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Dieses 1907/8 entstandene und 1944 erstmals veröffentlichte Romanfragment ist, obwohl es mit dem dritten Kapitel abbricht, dennoch eine vollgütige, in sich geschlossene Erzählung. Hesse zeichnet hier die Entwicklungsgeschichte eines Schülers, der von seinem Vater zum Theologen bestimmt ist. Doch Bertholds Konstitution, Temperament und vielseitige Begabung geraten schon bald mit dem eingeschlagenen Berufsweg in Konflikt. Im Verlauf seiner Ausbildung am Kölner Priesterseminar bringen Eros und Eifersucht den Studenten so sehr aus dem Gleichgewicht, daß er sich nur auf gewaltsame Weise zu befreien vermag. Als Söldner flieht er in den Dreißigjährigen Krieg. Dort verlieren sich seine Spuren.
Zwanzig Jahre später hat Hesse diesen Stoff, der den Konflikt zwischen Geist und Eros zu vereinbaren sucht, wieder aufgegriffen und ihm in »Narziß und Goldmund« eine definitive Gestalt gegeben. Über den Schluß der Erzählung »Berthold« schrieb Eduard Korrodi 1945: »Dies Ende ist wohl das ungewöhnlichste, das Hermann Hesse je geschrieben hat. Der Dichter ließ es beim Fragment bewenden, das von Leidenschaften unheimlich vibriert ... Das Bild dieses sinnierenden Unholds und Kraftmenschen, der ein ebenso gewalttätiger Humanist wie Nihilist hätte werden können, bleibt ebenso haften, wie es begreiflich ist, daß ihm der Dichter nicht in den Schatten der Fahnen folgen wollte. Er ist zu sehr an sein Unerforschliches herangekommen. Das genügt ihm und den Lesern, die Gut und Böse in unheimlichem Bündnis sehen.«
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Seitenzahl: 77
Veröffentlichungsjahr: 2020
Hermann Hesse
Berthold
Erzählung
Suhrkamp
Berthold
I
II
III
Die ersten Jahre seines Lebens sind in Bertholds Erinnerung völlig verlorengegangen. Wenn er in seinen Mannesjahren jener Zeit gedachte, sah er sie nur als ein zerrinnendes Traumbild gestaltlos in goldenen Nebeln schweben, dem Erwachten ferne und unbegreiflich. Geschah es, daß er verlangende Arme des Heimwehs danach ausstreckte, so klang ihm wohl ein sehnlich lindes Wehen aus dem verlorenen Lande herüber, an versunkene Gebilde und Namen rührend, deren aber keines und keiner mehr in seiner Seele Leben hatte. Auch das Bildnis der jung gestorbenen Mutter ruhte schattenhaft und unwiederbringlich in dieser dämmernden Tiefe.
Bertholds Erinnerungen begannen mit der Zeit seines sechsten oder siebenten Jahres.
Da lag im grünen Flußtal die Stadt, von Mauern umfangen, eine kleine deutsche Stadt, deren Namen weiter draußen im Reich niemand kannte, ein verlorenes und ärmliches Nest, das doch seinen Bürgern und Kindern eine Welt war und den Reihen der Geschlechter Raum zum Leben und Raum zum Begraben bot. Die Kirche, in einer früheren wohlhabenderen Zeit erbaut und nicht dem Anfang gemäß vollendet, sondern notdürftig bedacht und nur mit einem sparsamen Holzturm versehen, der auf dem Dache ritt, stand in ihrer Verwahrlosung und unnötigen Größe gleich einer Ruine inmitten der kleinen Häuser, trauerte mit ihren schön gemeißelten, hohen Portalen und predigte Vergänglichkeit. Davor auf dem Marktplatz, der groß und sauber gepflastert war, spiegelten sich die bescheidenen, aus Fachwerk oder auch ganz aus Holz gebauten Bürgerhäuser mit spitzigen Giebeln in der gewaltigen steinernen Schale des Marktbrunnens. Von den Toren war das südliche gering und niedrig, das nach Norden schauende aber stattlich und hochgebaut, und hier wohnte in Ermangelung eines Kirchturmes der Feuerwächter und Türmer. Man sah ihn zuweilen, einen müden und schweigsamen Mann, in seiner Höhe still und ungesellig die schmale Galerie abschreiten und wieder in sein Gehäuse verschwinden, und es war Bertholds erster Knabenwunsch gewesen, einmal an dieses Mannes Stelle zu sein und mit dem Horn am Gürtel Türmerdienst zu tun.
Mitten durch das Städtlein rann der schmale, schnelle Fluß. Sein oberes Tal war eng, zwischen zwei Züge waldiger Berge gedrängt, und bot nur für einige flache Äcker, eine alte stille Landstraße und berganwärts für wenige, abschüssige und magere Wiesen Platz. Dort draußen hatten nur einige Häusler ihre hölzernen Hütten stehen, auch lag dort nahe am Wasser verfallend und von den Städtern mit großer Scheu gemieden ein Pesthaus, vor langer Zeit bei einer großen Seuche gebaut.
Flußabwärts hingegen führte ein wohlgehaltener Weg bald dicht am Ufer, bald durch Kornland und Wiesen das Tal hinab, das nach kurzer Weile breiter und fruchtbarer wurde. Die Berge flohen auf beiden Seiten zurück, einem breiteren und fetteren Boden Raum gebend, und bald tat sich eine gar schöne, sonnige Talebene auf, durch eine Krümme vor dem Nordwind beschützt. Während oberhalb sowie auch schon eine kleine Stunde weiter abwärts das Tal arm und rauh war und der ganze Reichtum des Landes in den Bergwäldern bestand, prangte hier still und abgeschlossen ein kleines Land mit Frucht und Obst wie ein Paradiesgärtlein zwischen den grünen Bergen. Inmitten lag breit und satt in wohligem Frieden ein Kloster samt Meierei und Mühle, und wer müde auf der Talstraße vorüberwanderte und hinüberschaute und in dem erhöht gelegenen Garten unter laubigen Bäumen die Brüder in weißen Kutten langsam wandeln sah, dem mochte der friedsame Ort eine köstliche und gesegnete Zuflucht scheinen.
Den fröhlichen Wiesenweg von der Stadt zum Kloster hinab wanderte in seinen Knabenjahren Berthold fast jeden Tag. Er ging im Kloster zur Schule, und es war von seinem Vater bestimmt, daß der Knabe in den geistlichen Stand treten sollte. Denn nach dem frühen Tode der Mutter hatte er seinen ersten Sohn vorzeitig in die Fremde gelassen, die den unbändigen Jüngling verlockte, und er war, statt seinem Handwerk nachzugehen, verwahrlost und in der Ferne bei schlimmen Händeln zugrunde gegangen. Darauf hatte der Vater, seiner eigenen unsteten Jugendzeiten und ihren Verfehlungen gedenkend, sich gelobt, den zweiten Knaben besser zu bewahren und womöglich einen Priester aus ihm werden zu lassen.
Eines Tages im Spätsommer kam Berthold, noch ein kleiner Schulknabe, vom Kloster her heimwärts gegen die Stadt gegangen und besann sich auf Ausreden für seine Verspätung; denn er hatte unterwegs sich eine gute Stunde lang im Beobachten der Wildenten vergessen. Die Sonne war schon hinterm Berg und der Himmel rot. Und während der Knabe auf seine Entschuldigung bedacht war, ging sein junger Verstand gleichzeitig andere Wege. Der Lehrer, ein alter Gelehrter und Sonderling, hatte ihm heute von Gottes Gerechtigkeit erzählt und sie zu beschreiben und zu erklären unternommen. Diese Gerechtigkeit schien dem Berthold eine wunderbare und verwickelte Sache zu sein, und die Beispiele und Erklärungen des Paters genügten seinem Bedürfnis nicht. Zum Beispiel um die Tiere schien Gott sich nur wenig zu bekümmern, oder warum fraß der Marder die jungen Vögel, die doch auch Gottes Geschöpfe und unschuldiger als der Marder waren?
Und warum wurden die Verbrecher gehängt oder enthauptet, wenn doch die Sünde ihren Lohn in sich selber trug; und wenn doch alles, was geschah, seine Wurzel und Zulassung in Gottes Gerechtigkeit hatte, warum war es dann nicht ganz einerlei, was einer tat oder unterließ?
Aber alle diese kindlichen Zweifel und Gedankenversuche erloschen spurlos wie die Spiegelbilder der Dinge in einem plötzlich vom Wind bestrichenen Teich, als Berthold das Tor erreichte und mit schnell ermunterten Sinnen wahrnahm, daß in der Stadt etwas Ungewöhnliches geschehen sei.
Noch wußte er nichts und sah nur die wohlbekannte Torgasse im warmen Widerschein des glühenden Abendhimmels liegen; aber so stark ist im Menschen die Macht der Gewöhnung und der Gemeinschaftlichkeit, daß selbst ein Kind jede Störung hergebrachter Ordnung sofort mit feinen Sinnen erfühlt, noch ehe es die Ursache erfahren oder mit Augen gesehen hat. So bemerkte Berthold im Augenblick, es sei in der Stadt etwas Besonderes im Gang, obwohl er nur das Fehlen der Kinder und Frauen erkannte, die sonst die abendliche Gasse mit Spielen und Geplauder zu erfüllen pflegten.
Doch wenige Augenblicke später vernahm er schon entferntes, leis tosendes Wogen vieler Stimmen, undeutliche Rufe und trommelndes Geklapper von Pferdehufen, unbekannte und erregende Töne einer Trompete. Ohne mehr an seine Verspätung und an die Heimkehr zu denken, lief er trabend durch eine enge, steile und schon dunkelnde Nebengasse zum Marktplatz hinauf. Hastig mit heißem Kopf und stürmisch schlagendem Herzen trat er zwischen den hohen Häusern auf den noch ganz lichten Platz hinaus, von wo ihm vielfältiger Lärm entgegenscholl. Ungewohnte Bilder traten gehäuft und hinreißend seinem gierigen Blick entgegen, und ihm schien aus Reichen der Sage her alle Mannigfaltigkeit und alles Abenteuer der Welt plötzlich zauberhaft mitten in das alltägliche Leben gedrungen zu sein.
Auf dem Marktplatz, wo an anderen Tagen um diese Feierabendstunde nur spielende Knaben, wassertragende Mägde und rastend auf den steinernen Vorbänken ihrer Häuser sitzende Bürger zu sehen waren, gärte jetzt ein grelles, heftiges Leben. Es war eine Schar fremdes Kriegsvolk angekommen, Landsknechte und berittene Offiziere, Troßbuben, Marketender, buntes Weibervolk. Das trieb sich umher, verlangte Quartier, Brot, Ställe, Betten, Wein, fluchte, kreischte, sprach fremde Mundarten und fremde Sprachen, rannte umher oder lag schon satt und lachend als Zuschauer in den Wohnstubenfenstern der wohlhabendsten Markthäuser. Offiziere befahlen, Feldwebel schimpften, Bürger redeten auf die Leute ein, der Bürgermeister lief erregt und ängstlich hin und wider, Pferde wurden abgeführt. Angst und Gelächter, Krieg und Scherz klangen durcheinander.
Dieses Getümmel, das Berthold mit Wonne, Angst und brennender Neugierde betrachtete, riß den zufrieden engen Kreis seiner kleinen Knabenwelt mit einemmal gewaltsam auseinander und öffnete zum erstenmal die Welt seinen Blicken. Er hatte wohl von der Fremde, von Fürsten, fernen Ländern, von Soldaten, Krieg und Schlachten reden hören und sich davon kühne, farbige Vorstellungen gemacht; doch war für ihn zwischen diesen Dingen und den schönen Märchen kein Unterschied gewesen, und er hatte nicht gewußt, ob das alles wirklich und wesenhaft vorhanden oder nur ein Ergötzen der Gedanken und hübsches Gleichnis wäre. Nun aber sah er mit Augen Kriegsvolk, Pferde und Waffen, Spieße, Schwerter und Abzeichen, schön aufgezäumte Pferde und unheimliche Feuerrohre. Er sah Männer mit fremden, braunen und bärtigen Gesichtern, fremdartige heftige Weiber, hörte rauhe Stimmen unbekannte Sprachen reden und trank begierig den starken Duft des Neuen, Wilden, Unheimischen in seine unbeschwerte Knabenseele ein.
Behutsam ging er zwischen dem wilden Volk umher, damit er alles sehe, machte sich aus Flüchen und einigen Rippenstößen nichts und tat seiner ersten Schaulust Genüge, ehe er ans Heimgehen dachte. Er bestaunte Arkebusen und Fähnlein, betastete einen Spieß, bewunderte hochschäftige Reiterstiefel mit scharfen Sporen und hatte seine Lust an dem freien, kriegerischen Wesen der Leute, an ihren barschen, kecken, prahlerischen Worten und Gebärden. Da waren Glanz, Kühnheit, Stolz und Wildheit, lodernde Farben, wallende Federbüsche, Zauber des Kriegs und Heldentums.
Betäubt und glühend kam Berthold spät nach Hause. Der Vater war in Furcht um ihn