Blut auf der Elfenfahne - Jürgen Ehlers - E-Book
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Blut auf der Elfenfahne E-Book

Jurgen Ehlers

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Beschreibung

Großbritannien 1745. Der ehrgeizige William Augustus, der Lieblingssohn des Königs, übernimmt das Oberkommando der englischen Armee. Sein Freund Jan Asmussen wird Hauslehrer für Lucy, die Tochter des Lairds von Dunvegan, auf der Insel Skye in Schottland. Jan ist froh, den Intrigen am Hof entronnen zu sein. Er ahnt nicht, dass sein Auftrag selbst Teil einer Intrige ist. Und als Bonnie Prince Charlie mit einer Handvoll Getreuer in Schottland landet, um die Krone für seinen Vater zu erobern, kommt es zum Aufstand, der Freundschaften hinwegfegt, und bei dem Menschlichkeit und Gewissen dem Ehrgeiz zum Opfer fallen. Jans Freund William Augustus gilt schon bald als gnadenloser Schlächter. Und Lucys geliebter Vater, der Laird MacLeod, wird von seinen Gegnern nur als der Böse Mann bezeichnet. Alles, was Jan und Lucy bisher für gesichert gehalten hatten, gilt nicht mehr, und sie müssen entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen.

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Seitenzahl: 556

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jürgen Ehlers, Eiszeitforscher und Krimiautor, wurde 1948 in Hamburg geboren. Seit 1992 schreibt er Kurzkrimis und Kriminalromane. Er ist Mitglied im »Syndikat« und in der »Crime Writers’ Association«.

Inhaltsverzeichnis

Ein paar Worte vorweg

Sixpence auf die Hunde

2

Entscheidungen

2

In Schottland

3

4

5

6

7

9

10

11

12

Keine Geheimnisse

2

3

4

5

6

7

Heimsuchungen

2

Zwiebelsaft

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Starke Worte

2

3

Winkelzüge

2

3

4

5

6

7

7

Panik

2

3

4

3

Drohungen

2

3

Carlisle

2

3

4

5

6

7

Ein Angebot

2

3

4

5

6

Blutbad

2

3

4

5

6

8

8

11

11

Mutter und Kind

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Wir sind verloren!

2

3

4

Die Schlinge zieht sich zu

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

Mörder

2

3

4

Bis zur Hinrichtung

2

3

4

5

6

7

Das Ende der Träume

2

3

4

5

VERZEICHNIS DER PERSONEN

Veröffentlichungen (Auswahl)

Sachbücher

Kriminalromane

Ein paar Worte vorweg

Seit dem Act of Union (1707) sind England und Schottland zum Königreich Großbritannien vereinigt. Das Englische Unterhaus ist um 45 schottische Abgeordnete erweitert, das Oberhaus um 16. Dazu gehören Normand MacLeod und Lord Alexander MacDonald, die in diesem Buch eine Rolle spielen.

Durch den Act of Settlement ist seit 1701 die Thronfolge festgelegt. Kein Katholik kann mehr König oder Königin von England werden. Nach dem Tod von Queen Anne, deren Kinder alle früh gestorben sind, fällt die Krone 1714 an George I aus dem Haus Hannover (Welfen). Ihm folgt 1727 sein Sohn George II. Es beginnt eine Periode großer wirtschaftlicher Stabilität.

Außenpolitisch steht Großbritannien in Konkurrenz zu den katholischen Mächten Frankreich und Spanien. Seit 1743 beteiligt sich das Kurfürstentum Hannover am Österreichischen Erbfolgekrieg. Da George II nicht nur englischer König ist, sondern obendrein Kurfürst von Hannover, sind nicht nur hannoversche, sondern auch englische Truppen im Einsatz. In der Schlacht von Dettingen am Main (1743) wird das französische Heer besiegt, aber damit ist der Krieg nicht beendet.

Sixpence auf die Hunde

Chigwell, England, Mai 1744

Der Platz vor der Gastwirtschaft war in weitem Rund mit einem provisorischen Zaun abgesperrt, und hinter der Barriere drängten sich jetzt ein paar hundert Menschen. Jan und William Augustus waren rechtzeitig gekommen, sie standen in der ersten Reihe. William Augustus, der junge Duke of Cumberland, sah sich um. Die Zuschauer, zumeist Männer, aber auch Frauen und Kinder, schienen überwiegend den ärmeren Bevölkerungsschichten anzugehören. Niemand dabei, den er kannte. Gut. Niemand brauchte von diesem Treffen mit Jan und von diesem Gespräch zu wissen.

»Wie hast du von dieser – dieser Darbietung erfahren?«, fragte Jan.

William lachte. »Ich weiß fast alles. In meiner Position ist es entscheidend, gut informiert zu sein.«

»In deiner Position?«

William Augustus nickte. »Es geht um die Krone. Um die Krone Englands.«

Wirklich? Jan sah seinen Freund zweifelnd an, wartete auf weitere Erklärungen. Aber William Augustus zuckte nur mit den Achseln und schwieg.

Bull Baiting gab es natürlich auch in London, in Hockley-in-the-Hole zum Beispiel, aber nach der Schlacht von Dettingen hatte William zu oft im Mittelpunkt gestanden. Er konnte sich nicht sicher sein, ob man ihn dort nicht erkennen würde. »Übrigens solltest du lieber Englisch sprechen«, sagte er, »sonst fallen wir auf.«

Jan nickte. »Bull Baiting«, sagte er. »Eine Art Stierkampf also. Bis jetzt hatte ich gedacht, so etwas gäbe es nur in Spanien.«

Wie naiv bist du eigentlich?, dachte Cumberland. Sie hatten sich gemeinsam einige Male aus der behüteten Welt des Hofes entfernt, aber zu den wilderen Unternehmungen, Preiskämpfen etwa, bei denen halbnackte Frauen mit dem Messer aufeinander losgingen, hatte er Jan lieber nicht mitgenommen. Er sagte: »Stierkampf gibt es auch hier in England. Aber es ist kein gewöhnlicher Stierkampf, wo irgendein strahlender Held mit gezücktem Degen das arme Tier niedermetzelt, sondern es ist ein Kampf Tier gegen Tier. Sie hetzen Hunde auf den Stier.«

Daher also das Gebell. Jan sah sich um. Jemand ging mit einem Eimer herum und sammelte Geld ein.

»Was wird das?«, fragte Jan.

»Du kannst wetten.«

»Wetten?«

»Ja, natürlich. Das ist doch der Sinn des Ganzen. Du musst dich entscheiden: Glaubst du, dass am Ende der Stier am Boden liegt, oder dass er sich die Hunde vom Leib halten kann?«

Gerade wurde der Stier in den Ring geführt. Ein großer, mächtiger Bulle; er sah wild und gefährlich aus.

»Bull or dogs?«, fragte der Mann mit dem Eimer.

»Bull.« Jan setzte einen Shilling auf den Stier.

»Sehr wohl mein Herr, einen Shilling auf den Stier, so geht es, meine Herrschaften, sehen Sie her, so geht es!« Der Mann verbeugte sich in gespielter Ehrfurcht.

William lachte. Jan wurde rot. Ihm war klar, dass er zu viel gesetzt hatte. William setzte Sixpence auf die Hunde.

»Jetzt glaubt keiner mehr, dass du ein kleiner Handwerker bist.«

»Es tut mir wirklich leid ...«

»Unwichtig. Sie dürfen nicht wissen, wer ich bin. Du kannst dich hier ruhig sehen lassen. Es ist ja im Prinzip eine respektable Veranstaltung. Ich habe selbst Lords schon bei solchen Wettkämpfen gesehen, und die haben sich nicht im mindesten geschämt. Aber in meiner Position ist es nicht ratsam.«

»Nein.« Jan fragte sich, was den Duke of Cumberland so sehr reizte, dass er dennoch gekommen war.

Der Stier stand in der Mitte der Arena. Sein Besitzer hielt ihn an einem kräftigen Strick, damit er sich nicht auf das Publikum stürzen konnte, das ihn aus sicherer Entfernung verhöhnte. Von rechts wurden jetzt die Hunde hereingeführt. Kräftige Bulldoggen, die an ihren Leinen zerrten. Die Unterhaltung erstarb.

»Es geht los!«, raunte William.

Jan nickte. Einer der Hunde – Jan konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob er sich losgerissen hatte oder von seinem Besitzer in den Ring geschickt worden war – raste in wildem Eifer auf den Stier zu. Der versuchte, das Tier auf die Hörner zu nehmen. Der Hund wich aus, sprang den Stier an. Der schüttelte ihn ab, und bevor der Hund sich wieder aufrappeln konnte, hatte der Stier ihn erwischt und ihm mit dem linken Horn die Seite aufgeschlitzt. Das tödlich verletzte Tier jaulte und wälzte sich am Boden. Der Stier stieß noch einmal zu.

»Sieht nicht schlecht aus für dich!«, rief William. »Sieht nicht schlecht aus!«

Da wurden die anderen Hunde freigelassen. Sie stürzten sich auf den Bullen, bissen zu, wo sie ihn packen konnten, in die Flanken, in die Hörner. Der Stier schüttelte sie ab.

»Ich bin mit dir hierhergekommen«, sagte William, »weil wir hier ungestört miteinander reden können. Und wir müssen miteinander reden. Du bist dreiundzwanzig Jahre alt, genau wie ich. Aber während für mich völlig klar ist, wie mein weiteres Leben verlaufen wird, ist für dich nichts geklärt. Ich bin der Duke of Cumberland, und ich bin erwachsen.«

Jan nickte. Das wusste er alles.

»Aber was willst du machen? Du hast überhaupt keine Funktion am Hofe. Du bist ja nur der Sohn meines Lehrers, meines verstorbenen Lehrers, um genau zu sein.«

»Du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen«, sagte Jan. »Ich werde schon durchkommen!«

»Ich mache mir aber Sorgen. Du bist mein Freund. Ich will nicht, dass du nur gerade so durchkommst. Ich will, dass du eine gute Position bekommst, einen Posten, der deinen Fähigkeiten entspricht ...«

In diesem Moment brüllte der Stier vor Wut und Schmerz auf; einer der Hunde hatte sich in seiner Flanke festgebissen. Die Menge tobte. Einige feuerten den Stier an, der wie wahnsinnig umhersprang und mit den Hufen ausschlug, während die meisten dem Hund zuriefen, auf keinen Fall loszulassen.

Jan riss sich von dem brutalen Schauspiel los. »Ich könnte als Lehrer arbeiten«, sagte er.

»Ja, das könntest du. Das habe ich auch schon gedacht. Und zufällig habe ich erfahren, dass einer unserer schottischen Freunde, ein gewisser Normand Mac-Leod, einen Lehrer für seine Tochter sucht.«

Ein neuer Aufschrei. Der Bulle hatte sich auf den Boden geworfen und den Hund unter sich begraben. Sein Besitzer drängte sich durch die Menge und versuchte, die Dogge unter dem rasenden Stier herauszuziehen.

»Fair Play! Fair Play!«, forderte die Menge.

Doch wie der Mann sich auch mühte, es gelang ihm nicht, die Beine des wild um sich schlagenden Hundes zu packen; er bekam selbst einen Huftritt vom Bullen und hinkte zur Seite. Der Hund regte sich nicht mehr.

Jan schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Mit kleinen Mädchen kann ich überhaupt nicht gut umgehen.«

William lachte. »So klein ist sie gar nicht mehr. Siebzehn Jahre.«

»Aber Edinburgh?«, sagte Jan zweifelnd. Er hatte Schwierigkeiten, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, das sein künftiges Leben entscheiden sollte, während gleichzeitig vor ihm ein Kampf auf Leben und Tod tobte. Der Bulle hatte sich erhoben, stand wieder da wie zu Beginn, den Kopf leicht gesenkt, und wartete auf den nächsten Angriff. Ein weiterer Hund versuchte es als Nächster. Er war nicht schnell genug. Der Bulle schleuderte ihn hoch in die Luft, dass er vor Schmerz jaulte. Er landete mitten zwischen den Zuschauern, rappelte sich auf und rannte wieder nach vorn.

William ließ keinen Blick von dem Schauspiel. Er schüttelte den Kopf. »Nicht Edinburgh. Du hast mir doch immer erzählt, dass dir die großen Städte nicht gefallen. Nun, da habe ich genau das Richtige für dich gefunden. Dunvegan auf der Insel Skye.«

»Skye?«

»Ja, das ist eine dieser westlichen Inseln. Gehört alles zum schottischen Hochland. Wild und romantisch ...«

Der Hund flog ein zweites Mal durch die Luft; eine Frau kreischte auf, als ihr der blutige Köter ins Gesicht klatschte. Sie ging zu Boden. Wütend rappelte sie sich wieder auf. Die Umstehenden lachten. Der Hund rührte sich nicht mehr.

»Aber der gute Laird ist vollkommen zivilisiert, genau wie wir. Er sitzt als Abgeordneter für Inverness-shire im Unterhaus. Ich bin sicher, dass du hervorragend mit ihm auskommen wirst. Wenn er denn da ist. Die meiste Zeit hält er sich in London auf.«

Jan sah seinen Freund an.

»Du denkst natürlich an das Geld ...«

Jan schüttelte den Kopf. Er hatte überhaupt nicht an Geld gedacht.

Erneut wurden mehrere Hunde losgelassen. Wieder versuchte der Bulle die Angreifer abzuschütteln, doch jetzt hatte sich das Blatt zu seinem Nachteil gewendet. Einem der Hunde gelang es, sich in seiner Nase festzubeißen und ihn zu Boden zu zwingen. Der Stier brüllte, schüttelte sich und schlug mit den Hufen aus, doch es half nichts. Mehr und mehr Hunde schafften es, sich in ihn zu verbeißen.

»Dein Shilling ist verloren«, sagte William ungerührt. »Was nun deine schottischen Einkünfte angeht, so kann ich dir versichern, dass der Laird dir genauso viel zahlt wie ein Privatlehrer hier in London erhalten würde. Und du bist Teil des Haushalts, wohnst im Schloss, isst mit der Familie, sodass dir keine weiteren Unkosten entstehen.«

Jan sah sich in einer düsteren schottischen Burg salziges Porridge essen.

Jetzt waren die Hundebesitzer um den schwer verletzten Bullen versammelt und mühten sich, die Tiere zu trennen. Einige waren dabei, den Bullen festzuhalten, während andere darangingen, die Kiefer der Hunde mit Knüppeln auseinander zu zwingen.

»Jetzt weißt du, warum man sie Bulldoggen nennt! – Du kannst also sehr viel Geld sparen. Zwei, drei Jahre, und du besitzt ein kleines Vermögen. Und das ist noch nicht alles. Ich habe außerdem dafür gesorgt, dass du ein zweites Gehalt in gleicher Höhe erhalten wirst.«

»Ein zweites Gehalt?«

»Ja. Deswegen dieses Treffen hier draußen, wo uns niemand zuhören kann. Du weißt, dass Schottland ein – sagen wir einmal schwieriger Teil des Vereinigten Königreichs ist. Wir können uns hier in London nie ganz sicher sein, ob und wie weit wir den Schotten trauen dürfen. Der Geist der Papisten spukt noch immer in den Bergen herum, und jetzt ... Vorsicht!«

Der Bulle hatte mit einem verzweifelten Ruck die Männer abgeschüttelt, die ihn halten sollten. Es zeigte sich nun, dass er keineswegs kampfunfähig war. Er schüttelte sich, sah die Männer mit ihren Hunden am Rande des Ringes und raste los. Es schien Jan, dass er genau auf ihn zu stürmte. Die Zuschauer schrien auf und versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Links und rechts von ihnen stürzten Menschen übereinander. Kinder kreischten. Der Bulle kam näher, sie waren verloren! Verzweifelt warf sich Jan zu Boden. Jetzt war er heran. Ein trockener Knall, und der Bulle – der Bulle kam nicht. Zögernd richtete Jan sich auf.

»Das war knapp«, sagte William. Gelassen steckte er die Pistole wieder ein.

»Er hat ihn erschossen!«, rief jemand. Er zeigte mit dem Finger auf William. »Der Mann da, der hat den Bullen erschossen!«

»Keine Aufregung!«, sagte William. Und zu Jan: »Kein Aufsehen. Gib ihm Geld. Zahl, was er verlangt.«

»Er hat meinen Bullen erschossen!«

»Tut mir leid«, sagte Jan. »Aber es war notwendig. Wie hoch ist der Schaden?«

Die Umstehenden, die schon darauf gehofft hatten, anstelle des abgekürzten Bull Baitings nun eine handfeste Schlägerei zu erleben, verloren ihr Interesse. »Wo bleibt der Affe?«, riefen sie. »Wann kommt endlich der Affe?« Der Hund, der als erster in den Ring gerast war, war noch nicht tot, sondern schleppte sich mit heraushängenden Eingeweiden über den Platz.

»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte William. »Ach ja. Da wir uns im Krieg mit den katholischen Mächten des Kontinents befinden, könnte nur allzu leicht jemand auf den Gedanken kommt, die Schotten aufzuwiegeln. Ich weiß, dass das Haus Stuart im Norden bis heute über zahlreiche Anhänger verfügt. Und ich weiß aus sicherer Quelle, dass es noch immer Kontakte zu dem falschen Prinzen in Italien gibt. Dem sogenannten ‚Jungen Thronanwärter‘. Aber Charles Edward Stuart ist natürlich kein rechtmäßiger Anwärter auf den englischen Thron. Die Thronfolge ist klar geregelt. Per Gesetz. Act of Settlement, 1701, wenn du dich erinnerst. Und darin steht, dass kein Katholik König von England werden kann. Und Charles Edward Stuart ist Katholik. Also eine klare Sache. – Dennoch ist natürlich nicht auszuschließen, dass mein Cousin versucht, mit französischer Hilfe unser Königshaus zu stürzen und die Macht an sich zu reißen.«

»Und was soll ich dabei tun?«

»Die Augen offen halten. Du bist unser Mann im schottischen Hochland. Du sprichst mit den Leuten, hörst dich um und schreibst uns alles, was dir auffällt.«

Jan schüttelte den Kopf. »Ich glaube, dazu bin ich nicht geeignet.« Er hielt inne. Ein Pferd wurde in den Ring geführt; auf seinem Rücken saß ein Affe. Der Affe war mit grotesk buntem Zeug gekleidet wie ein zu klein geratener Mensch, und er war auf dem Rücken des Pferdes festgebunden, so dass er nicht herunter konnte. Jan ahnte, dass jetzt der Höhepunkt der Veranstaltung bevorstand, und er war sich sicher, dass er ihm nicht gefallen würde.

»Wir brauchen einen absolut ehrlichen Menschen für diese Aufgabe.«

Jan sagte: »Das geht nicht. Das kann doch gar nicht gehen. Wenn ich von Schottland aus einen Brief an den Herzog von Cumberland schicke, dann sieht doch jeder sofort ...«

»Du wirst es so machen, dass es nicht jeder sofort merkt. Und ich bin sowieso außen vor. Ich bin ja die nächste Zeit bei meinen Truppen in Flandern. Du musst dich also mit Lord Tweeddale auseinandersetzen. Er ist der für Schottland zuständige Minister. Er ist einer der ehrenwertesten Politiker, die ich kenne.« Und einer der ahnungslosesten, hätte er hinzufügen können.

Jan antwortete nicht.

»Ich bitte dich, Jan, es geht um alles, was uns wert und teuer ist. Wenn die Jakobiten wieder an die Macht kommen, werden sie alle Freiheiten abschaffen, die dieses Land in den letzten Jahrzehnten mühsam erkämpft hat. England ist eine Demokratie, das modernste Land der Erde, ein Hort der Aufklärung, der Zivilisation ...«

Stimmte das wirklich? Aber jetzt war keine Gelegenheit, darüber zu diskutieren.

Die Hunde wurden losgelassen. Die Menge raste vor Begeisterung. Der Affe zappelte und schrie wie ein Mensch in höchster Todesangst. Er versuchte vergeblich, sich loszureißen, während das Rudel mörderischer Hunde unter ihm sich daran machte, das Pferd zu Fall zu bringen und zu zerfleischen.

2.

Die Vorführung war vorüber, jetzt drängten sich die Menschen vor dem Eingang der Kneipe. Der Wirt machte ein glänzendes Geschäft. Auch William war in der Gastwirtschaft verschwunden. Er kam mit zwei Krügen Bier zurück. Sie setzten sich in den Schatten

»Ich hätte dir das Bier ausgeben müssen. Du hast uns das Leben gerettet«, sagte Jan.

William winkte ab. »Nicht der Rede wert.«

»Was für ein verteufelt guter Schuss, mit einer Pistole einen heranstürmenden Stier zu erlegen!«

»Du musst nur gut zielen, das ist alles.«

Ja, William war äußerst kaltblütig, wenn es darauf ankam, daran bestand kein Zweifel.

»Dieses Bull Baiting – so ein grausames Schauspiel«, sagte Jan.

»Ja, furchtbar. Königin Elisabeth hat schon vor gut 150 Jahren versucht, diesen Sport verbieten zu lassen, aber sie konnte sich nicht durchsetzen.«

»Sport nennst du das? Tiere quälen und töten!«

»Du musst nicht gleich jedes Wort auf die Goldwaage legen«, sagte der Duke. »Und bei näherer Betrachtung wirst du zugeben müssen, dass dieses Bull Baiting zunächst einmal das Leben des Stieres verlängert.«

»Verlängert?« Jan starrte ihn an.

»Ja, natürlich. Die Tiere werden doch gewöhnlich gezüchtet, um geschlachtet und verzehrt zu werden. Und den größten Gewinn erzielst du, wenn du das machst, sobald das Tier ausgewachsen ist. Aber dieser Bulle, den wir gerade gesehen haben, der war weit über seine Schlachtreife hinaus. Und selbst heute wäre er nicht gestorben, wenn ich ihn nicht erschossen hätte.«

»Die Hunde hätten ihn zerfetzt.«

»Nein, das hätten sie nicht getan. Das ist nicht der Sinn der Sache. Sie hätten ihn bezwungen, aber vermutlich nicht getötet. In ein bis zwei Wochen wären seine Wunden verheilt, und er hätte wieder im Ring gestanden.«

»Selbst wenn der Stier, wie du sagst, auf diese Weise sein Leben verlängert hätte – was für ein Leben wäre das gewesen? Ein Leben voll höllischer Schmerzen, und das womöglich Woche für Woche. Da ist es schon besser für ihn, wenn er tot ist!«

»Das sagst du, weil du nicht in seiner Lage bist. Ich glaube, dass das Rindvieh in diesem Punkt genauso denkt wie ein Mensch. Und wie ein Mensch denkt, ist klar. Ich habe letztes Jahr in der Schlacht in Dettingen bei unserem Angriff Dutzende auf die grausamste Weise verletzte und verstümmelte Franzosen gesehen, aber keiner hat mich um den Coup de Grace gebeten. Sie wollten alle am Leben bleiben. Als Invaliden, als Krüppel, ganz egal. Leben. Um jeden Preis.«

Jan schwieg. Dettingen – er wollte nicht mehr an das Gemetzel denken. Und das hier, das war eine unglaubliche und völlig unnötige Grausamkeit, die verboten gehörte.

William sah ihn spöttisch an: »Es ist interessant zu sehen, dass du dich ausschließlich für das Schicksal des armen Stieres interessierst. Die getöteten Hunde bedeuten dir nichts?«

»Keines dieser Tiere sollte sterben!«, rief Jan. Aber es stimmte schon, er hatte in erster Linie Mitleid mit dem Opfer, dem Bullen gehabt, dabei waren in Wahrheit beide Opfer, Stier und Hunde.

»Diese Hunde, mein Freund, würden gar nicht erst leben, wenn es kein Bull Baiting gäbe. Sie werden eigens für diesen Zweck gezüchtet. Dabei haben die Tiere eigentlich gar nichts gegeneinander, und zum Teil schlafen sogar Stiere und Doggen friedlich nebeneinander im selben Stall, bis es dann schließlich zum Kampf kommt. Die Menschen sind es, die sie aufeinander hetzen.

Jan nickte.

»Und damit kommen wir zum interessantesten Punkt des ganzen Spektakels, zu den Menschen. Das ist der Aspekt, der mich am meisten reizt. Du hast sie gesehen. Hunderte von Leuten. Alles Christen, alles aufgeklärte Menschen unseres Jahrhunderts. Du hast gehört, wie sie gejohlt und geschrien haben. Besonders als der Affe seinen großen Auftritt hatte.«

»Das war barbarisch.«

»Ja, das war barbarisch. Die Menschen sind Barbaren, Jan. Alle Menschen. Und es gibt nur eines, was sie noch stärker erfreut hätte: wenn statt des Affen ein Mensch auf diesem Gaul gesessen hätte und wenn er am Ende tatsächlich zerrissen worden wäre.«

»Das kann ich nicht glauben«, sagte Jan mechanisch.

William lächelte. Er beugte sich zu Jan hinüber. »Du kennst die Menschen nicht! Noch nicht. Du wirst sie kennenlernen.«

Entscheidungen

London, Mai 1744

Das Gebäude sah aus wie eine riesige, reich dekorierte Hutschachtel. Berühmte Künstler hatten es gemalt, mehrfach sogar, nicht weil es so schön war, sondern weil es wichtig war. Als Jan kam, war schon viel Betrieb. Die Kapelle spielte – keine Tanzmusik natürlich – zu Ranelagh ging man nicht um zu tanzen, sondern um Leute zu treffen.

William Augustus war schon da; ein anderer junger Mann redete auf ihn ein.

»Unsinn«, sagte William Augustus gerade. »Die paar Pfund kann ich dir auch nächste Woche noch geben. Und merk dir eines: Wenn du etwa versuchen solltest ... Ah, Jan! Gut, dass du kommst! George, darf ich euch miteinander bekannt machen? Das ist Jan Asmussen.«

»Milton, angenehm«, murmelte der Mann. »Übrigens, wenn du Lust hast ... Ich habe gehört, dass am Wochenende wieder in Hockley ...«

Jan starrte den Mann an. Woher kannte er ihn? Er war sich sicher, ihn schon mal irgendwo gesehen hatte.

Cumberland unterbrach ihn. »Nein, George, tut mir leid: Ich werde nicht mit dir nach Hockley-in-the-Hole gehen. Ich habe etwas Besseres vor. – Entschuldige mich bitte!«

»Oh! – Ja, dann ...« George Milton wandte sich ab.

Und jetzt fiel es Jan ein. Ganz kurz nur hatte er ihn gesehen, ihn und William Augustus, dann hatte er die Tür der Scheune schnell wieder zugemacht.

»Einige Leute sind wirklich hartnäckig! Und dieser Milton ... Manchmal ist er ja ganz witzig, aber wenn man längere Zeit mit ihm zusammen ist, kann er einem ganz schön auf die Nerven gehen.« William Augustus lachte. Dabei warf er Jan einen forschenden Blick zu. Hatte sein Freund den Mann wiedererkannt? Möglich. Aber war das noch wichtig? »Hast du dich entschieden?«, fragte er beiläufig.

Jan nickte. »Ja, ich werde die Stelle annehmen.«

Das war gut.

Jan sah hinüber zum Tisch des Königs. Da saß er nun, ihr oberster Herr, im Kreise seiner Höflinge. George II, von Gottes Gnaden, König von Großbritannien, Frankreich und Irland, Verteidiger des Glaubens – so lautete sein offizieller Titel. Dabei besaß er kein Stück von Frankreich, außer den Kanalinseln. Er galt als launisch und jähzornig, aber Jan gegenüber hatte er dies nie gezeigt. Trotz seiner niedrigen Stellung hatte er als Sohn des Lehrers immer irgendwie mit zum Haushalt gehört.

Bis zur Schlacht von Dettingen jedenfalls. Jans Arm schmerzte noch immer. Fast ein Jahr war es jetzt her. Es war ein komplizierter Bruch gewesen, aber natürlich hatten die Feldscher im Lazarett Wichtigeres zu tun gehabt, als sich groß um den lächerlichen Armbruch eines Zivilisten zu kümmern.

Dettingen. Ein mörderisches Gemetzel. Siebentausend Tote und Verwundete hatte es gegeben. Die Pragmatische Armee, ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Engländern, Holländern und Deutschen, hatte gesiegt, der König hatte gesiegt, und William Augustus hatte gesiegt, auch wenn er einen Schuss ins Bein abbekommen hatte. Jan hatte allerdings nicht gesiegt, sondern verloren. Sein Vater war zu Beginn der Schlacht beim Umsturz ihres Wagens umgekommen, und er selbst hatte damit seine Position und Stellung am Hofe eingebüßt. Seit knapp einem Jahr war er nur noch der Sohn des toten Lehrers, er wurde nicht mehr gebraucht. Aber er konnte nicht klagen. Viele waren schlechter dran als er.

»Was macht dein Bein?«, fragte er.

»Danke, es geht schon.«

»Du wirkst bedrückt«, fand Jan.

»Nein, das täuscht«, log Cumberland. Selbst wenn das Problem mit Jan gelöst schien, blieb noch genug Ärger. Auch Milton musste natürlich weg. Der vor allem.

Aber was ihm am meisten Sorge bereitete, war das Problem der Thronfolge. Die heutige Unterredung mit seinem Vater war ergebnislos geblieben. Lob und Preis natürlich, aber das kannte er schon, das waren nur Floskeln. Da war er nun der Lieblingssohn des Königs von England, aber es half alles nichts; mochte der Vater seinen Bruder noch so sehr schmähen und verachten, Frederick war der Erstgeborene, 14 Jahre älter als William Augustus, und wenn nicht ein Wunder geschah, würde Frederick der nächste König von England sein.

Dabei bestand kein Zweifel, dass er, William Augustus, der bessere Führer war. Er hatte seine Fähigkeiten in Dettingen unter Beweis gestellt, und obwohl er einer der jüngsten Offiziere war, hatten die älteren, erfahreneren Kollegen seine Fähigkeiten neidlos anerkennen müssen. Oder vielleicht auch neidvoll, das war ihm egal.

Für ihn, William Augustus, gab es nur einen Weg. Er musste auf militärischem Gebiet glänzen. Das beherrschte er am besten, das war für England von ungeheurer Wichtigkeit, und auf dem Gebiet konnte ihm Frederick nicht das Wasser reichen. Wenn es ihm gelänge, als Heerführer den Krieg gegen Frankreich siegreich zu beenden, würde England geradezu gezwungen sein, ihm entsprechende Anerkennung zu zollen. Und für einen solchen Sieg gab es nur einen angemessenen Lohn: die Thronfolge.

Sollte Frederick doch Kurfürst von Hannover werden. Oder gar König von Hannover, das war egal. Der Hof in Hannover war die geeignete Spielwiese für Kunstfreunde, und das Militär spielte für den nur mittelgroßen deutschen Staat keine Rolle. Dort wäre Frederick der richtige Mann am richtigen Platz. Dort konnte er nicht viel Schaden anrichten.

Jan sah William Augustus an: »Du träumst!«

»Ja, in der Tat, ich habe einen Moment lang geträumt. – Ich glaube, das weißt du noch gar nicht: Ich werde nächsten Monat meinen Dienst wieder antreten.«

»Nach Flandern?«

William Augustus nickte. »Ich werde das Oberkommando übernehmen. Mit 23 Jahren!«

»Das ist gut.« Jan konnte nicht verhindern, dass seine Stimme bedrückt klang. Mehr als zehn Jahre hatten sie zusammen verbracht, waren zusammen aufgewachsen, Freunde gewesen, und dies war nun die Trennung für immer. Aber William Augustus würde sicher ein hervorragender Heerführer werden.

Kaltblütig war er, auch unter Beschuss, und er wusste, dass er damit einen guten Eindruck gemacht hatte. Er benahm sich so tapfer wie nur möglich, hatte einer seiner Kameraden berichtet. Er gab seine Befehle in völliger Ruhe und schien gänzlich unbesorgt.

William Augustus würde Männern befehlen, die ihr ganzes Leben lang Soldat gewesen waren, Männern, die mehr als doppelt so alt waren wie er selbst, aber das schreckte ihn nicht.

»Ich kann das«, sagte Cumberland.

2.

Ich glaube, dass der Mensch (außer aus Haut, Fleisch, Knochen und derartigen Dingen, die dem bloßen Auge sichtbar sind) sich aus einem Gefüge verschiedener Begierden zusammensetzt, von denen jede einzelne, wenn sie entsprechend provoziert wird, die Oberhand gewinnen und sein Handeln bestimmen kann, ob er will oder nicht. Zu zeigen, dass diese Eigenschaften, von denen wir alle vorgeben, uns ihrer zu schämen, in Wahrheit das Grundgerüst einer blühenden Gesellschaft darstellen, ist mein Anliegen ...

»Dieses Buch kann ich dir nicht empfehlen!«, sagte MacPherson.

Jan erschrak. Er hatte den Buchhändler nicht kommen hören. »Ich will es mir nicht kaufen«, sagte er. »Ich habe davon gehört, und ich wollte einfach nur einen Blick hineinwerfen.«

»Die Bienenfabel. – Ich vermute, es ist einer deiner Freunde vom Königshof, der davon gesprochen hat?«

»Ja.« William hatte das Buch erwähnt.

»Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Sie alle entrüsten sich über dieses Buch, und doch leben sie genau so, wie es de Mandeville beschreibt.«

William Augustus hatte sich nicht entrüstet. »Sie kennen sich aus«, sagte Jan.

»Am Hofe? Nein, nicht wirklich. Nur was die Bücher angeht, da habe ich einen gewissen Überblick. Das bleibt nicht aus, wenn man königlicher Hofbuchhändler ist. – Was führt dich zu mir?«

»Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden.«

»Oh.«

Der Abschied tat Jan weh. Wenn ihn etwas in London fasziniert hatte, dann waren es die grenzenlosen Möglichkeiten, sich zu bilden. Bücher ohne Ende. Nicht dass er sich viele davon kaufen konnte, aber die Möglichkeit, sie anzusehen, darin zu blättern und zu lesen. Schon als Kind hatte er viele Stunden im Buchladen zugebracht. MacPherson wusste, dass er die Bücher nicht beschädigte. Er hatte ihn darin blättern lassen, so viel er wollte.

»Ich werde als Lehrer nach Schottland gehen«, sagte Jan.

»Nach Schottland? – Das ist gut, wir brauchen Lehrer in Schottland.«

Wir hatte er gesagt. Jan wurde bewusst, dass Mac-Pherson ja Schotte war. Einer von vielen Schotten in London. »Ich gehe auf die Isle of Skye, nach Dunvegan.«

»Nach Dunvegan? Zu Normand MacLeod? Dem Abgeordneten? Den kenne ich, der kauft seine Bücher auch bei mir. – Und du gehst, um die Tochter zu unterrichten, nehme ich an. Der Sohn ist ja schon erwachsen und wohnt nicht mehr zu Hause. Aber die Kleine – wie hieß sie doch noch gleich?«

»Lucinda«, sagte Jan.

»Richtig, Lucy.«

»Ich hoffe, dass ich es kann«, sagte er. »Ich meine – ich habe ja keine richtige Ausbildung. Und es steht nicht fest, dass der Sohn des Lehrers auch wieder ein guter Lehrer wird.«

»Ich bin überzeugt, dass du es kannst«, sagte Mac-Pherson. »Und – ach, entschuldige mich einen Augenblick!«

Zwei Männer waren in den Laden gekommen. Der eine hatte offenbar eine Liste von Büchern mitgebracht, die er MacPherson vorlegte. Der andere sah einen Augenblick lang zu, wie der Buchhändler daran ging, die entsprechenden Bände zu holen; dann ging er in den hinteren Teil des Ladens und sah sich um.

Jan stellte die Bienenfabel zurück in das Regal. Der Mann stand jetzt plötzlich neben ihm, räusperte sich. Jan blickte auf.

»Herr Asmussen?«

Jan nickte. Den Mann kannte er nicht.

»Schöne Grüße von Tweeddale«, sagte er. Er überreichte Jan einen Umschlag.

»Danke.« Jan wollte das Kuvert aufreißen, aber der Mann hielt ihn zurück. »Nicht hier, nicht jetzt.«

Jan steckte den Umschlag ein. Der Mann wandte sich wortlos ab, so als habe diese Begegnung niemals stattgefunden. Jan war verblüfft über die Heimlichtuerei. Das Ganze wirkte lächerlich.

Der Mann kehrte zu seinem Kollegen zurück, und die beiden sahen zu, wie MacPherson Verlagsverzeichnisse studierte. Offenbar waren nicht alle gewünschten Bücher vorrätig. Jan zog sich hinter ein Regal zurück, so dass man ihn vom Eingang nicht sehen konnte, und öffnete den Umschlag.

Er enthielt vierzig Pfund, einen Brief des Lairds von Dunvegan und ein Schriftstück, das die Buchung seiner Schiffspassage nach Edinburgh bestätigte. Er sollte sich bis 18 Uhr an Bord einfinden. Heute bis 18 Uhr! Jan erschrak. Das ging nicht. Das heißt, das ging schon, natürlich, er hatte ja nicht viel zu packen, er besaß ja fast nichts, aber – da musste er ja sofort los, konnte sich nicht einmal mehr von William Augustus verabschieden. Jan steckte den Brief ein, wollte den Mann ansprechen, nachfragen, doch die beiden Herren waren inzwischen verschwunden.

»Wer war das?«, fragte Jan.

»Die beiden Männer? Der eine, der die Bücher gekauft hat, das war Fawkener. Die rechte Hand des Duke of Cumberland sozusagen. Den anderen kenne ich nicht. – Wieso fragst du?«

»Ach, nichts. Ich hatte gedacht ...«

»Dass du ihn kennst? Unwahrscheinlich. Fawkener tritt öffentlich kaum in Erscheinung. Aber er liest viel.«

»Ein guter Kunde«, stellte Jan fest.

»Ach«, sagte MacPherson, »nette Kunden sind mir lieber!«

Jan wurde rot. Es war klar, dass der Buchhändler ihn damit meinte.

»Was nun die Bienenfabel angeht«, sagte er, »so bin ich nicht der Meinung des Autors. Ich glaube vielmehr, dass die Bildung das Grundgerüst unserer modernen Gesellschaft ist. Noch nie haben die Menschen so viel gewusst wie heute. Noch nie ging es ihnen so gut.«

»Ja«, sagte Jan. Die vierzig Pfund fielen ihm ein, die er in der Tasche hatte. Er war jetzt ein reicher Mann.

In Schottland

Schottland, Juni 1744

Jan war in Schottland. Die ersten 160 Meilen lagen hinter ihm. MacPherson hatte ihn gewarnt. Das schottische Hochland sei schroff und gefährlich, und selbst er als Schotte – er stammte aus Edinburgh – würde sich nicht in die Berge trauen, ohne vorher sein Testament gemacht zu haben. Ein Scherz, hatte Jan gedacht. Inzwischen war er sich nicht mehr so sicher.

Jetzt,wo er Inverness verlassen und sich auf den Weg nach Westen begeben hatte, schien es ihm, er habe einen Sprung rückwärts in der Geschichte gemacht. Die Behausungen wirkten ärmlich, die Bewohner starrten ihn verwundert an. Das enge Tal bot wenig Raum für Acker oder Weideland. Wenn der Himmel von finsteren Wolken verhangen war, rückten die Berge näher heran, und Jan fühlte sich beengt und begrenzt in seiner Freiheit.

Jan wollte diese trostlose Gegend so wie möglich durchwandern. Er ging, so lange es hell war, und er war froh, als er schließlich bei Dunkelwerden eine Art Gasthaus erreichte, aus dem fröhliche Musik erschallte.

»Was ist denn hier los?«, fragte Jan, nachdem er sich mit Mühe einen Weg in das Innere der Herberge gebahnt hatte. »Eine Hochzeit?«

Der Mann, an den er sich gewandt hatte, schüttelte den Kopf. »Eine Beerdigung.«

Jan zog die Augenbrauen hoch. In der Tat gewahrte er jetzt, dass mitten im Saal der Leichnam eines Mannes aufgebahrt war. »Das ist der Wirt.«

»Ich will nicht stören«, murmelte Jan.

Der andere hielt ihn am Ärmel fest. »Sie sind nicht von hier, was?«

Jan schüttelte den Kopf.

»So machen wir das hier im Norden. Wenn einer stirbt, kommen alle Freunde zu Besuch, und die Nacht nach dem Tode wird durchgetanzt. Das da ist übrigens die Witwe.«

Jan sah zu seiner Verwunderung, dass die Witwe an dem bunten Treiben beteiligt war. »Sie tanzt mit?«, fragte er.

»Muss sie doch«, sagte der Mann. »Die Witwe führt den ersten Tanz an. Und dann wird die ganze Nacht durch gelacht und gesungen und gesoffen. Wenn du hier über Nacht bleiben willst, wirst du nicht viel Ruhe finden!«

»Wo ist der Schlafsaal?«, fragte Jan. Er war todmüde und konnte nicht mehr weiter.

»Dies ist der Schlafsaal!«, sagte der Mann. Und, als er Jans entgeistertes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Du kannst es ja im Pferdestall versuchen. Nicht sehr bequem, aber deutlich ruhiger.«

Jan schlief fest und gut. Nur zweimal wurde er gestört. Das erste Mal, als ein kicherndes junges Pärchen über ihn stolperte, und das zweite Mal, als jemand unmittelbar neben ihm ins Stroh kotzte.

Bei Sonnenaufgang wurde Jan wach und begab sich in die Gaststube. Der Leichnam lag noch immer dort. Männer und Frauen schliefen auf den Bänken und auf dem Fußboden. Es war erstaunlich kalt im Raum. Das Torffeuer war ausgegangen. Jan fror.

»Ich habe das gewusst, dass das so kommen musste«, sagte einer, der schon zu früher Stunde ein Glas Whisky vor sich stehen hatte.

»Ist er krank gewesen, der Wirt?«, fragte Jan.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich hab es gesehen.«

»Gesehen?«

»Ich war draußen auf dem Feld, wollte nachgucken, ob die Kartoffeln schon raus sind, aber zu früh natürlich. Jedenfalls – da habe ich es vor mir gesehen, ganz deutlich. Das Gasthaus, die Bahre, den mit Blumen geschmückten Leichnam.«

»Wann haben Sie das gesehen?«, fragte Jan.

Der Mann zuckte mit den Schultern. »Vor zwei, drei Tagen vielleicht.«

Er wird gemerkt haben, dass der Mann krank ist, und sich den Rest ausgemalt haben, dachte Jan. Er wusste, dass einem die Fantasie üble Streiche spielen konnte – schon gar, wenn Whisky im Spiel war.

»Das zweite Gesicht«, sagte der Mann. »Ich hab das zweite Gesicht. Sehe Dinge im Voraus, und dann passieren sie. – Sie glauben nicht an soetwas, was? Das sehe ich Ihnen an, Sie kommen aus Edinburgh oder aus London, was weiß ich. Aber es ist so, das können Sie mir glauben.«

Jan nickte. Keinen Streit anfangen, dachte er.

»Es ist so«, wiederholte der Mann.

Einen Augenblick lang saßen sie sich schweigend gegenüber. Dann sagte der Mann: »Da ist noch etwas, was ich weiß.« Er wies mit dem Zeigefinger auf Jan. »Über dich!«

Aber Jan war nicht scharf darauf, irgendeine unheimliche Prophezeiung über sein zukünftiges Leben zu erfahren.

3.

Fünf Tage später setzte Jan früh morgens mit dem Segler von Lochalsh nach Skye über. Aber noch hatte er sein Ziel nicht erreicht. Es dauerte bis zum späten Nachmittag des folgenden Tages, bis Jan am westlichen Rand der Hochfläche angelangt war und nun plötzlich das Schloss vor sich sah. Dunvegan Castle. Keiner dieser dunklen, altertümlichen Wehrtürme, sondern ein richtiges Schloss. Von der Landseite her gab es keinen Zugang; Jan musste um die Burg herum, passierte den von einer Steinmauer umgebenen großen Garten, einen der wenigen Plätze auf Skye, an dem Bäume wuchsen, und erreichte schließlich die Landzunge, von der er zur Burg hinüber rudern musste. Alles war genau so, wie der Laird es ihm in seinem Brief beschrieben hatte. Allein das Boot lag auf der anderen Seite, für Jan unerreichbar. Er fragte sich, ob er rufen sollte, bis er schließlich eine Glocke entdeckte, die am Ast eines großen Baumes befestigt war.

Jan läutete. Wenig später öffnete sich auf der anderen Seite das Tor, und ein großer Mann trat heraus, gekleidet wie ein Engländer. Er mochte vielleicht vierzig Jahre alt sein.

»Bin ich hier richtig bei Laird MacLeod?«, fragte Jan. Er kam sich dumm vor; es war offensichtlich, dass er in Dunvegan angekommen war.

Der Laird lachte. »Sie müssen Jan Asmussen sein!«

Er machte das Boot los und ruderte die paar Schläge, die nötig waren, um den Burggraben zu überqueren, der hier in das Meer mündete.

»Herzlich willkommen! Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.«

Jan bejahte dies. Er stieg in das Boot, und während der Laird wieder die Ruder ergriff, sah Jan, dass inzwischen in der Pforte ein junges Mädchen erschienen war.

»Ist das die junge Dame?«

Der Laird sah sich um. »Ja, das ist Lucy.«

Sie wirkte jünger als ihre 17 Jahre – wahrscheinlich, weil sie weder Schminke noch Puder benutzte. Womöglich auch kein Parfüm. Vermutlich stank sie also. Jedenfalls war sie keine dieser steifen Prinzessinnen und Hofdamen, die er aus London kannte. Sie wirkte fröhlich und ungezwungen. Sein erster Eindruck: Sie würden miteinander auskommen.

4.

»Sie werden im Fairy Tower schlafen«, sagte der Laird, »wenn Sie nichts dagegen haben. Ich hoffe, die vielen Stufen machen Ihnen nichts aus.«

»Nein, natürlich nicht.«

»Aber es spukt dort oben«, gab Lucy zu bedenken. »Nicht umsonst heißt der Turm Elfenturm!« Ein Blick in ihr Gesicht verriet, dass sie gewiss nicht an Gespenster glaubte. »Und ich weiß nicht, ob Elfen im Schlafzimmer des Lehrers wirklich angemessen sind.«

»Eher akzeptabel jedenfalls als Mädchen aus Fleisch und Blut«, brummte Normand MacLeod.

Lucy schwieg. Der Turm, ein typischer alter schottischer Wehrturm, lag an der Südostecke der Burg. Er hatte vier Stockwerke, und in jedem gab es ein kleines Zimmer. Der Raum, der für Jan vorgesehen war, lag im obersten Stockwerk.

»So, da wären wir.«

Waren die Stufen der schmalen Wendeltreppe auch alt und ausgetreten, so fand Jan das Turmzimmer jedenfalls modern eingerichtet. Es hatte richtige Fenster mit Glasscheiben, nicht nur Schießscharten, wie sie früher üblich gewesen waren. Von hier oben hatte man einen herrlichen Blick über den Meeresarm des Loch Dunvegan mit seinen Inseln. Es gab einen Kamin, einen großen Bücherschrank, viel zu groß für die drei Bücher, die Jan mitgebracht hatte, und es gab ein herrliches Bett.

Der Laird hatte Jans Blick richtig gedeutet. »Hier werden Sie nicht auf Stroh oder auf Heidekraut schlafen müssen«, sagte er. »Für den gewöhnlichen Highlander mag das angehen, er wickelt sich in seinen Plaid und merkt nicht, worauf er liegt. Aber für uns, die wir uns an die angenehmen Seiten des Lebens gewöhnt haben, ist richtige Bettwäsche aus Leinen und eine gut mit Daunen gefüllte Decke nicht mehr wegzudenken.«

»Das ist wahr«, sagte Jan. In London hatte er noch geglaubt, das ländliche Leben würde ihm nichts ausmachen, aber auf der Reise durch das Hochland hatte er sich doch in manch unbequemer Nacht nach einem richtigen Bett gesehnt.

Am Abend saßen sie auf der Terrasse. Lucy hatte Jan das ganze Schloss gezeigt. Es war nicht so groß, wie es von außen wirkte. Die Wirtschaftsräume und der Flügel, in dem die Bediensteten wohnten nahmen einen erheblichen Teil in Anspruch. Hinzu kam, dass die Burg auf einen Fels gebaut war und daher hoch über ihre Umgebung hinaus ragte.

»Schön, dass Sie gekommen sind«, sagte der Laird. »Es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der bereit ist, zu uns in die schottische Einsamkeit zu ziehen. Und dann noch mit so guten Zeugnissen!«

Jan wurde rot. Er hatte nicht gewusst, dass falsche Zeugnisse für ihn ausgestellt worden waren. »Ich freue mich, dass ich hier bin«, sagte er.

»Ich hatte schon befürchtet, ich müsste Lucy nach Edinburgh schicken.«

»Ich wäre nicht gegangen«, sagte Lucy. »Hold fast! Das ist unser Motto!«

Jan hatte das Bild mit dem Stier und dem Schriftzug in der Eingangshalle wohl bemerkt.

»Ja«, sagte der Laird, »das stammt noch aus alter Zeit, als viel gekämpft und gestritten wurde. Vieles, was Sie hier im Schloss sehen, sind Überreste von früher. Alles Geschichte. Heute haben die Anführer der Clans das Schwert mit dem Parlamentssitz vertauscht, aber unser Einfluss ist dadurch nicht kleiner geworden.«

»Nicht alle teilen diese Ansicht«, sagte Lucy.

»Nein, nicht alle. Aber die wichtigsten. Hier auf Skye gehört fast alles Land den MacLeods und den MacDonalds. Und Alexander MacDonald und ich, wir sind beide Vertreter des Fortschritts. Die kleineren Clans, also die MacKinnons im Südosten und die anderen MacLeods auf unserer Nachbarinsel Raasay, die mögen glauben, dass alles so weitergeht wie früher, aber das ist natürlich falsch. Das Vereinigte Königreich befindet sich in einer Phase starker Veränderung. Die Aufklärung hat die Engstirnigkeit der Vergangenheit verdrängt, und wir sind auf dem Weg in eine Zukunft die von Wohlstand, Frieden und Freiheit gekennzeichnet sein wird.«

»Du bist hier nicht im Parlament, Papa!« Lucy lachte.

»Das mag zwar wie eine Parlamentsrede klingen, aber das meine ich auch so. Und Hold fast! ist der falsche Wappenspruch für uns. Am liebsten würde ich ihn ändern in Let go, Lass los!«

»Das gefällt mir«, sagte Jan.

»Sehr gut. Der junge König von Preußen hat ein Buch geschrieben, das wie kein anderes die Abkehr von den alten Verhältnissen widerspiegelt. Den Anti-Machiavel. Kennen Sie das?«

»Ich habe es gelesen.«

»Als das herausgekommen ist«, sagte der Laird an Lucy gewandt, »im Frühjahr 1740 ist das gewesen, da haben wir es verschlungen und im Parlament darüber diskutiert. Wir waren begeistert. Endlich hat einmal jemand geschrieben, worauf es in der Politik ankommt. Und nicht irgendein entlegener Dichter oder Philosoph, nein, ein Prinz, der wenig später selbst König geworden ist. Sinngemäß schreibt er: ein Fürst der heutigen Zeit hat die Pflicht, die Menschlichkeit gegen alle Anfeindungen zu verteidigen. Das bedeutet: Keine Kriege mehr! – Jedenfalls haben wir das damals so verstanden.«

»Aber John ist bisher nicht arbeitslos geworden«, sagte Lucy.

»Nein, so schnell wird das wohl nicht gehen«, gab Normand MacLeod zu. »Ihr großer Bruder hat die Offizierslaufbahn eingeschlagen. Er ist in London. Und noch brauchen wir das Militär, noch gibt es Kriege. Wir sind ja sogar jetzt im Krieg, auch wenn man hier nicht viel davon merkt. Und Friedrich II., der Preußenkönig, hat ja inzwischen auch einen Krieg angefangen. Nicht einmal ein Jahr, nachdem sein Buch erschienen ist.«

Am nächsten Tag begann der Unterricht. Er verlief völlig anders, als Jan ihn sich vorgestellt hatte. Von seinem Vater war er es gewohnt, dass der Lehrer redete und der Schüler zuhörte – ganz gleich, ob das nun nur der Sohn des Lehrers war oder der Duke of Cumberland. Aber Lucy dachte nicht daran, sich auf die Rolle der Zuhörerin zu beschränken. Und sie wollte ihren Spaß haben.

»Im Deutschen geht alles durcheinander«, sagte sie. »Wozu gibt es männliche, weibliche und sächliche Wörter, wenn niemand sich an diese Einteilung hält? Warum ist das Weib sächlich, der Wurm männlich und die Schildwache weiblich?« Sie sah Jan in komischer Verzweiflung an.

»Es ist nicht so regellos, wie du denkst«, sagte Jan. Jetzt kamen ihm die Aufzeichnungen seines Vaters zugute. »Lassen Sie uns die Sache ganz systematisch angehen. Es gibt bestimmte Regeln. Da sind zunächst einmal die Dinge, die männlich sind. Dazu gehören die Wochentage, die Monate, die Berge, die Steine, die Jahreszeiten, die Winde ...«

»Warum kommen die Männer immer zuerst?«

»Das weiß ich nicht. Aber eine weitere Regel besagt, dass man seinem Lehrer nicht ins Wort fallen soll.«

»Ich mag keine Regeln.«

»In der Sprache kommt man ohne sie nicht aus.«

»Also – wie war das? Der Montag, der Juli, der Granit, der Winter, der – der Föhn? Heißt es so?«

Jan nickte.

»Und der Zugspitze.«

»Das ist eine Ausnahme. Die Zugspitze ist weiblich. Aber der Ben Nevis, der MacLeod’s Table ...«

»Ausnahmen sollte es nicht geben!«

»Es sind ja nur wenige. – Außerdem sind alle Hauptwörter männlich, die auf -en, -ich, -ig und -ing enden. Also zum Beispiel der Jüngling, der König, der Teppich und der Garten.«

»Der Garten. – Sollten wir nicht lieber nach draußen gehen? Jetzt ist Sommer, jetzt scheint die Sonne, aber schon bald beginnt wieder der lange, kalte Winter ...«

Jan war sich nicht sicher, ob der Laird nicht eigentlich von ihm erwartete, dass er den Unterricht im Haus erteilte. Aber solange es um mündliche Übungen ging, gab es keinen Grund, diese im Inneren des Schlosses abzuhalten.

»Gut«, sagte er. »Kommen Sie.«

Lucy sprang auf.

»Die Treppe«, sagte Jan. »Hauptwörter auf -e sind in der Regel weiblich.«

»Das Auge«, konterte Lucy.

»Ich weiß auf Anhieb nur drei Ausnahmen. Das Auge, das Ende, und außerdem alle Hauptwörter auf -e, die sich direkt auf einen Mann beziehen. Also zum Beispiel der Bote, der Erbe.«

»Da bleibt ja nicht viel übrig!«

»Oh doch, natürlich. Die Eiche, die Tasse, die Tapete, die Blume, die Wärme, die Lampe – es gibt sehr viele Hauptwörter, die auf -e enden.«

»Die Liebe«, sagte Lucy. Sie reichte Jan die Hand, dass er ihr ins Boot helfen sollte.

»Ja, die Liebe auch.« Das war das falsche Thema. Jan nahm ihre Hand nicht. Er stieg allein in das Boot und griff nach den Rudern.

»Es ist schön, mit Ihnen zu lernen«, sagte Lucy.

Jan lächelte. Es ist eine Herausforderung, dachte er. Eine angenehme Herausforderung.

»Der letzte Lehrer, den ich hatte, der hat im Unterricht immer nur mit der Bibel gearbeitet. Das sind so komplizierte Texte, voller Symbolik und altertümlicher Sprache, mit denen man im wirklichen Leben gar nichts anfangen kann.«

»Das Ziel sollte es sein, dass Sie am Ende in der Lage sind, sich auf Deutsch zu unterhalten – und das nicht nur mit Pastoren!«

Lucy lachte. »Das sehen nicht alle Lehrer so. Ich weiß, dass bei uns in der Schule, die mein Vater für die Kinder aus dem Dorf eingerichtet hat, auch das Lernen der biblischen Texte an erster Stelle steht. Zweimal in der Woche werden die Kinder abgefragt, und wer seinen Text nicht weiß, der kriegt Prügel.«

»Aber Ihr Lehrer hat Sie vermutlich nicht verprügelt?«

»Das hätte er wohl gern, aber er hat sich nicht getraut.«

Jan nickte. Er vermutete, dass Lucy ihm die Arbeit nicht leicht gemacht hatte. Sie stank übrigens nicht. Sie musste sich wesentlich häufiger waschen als die Prinzessinnen in London.

5.

Steine. Aus London kannte Jan kein festes Gestein. Auf seiner Wanderung durch Schottland hatte er zwar genug davon sehen können, aber es fehlte ihm an Zeit, die Felsen näher zu betrachten. Nun war er auf Skye, am Ziel, und – wie er schon gedacht hatte – die Insel bestand fast ausschließlich aus festem Fels. Dem Material, aus dem die Erde bestand. Viel hatte er über die Steine gelesen, nun konnte er sie selbst erforschen.

Der Strand bei Dunvegan enttäuschte ihn. Das Land fiel hier sanft in Richtung Meer ab, und von den Felsen des Untergrundes konnte man nur wenig erkennen. Das Geröll, von dem Jan annahm, dass die Wellen es im Laufe der Jahre aus dem Fels herausgebrochen hatten, bestand ganz überwiegend aus einem schwärzlichgrauen Material, und es enthielt nichts von den geheimnisvollen Mineralen und Petrefakten, von denen er in den Büchern bei MacPherson gelesen hatte.

Auf dem Weg nach Dunvegan war Jan jedoch an interessanteren Orten vorbeigekommen, und bei Portree hatte er große Steilufer gesehen, die, wie es ihm schien, fast senkrecht zum Meer hin abfielen. Diese wollte er jetzt an seinem ersten freien Tag aufsuchen. Jan wusste, dass er einen weiten Weg vor sich hatte; er war im Morgengrauen aufgebrochen. Es war ein sonniger Tag, und Jan erkannte schon bald, dass er sich für die Wanderung zu warm angezogen hatte.

Auch die Perücke war lästig. Jan fragte sich, ob er nicht seine Haare lang wachsen lassen sollte, wie die meisten Schotten es taten. Andererseits trugen sowohl der Laird als auch der Herr Pastor, den Jan inzwischen kennengelernt hatte, Perücken. Der Doktor nicht. Aber den hatte er bis jetzt kaum gesehen.

Die erste Woche war wie im Flug vergangen. Der Unterricht bereitete ihm keine Mühe. Lucy konnte besser Deutsch, als er vermutet hatte, und das größte Problem war nicht die Grammatik, über die das Mädchen sich ein ums andere Mal aufregen konnte, sondern die Aussprache. Jan verwandte daher viel Zeit darauf, sich mit Lucy auf Deutsch zu unterhalten, und er bildete sich ein, dass schon nach dieser einen Woche Fortschritte erkennbar waren.

Der Unterricht brachte es mit sich, dass er auch mehr und mehr über Lucy und ihre Familie erfuhr. Jan hatte vermutet, dass Lucy hier auf Skye aufgewachsen sei, aber das stimmte nicht. Sie war auf Castle Leod in Rossshire groß geworden und erst vor wenigen Jahren mit ihren Eltern hierher gezogen. Die Mutter war vor gut einem Jahr gestorben. Und da Normand MacLeod als Abgeordneter viel Zeit in London zubrachte, war Lucy oft allein zu Hause.

Jan hatte gefragt, wie ihr Skye gefalle. Er hatte vermutet, dass sie lieber in Castle Leod geblieben wäre; das war keine 15 Meilen von Inverness entfernt, der Hauptstadt der Highlands, während Dunvegan bei aller Schönheit der Landschaft doch ziemlich einsam lag. Nein, Lucy zog Dunvegan vor. Auf Castle Leod gab es zu viele Tanten, die alle in ihre Erziehung reinreden wollten, während sie hier auf Skye weitgehend sich selbst überlassen war.

Das war ein Problem. So lustig es sein mochte, ein so wildes Mädchen zu unterrichten, sie würde doch später Schwierigkeiten haben, einen geeigneten Partner fürs Leben zu finden. Denn eigenständiges Denken und Handeln von Frauen wurde im Umkreis des Hofes jedenfalls nicht geschätzt.

Von Portree aus wandte sich Jan nach Norden. Er ging am Strand entlang. Nachdem er ein größeres Geröllfeld hinter sich gelassen hatte, kam er in ein Gebiet, in dem der Boden aus den großen, flach geneigten Sandsteintafeln bestand, die von zahlreichen Klüften durchzogen waren und zum Meer hin wie die Stufen einer Treppe abfielen.

Nicht das ganze Steilufer bestand aus Sandstein. In größerer Höhe gewahrte Jan eine Art Decke aus gewaltigen sechskantigen Säulen, von der er annahm, dass es sich um Basalt handelte. Jan hätte sich dieses Gestein gern aus der Nähe angesehen, aber der Aufstieg war schwierig, und er beschloss, dieses Abenteuer auf später zu verschieben. Er setzte sich auf eine der Felsstufen und verzehrte sein Mittagsbrot. Vor ihm, jenseits des Wassers, lag die Nachbarinsel Raasay im Sonnenlicht.

Der Stein, auf dem er saß, war über und über mit Seepocken bedeckt, und dort, wo Klüfte ihn durchzogen, hatten sich Miesmuscheln angesiedelt. Am Fuß der Gesteinsstufe lagen einige faust- bis kopfgroße Gerölle. Jan drehte eines davon um und entdeckte, dass in diesem Stein eine Muschel saß. Keine der blauschwarzen Miesmuscheln, die an der Oberfläche der Sandsteine siedelten, auch keine Seepocke, sondern ein völlig anderes Tier, und es saß nicht auf dem Stein, sondern im Stein. Ein Petrefakt.

Jan hätte nicht in die Kneipe gehen sollen. Einen Schluck Bier nach der heißen Wanderung am Nachmittag, so hatte er sich das vorgestellt. Aber kaum hatte er die Tür zur Gaststube hinter sich geschlossen und sich an die Dunkelheit gewöhnt, da sah er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Jan war in London in den unglaublichsten Lokalen gewesen, zusammen mit William Augustus zumeist, aber nirgendwo hatte er sich spontan so unwillkommen gefühlt wie hier.

Der enge Raum war gut besucht. Einen Augenblick verstummte die laute Unterhaltung; dann nahmen die Leute ihre Gespräche wieder auf.

»Für mich bitte ein Bier«, rief Jan.

Hatte die Frau hinter dem Tresen ihn nun gehört oder nicht? Jedenfalls würdigte sie ihn keines Blickes. Sollte er einfach wieder gehen? Nein, das kam nicht in Frage.

»Ein Bier bitte!«, wiederholte er, jetzt etwas lauter.

»Ja doch!«

Es dauerte eine Weile, aber schließlich schob die Frau ihm einen Krug mit dunklem Bier hin. Auch der Krug war dunkel. Von Schmutz? Das ließ sich in der düsteren Gaststube nicht ausmachen.

»Prost auf die kleinen Herrschaften in schwarzem Samt!«, rief einer der Männer.

»Sie sollen hoch leben!«, riefen die anderen.

Jan wusste nicht, wovon die Rede war. Sie starrten ihn an.

»Slàinte!«, sagte er. Alle lachten. Ein Mann mit einer auffälligen Narbe über dem Auge drängte sich an ihn her an, fasste ihn bei der Schulter. »Junger Freund ...«, sagte er. Da öffnete sich die Tür.

»Oh, der Herr Doktor!«, rief jemand. Es klang wie eine Warnung an die anderen.

Der Mann mit der Narbe ließ Jan los und starrte den Neuankömmling an. Der Doktor starrte zurück, bis der andere den Blick senkte. Dann wandte er sich an Jan: »Was machen Sie denn hier? Dies ist nicht der richtige Ort, um ein Bier zu trinken.«

»Der richtige Ort schon, aber vielleicht nicht der richtige Mann!«, tönte eine Stimme aus dem Hintergrund. Die anderen lachten.

»Ich dachte, ich könnte mein Bier überall trinken«, meinte Jan. Er hatte gezahlt und stand jetzt mit dem Doktor draußen vor der Kneipe.

»Hier nicht«, sagte der Doktor. »Wir trinken nachher ein Glas beim Pastor. Sie sind natürlich herzlich dazu eingeladen.«

Beim Pastor? Wahrscheinlich würde das auf ein langweilig-frommes Geplauder hinauslaufen. »Gut, dass Sie vorbeigekommen sind,« sagte Jan.

»Ich hatte schon befürchtet, dass ich Sie hier finden würde. Dies ist ein Treffpunkt der Jakobiten. Der Unzufriedenen und Ewiggestrigen. Hat Ihnen der Laird das nicht gesagt?«

Jan schüttelte den Kopf. »Ich hatte nicht gewusst, dass es hier noch so viele Anhänger des alten Regimes gibt«, sagte er.

»So viele sind es auch gar nicht. Aber sie reichen aus, um diese Kneipe zu füllen. – Dieser Mann mit der Narbe, das ist ein übler Raufbold. Vor dem sollten Sie sich in Acht nehmen. Ich heiße übrigens Thomas. Tom also. Ich denke, wir sollten uns mit Vornamen anreden.«

»Jan«, sagte Jan.

»Ian?«, fragte der Doktor.

»Nein, wirklich Jan. Meine Eltern kommen aus Deutschland.«

»Ah«, sagte der Doktor.

»Was hat es auf sich mit den Herrschaften im schwarzen Samt?«

Der Doktor lachte. »Maulwürfe sind das. Das kannst du nicht wissen, das war vor deiner Zeit. König William, der ja den letzten Stuart auf dem englischen Thron abgelöst hatte, der ist dadurch zu Tode gekommen, dass sein Pferd in einen Maulwurfshaufen getreten ist. Das Pferd ist gestürzt, samt König, und der ist dann gestorben. – Aber den Jakobiten hat es natürlich nicht viel genützt, denn dann kam ja Queen Anne, und als die keinen Thronfolger geboren hat, kam dann schließlich das Gesetz, der Act of Settlement, der die Jakobiten und alle übrigen Katholiken für immer von der Thronfolge ausschließt.«

6.

Der Laird saß am Schreibtisch über seinen Bilanzen. Jan wollte nicht stören, aber Normand MacLeod hatte ihn schon bemerkt. »Kommen Sie ruhig«, sagte er. »Hier gibt es keine Geheimnisse. Ich bin bei der Aufstellung der Kosten für das laufende Jahr.«

Jan sah, dass die Gehälter der Angestellten deutlich unter den Beträgen lagen, die in London gezahlt wurden. Der Gärtner erhielt 5 Pfund 2 Shilling im Jahr, der Förster 5 Pfund 10 Shilling, ein Zimmermeister 12 Pfund 10 Shilling, der Schmied 2 Pfund 12 Shilling. Angestellte, die im Schloss wohnten, bekamen nur 2 Pfund pro Jahr und 4 Paar Schuhe. Jan schämte sich ein wenig, dass er den zwanzigfachen Betrag erhielt, die zusätzliche Summe vom Ministerium nicht mitgerechnet.

Der Laird sah ihm seine Verlegenheit an. »Das ist alles in Ordnung so«, sagte er. »Sie bekommen das Gehalt, das Sie verdienen. Eine Magd auf Dunvegan kriegt 12 Shilling im Jahr, die Frau, die unser Haus in Edinburgh sauber macht, dagegen 2 Shilling Sixpence pro Tag. Mehr als das Fünfzigfache«

»Das ist viel Geld«, sagte Jan.

»Das Leben ist teuer. Aber was für die Erziehung nötig ist, das wird selbstverständlich bezahlt. Und ich denke, dass die Erziehung das wert ist. Mein Sohn John ist in Edinburgh zur Schule gegangen. Das Schulgeld allein hat fast 25 Pfund gekostet. Dazu kommen natürlich Kosten für Personal und Verpflegung. Wenn man das zusammenrechnet, ist der Unterricht für Lucy hier draußen billiger und wahrscheinlich besser – und außerdem ist es das, was Lucy will.«

»Dunvegan ist ein fabelhafter Besitz. Wie ein Märchenschloss.«

»Warten Sie ab, bis der Winter kommt. Lange, dunkle Nächte, Kälte und Schnee. Und jeder Kontakt zur Außenwelt abgeschnitten.«

Jan glaubte nicht, dass ihn das erschrecken könnte. »Die Landwirtschaft lohnt sich vermutlich«, sagte er.

Der Laird lächelte. »Nicht so sehr, wie man als Außenstehender glaubt. Der Boden hier auf Skye ist zu schlecht. Wirklich viel verdienen kann man mit der Landwirtschaft heute wahrscheinlich nur noch in den Kolonien. In Amerika zum Beispiel. Ich habe immer überlegt, ob ich nicht dort investieren sollte. Aber bis jetzt habe ich mich nicht getraut.«

Jan hatte zu seiner Freude festgestellt, dass der Laird ein belesener Mann war. Er hatte es ihm freigestellt, seine Bibliothek zu benutzen, wovon er auch gern und reichlich Gebrauch machte. Der Laird besaß nicht nur eine große Zahl von Büchern, sondern er hatte auch das Gentleman’s Magazine abonniert, so dass Jan zumindest mit einigen Wochen Verspätung über die Entwicklungen in der großen Politik im Bilde war. Jan saß jetzt nach dem Abendessen noch in der Bibliothek. Lucy sah ihm über die Schulter.

Debatten im Senat von Liliput. – Lucy hatte ursprünglich geglaubt, es handelte sich dabei um ein paar besonders langweilige Nachträge zu Gullivers Reisen. In Wahrheit waren es Berichte über die Parlamentsdebatten, wenn auch in leicht verschlüsselter Form. Und wenn jetzt der Boship von Odfrox sich für die Branntweinsteuer stark machte, so war auch Lucy inzwischen in der Lage, dahinter den Bischof von Oxford zu erkennen. Die Hurgos waren die Lords, genau wie in Swifts Buch. Great Liliput war Großbritannien, und Blefuscu natürlich Frankreich.

»Hurgo Quadrert?«, frage Lucy.

»Lord John Carteret«, antwortete Jan.

»Sie kennen sie anscheinend alle!«

»Die meisten nur aus den Zeitungsberichten«, log Jan.

»Wer diese Dinge aufzeichnet, der muss ziemlich schnell schreiben können. Ich meine, um das alles mitzubekommen, was da gesagt wird ...«

»Es sind keine wörtlichen Mitschriften«, wusste Jan. »Das wäre auch verboten. Es ist nur eine kurze Zusammenfassung des Inhalts der Reden.« Auch das war streng genommen verboten. Daher die Maskerade in Anlehnung an Jonathan Swifts Parodien. Niemand ließ sich dadurch täuschen, auch die Zensurbehörde nicht. Aber sie sah einfach nicht hin. Was die Meinungsäußerung anging, war England eines der freiesten Länder der Welt.

Lucy gähnte. »Ich glaube, für mich wird es langsam Zeit, ins Bett zu gehen.«

»Ja«, sagte Jan. »Ich werde auch nicht mehr lange aufbleiben.«

»Gute Nacht!« Lucy winkte ihm von der Tür her zu. Jan tat, als habe er das nicht gesehen. »Gute Nacht.«

Nun war er allein. Der Laird hatte sich schon eher zur Ruhe begeben. Jan versuchte, sich auf seine Lektüre zu konzentrieren. Aber der Nardac Secretary hatte es schwer, sein Interesse zu fesseln. Jans Blick schweifte immer wieder ab von der Seite des Gentleman’s Magazine und hinüber zu dem großen, geflochtenen Papierkorb. Der Laird hatte vorhin hier gesessen und geschrieben. Und dort, in dem Papierkorb, lag zumindest ein Entwurf des Briefes, den Normand MacLeod heute Abend verfasst und versiegelt hatte. Sollte er nachsehen, was drin stand? Sollte er nicht? Hier gibt es keine Geheimnisse, hatte der Laird gesagt. Wirklich nicht?

Ein Brief, Jan, ein ganz normaler Brief! Was sollte da schon drinstehen? Liebe Emma, wie geht es dir? Mir geht es gut, hoffentlich geht es dir auch gut, und so weiter? – Nein, dazu hatte der Laird zu lange gebraucht, um den Text zu entwerfen. Wenn es der Brief an eine Frau war, dann jedenfalls an eine wichtige Frau, eine, die dem Laird etwas bedeutete. Gab es eine solche Frau in seinem Leben?

Jan versuchte, sich auf die Rede des Nardac Secretary zu konzentrieren. Das war der Duke of Newcastle, ein Vertreter der Regierung. Er sprach von den Franzosen, von ihrer empörenden Grausamkeit.