Betrachtungen über das Evangelium nach Lukas - J.G. Bellet - E-Book

Betrachtungen über das Evangelium nach Lukas E-Book

J.G. Bellet

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Beschreibung

Dieses Buch bietet, Kapitel für Kapitel, einige kurze Notizen und Gedanken zu interessanten Punkten aus dem Lukasevangelium. Das besondere Anliegen des Autors ist es, die Herrlichkeiten des Herrn Jesus hervorzuheben und das Herz für den Erlöser zu erwärmen.

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© 2013 Christliche Schriftenverbreitung e.V.Aus dem Englischen übersetztHerausgeber: Christliche Schriftenverbreitung e.V., HückeswagenE-Book-Generierung: VCG (www.vvcg.de)ISBN E-Book: 978-3-89287-537-6

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Allgemeine Gliederung des Evangeliums nach Lukas

Lukas 1 und 2

Lukas 3

Lukas 4

Lukas 5

Lukas 6

Lukas 7

Lukas 8

Lukas 9,1-50

Lukas 9,51-62

Lukas 10

Lukas 11

Lukas 12

Lukas 13

Lukas 14 bis 16

Lukas 17,1-19

Lukas 17,20 bis 18,8

Lukas 18,9 bis 30

Lukas 18,31 bis 43

Lukas 19,1-27

Lukas 19,28 - Kap. 20

Lukas 21

Lukas 22 und 23

Lukas 24

Einleitung

Jedes der vier Evangelien hat seinen eigenen Zweck. So gibt auch der Evangelist Lukas, obgleich er nur ein anderer Zeuge derselben göttlichen Wahrheiten ist, seinem Evangelium einen besonderen Charakter. Wenn er auch mit den Berichten der anderen Evangelisten im Allgemeinen übereinstimmt, verfolgt der Geist der Offenbarung bei ihm doch eine besondere Absicht.

Aber dieser verschiedenartige Dienst des einen Geistes durch verschiedene Evangelisten ist nicht Ungereimtheit, sondern Fülle und Mannigfaltigkeit. Das Öl, mit dem Aaron gesalbt wurde, welches sinnbildlich von der Fülle und Kraft redet, die auf unserem anbetungswürdigen Herrn ruhten, wurde aus verschiedenen wohlriechenden Gewürzen zubereitet: Myrrhe, Würzrohr, Kassia und Zimt (2. Mo 30). Wir können sagen, dass es die Aufgabe eines jeden Evangelisten war, die verschiedenen Bestandteile dieser ausgezeichneten, wohlriechenden Mischung des Heiligtums hervorzubringen, um die verschiedenen Vorzüglichkeiten und Vollkommenheiten in dem Herrn Jesus auszudrücken. Denn wer könnte alle zusammen berichten? Es war genug Freude und Ehre für jeden Diener, so bevorzugt er auch durch solche vertraulichen Offenbarungen war, eine einzige von ihnen aufzuzeichnen. Der Gläubige hat den köstlichen Genuss von allen zusammen, und in der für ihn passenden Sprache kann er sich zu dem Geliebten wenden und sagen: „Lieblich an Duft sind deine Salben, ein ausgegossenes Salböl ist dein Name“ (Hld 1,2).

Inmitten dieser unter die Evangelisten verteilten Dienste nimmt Lukas seinen besonderen Platz ein. In Matthäus begegnet der Herr den Juden als der Messias, in Markus einer Not leidenden Welt als der Diener ihrer Bedürfnisse, in Johannes der Kirche oder himmlischen Familie als der Sohn des Vaters, um sie für ihre himmlische Heimat zuzubereiten. Aber hier in Lukas beschäftigt Er sich mit der menschlichen Familie, um mit ihr als der einzige wahre Sohn des Menschen zu sprechen.

„Sohn des Menschen“ ist ein Titel von sehr weitgehender Bedeutung. Er bezeichnet den Menschen in seiner Vollkommenheit, den Menschen nach den Gedanken Gottes. Er sagt uns gewissermaßen, dass der Mensch in dem Herrn Jesus als etwas ganz Neues dasteht und dass wir in Ihm alle nur denkbare menschliche und sittliche Schönheit sehen. Aber nicht nur ist alle moralische Vollkommenheit in dem Titel „Sohn des Menschen“, wenn er auf den Herrn Jesus angewandt wird, ausgedrückt, sondern auch alle Seine Leiden und alle Seine Würden sind mit Ihm als solchem verbunden. Als Sohn des Menschen war Er erniedrigt (Ps 8), aber als solcher ist Er auch erhöht zur Rechten der Majestät in der Höhe (Ps 80). Als Sohn des Menschen hatte Er nicht, wo Er Sein Haupt hinlege (Lk 9,58); aber in der gleichen Eigenschaft kommt Er auch zu dem „Alten an Tagen“, um das Reich zu empfangen (Dan 7,13.14). Als Sohn des Menschen ist Ihm das Gericht übertragen (Joh 5,27), ist Er sowohl Prophet alsauch Priester und König, Erbe und Herr aller Dinge, Haupt und Bräutigam der Versammlung. Als Sohn des Menschen hat Er Gewalt, auf der Erde Sünden zu vergeben (Mt 9,6), und ist Er Herr des Sabbaths (Mk 2,28), aber Er war als solcher auch drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde (Mt 12,40). Er war der unermüdliche Säernann des Samens, und Er wird als Sohn des Menschen auch der glorreiche Schnitter der Ernte sein. Als solcher wurde Er gekreuzigt und stand Er wieder auf (Mt 17,9.22.23), aber währenddessen hatte Er als solcher Seinen eigentlichen Platz im Himmel (Joh 3,13.14). Und als der Sohn des Menschen ist Er auch der Mittelpunkt aller Dinge, sowohl der himmlischen als auch der irdischen (Joh 1,51). Denn in Seinem Bild hatte Gott vor alters den Menschen geschaffen, aber nachdem der erste Mensch, der von der Erde war, dieses Bild zerstört hatte, stellte der Sohn Gottes es wieder her und erfüllte als Mensch den göttlichen Ratschluss, indem Er ihn in Seiner Person auf jenen Platz der Ehre und des Vertrauens setzte, den Gott ihm ehemals zugedacht hatte.

So ist dieser Titel oder Name des Herrn „Sohn des Menschen“ sehr umfassend. Er ist mit Seiner Person, mit allen Seinen Leiden, aber auch mit allen Seinen Würden verbunden, ausgenommen natürlich jenen, die Er in Sich selbst als „Gott über alles, gepriesen in Ewigkeit“ besitzt. Er ist der gesalbte Mensch, der von dem Heiligen Geist errichtete und von Ihm erfüllte unbefleckte menschliche Tempel (Lk 1,35; 4,1). Er ist der erniedrigte Mensch, der Mann der Schmerzen, der hinabstieg bis zum Tod am Kreuz (Phil 2), aber Er ist auch der erhöhte, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönte Mensch, der später alle Herrschaft ausüben wird (Heb 2). Als Sohn des Menschen beschäftigt Er sich mit dem Menschen; und in dieser Tätigkeit stellt uns der Evangelist Lukas Ihn besonders vor. In diesem Evangelium verkehrt Er mit der menschlichen Familie. Er kam als der gesalbte Mensch, um den Menschen nach den Gedanken des Himmels darzustellen und Gott inmitten der menschlichen Familie zu vertreten, die sich so weit von Ihm abgewandt hatte. Er war der einzige gänzlich Unbefleckte; und so stellte Er, während Er in ihrer Mitte aufwuchs, alles um Sich her bloß. Das war Sein Zweck. Um dies in vollkommener Weise zu tun und durch Sich selbst den Menschen nach den Gedanken Gottes darzustellen, aber daneben auch den in Sünde gefallenen Menschen zu offenbaren, wird Er in diesem Evangelium ganz besonders als der Umgängliche gesehen, der sich mit den Menschen beschäftigt, ihre Aufenthaltsorte aufsucht, sich überall hinbegibt und von allen zu finden und für alle zugänglich ist.

So haben wir Ihn hier im Lukasevangelium.

Wir möchten auch noch auf die ganz besondere Eignung des Schreibers für diese spezielle, ihm übertragene Aufgabe aufmerksam machen. Denn wir hören im biblischen Bericht von Lukas, dass er der Begleiter des Apostels der Nationen war (Apg 16, 1.14; 2. Tim 4,11; Phlm 24). Er wurde in der Arbeit jemand zugesellt, dessen Dienst, wie wir sagen, keinen Unterschied zwischen Juden und Griechen machte, sondern dem Menschen allgemein galt. Und wir glauben auch, dass er selbst ein Heide gewesen ist. Sein Name ist heidnischen Charakters, und er scheint in Kolosser 4,14 von den Brüdern aus der Beschneidung unterschieden zu werden.

Nachdem wir so den allgemeinen Zweck unseres Evangeliums aufgezeigt und die Person des Schreibers beschrieben haben, möchten wir es der Reihe nach betrachten. Aber nichts anderes als die Freude des Herrn in uns selbst und Sein Lob in den Gedanken Seiner Heiligen soll uns gerade auf so heiligen Pfaden leiten, wie sie uns hier vorgestellt werden. Es sollte die gemeinsame Freude aller Seiner Geliebten sein, Ihm in allen Seinen Wegen nachzuspüren. Denn wo anders könnten wir unsere ewigen Freuden haben, wenn nicht in Ihm und bei Ihm, und was ist unserer Freude wohl zuträglicher als der Herr Jesus und Seine Wege? Gibt es irgendwelche Freude in irgendeinem Gegenstand, die wir nicht in Ihm fänden? Welche Gefühle oder Zuneigungen, außer denen, die in Ihm zu finden sind, können unsere Herzen ersehnen und befriedigen? Bedürfen wir der Liebe, um glücklich zu sein?

Nun, wo gab es je eine Liebe wie die Seine? Wenn Schönheit unser Herz anziehen kann, ist sie nicht in Vollkommenheit in dem Herrn Jesus? Wenn Schätze des Gemüts in anderen uns erfreuen, wenn Fülle und Mannigfaltigkeit uns befriedigen und erfrischen, haben wir dies alles nicht in der ganzen Fülle der uns geoffenbarten Gesinnung Christi? In der Tat, Geliebte, wir sollten unsere Herzen auffordern, ihre Freude in Ihm zu finden. Denn so sollen wir Ihn in alle Ewigkeit kennen. Die Vollkommenheiten und Schönheiten Seines teuren Wortes kennenzulernen, ist eines der vielen uns gegebenen Hilfsmittel, wodurch diese Freude im Herrn in unseren Seelen erhöht wird.

Wie wenig kennen wir davon! Möge daher diese Betrachtung durch die Wirksamkeit des Geistes diesem Zweck in uns allen dienen, zur Verherrlichung des Herrn!

Allgemeine Gliederung des Evangeliums nach Lukas

Man wird, wie wir mit Sicherheit glauben, bei unserem Evangelisten eine – wie man es nennen kann – sittliche Anordnung seines Stoffes feststellen. Jedoch liegt in der Reihenfolge der Geschehnisse eine schöne geschichtliche Klarheit. Die nachfolgende Einteilung der einzelnen Abschnitte dieses Evangeliums, die man als eine Art Inhaltsverzeichnis betrachten kann, wird dies zeigen.

Die Geburt und Jugend Christi Kap. 1 und 2

Seine Taufe, Abstammung und Versuchung Kap. 3 und 4

Sein Dienst in Galiläa Kap. 5 bis Kap. 9,50

Seine Reise nach Jerusalem Kap. 9,51 bis Kap. 19,27

Sein Einzug dort und alles, was darauf folgte, bis zu Seiner Kreuzigung Kap. 19,28 bis Kap. 23

Seine Auferstehung und ihre Ergebnisse Kap. 24

Dies ist die allgemeine Reihenfolge der Ereignisse, und ihre Gliederung ist einfach und schön. Da aber unser Herr besonders in diesem Evangelium der Lehrer ist und sich mit den Menschen beschäftigt, werden wir doch große Wahrheiten und Grundsätze in einzelnen Teilen finden. Die reine Zeitfolge ordnet sich diesem sittlichen Zweck unter, und unsere Absicht in diesem Buch ist (verbunden mit allgemeinen Betrachtungen), das zu behandeln, was charakteristisch ist.

Lukas 1 und 2

Diese beiden Kapitel wollen wir zusammen betrachten.

Gleich zu Beginn entdecken wir etwas auffallend Charakteristisches. Lukas schreibt seinem Freund Theophilus. Zweifellos war er sein Freund in göttlichem Sinn, sein Geliebter im Herrn, sein Genosse in der Liebe Gottes, und er redet ihn an in der Hoffnung, dass sein christlicher Freund und Bruder durch dieses Evangelium, das er zu veröffentlichen im Begriff stand, in allem, was ihn und Lukas miteinander verbunden hatte, fester gegründet werden und Fortschritte machen möchte. Aber das geschieht alles in einer für Lukas bezeichnenden Art, nämlich mit der Güte menschlicher Zuneigungen, die ihn mit Theophilus verbanden. Ferner berichtet er ihm von seiner eigenen persönlichen Kenntnis der Dinge, über die er zu schreiben im Begriff war, was kein anderer Evangelist tut, und auf diese Weise bringt er etwas von einem menschlichen Stil in diese heilige Aufgabe. Er stellt sich uns gewissermaßen vor als jemand, dessen menschliche Fähigkeiten und Zuneigungen in den ihn beschäftigenden Dingen geübt worden sind und der einen anderen über diese Dinge in derselben Weise anspricht.

Aber obgleich seine Worte diesen menschlich-vertraulichen Ton annehmen und in einem Kanal von Mitteilungen eines Freundes an den anderen zu fließen scheinen, ist der Heilige Geist in jedem Gedanken und Wort unseres Evangelisten doch gerade so klar und vollständig, als teile er etwas mit, wovon er keine persönliche Kenntnis hatte. David kannte Gottes Verheißung, dass Er den Christus erhöhen und auf seinen Thron setzen würde, und doch sprach er durch Inspiration als ein Prophet von der Auferstehung (Apg 2,30.31). Der Herr selbst gab Seinen Aposteln Befehle, und doch wird uns gesagt, dass Er es durch den Heiligen Geist tat (Apg 1,2). Das alles dient dazu, uns die gleiche, volle Inspiration des göttlichen Wortes sicher zu machen. Sei es der Herr, der Seinen Aposteln befiehlt, oder sei es Lukas, der sich seinem Freund mitteilt, das eine wird weder bloß aus der persönlichen Kenntnis des Herrn noch das andere aus der persönlichen Kenntnis des Lukas heraus getan, sondern beides gelangt zu uns unter dem Siegel des Heiligen Geistes.

Nach dieser einführenden Anrede an seinen Freund kommt Lukas auf seinen Gegenstand in aller nur denkbaren Schlichtheit zu sprechen, so groß und gesegnet dieser auch ist. Nichts kann zu seiner Zeit vollkommener sein. Die erhabene Sprache, in der Johannes seine heilige Aufgabe beginnt, den Sohn Gottes zu schildern, entspricht ganz dem Charakter eines so hohen Vorhabens. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Das macht sofort klar, welche Art Offenbarung kommen wird. Aber hier haben wir etwas davon ganz und gar Verschiedenes, jedoch an seinem Platz ebenso Vollkommenes – „Es war in den Tagen des Herodes, des Königs von Judäa, ein gewisser Priester.“ Es klingt wie eine einfache Erzählung, wie eine Geschichte früherer Tage, als die Wahrheit noch klar und ungeschminkt zu sein pflegte. Die Aufmerksamkeit ist im Augenblick gefesselt, entzückt von diesem ungekünstelten Bericht von Gottes geschickter Hand. Sie leitet die Gedanken, obwohl in die tiefsten und wunderbarsten Szenen, dennoch so sanft, dass das Herz wie mit starken Seilen angezogen wird. Wir mögen noch nicht wissen, wohin wir geführt werden, aber der Geist der Offenbarung hat uns fest bei der Hand, um uns zu leiten, wohin es Seiner Gnade und Weisheit gefällt.

Auch die augenblickliche Szene ist hierdurch gekennzeichnet. Sie stellt uns mitten in häusliche Verhältnisse mit ihren menschlichen Gefühlen und Zuneigungen. Wir hören von den die Geburt des Täufers begleitenden Umständen und von seinem Elternhaus. Aber so einfach dies alles ist, liegen darin doch Geheimnisse verborgen.

Zacharias und Elisabeth erscheinen vor uns wie Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Elkana und Hanna in früheren Tagen. Sie waren gerecht, aber kinderlos. Sie befanden sich gerade an dem Platz, an den der letzte Prophet Israels den treuen Überrest gestellt hatte: Sie gedachten des Gesetzes Moses (Mal 3) und wandelten untadelig in den Satzungen des Herrn. Dennoch waren sie kinderlos und somit Zeugen an sich selbst, dass alle ihre Kraft in Gott gefunden werden musste, der durch denselben Propheten einen Wiederhersteller verheißen hatte. Ihr gerechter Wandel in den Satzungen war ebenso sehr eine Vorbereitung auf den verheißenen „Boten“, wie die Annahme des Boten danach eine Vorbereitung auf den „Herrn des Tempels“ hätte sein sollen. Solchen wird also jetzt Elia, der verheißene Bote, gegeben, und seine Geburt leitet, wie wir hier sehen, über zur Geburt des verheißenen Herrn des Tempels (Mal 3), vor dessen Angesicht er hergehen sollte, so wie die Dämmerung das volle Tageslicht ankündigt.

In der Art dieser beiden Geburten bemerken wir demzufolge einen Unterschied. Johannes, ein Kind der Verheißung, wird durch eine besondere Gnade Gottes geboren, indem Er bei der Mutter eine natürliche Fähigkeit wiederherstellt. Der Herr Jesus jedoch, der Sohn Gottes, wird nicht durch irgendeine Begabung der Natur, sondern weit über alle Natur hinaus durch den Heiligen Geist geboren. Der eine ist das Kind eines unfruchtbaren Weibes, der Andere das Kind einer Jungfrau. Und das ist ein wunderbarer Unterschied. Elisabeth war die Mutter des Geretteten, Maria die des Retters. Elisabeths Kind war geheiligt, Marias Kind jedoch der Heiligende. Welch ein gewaltiger Abstand! Das Kind einer unfruchtbaren Frau ist immer das Symbol des Geretteten oder der Familie Gottes gewesen; denn es redet zu uns von der Gnade und der Gabe Gottes für die Unvermögenden und Bedürftigen (Jes 54,1; Joh 1,13; Röm 9,8). Aber der Herr Jesus war das erste und einzige Kind einer Jungfrau; und das zeigt uns, dass Er, obgleich Er der Kinder wegen an Fleisch und Blut teilgenommen hat, in der Fülle Seiner Person erhaben ist über alle Natur.

So ist hier die Dämmerung, und so der helle Tag. Es sind dies der Prophet des Höchsten und der Höchste selbst, der Bote und der Gott Israels. Bis jetzt war alles nur Finsternis gewesen. Die Haushaltung des Gesetzes (als ein Bund der Werke) hatte nur erwiesen, dass der Mensch Finsternis war, und hatte ihn auch dort gelassen. Sie hatte als ein Zeugnis besserer Dinge, die kommen sollten, nur deren Schatten gespendet. Sie leuchteten gleichsam wie Sterne in der Nacht und bezeugten, dass es immer noch Nacht auf der Erde war. Aber jetzt nahte ein anderer Zeitabschnitt – die Zeit, in der Gott erscheinen sollte, und „Gott ist Licht“.

Eine solche Zeit wird hier eingeleitet, und zwar mit allem ihr gebührenden feierlichen Ernst, aber auch voller Freude und Freiheit, deren sich der erhabene Gott immer bedient, wenn Er hervortritt. Die Grundlagen der ersten Schöpfung wurden mit Jubel und Jauchzen gelegt (Hiob 38,7). Und das war das Unterpfand des Himmels, dass Gott Seine Geschöpfe glücklich zu machen beabsichtigte. Diese Absicht war in der Tat notwendig, denn „Gott ist Liebe“. So ist es in diesen Kapiteln. Die Grundlagen einer anderen Schöpfung werden hier in dem Kind von Bethlehem gelegt, und wieder ist alles Freude, sowohl im Himmel als auch auf der Erde.

Gott erscheint aufs Neue, und da muss Freude sein, denn Kummer kann nicht weilen, wo Er ist. „Majestät und Pracht sind vor seinem Angesicht, Stärke und Freude in seiner Wohnstätte“ (1. Chr 16,27). Das Brot der Trauer darf nicht in Seinem Heiligtum gegessen werden; denn sowohl Freude als auch Heiligkeit wohnen dort. So ist auch hier alles Freude. Heerscharen von Engeln bringen Lob dar, die Hirten wiederholen die gute Botschaft dieser wunderbaren Ereignisse, die Lippen Marias, Zacharias' und Elisabeths werden aufgetan, um die Wunder der Gnade zu erzählen; die Erwartung des alten Simeon hat sich erfüllt, die Witwenschaft der Prophetin Anna ist vorüber – und das Kind selbst hüpft im Mutterleib vor Freude. Alte Männer und junge Mädchen, junge Männer und Kinder – alle haben in diesem Augenblick ihren Anteil an einer reicheren Freude als damals, da die Morgensterne miteinander jubelten. Die Freude der Schöpfung hörte leider bald auf, und Seufzen wurde stattdessen gehört; denn der Mensch befleckte sehr bald Gottes Werk. Und doch wurden ihre Grundlagen unter Jubel gelegt. So ist es auch hier. Wie bald mag die Freude in dieser bösen Welt zum Schweigen gebracht werden und die Tochter Zion sich als dafür nicht zubereitet erweisen! Wir können daraus lernen, dass Gesänge des Himmels, fallen sie auf ein träges Herz, keine Antwort auf der Erde erhalten; aber dennoch werden die Grundlagen dazu, wie bei dem früheren Werk Gottes, in heiliger Freude gelegt.

Wie eindrucksvoll entfalten sich diese Kapitel vor unseren Augen! Eine lange und traurige Zeit seit den Tagen der Rückkehr aus Babylon war vorüber, und der Morgen bricht nun an. Die Himmel sind geöffnet, und die Wüsten Israels werden wieder heimgesucht.

Wer hatte vorher mit einem solchen Tag gerechnet? Der Priester war an dem gewohnten Altar, die Jungfrau von Nazareth zu Hause in den üblichen Umständen des menschlichen Lebens, und die Hirten bewachten wie immer die Herde, als die Herrlichkeit des Herrn leuchtete und aufs Neue aus der Gegenwart Gottes schien. Und Gabriel kann ohne Zurückhaltung am heiligen Ort bei dem Priester stehen und ohne Hemmung in der armen Behausung der Jungfrau weilen. Ungezwungenheit und Gnade sind die Merkmale dieser himmlischen Besuche – glückliche Pfänder kommender, noch glänzenderer Tage! Aber der Bote Gabriel, obwohl er am Altar steht, steigt nicht, wie der Engel des Herrn vor alters (Ri 13,20), in der Flamme des Altars empor, noch spricht er, obwohl er im Tempel steht, von sich selbst, dass er größer sei als der Tempel, wie später Jesus-Jehova. Denn er hat nur seinen Platz als Diener auszufüllen und nimmt daher keinen höheren ein.

Das ist sehr gesegnet, wie alles andere auch. Aber diese Tage werden ein noch helleres Original in den Tagen des kommenden Reiches haben: Die Ungezwungenheit und Gnade, der Glanz und die Freude werden größer sein als bisher gekannt. Die Unterpfänder werden mehr als nur eingelöst werden, denn das ist die Weise unseres Gottes. Er wird das Tun Seiner Hände deutlich und klar machen und die Verheißungen Seiner Gnade durch Seine Segnungen weit übertreffen.

Beschäftigen wir uns auch noch mit den herrlichen Aussprüchen des Geistes durch Seine Gefäße und Kanäle in diesen Kapiteln! Welche Fülle von Gedanken und Gefühlen quillt von den Lippen Marias, Zacharias' und Simeons![1] Und wie beglückend ist es, wenn unsere Herzen in Übereinstimmung mit ihnen etwas von diesen Empfindungen ausfließen lassen und ein wenig von diesen geistlichen Zuneigungen erfüllt sind! Aber wir kennen die Trägheit unserer Herzen nur zu gut.

Das war also die Geburt dieser beiden Kinder und die sie begleitende Freude des Himmels und der Erde, wie sie in diesen ausnehmend schönen Kapiteln beschrieben wird. In ihrem weiteren Verlauf erhalten wir noch andere Mitteilungen über diese heiligen Kinder. Ihr Wachstum an Gestalt und Weisheit, während sie noch jung waren, wird nur hier erwähnt, und das ist, wie schon bemerkt, ganz in Übereinstimmung mit der Absicht des Geistes Gottes in diesem Evangelium. Denn hier wird uns der Mensch vorgestellt. Diese Blicke in die Kindheit und Jugend des Herrn Jesus sind an sich schon lieblich und rührend, aber auch in Anbetracht des Charakters unseres Evangeliums. Jetzt ist Er das Kind, wie Er später der Mann sein wird. In jedem Alter ist Er gleichmäßig und vollkommen Gott wohlgefällig, dem Er jeden Abschnitt Seines irdischen Lebens weiht. Hier sehen wir Ihn in Unterwürfigkeit gegenüber Seinen Eltern in Nazareth, aber auch in Gunst sowohl bei Menschen als bei Gott. Das alles war Frucht „zu seiner Zeit“. Noch war Er nicht berufen, für Gott gegen diese Welt zu zeugen. Wenn die Zeit dafür gekommen sein wird, werden wir Ihn auch dann in Vollkommenheit sehen, und Er wird den entsprechenden Hass erfahren, wie Er jetzt die geziemende Gunst des Menschen genießt (Joh 7,7). Aber bis jetzt ist Er nur das vollkommene Kind, Seinen Eltern zu Hause unterwürfig, geziert mit jedem göttlichen Schmuck, der einer solchen Person gebührt, und so empfiehlt Er sich den Herzen und Gewissen aller.

Auch heiliger Eifer in der Erlangung aller göttlichen Weisheit kennzeichnet dieses teure und heilige Kind. Jedes Jahr brachte ordnungsgemäß das Ihm eigene Wachstum mit sich. Aber Gott selbst war der Gegenstand Seines Herzens, Seine einzige Beschäftigung. Denn der Tempel war, wie wir hier sehen, der Schauplatz zur Entfaltung dessen, was Er mit Eifer in Seiner Jugendzeit aufgenommen hatte. Viele laufen hin und her und vermehren Kenntnisse aller Art, wie sie sie in den rührigen Schulen der Menschen erlangen können. Aber alle Kenntnis, die dieses Kind suchte und erwarb, war dem Heiligtum angemessen. Nicht in den Schulen, sondern im Tempel Gottes brachte Er die Frucht Seines eifrigen Fleißes hervor.

Indessen ist der Mensch darauf nur wenig vorbereitet, was wir hier sehen. Seine Verwandten im Fleisch verstehen dieses Kind nicht. Sie freuen sich vielleicht, dass Er als ein frommes Kind die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und meinen, Er sei auf Wunsch anderer, die Ihn sehen und beobachten wollten, von der Reisegesellschaft festgehalten worden. Die Eitelkeit einer Mutter mag das vermuten.[2] Und als sie Ihn vermissen, suchen sie Ihn, wo das Fleisch Ihn suchen würde. Aber dort war Er nicht. In all diesem offenbart sich die arme menschliche Natur. In der Eitelkeit, der irregeleiteten Suche, dem Erstaunen und dem verständnislosen Verweis Marias zeigt sich, was der Mensch ist. Jesus, das Kind, beginnt so, die verderbte Natur bloßzustellen. „Wusstet ihr nicht?“ kann Er zu ihnen sagen. Ohne Frage hätte dieses Kind sagen können: „Verständiger bin ich als alle meine Lehrer, denn deine Zeugnisse sind mein Sinnen. Mehr Einsicht habe ich als die Alten, denn deine Vorschriften habe ich bewahrt“ (Ps 119,99.100). Welch ein Trost ist das alles für uns! Es ist köstlich zu wissen, dass unser Gott auf dieser unserer Erde einen Gegenstand gehabt hat, auch einen Sohn des Menschen, an dem sich Sein ganzes Herz erfreute. Aber nur von dem Herrn Jesus kann das gesagt werden.

Fußnoten

[1] Die Juden schrieben oft, wie wir wissen, über ihren Messias unter dem Namen „Menachem“, d. h.“Tröster“, wie von Simeon hier gesagt wird, dass er auf den „Trost Israels“ wartete, d. h. auf den Messias. Und es liegt der Gedanke nahe, dass dies den Herrn selbst veranlasste, von dem Heiligen Geist als von dem „anderen Sachwalter“ oder „Tröster“ zu sprechen.

[2] Ein anderes treffendes Beispiel derselben Gesinnung Marias fin­den wir in Johannes 2, 3.

Lukas 3

Eine lange Zeit ist inzwischen verstrichen, wenn wir zu den Berichten dieses Kapitels kommen. Wie der Weg Moses in seiner Jugend (so möchten wir diese Jahre nennen), ist auch der Weg des Herrn durch die Überlegungen und die Finsternis der Natur unterbrochen worden. Mose meinte, „seine Brüder würden verstehen, dass Gott durch seine Hand ihnen Rettung gebe; sie aber verstanden es nicht“. Ihr Unglaube trennte ihn vierzig Jahre von seinen Brüdern.

So tat der Herr Jesus, der größer ist als Mose, Seines Vaters Werk in der Mitte Israels, aber Seine Brüder verstanden Ihn nicht. Er musste nach Nazareth hinabgehen und wurde Israel eine Zeit lang entfremdet. Er kann sie nur in derselben Vollkommenheit vor Gott verbringen. Der Unglaube des Menschen mag die Situation verändern, aber nichts kann das Herz dieses heiligen Menschen beeinflussen. Er ging hinab nach Nazareth, um dort untertan zu sein, noch immer als ein gottesfürchtiges Kind, das zunahm an Weisheit und Größe und Gunst bei Gott und Menschen.

Aber hier in diesem Kapitel kommen wir in völlig andere Umstände und Zeiten. Die Kinder sind herangewachsen und reif, sich Israel zu zeigen. Gerade diesen feierlichen Augenblick benutzt unser Evangelist, eine ausführliche Übersicht über die Welt zu geben. Das war eine Aufgabe, die ihm durch den Heiligen Geist eigentlich gegeben war, denn der Geist hat bei Lukas, wie schon gesagt, den Menschen im Auge und beschäftigt sich mit dem Menschen. Er zeigt uns hier, wie still und ruhig die ganze Erde saß (Sach 1,11), denn das heidnische Tier hatte alles nach seiner Vorstellung geordnet. Der Römer Tiberius war Kaiser, seine Prokonsuln waren in ihren verschiedenen Regierungsbezirken, und Judäa war ein Teil seiner Stärke und Ehre. Auch die Priester waren in ihrem Tempel. Alles in der politischen und religiösen Welt war so, wie der Mensch es haben wollte. Doch in den Augen Gottes war dies alles eine Wildnis, denn statt dass Er darin einen Ruheplatz für sich besaß, wird die Stimme Seines Dieners ausgesandt, wie einst Elia in den bösen Tagen Ahabs, um alle aufzuwecken und den Schlaf der fleischlichen Zufriedenheit, worin der Mensch und die Welt eingehüllt waren, zu stören.