Ausgefressen - Moritz Matthies - E-Book
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Moritz Matthies

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Beschreibung

Wenn Erdmännchen ermitteln – der größte Spaß, den die Polizei erlaubt »Saukomisch und gleichzeitig sehr spannend.« Christoph Maria Herbst Die Erde unter dem Berliner Zoo gleicht einem Schweizer Käse. Denn Erdmännchen Ray und sein Clan ermitteln in einem Vermisstenfall – an der Seite von Phil, Privatdetektiv, der nach genügend Schluck aus seinem Flachmann Erdmännisch versteht. »Gestatten? Mein Name ist Ray. Seit ich denken kann, will ich Privatdetektiv werden. Im Grunde, das wird jedem einleuchten, gibt es keinen Job, für den ein Erdmännchen besser geeignet ist. Überwachen und Observieren gehören quasi zu unserer genetischen Grundausstattung. Gleiches gilt für Spuren lesen und Herumschnüffeln. Ich bin der geborene Schnüffler. Nur dass meine Fähigkeiten hier im Zoo völlig verkannt werden. Besser gesagt: wurden. Denn heute ist Phil aufgetaucht. Und so, wie es aussieht, braucht er unsere Hilfe.«

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Moritz Matthies

Ausgefressen

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20

Kapitel 1

»Es ist Liebe«, sage ich.

»Elsa?« Rufus bekommt Schnappatmung. »Biologisch gesehen ist das sexuell hybrid.«

»Rufus. Kannst du nicht reden wie alle anderen Erdmännchen?«

»Gut. Du bist pervers!«

»Nein«, erwidere ich ungerührt. »Es ist Liebe.«

»Unser alter Herr wird alles andere als begeistert sein, wenn er davon erfährt.«

»Es ist Liebe, Rufus. Da gibt es kein ›wenn‹.«

»Hast du mal einen Gedanken daran verschwendet, dass deine Auserwählte ungefähr doppelt so alt ist wie du – um mit den weniger bedeutenden Dingen anzufangen.«

»Na und?«, antworte ich.

»Außerdem habt ihr total verschiedene Interessen.«

»Woher willst du das wissen? Du kennst sie doch gar nicht.«

Rufus seufzt. »Sie ist ein Chinchilla, Ray, und du bist ein Erdmännchen, und …«

»Erdmann. Wenn es um Elsa geht, bin ich ein Erdmann.«

Wieder seufzt Rufus. Da macht ihm keiner was vor. Wenn er sich einen Job aussuchen dürfte, wäre es der von diesem bekloppten Italiener, der gegen Windmühlen gekämpft hat. Oder war es ein Franzose? »Meinetwegen ein Erdmann«, sagt er. »Jedenfalls mag sie die Berge, du lebst unter der Erde. Sie frisst kein Fleisch, du ernährst dich von nichts anderem. Außerdem ist sie nachtaktiv. Das heißt, ihr würdet euch praktisch nie zu Gesicht bekommen.«

Endlich ein Einwand, den ich entkräften kann. »Das kann für eine Beziehung sehr von Vorteil sein«, sage ich. »Glaubst du, Kunze und Gerda wären noch zusammen, wenn er nicht dreiundzwanzig Stunden am Tag pennen würde? Und sag mir jetzt nicht, dass das alle Löwenmännchen so machen.«

Rufus will etwas erwidern, zuckt jedoch zusammen. »Was war das?«, flüstert er, streckt sich im selben Moment und schnüffelt nervös in alle Himmelsrichtungen. »Hast du das auch gehört?«

So geht das jedes verdammte Mal, wenn wir Wache schieben. Alle zwei Minuten ist mein schreckhafter Bruder der festen Überzeugung, dass wir in höchster Gefahr schweben.

»Um Himmels willen«, sage ich tonlos. »Ein Savannenadler, direkt hinter dir. Lauf um dein Leben!«

Rufus sieht mich eine Weile an, dann rümpft er die Nase. »Spar dir deine blöden Witze, Ray. Nur weil wir im Zoo leben, heißt das nicht, dass es hier ungefährlich ist.«

»Rufus«, versuche ich es in versöhnlichem Ton, »wir sind beide hier geboren. Denk mal nach: Hat es in unserem Leben jemals einen einzigen Adlerangriff gegeben?«

»Hier nicht«, erwidert Rufus, »aber ich habe gelesen, im Zoo von San Diego ist es …«

»Du sollst nicht so viel lesen. Und schon gar keine Gruselgeschichten.«

»Das stand in der Zeitung«, ereifert sich Rufus. »Außerdem ist es unerlässlich, dass wenigstens einer aus unserer Sippe sich darüber informiert, was im Rest der Welt vor sich geht.«

Ich könnte mir jetzt Rufus’ Vortrag über die Bedeutung einer allgemeinen Schulbildung für Erdmännchen anhören. Will ich aber nicht. Rufus hat sich mit Hilfe eines internetfähigen Handys und der Zeitungen, die jeden Tag in dem Mülleimer an unserem Gehege landen, das Lesen beigebracht. Jetzt meint er, sein Wissen unbedingt weitergeben zu müssen. Nur interessiert sich leider niemand dafür.

»Wir sind hier nicht in San Diego«, lenke ich ab.

»Aber auch hier hat es schon einmal einen Adlerangriff gegeben. Pa kann sich noch gut erinnern …«

»Romantisches Afrikagedöns«, unterbreche ich meinen Bruder. »Pa ist genau wie wir alle hier im Zoo geboren. Die ganzen Geschichten von Afrika hat er aus zweiter Hand, nämlich von seinem Vater – der sie wiederum von seinem Vater hatte. Und am Ende steht dann der sagenumwobene Chester, der angeblich noch mit seinen Rheumakrallen Puffottern erwürgt haben soll.«

»Hör auf, dich über unseren Gründervater lustig zu machen. Pa hat hier im Zoo als junges Erdmännchen einen Adlerangriff beobachtet«, insistiert Rufus.

»Das ist völliger Quatsch!«, entgegne ich. »Und das weißt du auch. Du kannst hier fragen, wen du willst. Alle sagen, der angebliche Adler war eine altersschwache Taube, die zufällig in unser Gehege gestürzt ist. Im Nachhinein hat Pa sich dann eingeredet, dass da ein Adler im Spiel war und dass der statt eines Erdmännchens die Taube erwischt hat.«

Rufus hat mir gar nicht zugehört. Wieder spitzt er die Ohren, streckt sich und schnüffelt in alle Richtungen. »Hörst du? Da war es wieder!«

Regungslos blickt er in Richtung des Flamingogeheges. Ich erhebe mich schleppend und folge seinem Blick. Da drüben ist es zappenduster. Genervt lasse ich mich wieder auf unseren Wachhügel sinken.

»Rufus, deine ständigen Panikattacken gehen mir langsam aber sicher auf meine Erdmänncheneier.«

»Wenigstens bringe ich nicht den gesamten Clan in Gefahr, nur weil ich supercool sein will«, erwidert Rufus.

»Was glaubst du: Hätte der Clan als Chef lieber einen supercoolen Erdmann wie mich oder ein zähneklapperndes Erdmännlein wie dich?«

»Ich hoffe, dass Pa eine vernunftgeleitete Entscheidung treffen wird. Ein Clanchef muss nicht stark sein, er muss vor allem klug und weitsichtig sein und …«

»Träumt ihr immer noch davon, Clanchefs zu werden, ihr Penner?« Hinter uns dröhnt eine sonore Stimme aus dem Bau. Sie gehört unserem Bruder Rocky junior. Er kommt gerade herausgeschlendert und grinst breit, wie üblich.

»Ah, der Erstgeborene«, spotte ich, »unser großes Vorbild. Was ist los, Rocky? Angst im Dunkeln? Soll Rufus dir noch eine Geschichte vorlesen, weil du nicht einschlafen kannst?«

Rocky lässt seine bemerkenswerten Muskeln spielen und schnauft verächtlich. »Wenn ich erst mal Clanchef bin, dann wird dir das Lachen noch vergehen, Ray.«

»Falls du überhaupt Clanchef wirst«, wendet Rufus vorwitzig ein.

Betont langsam dreht Rocky sich zu ihm um. »Hast du mich gerade von hinten angequatscht, Leseratte?«

Rufus muss trocken schlucken. Aber klein beigeben verbietet ihm sein Stolz. Sein Pech. »Erstens muss ich mich von dir nicht Ratte nennen lassen«, bringt er hervor. »Zweitens haben wir alle drei das gleiche Recht, uns als Clanchef zu bewerben. Und drittens habe ich dich …«

Man hört einen dumpfen Schlag, gefolgt von einem kurzen, heftigen Keuchen. Dann fällt Rufus zu Boden wie ein nasser Sack.

»Wird dir das nicht irgendwann langweilig?«, frage ich Rocky.

Er schüttelt den Kopf. »Wüsste nicht, warum. Und jetzt seid gefälligst ein bisschen leiser.«

»Wir dachten, du würdest sowieso noch mit unserer Schwester rummachen«, erwidere ich.

»Vorsicht, Ray«, droht Rocky und geht gemächlich zum Bau zurück.

Er könnte auch mir eine verpassen, aber das überlegt er sich lieber zweimal. Bei unserer letzten Prügelei habe ich mich derart fest in seinen Nacken verbissen, dass er tagelang den Kopf nicht bewegen konnte. Sah witzig aus. Seitdem hält Rocky Distanz.

Rufus kommt wieder zu sich. »Was war denn los?«

»Das Übliche«, erwidere ich. »Unser Bruder hat dir auf die Glocke gehauen. Wie lange willst du dir das eigentlich noch gefallen lassen?«

»Bis er begreift, dass Gewalt keine Lösung ist«, doziert Rufus.

»Für ihn ist Gewalt aber ganz offensichtlich eine Lösung«, gebe ich zu bedenken.

»Nur kurzfristig«, erklärt Rufus. »Keine Hochkultur hat bislang …«

Er unterbricht sich, streckt sich und schnüffelt. Mal was Neues.

Diesmal bin ich es, der seufzt. »Nicht schon wieder, Rufus.«

»Da war definitiv was«, sagt er. »Ich habe es genau gehört.«

Er späht aufmerksam zum Flamingogehege hinüber. Gelangweilt folge ich seinem Blick. In diesem Moment durchzuckt ein Blitz die Nacht, gleichzeitig ist ein trockener Knall zu hören. Erschrocken springe ich auf. Dann starren wir gemeinsam in Richtung des Flamingogeheges. Es sind nur wenige Tiere aufgewacht. Die meisten lassen sich hier, mitten in der Stadt, durch nichts mehr aus dem Schlaf reißen.

Gespannt warten Rufus und ich.

Da! Wieder ein Blitz, wieder gefolgt von diesem Knall.

»Ruhe da draußen!«, mault ein verschlafenes Gnu.

Dann ist alles still. Eine Weile stehen wir einfach nur da und warten. Außer Rufus, der leise zittert, scheint alles ruhig zu sein.

»Wir sollten Meldung machen«, sagt er wie in Trance.

Ich nicke. »Kein Problem. Ich sag Bescheid.«

Ich wende mich zum Bau. Nach wenigen Schritten kommt Rocky mir in Begleitung unserer Schwester Roxane und mehrerer Jungtiere entgegen.

Ich hebe die Arme. »Okay, Leute! Alle wieder zurück! Beeilt euch! Zurück in den Bau! Wir haben hier einen Zwo-fünf.«

Ich ernte erstaunte Gesichter.

»Was ist ein Zwo-fünf?«, lispelt die kleine Marcia aus dem fünften Wurf.

»Ein Zwo-fünf ist ein ungeklärtes Ereignis, das möglicherweise auf einen Angriff hindeutet«, erkläre ich freundlich. »In diesem Fall gilt Alarmstufe eins. Deshalb musst du jetzt ganz schnell zurück in den Bau, Marcia.«

»Oh!«, erwidert Marcia und macht große Augen.

»Findest du nicht, dass du ein bisschen dick aufträgst?«, fragt Rocky.

»Im Falle eines Zwo-fünf ist den Anweisungen der Wache unverzüglich Folge zu leisten«, erwidere ich ungerührt. »Also gilt auch für dich: Zurück in den Bau! Du kannst schon mal Pa wecken. Wir erstatten gleich Bericht.«

Rocky sieht mich verächtlich an. »Wie schon gesagt, kleiner Bruder: Dir wird das Lachen noch vergehen.«

»Aber klar doch«, grinse ich, »und jetzt ab mit dir ins Körbchen.«

Roxane muss kichern. Rocky wirft mir einen gehässigen Blick zu. Ich lächele verbindlich.

Als alle im Bau verschwunden sind, laufe ich zu Rufus zurück. »Ist noch etwas passiert?«, will ich wissen.

Rufus schüttelt den Kopf.

»Okay. Wie lange wollen wir warten?«

Rufus zuckt mit den Schultern. »Vielleicht noch ein paar Minuten. Ich hab mir eben vor Schreck auf die Füße gepinkelt. Ich möchte nicht so gern, dass das alle sehen.«

»Kein Problem«, erwidere ich. »Warten wir noch etwas.«

Ich stelle mich neben Rufus und blicke zum Flamingogehege. Dort ist alles still. Totenstill.

 

Am nächsten Morgen gönnt sich unser Clan ein Langschläferfrühstück. So nennen wir es, wenn wir den Fraß, den Pfleger Silvio uns jeden Morgen ins Gehege wirft, bis zum Mittag liegen lassen. Die Nacht war nicht nur aufregend, sondern auch lang. Die Blitze und das Krachen haben Pa an Erlebnisse in Afrika erinnert. Sagt er. Da er nie dort war, sind seine Abenteuer mit kaltherzigen Wilderern, gefährlichen Bestien und entfesselten Naturgewalten zwar pure Einbildung, aber die jüngeren Clanmitglieder stehen nun mal auf Gruselgeschichten. Rufus und ich wurden für unser ebenso mutiges wie umsichtiges Verhalten von Pa zu Hauptwachmännern ernannt. Rocky wäre vor Neid fast geplatzt. Rufus hat das mit einem derart dreckigen Grinsen kommentiert, dass Rocky ihm nach unserem nächtlichen Pow Wow gleich noch mal eins auf die Nase gehauen hat.

Jedenfalls haben die vorbeiziehenden Schulklassen heute Morgen mit einem leeren Erdmännchengehege vorliebnehmen müssen. Silvio hat zwar versucht, uns mit aufmunternden Worten aus dem Bau zu locken, allerdings ohne Erfolg. Wir gehören eben zu den eigenwilligen Gattungen. Außerdem legen wir es nicht darauf an, den Menschen zu gefallen – von Roxi einmal abgesehen, für die es einfach nicht genug Aufmerksamkeit geben kann. Ansonsten gilt: Wer für sein Geld möglichst viel Entertainment haben möchte, der muss eben zum Affengehege gehen.

Als ich noch schlaftrunken auf den Hauptgang zusteuere, höre ich beim Passieren des Osteingangs eine tiefe Stimme sagen: »Wenn ich Sie richtig verstehe, dann gibt es also keine Möglichkeit herauszufinden, ob er an diesem Tag tatsächlich hier war.«

Ich luge aus dem Osteingang und sehe zwei Männer, die an der Brüstung unseres Geheges stehen. Der eine hat einen Dreitagebart und wirkt insgesamt etwas schmuddelig. Jedenfalls hab ich definitiv schon Menschen gesehen, die sich regelmäßiger die Haare waschen. Er trägt eine Sonnenbrille und ein sandfarbenes Leinensakko, das aussieht, als wäre es unter einen Bus geraten. Nicht ausgeschlossen, dass der Kerl zu diesem Zeitpunkt noch drinsteckte. Er hält ein Foto in der Hand.

Ich kneife die Augen zusammen und kann das Porträt eines älteren Herrn erkennen. Ein silbergrauer Gentleman in einem teuren Anzug. Der Grandseigneur wirkt ein wenig arrogant, ist aber insgesamt eine sympathische Erscheinung. Irgendwie kommt er mir außerdem bekannt vor.

Der Typ im Leinensakko unterhält sich mit unserem Zoodirektor. Das ist der Einzige hier, der noch mehr zu sagen hat als Pa. Sogar noch mehr als Kong, der Gorillaboss. Der Zoodirektor ist bei den Menschen quasi der Clanchef.

»Sie können sich gerne die Digitalfotos anschauen, die von unseren Besuchern geschossen werden«, antwortet der Zoodirektor. »Wir löschen die Bilder immer erst nach einer Woche, falls doch mal jemand nach einem Foto fragt. Aber das dürfte eine Weile dauern. An guten Tagen kommen bis zu zehntausend Besucher.«

Das zerknitterte Leinensakko wirkt alles andere als begeistert. Er zieht eine Visitenkarte aus seinem Portemonnaie und hält sie dem Zoodirektor zusammen mit dem Foto des alten Mannes hin. »Ich werd’s mir überlegen. Sollte Ihnen noch etwas einfallen: Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen können.«

Der Zoodirektor wirft einen kurzen Blick auf die Visitenkarte, steckt sie zusammen mit dem Foto ein und reicht dem Schmuddeligen die Hand. »Gerne. Viel Glück bei Ihrer Suche. Und falls Sie noch Fragen haben – rufen Sie mich einfach an. Ich habe schließlich ein Interesse daran, dass diese Sache sich aufklärt. Wenn jemand nach einem Zoobesuch vermisst wird, ist das keine gute Publicity für uns.«

»Es ist nur eine Vermutung, dass der Vermisste zuletzt hier war«, wirft der Typ ein.

»Von der ich hoffe, dass sie sich nicht bestätigt«, erwidert der Zoodirektor, während er sich abwendet, um in Richtung der Cafeteria davonzugehen.

»Wo steckst du denn?«, beschwert sich Rufus. »Ich laufe hier durch die Gegend, halte lange Reden und stelle erst beim Westeingang fest, dass du längst nicht mehr neben mir bist.«

Ich antworte nicht. Stattdessen beobachte ich den Typen mit dem Leinensakko. Der hat gerade etwas in einem kleinen schwarzen Buch notiert und packt nun Büchlein und Kugelschreiber wieder weg.

Rufus folgt meinem Blick. »Was ist los?«

»Weiß ich noch nicht«, erwidere ich. »Aber ich habe da so einen Verdacht.«

Der Typ zieht eine Packung Zigaretten hervor.

»Kannst du nicht lesen?«, blafft Rufus ihn an. »Hier ist Rauchen verboten!«

Besucher beschimpfen ist eines unserer liebsten Spiele gegen Langeweile. Wir werfen ihnen die schlimmsten Schimpfwörter an den Kopf, und zum Dank lächeln sie uns an und sagen: »Hör mal, wie süß der quiekt!« Kein Wunder, Erdmännisch ist eine wesentlich komplexere Sprache als beispielsweise Deutsch.

Erwartungsgemäß ignoriert der Schmuddelige Rufus’ Bemerkung. Stattdessen öffnet er die Zigarettenpackung, steckt seine Nase hinein und atmet genüsslich den Tabakgeruch ein.

»Hast du nicht gehört, was mein Bruder gesagt hat?«, rufe ich. »Muss ich erst rauskommen? Willst du unbedingt was auf die Fresse?«

»Du, der raucht gar nicht wirklich«, wirft Rufus beschwichtigend ein.

»Mir doch egal«, erwidere ich.

Tatsächlich steckt der Typ die Zigarettenschachtel wieder ein und zieht eine flache, silbern schimmernde Flasche aus der Innentasche seines Sakkos.

Wir strecken uns. Jetzt wird es spannend. Mirko, der Pfleger im Gnugehege, hat auch so eine Flasche. Wenn er daraus trinkt, weiß man nie, was als Nächstes passiert. Manchmal beginnt er zu weinen, und dann erzählt er Geschichten von einer Frau, die er mal gekannt hat. Oder er singt russische Lieder. Dann wieder streichelt er stundenlang das Gnu Mathilda und sagt so Sachen wie: »Du bist die Beste. Du würdest mich nie enttäuschen. Nur du verstehst mich.«

In Wirklichkeit kann Mathilda Mirko nicht ausstehen. »Wenn der Kerl mich noch einmal anfasst, dann beiße ich ihm einen Finger ab«, hat sie kürzlich gedroht.

Das Leinensakko nimmt einen großen Schluck aus seiner Flasche, derweil Rufus mir auf die Schulter tippt. »Was war denn nun dein Verdacht?«

»Der Typ da hat dem Zoodirektor ein Foto von einem alten Mann gegeben, der offenbar vermisst wird«, erkläre ich. »Ich dachte, das könnte mit den Ereignissen von letzter Nacht zu tun haben.«

Der Kerl setzt seine Silberflasche ab und schaut sich leicht verwirrt um. Muss ein teuflisches Zeug sein – wenn man Mathilda glaubt. Mirko hat ihr mal einen Schluck gegeben. Danach hat sie sich kurzzeitig großartig gefühlt, um anschließend drei Tage lang unter Kopfschmerzen zu leiden, die bis in die Geweihspitzen ausstrahlten.

Wieder nimmt der Typ einen kräftigen Zug. Wieder schaut er sich um. Schließlich bleibt sein Blick auf mir und Rufus haften.

»Was ist denn mit dem los?«, überlege ich.

Rufus zuckt mit den Schultern. »Frag ihn doch.«

»Hey! Penner! Was glotzt ’n du so doof?«

Der Schmuddelige rührt sich nicht. Irritiert betrachtet er die Flasche in seiner Hand, schaut wieder zu uns und nimmt erneut einen Schluck.

»Was ist los, Trantüte?«, lege ich nach. »Hör auf, uns beide so anzustarren, sonst komme ich raus und zieh dir die Falten aus deinem Sakko!«

Rufus muss schmunzeln. Mir dagegen wird die Sache langsam langweilig. Ich hatte gedacht, der Kerl wäre interessant.

»Lass uns frühstücken«, sage ich zu Rufus und will mich gerade abwenden, als der Typ sich gegen das Geländer lehnt, die Sonnenbrille abnimmt und sagt: »Was genau ist denn gestern Nacht hier passiert?«

Kapitel 2

Phil. So heißt er. Der Typ mit dem Leinensakko und der Sonnenbrille. Und nach ein paar Schlucken Single Malt Whisky versteht er offenbar Erdmännisch. Höchst sonderbar, die Angelegenheit, wie Rufus meint. Krasser Shit, wie ich finde. Schließlich hat es so etwas noch nie gegeben, jedenfalls nicht, seit unsere Sippe unter Ururgroßvater Chester aus der Savanne verschleppt und hier im Zoo angesiedelt wurde. Beinahe genauso krass finde ich übrigens die Tatsache, dass Phil Privatdetektiv ist. Und dass er gerade an einem Fall arbeitet.

Von den anderen Clanmitgliedern weiß es keiner. Nicht einmal Rufus habe ich davon erzählt. Deshalb ist die folgende Information streng vertraulich. Ich korrigiere: strengstens vertraulich! Die Sache ist die: Privatdetektiv zu sein ist mein Traumberuf, schon immer. Seit ich denken kann, will ich Privatdetektiv werden. Im Grunde, das wird jedem einleuchten, gibt es keinen Job, für den ein Erdmännchen besser geeignet ist. Überwachen und Observieren gehören quasi zu unserer genetischen Grundausstattung. Gleiches gilt für Spurenlesen und Herumschnüffeln. Ich bin der geborene Schnüffler. Nur dass meine Fähigkeiten hier im Zoo völlig verkannt werden. Besser gesagt: wurden. Denn heute ist Phil aufgetaucht. Und so, wie es aussieht, braucht er unsere Hilfe.

Es geht um Hanno von Sieversdorf. Phil sprach den Namen aus, als würde der Typ seit Jahrzehnten jede Woche mit Pa zusammen eine Tüte Regenwürmer leermachen. Dabei ist Hanno von Sieversdorf alleiniger geschäftsführender Gesellschafter der Sieversdorf GmbH, deren Logo praktisch jede zweite Kopfschmerzpackung der Republik ziert. Der Typ hat also mehr Euros im Keller als wir Sandkörner im Gehege. Rufus meinte ja, er hätte den Namen schon einmal in der Zeitung gelesen, aber mein kleiner Bruder würde sich eher die Krallen abnagen, als zuzugeben, dass er etwas nicht weiß. Jedenfalls ist dieser Hanno von Sieversdorf verschwunden. Gestern Nachmittag hat ihn seine Tochter Constanze am Zoo abgesetzt, seitdem hat keiner mehr etwas von ihm gehört oder gesehen. Zum verabredeten Abendessen mit seiner Tochter ist er nicht erschienen, nach Hause gekommen ist er nach Auskunft seiner Haushälterin ebenfalls nicht. Sein Handy ist ausgeschaltet, seine Mailbox wird offenbar nicht abgehört. Es ist, als sei er beim Eintritt in den Zoo von einer Parallelwelt verschluckt worden.

Hier komme ich ins Spiel. Gut: ich und mein Bruder Rufus. Nachdem Phil uns vorhin seinen Fall dargelegt hat, habe ich ihm einen Deal angeboten: Wir finden heraus, was es mit den Blitzen von letzter Nacht auf sich hat, dafür versorgt Phil den gesamten Clan einmal mit Lebendessen. Endlich bekomme ich die Chance, allen zu zeigen, was ich draufhabe. Pa wird Augen machen. Wenn ich wirklich herausbekomme, was hier gestern passiert ist, und Phil uns mit Lebendessen versorgt, dann wird er sich zweimal überlegen, ob er wirklich Rocky junior zu seinem Nachfolger bestimmt. Der hat zwar zugegebenermaßen fünfhundert Volt in den Vorderbeinen, dafür aber leider keinen Trafo zwischen den Ohren.

 

Wir warten, bis im Bau Ruhe eingekehrt ist, dann schleichen Rufus und ich durch den Geheimgang, der unter dem Weg entlang zu den Flamingos hinüberführt. Der Ausstieg liegt direkt hinter dem Flamingohaus. Zur Tarnung habe ich eine Gehwegplatte darübergelegt.

Rufus hat bereits weiche Knie, bevor wir draußen sind. Alleine die Vorstellung, sich frei im Zoo zu bewegen – außerhalb der Grenzen unseres Geheges –, setzt bei ihm so viel Adrenalin frei, dass er sich alle paar Minuten vor Aufregung seine eigene Klaue aufs Ohr haut. Am Ende, ich muss es zugeben, ist mein ganzer Clan ein ziemlich degenerierter Haufen. Pa, der Gicht und eine Staublunge hat, aber trotzdem darauf besteht, spätestens bei Sonnenuntergang in den Bau zu müssen, ist das beste Beispiel dafür. Noch immer redet er von der Savanne als »unserer spirituellen Heimat« und dem »geheiligten Land«, in Wirklichkeit aber könnten ihn alle Puffottern der Welt nicht mehr aus unserem Gehege vertreiben.

»Alles klar, Mann?«, frage ich meinen Bruder, als ich die Platte beiseitestemme.

»Klar ist alles klar«, keucht Rufus und schlägt sich die Klaue aufs Ohr.

Wir beginnen unsere Befragung bei den Flamingos. Erstens kamen die Blitze aus dieser Richtung, zweitens stehen wir sowieso gerade in ihrem Gehege, drittens sind Flamingos tag- und nachtaktiv. Wenn also jemand mitbekommen hat, was hier gestern passiert ist, dann am ehesten einer von ihnen. Das Problem ist: Flamingos sind sensationell vergesslich und rangieren in der Natur auf dem vorletzten Platz, wenn es darum geht, eins und eins zusammenzuzählen. Meine Fragen wollen also wohlüberlegt sein.

Ich klettere auf einen Begrenzungsstein und richte mich auf: »Alle, die wach sind: mal herhören!«

Schlagartig verstummt das Gequassel. Ungefähr die Hälfte der Flamingos dreht mir den Kopf zu.

»Hi«, sage ich.

»’n Abend, Ray«, grüßt mich ungefähr ein Dutzend Stimmen aus allen möglichen Richtungen.

»Okay«, setzte ich an, »passt mal auf: Das hier ist mein Bruder Rufus, und wir …«

»… ’n Abend, Rufus«, tönt es durcheinander, »hi, Rufus, hallöchen, Rufus.«

Nachdem mein Bruder reihum begrüßt worden ist, nehme ich einen erneuten Anlauf. »Wir führen eine Befragung durch …«

»Echt?«

»Cool!«

»Eine Befragung?«

»Ahhh …«

Ich hebe meine Vorderpfoten: »Seid mal bitte ruhig, Freunde. Es geht um gestern Abend – Ruhe bitte! Gestern Abend: Ist einem von euch da irgendetwas Besonderes aufgefallen?«

Sofort überschlagen sich die Stimmen: »Gestern Abend?«

»Also: Ich weiß nicht …«

»Was war denn das für ein Wochentag?«, kommt eine Stimme aus dem hinteren Teil.

»Ich kann mich nicht erinnern, glaube ich … Oder kann ich mich doch erinnern?«, sagt ein Flamingo, der direkt vor mir steht.

»Du kannst dich doch nie erinnern«, sagt sein Nachbar.

»Woher weißt du das denn?«

»Ihr könnt euch doch beide nichts merken – glaube ich.« Das kam wieder von weiter hinten.

»Mir ist nichts aufgefallen«, entschließt sich ein auf dem Boden kauernder Flamingo. »Jedenfalls nicht, soweit ich weiß.«

»Mir, glaube ich, auch nicht.«

»Okay«, rufe ich, »stopp! Ich werde meine Frage präzisieren. Aufpassen! Die Frage lautet: Hat einer von euch gestern Abend Schüsse gehört?«

»Schüsse?«

»Hier?«

»Im Zoo?«

»Weshalb denn ausgerechnet Schüsse, äh, Ray?«

»Weil«, erläutere ich, »mein Bruder und ich glauben, letzte Nacht welche gesehen beziehungsweise gehört zu haben.«

»Echt?«

»Was waren denn das für Schüsse?«

»Das«, erwidere ich, »würde ich gerne von euch wissen.«

Schweigen. Dann: Getuschel. Die Flamingos stecken grüppchenweise ihre Köpfe zusammen.

»Also, die Schüsse hab ich auch gehört«, meint jetzt der auf dem Boden Kauernde.

»Hast du mir nicht eben noch erzählt, dass dir nichts aufgefallen sei?«, frage ich.

»Da wusste ich ja noch nicht, dass du die Schüsse meinst.«

»Schüsse haben wir auch gehört«, meldet sich jetzt eine Gruppe im Wasser stehender Flamingos zu Wort.

Das hatte ich vergessen zu erwähnen: Flamingos erzählen dir gerne, was du von ihnen hören willst. Bei den Menschen, meint Rufus, heißen solche Typen Opportunisten oder, wenn sie früher bei der Stasi waren: Wendehälse. Ich finde, das klingt, als hätte man den Begriff extra für Flamingos erfunden: Wendehals. Jedenfalls sind plötzlich alle der Meinung, Schüsse gehört zu haben.

»Kann mir jemand sagen, wie viele Schüsse es waren?«, will ich wissen.

Wieder stecken sie ihre Köpfe zusammen.

Schließlich meldet sich ein Oberschlaumeier zu Wort: »Was würdest du denn sagen, wie viele es waren, Ray?«

»Mein Bruder und ich haben sechs gezählt«, sage ich ungerührt. Und weil ich ahne, wie Rufus mich gerade ansieht, zische ich ihm zu: »Kein Wort!«

Es wird eine Weile getuschelt und geschnattert, dann verkünden die beiden, die sich eben noch gestritten haben, mit vereinter Stimme: »Sechs ist richtig.«

»Könnten auch fünf gewesen sein!«, kommt es von hinten.

»Vielleicht auch sieben«, ruft eine neu erwachte Stimme aus dem Haus, »aber wahrscheinlich stimmt sechs.«

»Ja, sechs.«

»Genau. Sechs hab ich auch gezählt.«

»Danke, Freunde!« Ich klettere vom Stein herunter. »Ihr wart uns eine große Hilfe.«

»Kein Problem.«

»Gerne, Ray.«

»Für dich immer.«

»Wenn du noch Fragen hast …«

Ich warte, bis Rufus alle Antworten auf seinem Haftnotizblock notiert hat, dann schiebe ich ihn durch die Hecke und zu den Elefanten hinüber.

 

Seit der Geburt ihres Sohnes Benjamin ziehen Nicole und ihr Mann Heiner voll die Vater-Mutter-Kind-Nummer ab. Mir wird bei so viel Harmonie ja schon vom Zusehen schlecht, aber ich bin ja auch kein Elefant. Die drei stehen engumschlungen im Sand und schlafen. Im Halbdunkel kann man kaum ausmachen, wo der eine aufhört und der andere anfängt.

»Nicole«, flüstere ich.

Nicole rührt sich nicht. Das ist der Nachteil bei Säugern, deren letzte natürliche Feinde vor ich weiß nicht wie viel tausend Jahren ausgestorben sind: Wenn die einmal schlafen … Rufus legt vorsichtshalber den Rückwärtsgang ein und zieht sich ein paar Meter zurück.

»Nicole!«

Ihr Rüssel beschnuppert den Rücken, auf dem er liegt, erkennt ihn als den ihres Sohnes und legt sich wieder zur Ruhe. Ich klettere auf Benjamins Rücken, taste mich bis zu Nicoles Rüssel vor und beiße vorsichtig hinein. Sie öffnet ein Auge, sieht etwas Fremdes auf ihrem Sohn sitzen, schreckt hoch und holt aus.

»Ich bin’s, Ray«, sage ich und kreuze schützend die Vorderbeine vor dem Gesicht.

Langsam lässt Nicole ihren Rüssel sinken.

Inzwischen blinzelt auch Heiner aus verschlafenen Augen in meine Richtung. »Bist du auf einem Kamikaze-Trip?«

»Tut mir echt leid, dass ich euch geweckt habe«, beeile ich mich zu sagen. »Ich weiß, ihr steht da nicht so drauf …«

Heiner schnauft, tritt an mich heran, bis seine in der Dunkelheit schimmernden Stoßzähne mich einrahmen und ich seinen Atem rieche. Der Typ stinkt. Aber das sage ich ihm natürlich nicht.

Stattdessen sage ich: »Du hast ganz schön viele Falten um die Augen. Bist du irgendwie traurig oder so?«

Seine Stimme umfängt mich wie ein warmes Bad aus Magensäure. »Bist du irgendwie lebensmüde oder so?«

»Beruhig dich, Heiner. War nur ’n Scherz. Deine Augen sind praktisch faltenfrei – abgesehen von …«

Hoppla. Hab gar nicht gemerkt, wie sich sein Rüssel um meine schlanke Taille gewunden hat, wo er mir jetzt … Ufff. Wozu atmen? Ist völlig überbewertet. Ich verliere den Halt unter meinen Klauen, und dann schwebe ich sehr, sehr dicht vor Heiners riesigem Quadratschädel, und sein Atem riecht genauso schlecht wie zuvor. Ich muss nicht einmal atmen, um das zu wissen. Jetzt fällt mir auch ein, was ich über die Elefanten zu sagen vergessen hatte: Sie sind relativ humorbefreit.

Mit dem letzten mir verbliebenen Zentiliter Luft erkläre ich Heiner, dass sein Gesicht glatt ist wie ein Pavianhintern – ehrlich, kein Witz! –, dass ich mich total für ihn und Nicole freue, weil sie doch jetzt Nachwuchs bekommen haben, wo sie es doch schon seit Jahren versuchen und es vorher nie … Au! Das tut jetzt wirklich ein bisschen weh, Heiner! Was ich eigentlich sagen wollte, war, ob du vielleicht gestern Abend Schüsse gehört … Weil, da wird jemand vermisst, und wir fragen uns, also mein Bruder und ich, ob du, ob ihr … Ziemlich genau an diesem Punkt treten mir die Augen aus dem Schädel, und ich sehe die Sterne des Universums gesammelt auf mich herabstürzen. Sieht ganz cool aus, irgendwie, nur, dass ich es gerade jetzt nicht wirklich genießen kann.

»Zwei«, sagt Heiner. »Einer hat mich aufgeweckt, der andere hat mich daran gehindert, wieder einzuschlafen. So wie du gerade. War es das, was du wissen wolltest?«

Ich würde gerne »Ja« sagen, und »Echt nett von dir, Heiner, danke«, kann aber nur noch stumm nicken.

»Gut.«

Mit diesem Wort werde ich aus dem Würgegriff seines Rüssels entlassen, steige in die Höhe, sehe das Gehege von oben, sehr weit oben – ist der kleine Krümel da unten im Sand mein Bruder? –, beschreibe einen perfekten Kreisbogen und bohre mich Kopf voran in die Hecke, die das Gehege vom Weg trennt.

»Wie war’s?«, will Rufus wissen, als wir unterwegs zu den Nashörnern sind.

»Nichts Neues«, antworte ich mit geschwollener Lippe und noch immer brennenden Augen.

»Ich meine, so durch die Luft zu fliegen.«

Ich bleibe kurz stehen und forsche in seinem Gesicht. Nix. Von Mitleid keine Spur: »Ach das«, sage ich mit gespielter Heiterkeit, »das war super.«

Er nimmt die Antwort hin. Ironie? Nie gehört. Und das ist noch der Beste aus meinem Clan.

 

Dass die Befragung der Nashörner nichts bringt, weiß ich vorher. Ursula und ich haben seit geraumer Zeit ein … nennen wir es: Kommunikationsproblem. Um ehrlich zu sein: Ich necke sie gerne ein bisschen. Das geht dann so: »Ey, Ursula! Wach mal auf!«

»Oh Gott, jetzt kommt der schon nachts!«

»Ursula: Ich weiß, das Denken liegt dir nicht. Aber das stört mich nicht, ehrlich. Dafür hast du ganz klar den knackigsten Hintern diesseits des Mississippi. Macht mich einfach total heiß. Kann ich nichts gegen machen. Komm, Baby, zeig mir deinen Hintern! Ach übrigens: Du hast nicht zufällig letzte Nacht Schüsse gehört?«

»Justus!« Sie fängt an zu flennen und stößt ihrem Mann ihr Horn in die Seite.

Justus’ Kopf schaukelt träge hin und her. »Was denn, Liebes?«, brummt er.

»Er ist schon wieder da!«

Schlagartig ist Justus hellwach und richtet seine vier Tonnen Lebendgewicht auf mich aus.

»Hi, Justus, ich bin zufällig vorbeigekommen, und da dachte ich mir, weshalb nicht mal eben meiner Freundin Ursula ›hallo‹ sagen? Ich will sie dir ja auch gar nicht ausspannen oder so, Justus, ehrlich, ich respektiere eure Gefühle füreinander, es ist nur so, dass …«

»Verpiss dich!«

»Also, dass – ich kann nichts dafür, Justus. Der Hintern deiner Frau macht mich einfach …«

»Verpiss dich, hab ich gesagt!«

»Verzeih mir, Ursula, es ist einfach stärker als ich!«

»Zum letzten Mal: VERPISS DICH!«

Wenn ich Justus so weit habe, dass er, wie jetzt, vor- und zurückschaukelt und mit dem Vorderhuf das Erdreich verdichtet, dann kann ich eigentlich sagen, was ich will.

Zum Beispiel: »Hast du zufällig gestern Abend Schüsse gehört?«

Und schon lässt Justus alle Contenance fahren, stößt ein fürchterliches Gebrüll aus und rennt mit gesenktem Kopf auf mich zu. Das ist dann der Moment, in dem ich mich hinter die Absperrung zurückziehe und verfolge, wie er mit achtzig Sachen sein Horn in das Stahlgeländer rammt, wodurch sein Kopf nach hinten gerissen wird, er sich mindestens zwei Halswirbel und den Kiefer ausrenkt, in die Knie geht und Ursula aufs Theatralischste zu weinen anfängt. Warum ich das mache? Puh … ganz ehrlich: So genau weiß ich das auch nicht. Manchmal sitzt mir einfach ein kleiner Dämon im Nacken.

»War das wirklich nötig?«, fragt Rufus.

Typisch: Wenn ich, sein leiblicher Bruder, meterhoch durch die Luft geschleudert werde, dann interessiert Rufus anschließend nur, was für ein Gefühl das war. Wenn sich aber ein geistig minderbemitteltes Breitmaulnashorn an einer Eisenstange sein unnützes Horn eindellt, dann hat er plötzlich Mitleid. Ist das normal – mit einer fremden Art mehr Mitleid zu haben als mit seiner eigenen?

 

Die Pinguine wachen erst auf, nachdem Rufus und ich sie minutenlang mit Kies beworfen haben. Apropos: Sollte sich vorhin jemand gefragt haben, weshalb Flamingos in der Natur nur den vorletzten Platz belegen, wenn es darum geht, eins und eins zusammenzuzählen – hier kommt die Antwort.

»Ich muss den Chef sprechen!«, rufe ich über das Wasserbecken, nachdem ich sicher bin, im Besitz ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit zu sein.

Keine Reaktion. Einige werfen sich Blicke zu.

Zweiter Versuch: »Wer von euch ist der Chef?«

»Max«, bekomme ich zur Antwort.

»Ja, Max ist der Chef!«

»Großartig«, antworte ich, »und wer von euch ist Max?«

Diese einfache Frage reicht aus, um unter den Pinguinen eine nächtliche Massenpanik auszulösen. Ungefähr ein Drittel von ihnen stürzt sich blindlings ins Wasser, ein weiteres Drittel läuft kopflos umher und ruft: »Wer ist Max? Oh Gott, wer ist Max?« Das letzte Drittel teilt sich in eine Gruppe, die meine Frage nicht verstanden hat, und eine, die Restintelligenz vorzutäuschen versucht und das Problem diskutiert.

»Bist du nicht Max?«

»Nein, der bin ich ganz sicher nicht!«

»Ach ja? Und wer bist du dann?«

»Weiß ich nicht, aber auf keinen Fall Max! Bist du nicht Max?«

»Ich? Du hast ja mal so was von überhaupt keine Ahnung!«

Aus humanitären Gründen verzichte ich darauf, den Rest dieser Diskussion aufzuzeichnen. Am Ende bezichtigen sich drei von ihnen gegenseitig, Max zu sein, zwei versuchen, sich zu ertränken, zwei weitere liegen bewusstlos auf dem Sandsteinfelsen.

Als ich nach den Schüssen frage, bekomme ich zur Antwort: »Also ich war’s nicht – bin doch nicht Max.«

»Was? Max hat geschossen?«

Nach fünf Minuten gebe ich es endgültig auf.

»Und ihr fragt euch, weshalb ihr vom Aussterben bedroht seid!?«, schimpfe ich, und meine Stimme zittert zwischen den Steinen hin und her. »Null anpassungsfähig! Die Evolution ist voll Speed an euch vorbeigerauscht! Das hat noch jeder Spezies den Genickschuss verpasst. Nehmt euch mal ein Beispiel an den Krokodilen. Die gibt’s schon seit … Rufus?«

»230 Millionen Jahren.« Seine Antwort kommt ebenso beiläufig wie prompt. Ich hasse ihn dafür. Wahrscheinlich ist die Zahl frei erfunden, aber Rufus ist schlau genug, um zu wissen, dass niemand es besser weiß.

»230 Millionen Jahren!«, rufe ich. »Und warum?«

»Weiß nicht«, antwortet ein im Wasser treibender Pinguin.

»Was hab ich gerade über Anpassungsfähigkeit gesagt?«

»Weiß nicht.«

Die Streithähne auf dem Felsen unterbrechen kurzfristig ihren Disput: »Wir sind vom Aussterben bedroht?«

Mit einem panischen Aufschrei stürzt sich alles ins Wasser, was nicht schon drin ist. Mit Ausnahme der beiden, die ohnmächtig sind. Mit Grausen wende ich mich ab. Mag sein, dass die Menschen echt voll fies und gemein zu uns Tieren sind und so, aber sobald man es mit Flamingos und Pinguinen zu tun bekommt, denkt man unwillkürlich, dass die echt froh sein können, im Zoo gehalten zu werden.

 

Der Rest unserer Befragung erbringt einen Haufen vollgekritzelter Haftnotizen, aber wenig Konkretes. Die Fenneks behaupten, alles haarklein beobachtet zu haben, wollen aber für ihre Informationen bezahlt werden. Ich glaub ihnen kein Wort. Die gesamte Sippe ist seit Jahren klebstoffabhängig. Für eine Tube Pattex würden die mir erzählen, dass letzte Nacht ein Ufo in ihrem Gehege gelandet ist und Hanno von Sieversdorf in eine ferne Galaxie entführt wurde. Als wir es bei den Affen versuchen, scheitere ich bereits am ersten Türsteher. Das ärgert mich zwar, auf der anderen Seite sind die Affen ein mafiöser Haufen und halten grundsätzlich jede Information unter Verschluss. Von denen hätte ich also ohnehin nichts erfahren. Die Giraffen hatten wie immer ihre Köpfe in den Zweigen und wissen von nichts, und von den Gnus will mal wieder jeder etwas anderes gehört und gesehen haben.

Ich begleite Rufus bis zum Einstieg unseres Geheimgangs. Als er bereits halb in der Erde steckt, sage ich ihm, dass ich noch eine kleine Runde drehe und gleich nachkomme. Ich wolle noch ein bisschen über den Fall nachdenken, den Kopf freibekommen.

»Freibekommen von was«, fragt Rufus, »von Elsa?«

Tja, so ist das: Nur weil jemand nervt, heißt das eben noch nicht, dass er blöd ist.

 

Als ich auf dem Weg stehe und zu Elsas Käfig emporblicke, der zurückgesetzt auf einer Anhöhe thront, meine ich, ihr seidiges Fell im Widerschein der fernen Bahnhofsbeleuchtung wie flüssiges Silber schimmern zu sehen. Mein Herz schlägt so laut, dass ich mich frage, wie die anderen Tiere bei dem Krach schlafen können. Ich weiß, wenn ich noch länger hier stehe, verlässt mich der Mut, also schwinge ich mich über den Zaun und klettere den Abhang zu ihrem Käfig hinauf.

Im Schlaf hat sie sich auf die Seite gedreht, ihre hellere Bauchseite dem Gitter zugewandt, den buschigen Schwanz wie eine Boa um ihre Hinterbeine geschmiegt, die zarten Füßchen schutzlos auf dem kalten Beton. Unmöglich zu sagen, wie lange ich sie so betrachte, meine Krallen um die Gitterstäbe gelegt. Es ist verrückt, denke ich. In der Natur trennen uns Tausende von Kilometern, inklusive des Atlantischen Ozeans, und ausgerechnet hier im Zoo kommen wir zusammen: Elsa und Ray. Schwer, da noch an Zufall zu glauben.

»Na, Kleiner – darfst du denn so spät noch raus?«

Der Schock gefriert mir die Glieder. Sie schläft gar nicht! Ich Idiot! Natürlich schläft sie nicht. Erde an Ray: Chinchillas sind nachtaktiv! Bestimmt hat sie schon die ganze Zeit mitbekommen … Ach was, ganz sicher sogar! Vor Scham würde ich mich am liebsten im Boden eingraben. Stattdessen setzt meine Atmung wieder ein, und ich gewinne langsam meine Fassung zurück. Es ist erstaunlich. Ihre Stimme erzeugt ein einziges Kribbeln in meinem Unterleib – selbst wenn sie mich beleidigt. Am Ende, fürchte ich, funktionieren Erdmännchen nach demselben Prinzip wie alle anderen Männchen auch.

»Hi, Elsa«, zwänge ich die Worte durch meine Kehle. »Wie läuft’s denn so?«

In Super-slow-Motion dreht sie sich auf die Beine und mir ihren Kopf zu: »Was willst du, Ray?«

Ich probiere es mit Standbein/Spielbein, weil das lässiger aussieht, knicke kurz weg, kann mich aber im letzten Moment locker am Käfig abstützen. »Ich bin da an so einer Sache dran …« Vor lauter Übermut kreuze ich mein Spielbein über das Standbein. »Es geht um einen Menschen: Hanno von Sieversdorf. Dir muss ich ja sicher nicht sagen, wer das ist. Jedenfalls ist er verschwunden, hier im Zoo. Komische Sache. Könnte in Zusammenhang stehen mit den Schüssen, die gestern …«

Mit Entsetzen verfolge ich, wie Elsa gelangweilt im Dunkel ihres Käfigs verschwindet.

Kurz darauf treffen mich aus diesem Dunkel drei Worte wie Kugeln, mitten in mein blutendes Herz: »Gute Nacht, Ray.«

Kapitel 3

Rufus gibt sich alle Mühe, seine Nervosität als Übererfüllung seiner Wachmann-Pflichten zu tarnen. Keine drei Sekunden hält er es in einer Position aus. Vor dem Gehege sind zwei Jungs einer Schulklasse stehen geblieben, von denen einer meine Schwester Angie aus dem dritten Wurf gerne, wie er sagt, an seinen Dobermann verfüttern würde. Er hat eine dämliche rote Mütze auf, der andere eine noch dämlichere gelbe. So etwas würde ich mir nicht mal im Zirkus aufsetzen lassen.

»Guck mal«, sagt die Gelbmütze, »ein Erdmännchen-Spasti.«

Gemeint ist Rufus, bei dem vor Aufregung gerade die ersten Synapsen durchschmoren.

»Und der da sieht aus, als wär er voll auf Droge«, ergänzt Rotkäppchen.

Die Gelbmütze deutet mit ausgestrecktem Finger auf Rocky. »Meinst du den da?«

Rocky bläst sich auf. »Vorsicht, Freundchen«, murmelt er in Richtung der Jungen, »gleich ist deine Kappe weg.«

»Hihihi«, kichert Roxane. Das macht sie immer, wenn ihr kein vollständiger Satz einfällt. Mit anderen Worten: ständig. Kein Wunder, dass Rocky so scharf auf sie ist. Ein Weibchen, das in ganzen Sätzen reden könnte, würde ihn komplett überfordern.

Rotkäppchen stößt seinen Kumpel in die Seite und zeigt auf mich: »Nee, den da – der sich die ganze Zeit an den Eiern krault.«