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Eben noch auf dem Rückweg von der Leipziger Buchmesse findet sich die Cosplaygruppe von Red, Sky, Violet und Arzan unvermittelt in einer anderen Welt wieder.
Wie sind sie dort gelandet? Und noch wichtiger: Wie kommen sie wieder zurück nach Hause?
Auf dem Weg durchs Multiversum stoßen sie auf eine uralte Prophezeiung und eine geheimnisvolle Gegnerin, die Red zum Verwechseln ähnlich sieht. Handelt es sich nur um eine Doppelgängerin oder steckt mehr dahinter?
Während der Weg nach Hause in immer weitere Ferne rückt, müssen die Vier entscheiden, wem sie vertrauen können und wie sehr sie bereit sind, in die Weltenordnung einzugreifen.
Wird ihre Freundschaft die bevorstehenden Herausforderungen überstehen? Und kann Cosplay wirklich das Multiversum retten?
Ein temporeicher Urban Fantasy-Roman über Freundschaft, Cosplay und für alle, in deren Brust das Herz eines Nerds schlägt.
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Copyright © 2025 by
WunderZeilen Verlag GbR (Vinachia Burke & Sebastian Hauer) Kanadaweg 10 22145 Hamburghttps://[email protected]
Cosplay saves the MultiverseText © Mary Stormhouse, 2025 Story Edit: Vinachia Burke (www.vinachiaburke.com) Lektorat: Michael Siedentopf (www.davidpawn.de) Korrektorat: Monika Schulze (www.suechtignachbuechern.de) Cover: Vinachia Burke Satz & Layout: Vinachia Burkewww.vinachiaburke.com ISBN: 978-3-98867-044-1 Alle Rechte vorbehalten.
Für alle Menschen, die in ihrem Herzen Nerds sind und phantastische Welten und Cosplay lieben.
Ja, dieses Buch ist für Dich.
Empfohlen für Teenager & Erwachsene
Enthält Beschädigung von Cosplays Verrat Familienfehden gewaltsamer Tod Nerdtalk Gewalt angedeutete Gewalt gegen ein Kind
Ein Verzeichnis aller versteckten Nerd-Welten in dieser Geschichte findest du am Ende des Buches.
Nächstes Mal werde ich aber die Assassinin«, erklärte Sky von der Rückbank. Ihr hellblaues Prinzessinnenkleid ergoss sich in einer Woge aus Tüll über die Rücksitze, sodass die neben ihr sitzende Red wirkte, als würde sie ertrinken.
»Ich bin die Fahrerin. Ich habe das Vorrecht, die Schurkin zu cosplayen«, erwiderte Violet schmunzelnd, ohne den Blick von der Straße zu wenden. »Aber wir können gerne nächstes Mal ein Schurkinnen-Quartett auswählen. Wie letztes Jahr, als wir alle die verrückte Hutmacherin gespielt haben.«
Red verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Bitte keine Performance, die Schleichen beinhaltet. Wie euch meine Frau bestätigen wird, bin ich keine fähige Diebin.«
»Du bist nur sauer, weil sie mehr Achievements in Assassin’s Creed hat als du«, stellte Violet kichernd fest, was Red mit einem gegrummelten Kommentar quittierte.
Nach vier Tagen Leipziger Buchmesse fühlte Violet sich erschöpft, aber glücklich. Für ihren Geschmack liefen dort einfach zu viele Menschen herum, was dazu führte, dass Enge und Lärm sie und ihre Aufnahmefähigkeit ständig bedrängten. Andererseits begegnete sie Gleichgesinnten und konnte Zeit mit ihren wunderbaren Freundinnen und Arzan verbringen, ihren durchgeknallten Freundinnen und dem besonnenen Arzan, der neben ihr auf dem Vordersitz saß und seinen Laptop auf dem Schoß umklammerte, als wäre er ein Anker gegen den Wahnsinn seiner Begleiterinnen.
»Woran arbeitest du eigentlich? Ich dachte, du hättest noch frei?«, fragte sie ihn.
Die grauen Augen des Mannes blieben weiter auf den Bildschirm geheftet. »An einer Software«, antwortete er. Vermutlich in der Überzeugung, damit sein Wortkontingent für den heutigen Tag überschritten zu haben.
»Was für eine Software?«, versuchte es Violet weiter. Arzan schaute für eine Millisekunde mit leicht gerunzelter Stirn auf. Gerade genug, um seine Irritation zu verraten. »NDA«, murmelte er, bevor er sich wieder auf seine Arbeit konzentrierte.
NDA? Ach ja, Non-Disclosure Agreement. Geheimhaltungsklausel. Violet schnaubte. Als würde er dagegen verstoßen, wenn er ihr kurz erklärte, welche Funktionen die Software erfüllte oder in was für einer Sprache er programmierte!
Ein Gespräch mit Arzan zu beginnen, ähnelte jedes Mal dem Versuch, einen tonnenschweren Felsen ins Rollen zu bringen. Nur wenn sie zufällig das richtige Thema traf, setzte sie eine Diskussion in Gang, aber dann war diese auch nur schwer wieder aufzuhalten. Nur, mit welchem Inhalt sie eine Diskussion entzündete, erschien ihr dermaßen zufallsbestimmt, dass es einem Sechser im Lotto glich, den richtigen Gesprächsstoff zu finden.
Vielleicht wollte Arzan auch einfach nur ausgleichen, was die anderen drei quasselten, wenn sie zusammen reisten. Wie jetzt gerade Sky und Red, die darüber stritten, welcher Manga nun der bessere sei: Jujutsu Kaisen oder Die Braut des Magiers. Red gestikulierte wild, während Sky ihren Standpunkt mit Lautstärke unterstrich. Der Ausgang dieser Debatte stand ohnehin fest.
»Come on, Red«, quietschte Sky, »du glaubst doch nicht im Ernst, dass diese halbgaren Charaktere gegen tiefsinnige Personen wie Maki oder Geto eine Chance besitzen!«
Red schnaubte. »Jujutsu Kaisen ist nur ein Clash aus Neon Genesis Evangelion und Kenshin. Nur weil du zu jung bist, um die Klassiker zu kennen ...«
Wortlos steckte Arzan seine Kopfhörer in die Ohren, ohne vom Screen aufzusehen. Welchen Manga er wohl bevorzugte?
Violet richtete ihre Konzentration wieder auf die Fahrbahn, als sich die Lichtstimmung im Auto änderte. Der strahlende Sonnenschein wich düsteren Wolken, die sich vor die Sonne geschoben hatten, und Violet hoffte, dass kein heftiges Unwetter aufkäme. Sie hasste es, bei Regen Auto zu fahren, weil die Reflexionen von Scheinwerfern auf Regentropfen blöd auf ihrer Brille reflektierten. Trotzdem machte ihr das Kutschieren nichts aus und sie wusste, dass sie von ihnen am besten fuhr. Arzan ließ sich zu leicht von seinen Mitfahrerinnen nerven, Red hasste Autofahren mit einer Leidenschaft, die nur von ihrer Liebe für Cosplay-Veranstaltungen ausgehebelt wurde und Sky besaß keinen Führerschein.
Tatsächlich hatte Violet Sky kennengelernt, als sie sich gemeinsam vom Bahnhof in Düsseldorf ein Uber zur Dokomi teilten, weil die Straßenbahn ausfiel. Selbstbewusst war die mehrgewichtige Person im Cosplay von Nobara aus der Anime-Serie Jujutsu Kaisen auf sie zu gestiefelt und hatte gefragt, ob sie auch zur Dokomi fahre.
Eine rein rhetorische Frage, denn wo hätte Violet in ihrem Super Sailor Moon Cosplay an diesem Wochenende sonst hinfahren wollen? Aus dieser Begegnung hatte sich eine tiefe Freundschaft entwickelt.
Arzan hingegen kannte sie vom »League of Legends«-Spielen, und er ließ sich nur von der geballten Wucht ihrer Begeisterung davon überzeugen, sich ebenfalls in ein Cosplay zu kleiden. Auch wenn es selten was mit ihren Gruppenkostümen zu tun hatte. In diesem Jahr stellten sie Figuren aus ihrem aktuellen Lieblingsbuch »Hof aus Silber« dar, einem Roman über Intrigen, Drama und Leidenschaft in einer fantastischen Welt, die von mächtigen Feen und Vampiren beherrscht wurde.
Red spielte die unbeugsame Paladinin, Sky die intrigante Prinzessin und Violet die Assassinin mit dem goldenen Herzen. In welchem Kostüm Arzan auftauchte, überraschte sie jedes Mal. Alles zwischen Percy De Rolo aus Vox Machina und Vash the Stampede aus Trigun war möglich.
Arzan machte immer sein Ding und niemand von ihnen stellte das in Frage. Besonders, da irgendwie er derjenige war, der sie zusammengebracht hatte, denn vor zwei Jahren hatte er sie seiner alten Schulfreundin Red vorgestellt, mit der er seit damals Dungeons and Dragons spielte. Kurz darauf erkannten Sky und Red, dass sie sich bereits aus einem Cosplay-Forum kannten und sie alle sich trotz ihrer Unterschiede für ähnliche Aktivitäten begeisterten. Und obwohl sie über ganz Deutschland verteilt lebten, brachten sie ihr gemeinsames Hobby und ihre Begeisterung für Bücher, Games und Comics in regelmäßigen Abständen zusammen. Egal ob auf der Leipziger Buchmesse, der Dokomi oder der Elfia: Seit zwei Jahren war ihr Quartett praktisch unzertrennlich.
»Sollen wir vielleicht mal eine Pause machen?«, schlug Sky vor. »Da draußen braut sich ganz schön was zusammen.«
»Stimmt«, meinte Violet und begann, nach einer Raststätte Ausschau zu halten. In den letzten Minuten hatten sich grüne Wolken über den Himmel gelegt, die das Sonnenlicht verschluckten und an einen Drachen erinnerten, der seinen Schatten auf die Autobahn warf.
»Ist vielleicht keine schlechte Idee, wir wollen ja nicht vom Blitz getroffen werden«, bemerkte Red und grollender Donner antwortete ihr aus der Ferne.
»Faradayscher Käfig«, murmelte Arzan und Violet wusste, dass die anderen ihn jetzt genauso irritiert anschauten wie sie selbst. Arzan seufzte und sah vom Bildschirm auf, als könnte er ihre Blicke mental spüren. »Wir sitzen in einer allseitig elektrisch abgeschirmten Hülle aus Blech, die als elektrischer Ableiter dient, wodurch wir, selbst wenn das Auto vom Blitz getroffen wird, geschützt sind, da es als faradayscher Käfig fungiert.« Er drehte sich zu Red um. »Du solltest das wissen, du hast im Physikunterricht bei Frau Owalski neben mir gesessen.«
Red grinste. »Ja, und ich habe im Physikunterricht neben dir die meiste Zeit Stephen King gelesen, weil Frau Owalski das nicht aufgefallen ist, wenn du dich erinnerst.«
Arzan seufzte vielsagend und Violet musste ein Kichern unterdrücken. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Arzan und Red gemeinsam die Schulbank gedrückt hatten. Vereint durch Nerdthemen, getrennt durch Lautstärke.
Über ihnen donnerte es und Violet betrachtete die Landschaft. Wie war das noch mal mit der Dauer zwischen Blitz und Donner und der Entfernung zum Gewitter? Ein Blitzstrahl zerteilte den gewitterdunklen Himmel in der Ferne. »Faradayscher Käfig hin oder her, ich fahre ab, sobald es eine Möglichkeit gibt«, meinte sie.
»Da wäre mir auch wohler«, sagte Red und Sky fügte hinzu: »Dann können wir auch direkt einen anständigen Latte bestellen. Mein Thermobecher ist leer.«
Die ersten Regentropfen trommelten auf das Dach des Kombi. Der Rhythmus des Prasselns legte zu, als das nächste Raststättenschild in Sicht kam. Innerhalb von Sekunden glänzte die Fahrbahn vor Nässe und Violet musste zusätzlich gegen den aufkommenden Wind ansteuern.
»Verdammtes Extremwetter«, bemerkte Red.
Wieder erklang Donnern, dieses Mal näher. Offenbar führte ihr Weg sie tiefer in das Gewitter hinein. Doch zum Glück erhaschte Violet durch den Regen das Blau eines Autobahnschildes, das über eine Abfahrt mit Gaststätte in nur einem Kilometer Entfernung informierte. Erleichtert setzte Violet den Blinker und wechselte auf die rechte Fahrspur, um die Ausfahrt bei diesen Sichtverhältnissen auf keinen Fall zu verpassen.
In dem Moment krachte es ohrenbetäubend und ein gleißend helles Licht zerriss die Welt um sie herum. Die Kontrolle über das Fahrzeug entglitt Violet und im gleichen Augenblick polterte ihr der Airbag entgegen. Verzweifelt versuchte sie, das Auto auf dem Randstreifen zum Stehen zu bringen, doch das Licht in ihren Augen brannte wie das Donnern in ihren Ohren. Ihr Fuß drückte auf die Bremse, während ihr Gehirn sich an weit entfernte Fahrstunden zu erinnern versuchte. Schrie jemand außer ihr? Vermutlich, aber sie hörte nicht mal ihren eigenen Schrei.
Endlich kam das Auto zum Stehen und Violet ließ ihren Kopf dankbar auf das Lenkrad sinken. »Seid ihr okay?«
»Ja«, bestätigte Arzan neben ihr, der seinen Laptop zugeklappt hatte.
»Ich glaube, Skys Kleid hat das Schlimmste verhindert«, erklärte Red.
»Sei froh, dass mein Unterrock mehr Lagen hat als der von Sisi.« Ein Schnappen war zu hören, als Sky sich losschnallte. »Ich stelle mal ein Warndreieck auf.« Ehe Violet etwas sagen konnte, hatte sie die Tür geöffnet. »Santo Cielo!«
Ihr Aufschrei alarmierte Violet. Sky fiel nur in ihre Muttersprache, wenn die Situation ernst war. Bevor sie darüber nachdenken konnte, stieß Violet ebenfalls die Tür auf und trat auf die Straße. Oder dahin, wo sie dachte, dass die Straße wäre.
Wo sich eben noch die Autobahn befunden hatte, zog sich ein breiter Trampelpfad zwischen leuchtenden Feldern mit Violet unbekannten Blumen hindurch. Über ihnen bog sich kein Gewitterhimmel, sondern ein wolkenloser, der eine Spur zu Blau strahlte. Das Klackern der Autotüren verriet ihr, dass auch Red und Arzan ausstiegen.
Und sie sprach aus, was allen im Gesicht geschrieben stand: »Wo zur Hölle sind wir?«
Red umkrampfte mit ihren Fingern die Autotür. Das konnte nicht sein. Ihre Sinne teilten ihr etwas mit, aber ihr Verstand weigerte sich, ihnen zu glauben. Ihr Körper pulsierte vor fremdartiger Energie und ein seltsames Gefühl der Leere durchflutete sie. »Wo ist die Autobahn?«
Sie rechnete nicht mit einer Antwort und sie brauchte auch keine. Langsam brachte sie sich dazu, ihre Finger zu lösen, einen Schritt weg vom Auto zu treten und ihre Umgebung zu betrachten. Den blauen Kombi mit Sky und Violet davor, die genauso schockiert dreinschauten, wie sie sich fühlte. Arzan hatte sich wieder ins Auto gesetzt und den Laptop aufgeklappt. Phase der Leugnung, würde Red sagen.
Sie löste den Blick von den ihr vertrauten Gestalten und trat auf die matschige Straße. Dort erkannte sie Hufspuren und Radabdrücke. Links befand sich ein Feld mit grünen Pflanzen und eigenartigen, roten Blumen, die sie an Mohn erinnerten. Ohne nachzudenken, ging Red zum Kofferraum, öffnete ihn und zog die Lederhandschuhe ihres Kostüms an. Die Plattenverstärkung ließ sie im Auto. Dann kniete sie sich zu einem der Gewächse, mit ihr unbekannten runden Blättern, nieder und zog es aus dem Boden. Die Knolle, die zum Vorschein kam, hätte eine Kartoffel sein können, wenn sie nicht doppelt so groß und Indigoblau gewesen wäre. Red warf die Blautoffel zur Seite, stand auf, trat über den Matschweg und musterte die Pflanzen hier: eine Art Blumenwiese mit violetten, blauen und rosa Blüten.
»Was machst du da?«, wollte Sky wissen und rauschte in ihrem Gewand heran wie eine Fee auf einer Wolke.
»Ich versuche, herauszufinden, wo wir uns befinden.«
»Indem du Blumen ausreißt?«
Red schüttelte den Kopf. »Indem ich versuche, die Flora zu identifizieren. Siehst du das hier? Die Blumen wirken wie Raps, da steckt viel Öl in den Stängeln. Aber es ist kein Raps.«
Violet trat zu ihnen. »Ich mag dein detektivisches Vorgehen, Red, aber ich glaube, das kannst du dir sparen.« Erstaunt schaute Red sie an. »Wieso?«
Wortlos zeigte Violet gen Himmel und Red folgte mit dem Blick ihrem Finger. Da hingen ohne Zweifel drei Monde am Firmament. Einer weiß, einer orange, einer blau. Oder vielleicht wirkten sie nur durch atmosphärischen Einfluss so. Genaugenommen spielte ihre Farbe weniger eine Rolle als das, was die drei Monde bedeuteten.
»Wir sind nicht mehr in Kansas, Toto«, murmelte Red.
Violet nickte. »Wird Zeit, den gelben Ziegelsteinweg nach Oz zu suchen.«
Sky verschränkte die Arme. »Santo Cielo, im Ernst? Ihr kommt jetzt mit Oz-Zitaten?« Wie immer, wenn sie sich aufregte, nahm ihre Aussprache den italienischen Singsang ihrer Muttersprache an. »Wie sind wir hergekommen? Und wie kommen wir wieder nach Hause? Und was machen wir, bis wir den Zauberer gefunden haben?«
Violet grinste. »Siehst du, niemand kann einem Oz-Zitat in so einer Situation widerstehen.«
»Ich bezweifle, dass sich schon viele Menschen in unserer Lage befunden haben«, bemerkte Red trocken. »Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht einmal, in was für einer Lage wir uns genau befinden.«
»In einer Parallelwelt.« Ohne einen Laut trat Arzan zwischen sie. »Ihr erinnert euch, dass ich meine Doktorarbeit über die Vielwelten-Interpretation der Quantenmechanik und die Superpositionen der Realität geschrieben habe?«
Red starrte ihn an. »Du meinst, wir sind in einem Spiegeluniversum wie in Star Trek? Mit bösen Doppelgängern? Oder in einem Multiversum wie bei Dr. Strange?«
Arzan seufzte gequält, wie immer, wenn jemand ihm nur halb zuhörte, aber das war Red im Augenblick scheißegal.
»Du sagst, dass wir in einem Paralleluniversum sind. Hast du dann auch Ideen wie wir hergekommen sind? Und noch wichtiger: Wie wir wieder zurückkehren?«, fragte Violet.
Arzan schüttelte den Kopf. »Darüber kann ich nur spekulieren. Der Blitz wird die Energie für unseren Transfer geliefert haben, aber was der Auslöser war, dazu kann ich nichts sagen. Und für die Rückkehr gibt es unzählige Theorien. Zum Beispiel, dass wir nur in einer Richtung durchs Multiversum reisen können.« Er zeichnete Punkte in die Luft, die einen Kreis bildeten. »Also stellt euch vor, wir haben den Kreisverkehr an einer Ausfahrt verlassen. Dann müssen wir erst an mehreren anderen Ausfahrten vorbei, bevor wir wieder am Ursprung ankommen.«
»Und wie viele Ausfahrten hat so ein Multiverse?«, wollte Sky wissen.
Arzan zuckte mit den Schultern. »Zehn? Hundert? Eine Million? Ist ja alles nur theoretisches Wissen.«
Red wurde bei diesen Worten eiskalt. »Heißt das, dass wir hier festsitzen? Dass ich meine Frau und meine Töchter womöglich nie wieder sehe?«
Betretenes Schweigen legte sich wie eine Decke über sie und sie tauschten Blicke aus. Natürlich warteten auf sie alle Eltern oder Geschwister oder Freunde zuhause. Aber Red besaß als Einzige von ihnen mittlerweile eine eigene Familie. Bestehend aus der vierjährigen Lucia und der sechsjährigen Alice und ihrer Ehefrau Michelle.
Red biss die Zähne zusammen. Schließlich war sie auch diejenige, die immer die Kämpferin von ihnen spielte. Die Wonder Woman, Cecil Harvey, Captain Shepard und Vi gecosplayt hatte, große Heldinnen, die ihre Heimat verteidigten und nie die Hoffnung aufgaben. Mit diesem Gedanken drängte sie die aufsteigenden Tränen zurück. »Okay, es wird also nicht einfach. Aber das hat uns noch nie gestört, oder?«
Violet nickte entschlossen und hielt ihre Hand zwischen sie. »Yes! Wir schaffen es wieder nach Hause. Alle zusammen.«
Sky legte ihre Finger auf Violets. »Wir sind Cosplayerinnen! Wenn wir eins können, dann improvisieren. Wir schaffen das!«
Lächelnd deckte Red ihre Hand über Skys. Alle drei drehten ihren Kopf zu Arzan, der sich erst einmal suchend umsah, ob sie nicht jemand anderen meinten. Zögernd legte auch er seine Finger auf ihre und mit einem großen »Woohoo!« warfen sie ihre Hände in die Luft. Nun, Arzans »Woohoo« erklang nur innerlich, aber der Gedanke zählte.
In dem Moment hörte Red das Klappern von Hufen und deutete bergab zu dem Pfad, wo sich ein mit Kisten beladenes Fuhrwerk den Weg nach oben bahnte. Zwei weiße Pferde vorweg, die sie eher als Gäule bezeichnet hätte, und deren ursprüngliche Farbe durch Staub und Dreck der Straße einem fleckigen Graubraun gewichen war. Auf dem Kutschbock saß ein Mensch, was Red innerlich jubilieren ließ. Würden hier Orks oder Oger oder was ganz anderes leben, hätten sie ein Problem gehabt, aber so standen ihnen alle Optionen offen.
Violet schien das Gleiche zu denken. Sie wechselten einen Blick. »Sky: hilflose Prinzessin, Arzan: Gelehrter, Red und ich: Wachen.«
Red befand sich bereits halb im Kofferraum und zog die Rüstteile ihres Paladinkostüms hervor. Zum ersten Mal war sie dankbar, dass sie sich gegen Worblar und für echte Plattenteile entschieden hatte. Dadurch wirkte das Kostüm beeindruckender, auch wenn es einiges mehr wog. Die Lackierungen waren ebenfalls aufwendig gewesen, von den Befestigungen der Details ganz zu schweigen. Ohne zu fragen half Violet ihr bei den Schnallen, die Red selbst nicht erreichte und sie schnürte dafür die Corsage der Freundin.
Arzan und Sky blieben, wo sie waren, und warteten, bis der Wagen auf der Hügelkuppe ankam, wobei Arzan jetzt einen Umhang und eine Ledertasche bei sich trug und in einem Buch Notizen machte. Hinter ihnen reihten sich in dem Moment, in dem der Wagen sie erreichte, Violet und Red ein. Red trug einen Zweihänder auf den Rücken geschnallt, der den Kontakt mit einem echten Schwert nicht überleben würde, und Violet hatte einen Köcher voller Pfeile, sowie einen Bogen über der Schulter hängen.
Der Mann, bei dem es sich wohl um einen Bauern handelte, bekam große Augen, als er ihre Gruppe betrachtete. »Oh, ist den Herrschaften etwas passiert?«, fragte er in einem breiten englischen Dialekt, dem Red eine Ähnlichkeit mit walisisch zusprach.
Sky hielt ihre Hand an die Stirn und intonierte in bestem British-English, direkt aus Bridgerton: »Sie schickt der Himmel, guter Mann! Die Pferde sind durchgegangen, haben den Kutscher mit sich gerissen. Unsere Kutsche steckt im Schlamm und wir wissen nicht, wie weit es zur nächsten Ortschaft ist.«
Der Blick des Bauern wanderte ungläubig zu ihrem Kombi. »Mit Verlaub, Ihro Gnaden, ihre Kutsche scheint mir auch nicht für das Reisen außerhalb der Stadt ausgestattet zu sein. Kein Wunder, dass Eure Pferde die Flucht ergriffen haben.«
Grinsend flüsterte Red zu Violet: »Sag ich doch, dass du mal ein neues Auto brauchst.« Worauf sie sich einen Stoß mit dem Ellenbogen einfing. Aber das war es wert.
Sky diskutierte derweil mit dem Bauern, wobei das vielleicht besser Arzan übernommen hätte, wenn sie komplett in Character gewesen wären. Bloß redete Arzan nur das Nötigste mit Menschen, egal ob in Character oder nicht. Und Sky wirkte einfach nett. Manchmal zu nett, aber die Leute fassten schnell Vertrauen zu ihr, während Red schon mal mit ihrer Direktheit abstieß, und Violet zwar inspirierende Reden schwingen konnte, ihr jedoch die Geduld für Smalltalk fehlte.
Dagegen schmolz der Bauer geradezu dahin, als Sky sich nach seinem Hof erkundigte und nebenher Informationen aus ihm herauskitzelte. Irgendwann beugte der Mann sich zurück und überreichte mit einer Verbeugung ein Bündel, das Arzan im Namen der Prinzessin ergriff, und das Fuhrwerk zuckelte weiter den Weg entlang.
»Also«, begann Sky. »Zur Zivilisation, oder was man hier so nennt, gehts da entlang.« Sie wies den Weg hinunter in die Richtung, aus der der Wagen gekommen war. »Vor der Hauptstadt Trionis kommt noch ein größeres Dorf, das wir zu Fuß in etwa einem Tag erreichen können. Oildorf, das bekannt für sein Blumenöl ist. Dorther kam der Bauer, weil Markttag war. Er meinte, dort würde man uns bestimmt helfen. Denn die Hauptstadt liegt noch ein paar Tagesmärsche weiter entfernt. Und übrigens erwartet man dort die Herzogin Cylin Calbury von Rosewood, für die er mich gehalten hat.« Sie klimperte mit den Wimpern und Red musste lachen. »Okay, Eure Hoheit, dann sollten wir wahrscheinlich dorthin. Was sagt denn eigentlich das Auto?«
Violet kniff die Lippen zusammen und setzte sich wieder hinters Lenkrad, um den Motor anzulassen. Doch mehr als ein Anstottern brachte der Wagen nicht zustande.
»Gut möglich, dass der Blitz die Elektronik geschrottet hat«, meinte Arzan. Er öffnete die Motorhaube und warf einen Blick hinein, schaute aber schon nach wenigen Minuten kopfschüttelnd zu ihnen. »Nichts, was ich jetzt erkennen würde. Lasst es uns zur Seite schieben und dann schauen, was wir tragen können.«
Gemeinsam schoben sie den Kombi auf die Wiese zwischen Feld und Weg und inspizierten anschließend den vollgestopften Kofferraum. Sky verteilte kleine feste Brote aus dem Bündel, das der Bauer ihr überlassen hatte. Nachdenklich knabberte Red auf ihrem herum und betrachtete den Horizont. Die Sonne war bereits ein ganzes Stück gewandert, seit sie angekommen waren und wer wusste, wie schnell es hier Nacht wurde? Auch zu den Temperaturen konnten sie nichts sagen. Bislang herrschte angenehmes Klima, aber was würde geschehen, wenn die Sonne unterging?
»Sollen wir heute noch im Auto nächtigen und uns dann morgen früh auf den Weg machen?«, fragte Red, während sie den Inhalt des Kofferraums sortierten.
»Wir könnten auch zum Gehöft des Bauern gehen«, schlug Sky vor. »Er hat uns eingeladen, die Nacht bei ihm zu verbringen. Das ist bestimmt netter als im Auto.«
Violet schüttelte den Kopf. »Da halte ich nichts von. Erst mal müssen wir ein ganzes Stück entgegen der Richtung laufen, in die wir wollen und ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich bequemer ist als unser Auto. Ich rechne mit Strohlagern. Außerdem«, fügte sie hinzu, »werden die kaum selbst genug zum Leben haben, wenn das hier auch nur halb so ist wie im vorindustriellen Zeitalter in Deutschland.«
»Ich hoffe ja eher, dass es hier etwas wie im Vor-Ringe-Krieg-Zeitalter auf Mittelerde ist«, meinte Red.
Violet schüttelte den Kopf. »Ich würde nicht mit einem 5-Sterne-Frühstück für Hobbits rechnen. Lasst uns überhaupt mal gucken, was wir zum Essen haben.«
Zum Glück hatten sie nach jedem Messebesuch aus unerfindlichen Gründen noch mehr Essen im Gepäck als bei ihrer Anreise. Und Red fragte sich, wie all ihr Kram, der jetzt in Stapeln um sie herum drapiert lag, jemals in den Kombi gepasst hatte.
Snacks, Cosplay-Kostüme und Accessoires, Bastel-Tools für Last-Minute-Reparaturen, Nähzeug. Und ein paar normale Klamotten, Handtücher, Medikamente und Hygieneartikel. Dazu noch das Notfallkit aus solarbetriebener Taschenlampe, ebenso betriebenem Kurbelradio, einer solarbetriebenen Ladestation, einem Gaskocher, Erste-Hilfe-Set und Kälteschutz-Decken. Auf die letzten Sachen hatte Arzan bestanden, der immer mit der Zombie-Apokalypse rechnete und gern vorbereitet war.
Red versuchte, alles sinnvoll auf ihre Wanderrucksäcke und Taschen zu verteilen. »Unser größtes Problem ist Wasser«, stellte sie mit einem Blick auf die vier halb bis völlig leeren Literflaschen fest. »Ich schaue mal, ob ich irgendwo einen Bach finde«, verkündete sie und griff sich eine Ikea-Tasche mit Pfandflaschen. Manchmal war es echt gut, wenn niemand das Leergut entsorgte.
»Ich komme mit«, bot sich Sky an und gemeinsam gingen sie in die Richtung, in die das Fuhrwerk verschwunden war, wo sich auch einige Bäume am Wegesrand zeigten.
Violet und Arzan packten weiter, während Red versuchte, sich daran zu erinnern, wie welche Gegebenheiten auf Wasser hindeuteten. War da was mit Moos an Bäumen? Nein, so orientierte man sich nach Westen. Und wer wusste schon, ob diese Pfadfinder-Regeln hier genauso galten wie zuhause. Außerdem hätte sie dafür ihr Handy gehabt. Ansonsten nutzte es gerade nicht viel. Dank der Solarstation würden sie ihre Elektronik langsam aufladen können, wobei so etwas nicht ewig hielt. Für mehr als Fotos schießen würden sie die aber auch nicht brauchen, denn ihr Empfang hatte natürlich null Balken und nicht mal der Notruf funktionierte. Red könnte also nicht wie ET nach Hause telefonieren.
»Wir finden einen Weg zurück«, meinte Sky, die ihre Gedanken zu erraten schien, und mit einer Hand sanft ihren Oberarm drückte. Dankbar ergriff Red die Hand und nickte entschieden. »Ja, und wenn wir Glück haben, verläuft die Zeit auch noch anders und sie werden gar nicht mitbekommen, dass ich weggewesen bin.«
Sie verdrängte, dass sie am Montag gemeinsam in den Zoo gehen wollten und Lucia in zwei Wochen Geburtstag hatte. »Ich werde den Geburtstag meiner Tochter nicht verpassen«, schwor sie und Sky nickte. Mit ihren paar Kilos über der gesellschaftlichen Norm und ihrem freundlichen Wesen wurde ihre Freundin oft unterschätzt.
Aber Red hatte es schon gewusst, als sie sich vor Jahren in einem Online-Forum zu ihrem Lieblingsmanga kennengelernt hatten: Sky war jemand Besonderes. Nicht nur war sie einer der empathischsten Menschen, die Red je getroffen hatte, sie vereinte außerdem Perfektionismus und Geduld in ihrem Wesen, was wahrscheinlich der einzige Grund war, weshalb sie als Erzieherin so viel Durchhaltevermögen besaß.
Zusätzlich verbarg sich hinter Sky die beste Schneiderin, die Red kannte. Ihre Kreationen mit der Nähmaschine waren einfach der Wahnsinn. Red dagegen war froh, wenn ihre genähten Kostüme hielten, und nahm oft die Hilfe ihrer Freundin in Anspruch.
»Wartet auf dich jemand?«, fragte sie. Mittlerweile hatten sie die ersten Bäume erreicht und Red achtete sorgsam auf Zeichen von fließendem Wasser oder wilden Tieren. Da ihr gesamtes Wissen zu Wildnisleben ihren Rollenspielrunden entsprang, rechnete sie sich nicht ganz so hohe Erfolgschancen aus.
Sky schüttelte den Kopf. »Ne, Dario hat sich auch nicht mehr gemeldet.«
»Dario ist ein Arsch.« Red schnaubte verächtlich. »Dafür wie der dich behandelt hat! Du hast etwas viel Besseres verdient. Ich verstehe nicht, warum du den nicht längst in die Wüste geschickt hast.«
»Mit meinem Gewicht kann ich halt nicht wählerisch sein.« Red sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Komisch, dass unsere Gesellschaft ein Höchstmaß an Gewicht festlegt, aber kein Mindestmaß an Charakter.«
Sky kicherte. »Schon klar. Ich habe mich einfach geschmeichelt gefühlt. Und ich kannte Dario schon ewig. Seine Mamma ist immer in die Schneiderei meiner Tante gekommen. Und unsere Familien hätten sich gefreut ...«
»Ja, aber du nicht«, schnitt Red ihr das Wort ab. »Du solltest dir nicht vorschreiben lassen, mit wem du zusammen bist. Da hat eine Familie nicht das Recht zu.«
Sky lächelte traurig. »Vielleicht nicht, aber ich glaube, du kannst schwer beurteilen, welchen Druck eine Familie aufbauen kann und wie sehr du deine Eltern glücklich machen möchtest.« Der entschuldigende Unterton verhinderte, dass Red mit einer bissigen Bemerkung antwortete. Immerhin hatte sie ihre eigenen Eltern nie kennengelernt, war in Pflegefamilien aufgewachsen und hatte zu niemandem mehr Kontakt. Ihre Familie hatte sie sich eigenständig ausgesucht: Ihre Freunde und ihre Frau. Das reichte.
Und dann hatte sie auch noch die Kollegen aus der Unternehmensberatung, von denen einige ganz okay waren. Red seufzte. »Du hast ja recht. Ich mag nur einfach nicht, wie dich viele Menschen bevormunden. Du bist erwachsen und du hast einen besonderen Menschen an deiner Seite verdient.«
»Den werde ich auch finden«, erklärte Sky bestimmt. »Genauso wie wir Wasser finden, hör doch mal.« Hoffnungsvoll spitzte Red die Ohren und konnte tatsächlich das Gluckern eines Wasserlaufs vernehmen. Ihr Gespräch hatte sie so sehr abgelenkt, dass sie glatt alles um sich herum ignoriert hatte. Auch, wo sie sich befanden. Schnell schob Red den Gedanken von sich. Sie wollte nicht an ihre weit entfernte Familie denken, sondern sich auf das Jetzt konzentrieren. Je effektiver sie funktionierte, desto größer war ihre Chance, wieder nach Hause zu kommen.
Durch ein schmales Tal plätscherte ein Bachlauf, der klares Wasser mit sich führte. Gemeinsam füllten sie die mitgebrachten Flaschen, tranken allerdings keinen Schluck. Arzan wollte das Wasser erst testen und für den Notfall hatten sie auch Reinigungstabletten dabei. Nicht, dass sie ernsthaft damit gerechnet hatten, die zu brauchen.
Aber auch die würden nicht ewig reichen, wenn sie das Wasser hier aus irgendwelchen Gründen nicht vertrugen. Sie hatten wirklich Glück, dass diese Welt der Erde so ähnlich war, dass die Menschen sogar eine Art Englisch sprachen, ansonsten hätten sie es echt schwer gehabt. Und wenn es Englisch gab, dann würde sich hoffentlich ihre Art der Nahrungsaufnahme nicht zu sehr unterscheiden. Immerhin hatten sie das Früchtebrot des Bauern vertragen.
Schwer beladen kehrten sie zum Kombi zurück, wo Arzan und Violet bereits fertig gepackt hatten. Wobei Red darauf tippte, dass Violet den Löwenanteil erledigt hatte. Arzan brillierte, wenn es um Technik, Gadgets oder Rollenspielszenarien ging. Für die Alltäglichkeiten des Lebens brachte er wenig Verständnis auf, so war er schon in der Schule gewesen, wo Red häufig das Pausenbrot, das sie selbst schmierte, mit ihm teilte. Nicht weil seine Eltern ihm keins mitgaben, sondern weil er es zuhause vergaß, während er über Probleme weit jenseits seines Alters nachdachte.
Sofort nahm er ihnen eine der Flaschen ab und zog sich mit ihr ins Auto zurück. Red trank einen Schluck aus ihrer Trinkflasche. Noch auf der Messe hatte Violet sie mit Edding gekennzeichnet. Nicht mit ihrem Namen, sondern mit einem Chibi von einer wütend fuchtelnden Kriegerin.
»Fast alles passt in die Rucksäcke«, verkündete Violet. »Ich habe jetzt das rausgelassen, was wir nicht brauchen.« Sie deutete auf den Kofferraum, in dem Manga, Pumps und Bücher lagen. Theatralisch warf Sky sich über die Luxusausgabe ihres Lieblingsmanga, die sie sich auf der Leipziger Buchmesse gegönnt hatte. »Nein! Du kannst mich nicht von meinem Schatz trennen!«
Auch Red warf einen sehnsüchtigen Blick zu einer Wonder-Woman-Spezialausgabe. Und als Violet sich bei Arzan erkundigte, wie es denn mit dem Wasser aussähe, schnappte sie sich die Illustration, die sie für ihre Frau gekauft hatte. Einen japanischen Fuchsgeist, einen Kitsune. Michelle hatte eine Schwäche für Füchse und Red wollte verdammt sein, wenn sie ihr dieses Bild nicht übergeben könnte. Schnell packte sie die Zeichnung in ein Sicherheitsfach ihres Rucksacks und sah Violet unschuldig an, als diese zurückkehrte und versicherte, dass das Wasser trinkbar sei, aber Arzan dennoch auf die Wassertabletten bestand.
Kurze Zeit später ging die Sonne unter. Arzan hatte es zumindest geschafft, die Standheizung und das Licht des Autos wieder zum Laufen zu bringen. Die vier teilten erst die Decken und dann die am kürzesten haltbaren Snacks auf. Red knurrte ganz schön der Magen, aber die Mischung aus Zimtschnecken, Rosinenbrötchen und angeschlagenem Obst, das während der Leipziger Buchmesse alle verschmäht hatten, füllte ihren Bauch. Auch ein paar sehr plattgedrückte Sandwiches, die sie am Morgen geschmiert hatte, waren übrig gewesen. Normalerweise wären sie in den Müll gewandert, aber jetzt zählte jede Kalorie, denn wer wusste schon, was sie in den nächsten Tagen zu beißen bekämen?
»Der Plan ist, dass Sky sich im nächsten Dorf als diese Cylin Calbury von Rosewood ausgibt. Wenn wir Glück haben, bringt uns das freie Kost und Logis, denn ich glaube nicht, dass wir hier mit Euro bezahlen können. Mal ganz abgesehen davon, dass ich nur noch Plastik dabei habe«, erklärte Violet.
Red nickte bestätigend. »Ich habe noch ein paar schwere Münzen als Props in meinem Beutel. Keine Ahnung, was das für eine Legierung ist, aber vielleicht lässt sich das notfalls verwenden.«
Arzan nickte und notierte sich etwas. »Das könnte gehen. Wir sollten außerdem unsere Rechner mitnehmen. Eventuell können wir uns mit denen einen Vorteil verschaffen. Ich habe außerdem einen Beamer mit.«
Violet starrte ihn an. »Was machst du mit einem Beamer auf der Leipziger Buchmesse?«
»Ich wollte auf alles vorbereitet sein«, entgegnete Arzan ungerührt, und um das zu unterstreichen, zog er seinen Hochleistungsschlafsack enger um sich, der besser auf jede Wandertour gepasst hätte als in das AirBnB, wo sie in den letzten Tagen geschlafen hatten.
»Meinen Schmuck haben wir auch noch«, ergänzte Sky. »Drei Diademe, diverse Ketten, Armbänder und Ringe. Ein paar Sachen sind sogar Echtgold. Damit lässt sich bestimmt was machen.«
Violet lächelte. »Bestimmt. Die Lage ist also gar nicht so düster. Wir machen uns auf den Weg zur Hauptstadt Trionis und irgendwer wird uns bestimmt weiterhelfen können. Notfalls muss Sky einfach so lange die Prinzessin spielen, bis wir hier Fuß gefasst haben.«
Die anderen nickten, aber Red wurde schwer ums Herz. Wie alle Fans von fantastischen Geschichten hatte sie sich oft in ferne Welten gewünscht. Vielleicht gab es in dieser hier sogar Magie. Nur besaß die Erfüllung dieses unausgesprochenen Traumes jetzt einen bitteren Beigeschmack, wenn sie dafür ihre Familie nie wieder sehen dürfte und ihre Kinder nie erfahren würden, was mit ihr geschehen war.
Sky schien ihre Traurigkeit zu spüren, denn sie legte ihre Arme um sie und zog sie an sich heran.
»Ist das nicht seltsam, dass der Bauer mich sofort mit dieser Herzogin verwechselt hat?«, fragte Sky nachdenklich.
»Red hat bereits das Spiegeluniversum von Star Trek erwähnt«, erinnerte Arzan. »Nicht auszuschließen, dass es hier Menschen gibt, die uns entsprechen, unsere Gegenstücke in dieser Welt.«
Wie würde wohl ihr eigenes Gegenstück aussehen, sollten sie ihr begegnen? Red kuschelte sich, so gut es ging, in ihre Wolldecke und fiel in einen erschöpften Schlaf voller unspektakulärer Träume, in denen ihre Frau sie mit ihrem Lieblingskuchen zuhause empfing, und ihre Töchter ihre Arme um sie schlossen.
Sky glaubte zu träumen: Als sie die Augen aufschlug, stand ein Einhorn neben ihr am Fenster und graste. Es besaß glänzendes weißes Fell und leuchtend rosa Augen und wirkte wie einem Kleinmädchentraum entsprungen. Einem, den auch Sky vor vielen Jahren geträumt hatte, bevor fette schwarze Katzen und eigenwillige Ziegen cooler wurden als magische Pferde mit Horn.
Dennoch hüpfte ihr Herz bei diesem Anblick so sehr, dass sie einen Moment brauchte, um zu verstehen, warum sie in Violets Auto aufwachte und Red schnarchend auf ihre Schulter sabberte. Vorn gaben Arzan und Violet ihre eigenen Schlafgeräusche von sich. Sky tippte ihre Schlafnachbarin an. »Hey Red«, zischte sie. Die Angesprochene grummelte unwillig, wollte sich noch einmal umdrehen, aber Sky griff nach ihrem Kinn und deutete nach draußen.
»Das gibt’s doch nicht«, flüsterte Red.
Sky lächelte. »Ist das nicht atemberaubend?«
»Was macht ihr denn für einen Lärm um die Zeit?«, wollte Violet wissen.
»Guck raus«, antworteten Sky und Red wie aus einem Mund und mussten so laut lachen, dass das Einhorn beim Grasen einen Moment innehielt, bevor es weiter vor sich hin kaute.
Violet holte ihre Brille aus einem Etui. »Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich die mitgenommen habe. Hier Kontaktlinsenflüssigkeit aufzutreiben, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit sein.« Dann schaute sie raus. »Wollt ihr mich verarschen?«, fragte sie niemanden im Speziellen. »Steht da ernsthaft ein Einhorn vor meinem Auto?«
»Das könnten wir gut als Packesel gebrauchen«, mischte sich Arzan ein, der mittlerweile ebenfalls aufgewacht war und die drei Frauen starrten ihn an.
»Du willst ein Einhorn als Packtier verwenden?«, empörte sich Sky. »So ein edles Geschöpf?«
Arzan betrachtete das Tier durch seine eigenen Brillengläser. »Mir ist vollkommen egal, was da draußen steht. Aber ein Transporttier wäre schon ganz gut.«
»Ja klar, und wer fängt das?«, wollte Sky wissen.
Violet grinste. »Red hatte doch mal Reitstunden.«
»Auf gar keinen Fall!«, wehrte die ab. »Erstens gibt es einen Grund, warum ich nicht mehr reite und zweitens was ist, wenn das so gemeine Biester wie in Gravity Falls sind?«
Sie wandte ihren Blick zu Sky. »Warum versuchst du es nicht? Du hast von uns allen das beste Händchen für Tiere.«
Sky schluckte und musterte das große Geschöpf mit dem überaus spitzen Horn. Natürlich hatte sie ein Geschick für den Umgang mit Tieren und seit ihrer Kindheit landeten immer wieder tierische Findelkinder bei ihr. Zuhause warteten ihre drei Katzen Sissi, Leopold und Trudi auf sie. Sissi hatte sie wie in einem Kinofilm in einem Pappkarton gefunden, abgemagert und vollkommen durchnässt. Kaum zu glauben, dass die gelbe Schönheit jetzt acht Kilo auf die Waage brachte.
Leopold lag verletzt auf der Straße, als sie ihn rettete und von ihrem mageren Ausbildungsgehalt den Tierarzt bezahlte. Heute besaß er nur noch drei Beine, kam aber prima zurecht, ein echter Glückskater, denn die meisten Unfälle liefen nicht so glimpflich für Tiere ab. Bei Trudi handelte es sich um eine kleine Diva. Leider hörte die weiße Katzendame schlecht bis gar nicht. Und Sky hatte keine Ahnung, ob es daran lag, dass viele weiße Katzen taub geboren wurden, oder ob Trudi nicht hören wollte. Beim Gedanken an ihre Kuschelkatzen zog sich ihr Herz zusammen. Hoffentlich würde ihre Schwester Antonia sich gut um sie kümmern, egal wie lange Sky weg war.
Erneut schaute Sky das Einhorn an und befand, dass es nicht wirklich gefährlich aussah, auch wenn Red es weiterhin skeptisch musterte. Langsam öffnete sie die Autotür und trat in T-Shirt und Boxershorts hinaus. Das Einhorn betrachtete sie kurz desinteressiert, dann graste es weiter. »Hallo, meine Schöne«, säuselte Sky und näherte sich vorsichtig.
Das Fabelwesen bewegte sich nicht und ließ zu, dass sie ihm sanft über den Rücken strich. Soweit, so gut. »Was mache ich jetzt?«, flüsterte Sky Richtung Auto.
»Überrede es, mitzukommen«, meinte Violet, die ebenfalls ausgestiegen war.
Sky rollte mit den Augen. Das war typisch Violet, etwas vollkommen Beklopptes total nüchtern vorzutragen.
»Würdest du gerne mitkommen, meine Hübsche?«, fragte sie das Einhorn.
»Wenn du mit den blöden Kosenamen aufhörst, vielleicht. Ich bin Lutz und zu meiner Zeit war ich der Leithengst.«
Sky starrte das Einhorn an. »Habt ihr das gehört?«
»Was?«, fragte Violet. »Hat das gehörnte Pferd gepupst?«
Also nicht. Verschwörerisch beugte Sky sich hinunter und sprach jetzt leiser zu dem Pferd. »Okay, Lutz, würdest du mitkommen und vielleicht uns oder unser Gepäck tragen?« Sky versuchte, nicht darüber nachzudenken, dass sie geglaubt hatte, Einhörner hätten elegantere Namen. Donnerhuf oder Silberschweif oder Glitzernase. Aber nicht Lutz.
Der schnaubte abfällig. »Ich bin doch kein Packesel. Dich würde ich meinetwegen tragen. Kommt nicht oft vor, dass Menschen unsereins verstehen. Da ist eure Art mit Taubheit geschlagen. Nicht, dass die Elfen viel besser wären. Tun immer so, aber eigentlich sind das auch nur eingebildete ...«
»Okay, also was müssten wir tun, damit du mit uns kommst und mich trägst?«, fuhr Sky dazwischen. Sie hatte das Gefühl, dass der Einhorn-Hengst gerne redete, wenn er jemanden fand, der ihm zuhörte.
Lutz unterbrach sein Kauen und reckte den Kopf in die Höhe. »Ihr habt Backwerk dabei. Das rieche ich genau. Bezahlt mich in Rosinenbrötchen.«
Sky überschlug, wie viel Gebäck noch in der Tüte war und wie sehr Red sich wehren würde. »Lutz würde mich tragen, will aber in Rosinenbrötchen bezahlt werden.«
Violet hob eine Augenbraue. Red klammerte sich bereits an den Beutel mit dem Backwerk und Arzan notierte ungerührt etwas in sein Heft.
»Nicht meine Zimtschnecke!«, verkündete Red, dann warf sie die Tüte Sky zu. Mit der ihr eigenen Koordination griff Sky genau daneben und die Tüte klatschte auf den Boden. Ein Rosinenbrötchen rollte heraus und landete schneller zwischen Lutz’ Zähnen als Sky gucken konnte. »Tchmecht auschgetcheichnet«, nuschelte der Hengst.
»So, das Einhorn spricht also mit dir?«, meinte Violet skeptisch und Sky wandte sich ihr zu. »Bist du dir sicher, dass nicht vielleicht doch irgendwas mit dem Wasser ist? Vielleicht enthält es halluzinogene Substanzen oder so was.«
Ein Schnauben von Arzan erläuterte, wie absurd er diese These fand. Schließlich hatte er das Wasser getestet.
Sky verschränkte ihre Arme vor der Brust und starrte die einen halben Kopf größere Violet an. Seit sie befreundet waren, musste Sky sich damit abfinden, in ihrer Gruppe die Kleinste und Jüngste zu sein. Nicht, dass Alter wirklich etwas bedeutete, wie Reds Verhalten immer wieder bewies.
»Du hast hingenommen, dass wir an einen Ort katapultiert wurden, der nicht die Erde ist. Auch, dass hier ein Einhorn grast, lässt dich kalt. Aber wenn ich das Einhorn verstehe, zweifelst du meinen Verstand an? Ist das wirklich verrückter als der ganze Rest?«
Violet runzelte die Stirn und schaute von Sky zum schmatzenden Einhorn und wieder zurück. »Wenn du es so formulierst, vielleicht nicht. Aber das bedeutet, dass wir vielleicht Opfer einer Massenhysterie sind. Oder, dass diese Welt auch uns verändert.«
»Müssten wir nicht eigentlich viel mehr an unserem Verstand zweifeln?«, warf jetzt Red ein. »Ist doch komisch, dass wir in einer anderen Welt landen, und das als selbstverständlich hinnehmen.« Schweigen legte sich über die drei Frauen. Sky wusste, was ihnen allen durch den Kopf ging: Jede von ihnen hatte sich zu irgendeinem Zeitpunkt in ihrem Leben gewünscht, irgendwo anders, nur nicht in ihrem Alltag auf der Erde gefangen zu sein. Und selbst wenn diese Welt nicht dem entsprach, was sie sich in ihren wildesten Träumen ausgemalt hatten, es handelte sich um ein Abenteuer, das sie normalerweise nur zwischen den Seiten eines Buches oder auf der Leinwand eines Kinos erleben konnten.
»Wir haben eindeutig mehr Beweise für ein reales Ereignis als für eine Halluzination«, durchbrach Arzan die nur vom kauenden Einhorn untermalte Stille. »Noch dazu bezweifle ich, dass mein Gehirn sich ein gehörntes Pferd herbeihalluzinieren würde.«
Erleichtert, dass selbst der Skeptischste unter ihnen nicht daran zweifelte, dass sie in einer anderen Welt gelandet waren, widmete Sky ihre Aufmerksamkeit wieder dem Einhorn. Sie erinnerte sich an den Bauern von gestern und wie er sie für die Herzogin Cylin Calbury von Rosewood gehalten hatte. Wäre etwas beeindruckender, als wenn sie auf einem Einhorn heranreiten würde?
Wie sollten sie die Menschen davon überzeugen, dass es sich bei ihr wirklich um diese Adlige handelte? Immerhin kannten sie sich nicht aus. Wenn sie in einen Cosplay-Charakter schlüpfte, wusste sie alles über die Figur, die sie spielte. Wie sie sprach, wie sie sich bewegte, ihre Eigenheiten. Jedes Detail ihrer liebsten Fae-Lady kannte sie in- und auswendig, Lebenslauf, Hobbies, in welche Kleider sie sich in welchem Buch in welcher Szene kleidete. Für ihren liebsten Anime-Charakter trug sie farbige Kontaktlinsen, weil der violette Augen besaß und keine blauen wie Sky selbst. Jedes Detail zählte im Cosplay. Und Sky zweifelte nicht, dass sie bessere Chancen in dieser fremden Welt hatten, wenn sie als Adelsleute durchgingen. Nur wie sollten sie das bewerkstelligen, ohne Wissen darüber, wen sie darstellten?
Wohl wissend, wie bescheuert das für ihre Freunde klingen musste, wandte sie sich an Lutz. »Sag mal, kennst du dich zufällig mit den menschlichen Adelshäusern aus? Sagt dir Cylin Calbury von Rosewood etwas?«
Das Einhorn wieherte empört. »Was gehen mich Klatsch und Tratsch der Menschen an?« Er schüttelte seine Mähne, die ein bisschen schmutziger war, als Sky es von einem Einhorn erwartet hatte. Altes Laub hatte sich darin verfangen und Sky zupfte einen ganzen Ast heraus. So majestätisch, wie er auf den ersten Blick gewirkt hatte, war Lutz nicht. »Wenn du dich für die Menschen interessierst, musst du die Vögel fragen. Die kommen rum und erfahren viel. Außerdem sind sie wahnsinnig neugierig. Die wussten noch vor mir, dass Wilfried mich ...« Er hielt inne und Sky konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm irgendetwas maßlos peinlich war. Aber der Hengst lenkte ab, bevor sie nachfragen konnte. Auch die Frage, ob alle Einhörner so altbackene Namen besaßen, verkniff sie sich.
Sollte sie versuchen, die Vögel zu befragen? Immerhin konnte sie mit einem Einhorn sprechen und die anderen nicht. Wäre das viel unwahrscheinlicher als alles, was bislang passiert war? Andererseits würde sie dann den Rest ihres Lebens den Spitznamen Disney-Prinzessin tragen, wenn ihre Freundinnen das mitbekamen. Und das wollte sie auf jeden Fall verhindern.
»Okay, lasst uns eine würdige Vorstellung abliefern. Gleiche Kostüme wie gestern, nur nicht in der billigen, sondern in der pompösen Version. Schnelles Frühstück und dann in die Gewandungen.«
Violet hob ihren Arm und schnupperte kurz. »Ich hätte ehrlich gesagt auch nichts gegen eine schnelle Katzenwäsche einzuwenden. So eine Nacht im Auto sorgt nicht gerade für Wohlgerüche. Und das gilt nicht nur für mich.« Sie blickte vielsagend in die Runde.
Sky verzichtete darauf, ebenfalls einen Geruchscheck bei sich durchzuführen, stattdessen wanderten sie in Zweiergruppen zum Bach von gestern, füllten ihre Wasservorräte auf und wuschen sich, soweit es ging. Sky dachte kurz darüber nach, welchen Schaden ihre Seife wohl dem hiesigen Ökosystem antun würde, tröstete sich aber damit, dass sie immer die Bio-Marke kaufte. Und es hier hoffentlich Seife zum Nachkaufen gab.
Ihr Frühstück aßen sie schweigend, vielleicht weil alle von ihnen wussten, dass ihre Nahrungsmittel nicht ewig reichten, mehrere Tage maximal, wenn sie ordentlich streckten. Danach hinge ihr Überleben von dem ab, was sie in der Wildnis fanden oder dem, was ihre Wertgegenstände hier einbrachten.
Sky kniff sich in ihren Bauchspeck, der um einiges umfangreicher war als der ihrer Freundinnen. Sie machte sich nichts aus Sport und obwohl ihre Arbeit als Erzieherin Bewegung verlangte, reichte die nicht aus, um Eiscreme und Kuchen, die sie gegen Liebeskummer vertilgte, auszugleichen. Doch jetzt gerade empfand sie Dankbarkeit dafür, dass sie mehr wog, als TikTok-Beauties vorgaben. Verhungern würde definitiv länger bei ihr dauern und vielleicht konnte sie sogar für die anderen auf Essen verzichten. Sie wusste, dass weder Red noch Violet oder Arzan das annehmen würden, aber sie würde für ihre Freunde hungern.
Zum Glück lag das in der Zukunft. So wie der Winter in Ronja Räubertochter. Als Ronja mit Birk in den Wald gezogen war, um allem Unheil zu entkommen.
Sky würde dieses Abenteuer als den Sommer ihres Lebens betrachten. Eine unglaubliche Chance. Sie konnte bestimmt auch ohne ihre Familie klarkommen und vielleicht sogar ohne ihre Katzen. Ihre Katzen würden jedenfalls ohne sie auskommen. Besonders, da ihre Schwester Antonia immer extra Leckerchen verteilte.
Sky hüllte sich in ihr himmelblaues Prinzessinnenkleid mit dem bauschigen, mehrlagigen Rock mit einem Unterrock, den sie so abgewandelt hatte, dass sie nicht dauernd drauftrat. Viele dieser Unterröcke waren einfach für langbeinige Diven entworfen, nicht für die normale Trägerin mit O-Beinen. Ganz zu schweigen davon, dass sie ihn auch etwas hatte weiten müssen, da er ursprünglich für Größe 36 ausgelegt worden war, aber als Unisize beschrieben wurde.
Nächstes Jahr wollte sie selbst einen anfertigen, wenn sie zurückkehrten. Wovon Sky erst einmal fest ausging. Für diese Leipziger Buchmesse hatte sie viel Wert auf die Stickereien im Oberrock gelegt, über den sich feine silberne Sterne legten. Red hatte sie entgeistert angestarrt, als sie begonnen hatte, von Hand hunderte von Sternzeichen zu sticken und darauf hingewiesen, dass sie auch einfach einen Stoff mit fertigem Muster verwenden konnte. Aber das kam für Sky nicht in die Tüte. Ihre halbe Familie bestand aus Schneiderinnen, da würde sie auf gar keinen Fall einen Stoff mit bedruckten Sternen kaufen. Auch die Korsage des Oberkleides, die Red ihr schnürte, hatte sie selbst genäht. Der einzige Part, über den sie etwas geflucht hatte, waren die Puffärmel mit den Ovalen aus weißem Stoff. Ärmel erwiesen sich immer wieder als Skys persönliche Nemesis, doch Puffärmel hatten ihr den Krieg erklärt, und das, obwohl sie tatsächlich ihre Mutter um Hilfe bat, was sie ansonsten vermied.
Ihre Mutter hatte es immer noch nicht verkraftet, dass nicht Sky die Familienschneiderei übernehmen würde, sondern ihre Cousine Pilar. So gern Sky schneiderte und so sehr sie auch ein Talent für den Umgang mit Kunden und Smalltalk mit älteren Damen hatte, diesen Beruf hatte sie nicht ausüben wollen. Vor allem da der Alltag in einer Schneiderei nicht aus dem Entwerfen von Cosplays und Ballkleidern bestand, sondern dem Auswechseln von Reißverschlüssen. Sie hatte als Kind hunderte von ihnen auswechseln und tausende Knöpfe annähen müssen.
Warum konnten Menschen das nicht selbst? Bei etwas so Einfachem konnte jeder nebenher noch eine Serie streamen. Nein, auch wenn der Gedanke, sich vielleicht auf Abendmode zu spezialisieren, verlockend gewesen wäre, das Risiko wollte Sky nicht eingehen. Was, wenn sie scheiterte? Sie mochte ihren Job als Erzieherin. Kinder agierten stets unvorhersehbar und kein Tag glich dem anderen. Bei ihnen besaßen jede Frage und jeder Satz tieferen Sinn oder war einfach durchweg albern. Kinder sagten nichts wie »Ob das Wetter so bleibt?«, sondern stellten Fragen wie »Warum regnet es eigentlich? Wie schafft der Wind es, Wolken wegzuwehen?« Eine sprudelnde Neugier, die sie selbst zum Nachdenken brachte und ihr Wissen jeden Tag vertiefte. Nicht, dass ihr das etwas nützte, als sie jetzt in ihrem Kleid am Rand eines Ackers stand und in ihre Sneaker schlüpfte.
Der Bauer hatte gefragt, ob sie die Prinzessin sei, in ihrem Gewand, aber ihre Haarfarbe hatte ihn irritiert, da es wohl hieß, ihre Hoheit habe goldene Locken. Sky schnaubte. Was für ein Klischee. Zum Glück besaßen sie gemeinsam eine recht eindrucksvolle Perückensammlung, auch wenn Arzan sich meistens wehrte, Perücken zu tragen und mit seinen eigenen Haaren, silbergrau und kurzgeschnitten, vorliebnahm.
Sky wusste nicht, wie ihm das gelang, aber der Grauton, den seine Haare schon mit Mitte dreißig angenommen hatten, wirkte wie aus einem Anime. Die ihrer Oma, die einstmals schwarze Locken getragen hatte, standen ihr nun drahtig-grau vom Kopf ab und sie fluchte jedes Mal, wenn der Friseurbesuch zu lange her war. Sky hoffte inständig, sie würde im Alter so schönes grauweißes Haar wie Arzan bekommen.
Stattdessen suchte sie nun eine der blonden Perücken aus, hochgesteckt und mit gecurlten Löckchen an der Seite. Ein Hauch Bridgerton und ein Touch Feenprinzessin. Nachdem sie ihre braunen Haare in ein Netz gequetscht hatte, setzte sie die Perücke auf, wobei sie darauf achtete, dass die Locken ihr Gesicht seitlich umrahmten. Im Außenspiegel kontrollierte sie, ob alles richtig saß. Sie zerrte den Kopfschmuck noch etwas nach hinten, damit der Ansatz ihrer echten Haare so gerade eben verborgen blieb. Dann fixierte sie die Perücke mit einigen gezielt gesetzten Haarnadeln und betrachtete ihr Werk.
»Fast perfekt«, bemerkte Violet, die hinter sie trat. Gekonnt zupfte sie ein paar Locken zurecht, schob eine Strähne zurück in die Hochsteckfrisur an Skys Hinterkopf und ging dann einmal mit Haarspray über die Frisur, das sie aus ihrer Tasche zauberte.
Violet selbst war kaum wiederzuerkennen, hatte sie ihre blonden Haare doch unter einer strubbeligen, braunen Kurzhaarperücke versteckt. Zu ihrem Cosplay gehörte eine asymmetrische ocker-grüne Ledercorsage, die sich um ein dunkelgrünes Wams wickelte. Dazu Schulterplatten aus dunkelbraunem Leder und passende Armschoner. In ihrem Waffengürtel steckten statt die üblichen Tränke und Pülverchen ihr Taschenmesser, eine Taschenlampe und eine Trinkflasche. Dazu trug sie einen schwarzen Kapuzenumhang, der direkt aus Assassin’s Creed hätte stammen können.
Violets Interpretation der Assassinin assoziierte Sky immer mit einem Endzeit-Link. Zelda Apokalypse wäre ein Spiel, das Sky ohne zu zögern spielen würde, wenn es das denn gäbe. Im Zuge der Ausschlachtung sämtlicher erfolgreicher Franchises wäre es hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis jemand diese Idee weiterverfolgte.
Arzan schlüpfte in eine graue Robe und befestigte verschiedene Gürtel um seine Hüfte, bevor er seine Brille gegen eine grünlich verspiegelte Steampunk Version austauschte. Plötzlich sah er gar nicht mehr wie der IT-Nerd aus, sondern wie der geheimnisvolle Gunslinger, der die Helden im letzten Moment rettet. Oft fragte Sky sich, ob sie ohne Violet wohl mit Arzan befreundet wäre. Die hatte Arzan in League of Legends kennengelernt, schon bevor sie und Sky sich auf der Dokomi gefunden hatten.
Arzan schwieg und seine Blicke sagten mehr als tausend Worte. Allerdings nicht im romantischen, sondern im skeptischen Sinn. Das mochte daran liegen, dass er ursprünglich aus Ostfriesland stammte und Nordlichter bekanntlich nicht zu vielen Worten neigten. Während die gute Red aus Köln ohne Punkt und Komma quasseln konnte.
Nachdem Arzan die Schule gewechselt hatte, freundeten sich die beiden dank einer Rollenspielrunde an. Und so wie Red erzählte, wurde sie von Arzans Familie halb adoptiert und saß dort jeden zweiten Tag beim Mittagessen nach der Schule, da sie sich in ihrer Pflegefamilie nicht wohlfühlte.
Red kämpfte gerade mit den letzten Teilen ihrer Plattenrüstung, die sie komplett anlegte. Es handelte sich nicht um eine klassische Ritterrüstung, sondern um ein abgefahrenes Design, das irgendwo zwischen Anime und Warhammer lag.
Sky vergaß immer, an welchem Charakter Red sich orientierte, die mehr High Fantasy als Manga und Romantasy las. Aber das spielte auch keine Rolle. Red wirkte in dieser Rüstung, als hätte sie nie etwas anderes getragen, vor allem mit dem Schwert posierte sie mit vollendeter Eleganz. Der langjährige Kendo Unterricht unterstütze diese Ausstrahlung.
Sky ließ kurz das Gesamtbild ihrer Truppe auf sich wirken und nickte dann zufrieden, bevor sie sich Lutz widmete. »Okay, ich steige dann auf.«
»Viel Spaß«, bemerkte der Hengst, der sich gerade Gras vom Boden zupfte und sie amüsiert anzublicken schien. Erst jetzt fiel ihr auf, dass der Rücken des Einhorns – oder nannte man den Widerrist, hatte sie so etwas nicht mal in einem Pferderoman gelesen? – sich auf Höhe ihrer Augen befand. Wie zur Hölle sollte sie da rauf kommen? Entschlossen setzte sie ihre Hände auf dem Einhornrücken auf und wollte sich hochziehen. Weit kam sie allerdings nicht, da sie ihr Gewicht nicht einen Zentimeter emporgehoben bekam. Vielleicht hätte sie doch mal ins Fitnessstudio gehen sollen, wie ihre Mutter das immer vorschlug.
»Was wird das jetzt?«, fragte Lutz und Sky meinte eindeutig Schadenfreude in der Stimme des Hengstes zu hören, die sie an Johnny Depps Synchronstimme erinnerte. »Ich steige auf deinen Rücken«, erklärte sie ihm verschnupft.
Lutz wieherte amüsiert. »Gut, dass du mir das sagst, da wäre ich nie draufgekommen. Fühlt sich nämlich nicht so an. Und wenn ich mir das so ansehe ...« Er drehte ihr den Kopf zu und wieherte erneut.
Zum Glück hatte Red ein Einsehen, trat kommentarlos neben sie und verschränkte ihre Hände zu einem Steigbügel. Sky setzte dankbar ihren Fuß hinein und drückte sich mit Reds Hilfe nach oben, wo sie für einen Moment wie eine gestrandete Qualle herumwaberte. Doch Red schob ihren Po hinterher und es gelang Sky, das rechte Bein und all ihre Röcke über den Einhornhengst zu schwingen, bis sie gerade auf seinem Rücken saß. Dabei erfuhr sie, warum in Reitschulen meistens mit Sattel geritten wurde, denn zumindest Einhornrücken bestanden aus Knochen, die sich in empfindliche Stellen bohrten. »Kann ich ein Kissen bekommen?«, fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen und Red reichte ihr eine Nackenrolle, die Sky sich unter den Po schob. Besser.
Red, Arzan und Violet schulterten ihr Gepäck und schafften es, Lutz zu überzeugen, noch Skys Tasche zu tragen. Dann begaben sie sich auf den Weg den Hügel hinunter, in der Hoffnung, irgendjemanden zu finden, der ihnen sagen konnte, wie sie zurück in ihre Welt gelangten.
Die Heroldin drehte gerade ein Glas Wein in ihren Händen, als die Botschaft über eines der Terminals kam. Kein Bote hatte gewagt, ihr selbst die Nachricht zu überbringen und zurecht, denn sie schleuderte ihr Weinglas mit voller Wucht gegen die Wand, wo es in einem Scherbenregen zerplatzte und der Wein auf den antiken Teppich hinabperlte.
Dann griff sie zu dem nächstbesten Objekt, das sich zum Werfen eignete und donnerte das silberne Tablett mit den Schnittchen dem Weinglas hinterher, wo es müde auf den Boden polterte, nachdem es im Flug Gürkchen, Brot und Aufschnitt im Raum verteilt hatte. Sie krallte sich mit ihren Händen in die Lehnen ihres Thrones, wobei ihre langen roten Fingernägel Kratzspuren im Holz hinterließen, und stieß sich dann ab, um quer durch den Raum zu stürmen. Vor dem Spiegel hielt sie, betrachtete einen Moment ihre Silhouette. Eine schwarz-violette Samtrobe hüllte sie ein, wobei ihre Beine in Hosen gehüllt waren, nur nach hinten legte sich ein Rock um ihre Taille. Auf den langen, schneeweißen Haaren thronte ein silbernes Diadem mit fliederfarbenen Edelsteinen, die sie von den von ihr eroberten Welten geraubt hatte. Ihre braunen Augen zeigten goldene Sprenkel, wie immer, wenn sie sich ärgerte. Und jetzt ärgerte sie sich so maßlos, dass ihr die Röte in das blasse Gesicht stieg und ihre hohen Wangenknochen betonte.
Wie konnten sie es wagen?
Sie aktivierte den Spiegel, bei dem es sich eigentlich um einen multidimensionalen Screen handelte und holte sich die Karte auf den Schirm, um den Ursprung des unautorisierten Sprunges zu orten. Jeder Sprung durch das Multiversum musste von ihr genehmigt werden, wenn er nicht durch eines der überwachten Portale führte. Doch hier, am Rand der Welten, in Welt X72.9 hatten die Wächter einen unerlaubten Übergang mit unbekanntem Ursprung registriert. Kein Wunder, dass sich keiner von diesen Memmen getraut hatte, ihr unter die Augen zu treten. Die letzten freien Portalspringer hatte sie selbst vors Kriegsgericht gebracht und dass es nun einen unautorisierten Sprung mit fremder Signatur gab, konnte nur eines bedeuten: Die Rebellen hatten einen neuen Weltenspringer gefunden, der Tore durch das Multiverse öffnen konnte.
Vor ihnen erhob sich Oildorf, das Dorf der Blumen, wie ein hölzernes Werbeschild voller Blütenschnitzereien mit einschlägigen Slogans versicherte. Das Schild entsprach eins zu eins einer Plakatwerbung ihrer Welt, lud Touristen zum Verweilen und Händler zum Geschäftemachen ein. Violet ging dem kleinen Tross voran, hinter ihr Lutz das Einhorn mit Sky auf dem Rücken und Red und Arzan hinterher, die über irgendeine Dungeons-and-Dragons-Regel diskutierten.
Violet wünschte sich, sie würden ihre Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt richten und nicht darauf, ob ihre Rollenspielcharaktere dieser Welt gewachsen wären. Aber sie wusste auch, dass beide so ihre Unsicherheit überspielten. Niemand war je zu erwachsen, um sich vor neuen Herausforderungen zu fürchten, und diese ganze Situation betrachtete Violet immer noch als surreal, ein Traum, aus dem sie jederzeit erwachen konnte, egal welche Beweise Arzan für das Gegenteil heranzog. Reisen in andere Welten entsprachen nicht den Möglichkeiten ihrer Realität, daher, wenn sie eine Deduktion à la Sherlock Holmes gebrauchte, konnte all das nur heißen, dass sie träumte.