Das Fest des Feuers - Jakub Malecki - E-Book

Das Fest des Feuers E-Book

Jakub Małecki

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Beschreibung

Die junge Lucja verlangt ihrem Körper Extremes ab. Sie gilt als aufstrebender Star des Nationalballetts in Warschau und steht an der Schwelle zu einer großen Karriere – aber wird sie die Hauptrolle tanzen im Fest des Feuers? Ihr Vater ist liebevoll, scheint jedoch immer stärker vor etwas zu flüchten und liebt es, in der Wohnung seines besten Freundes allein zu sein – hat er Angst vor der Zukunft oder vor der Vergangenheit? Ihre jüngere Schwester Anastasia, von Geburt an spastisch gelähmt, beobachtet aus dem Rollstuhl heraus das Leben. Klug, lustig und neugierig wie sie ist, blickt sie heiter auf die Welt, auf die äußeren wie inneren Bewegungen der Menschen, und lässt uns teilhaben an ihrer Fröhlichkeit und ihrem Optimus. Im Laufe ihres jungen Daseins hat Anastasia eines besonders gut gelernt: zu schauen, selbst mit den Augen der anderen. Und manchmal tut dieser Blick wirklich weh, denn er vermag an eine Frage zu rühren, die wie ein unsichtbares Band alle an einem wirklich freien Leben hindert: Was geschah mit der Mutter? Als eines Tages die temperamentvolle Nachbarin Josefina an die Tür klopft, nimmt das Leben der kleinen Familie eine unerwartete Wendung. Das Fest des Feuers ist eine intime Geschichte über das Überschreiten von Grenzen und den Preis, den man dafür zahlen muss. Über den Hunger des Lebens, die Konfrontation mit dem Unmöglichen und ein Familiengeheimnis, das viel zu lange verschwiegen wurde. Jakub Małecki erzählt auch hier wieder in der für ihn so typischen Sprache: klug, berührend, überraschend, voller Kraft und mit einer unfassbaren Empathie für seine Figuren

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Seitenzahl: 236

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jakub Małecki

Das Fest des Feuers

Roman

Aus dem Polnischen von

Renate Schmidgall

Jakub Małecki

Das Fest des Feuers

ROMAN

Aus dem Polnischen vonRenate Schmidgall

Die Veröffentlichung dieses Buches wurde durch ©Poland Translation Program unterstützt.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Święto Ognia

©2021 SQN, Krakau.

Die vorliegende Übersetzung basiert auf der 2023 erschienen veränderten Auflage der Originalausgabe.

Erste Auflage

© 2024 by Secession Verlag für Literatur, Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Renate Schmidgall

Lektorat: Christian Ruzicska

Korrektorat: Hans Hartnack

www.secession-verlag.com

Umschlagentwurf und Gestaltung: Eva Mutter, Barcelona

Bild: Master1305/Freepik

Umschlag und Inhalt gesetzt aus Crimson Text und Blaak

Satz: Ulrike Verena Heuter

eISBN 978-3-96639-122-1

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel1

Platsch-platsch-platsch, ich springe über die Pfützen, und die Leute gehen an mir vorbei, Damen und Herren, und denken sich: Na bitteschön, was für ein nettes Mädchen springt da über die Pfützen, und ich lächle sie an und sie mich auch, obwohl ich ja schon zwanzig bin und zu Hause sitze, im Rollstuhl, und sie nur durch die Fensterscheibe sehe, aber das macht nichts, denn man kann überall über Pfützen springen, sogar zu Hause im Rollstuhl, auch wenn man zwanzig ist, das ist ja klar.

Bald langweilt mich das, ich mag es, wenn ein bisschen mehr passiert, also wende ich mich von den Pfützen ab und gucke, was in der Welt noch so los ist, im Hof zwischen den Mietshäusern. An der feuchten Wand hat sich wie immer ein dunkler Fleck in der Form eines Ohrs gebildet, Frau Józefina raucht mit einer Perlenkette um den Hals am Fenster eine Zigarette und schnippt die Asche in ein leeres Glas, und auf der Bank in der Ecke kämmt der Herr-aus-der-Sechs seinen zotteligen Hund.

Papa sagt:

»Prinzessin, dein ergebener Diener möchte dir mitteilen, dass das Frühstück fertig ist. Ist die Prinzessin so gut und kommt zum Essen, oder soll der Diener wieder gehen und allein essen? Der Diener ist nämlich seeehr hungrig!« Und er beißt mich dabei in den Hals wie eine Schlange.

Bei diesen Späßen läuft mir meistens der Speichel, so auch jetzt, also wischt Papa ihn ab, und dann bringt er die Sachen und stellt sie vor mich hin, und wir beginnen zu essen. Es gibt gelben Käse mit Brot, Senf und Radieschen. Von dem Radieschen fällt mir ein Stückchen aus dem Mund, aber das macht nichts.

* * *

Ich heiße Anastazja Łabendowicz, bin zwanzig Jahre alt, habe eine ältere Schwester, einen noch älteren Vater, ein gebrauchtes iPhone 5, ein gerahmtes Foto von mir in den Bergen, einen speziell für mich eingerichteten Computer, jede Menge Bücher, Comics und zwanzig Kastanien, denn Papa bringt mir jeden Herbst eine, seit ich auf der Welt bin.

Mein eigenes Lieblingskörperteil sind meine Haare. Die Farbe ist, als hätte man Erdnussbutter mit ein bisschen Milch vermischt. Lang sind sie, fast bis zur Hüfte. Łucja kann einen Zopf flechten, einen normalen oder einen ausgefallenen, und wenn sie kommt, entwirrt und kämmt sie meine Kabel, wie sie sagt, und flicht sie dann neu, ganz schön und dicht. Dabei erzählt sie mir alles Mögliche, was ich sowieso schon weiß.

An zweiter Stelle kommen meine Augen. Groß und ausdrucksstark. Papa sagt, man hat Angst, Leute in die Wohnung zu lassen, weil sie sich massenweise in mich verlieben könnten, und er weiß gar nicht mehr, wo er all die Typen vergraben soll, die sich schon verliebt haben und die er um die Ecke bringen musste, weil ich ja nur ihm gehöre. Morgens sind meine Augen blau, tagsüber eher grün und abends wieder blau, es sei denn im Bad unter der Lampe – da ist es schwer zu sagen.

Besonders groß bin ich nicht, und ich wiege nicht viel, meine Haut ist hell, ich sehe ganz nett aus, denke ich. Und ich bin plastisch gelähmt, schon immer, aber das macht nichts, denn dadurch bin ich eine Ausnahme und schön, sagt Papa; und Papa hat immer recht, auch wenn er ein bisschen falsch liegt, zum Beispiel, wenn er das Ergebnis eines Fußballspiels voraussagt, und es kommt anders. Auch dann hat er recht.

* * *

Ich fahre ins Wohnzimmer. Hier gehen die Fenster auf die Krucza-Straße, wo sich ständig verschiedene Wettrennen abspielen. Ich drücke manchmal gern irgendwem die Daumen. Obwohl bei diesen Wettkämpfen nie jemand gewinnt, ich weiß nicht einmal, wozu sie alle so rennen, vielleicht macht es ihnen einfach Spaß. Alles hier ist mir so vertraut, dass es zu mir gehört, das Fenster, der Sims, der Fußgängerüberweg, die drei Bäume, der Lebensmittelladen und ein Stück des Cafés, denn das ganze sehe ich leider nicht, es sei denn, ich lehne mich weit hinaus, aber dabei muss mir Łucja helfen; dann die Ampel an der Kreuzung und die Taube, die soeben auf dem Fenstersims landet, die ist mir ebenso vertraut und gehört zu mir. Ihre kleinen Füße kratzen auf dem Fenstersims, während ich durch die Scheibe schaue, sie ist grau-violett-grau und sieht mich nicht, sie neigt nur das Köpfchen und beobachtet die Straße, wie ich.

Alle fahren oder gehen irgendwohin, das heißt, eigentlich laufen sie, aber so, dass man nicht merkt, dass sie laufen, und ein Junge auf dem Fahrrad bleibt stehen und rückt die Tasche über der Schulter zurecht, groß und schlank ist er, hat kurzes Haar und ein farbiges Tattoo am Hals – ich überlege, ob er vielleicht zu mir herschauen wird, aber das tut er nicht, er fährt weiter, sobald das Rot wieder auf Grün umspringt. Die Taube fliegt fort, vielleicht habe ich sie erschreckt, aber das macht nichts, sie kommt wieder, und wenn nicht die, dann eine andere – ich rühre mich ja nicht vom Fleck.

* * *

Łucja sitzt jetzt bestimmt im Bus, vielleicht ist sie auch schon ausgestiegen und geht über den nassen Bürgersteig, in ihrer zierlich-leichten Art, vielleicht biegt sie in die Molièrestraße ein und trifft auf Bekannte, womöglich raucht sie sogar mit jemandem eine Zigarette, was sie mir nicht sagen würde. Gleich wird sie sich umziehen und den Probensaal betreten; da sind Spiegel, es riecht nach Holz, und die Neonlampen summen; das klingt, als hätte man ein Insekt in einem Glas gefangen.

Bei Łucja sind alle Tage genau gleich, nur haben sie verschiedene Namen, nicht wie bei mir – ich kann immer mit etwas Spannendem rechnen, was im Hof oder in der Kruczastraße passieren könnte, oder in einem meiner anderen Leben, und manchmal tut mir Łucja ein bisschen leid, dass sie immer nur in einem Leben steckt, in ihrem eigenen.

Papa kratzt über den Boden, genauer gesagt, der Besen in Papas Hand, wenn er neben mir, hinter mir und wieder neben mir fegt. Er fegt oft, weil ich viel verliere, krümle und verstreue, obwohl ich mir große, große Mühe gebe, es nicht zu tun.

»Gerade war hier eine Taube, aber sie ist weggeflogen, so eine grau-violett-graue, weißt du?«

»Na, es hat dir geschmeckt, ja? Nur das Radieschen …«

»Eine Taube! Verstehst du nicht? Eine Taube, Papa!«

»Ich weiß, du magst nicht, wenn ich fege. Bin schon fertig.«

Enttäuscht seufze ich, denn es ist immer das Gleiche, aber ich versuche es immer wieder, weil ich denke, vielleicht ändert er sich ja irgendwann, vielleicht hört er irgendwann, was ich sage, und nicht, was er meint, dass ich sage, aber ich lebe ja schon eine ganze Weile auf dieser Welt und weiß so manches, deshalb fürchte ich, Männer sind generell eher stur.

Das ist übrigens recht unangenehm: Du willst etwas machen, und du machst etwas anderes. Zum Beispiel willst du sagen: »Ich mag doch Radieschen«, und du schnaubst durch die Zähne und spuckst Speichel auf die Hose. Du willst nach dem Löffel greifen und wirfst den Teller vom Tisch. Du willst aufstehen – und stehst nicht auf. Und so geht das den ganzen Tag.

Zum Glück gibt es jemanden, der imstande ist, hinter dieses Schnauben und Stöhnen zu blicken, hinter dieses Ächzen, hinter dem schließlich mein wahres Ich steckt. Ich weiß noch, wie das zum ersten Mal geschehen ist. Es ist schon lange her, ich war vielleicht fünf, und sie war fünfzehn, da hörte ich, wie sie Papa anschrie, der im Zimmer war:

»Sie sagt, sie mag den Pulli nicht, den sie zum Geburtstag bekommen hat!«

Papa kam her, das heißt, er kam gelaufen, sah sie an, dann mich, dann wieder sie.

»Was?«

»Na, sie sagt, sie mag den Pulli nicht.«

Papa zog mir den Pulli, den ich tatsächlich nicht mochte, aus, ich vergaß schlagartig alle Pullis der Welt, und am liebsten hätte ich mich Łucja an den Hals geworfen und hätte sie mit Küssen bedeckt, von Kopf bis Fuß, denn es war fast so, als hätte ich erfahren, dass ich doch gesund bin.

Seit der Zeit arbeitet Łucja als Übersetzerin aus meiner Sprache ins Polnische. Ich weiß, dass Papa darauf anfangs eifersüchtig war, denn er wäre gern die Ausnahme, er wäre gern der Einzige, der versteht, was ich sage, aber leider kann nicht jeder eine Ausnahme sein, sonst hätte das Wort ja keinen Sinn, oder?

Manchmal gelingt es uns natürlich, uns zu verständigen, allerdings eher durch Drücken oder mit den Augen, hauptsächlich aber mit meinem Joystick, wenn ich ihm die Buchstaben auf dem Bildschirm zeige; aber dass ich etwas sage, er antwortet und dann antworte ich – das geht nicht.

* * *

Łucja ist bestimmt schon im Probensaal und schaut in den Spiegel. Ihr Haar ist kürzer als meines, bequemer, sie trägt es oft zusammengebunden, mit einem Gummi oder einer Spange, Make-up benutzt sie nicht oder nur ganz wenig.

Jeden Tag ist sie vor allen anderen da. Sie rollt das grüne Gummiband auf, legt es unter ihre Zehen und zieht dann an, wobei sie den Fuß nach vorn und zur Seite bewegt. Der PVC-Boden ist kühl, rau und hart, bedeckt von den Spuren all der Dinge, deren Namen ich schon lange kenne: fouetté, entrechat, assemblé und so weiter. In der Ecke steht ein Flügel, der aussieht wie ein großes lauerndes Tier.

Spiegel gibt es an zwei Wänden, vom Boden bis zur Decke, und wo man auch hinschaut, ist Łucja: viele Quadratmeter mit meiner Schwester. Draußen auf den Straßen gehen Leute, die ihre Hobbys und Gedanken, ihre Ansichten wechseln wie die Reifen, von Winter auf Sommer und umgekehrt, heute sind sie so, morgen so, und ständig warten sie, dass in ihrem Leben wieder etwas passiert, doch sie, Łucja Łabendowicz, tut das Gleiche, was sie gestern getan hat, was sie vor einer Woche und vor einem Jahr getan hat, und was sie morgen, in zwei oder in fünf Jahren tun wird.

Vielleicht steht sie gerade an der Stange und wiederholt das plié, geht immer weiter hinunter, macht »Rücken-gerade!« und »Knie-nach-außen!« und dann verschiedene andere Übungen, die sie auswendig kennt und die auch ich kenne. In einer Stunde wird sie die Stimmen der übrigen Tänzer hören, die sich in dem langen Foyer versammeln, und schließlich wird die weiße Tür mitten in der spiegellosen Wand aufgehen, und herein kommen Witali, Monika, Yoko, Robert und Elwira, dann noch andere, der Saal wird sich füllen und nicht mehr nur Łucja gehören. Stimmen, Gelächter, Seufzer, das Geräusch aneinanderstoßender Fersen werden erschallen. Weitere Taschen werden an der Wand abgestellt, bekannte Gesichter und Füße treten ein. Yoko wird sicher Łucja umarmen, auf ihre Art, für einen Moment von hinten, denn das tut sie manchmal, und das ist sehr schön, fantastisch, ich weiß nicht, ob es Łucja gefällt, aber mir gefällt es auf jeden Fall.

Während des Unterrichts wird meine Schwester sich auf die Worte von Frau Kownacka, der Pädagogin, konzentrieren und die Bewegungen eine Sekunde vor den anderen ausführen: Sie stellt sich so hin, dass die Kownacka sie immer sehen kann, und packt in jede Figur so viel von sich, wie überhaupt nur geht, als wäre es kein Unterricht und auch keine Probe, sondern ein Auftritt auf der Bühne, denn genau so ist es mit Łucja: Sie meint, dass sie sich immer anstrengen muss, dass alle immer zusehen, dass sie immer auf der Bühne steht.

* * *

Dann essen wir zu Mittag, Papa und ich. Es gibt Möhren mit Soße und Kartoffeln, und mit Boulette, und ich mag alles davon. Zum Nachtisch zwei Tabletten, die die Muskeln lockern, und ein Schokoladentörtchen, rund und weich.

Dann kehre ich in mein Zimmer zurück. Es riecht nach der Stadt. Draußen ist es heute etwas kühl, aber das Zimmer ist voller Sonne. Rechts an der Wand steht mein Bett mit Fernbedienung, in dem die vom Training müde Łucja manchmal gern rauf und runter fährt, rauf und runter. Auf meinem Bett liegt eine sehr schöne Decke, meine Lieblingsdecke, rot mit Fransen an den beiden kürzeren Seiten; ich nenne sie Stefan, aber ich hab keine Ahnung warum. Als Papa sie gekauft hat und ich sie zum ersten Mal sah, dachte ich einfach: Stefan. Auf der Decke liegt ein altes Kissen, das wir vom Meer mitgebracht haben, ziemlich abgenutzt, aber ich lasse nicht zu, dass es weggeworfen wird, und eine Rolle mit Stacheln, die meinen Körper kennt wie sonst niemand.

In der Ecke habe ich einen Toilettenstuhl, für dringende Fälle, dann zwei Bälle für Übungen, ein gerahmtes Plakat von Cloud Atlas, das wir seit einem halben Jahr nicht aufhängen, weil ich ständig überlege, wo, und daneben ein zusammengeklapptes Lauflerngerät für Übungen. In der anderen Ecke, an der Tür, ist mein Lieblingsplatz im ganzen Zimmer, das heißt ein kleines Tischchen auf super schiefen Beinen, darauf eine große Monstera, die ich selbst – mit Papas Hilfe – gieße. Dann ein weißer Schreibtisch, der Computer, und darüber ein Regal mit Büchern, obwohl ich eigentlich eher Hörbücher höre, neulich zum siebten Mal die Kyberiade.

Einen Großteil des Tages verbringe ich im Internet und traktiere meinen armen bunten Joystick. Die Top 3 in letzter Zeit sind: eine Seite, auf der nur Fotos von Pfützen aus verschiedenen Filmen zu sehen sind, eine App, mit deren Hilfe man mit einer künstlichen Intelligenz reden kann (sie heißt Cleverbot), und ein Blog, auf dem ich mir Bilder früherer Schneestürme angucke. Und ich habe überall ein Konto, wo man eines haben kann.

Papa sagt:

»Der ergebene Diener möchte fragen, ob die Prinzessin bereit für den täglichen Hokuspokus ist, der ergebene Diener kann es nämlich kaum noch erwarten.« Und plötzlich greift er mit einem Schrei nach meinem linken Fuß, und ich quietsche und pruste, hauptsächlich, um ihm eine Freude zu machen.

Der Hokuspokus ist die Rehabilitation. Früher kam dafür Herr Antek. Der war recht nett, aber teuer. Er kostete 120 Zloty, da war nichts zu machen. Und weil er täglich kam, hat Papa sich das genau ausgerechnet und sich zu einem Massage-Kurs angemeldet, danach noch für manuelle Therapie, und als er das alles absolviert hatte, sagte er Herrn Antek, dass er am Montag nicht wiederkommen muss.

Jetzt ist also Papa mein Herr Antek, was große Vorteile hat, hauptsächlich, weil Papa nichts kostet. Wir üben intensiv anderthalb Stunden am Tag mindestens, denn wenn wir das nicht täten, dann würde das geschehen, was die Ärzte als gar-nicht-auszudenken bezeichnen.

Wenn ich übe, denke ich fast immer an Łucja und daran, dass sie in diesem Moment bestimmt ebenfalls übt, und ich stelle mir vor, dass wir es zusammen tun, nebeneinander, und beide schielen wir: sie nach mir, ich nach ihr; und irgendwann bewege ich mich wie sie, und sie bewegt sich wie ich, wir haben die Rollen getauscht, denn schließlich sind wir Schwestern, und eigentlich kann man sagen, dass wir genau das Gleiche tun, ich mithilfe von Papa und sie mithilfe von sich selbst. Beide rackern wir uns mit unserem Körper ab und versuchen, ihn zu etwas zu zwingen, das er absolut nicht will. Aber ich weiß nicht, vielleicht geht’s im Leben genau darum.

* * *

Dann kehrt Papa zu seiner Arbeit zurück, und ich schaue wieder in den Hof und warte: Vielleicht kommt Mateusz vorbei, obwohl – es ist eher noch nicht seine Zeit. Dafür erscheint die Putzfrau – die neue – mit einem Eimer auf Rädern, einem Mopp und einem Wagen, gespickt mit Lappen und Sprühzeug, und plötzlich hält sie an der einzigen Stelle an, wo Sonne ist, lässt alles auf dem Boden stehen, hebt mit geschlossenen Augen den Kopf und ist einfach nur da. Sie tankt Sonne, und ich schaue sie an und spüre allmählich die Wärme im Gesicht und die Müdigkeit in den Beinen, aber der Herr-aus-der-Sechs, der gerade mit dem Hund losgeht, unterbricht uns ziemlich schnell, und ich bemerke sofort, dass er sich neue Schuhe gekauft oder welche geschenkt bekommen hat. Schöne weiße Sportschuhe, solche hatte er noch nie, bestimmt freut er sich über sie. Er nickt der Putzfrau zu, sie nickt zurück, und erschrocken, dass man sie bei diesem schamlosen Einfach-nur-da-Sein erwischt hat, bückt sie sich und sammelt ihre Geräte zusammen, und als sie aufschaut, bemerkt sie mich, und mir wird plötzlich am ganzen Körper heiß. Sie winkt mir, ich versuche ebenfalls, ihr zu winken, was damit endet, dass ich ganz nach rechts ausschlage und mein Kopf an die Wand zurückfällt.

Als sie im Nachbareingang verschwindet, schaue ich noch eine Weile, es gibt immerhin die Chance, dass Mateusz früher nach Hause kommt und an meinem Fenster vorbeigeht, und das möchte ich auf keinen Fall verpassen, aber schließlich wird mir dann doch langweilig. Nach ein paar misslungenen Versuchen gelingt es mir, das Hörbuch einzuschalten, und ich höre das angefangene Kapitel zu Ende, dann das nächste, und danach fahre ich, unter dem Brummen des kleinen Motors, ins Wohnzimmer, wo Papa arbeitet, nähere mich leise dem Fenster und störe ihn nicht.

Es ist schon spät, draußen ist der Nach-Hause-Wettlauf in vollem Gang, wer zuletzt daheim ist, hat verloren. Vor dem Fußgängerüberweg stehen zwei Herren in Anzügen, mit Handys, dahinter ein Kurier mit einem Päckchen, der lange, zu einem Knoten gebundene Dreadlocks trägt. Vielleicht sieht er mich, denke ich, aber nein, er schaut nicht her, sondern geht weiter, er nimmt ebenfalls am Wettlauf teil.

Später kehre ich in mein Zimmer zurück, und plötzlich piept die Sprechanlage – Łucja betritt das Treppenhaus, und dann öffnet sie mit dem Schlüssel die Tür, begrüßt Papa, wäscht die Hände und kommt zu mir: Sie ist 1,72 groß, hell, schlank und völlig fertig.

Sie küsst mich auf die Nase, was gar nicht so einfach ist, weil meine Nase sich oft mit dem Rest des Kopfes bewegt, aber Łucja ist schnell, sie erwischt meine Nase in jeder Position – wie die Leute in Filmen, die auf fliegende Teller schießen. Sie setzt sich auf mein Bett, zieht die Beine an, streckt sie dann aus, wobei sie Stefan ein wenig zerknautscht, und gähnt. Ich frage, was sie heute gemacht hat.

»Lauter langweiliges Zeug.«

»Das tut mir leid. Hier war so viel los.«

»Erzählst du mir?«

»Na klar.«

Und ich erzähle.

* * *

Sie geht wie immer zu früh, und Papa setzt sich an ihren Platz. Wahrscheinlich denkt er manchmal, wenn er ganz schnell ist und die gleiche Position einnimmt wie Łucja, dann erwischt er ein Stück von ihr und versteht vielleicht mehr von meiner Sprache. Aber so funktioniert das nicht. Um Łucja zu sein, muss man Łucja sein, nicht Papa.

Also unterhalten wir uns ein bisschen, er spricht mit dem Mund und ich mit dem Computer, und es ist sogar witzig, draußen wird es allmählich dunkel, und Papa ist ganz wild darauf, Unseren Großen Abend zu beginnen, denn wie er schon vorher verkündet hat, werden wir heute Chips essen und ein Fußballspiel schauen.

Das heißt, zuerst waschen wir uns mit feuchten Tüchern, ich an die Decke starrend, er an die Wand, und wir machen all die Dinge vom Typ Salbe und Medikamente, aber schließlich setzen wir uns zusammen aufs Sofa, Papa gibt mir Stefan und nimmt sich eine seiner normalen Decken, die keinen Namen hat, zwischen uns stellt er eine große Schüssel Chips in zwei Geschmacksrichtungen und schenkt alkoholfreies Bier in Gläser, das mir – ehrlich gesagt – nicht besonders schmeckt, aber es geht wohl nicht darum, dass es schmeckt, sondern darum, dass wir es uns gemütlich machen.

Wir schauen also Fußball, aber ich muss gestehen, dass ich nur ein bisschen auf das Spiel gucke und mehr auf Papa, auf seine Hände, rau und groß, auf den Hals mit der kleinen roten Spur vom Rasieren und auf die dünnen weißen Haare, die aus seinem Ohr wachsen.

Früher dachte Papa, er würde nie Kinder haben, hauptsächlich weil er glaubte, die tägliche Angst um sie nicht aushalten zu können. So hat er gelebt. Aber dann hat er Mama kennengelernt, und man weiß ja, was in solchen Situationen passiert. Als dann schon klar war, dass Łucja geboren werden würde, da fing er an, sich so richtig zu fürchten. Er dachte, es würde garantiert irgendwas schiefgehen. Er las alles Mögliche über Krankheiten und Probleme mit Kindern im Bauch, murmelte irgendwelche Zahlen, die ihm sagten, was passieren würde. Von morgens bis abends hatte er Angst, zu Hause und in der Arbeit, an warmen und kalten Tagen, allein, in Gesellschaft, sogar im Schlaf hatte er Angst. Hätte es einen Wettkampf in der Disziplin Angst gegeben, hätte Papa die Goldmedaille gewonnen.

Doch dann dachte er, das Lesen über alle möglichen Krankheiten, mit denen sein Kind geboren werden könnte, sei letzten Endes eine Versuchung des Schicksals, also hörte er auf zu lesen und fürchtete, die ganze Leserei sei vielleicht unnötig gewesen.

Am meisten fürchtete er sich am Tag der Geburt, da warf die Angst ihn wie einen Ball durch den Flur des Krankenhauses. Wand, Wand, Tür, Wand, Fenster. Aber Łucja wurde gesund geboren. Sie brüllte und kickte in die Luft, als wollte sie ihm mit all ihrer Kraft sagen: »Es ist vorbei, alles wird gut.« Danach hatte Papa natürlich weiterhin Angst, aber er lernte, damit zu leben: Morgens steckte er die Angst in die Tasche und ging zur Arbeit, dann kam er nach Hause, packte sie aus und legte sie auf den Nachttisch, um vor dem Einschlafen noch einen Blick auf sie zu werfen.

Später, als Łucja neun war und sich herausstellte, dass Mama wieder schwanger war, kam alles zurück, und Papa fürchtete wieder, dass etwas schiefgehen würde. Und vielleicht war das dann einfach zu viel des Guten, Papas Angst blockierte etwas in Mama, und der Sauerstoff gelangte nicht dahin, wohin er hätte hingelangen müssen, und ich wurde plastisch gelähmt geboren. Ich sage das absichtlich falsch, das hat Papa sich ausgedacht – denn spastisch ist ein hässliches, ein schreckliches Wort, so ein Wort für immer, aber plastisch klingt schön.

Jetzt war also ich da. So wie ich bin. Ich brachte Tränen und Stille, nächtliches Wachliegen mit offenen Augen. Aber Papa war endlich erleichtert. Jetzt konnte er aufhören, Angst zu haben. Seit ich auf der Welt bin, ist mein Papa glücklich.

* * *

Nach dem Spiel darf ich noch ein bisschen sitzen bleiben, bevor er das Geschirr spült und aufräumt. Ich schaue in den Hof, auf dem es jetzt jede Menge Stimmen gibt, genauer gesagt, irgendwo streitet sich jemand, woanders hat jemand den Fernseher laut gestellt, und wieder jemand anders hustet. Aus dem Treppenhaus kommt die Tochter des Ehepaars-aus-der-Zwei und geht irgendwohin, und ich überlege, wie es wohl ist, irgendwohin zu gehen. Das muss toll sein. Du denkst: Ich gehe nach links und gehst nach links, oder du denkst: Ich gehe dorthin, und du gehst dorthin, oder du denkst: Ich laufe ein bisschen. Und du läufst.

Außerdem sitzt hinter einem der Fenster ein kahlköpfiger Mann am Computer und spricht zu ihm, wobei er mit den Händen die Tränensäcke unter den Augen stützt, und ein Stockwerk tiefer isst ein Mädchen im Stehen eine Suppe, in Eile und in einer hübschen bunten Bluse. Frau Józefina raucht wieder eine Zigarette am Fenster, als wäre ihr langweilig, schnippt die Asche ins Glas und bläst den Rauch aus, aber ein wenig nach oben, sie ist wirklich fantastisch.

Ich habe schon lange beschlossen, dass ich später einmal wie sie sein will. Ich werde eine Perlenkette tragen, viel über die Welt wissen, die angenehmen Dinge, aber auch die unangenehmen, ich werde schon ein bisschen alt sein, aber auf schöne Weise alt, und ich werde am Fenster Zigaretten rauchen, und niemand wird mir etwas anhaben können. Das ist mein Ziel.

Aber zunächst einmal muss ich ins Bett. Papa schmiert mich ein und zieht mir den Schlafanzug an, was viel Zeit braucht, weil ich ja doch ein bisschen wiege, und ich sehe wieder, wie müde er von all dem ist – er ist kaum mehr nicht-müde; dann gibt er mir noch die Tabletten und lässt das Lämpchen an. Ohne das Lämpchen wäre es total dunkel.

»Gute Nacht, Prinzessin.«

Ich sage, ich freue mich, dass seine Mannschaft gewonnen hat, und er nickt, als würde er verstehen, und flüstert:

»Schlaf gut.«

Er verlässt mich, aber ich höre alles, was er macht, nachdem er aus dem Zimmer gegangen ist. Er versucht, sich so leise wie möglich zu verhalten, wenn er im Flur seine alte lederne Umhängetasche aus dem Schrank holt, wenn er nach den Schuhen in der unteren Schublade greift, sie anzieht und aus seiner Lunge ein Ächzen kommt, und wenn er sich – fertig angezogen, in Schuhen, mit der Tasche – auf das Sofa setzt, um reglos eine halbe Stunde oder auch ein bisschen länger zu warten, bis ich eingeschlafen bin.

Dabei hat Papa Angst, dass ich in einer dieser Nächte aufwachen könnte und ihn brauchen würde, weil ich mich an meinem Speichel verschluckt habe oder aus dem Bett falle, und dass er dann nicht da wäre, weil er eben dort ist. Gleich wird er hereinkommen, um zu schauen, ob ich schlafe, und ich täusche genau das vor. Beide warten wir. Ich werde leichter und leichter, zwischen die Sekunden schleichen sich immer größere Pausen, bis ich schließlich – unter der Decke zu einem großen Fragezeichen verdreht – einschlafe und gleich darauf Papa die Wohnungstür hinter sich abschließt.

Kapitel2

Wenn ich aufwache, ist er schon zu Hause. Er ist das Zuschlagen der Schranktürchen in der Küche, das Klirren des Geschirrs, ich höre seine Schritte, das Radio und das Zick-zick-zick des Gasanzünders, dann das Pfeifen des Teekessels, rasch abgestellt. Wir frühstücken, und dann flüchtet er in seine Bestellungen, Rechnungen, Reklamationen, Telefongespräche und Mails, in sein Nicht-jetzt-Prinzessin, in dieses ganze Klicken und Seufzen, und ich beschäftige mich mit meinen Dingen. Mit Leuten in Papas Alter muss man vorsichtig umgehen, sie sind ein bisschen wie nicht lang genug gekochte Eier, und wenn du sie zu früh anrührst, fließt alles an den Seiten weg, und es lässt sich nicht mehr rückgängig oder sauber machen, überhaupt ist es unangenehm, und es bleiben Flecken. Also frage ich wie immer nicht, was ich eigentlich fragen möchte, er antwortet wie immer nicht, und das ist in Ordnung, und so vergeht allmählich der Tag.

Einmal geht die Sprechanlage an, aber leider nichts Interessantes, nur Flyer, einmal klingelt das Telefon, und es stellt sich heraus, es ist Opa. Opa mag von allen Menschen auf der Welt am liebsten mich, und jetzt ruft er an, um zu fragen, wie es mir geht und sich für Sonntag zu einem Besuch anzumelden. Bei den Besuchen machen wir immer tolle Sachen, wie zum Beispiel Eis mit Kabanossi essen, blödes Zeug im Fernsehen gucken oder Oma ein bisschen ärgern. Ich habe den Eindruck, die meisten Leute mögen Opa nicht besonders, weil er zu anderen anders ist als zu mir, aber für mich zählt eben, wie er zu mir ist. Am Ende des Gesprächs bittet er Papa, mich ans Telefon zu holen, dann schreien mir Oma und Opa gleichzeitig eine Menge Dinge ins Ohr.

Danach kommt das Mittagessen.

Nach dem Essen und dem Hokuspokus sitze ich am Fenster und denke, vielleicht kommt Mateusz heute früher, vielleicht läuft er durchs Tor wie immer und macht dann plötzlich langsam und guckt nach oben, zu mir, und was danach kommt, sind nur noch Formalitäten, nach dem Motto »sie lebten lange und glücklich«, aber irgendwie kann ich ihn noch nicht sehen, also schaue ich mir andere Dinge an, halte die Stirn in die Sonne, die heute sehr nah an meinem Fenster ist, und überlege, was wohl Łucja gerade macht, und ich glaube, ich weiß es sogar.

* * *