Das Buch analysiert die Herausforderungen für das Christentum inmitten der weit verbreiteten religiösen Indifferenzen und zeigt Perspektiven für ein zukünftiges Christentum unter radikal veränderten Vorzeichen auf. Ein anregendes Buch für alle pastoral Engagierten und theologisch Interessierten, nah am Puls der Zeit und mit dem Mut, out of the box zu denken.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2024
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© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2024
Hermann-Herder-Straße 4, 79104 Freiburg
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rohrdorf
Umschlagmotiv: © Ulrike Schmitt-Hartmann / GettyImages
Satz: Barbara Herrmann, Freiburg
E-Book-Konvertierung: Newgen Publishing Europe
ISBN Print 978-3-451-39569-7
ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-84569-7
ISBN E-Book (PDF) 978-3-451-83569-8
Vorwort: religiöse Indifferenzen als Hintergrund einer fundamentalen Transformation
„Der lügt den Papst an?!“ – kurze biografische Wegmarken
Eine Navigation durch den Band
A Szenen und Analysen der Transformation
Optimierung und Transformation: Mindestens zwei Paradigmen im Widerstreit
Gottesbezug und Religion als Fluchtpunkt des Transformationsparadigmas
Religion ja, Kirche nein? Vom Ende einer optimistischen Annahme
Charles Taylor: Glaube ist eine Möglichkeit unter vielen – und nicht die leichteste!
Eine Option auf dem Vormarsch: Die „Säkulare Option“ als Apa-Theismus
Indifferenz transformiert sich aktuell häufig in Religionsfeindlichkeit
Aber Spiritualität boomt doch? Allerdings: Selbsttranszendierung heißt nicht Transzendenz-Bedürfnis
Menschen suchen wenigstens nach Sinn, oder? Erste Begegnungen mit den „Nones“
Wenn die ‚großen Fragen‘ immer weniger gestellt werden
Säkularität 2 versus Säkularität 3
Je weniger personal, desto weniger relevant: das driftende Gottesbild
B Pastoraltheologische Beobachtungen inmitten des Relevanzverlustes
Die schmerzhafte Einsicht: Pastorale Qualität ist kein Garant für den ‚Erfolg‘
Pastoral nur vom „Sender“ her denken?
Pastoral nach den Maßstäben der Babyboomer: die Generationenperspektive
Die Dominanz der Oblaten
Der Unterschied von „Somewheres“ und „Anywheres“
Die „neue Mittelklasse“
„Ich glaube an die Kirche?!“, oder: wie die nicht mehr gestellte Gottesfrage mit der Kirche beantwortet werden soll
Das Communio-Dispositiv wird zur Problemlösungsformel
Kirchliche Reformen und pastorale Optimierungen sind absolut notwendig, aber nicht hinreichend
Das Dilemma: Weder Restauration noch Reform werden letztlich helfen
Eine Quintessenz mit fundamentalen Konsequenzen: Die Säkularisierung ist Megatrend, aber kein Universaltrend
C Theologische Tiefenbohrungen: „Nur mal eben kurz die Welt retten“
Radikale Transformation, oder: „Ich habe eine Antwort auf eine Frage bekommen, die ich vorher gar nicht hatte!“
Die Botschaft ist zwar ‚gut‘, wird aber nicht mehr von allen gebraucht: die Grenzen des christlichen Universalismus
In anderer Reihenfolge: Rechenschaft geben von der Hoffnung, die uns erfüllt
Woher kommt eigentlich die Vorstellung, dass jeder Mensch Gott braucht?
Ein Hauptproblem: „Leben in Fülle“ funktioniert ohne Gott
Die neoliberale Eliminierung alles Negativen in der „Positivgesellschaft“
Freilassen: Den christlichen Universalismus neu denken
D „Was mach ich mit mir, wenn die Welt nicht so ist, wie ich sie gerne hätte?“ (Ruth Cohn) Perspektiven eines Christentums in der Transformation
Das Wiederentdecken des rettenden Außen
Aufhören lernen
Spiritualität der Transformation: der Karsamstag
Souveränitätsgewinn durch Souveränitätsverzicht
Von einer allgemeinen Bedürfnis- zur Diversitätsprämisse
Ent-Netzungen ernst nehmen
Neu(e) Fragen lernen
Zwei Optionen: Realismus und Ana-Theismus
Gott erahnen und erfahren, der sich inmitten des Säkularen ereignet
Heilender Glaube?
Die Frage nach dem wirksameren Gott
Kenotisch und postkonstantinisch: Zwei Zeitansagen für die Kirche
Die größte Versuchung: der kirchlich-klerikale Selbsterhaltungswille
Wir werden eine Minderheit – die Suche von Kirchenbildern nach der ‚Entnetzung‘
Welche Minderheit wollen wir werden? Kreative Minderheit versus legalistischer Rückzugskatholizismus
Postkonfessionell denken: Mehr ‚Christianity‘ als ‚Churchianity‘ wagen
Diakonie und Ritual
Eine Versuchung: ‚Unkraut‘ und ‚Weizen‘ hermetisch zu trennen
Die narrative Grundstruktur wieder entdecken
Narrationen als Angebote, erstpersönliche Erfahrungen im Glauben zu machen
Spiritual Care
Der Dienst der Versöhnung
Im Namen der Menschlichkeit: Das Christentum als prophetisches Narrativ
E Zu guter Letzt
Wie Transformation und Optimierung einander zuordnen? Nichts Genaues weiß man nicht
Nicht nur anders, sondern gar nicht mehr und dann erst ganz neu
Ein kurzer Ausblick auf die deutsche Kirchenlandschaft: Was wohl Elisabeth Kübler-Ross sagen würde?
Dank
Anmerkungen
Seit Jahren belegen empirische Studien in beeindruckender Einigkeit, wie eine Gleichgültigkeit in religiösen Fragen bei immer mehr Menschen zum bleibenden Normalfall wird. Für Deutschland zeigte zuletzt die Sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU VI) von 2023, dass, in jeweils unterschiedlicher Ausformung, zum Segment der „Säkularen“ mittlerweile 56 % der Deutschen gehören.1 Sie wissen mit Religiosität, gleich welcher Art, nichts mehr anzufangen und ihr Durchschnittsalter ist niedrig. Unter den kirchlich Distanzierten, also noch in der Kirche Verbliebenen, bilden sie zudem die mit 9 % die größte Gruppe, wodurch die Gesamtzahl der „Säkularen“ mit 65 % der Deutschen die deutliche Bevölkerungsmehrheit ausmacht. Nur 13 %lassen sich im Gegensatz dazu als „kirchlich-religiös“ bezeichnen. Letztere Gruppe, innerhalb derer der Glaube an einen personalen Gott noch am häufigsten anzutreffen ist, bildet überdies die durchschnittlich älteste Kohorte. Ebenso sind religiöse Vorstellungen oder auf Sinn oder Spiritualität hin angelegte Suchbewegungen in allen Generationen immer weniger feststellbar. Eine individualisierte, also außerkirchliche bzw. -institutionelle Religiosität ist nur noch bei 6 % der Deutschen nachzuweisen.
Mit Blick gerade in die deutsche Geschichte der letzten 30 Jahre hat daher entgegen allen Hoffnungen und Prognosen nicht Westdeutschland den Osten re-christianisiert, sondern die Religionslosigkeit ist mittlerweile zu einem in ganz Deutschland dominanten Phänomen geworden.2 Ein Großteil der Bevölkerung wäre damit, frei nach Max Weber, „religiös unmusikalisch“, was in zunehmendem Maße offenbar nicht nur Deutschland bzw. Europa zu betreffen scheint.3Ursprünglich sollte aus diesem Band eine kurze, gerade auch für Engagierte in der Praxis leicht handhabbare Zusammenfassung meiner pastoraltheologischen Habilitationsforschungen entstehen.4 Der Wechsel in die Niederlande und das Erleben von zwei sehr unterschiedlichen Kulturen und Ortskirchen, die buchstäblich nebeneinander existieren, haben das Projekt angeschärft. Man lernt in den Niederlanden einen guten, um nicht zu sagen pragmatischen Realismus. Viele pastorale Visionen bzw. Illusionen sind schon länger ausgeschöpft, was als Befreiung eigener Art erfahren werden kann. Nicht, was die Kirche anders machen sollte oder könnte, steht hier allein im Fokus, sondern auch die Frage, ob es überhaupt noch Religion braucht.
Dazu kamen Fortbildungen mit kirchlichen Haupt- und Ehrenamtlichen, bei denen mir deutlich wurde, dass alle offenbar an derselben Schnittstelle arbeiten, in verschiedenen Ländern oder Regionen womöglich in anderen Zeitzonen bzw. mit unterschiedlichen Problemvorsprüngen. Solche Erfahrungen sowie weitere Forschungen seit der Habilitation sind ebenfalls in die folgenden Überlegungen eingeflossen.
Jene verbindende Schnittstelle ist, so lässt sich unter anderem bei Tomáš Halík lernen, eine fundamentale Transformation.5 Das Christentum steht vor epochalen Herausforderungen, es häutet sich aus der Form heraus, die es für lange Zeit gefunden hatte. Religion wird sicherlich nicht verschwinden. Doch welche wird die neue Form, die neue Rolle des Christentums sein? Woran kann sie Maß nehmen? Welche Bedeutung haben Kirchen- und Glaubensthemen jeweils innerhalb dieser Prozesse?
Eine Erfahrung von Fortbildungen und Tagungen gerade im deutschen Sprachraum ließ mich nachdenklich werden. Bei vielen Analysen zur gegenwärtigen Lage des Christentums herrschte eine hohe Identifikation von allen Seiten. Viele merken und äußern, dass es eine kulturelle Tiefenströmung zu gehen scheint, die wir noch nicht ganz verstehen und der wir uns vielleicht deshalb so häufig ohnmächtig gegenübersehen: die Säkularisierung als Trend einer lebensweltlichen Gleichgültigkeit gegenüber transzendenzbasierten Deutungsbezügen. Dieser Prozess scheint einen großen, wenn nicht sogar den größten Anteil an den derzeitigen Transformationsphänomenen zu haben. An dieser Stelle setzt der Band an. Er möchte jene Entwicklungen, in denen wir uns als Christ:innen heute alle auf verschiedene Weise gemeinsam befinden, anschaulicher machen.
Dabei ist auffällig, dass in den Niederlanden allein das Wort Säkularisierung viel leichter über die Lippen kommt, als dies im deutschen Sprachgebiet der Fall zu sein scheint. Gründe dafür könnten in verschiedenen Deutungsperspektiven liegen. Mittlerweile ist die Entwicklung jedoch so tiefgreifend und nicht mehr zu leugnen, dass man sich kirchlich hiermit profilierter auseinandersetzen sollte: keineswegs als Dekadenzphänomen, sondern als „Zeichen der Zeit“. Die Pandemie hat inmitten dieser Prozesse vielen als Augenöffnerin gedient. Nicht nur, dass es bis heute schwer ist, in der Pastoral zahlenmäßig auf das Niveau vor Corona zurückzukommen. Vor allem der weitgehende Ausfall religiöser Deutungen und Hilfestellungen während der Pandemie gibt zu denken.6
Inmitten all dieser bereits seit Jahrzehnten andauernden Prozesse7 geschah etwas, das vorher so von vielen nicht für möglich gehalten worden war. Gerade die katholische Kirche, die bezüglich ihrer Reformthemen ein eigenes „Hase und Igel-Wettrennen“ zu spielen scheint, muss eingestehen, dass auf der ganzen Linie ihre Kernbotschaft vom Heil der Welt und vom Glück der Menschen durch diejenigen pervertiert worden ist, die sie verkünden und für sie einstehen sollten. Nicht nur Einzelne, nein ein ganzes System hat den Selbsterhalt über das zumeist junge Leben von Betroffenen gestellt. Kann man, so fragen immer mehr Menschen berechtigt, inmitten dieser Kernschmelze, überhaupt noch (in der) Kirche sein?
Säkularisierungsprozesse waren und sind dabei Voraussetzung sowie Folge von bewusst gesetzten oder unbewusst vollzogenen Befreiungsschüben. Sie machen es bis heute möglich, dass Menschen frei von kirchlichen Konventionen, frei von Angst vor Sanktionen (zumindest außerhalb der Kirche) ihre Meinung äußern und Wahrheiten ans Licht bringen können. Insbesondere Zusammenhänge sexueller Gewalt oder des Missbrauchs von (geistlich begründeter) Macht. Auch vor diesem Hintergrund sind die Ausführungen dieses Bandes zu verstehen.
Sie setzen bei Erfahrungen aus der Praxis an und möchten diese mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse deuten. Die Zielgruppe sind insbesondere theologisch Interessierte und praktisch Engagierte bzw. Menschen, die das kirchliche Leben im Ehren- und Hauptamt prägen. Daher soll der Band eher einen Informations- bzw. Essaycharakter haben. Belege sind so auf das Nötigste begrenzt, damit die Relation zwischen Text und Anmerkungen in einem leserfreundlichen Verhältnis bleibt.
Das Ziel dieses kleinen Büchleins ließe sich daher am besten mit dem beschreiben, was im Wissenschaftsjargon derzeit als „Third Mission“ bzw. Wissenschaftskommunikation populär ist: Wissenschaftliche Erkenntnisse für die Praxis aufzubereiten, damit sie dort hilfreich sein können. Umgekehrt gilt auch: Praxiserkenntnisse werden als spezifisches, für die Wissenschaft relevantes Wissen gewürdigt, das diese nicht aus sich selbst hat. Insgesamt verstehen sich damit insbesondere die Anregungen der letzten beiden Teile als eine Gesprächseröffnung. Denn niemand weiß, welcher der beste Weg in die Zukunft ist. Er wird nur im Austausch miteinander und im gemeinsamen Deuten der „Zeichen der Zeit“ zu finden sein.
Wenn die Lektüre daher anregt, die eigene pastorale Praxis neu zu bedenken oder zu diskutieren, wenn der Band vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle Entlastung auf unterschiedlichen Ebenen schafft, wäre dieses Ziel erreicht.
Utrecht, 19.11.2023
Jan Loffeld
Es war im Frühjahr 1995 auf dem Petersplatz in Rom. Wir waren mit einer Busladung voller Seminaristen aus dem Münsteraner Priesterseminar nach Rom gepilgert. Während der öffentlichen Papstaudienz hatten wir dank der Vermittlung des Bischofs Karten für die „prima fila“, wie man es im Vatikan nennt. Ganz nah dran, in der ersten Reihe. Am Ende der Audienz durften wir uns sogar auf den Stufen des Petersdomes aufstellen, und der bereits gebrechliche Johannes Paul II. stellte sich zu uns für ein Gruppenbild. Währenddessen fragte er den damaligen Leiter des Seminars: „Wie viele Seminaristen sind Sie?“ Woraufhin dieser, scheinbar ohne groß nachzudenken, mit „150, Heiliger Vater“ antwortete. Diejenigen von uns, die den kleinen Dialog mitbekamen, waren irritiert: „Der lügt den Papst an“, raunten wir uns zu. Denn damals waren in der Ausbildung vor der Priesterweihe sicherlich noch über 80 Seminaristen unterwegs, aber auch nicht mehr. Der Regens rechtfertigte sich später und sagte, dass er auch noch die ersten vier Kaplansjahrgänge dazugerechnet habe, die seinerzeit tatsächlich noch sehr stark waren und offiziell vor Abschluss des Pfarrexamens (zweite Dienstprüfung) noch zum Priesterseminar gehörten. Ob allerdings der Papst das wissen wollte? Weltkirchlich sind Seminaristen diejenigen, die sich auf die Priesterweihe vorbereiten. Was heutzutage als Zahlenspiel aus vergangener Vorzeit wirkt, brachte eine bis heute verbreitete kirchliche Mentalität zum Ausdruck: Wenn es um kirchliche Kennziffern geht, tun wir uns mit der Realität oft schwer. Wir hängen Bedeutsamkeit an Zahlen, die nicht mehr stimmen.
Eine andere Erfahrung aus der Ausbildungszeit tritt hinzu. Auch wenn wir während der 1990er Jahre mit jenen 80 Seminaristen eine immer noch ansehnliche Seminargemeinschaft bildeten, schrumpfte diese jedoch von Semester zu Semester. Dies wurde allerdings nicht offen besprochen. Nur hinter vorgehaltener Hand ließ sich erfahren, dass dieser oder jener Mitstudent wohl nicht wiederkomme, „aufgehört“ hatte. Gründe verblieben ebenso meist im offiziösen Sprech. Eines allerdings war auffällig: Während der ersten Messfeier des neuen Semesters in der Seminarkapelle ließ sich bemerken, dass die Bänke weiter auseinanderstanden als noch einige Monate zuvor, gerade wenn man sich hinkniete. In den Ferien waren offenbar Bänke entfernt worden, damit die durch die fehlenden Seminaristen sicherlich sichtbaren Lücken innerhalb der Gottesdienstgemeinde nicht ins Auge fielen. Es wurde weitergemacht wie bisher. Bei dieser Zahl an Seminaristen ließen sich fünf fehlende zumindest optisch noch gut verschmerzen.
Was an diesen kleinen Erfahrungen signifikant ist: Sie verweisen auf eine Mentalität, wie sie kirchlich bis heute prägend scheint. Man verdrängt den Verlust, so gut und solange es geht. Das erinnert an Trauerphasen, wie wir sie aus der Begleitung Sterbender kennen. Die Bedeutsamkeit als eine gefühlte und nicht reale wird, solange es irgend möglich ist und unter Aufwendung verschiedenster Rechentricks, Verdrängungstechniken oder dem „Einkauf“ von Priestern aus anderen Ländern, aufrechterhalten. Das ist sicherlich psychologisch nachvollziehbar, es stellt sich allerdings die Frage, ob es menschlich, theologisch und geistlich verantwortlich ist.
Eine dritte und letzte Erfahrung aus der jüngeren Gegenwart soll diese erste Sondierung abschließen. Dieser Band entsteht in Utrecht. Die Stadt ist für die Geschichte des europäischen Christentums bedeutsam. Die willibrordianische Domschule war ein Hotspot der angelsächsischen Mission auf dem Kontinent. Noch heute trägt die Stadt die Spuren einer bedeutsamen religiösen Metropole. Die meisten Relikte sind allerdings Ruinen einer längst vergangenen Epoche, denn die Mehrzahl der Kirchengebäude sind keine religiösen Stätten mehr. Und doch lässt sich hier auf dem Gebiet der Innenstadt, also ungefähr eines Quadratkilometers, eine interessante Beobachtung machen. In Utrecht haben die Altkatholiken ihr Weltzentrum, die sogenannte Utrechter Union aus dem 16./17. Jahrhundert wurde hier gegründet und bis heute gilt der altkatholische Erzbischof von Utrecht als Ranghöchster unter den altkatholischen Bischöfen. Ebenso haben die protestantischen Kirchen ein Zentrum in der Stadt. Katholischerseits gibt es die Katharinenkathedrale und daneben die Petrusbrüder. Alle Kirchen liegen in Laufweite voneinander entfernt. Das Erstaunliche ist jedoch, dass sie alle mit demselben Problem des Mitgliederschwundes zu kämpfen haben. Eine Studentin brachte ihre Erfahrungen diesbezüglich einmal auf folgende Formel: „Leute setzen sich am Sonntag lieber auf eine Terrasse mit einem Glas Wein, als in eine Kirche zu gehen. Dabei ist egal, in welche.“ Diese Erfahrung prägt. Wie man das Evangelium auch performt, welche konkrete Gestalt man ihm auch gibt, welche kirchenpolitische Agenda man auch verfolgt, die Bilder ähneln sich überall. Für die meisten und immer mehr Menschen ist Religion an sich unwichtig. Vor diesem Hintergrund möchte dieses Buch die lebensweltliche Notwendigkeit von Religion an sich anfragen. Es möchte so die vielbesprochene Kirchenkrise von einem anderen Blickwinkel aus anschauen und sie kontextualisieren helfen, ohne zu beschwichtigen. Also gilt es, eine fundamentale Transformation zu analysieren, um sich schließlich darin neu zu verorten.
Nicht zuletzt: Hier schreibt jemand, der Christentum und Kirche als Kind der Pillenknickgeneration und im Zuge von bereits in den 1980ern und 1990ern stark einsetzenden Säkularisierungsschüben nie unter dem Vorzeichen von Fülle und Masse erlebt hat. Dies mag der Grund für die wissenschaftliche und zugleich geistliche Frage sein, ob eine Deckungsgleichheit von Kirche und Kultur überhaupt das Zielbild für das Christentum des 21. Jahrhunderts zu sein hat.
Gleichzeitig ist sicherlich nichts schöner, als den Glauben auch in großer Gemeinschaft miteinander zu teilen: sei es bei großen Gottesdiensten zu kirchlichen Großereignissen, „vor“ Corona in vollen Kirchen zu den Hochfesten oder aber bei Pilgerfahrten zu großen Wallfahrtsorten. Von daher ist die Trauer und Frustration vieler nur zu verständlich, die mit viel Liebe das kirchliche Leben gestalten. Die Realität nötigt uns jedoch offensichtlich neue Bilder ab: diejenigen kleinerer Gruppen oder Netzwerke, welche allerdings die Wirksamkeit und Bedeutung des christlichen Glaubens für die Umwelt neu auf inklusive Weise sicht- und spürbar machen sollen.
Der Aufbau dieses Buches ist absichtlich einfach gehalten. Die einzelnen Unterkapitel sind so geschrieben, dass man in sie auch hineinlesen kann, ohne dass der Gesamtkontext vorausgesetzt ist. Dies hat an der ein oder anderen Stelle zur Folge, dass Gedanken sich wiederholen, wird aber aufgrund der leichteren Handhabbarkeit sowie gedanklichen Konsistenz der einzelnen Unterpunkte in Kauf genommen.
Zunächst werden Bilder und Prozesse aufgerufen, die die gegenwärtige innerkirchliche Diskussion prägen und damit unter anderem für die gegenwärtige Transformation stehen sollen. Das geschieht weder umfänglich noch abschließend. Ziel dieses ersten Teils ist es, manche theologische oder kirchliche Grundannahme zu hinterfragen. Die These ist: Letztlich bedeuten vielfältige und in sich sehr komplexe Indifferenz- bzw. Säkularitätsphänomene eine der größten Herausforderungen für das Christentum des 21. Jahrhunderts.1 Karl Rahner kleidete solche Fragen bereits in den 1970ern weitsichtig in den Buchtitel: „Ist Gott noch gefragt?“2 Sie markieren eine wirkliche Leerstelle, so dass sich darauf nicht mehr mit dem bisher bekannten theologischen oder pastoralen Instrumentarium reagieren lässt.
Im zweiten Teil sollen eben einige dieser Instrumentarien angeschaut und auf diese Transformationen hin reflektiert werden. Deutlich wird dabei an vielen Stellen, wie und warum theologische, kirchliche und pastorale Strategien, die den Relevanzverlust abbremsen möchten, bisweilen buchstäblich ins Leere laufen.
Ein dritter Teil widmet sich einer Analyse der Gründe. Es soll deutlich werden, dass das Christentum als Erlösungs- und Offenbarungsreligion mit seinem Angebot eines „Lebens in Fülle“, das durch Gott geschenkt wird, auf kein direktes Bedürfnis sehr vieler Menschen (mehr?) trifft. Die Grundfrage derzeitiger Transformationen lautet daher, etwas lapidar ausgedrückt: Sind wir noch zu retten? Also: Sind wir, sind säkular geprägte Menschen, überhaupt noch bedürftig oder fähig, Gott als Ort des Glücks oder sogar des Heils zu erleben?
Konsequenzen, die sich aus solchen Fragen habituell wie auch praktisch für die Pastoral ergeben könnten, machen den vorletzten Teil aus. Dabei handelt es sich nicht um Rezepte oder sogar Tipps, wie es besser gehen könnte. Eine fundamentale Transformation, wie sie das Christentum derzeit zumindest in Europa erlebt, direkt (wieder) mit einem Drehen an bestimmten Stellschrauben zu beantworten, wäre unterkomplex und würde vermutlich alte Frustrationserfahrungen wachrufen. Dennoch sollen unter diesem Punkt Gedanken zur Diskussion gestellt werden, die womöglich die ein oder andere Perspektive in die derzeitige Situation einschreiben können. Das geschieht in Form des thetischen Anreißens von Themenfeldern, über die andernorts vertieft nachgedacht werden könnte. Weder ein Ausloten der weiten theologischen Diskursräume noch eine „Anwendung“ bzw. ein umfängliches Bedenken praktischer Konsequenzen können hier geleistet werden. Deutlich ist allerdings: Das Christentum hat zweifelsohne eine Zukunft, vermutlich allerdings eine völlig andere, als wir sie uns derzeit vorstellen oder planen können.
Abgeschlossen wird der Band mit offenen Gedanken und Perspektiven auf die deutschsprachige Kirchenlandschaft.
Mit Blick in die innerkirchlichen Diskussionen, die sich immer wieder an den Themen Kirchenkrise oder Zukunft der Kirchen in Deutschland entzünden, kann man mindestens zwei Paradigmen beobachten. Paradigmen lassen sich beschreiben als Landschaften, innerhalb derer sich ein bestimmtes Problem zeigt, sowie als Landkarten bzw. – moderner gesprochen – als Navigationssysteme, wie man es löst. Ein Paradigma bestimmt daher die Wahrnehmung wie die Umgangsstrategie mit einer Problemlage und es hilft, auftretende Komplexität zu strukturieren.
Wenn man sich mit dieser Wahrnehmungssonde auf die Suche nach den derzeit gebräuchlichen Paradigmen innerhalb des deutschsprachigen Katholizismus (und vielleicht auch darüber hinaus) macht, fallen insbesondere zwei dominante Perspektiven auf. Sie ziehen sich durch vielerlei kirchenpolitische Diskurse, theologische Standpunkte oder pastorale Zukunftsvisionen. Sie sollen hier einmal mit den Begriffen „Optimierung“ und, oben bereits angedeutet, „Transformation“ bezeichnet werden. Beide Paradigmen unterscheiden sich bezüglich des Ansatzpunktes ihrer Problemanalyse und folglich auch in der Lösungsstrategie. Außerdem werten sie Kausalitäten unterschiedlich. Bisweilen wird der Gebrauch bzw. die Präferenz eines Paradigmas auch mit der Zugehörigkeit zu einem bestimmten kirchenpolitischen Lager verbunden. Schließlich ist nicht deutlich und überdies strittig, wie sie sich einander zuordnen lassen.
Zunächst lässt sich ein Optimierungsparadigma analysieren. Hier geht es in der Problemanalyse insbesondere um Mängel in der Organisation bzw. innerhalb der institutionellen Verfasstheit der Kirche. Zum einen haben Reformforderungen als Problemlösung hier ihren Ort, zum anderen Optimierungsimperative der pastoralen Praxis. Die Grundidee ist: Nur wenn die Organisation sich ändert, werden auftretende Probleme zu lösen sein. Häufig fallen hier Begriffe wie „Amtskirche“, Kirche als „Institution“, etc. Die Kirchenkrise ist in erster Linie eine Institutionenkrise. An diesem Denken offenbart sich unter anderem etwas, was außerhalb des deutschen Kulturraums als typisch deutsches Phänomen wahrgenommen wird: das Institutionenparadox. Sowohl das Problem wie auch die Lösung liegen in der Institution und ihren dysfunktionalen oder mangelhaft ausgebildeten Strukturen. Vergleichbares lässt sich auch im staatlichen Bereich beobachten. Der starke Staat wird häufig vor dem Individuum zur Verantwortung für die Lösung von Problemen gezogen. Konsequenz ist die Verbesserung der Organisation bzw. Institution, unter anderem mithilfe außersystemischer Strategien der Organisationsentwicklung.
Kirchlich bedeutet Optimierung dann, neue und andere, also besser funktionierende Strukturen zu entwickeln, um den in ihnen agierenden Individuen die optimalen Handlungsvoraussetzungen zu schaffen. Dieses Paradigma hat für die Aufarbeitung der systemischen Ursachen von geistlichem Missbrauch und sexueller Gewalt seine absolute Dringlichkeit und Plausibilität. Es ist auf diesem Gebiet absolut unrelativierbar.
Allerdings wird mit dem Optimierungsparadigma häufig eine weitere Kausalität verbunden: Nur, wenn die Strukturen sich verändern, wird die Kirche glaubwürdig. Das ist zweifelsohne richtig, allerdings stellt das unten zu entwickelnde Transformationsparadigma die Frage, ob aus empirischer Sicht die Glaubwürdigkeit die einzige und vor allem hinreichende Bedingung für den Glauben bzw. Religiosität an sich ist.
Es gibt allerdings noch eine weitere Ausformung des Optimierungsparadigmas. Neben der organisationalen bzw. institutionellen Variante zeigt sich eine identitätsbezogene bzw. traditionale. Verbunden wird es zumeist mit dem Stichwort der Neuevangelisierung bzw. mit Bekehrungsimperativen. Auch hier steht ein eigener Optimierungsimperativ im Hintergrund. Einerseits muss sich sicherlich die Kirche als Ganze bekehren – in dieser Lesart insbesondere von ihrer Fixierung auf Strukturfragen. Der Fokus liegt hier allerdings eher auf den:der Einzelne:n. Bekehrung, Evangelisierung geschehen in erster Linie auf Individualebene. Während bei der ersten Variante die Reform der Kirche gefordert wird, ist hier eher die persönliche Umkehr und die Reform des Herzens der Ausgangspunkt für Zukunftsvisionen.1
Beide Optimierungsperspektiven, hier sicherlich eher holzschnittartig beschrieben, lassen sich aufgrund ihrer völlig disparaten Ausgangspunkte, Gewichtungen und Lösungsansätze nicht zur Deckung bringen. Zugleich sind beide auf ihre Weise bisher die Antwort schuldig geblieben, ob sie den Kontext, in dem sich das Christentum heute befindet, tatsächlich hinlänglich wahrnehmen und adressieren. Mit Blick nämlich auf sehr komplexe Koordinaten könnte sich eine Weitung nahelegen. Sie wäre womöglich ein „dritter Ort“ jenseits der beiden sich verhakenden Äste des Optimierungsparadigmas. Als Kontext und solche Weitung wäre das Optimierungsparadigma in beiden Spielarten womöglich mithilfe eines anderen Paradigmas zu ergänzen: desjenigen der Transformation. Dieses schließt einerseits Optimierungen und Strukturveränderungen ein, sieht allerdings außerhalb dessen noch weitere Prozesse am Werk, die sich nicht unmittelbar durch innerkirchliche Veränderungen beeinflussen lassen. Der Blick auf das Transformationsparadigma soll einerseits helfen, aus den Verkeilungen und Verwundungen innerhalb des Optimierungsdenkens und -bemühens herauszuführen oder es zumindest zu relativieren. Nicht relativiert werden dürfen allerdings, um es nochmals deutlich zu sagen, die unzweifelhaft unumgänglichen Dimensionen dieses Paradigmas: dass Strukturen gerade im Bereich innerkirchlichen Machtgebrauchs sich nicht nur als weitgehend dysfunktional, sondern als missbrauchsbedingend erwiesen haben und daher verändert, ja verbessert werden müssen. Ähnliches gilt, freilich auf einer anderen Ebene, für pastorale Strukturen.
Zugleich könnten beide Varianten des Optimierungsdenkens auch an ihren jeweils blinden Flecken voneinander lernen. Etwa: Weder liegt das pastorale Heil allein in Strukturen, noch ist mit Neuevangelisierung der kirchliche Auftrag für unsere Zeit hinreichend beschreibbar.
Jenseits all dessen möchte das Transformationsdenken aufzeigen, dass Optimierung bzw. Reform einerseits absolut notwendig sind, allerdings nicht hinreichend. Dies ist eine steile These, die sich, wie weiter unten gezeigt werden soll, allerdings von der Empirie her nahelegt. Weder das strukturelle bzw. organisationale Optimierungsdenken noch eine traditionale bzw. identitätsgeleitete Perspektive werden als einzelne und einzige Strategien ausreichen, die derzeitige Situation von Kirchen und Christentum zu bearbeiten.
Für die Triftigkeit dieser These steht eine weitere Wahrnehmung. Die Heftigkeit, mit der die innerkirchlichen Auseinandersetzungen im 21. Jahrhundert geführt werden – also auch der Widerstreit der oben angeführten Paradigmen –, könnte dafürstehen, dass hier eine andere Krise mit verhandelt wird: die Ratlosigkeit angesichts der Säkularisierung bzw. der verschiedenartigen Phänomene von religiöser Indifferenz. Nicht nur, dass kirchliche Instanzen bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt bis heute eklatant überfordert sind und versagen (wer hat übrigens je gesagt, dass die Kirche das aus sich heraus kann?), es zeigt sich auch ein anderes „Organversagen“: Immer deutlicher wird etwa, gerade im Gespräch mit Seelsorger:innen, dass man jede Art von „Konzeptgläubigkeit“ verloren hat. Zu stark und zu eindringlich sind die Erfahrungen an der ‚Basis‘. Nicht nur, dass man sich als Statthalter:innen des Absurden versteht, da man die eigene Botschaft als argumentativ schwer darzulegen erlebt, nein: Bereits der Schritt zu einer Auseinandersetzung mit den Angeboten sowie den Provokationen des Glaubens wird nicht mehr gefragt. Ein echter Atheist sei mittlerweile ein Glücksfall, hat Kardinal Walter Kasper einmal gesagt. Das heißt: Wirklich über den Glauben diskutieren, die großen Fragen stellen und um Antworten auf diese ringen, findet selten statt. Nicht von ungefähr erzählen ehemalige Studierende, dass viel von ihrem theologischen Wissen in der Pastoral nicht abgefragt wird. Wenn, dann müssen sie dafür Formate schaffen, die allerdings die gesellschaftliche Öffentlichkeit gar nicht mehr erreichen.2 Interessiert zeigt sich das kleine Segment von bildungsaffinen Katholik:innen. Wenn so etwas wie öffentliches Interesse sichtbar wird, dann bei den Dauerbrenner- und politischen Themen. Gerade wenn der jahrhundertealten Moralinstanz katholische Kirche ein Versagen in diesen moralischen Domänen vorzuwerfen ist, wird die Fallhöhe berechtigterweise besonders hoch.
Auf diese Situation war und ist die katholische Kirche nicht vorbereitet. Das zeigt sich unter anderem in einem Rückgriff auf altes Machtbesteck bzw. in einem eklatanten Unterschätzen moderner Kommunikationsmuster. Wenn etwa im Kontext der Aufarbeitung von sexueller Gewalt insbesondere auf weltliche (!) Rechtskategorien zurückgegriffen wird, kommt richtigerweise der Einwurf, dass dies für eine ‚moralische Instanz‘ doch etwas wenig sei. Es zeigt sich auch in einer mitunter unbeholfenen Übernahme von Managementstrategien, deren ethische (vor allem ökonomisch und zweckgerichtete) Grundlage überhaupt nicht gekannt, geschweige denn problematisiert wird. Wenn kirchliche Verwaltungen nach neoliberalen Grundsätzen umstrukturiert werden sollen, dann ist dies zumindest die Frage wert, ob man sich damit nicht einem anderen Gott unterwirft. Sicherlich, die zuweilen zu sehr auf verbeamteten Sicherheiten basierende kirchliche Organisation wird sich zweifelsohne transformieren müssen. Und das nicht nur aus Gründen der Finanzknappheit. Aber gerade solche Prozesse zeigen, wie wenig man mitunter fähig ist, die eigene Souveränitätsposition zu relativieren und die Eigenlogik des Weltlichen bzw. Außerkirchlichen anzuerkennen, geschweige denn verstehen zu wollen.
Diese wenigen Beispiele sollen zeigen: Die Kirche leidet in unseren modernen Zeiten und Welten an einem multiplen Organversagen. Krisenszenarien sind unübersichtlich, miteinander verstrickt, nicht mehr zentral zu steuern und schon gar nicht auf einen Nenner zu bringen. Die Kirche hat daran einen natürlichen Anteil. Das ist völlig normal, doch kommen sie und ihre Strategien, mit solchen Situationen umzugehen, eigentlich aus einer anderen Zeit. Zugleich stammen sie aus einer Zeit, als der Götterhimmel noch voll, also ein transzendenter Lebensbezug weitgehend Konsens war. Hierhin möchten manche eigentlich wieder zurück.
Die Herausforderung, inmitten solcher multiplen Modernen mit all ihren Paradoxien, Ambiguitäten, Dissonanzen und Zerklüftungen noch Perspektiven zu sehen, ist anspruchsvoll. Hier wie dort tut man sich auch in der Kirche schwer mit der Einsicht, dass das Rad der Geschichte nicht zurückzudrehen ist. Man tut sich schwer, keine vorschnelle Lösung zu haben, ja bereits bei der Problemanalyse kann man sich fast nicht einigen. Einen Schritt aus dieser Situation hinaus könnte jener Wechsel der Ebene sein, indem man auf der Linie des Transformationsparadigmas den Blick von einem „dritten Ort“ aus, nämlich vom Thema Religion her angeht.
