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Der Süden Frankreichs ist für viele Menschen ein Sehnsuchtsort: Der Duft von Lavendel, reifen Aprikosen und Rosmarin hat auch der Food-Autorin Sandy Neumann den Kopf verdreht. Nach zahlreichen Entdeckungsreisen in der Region kauft sie sich mit ihrem Mann in den Corbières ein Natursteinhaus am Feldrand und schlägt dort Wurzeln. Anfänglich beäugen die Alteingesessenen die enthusiastische junge Frau noch mit Argwohn, aber bald wird sie auf kleine Märkte mitgenommen, bekommt Pflanzenableger geschenkt und kann den Dorfbewohner*innen so manches geheime Familienrezept entlocken. Die gebürtige Jenenserin thematisiert aber auch ihre Herkunft und schreibt darüber, wie ihr manche Momente von Gemeinsamkeit in der neuen Heimat seltsam vertraut erscheinen. Einfach mal bei Leuten anklopfen, ein Glas Wein zusammen genießen, den neuesten Klatsch und Tratsch durchgehen – die Schnelllebigkeit unserer Zeit scheint in solchen Momenten angenehm weit weg.
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Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2022
Pour les Tuchanaises et les Tuchanais
Für Martel
Vom Suchen und Finden
Wenn’s Männer regnet – wer braucht da noch eine Zeitung
Nicht nur auf einen Aperitif – Küche mit Hindernissen und neuen Freundschaften
Wenn ein Cassoulet hilft – Antrittsbesuch beim Bürgermeister
Kurz vorm Winter und noch kein Holz
Hamburg, meine Perle
Wenn der ramoneur klingelt und Holz vor der Hütt’n beim Schwitzen hilft
Ganz viel Glitzer, blitzende Weihnachtsbäume – und was wirklich zählt
Zwischen den Jahren ist irgendwie dazwischen
Warten auf Renaud – wenn Weihnachten im Februar ist
Zwischen Pâté und Fisch – Verständigung wie beim Westöstlichen Diwan
Alle Gäste seien herzlich willkommen und beschützt
Ein Auto reparieren, ein Auto zulassen – wie man definitiv graue Haare bekommt
Canicule, sozialer Kalender und Orchester deluxe
Ich habe gerade einen Tuchan-Moment
Corona, confinement und couvre-feu
Attention vendanges – Ernte und Lese, außen und innen
Mutter Gaia, bitte sei gnädig!
Unverhofft ist es am schönsten
Wenn wir uns selbst den Dorffunk machen …
»Das Haus liegt gut.« Patrick klemmt sich das Dossier unter den Arm und ist bereit zum Aufbruch. »Es befindet sich außerhalb des denkmalgeschützten Bereichs in Tuchan. Das macht es leichter, wenn ihr Umbauten vornehmen wollt. Es liegt am Dorfende. Und es ist aus Naturstein«, macht er uns das Objekt schmackhaft.
»Aber ein Garten gehört nicht dazu …«, murmelt Steffen in seinen Bart.
In den letzten Tagen haben mein Mann und ich zusammen mit Patrick, dem Makler, sechs Häuser besichtigt – und uns sofort gedanklich wieder davon getrennt und die Zuversicht in den Wind geschrieben. Die Häuser sind zu groß, zu weit draußen, zu baufällig oder schlicht zu teuer.
Nun sind wir müde, ich bin traurig, der Traum vom Haus im Süden Frankreichs scheint mindestens so weit entfernt wie unser Wohnort Hamburg von Tuchan. Das Wünschen und das Sehnen helfen wohl nicht. Ich sehe uns schon weitere zehn Jahre lang suchen. Oder ewig.
Aber Patrick ist sehr engagiert, und »der Vollständigkeit halber«, wie er sagt, stimmen wir schließlich der Besichtigung des letzten Hauses auf seiner Liste zu.
»Ihr könntet das Dach anheben und die Mauern öffnen«, schlägt er vor.
Patrick stammt aus der Dordogne, lebte viele Jahre in Marokko, arbeitete dort als Reisejournalist. Wir schwärmen beide für die Berberküche.
»Und was ist mit dem Grundstück direkt hinterm Haus? Das ist zwar nicht so groß, würde uns jedoch genügen. Denn ohne Grundstück macht das wenig Sinn«, insistiert Steffen.
Patrick wiegt den Kopf bedenklich, lamentiert über den viel zu kalten April und schließt seine Daunenjacke bis unters Kinn. Er sieht aus, als bereite er sich auf eine Polarexpedition vor oder eine Reise nach Nordfrankreich, was hier im Süden ungefähr das Gleiche ist.
»Alles kommunales Gelände, kompliziert, eigentlich unverkäuflich …«
Die Stimmung ist eisig, passend zum Wind, der wie ein bockiger Terrier beißt und mich erschauern lässt. Die Wolken bedecken grau, bleischwer und tief die Weinberge der Region. Das ist wunderschön. Auch im Regen, Mitte April.
Die Reihe der Platanen steht Spalier, als wir durch Tuchan fahren, immer geradeaus, vorbei am Postamt, Richtung Cave Coopérative, der Winzergenossenschaft, und dann den Hügel hoch.
Nachdem wir angekommen sind, kramt Patrick in seiner Tasche und hält einen riesigen rostigen Bartschlüssel in der Hand. »Na ja, dass es in den Hautes Corbières kräftig stürmen kann, das wisst ihr. Und hier oben noch ein bisschen mehr.«
Wie er »oben« sagt, hört sich das an, als läge das Haus auf der Spitze des Mont Tauch, dem kargen Hügelmassiv, das sich im Nordwesten des Dorfes ausbreitet.
Der alte Naturstein zieht mich an. Dreihundert Jahre lang stehen die Mauern bereits und haben Schafe beherbergt. Es wirkt lebendig, gleichzeitig beruhigend und unaufgeregt erhaben, ein Refugium.
Patrick fummelt mit dem Schlüssel im Schloss, bevor sich die großen Läden öffnen lassen. Zwei Eingangstüren führen ins Haus. Eine davon mit Teilung in der Mitte, sodass der untere Teil geschlossen bleiben kann, während der obere geöffnet ist. Patrick nennt sie porte fermière, eine Tür, die in alten Bauernhäusern oft zu finden ist.
»Das Haus kennen wir …«, flüstere ich Steffen zu. »Das ist in einem der Parkhaus-Heftchen gewesen, weißt du noch?«
Mindestens vier Jahre muss das her sein. Sämtliche der kostenlosen Immobilienblättchen, die in den Straßen und Parkhäusern auslagen, haben wir damals gesammelt und an weinseligen lauen Abenden gewälzt.
»Stimmt, ich hab die Seite sogar aufgehoben. Trotz Minibild von ein mal zwei Zentimetern und fehlendem Grundstück …«
Ob das ein Zeichen ist, frage ich aber nur mich und nur ganz kurz.
Mit dem ersten Schritt stehen wir inmitten der weiten Wohnküche, dominiert von einem gemauerten offenen Rundbogen und einem Esstisch für mindestens zwölf Personen und zweihundert Holzwürmer.
Im Haus schweben der Geruch einiger Jahre Leerstand und der Atem unzähliger Geschichten. Alter Fliesenboden, überall sichtbarer Stein. Wie von selbst streiche ich zart über die unebenen Steine und sehe mich einen Haufen Gäste bewirten.
»Die Vorbesitzer haben die Ruine in den Achtzigerjahren gekauft. Viel war nicht mehr übrig.« Patrick hält eine aufgezogene vergilbte Fotografie in Händen.
»Nicht viel mehr als ein Steinhaufen, Wahnsinn!« Steffen wischt den Staub vom Foto und nickt beeindruckt.
»Der Kamin ist voll funktionstüchtig, die Heizkraft ist hervorragend. Für Holz kenne ich jemanden, das müsst ihr im Frühjahr bestellen.«
Wir folgen Patrick. Der Kaminraum öffnet sich sechs Meter nach oben und lässt Platz für lauschige Abende, prasselndes Feuer und den Funken einer Möglichkeit, dass das ein Haus für uns sein könnte.
Auf der knarzigen Treppe steigen wir ins Mezzanine, einen Zwischenbereich, eingezogen aus Holzbohlen, groß genug für zwei Schreibtische mit Aussicht. Die beiden Fenster geben den Blick frei auf die Hügel des Mont Tauch und den Canigou, den heiligen Berg der Katalanen. Wie es wohl wäre, hier morgens als Erstes rauszuschauen und der Natur so nah zu sein?
Patrick ist mit Steffen bereits im oberen Geschoss. Ein Raum geht nach Süden, ein großes Fenster verwandelt selbst das Grau von draußen in ein strahlendes Licht drinnen. Das Dorf breitet sich unter uns aus, in fünfhundert Metern Luftlinie grüßt das Château d’Aguilar, eine der alten Katharerburgen, majestätisch von seinem Felsvorsprung, und die kalksteinigen Wände des Massif de Vingrau wirken wie ein trotziger Schutz gegen alles Feindliche.
»Die Fenster sind sogar doppelt verglast und die Elektroleitungen noch in Ordnung.« Patrick wedelt mit dem Gutachten, das in Frankreich Attestation heißt, vor meinen Augen. Auch in Frankreich gibt es für so ziemlich alles Nachweise, Genehmigungen und andere administrative Unmöglichkeiten. Irgendwo ist immer für irgendetwas die Erlaubnis einzuholen.
Muffiger Teppichboden steigt mir in die Nase, ich fange den Blick von Steffen auf: »Der müsste natürlich raus. Wie auch im Gästezimmer.«
Ich halte den Ausblick aufs Dorf, die Steine, die Hügel fest, als Foto und im Herzen. »Gästezimmer?«, ich tauche aus meiner Welt auf.
»Ja, der kleine Raum nebenan. Nicht schlecht …«
Ich kann es gar nicht glauben, sollte mein Mann bereits Einrichtungsgedanken hegen!
Ein Bad, großzügig und in heißer Achtzigerjahre-Komplettausstattung in Himmelblau, preist uns Patrick an, und wir grinsen uns eins. Das wäre der Traum in der DDR gewesen …
Die Männer steigen über die Minileiter auf den Dachboden.
»Eine riesige Werkstatt, sogar noch mit Werkzeug und Material«, kommt Steffens Stimme gedämpft von oben.
Mich zieht es zurück in die Küche, ich inspiziere die Schränke. Neben der Spüle ragt ein Felsen direkt ins Haus. Darauf sitzend träume ich mich mit offenen Augen in die Vorratskammer, in der bereits hausgemachte Konfitüren mit meinem Namen im Regal stehen.
»Ich schließe ab, und ihr könnt euch ein bisschen beraten und umsehen.« Patrick drückt mir das Dossier in die Hand und zeigt mit der Hand nach draußen. »Die Nachbarn scheinen nicht da zu sein, ansonsten hätte ich euch vorgestellt.«
Drei Häuser gehen links vom Weg ab. Eine Treppe führt auf eine kleine Straße, die ins Dorf hinuntergeht. Die steingemauerte Außenküche schmiegt sich ans Haus und sucht Schutz vor dem Wind.
Steffen schreitet zählend das Terrain ab, fotografiert, macht Bestandsaufnahme, und ich schieße weitere Fotos mit Ausblick. Wir stehen hinterm Haus, neben einem Berg von Schrott, Klimbim und 15 rostigen Gasflaschen.
»So ganz genau scheint man es nicht zu nehmen, wem hier welcher Teil gehört oder auch nicht. Wird wohl vom Nachbarn sein.« Steffen zeigt auf das, was wir Unrat nennen würden.
Patrick kommt dazu und sieht genau, wo unser Blick hängt. »Das ist natürlich überhaupt kein Problem. Das kann ich klären, und dann wäre das alles weg.« Seine Hand macht eine ausladende Geste, die mehr so aussieht, als meinte er alles, auch alle Nachbarn.
Ein Auto nähert sich und hält neben uns. Pierre, der Besitzer der 15 rostigen Gasflaschen und des Hauses nebenan. Patrick stellt uns als potenzielle neue Besitzer vor und Pierre die Frage, ob er denn sehr bald für ein wenig Ordnung sorgen könne.
»Das ist gar kein Problem, macht euch keine Sorgen! Ich wollte das Material sowieso bald aufräumen.« Ganz beflissen nimmt er ein Teil von dem undefinierbaren Haufen »Material« und legt es näher an sein Grundstück. »Wenn ihr wieder da seid, kommt auf einen Kaffee vorbei. Und dann ist hier auch alles aufgeräumt. Ihr mögt es gern ordentlich, häh?!«
Ich habe Mühe, ihn zu verstehen, er nuschelt stark. Ich lächle, weil das hilft, und er grinst.
»Und du fragst beim Bürgermeister wegen des Grundstücks nach? Es geht ja gar nicht um viel. Das sind maximal hundert Quadratmeter. Ansonsten ist das für uns leider nicht attraktiv«, nimmt Steffen den Faden wieder auf. Das ist die Direktheit, die ich von meinem Mann kenne.
»Ich tue, was ich kann, aber das wird sehr schwer, wenn nicht unmöglich.« Patricks Gesichtszüge werden wieder zu Bedenkenträgern, und irgendwie wirkt er auch hilflos. Er hat’s schon nicht leicht mit uns.
Die tiefen Wolken hängen mittlerweile höher, es hat aufgehört zu regnen, der Wind nachgelassen, und wir steigen ins Auto.
Auf der D39 schlängeln wir uns Richtung Vingrau. Links und rechts die Strauchheide Garrigue, stachlige Wacholderbüsche und alte Rebstöcke, knorrig, auf ausgezehrtem Boden. Hitze und Trockenstress können denen nichts anhaben, sie sind genügsam. Wie die Menschen hier.
Die Strecke ist kein Geheimtipp, aber wenig befahren, für viele zu kurvenreich, zu abschüssig am Rand, gefährlich schön. Jetzt im Frühjahr durchziehen großzügige sonnengelbe Tupfen von Ginster das Grün von Rosmarin und Thymian. Gedrungene Grüneichen werden nicht höher als zweieinhalb Meter und bilden mit ihrem dichten, dornigen Laubwerk einen guten Schutz für Horden von Wildschweinen. Dazwischen stehen erhaben wilde Olivenbäume. Das silbrige Graugrün ist eine meiner Lieblingsfarben.
»Hältst du noch mal am table d’orientation?« Es ist mehr eine Aufforderung als eine Frage.
Wir halten am Aussichtspunkt mit der Orientierungstafel, auf der die Namen der Hügel und Gemeinden angegeben sind. Schauen hinüber auf Tuchan. Als hätte ein Riese ein gut gestärktes Leintuch in Hunderten grünen und grauen Schattierungen in ungeordnete Falten gelegt, wellen sich die Corbières-Hügel ums Dorf. Die Sehnsucht hüllt mich ein. Hier sein, bleiben und immer wieder schauen, weil es sich nicht abnutzt!
Bewacht vom alten Mont Tauch, der mit Vorliebe und schöner Regelmäßigkeit von seinem Gipfel die kalten Tramontanawinde ins Tal rennen lässt. Heftig kalt im Winter, anhaltend, tagelang, sodass man sich besser nicht vor die Tür wagt, die Fensterläden festzurren muss und nach drei Tagen verrückt geblasen ist, weil der Wind doch durch alle Ritzen pfeifen konnte.
Im Sommer, ja, im Sommer, da ist der Wunsch nach Wind oft groß. Wenn sich die Hitze bleiern im Tal sammelt, gnadenlos vom Himmel sengt und morgens um acht Uhr schon knapp dreißig Grad auf dem Thermometer stehen. Dann wehen die Winde erlösend, kühlen Körper und Gemüter und tragen den wilden Duft der Garrigue-Kräuter und der ätherischen Pinien bis ans Meer.
Es reißt ein wenig auf, und ein paar Fetzen Blau und Sonnenlicht ziehen über Tuchan. Es ist ein bittersüßer Moment, in dem die Stimmung der vergangenen Jahre hängt, der zahllosen Aufenthalte, die wir im Süden verbringen. Ich heule heiße Freudentränen bei jeder Ankunft und Sturzbäche, wenn der Abschied kommt. Mein Herz will hierher, lange, oft, immer. Möchte nicht nur Urlaube hier verbringen, sondern leben, ganz da sein, mit allem Drum und Dran.
Nach jeder Zeit im Süden brauche ich ewig, um in Deutschland wieder anzukommen. Und ein Teil bleibt immer in den Corbières-Hügeln zurück.
Steffen geht es ähnlich. Er bringt mich hierher. Er nimmt mich mit, steckt mich an, bringt mich, unwissentlich, in eine Heimat zurück …
»Und, was denkst du?« Steffen schaut mich fragend von der Seite an, ich sehe aus dem Autofenster.
»Na ja, was draus machen könnten wir schon. Und es stimmt doch ganz viel. Es liegt am Dorfrand, hat Charakter, der Zustand ist super und …«
»Ja, und …? Weiter?« Steffen grinst mich an. »Du sprichst wie Patrick. Überzeugungsarbeit, hm …?« Er grinst noch breiter.
Herumdrucksen bei mir. »Die Voraussetzungen sind richtig gut, hast du selbst gesagt, der Preis ist verhandelbar und …, und es hat Weinberge direkt dahinter.« Bei mir herrscht akuter Wasseralarm. Verstohlen wische ich mir einige Tränen weg, die mein Mann längst bemerkt hat. Nicht zu enthusiastisch sein, es könnte ja wieder schiefgehen, sage ich zu mir.
Wir hängen beide unseren Gedanken nach. Ich schiele aus dem Augenwinkel zu Steffen. Auch in ihm arbeitet es. Wir sind beide oft Kopfmenschen, das Durchdenken und Analysieren gehören zu uns, unbedachte Schnellschüsse mit hohem Risiko nicht. Wir arbeiten beide selbstständig, unsere Aufträge verlangen, dass wir Unsicherheiten in besonderem Maß aushalten und uns immer wieder und sehr schnell an neue Situationen und Menschen anpassen können. Balance und das Gefühl, die Fäden in der Hand zu haben, geben uns Halt und regulieren.
Wie viele Häuser wir in den vergangenen Jahren besichtigt haben, weiß ich nicht mehr. Auf gut Glück loszugehen und den »à vendre«-Verkaufs-Schildern zu folgen, hat sich als erfolglos erwiesen. Vermutlich wären wir so niemals vorangekommen. Aber allein die Suche nach einem Immobilienmakler, der genügend motiviert an seine Arbeit geht, kostet Zeit und noch mehr Nerven. Häuser werden nicht exklusiv vermakelt, das Engagement ist entsprechend dürftig. Anrufe und E-Mails bleiben ohne Antwort, zwischen den Suchanfragen vergehen Wochen, manchmal Monate. Zweimal stehen wir kurz vor einem Hauskauf. Zweimal wird es beinahe ein großes Unglück.
Ein Haus tut sich auf, samt Makler, und wir sind das erste Mal ganz nah an unserem Traum. Aber wir brauchen eine Finanzierung. Keine deutsche Bank will uns eine Immobilie in Frankreich finanzieren, wenn wir keine Sicherheiten vorweisen können. Können wir nicht. Eine französische Bank zu finden, in der auch jemand Deutsch spricht, ist unmöglich.
»Das können wir niemals stemmen. Wie sollen wir das machen?« Mutlos und mit wenig Französischkenntnissen scheint mir der Traum bald schon ausgeträumt. Englisch und Russisch haben mich durch meine Schulzeit in Ostdeutschland begleitet. Bei Steffen ist es nicht anders. Wir lernen Französisch auf unseren Reisen – und ich intensiver, als es mit dem Hauskauf ernster wird. Verhandlungen auf Französisch zu führen, bleibt jedoch undenkbar.
»Wir brauchen jemanden, der unsere Sprache spricht, wenn es um Geld geht, viel Geld am Ende.« Steffen reibt sich die müden Augen.
Wir sitzen bis tief in die Nacht und wühlen uns durch Internetforen. Steffen nimmt Kontakt zu einer deutsch-französischen Wirtschaftsgruppe auf. Ich suche mir die Finger wund, um eine zweisprachige Bank zu finden, die sowohl in Deutschland als auch in Frankreich einen Sitz hat und bei der ich weiterkomme als bis zum telefonischen Service Desk für allgemeine Fragen.
»Madame, Sie wissen gar nicht, wie viele Interessenten es für das Haus gibt, Sie müssen jetzt endlich mal den Vorvertrag unterzeichnen! Und ich brauche die Voranfrage bei einer Bank, die eine Finanzierung realisieren würde! Sehr schnell!« Der Makler drückt durchs Telefon, als wollte er uns den Hals umdrehen, jeden Tag. Eigentlich traue ich ihm da schon nicht mehr über den Weg. Die innere Stimme sagt sehr laut Nein – und wird sofort abgewürgt vom großen Herzenswunsch.
»Wir tun unser Möglichstes, glauben Sie mir!« Auch ich bin einerseits genervt und andererseits schon so in das Haus verliebt, dass ich bete, es möge sich eine Lösung auftun.
Auf einmal bewegt sich was. Wenn wir das Haus für Workshops und Veranstaltungen nutzten und ein Konzept für eine Refinanzierung erarbeiten würden, könne es eine Chance geben, heißt es von einer Bank. Nach Zwölf-Stunden-Arbeitstagen sitzen wir abends zusammen, schreiben dreißig Seiten Planung für die Bank und träumen uns ins Klischee vom südfranzösischen Natursteinhaus.
Dem Makler geht es nicht schnell genug. Mit viel Getöse will er uns ein letztes Mal die Pistole auf die Brust setzen und uns zur Unterschrift des Vorvertrags zwingen. »Ich bin mir nicht sicher, mein Gefühl sagt mir, das wird kein gutes Ende nehmen.« Steffen nimmt einen Schluck Wein und mich dann in die Arme. »Vielleicht soll das noch nicht unser Haus werden …«
»Ja, aber wann sind wir denn dran? Wir strengen uns echt an, und trotzdem wird es nichts«, schluchze ich in seinen Bart. Der Abschied von diesem Haus, so richtig er ist, schmerzt unendlich.
Ein anderer Makler und weitere Häuser mit Charakter folgen. Steffen nennt sie »alte Steinhaufen, in denen man Geld versenken kann«. Wir fahren mit dem Makler in seinem übel stinkenden, räudig verschmutzten Jeep durch die kurvigen Corbières. Die Flecken auf dem Sitz sehen mir schwer nach Blut aus, ein Jäger also. Meine Hand bleibt am Türgriff kleben, es geht rasant in die nächsten Kurven. Heftig aufsteigende Übelkeit kann ich nur mit Aufgeregtheit und ständigem Nachfragen bekämpfen. Der Makler nuschelt schlimm und gibt sich nicht im Ansatz Mühe, dass wir ihn verstehen.
Montgaillard, ein winziges Dorf, liegt hinter dem Mont Tauch, auf der anderen Seite des Tales. Ein paar Häuser, knapp vierzig Seelen einschließlich Hunden und Katzen und ohne Infrastruktur. Wir halten am Brunnen und fallen fast zur Haustür hinein. Alte Bausubstanz, an vielen Stellen bereits hübsch angedacht, an vielen Stellen sehr renovierungsbedürftig.
»Eine Heizung gibt es nicht, oder? Auch keinen Kamin?« Steffen kommt gleich zum Wesentlichen. Wir stehen im großen, nach oben offenen Wohnraum, sieben Meter bis zum Dachbalken.
»Ach, eine Heizung brauchen Sie hier nicht. So kalt wird es nicht. Ab und an stellen Sie einen kleinen Elektroheizlüfter an, das reicht.« Er zieht die Augenbrauen hoch und zuckt die Schultern.
Spinnt der?! Innerlich bin ich schon angefressen. Mir fällt nichts Höfliches ein, und ich verkneife mir eine Antwort. Eigentlich hätten wir die Zusammenarbeit hier beenden sollen. Eine schamlose Lüge von einem, der denkt, er könne uns im südfranzösischen Bilderbuchsommer ein hübsches Märchen erzählen. Wir kennen die Winter und die Kälte, die in alle Knochen kriechen kann.
Steffen nennt ihn später den Hauszeiger, weil er weit entfernt ist von einer professionellen Ausführung seiner Arbeit. Ein Freund erkundigt sich bei der Maklervereinigung. Wir erfahren, dass er keine Berechtigung zum Hausverkauf hat. Auch das verschweigt er bei unserem Kontakt, zusammen mit den ungeklärten Eigentums- und Grundstücksverhältnissen für das Haus. Die notwendigen Attestationen, die einen katastrophalen, ja gefährlichen Zustand der Elektrik belegen, bekommen wir auch erst spät.
Wir sagen Nein. Die Kosten für die Renovierung wären vermutlich explodiert. Abgesehen davon muss man der Tatsache ins Auge blicken, dass die Landflucht in Frankreich und die sehr entsiedelten Dörfer ohne jegliche Infrastruktur nur mittelmäßig romantisch sind und man dauerhaft mehr als Enthusiasmus aufbringen muss, um das schön zu finden. Was übrig bleibt, sind ein Stück mehr Erkenntnis und ein weiterer Abschied mit Schmerz, bevor etwas richtig begonnen hat.
Und nun sitzen wir in Rivesaltes, im Restaurant La Table d’Aimé auf der Domaine Cazes.
Steffen bestellt uns wie immer ein Glas Rivesaltes Grenat. Granatrot, opulent und süß kleidet der Vin Doux Naturel den Mund aus und streichelt von innen.
»Wir wollten doch mutiger sein und etwas wagen«, beginne ich zögerlich. »Wir können uns doch auf uns verlassen. Safety first und ein bisschen mehr Vertrauen darauf, dass es gut werden kann. So hat das damals auch mit Hamburg geklappt.«
Ich stochere in den Oliven herum, die schon ringsum angepikst sind. Einige Jahre zuvor sind wir aus Jena in den Norden gezogen, beide in zeitlich begrenzten Projekten, mit einer ordentlichen Portion Respekt vor der Entscheidung und unendlichem Enthusiasmus im Gepäck.
»Stimmt schon. Aber lass uns mal abwarten, was Patrick beim Bürgermeister erreicht.« Steffen nimmt einen weiteren Schluck Wein, ich einen weiteren Schluck Mut.
Trommelwirbel, jetzt wage ich mich raus: »Und du könntest doch parallel die Unterlagen für das Haus an unseren Berater schicken.«
Zum Glück wird gerade das Tagesgericht aufgetragen. Petits pois, junge Erbsen, und Fèves-Bohnen, mein Lieblingsgemüse im Frühjahr. Kleine Blättchen Thymian und Rosmarin holen die Garrigue auf den Teller und rufen: »Hallo, ihr seid in eurer Herzensheimat!«
»Hm … gute Idee.« Steffen nickt in seinen Teller und nimmt eine Gabel Frühling. »Er könnte die Gutachten durchsehen, eine Einschätzung zum Kaufpreis abgeben und uns den nächsten Schritt empfehlen.«
Unser Berater begleitet seit mehr als dreißig Jahren verrückte Ausländer mit grenzenloser Frankreichliebe beim Erwerb eines Hauses und hilft im Dschungel der französischen Administration. Steffen fand ihn dank seines Buches, auf das wir zufällig stießen, und wir sind überzeugt, dass bereits die Lektüre uns vor Schlimmerem bewahrte.
Wir schicken ihm noch am selben Abend alle Unterlagen und einige Stoßgebete gen Himmel. Kann nicht schaden.
Mir fällt ein Abend in Weinlaune ein, bei einer deutschen Freundin in Fitou, die selbst schon ewig in Frankreich lebt. Sie sieht das ganz pragmatisch. »Wozu extra ein Grundstück kaufen? Ihr habt dort die Weinberge, Platz vor dem Haus, Platz hinter dem Haus, Platz neben dem Haus. Das alles könnt ihr nutzen. Stellt euch einen Stuhl und einen Tisch dorthin und fertig. So geht das hier.«
Und dann liegen wir noch lange wach, halten uns und können vor Aufregung nicht schlafen.
Ein paar Tage später geben wir ein erstes Angebot ab. Ich kann es kaum glauben. Sollte es einen Funken der Möglichkeit geben? Wir in Frankreich? Ich schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit.
»Ihr Haus hat einen angemessenen Preis. Womöglich lässt sich da noch was machen. Die Attestationen sind alle korrekt, und die Sache mit dem Grundstück könnten wir eventuell mit einem Paragrafen im Vorvertrag festhalten.« Aus dem Mund unseres Beraters hört sich alles so real und selbstverständlich an. Bloß nicht zu früh freuen, nehme ich mich an die kurze Leine.
Die Verkäuferin ist bereit, mit uns zu verhandeln. Sie will verkaufen. Ihr Mann ist verstorben, die fünf Kinder haben kein Interesse.
Patrick hat ebenfalls Neuigkeiten. Nichts könne zum Grundstück entschieden werden, ohne dass der Gemeinderat angehört werde. »Setzt eine förmliche Anfrage auf. Fragt auch, ob ihr das Grundstück pachten könnt, und erklärt, dass ihr nichts bauen wollt, sondern es nur als Garten nutzt.«
»Und was meinst du, hat der Bürgermeister so ausgesehen, als ob es eine Chance gäbe?«, versuche ich die Stimmungslage zu checken.
»Er legt sich nicht fest. Er will nichts Falsches sagen.« Patrick guckt ziemlich zerknirscht. Ich erkenne an, dass er sich wirklich engagiert. Müsste er nicht.
Neben dem offiziellen Brief schreiben wir ein paar Zeilen mehr, ein Freund hilft bei der Übersetzung. Wir wollen hier leben, ankommen und Teil der Dorfgemeinschaft werden. Wir sind bereit, uns einzubringen, teilzuhaben. Auch wenn das noch immer eine sprachliche Herausforderung ist. Wir wollen echte Tuchanais werden, echte Bewohner von Tuchan, und nicht nur Sommerfrischler sein. Den Brief werfen wir direkt im Rathaus in den Briefkasten. Nicht dass er noch unterwegs verloren geht.
Zurück in Hamburg sitzen wir mit den liebsten Freundes-Nachbarn. Auch die bügeln die Sache mit dem Grundstück weg. »Ach, das erledigt ihr mit eurer herzlichen und offenen Art später. Wollt ihr euch davon abhalten lassen, wenn alles andere passt?« Ann sieht das pragmatisch.
Einen kleinen Hausaltar für den hinduistischen Affengott Hanuman richten wir ein. Freunde sagen, er könne helfen, ein Haus zu finden. Der übermenschlich starke, mutige und lustige Gott überwindet Grenzen, fliegt mit dem Wind überallhin und liebt Schokolade. Jeden Tag bekommt er die edelsten Pralinen.
»Dann trauen wir uns jetzt und sind ein bisschen französisch, hm …?!« Steffens Augen glänzen.
»Ja, on verra, wir werden sehen. Vielleicht steht uns das ganz gut?«, bin ich ziemlich aufgekratzt.
Der Funken Möglichkeit wächst zur Größe einer kleinen Flamme. Wieder liege ich schlaflos und träume mich mit offenen Augen in unsere Herzensheimat. Darf das sein? Haben wir das verdient? Wenn es nun doch wieder schneller zu Ende geht, ohne überhaupt richtig angefangen zu haben? Der Zweifel nagt sich in mich und durch die Nacht in den frühen Morgen.
Aber dann trauen wir uns. Und wir einigen uns mit der Verkäuferin, schnell sogar.
Der gesamte Verkaufsprozess läuft über drei Notare, mit fünfzig Seiten Kaufvorvertrag, weiteren Attestationen über den Zustand des Hauses, zu möglichem Termitenbefall, Erdbebensicherheit, Abwasserzugang und der Klärung von Erbschaftsangelegenheiten.
»Was würden wir nur ohne Unterstützung machen«, seufze ich mich durch den nächsten Großbrief. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Franzosen alles begreifen, was da drinsteht.« Jede zweite Zeile ist rot markiert, kommentiert und mit Empfehlungen versehen.
»Wir lassen die Klausel mit dem Grundstück raus. Das müssen wir anders lösen.« Steffen streicht den Paragrafen durch und schüttelt mit dem Kopf.
»Wie Sie wollen. Wenn es nicht mehr so wichtig ist. Eins ist wichtig: Wenn Sie nicht Gefahr laufen wollen, das Haus wieder zu verlieren, brauchen Sie jetzt etwas Geduld«, beruhigt uns unser Berater am Telefon, während wir uns durch den Vorvertrag fressen. »In Frankreich ist es so, dass Immobilien zurückgeführt werden, wenn sich, auch nach vielen Jahren, eine erbberechtigte Person auftut. Das muss in trockene Tücher, alle fünf Kinder müssen ihre Zustimmung geben. Das kann dauern.«
Vom Gemeinderat in Tuchan hören wir, erwartungsgemäß, nichts.
»Das kann Wochen dauern. Wenn es auf die Tagesordnung genommen wird, heißt es noch lange nicht, dass es gleich in der nächsten Sitzung besprochen wird. Der Sommer steht vor der Tür. Wie mit der zu erwartenden Hitze und Trockenheit umgegangen wird, ist jetzt wichtig. Ihr wisst doch, alle leben hier vom Weinbau. Und manchmal fällt auch eine Sitzung aus. Das Beste ist, ihr sprecht beim Bürgermeister vor, wenn ihr das Haus gekauft habt.«
Ich verstehe Patrick. Letztlich ist er Makler, und seine Unterstützung geht schon weit über das »Normale« hinaus.
»Vielleicht hat er recht. Wir erreichen niemanden, wenn wir nicht vor Ort sind. Lass uns auf das konzentrieren, was gerade ansteht.« Das ist wieder mein Mann, pragmatisch und nach vorn.
In Hamburg können wir mit ganz viel Glück unsere große Wohnung aufgeben und in eine kleinere auf derselben Etage umziehen. Unser Mobiliar muss sich deutlich verkleinern und wird aufgeteilt. Einiges verschenken wir, Kisten mit der Aufschrift »Frankreich« wandern in den Keller.
»Das ist right-sizing, was ihr macht, nicht down-sizing«, sagt meine Freundin-Nachbarin Ann zu mir, als ich die nächsten Kisten in den Aufzug schiebe. So schnell, wie sich in Hamburg viel regeln lässt, so zäh dehnt sich die Zeit, bis es wieder Neuigkeiten vom Hauskauf gibt. Manchmal rufe ich unseren Berater auch nur an, um ein bisschen in den Arm genommen zu werden. Ich will einfach hören, dass alles gut wird.
Drei Monate und reichlich Üben in Geduld später sitzen wir in einem Flugzeug der Luxair und fliegen von Hamburg nach Saarbrücken. Der Flieger in Spielzeuggröße lässt alles noch unwirklicher erscheinen.
Nach unendlicher Zeitdehnung sind wir jetzt im Zeitraffer unterwegs. Weder Kopf noch Körper und Gefühl können so schnell mitkommen. Innerhalb von drei Tagen organisieren wir Termine bei unserem Notar für den Vorvertrag, bei einer Bank für ein französisches Konto und buchen den sündhaft teuren Flug. Unser Berater holt uns am Flughafen ab, und wir fahren über die Grenze nach Forbach.
»Sie können sich entspannen, alles wird gut. Der Vertrag enthält alle wichtigen Punkte. Das ist sicher. Nachher eröffnen wir ein Konto, und dann sind Sie schon fast Franzosen.« Seine Ruhe und Gelassenheit heilen wie die Spucke meiner Urgroßmutter auf dem aufgeschlagenen Knie früher.
»Ich will’s glauben.«
Unser Berater in Saarbrücken ist Experte, Grenzgänger seit vielen Jahren. Die Nähe von Saarbrücken zu Frankreich erleichtert es ihm, seine Kunden mit zweisprachigen Notaren und Bankberatern in Kontakt zu bringen und die Geschäfte sauber abzuwickeln.
Auf jede einzelne der fünfzig Seiten Vorvertrag pinseln wir unsere Initialen wie eine Brandmarke und besiegeln damit unseren Willen zum Kauf. Die Sicherheit des Notars ist Balsam für meine emotionale Durchlässigkeit. Noch immer kann ich es nicht so richtig glauben. Das findet wirklich gerade statt!
Der Bankberater ist dann die Kirsche auf dem Kuchen, wir eröffnen problemlos ein französisches Konto, und nach drei Stunden sind wir zurück am Flughafen.
»War das gerade alles echt?« Ich kneife mich, und ein gefühliges Wohlweh breitet sich aus.
»Scheint so. Komisch, oder? Fühlt sich irgendwie unwirklich und gleichzeitig normal an. Komm, Champagner hilft.«
Wie zwei Lovebirds sitzen wir in unserer Champagner-Bubble, das Außen verschwimmt, alles fließt. Für eine kleine Weile.
Denn meine Ungeduld wächst, und mit jedem Tag, an dem wir nichts hören, auch meine Unsicherheit. Der Notar der Verkäuferin nimmt sich Zeit und an Feiertags-Randtagen noch mehr. Ich bin von mir selbst angestrengt und genervt.
Der Vermieter in Hamburg strapaziert unser Nervenkostüm zusätzlich. Wir müssen noch mal Geld in die Hand nehmen, um »Ausbesserungsarbeiten« vornehmen zu lassen, bevor die alte Wohnung endgültig übergeben werden kann. Der hanseatische Handwerker sieht keine Notwendigkeit, der Vermieter umso mehr. Für Gezerre reicht unsere Kraft nicht.
Dann endlich bewegt sich wieder etwas. Wir fahren nach Tuchan. Der Notar vor Ort, der den acte définitif, den finalen Kaufvertrag, verantwortet, will uns sehen. Wir müssen Vollmachten erteilen, weil wir zur eigentlichen Unterzeichnung nicht da sein werden. Die Eintragungen ins Grundbuch müssen erfolgen.
Ich bin wieder wahnsinnig aufgeregt, ob ich alles verstehen werde, alles erklären kann und wir einen guten Eindruck hinterlassen. Die Nacht zuvor ist schlaflos und gefüllt mit Vokabeln.
»Ich werde erst mal übers Essen reden. Und dass wir Wein mögen. Und Rugby und die Wildschweine.« Wein, Rugby und die Jagd sind der Heilige Gral im Süden.
Über gutes Essen sprechen, das kann ich. »Und du könnest ihm deine Fotos zeigen, als du auf dem Feld die Spieler der USA Perpignan fotografiert hast.«
»Die Stimmung war grandios.« Steffen schwelgt sich zurück.
»Und ich könnte ihm sagen, dass ich ein ganz passables Civet de Sanglier hinbekomme. Oh, ich liebe den Schmortopf. Wenn das Wildschweinfleisch richtig lange im Rotwein geköchelt hat. Mit viel Rosmarin und Thymian. Und ganz viel amour.« Aufgekratzt ziehe ich das Wort in die Länge und schmachte meinen Mann an.
»Wenn du ihm das genau so sagst, sollte es funktionieren. Wahrscheinlich schickt er dich dann gleich in die Küche.«
Ich kann ein bisschen Auflockerung echt brauchen.
Wir klingeln an der étude de maître, der Kanzlei des Notars. Ehrfurcht muss sein in Frankreich bei so wichtigen Amtsträgern. Wir werden in den dunklen Flur komplimentiert und sitzen gleich darauf im Büro.
Die frühsommerliche Hitze weicht einer angenehmen Kühle. Schummriges Licht fällt durch die Jalousien, die tiefdunklen Eichenholzmöbel dominieren den Raum. Ich schrumpfe zur Größe einer Fünfjährigen. Einbauschränke und Regale fassen Hunderte von Aktenordnern bis unter die Decke. Der massige Schreibtisch trennt unsere unbequemen Sitzmöbel vom weich gepolsterten Chefsessel. Der moosgrüne Teppich schluckt jedes Geräusch und mich gleich dazu, wenn ich nicht aufpasse.
»Maître Daurat wird gleich für Sie da sein. Er ist sehr beschäftigt. Wünschen Sie noch etwas?«, flötet die Notargehilfin angestrengt vornehm. Ihr starker südfranzösischer Midi-Akzent nimmt dem gewollt Großbürgerlichen gleich ein gutes Stück Schärfe.
Steffen wünscht sich nichts, ich mir einen adäquaten Redefluss und passende Vokabeln.
»Merci, Madame, für uns ist alles gut«, flüstere ich ihr entgegen.
Dann schreitet der Maître herein, der Notar, hemdsärmelig, Pranken, die von tüchtiger Handarbeit erzählen, und mit einem noch breiteren Akzent.
Der spielt Rugby, kein Zweifel. Für mich passt er viel besser in ein Weinfeld als in das antiquierte, aus der Zeit gefallene Büro. Ich atme auf und wachse zurück auf halbwegs normale Größe.
»So, Sie wollen also nach Tuchan kommen?«, knödelt uns der Notar entgegen. Er lässt die Nasale weg, aus Tuchan wird ein schwingendes Tuchang, Vin klingt wie Weng. Unser Aktenordner vor ihm ist ebenso dick wie die anderen, die sich noch auf seinem Schreibtisch türmen. »Wieso unbedingt hierher?«
Das ist mein Stichwort. Mutausbruch und los. Vorhang auf, Bühne frei, Auftritt Madame Neumann. »Unser Herz hängt hier, seit vielen Jahren. Ich glaube, es war 2003, als wir das erste Mal hier waren. Der Mont Tauch, Tuchan eingebettet in die Weinberge, die karge Garrigue, die Schönheit der Corbières-Hügel …«, jetzt stammle ich doch.
»Dass es hier ganz schön stürmen kann, das wissen Sie!? Oder kommen Sie nur im Sommer?«, unterbricht er mich raubeinig.
Einatmen, ausatmen, sammeln, nächste Runde.
»Wir mögen auch den Wind. Vor allem aber mögen wir das Land, das Terroir und die Küche. Ich koche leidenschaftlich gern, wissen Sie. Ich entwickle Rezepte für die Weinverbände hier, auch für das französische Landwirtschaftsministerium. Alles mit französischen Produkten für deutsche Leser.« Das dürfte nicht so schlecht gewesen sein, drücke ich mir die Daumen.
»Können Sie auch Cassoulet oder Civet de Sanglier?« Der Maître klingt schon milder. »Meine Frau macht ein köstliches Cassoulet. Das wärmt im Winter Bauch und Herz.«
Maître Daurat nimmt unser Dossier zur Hand und blättert durch die Seiten. »Meine Familie macht Wein, ich selbst auch. Und wir gehen zur Jagd. Es ist immer gut zu wissen, wo man sein Fleisch herbekommt …«
Dann kritzelt er etwas in das Dossier, klappt es zu und legt seine aufgerissenen Pranken darauf. »Na, das ist ja schön, dass es Ihnen hier gefällt. Bienvenue à Tuchan.«
»Merci. Wir freuen uns sehr.« Der Kloß im Hals weicht der Erleichterung, und ich muss mich zurückhalten, um nicht über den Schreibtisch zu kriechen und den Maître zu umarmen.
Das Wichtigste läuft glatt. Wir sprechen dieselbe Sprache.
Die Schlüssel zum Haus dürfen uns nicht früher ausgehändigt werden, um die Räume auszumessen. Für die Unterzeichnung Ende August erhält die Sekretärin des Notars eine Vollmacht von uns. On y va, jetzt wird es wirklich Wirklichkeit!
Wir treten hinaus ins gleißende Sonnenlicht.
»Kannst du dich noch an den alten Herrn auf dem Rittergut in der Drôme erinnern?«
»Na klar! Wie sollte ich den vergessen?« Steffen nimmt meine Hand, und wir gehen durch unser Dorf. »Nicht ihr sucht das Haus aus, es wählt euch, wenn ihr die Richtigen seid!«
