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Eigentlich wollte der achtjährige Heiko nur Süßigkeiten kaufen. Nun blickt er schockiert auf Maria Bauer, die in einer Blutlache hinter dem Kassentisch der Tankstelle liegt. Wenn er Hilfe ruft, muss Heiko seiner Mutter beichten, woher er das Geld für Süßigkeiten hat. Also schnappt er sich Fruchtgummischlangen und flüchtet mit schlechtem Gewissen. Tags darauf verschwindet die fünfjährige Leni Bauer. Und Heiko identifiziert Klaus Pollack, den vorbestraften Freund ihrer Mutter, als den Mann, der aus dem Kassenraum stürmte, als er gerade reinwollte. Die Beweislage ist dünn, dennoch landet Pollack im Gefängnis. 30 Jahre später wird Heiko, der nun als Kriminaltechniker arbeitet, ein weiteres Mal mit dem Fall Leni Bauer konfrontiert. Klaus Pollack kommt frei, und ein blutiger Doppelmord zwingt die Kommissare Klinkhammer und Grovian, den alten Fall neu zu durchleuchten. Nach und nach entdecken sie die Zusammenhänge und bringen eine dunkle Wahrheit ans Licht … Als Printausgabe und Hörbuch bei Saga Egmont erhältlich.
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Seitenzahl: 574
Veröffentlichungsjahr: 2025
Über dieses Buch:
Eigentlich wollte der achtjährige Heiko nur Süßigkeiten kaufen. Nun blickt er schockiert auf Maria Bauer, die in einer Blutlache hinter dem Kassentisch der Tankstelle liegt. Wenn er Hilfe ruft, muss Heiko seiner Mutter beichten, woher er das Geld für Süßigkeiten hat. Also schnappt er sich Fruchtgummischlangen und flüchtet mit schlechtem Gewissen. Tags darauf verschwindet die fünfjährige Leni Bauer. Und Heiko identifiziert Klaus Pollack, den vorbestraften Freund ihrer Mutter, als den Mann, der aus dem Kassenraum stürmte, als er gerade reinwollte. Die Beweislage ist dünn, dennoch landet Pollack im Gefängnis.
30 Jahre später wird Heiko, der nun als Kriminaltechniker arbeitet, ein weiteres Mal mit dem Fall Leni Bauer konfrontiert. Klaus Pollack kommt frei, und ein blutiger Doppelmord zwingt die Kommissare Klinkhammer und Grovian, den alten Fall neu zu durchleuchten. Nach und nach entdecken sie die Zusammenhänge und bringen eine dunkle Wahrheit ans Licht …
»Der Fall Leni Bauer« erscheint außerdem als Hörbuch und Printausgabe bei Saga Egmont, www.sagaegmont.com/germany.
Über die Autorin:
Petra Hammesfahr schrieb mit 17 ihren ersten Roman. Mit ihrem Buch »Der stille Herr Genardy« kam der große Erfolg. Seitdem schreibt sie einen Bestseller nach dem anderen. Die Autorin lebt in der Nähe von Köln.
Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre psychologischen Spannungsromane »Hörig« und »Der Liebhaber«, die beide als Hörbuchausgaben bei Saga Egmont erhältlich sind, sowie »Mit den Augen eines Kindes«, »Die Verlierer« und »Der Fall Leni Bauer«, die als Print- und Hörbuchausgaben bei Saga Egmont erhältlich sind.
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eBook-Ausgabe April 2025
Copyright © der Originalausgabe 2025 by Saga Egmont und Petra Hammesfahr
Copyright © der eBook-Ausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive
von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fe)
ISBN 978-3-98952-762-1
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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!
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Petra Hammesfahr
Der Fall Leni Bauer
Psycho-Spannung
dotbooks.
Erster Teil
Kapitel 1 Die Kleinen von Motte
Kapitel 2 Brüder Pollack
Kapitel 3 Dezember 1989
Kapitel 4 Mittwoch, 8. Januar 2020
Kapitel 5 Rückblick
Kapitel 6 Sonntag, 12. Januar 2020
Kapitel 7 Dezember 1989
Kapitel 8 Montag, 13. Januar 2020
Kapitel 9 Dezember 1989
Kapitel 10 Dienstag, 14. Januar 2020
Kapitel 11 Dezember 1989/Januar 1990
Zweiter Teil
Kapitel 12 Abrechnung
Kapitel 13 Dienstag, 14. Januar 2020
Kapitel 14 Januar 1990
Kapitel 15 Abrechnung
Kapitel 16 11. Januar 1990
Kapitel 17 Dienstag, 14. Januar 2020
Kapitel 18 11. Januar 1990
Kapitel 19 12. Januar 1990
Kapitel 20 Abrechnung
Kapitel 21 Dienstag, 14. Januar 2020
Kapitel 22 Januar 1990
Kapitel 23 Abrechnung
Kapitel 24 Januar 1990
Kapitel 25 Mittwoch, 15. Januar 2020
Kapitel 26 Januar 1990
Kapitel 27 Mittwoch, 15. Januar 2020
Kapitel 28 Abrechnung
Kapitel 29 Mittwoch, 15. Januar 2020
Kapitel 30 Abrechnung
Kapitel 31 Zeitraffer
Kapitel 32 Donnerstag, 16. Januar 2020
Kapitel 33 Abrechnung
Kapitel 34 Donnerstag, 16. Januar 2020
Kapitel 35 Freitag, 17. Januar 2020
Dritter Teil
Kapitel 36 Abrechnung
Kapitel 37 Freitag, 17. Januar 2020
Kapitel 38 Abrechnung
Kapitel 39 Freitag, 17. Januar 2020
Kapitel 40 Abrechnung
Kapitel 41 Samstag, 18. Januar 2020
Kapitel 42 Abrechnung
Kapitel 43 Samstag, 18. Januar 2020
Kapitel 44 Abrechnung
Kapitel 45 Samstag, 18. Januar 2020
Kapitel 46 Abrechnung
Kapitel 47 Samstag, 18. Januar 2020
Kapitel 48 Heimkehr
Kapitel 49 Samstag, 18. Januar 2020
Kapitel 50 Klausi-Mausi
Kapitel 51 Sonntag, 19. Januar 2020
Kapitel 52 Der Ermittler
Kapitel 53 Sonntag, 19. Januar 2020
Kapitel 54 Abrechnung
Kapitel 55 Bittere Erkenntnis
Kapitel 56 Abrechnung
Kapitel 57 Sonntag, 19. Januar 2020
Kapitel 58 Abrechnung
Kapitel 59 Sonntag, 19. Januar 2020
Kapitel 60 Ende 1989
Kapitel 61 Fehlurteil
Kapitel 62 Nachspiel
Lesetipps
ALTLASTEN
Es gab im Dezember 1989 viel Gerede in der Stadt. Jeder, der vom Überfall auf Bauers Tankstelle und dem Verschwinden der kleinen Leni hörte, bildete sich ein, mehr zu wissen als andere. Mit uns hat keiner gesprochen. Wer waren wir denn damals? Nur die Kleinen von Motte, wie unsere Mutter heute noch von einigen genannt wird.
Mit Vornamen heißt sie Monika. Motte war angeblich von dem Schlager abgeleitet: »Männer umschwirren mich wie Motten das Licht.« Da hätte man aber die Männer als Motten bezeichnen müssen, fand ich.
Wie auch immer, Motte gehörte nicht zu den angesehenen Bürgerinnen unseres beschaulichen Städtchens. Drei Kinder von drei verschiedenen Vätern und während der Ausbildung lange Finger gemacht. Da weiß man doch, was man von so einer Frau zu halten hat, nicht wahr? Dabei war Mutter aus einer guten Position ins Leben gestartet.
Tochter aus gutem Haus. Großvater war in der Gewerkschaft und der SPD. Bei der Bevölkerung war er so beliebt, dass er sich berechtigte Hoffnungen machen durfte, der nächste Bürgermeister zu werden, als Mutter mit Amelie schwanger wurde. Vom ältesten Sohn des reichsten Bauern aus dem Nachbarort.
Der Bauerssohn war einundzwanzig, Mutter vier Jahre jünger und noch in der Ausbildung zur Kaufmannsgehilfin. In dem Laden, in dem sie lernte, war es gängige Praxis, die Kundschaft zu bescheißen. Wer nicht mitspielte, machte sich unbeliebt.
An der Kasse hatte man sich die Leute zu merken, die nie einen Kassenbon mitnahmen. Die ließen sich leichter beschummeln. Im dritten Ausbildungsjahr lernte Mutter an der Kasse. Als Tochter eines glühenden Sozialdemokraten fand sie es fürchterlich, ausgerechnet die Menschen zu betrügen, die das größte Vertrauen in den Laden trugen. Meist waren das auch noch alte Frauen mit kleinen Renten. Und nach Feierabend deckte die Leiterin des Ladens mit der Summe, die zusammengekommen war, ihren persönlichen Bedarf.
Einmal vergaß eine alte Frau ihr Wechselgeld. Mutter steckte es ein, wollte es der Frau beim nächsten Einkauf zurückgeben. Und das war’s mit der rosigen Zukunft. Man hatte Mutter schon geraume Zeit im Visier, weil sie beim Bescheißen schummelte.
Die Polizei wurde gerufen, Mutter des Diebstahls bezichtigt. Da sie noch minderjährig war, wurde der Papa informiert, Mutter im Streifenwagen nach Hause gefahren und von ihrem Vater in Empfang genommen. Sie ging davon aus, dass er ihr glaubte, immerhin hatte er sie zu Ehrlichkeit und Mitgefühl mit armen Menschen erzogen. Aber er ließ sie gar nicht zu Wort kommen.
Ausgerechnet seine Tochter eine Diebin. Nachdem die Polizisten sich verabschiedet hatten, drosch er blindwütig auf Mutter ein, schlug sie zusammen, trat ihr noch in den Bauch, als sie schon am Boden lag. Er hörte erst auf, als Großmutter rief: »Mach dir doch an der nicht die Finger dreckig, das ist sie nicht wert.« Das muss man erst mal wegstecken, hat Mutter nie wirklich geschafft.
Tags darauf fuhr Großvater mit ihr zur Zentrale der Ladenkette und hörte sich während der Fahrt ihre Fassung an. Dass sie vorher nie etwas gesagt hatte, erklärte sich mit dem Geschäftsgeheimnis, auf das man sie eingeschworen hatte. Nun richtete sich Großvaters Zorn gegen die Filialleiterin.
Statt sich für die Prügel zu entschuldigen, versprach er Mutter, den Herren im Vorstand die Augen zu öffnen. Empfangen wurden sie vom Personalchef. Mutter durfte noch einmal den Sachverhalt schildern, danach wurde sie hinausgeschickt. Und während sie auf dem Flur auf Gerechtigkeit hoffte, wurde hinter der Tür beschlossen, es sei mit Blick auf die Schwangerschaft das Beste für sie, sich von ihrer Mutter in die Haushaltsführung einweisen zu lassen.
So lernte Mutter kochen, bügeln und putzen, bekam Amelie, der Großvaters Faustschläge und Fußtritte nicht geschadet hatten. Eine Hochzeit gab es nicht. Der Bauerssohn tönte überall herum, mit einer diebischen Elster wolle er nichts zu tun haben. Unterhalt zahlte er, wie es ihm beliebte. Die Summe schwankte, hing mal von der Ernte ab und mal vom Milchpreis.
Ein halbes Jahr nach Amelies Geburt erschien mein Vater auf der Bildfläche. Er hatte schon vorher ein Auge auf Mutter geworfen, sich jedoch nicht getraut. Als gefallener Engel war sie leichter zu haben und dankbar, trotz unehelichem Kind und dem Makel der Diebin einen anständigen Mann zu bekommen.
Und das war er. Das sage ich nicht nur, weil er mein Vater war. Ich habe ihn nicht kennengelernt, weiß von ihm nur, was man mir erzählt hat. Ein lustiger Vogel, eine ehrliche Haut, ein liebevoller Stiefvater für Amelie und ein fleißiger Arbeiter, der sich krummlegte, um seiner Familie ein angenehmes Leben zu finanzieren.
In seiner Freizeit spielte er Fußball. Nach einer Siegesfeier kam er mit seinem Auto von der Straße ab, krachte mit der Fahrerseite gegen einen Baum und musste von der Feuerwehr aus dem Wrack geschnitten werden. Mit eins Komma acht Promille, diversen Knochenbrüchen und einer Hirnblutung lag er drei Tage auf einer Intensivstation, dann starb er. Amelie war sieben Jahre alt, Mutter mit mir im sechsten Monat schwanger.
Warum ich das erzähle, obwohl es nichts mit dem Fall Leni Bauer zu tun hat? Damit es nachher nicht heißt: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Über meinen Vater kann niemand etwas Schlechtes sagen, über Mutter eigentlich auch nicht. Obwohl sie in jungen Jahren die bittere Erfahrung machen musste, dass Ehrlichkeit einen nicht weiterbringt im Leben, hält sie heute noch daran fest: Ehrlich währt am längsten. Mit anderen Worten, Mutter ist eine Frau, der man längst nicht alles erzählen darf.
Als meine Rolle in dem Drama um Leni Bauer und ihre Großeltern in der vergangenen Woche für uns wieder brandaktuell wurde, erzählte Mutter in einer nostalgischen Anwandlung, dass sie mal für einen Ausflug in die Eifel bei Bauers getankt hatten. So ist sie. Egal welche Krise ansteht, sie schafft es immer, sich mit kleinen Szenen aus der Vergangenheit vor Augen zu halten, dass sie trotz allem ein gutes Leben hatte und immer noch hat. Sie um dieses Talent zu beneiden, ist allerdings nicht angebracht.
Meine Schwester bezeichnet es als Flucht vor der Wirklichkeit. Die Augen verschließen vor sämtlichen Fehlern, die sie im penetranten Bemühen um Ehrlichkeit gemacht hat, und abtauchen in eine der Stunden, in denen es gut für sie lief.
Mein Vater am Steuer seines Ford Mustangs, die fünfjährige Amelie auf der Rückbank. Damals hatte die Tankstelle noch am Stadtrand gelegen. Gezahlt wurde im Büdchen.
»Es hatte Ähnlichkeit mit einer Schießbude«, sagte Mutter.
Mit den Jahren wurde auf dem Gelände hinter der Tankstelle kräftig gebaut. Zuerst entstand ein Wohnpark, schöne Umschreibung für eine Ansammlung von Hochhäusern. Wir haben einige Jahre dort gewohnt, mit Bauers Tankstelle in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein halbes Jahr vor dem Überfall waren wir umgezogen.
Zu dem Zeitpunkt gab es im Wohnpark schon ein großes Problem mit etlichen jungen Männern, die viel Zeit hatten und nicht wussten, wohin mit ihrem Testosteron.
Meist lungerten sie vor der Haustür herum und belästigten junge Mädchen mit sexuellen Anzüglichkeiten. Amelie traute sich bald nicht mehr allein mit dem Aufzug nach oben, wobei das Treppenhaus für sie nicht sicherer war.
Dann starb die Mutter meines Vaters, an die ich kaum eine Erinnerung habe. Wir hatten nach meiner Geburt bei ihr gelebt, bis Mutter wieder geheiratet hatte und wir in den Wohnpark gezogen waren. Da war der Kontakt abgebrochen. Nun erbte ich Omas Haus an der Bachstraße. Es war klein und alt. Die Fußböden gaben auf Schritt und Tritt nach, die Fenster schlossen nicht dicht. Statt einer Zentralheizung gab es Kohleöfen und einen Durchlauferhitzer im Bad.
Unser Jüngster, Winnie und ich teilten uns ein Kämmerchen unterm Dach, in dem wir ab Oktober jeder für sich in seinem Bett so erbärmlich froren, dass Winnie nach spätestens einer Viertelstunde fragte: »Darf ich bei dir schlafen?« Dann war es kuschelig, Winnie war besser als eine Wärmflasche. Wir hatten zwei Decken übereinander. Und Amelie war sicher vor Belästigungen, was für Mutter einige Unannehmlichkeiten aufwog.
Sie hatte ständig Angst, es könne ihrer Großen so ergehen wie ihr, viel zu jung vom falschen Mann das erste Mal schwanger. Aber was Mutter nicht sah, regte sie nicht auf. Den dicken Hugo bekam sie nicht zu Gesicht. Sie putzte morgens in einer Kneipe mit Kegelbahn und arbeitete ab dem frühen Nachmittag bis um eins in der Nacht als Aufsicht in der Spielhalle.
Hugo war nicht wirklich dick, er wirkte neben Amelie nur wie ein dreitüriger Kleiderschrank. Er kam, wenn Mutter aus dem Haus war, um sich von meiner Schwester bei etwas helfen zu lassen, was er alleine nicht gut konnte. Mathe, wurde mir gesagt. Hugo war fast achtzehn und besuchte das Gymnasium. Amelie war fünfzehn und Hauptschülerin. Ich war acht und glaubte, dass meine Schwester besser rechnen konnte als Hugo. In dem Alter glaubte ich auch noch ans Christkind.
Winnie glaubte mit seinen vier Jahren sogar, dass man von Spinat richtig dicke Muckis bekäme. Amelie nannte ihn oft Winnie Pu, weil sie fand, er habe eine starke Ähnlichkeit mit Pu, dem Bären. Eine gewisse Ähnlichkeit gab es zweifellos. Heute gleicht Winnie eher einem Grizzly.
Aber zurück zu Hugo.
Er kam nicht täglich, an manchen Tagen musste er tatsächlich etwas für die Schule tun. Außerdem war er im Sportverein, in der Schützenbruderschaft und der Feuerwehrjugend. Aber zwei-, dreimal die Woche brauchte er Nachhilfe in Mathe. Winnie und ich wurden dann jedes Mal aufs Neue zum Stillschweigen verpflichtet und bei Wind und Wetter mit fünfzig Pfennig Schweigegeld pro Person vor die Tür gesetzt.
Jedes Mal marschierten wir los Richtung Wohnpark, wo ich mehr Lebenszeit verbracht hatte als im eigenen Haus. Im Wohnpark hatte ich Freunde in meinem Alter, die ich seit dem Umzug nur noch in der Schule sah. Deshalb galt unser erster Besuch immer dem vertrauten Spielplatz, mal gucken, ob bekannte Gesichter herumturnten. Dann ging es weiter zur Kaufhalle, die einige Hundert Meter hinter dem Wohnpark entstanden war. Dort wärmten wir uns auf und blätterten bei den Zeitungen in Comicheften, bis wir verscheucht wurden. Dann trotteten wir zurück zur Tankstelle.
Das Büdchen war einem soliden Flachbau mit Waschanlage gewichen. Die Vorderfront war komplett verglast, die untere Hälfte geschwärzt, die obere mit Werbeplakaten beklebt. Nach hinten raus gab es einen kleinen Aufenthaltsraum und eine Toilette, die auch Kunden benutzen durften. Den Schlüssel musste man sich an der Kasse abholen. Der Verkaufsraum glich einem Gemischtwarenladen. Es gab Getränke, Matchboxautos, Zeitungen, Zigaretten, einen Ständer mit Autozubehör, eine Auswahl an Schokoriegeln, Süßigkeiten in Tüten und Groschenware in zwei großen Gläsern neben der Kasse: Salinos und Weingummischlangen mit saurem Zucker.
Winnie liebte diese Schlangen, sie kosteten zwanzig Pfennig das Stück. Gut investiertes Geld, Winnie konnte sich ziemlich lange mit einer Schlange beschäftigen und hielt während dieser Zeit den Mund. Ansonsten quasselte er einen tot und wieder lebendig, wie Mutter oft sagte.
Ich stand auf Salinos, die kosteten nur halb so viel. Für seine fünfzig Pfennig bekam Winnie folglich zwei Schlangen und einen Groschen zurück, für den er sich nichts kaufen konnte. Er mochte keine Salinos. Und den Groschen bis zum nächsten Mal aufzuheben, wäre ein Risiko gewesen. Mutter hätte ihn garantiert gefunden und unangenehme Fragen gestellt.
Deshalb hatte ich vorgeschlagen, dass einmal ich sechs Salinos bekam und beim nächsten Mal Winnie drei Schlangen. Hörte sich gut an, Winnie war auch einverstanden gewesen. Aber die halbe Zeit funktionierte unser Deal nicht. An dem Nachmittag damals stritten wir wie die Kesselflicker. Ich war überzeugt, ich sei mit sechs Salinos dran. Winnie warf mir vor, ihn zu bescheißen.
Es war der Donnerstag vor den Weihnachtsferien 1989, das werde ich nie im Leben vergessen. Ein kalter, windiger, aber trockener Tag, was womöglich Winnies Kampfeslust anfachte. Wenn es regnete wie aus Kübeln, war es ihm nicht so wichtig, ob er zwei oder drei Schlangen bekam. Dann schlurfte er neben mir durch die überlaufende Gosse und spielte U-Boot in den zu großen Gummistiefeln, die im Vorjahr ich getragen hatte.
Die Stiefel hatte er angezogen, dazu trug er einen gelben Regenmantel und eine blau-weiß karierte Hose aus dickem Wollstoff. Ich war bekleidet mit einer braunen Kordhose und einer schillernd grünen Bomberjacke, die sich anfühlte wie aus Fallschirmseide gemacht. Für einen Dezembertag war sie viel zu dünn, aber ich liebte diese Jacke und nahm in Kauf, dass ich fror. Hätte ich stattdessen den Parka angezogen, in dem ich zur Schule ging, wäre womöglich einiges anders gekommen, zumindest für uns.
Ursprünglich hatte meine Jacke nämlich Frank Anschütz gehört. Familie Anschütz hatte wie wir einige Jahre im Wohnpark gelebt. Ein Jahr vor uns waren sie ausgezogen. Bis dahin hatte Frau Anschütz unsere Mutter oft mit gut erhaltenen Kleidungsstücken ihres Sohnes beglückt. Winnies liebliches Beinkleid stammte ebenso von Frank wie meine Kordhose.
Als wir das Tankstellengelände erreichten, war es fast halb sechs und längst dunkel. Bei einer der Zapfsäulen stand ein lindgrüner Benz. Als wir uns dem Eingang näherten, hörte ich drinnen etwas poltern. Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen, ein Mann stürmte ins Freie. Er trug eine ausgebleichte Jeansjacke mit aufgesetzten Taschen, eine war zur Hälfte abgerissen, der Stoff hing runter. Das sah ich, obwohl der Mann es so eilig hatte, dass er Winnie zur Seite stieß. Mein Bruder fiel hin.
In Situationen, in denen andere Kinder weinten, begann Winnie grundsätzlich, lautstark zu zetern. »Eh, du Blödmann! Du hast mich umgeworfen! Dafür haut mein Papa dich auf die Fresse!«
Der Mann beachtete ihn nicht, hetzte um die Motorhaube des Benz herum, riss die Fahrertür auf und warf sich förmlich hinters Steuer. In der nächsten Sekunde heulte der Motor auf, der Wagen schoss mit Vollgas und durchdrehenden Reifen in den fließenden Verkehr, schlingerte auf den Mittelstreifen und zurück in die Fahrspur. Bremsen quietschten, Hupen ertönten, weil einige Fahrer geistesgegenwärtig eine Vollbremsung hinlegten, was Nachfolgende ebenfalls zum abrupten Bremsen zwang und beinahe zu zwei oder drei Auffahrunfällen geführt hätte.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite blieb ein alter Mann stehen, der einen kleinen weißen Hund ausführte. Der Mann trug einen Hut und war gut zu sehen, weil durch die Bremsmanöver der Autos kurzzeitig eine Lücke entstand. Ein Fahrer hatte den Motor abgewürgt. Der alte Mann schüttelte den Kopf. Ein Radfahrer näherte sich ihm. Er hatte einen bunt gestreiften Schal vor Mund und Nase gebunden, schaute sich nach dem Benz um und kam dabei mit dem Vorderreifen dem Grasstreifen zu nahe, der den Fuß- und Radweg von der Straße trennte.
Ich sah sogar noch, dass der Radfahrer ins Schlingern geriet und abstieg, und dass durch die Speichen beider Reifen Bänder geflochten waren, vorne rot, hinten grün. Schon merkwürdig, was man als Kind mit einem einzigen Blick erfasst und nie vergisst.
Als der Verkehr wieder anrollte, kümmerte ich mich um Winnie. Der hatte sich aufgerappelt und auf die niedrige Schwelle vor dem Eingang gesetzt, rieb sich das rechte Knie und schimpfte noch einmal auf den Blödmann. Gleich darauf war dann wieder ich der Böse, der Winnie um eine Schlange bescheißen wollte.
Dass der alte Mann und der Radfahrer auf der gegenüberliegenden Straßenseite kein Wort von Winnies Gezeter verstehen, dass sie zuvor auch kein Poltern gehört haben konnten, war mir nicht klar. Über die vorbeifahrenden Autos hinweg sah ich nur, dass beide zu uns herüberschauten. Dass ihre Aufmerksamkeit dem Kassenraum der Tankstelle galt, weil es ungewöhnlich war, dass ein Auto sich mit Vollgas und durchdrehenden Reifen entfernte, kam mir nicht in den Sinn.
Damit Winnie den Mund hielt, versprach ich ihm drei Schlangen, ließ ihn auf der Schwelle sitzen und betrat den Flachbau. Der Ständer mit Autozubehör war umgekippt und versperrte mir den Weg zum Verkaufstresen. Zu sehen war niemand, es kam auch keiner aus dem Aufenthaltsraum.
Normalerweise stand Maria Bauer oder eine Aushilfe an der Kasse und behielt durch eine Lücke zwischen den Werbeplakaten die Zapfsäulen im Auge. Ein paar junge Leute wechselten sich stundenweise und an den Wochenenden als Vertretung ab. Ich kannte sie vom Sehen, aber nicht mit Namen. Maria Bauer dagegen war im gesamten Wohnpark namentlich bekannt. Winnie nannte sie die Schlangenfrau.
Ich rief zweimal: »Hallo!« Als sich auch nach dem zweiten Mal keiner blicken ließ, ging ich um den umgekippten Ständer und die verstreut liegenden Sachen herum. Auf Höhe des Verkaufstresens spähte ich in den Aufenthaltsraum. Es brannte Licht, eine Kaffeemaschine war in Betrieb, und die Außentür stand offen.
Ich nahm an, Maria Bauer oder die Vertretung sei kurz aufs Klo gegangen. Die Tür zum Toilettenraum befand sich draußen neben der Waschanlage. Kunden bekamen einen Schlüssel ausgehändigt und mussten außen herum. Das war mir bekannt, weil ich mir vor unserem Umzug ins Eigenheim mehr als einmal bei Maria Bauer den Schlüssel geholt hatte, wenn ich dringend musste und es nicht mehr geschafft hätte, durch den halben Wohnpark zu laufen. So etwas passiert kleinen Jungs beim Spielen schon mal.
Winnies Schlangenfrau sah ich erst, als ich mich umdrehte. Sie lag hinter dem Verkaufstresen, mit dem Kopf nahe der Glasfront, mit den Füßen zu mir. Obwohl ich auch sah, dass das Kassenschubfach offen stand und die Bügel der Geldscheinfächer hochgeklappt waren, erfasste ich nicht auf Anhieb, was passiert war.
Von Überfällen hatte ich als Kind eine harmlose Vorstellung. Mutter war schon zweimal in der Spielhalle überfallen worden und hatte kein Drama daraus gemacht. Das erste Mal konnte man nicht mal als Überfall bezeichnen. Ein Stammgast hatte seine letzten fünf Mark verzockt, bei Mutter einen Kredit aufnehmen wollen und versprochen: »Gib mir fünf, du bekommst zehn zurück. Ich knack den Jackpot, das fühle ich.«
Als Mutter sich weigerte, war er rabiat geworden, hatte sie am Hals gepackt, die Kasse geöffnet, hineingegriffen und sich mit einer Handvoll Münzen wieder an den Automaten gesetzt. Dämlicher ging es wirklich nicht. Während er seine Beute verspielte, rief Mutter die Polizei. Der Stammgast bekam eine Anzeige und Hausverbot.
Beim zweiten Mal hatte sich kurz nach eins in der Nacht noch einer reingequetscht, als Mutter hinter dem letzten Zocker abschließen wollte. Da war sie mit einem Messer bedroht worden, passiert war ihr nichts. Sie hatte dieselbe Anweisung wie Bankangestellte, keine Gegenwehr, keinen Widerstand leisten, wenn jemand mit einer Waffe herumfuchtelte und Geld verlangte.
Dass Maria Bauer nicht so glimpflich davongekommen war, sah ich natürlich. Sie lag auf dem Rücken, als sei sie hintenübergefallen. Ihr Kopf war zur Seite gedreht, daneben hatte sich eine Blutlache gebildet. Ich weiß nicht mehr, ob ich tatsächlich annahm, sie sei gestürzt und hätte sich den Kopf angeschlagen. Später redet man sich so etwas gerne ein.
Ich wusste, was ich hätte tun müssen. Den Notruf wählen. 110 für die Polizei oder 112 für den Rettungswagen. Die Rufnummern kannte ich, seit meine Schulklasse die neu gebaute Polizeiwache besucht hatte. Dort war uns erklärt worden, wer für welchen Notfall zuständig ist. Aber wie hätte ich erklären sollen, was ich in der Tankstelle zu suchen hatte? Ich hätte Amelie und ihre Mathenachhilfe verraten müssen. Und wie hat mal einer so treffend gesagt? »Das Hemd ist einem näher als der Rock.«
Amelie war für mich das Hemd, Maria Bauer nur eine Frau, die mir ein paarmal Zutritt zu ihrer Toilette gewährt und mich jedes Mal ermahnt hatte, nicht auf die Brille oder in eine Ecke zu pinkeln.
Meine Schwester dagegen …
Seit Mutter Winnies Vater vor die Tür gesetzt hatte, war Amelie für mich mehr Ersatzmutter als Schwester, seit gut einem Jahr war sie das auch für Winnie. Die ersten drei Jahre hatte Mutter unseren Jüngsten mit zur Arbeit genommen. Im Kinderwagen neben dem Putzeimer hatte er nicht gestört, auf einer Krabbeldecke hinter dem Tresen in der Spielhalle auch nicht. Seit er sich eigenständig fortbewegen konnte, hatten ein paar Spielzeugautos gereicht, um Winnie zu beschäftigen. Aber dann bekam er einen Platz im Kindergarten. So hieß das damals.
Mutter ging morgens um sechs aus dem Haus, um in der Kneipe mit Kegelbahn sauber zu machen. Zurück kam sie um elf, und vier Stunden später war sie wieder weg. Sie war fürs Mittagessen zuständig, für Einkäufe, den Hausputz und die Wäsche. Sie holte Winnie auch um zwölf vom Kindergarten ab.
Den Rest machte unsere große Schwester. Amelie weckte uns morgens, machte uns Frühstück und Pausenbrote. Sie hatte meinen Stundenplan im Blick, kontrollierte meinen Ranzen auf Vollständigkeit des benötigten Unterrichtsmaterials und sorgte dafür, dass ich den Sportbeutel nicht vergaß, ehe sie mich zur Grundschule schickte. Danach brachte sie Winnie zum Kindergarten und radelte zur Hauptschule.
Sie half mir nachmittags bei den Hausaufgaben, machte Abendbrot, schickte Winnie ins Wohnzimmer seine Autos einsammeln und uns anschließend gemeinsam ins Bad, wo sie Winnie beim Zähneputzen beaufsichtigte. Wenn man nicht höllisch aufpasste, leckte er die Zahnpasta von der Bürste und lutschte sie, statt sie ordnungsgemäß anzuwenden.
Das soll wahrhaftig keine Entschuldigung sein. Was ich getan, vielmehr nicht getan habe, mögen andere mit meinem Alter und unserer familiären Situation entschuldigen. Das ist mir nie gelungen.
Das Telefon stand nahe der Glasfront auf dem Verkaufstresen. Ich hätte über Maria Bauer hinwegsteigen müssen und könnte nun behaupten, das hätte ich mich als Kind nicht getraut. Aber so war es nicht. Näher bei mir standen die Gläser, für deren Inhalt wir gekommen waren. Draußen saß Winnie, dem ich drei Weingummischlangen versprochen hatte.
Ich hatte Angst, dass er erneut Radau machte, wenn ich nicht bald mit den Schlangen auftauchte. Dass er den alten Mann oder den Radfahrer oder beide von der anderen Straßenseite herüberlockte. Dass sie dachten, ich hätte Maria Bauer umgestoßen oder auf den Kopf gehauen.
Am liebsten wäre ich abgehauen wie der Mann mit dem Benz. Aber ohne Schlangen zurück zu Winnie, dem kleinen Stinkstiefel … Mein Blick wurde wie magnetisiert von den beiden Gläsern angezogen. Um sie zu erreichen, musste ich nur einen Schritt näher an Maria Bauers Füße herantreten. Dann hob ich nacheinander zwei kuppelförmige Deckel an, nahm aus einem Glas drei Schlangen und aus dem anderen so viele Salinos, wie ich mit einer Hand zu packen bekam. Dabei sah ich, dass die Kasse leer war, Scheinfächer und Münzfächer ausgeräumt bis auf den letzten Pfennig.
Und so naiv war ich nicht, zwei Fünfzigpfennigstücke in die Kasse zu legen. Jedem Nachfolgenden wäre klar geworden, dass nach einem Räuber noch jemand im Verkaufsraum gewesen sein musste. Und was bekam man an einer Tankstelle schon für eine Mark? Höchstens eine Dose Bier, ein Einwegfeuerzeug oder eben Süßigkeiten.
Mit vollen Händen umrundete ich den umgekippten Ständer noch einmal und trat ins Freie. Winnie bekam seine Schlangen und war zufrieden. Auf der Straße reihte sich wieder Auto an Auto, der übliche Feierabendverkehr, der mir den Blick auf den gegenüberliegenden Fuß- und Radweg versperrte. Ich hielt auch nicht Ausschau nach dem alten Mann mit Hut und Hund oder dem Radfahrer mit dem bunt gestreiften Schal. Ich wollte nur weg.
Unser Heimweg war gute zwei Kilometer lang. Auf dem ersten Kilometer kaute ich unbezahlte Salinos, sieben Stück insgesamt, von Genuss konnte nicht die Rede sein. Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen und versuchte, mir einzureden, Maria Bauer würde gleich aufstehen und selbst die Polizei rufen.
Dann fiel mir siedend heiß ein, dass mir und meinen Mitschülern beim Besuch der Polizeiwache die Fingerabdrücke genommen worden waren. Dass jeder von uns das Kärtchen mit seinen Abdrücken und seinem Namen mit nach Hause hatte nehmen dürfen, ging im Schreck unter. Ich hatte die Deckel beider Gläser angefasst und war überzeugt, bald verhaftet zu werden.
Winnie humpelte neben mir her und lutschte wie üblich zuerst den sauren Zucker von seinen Weingummischlangen, ehe er sich die klebrigen Viecher in ihrer gesamten Länge in den Mund stopfte. Zwischendurch erzählte er von seinem Papa, der auch ganz toll Auto fahren konnte. Ihn hatte es schwer beeindruckt, wie der Benz in den fließenden Verkehr gebrettert war. Es ist wohl verständlich, dass ich die Begeisterung meines Bruders nicht teilte, obwohl sein Papa auch mein Papa war.
Ich hatte nie einen anderen Vater gekannt als Toni Winzer, und Amelie fand Toni ebenso großartig wie ich. Wir durften in Mutters Gegenwart aber nicht einmal von Toni schwärmen, geschweige denn ihn Papa nennen, wenn wir Mutter nicht verärgern wollten.
Wie viele Affären oder Liebschaften Toni bereits gehabt hatte, als er unsere Motte aufs Standesamt führte, weiß ich nicht. Aber er war bereits Vater von zwei Söhnen. Zwillinge, deren Mutter mit einem zeugungsunfähigen Mann verheiratet war, das war sie auch geblieben. Sie hatte Toni nur für den einen Zweck gebraucht. Und für den Unterhalt. Ein Schuss, zwei Treffer, sein Pech.
Wegen der Unterhaltszahlungen hatte Mutter nach der Hochzeit weiterarbeiten müssen. Natürlich war sie davon ausgegangen, dass Toni als ihr Ehemann die Finger von anderen Frauen ließ, das hatte er ihr auch hoch und heilig versprochen. Aber Winnie war noch kein halbes Jahr alt, als Mutter in der Stadt von einer älteren Frau angesprochen wurde, bei deren Tochter es nun bald so weit sein sollte. Gemeint war eine Schwangerschaft, für die kein anderer verantwortlich zeichnete als unser Papa.
Das gab Toni auch freimütig zu. Es war passiert, als Mutter, hochschwanger und erschöpft von Neun-Stunden-Schichten in der Spielhalle, wiederholt den ehelichen Verkehr um halb zwei in der Nacht als zu beschwerlich empfunden und ihn zurückgewiesen hatte, womit Toni indirekt ihr die Schuld an seinem Fehltritt gab.
Nach drei Jungs hoffte er auf eine Tochter, aber Mädchen machen konnte er anscheinend nicht. Es wurde Sohn Nummer vier. Mutter wartete die Geburt nicht ab, packte Tonis Sachen und warf ihn raus. Für Amelie, die zu ihrem Vater überhaupt keine Beziehung und meinen Vater mit sieben Jahren an den Tod verloren hatte, war das ein Weltuntergang.
Toni besuchte uns oft am späten Nachmittag, wenn Mutter in der Spielhalle war. Und obwohl sein Verhalten Amelie und mir gegenüber gleichbleibend herzlich blieb, ließ sich nicht leugnen, dass Winnie von Natur aus die größeren Rechte hatte. Er wurde jeden zweiten Sonntag für ein paar Stunden abgeholt und erlebte mit seinem Papa die tollsten Abenteuer.
Zu Winnie konnte Mutter nicht sagen: »Du bleibst hier.« Das hörten nur Amelie und ich, wenn Toni uns mitnehmen wollte, was er jedes Mal anbot. Dabei wäre es für uns beide ebenso wichtig gewesen, mal rauszukommen in den Zoo, auf eine große Kirmes oder zum Nürburgring. Löwen, Tiger und wilde Bären erschrecken, Autoscooter und Geisterbahn fahren oder Autorennen mit eigenen Augen sehen und den starken Mann an unserer Seite haben.
Für Amelie wäre es wahrscheinlich noch wichtiger gewesen als für mich. Sie musste so früh erwachsen werden und Verantwortung für uns tragen. Wahrscheinlich wurde Hugo deshalb die Liebe ihres Lebens. Hugo war groß, Hugo war stark, Hugo konnte Feuer löschen und nicht nur schießen, er traf auch. Hugo war ein Beschützer, wie Toni einer war, wenn man ihn ließ.
Hugo war weg, als wir nach Hause kamen. Und Amelie sah auf Anhieb, dass etwas nicht stimmte. Zuerst erklärte sich das mit Winnies Knie, das plötzlich furchtbar wehtat. Unterwegs hatte er keinen Ton verlauten lassen. Die Weingummischlangen hatten seinen Schmerz betäubt. Winnie brauchte mehr Medizin, am besten ein Eis, davon hatten wir auch im Winter immer einen kleinen Vorrat in der Tiefkühltruhe.
Amelie inspizierte die blau-weiße Hose. Die hatte nichts abbekommen, kein Loch, keinen Riss, keinen Fleck, keinen Dreck. Auf dem Gelände einer Tankstelle grenzte das an ein Wunder. Auf Winnies Kniescheibe deutete sich ein dunkler Strich an. Er musste mit dem Knie auf die Kante der Türschwelle am Eingang geschlagen sein. Tags darauf hatte er einen tüchtigen Bluterguss und konnte sein Bein nicht beugen, das Knie war angeschwollen und heiß. Aber so weit waren wir noch nicht.
Sein Verlangen nach Eis brachte Amelie auf die Idee, ihm einen kalten Umschlag zu machen. Dann schwor sie ihn darauf ein, Mutter zu erzählen, er wäre auf der Treppe gestolpert und hätte sich an einer Stufe gestoßen. Der Effekt wäre derselbe gewesen. Da er Mutter erst um die Mittagszeit des nächsten Tages zu Gesicht bekommen würde, bekam ich die Anweisung, ihn noch ein paarmal zu erinnern und mit ihm zu üben, was er sagen sollte.
Amelie hatte auf einem Flohmarkt das Buch »Denken, lernen und vergessen« von Frederic Vester erstanden und gelesen. Sie wusste alles über das Langzeit-, Kurzzeit- und Ultrakurzzeitgedächtnis des Menschen und war stolz, ihr Wissen in dieser Situation endlich einmal nutzbringend an den Mann beziehungsweise das Kind bringen zu können.
Nachdem Winnie verarztet war und sich ins Wohnzimmer verkrümelt hatte, um mit seinen Autos die Abfahrt des lindgrünen Benz und die Beinahe-Auffahrunfälle auf der Straße nachzustellen, wollte Amelie von mir wissen, ob sonst noch etwas passiert sei, was sie wissen müsste. Sie hatte mir das schlechte Gewissen an der Nasenspitze angesehen.
Ich wusste, dass sie mich nicht verraten würde, gar nicht verraten konnte, weil sie dann ebenfalls gewaltigen Ärger mit Mutter bekommen hätte. Also erzählte ich ihr, was ich gesehen, getan und nicht getan hatte.
Amelie fluchte: »Ach du Scheiße«, und warnte: »Wenn Mama das erfährt, kannst du dich auf was gefasst machen.«
Darauf hätte sie mich nicht hinweisen müssen. Dass Winnie mich nicht in den Verkaufsraum begleitet und nicht mehr gesehen hatte als den lindgrünen Benz und den Mann, der ihn über den Haufen gerannt war, beruhigte Amelie.
Ich wurde angewiesen, mein Sparschwein zu holen. Weil wir es nicht schlachten konnten, fischte Amelie mit einem Schmiermesser drei Groschen aus dem dicken Porzellanbauch und knöpfte mir die zwei Fünfzigpfennigstücke ab. Drei saure Weingummischlangen und sieben Salinos machten zusammen eine Mark dreißig. Ich musste hoch und heilig versprechen, niemals mit einem Menschen darüber zu reden. Im Gegenzug versprach Amelie, es in Ordnung zu bringen. Leider konnte sie ihr Versprechen nicht einlösen und ich das meine nicht halten.
»Ich bin in zehn Minuten wieder da.« Mit den Worten schwang sie sich auf ihr Fahrrad, radelte zur Tankstelle und daran vorbei. Hinter dem Wohnpark wendete sie, kam wieder nach Hause und berichtete, dass bei den Zapfsäulen zwei Streifenwagen, der Notarztwagen und ein Krankenwagen gestanden hatten.
Wir waren beide überzeugt, Notarzt und RTW seien für Maria Bauer gerufen worden. In bester Absicht pulte Amelie zwei weitere Groschen aus meinem Sparschwein und verstaute eine Mark fünfzig in meinem Federmäppchen mit der Anweisung: »Davon kaufst du dir morgen noch zwei Salinos und legst das Geld von heute unauffällig zwischen die Sachen, die da herumstehen.« Gemeint waren Zeitungen, Prospekte und offene Kartons mit Einwegfeuerzeugen, Schlüsselanhängern und dergleichen.
»Mach das direkt nach der Schule«, befahl Amelie. »Dann ist es aus der Welt und fällt nicht auf.«
Mein Schulweg führte an der Tankstelle vorbei. Mutter würde nicht merken, wenn ich einen Zwischenstopp von ein paar Minuten einlegte. Und meine kluge große Schwester glaubte tatsächlich, ich könnte am nächsten Tag ungehindert in den Kassenraum marschieren und tun, was sie mir aufgetragen hatte.
»Wenn Frau Bauer ein paar Tage im Krankenhaus bleiben muss, ist morgen garantiert eine Aushilfe da«, meinte sie. »Oder der Mann von Frau Bauer, kassieren kann der ja noch. Die können nicht tagelang zumachen. Wo sollen die Leute denn tanken?«
In den Nachbarorten zum Beispiel. Möglichkeiten gab es einige. Und die mussten die Leute nicht nur ein paar Tage lang nutzen.
Wie viele Personen den Verkaufsraum betraten, nachdem Winnie und ich das Gelände verlassen hatten, weiß ich nicht. Zur Stoßzeit dürften das einige gewesen sein. Um zehn vor sechs tat endlich ein Autofahrer, was ein anständiger Mensch angesichts einer bewusstlosen Frau, die mit dem Kopf in ihrem Blut liegt, eben tut.
Er stieg über Maria Bauer hinweg, griff zum Telefonhörer und wählte den Notruf. Ein Handy besaßen zu der Zeit erst wenige.
Die Rettungsleitstelle war nur wenige Hundert Meter entfernt, der erste RTW ein paar Minuten später zur Stelle. Winnies Schlangenfrau wurde ins Krankenhaus nach Frechen gebracht. Für ihren Mann mussten der Notarzt und ein zweiter RTW gerufen werden. Das waren die Fahrzeuge, die meine Schwester gesehen hatte.
Otto Bauer war ein schwer kranker Mann, er litt an Lungenfibrose. Das Paar wohnte im Erdgeschoss eines Vier-Parteien-Hauses neben der Tankstelle. Vom Küchenfenster aus hatte man das Gelände gut im Blick. Früher hatten sie die Tankstelle gemeinsam betrieben. Seit ihn seine Erkrankung in den Rollstuhl gezwungen hatte, konnte Otto Bauer seine Frau nur noch hin und wieder für kurze Zeit im Kassenraum vertreten, wenn Maria dringend etwas erledigen musste und keine Aushilfe zur Verfügung stand.
Solche Gelegenheiten hatten ältere Kinder und Jugendliche aus dem Wohnpark wiederholt als Einladung aufgefasst, so zu tun, als wollten sie ein Päckchen Kaugummi oder eine Rolle Pfefferminzdrops kaufen. In der Regel kamen sie zu zweit, einer lenkte den Mann im Rollstuhl ab, der andere sackte währenddessen Zigaretten, Getränke oder sonst etwas ein, was sich bei Erwachsenen im Wohnpark zu Geld machen ließ. Ganz Unverschämte hatten als vermeintliche Käufer auch noch in die Kasse gegriffen, wenn Otto Bauer das Geldfach öffnete.
Den Polizeibeamten der örtlichen Wache war das bekannt, weil Otto Bauer jeden dieser Vorfälle gemeldet und Anzeige erstattet hatte. Deshalb lag angesichts der offenen Außentür im Aufenthaltsraum der Verdacht nahe, der oder die Täter seien auch diesmal aus dem Wohnpark gekommen und wieder dorthin verschwunden. Man nahm an, es hätte ein Handgemenge gegeben.
Maria Bauer hätte sich garantiert nicht tatenlos oder hilflos wie ihr Mann beklauen lassen. Sie war eine kräftige Frau, die zupacken konnte. Da sie den Kürzeren gezogen hatte, konnten es keine jüngeren Kinder gewesen sein, man ging von Jugendlichen aus.
Gestützt wurde dieser erste Verdacht von der Tageszeit. Nach fünf Uhr nachmittags war an Wochentagen immer damit zu rechnen, dass in der nächsten Sekunde ein Auto bei den Zapfsäulen vorfuhr, manchmal stauten sich die Fahrzeuge auf der Zufahrt. Wenn der oder die Täter zu Fuß aus der unmittelbaren Umgebung gekommen waren, hätten sie sich binnen weniger Sekunden mit ihrer Beute hinten raus ungesehen zurückziehen können.
Nun gab es außer Winnie und mir aber noch zwei Zeugen. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: »Leider.« Der alte Mann mit Hut und Hund hieß Hubert Möller, der Radfahrer mit dem bunt gestreiften Schal war Frank Anschütz. Er hatte Winnies liebliches Beinkleid wiedererkannt, ebenso seine Jacke.
Es war ein Einzelstück, vor Jahren im Urlaub in einer Boutique auf Sylt erstanden. Wem seine Mutter dieses edle Teil und einiges mehr geschenkt hatte, wusste Frank. Dass ich ein Haus geerbt hatte und wir ebenfalls umgezogen waren, wusste er nicht. Ihm war auch nicht bekannt, wie wir hießen. Seine Mutter sprach immer nur von Motte und ihren Kleinen. Sich nach unseren Namen zu erkundigen, war Frank nie in den Sinn gekommen. Er war damals vierzehn, in dem Alter interessieren Jungs sich nicht dafür, wie die kleinen Kinder armer Leute aus der Nachbarschaft heißen.
Die übereilte und riskante Abfahrt des lindgrünen Benz hatte sowohl Frank als auch Hubert Möller suggeriert, dass etwas passiert sein müsse. Mein anschließender Aufenthalt im Verkaufsraum verleitete den alten Mann zu der Annahme, drinnen sei alles in Ordnung. Anderenfalls wäre ich wohl schreiend oder verstört wieder rausgekommen. Ich war aber einige Minuten dringeblieben, so lange, wie ein Kind eben braucht, um Süßigkeiten zu kaufen.
Hubert Möller ging beruhigt nach Hause, als ich ohne äußere Anzeichen von Panik, dafür mit Weingummischlangen in einer Hand herauskam. Die Biester waren lang und im Gegensatz zu den Salinos als herunterbaumelnde Masse für Jugendliche und Erwachsene von der anderen Straßenseite aus zu sehen.
Frank Anschütz schloss sich der Meinung des alten Mannes an, radelte zur Kaufhalle und besorgte Chips für den Fernsehabend mit einem Freund. Als er zurückkam, waren im Wohnpark bereits Polizisten unterwegs, um sich die üblichen Verdächtigen vorzuknöpfen. Andere bemühten sich, Neugierige vom Gelände fernzuhalten. Fünfzig, sechzig oder noch mehr große und kleine Leute von nebenan drängten sich auf dem Gehweg neben dem ersten Wohnblock zusammen, um nichts zu verpassen.
Der Menschenauflauf, das Polizeiaufgebot, Notarzt und Krankenwagen machten Frank klar, dass doch etwas passiert sein musste. Er kämpfte sich mit seinem Rad durch das Gewühl und schilderte einem Polizisten das gewagte Fahrmanöver des lindgrünen Benz. Dass Winnie und ich viel näher am Fahrer gewesen waren als er, erwähnte er nicht. Wie hätte sich das denn angehört? Die Kleinen von Motte. Bevor er uns ins Spiel brachte, wollte Frank seine Mutter fragen, wie Motte und ihre Kinder hießen.
Das Kennzeichen hatte er beim Tempo des Wagens nicht gesehen. Aber es reichte, Automarke und Farbe zu nennen, um den Verdacht von Jugendlichen aus dem Wohnpark weg in eine andere Richtung zu lenken.
Von dem Wagentyp waren in unserer Stadt noch einige ältere Modelle unterwegs, ein Benz galt als unverwüstlich. In Lindgrün gab es allerdings nur einen. Und jeder, der in der Polizeiwache seinen Dienst versah, wusste, wem die alte Kiste gehörte und wo der Besitzer zu finden war.
Um die Fabrik und die sogenannte Direktors-Villa auf demselben Grundstück rankten sich seit jeher wüste Geschichten. Beide Gebäude waren Mitte der 1930er-Jahre auf halber Strecke zwischen dem Stadtrand und der nächsten Ortschaft erbaut worden. Eine zweispurige Zufahrt verband das Anwesen mit der Landstraße. Zuerst war die Villa entstanden, drei Stockwerke hoch, das Dachgeschoss für die Dienstboten nicht mitgerechnet. Ein riesiger Kasten, in den ein Direktor mit Familie und Personal einzog.
Rund um die Villa waren Blumenrabatten angelegt. Vor dem Eingangsbereich mündete eine Fahrspur in einem Rondell mit einem bepflanzten Durchmesser von fünfzehn Metern, fast so wie bei den neuzeitlichen Kreiseln. So wurde es auch genutzt. Die Herrschaften fuhren vor und stiegen aus, die Chauffeure drehten eine Runde und parkten bei der dreißig Meter entfernt an der Zufahrt errichteten Garage, in der man drei Staatskarossen unterbringen konnte.
Ein paar sehr alte Leute erinnerten sich noch, dass fünfzig Meter hinter dem Villenbereich ein riesiges Loch ausgehoben worden war. Groß und tief genug, um sämtliche Toten des Ersten Weltkriegs aufzunehmen. In diesem Loch war der zweigeschossige Keller der Fabrik entstanden. Die Grundfläche des ersten Untergeschosses umfasste dreihundert Quadratmeter und war genauso groß wie die Werkshalle der Fabrik. Das zweite Untergeschoss war erheblich größer, wie groß genau und wie tief es in dem Bereich hinunterging, der nicht unter der Fabrik lag, wusste lange Zeit niemand.
Vermutlich war das zweite Unterschoss erst in der dunklen Zeit des Dritten Reichs erweitert worden. Unterlagen darüber gab es nicht. Der unterirdische Ausbau wurde als Bunker und Waffenlager, zeitweise auch als Kerker von der Gestapo genutzt. In der Villa seien hochgestellte Nazis ein und aus gegangen, erzählt man sich heute noch. Und unter der Fabrik seien missliebige Zeitgenossen auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Nachdem das Tausendjährige Reich 1945 in Schimpf und Schande untergegangen war, standen Villa und Fabrik leer, bis sich Anfang 1970 ein Käufer fand, der die heruntergekommenen Gebäude von Grund auf sanieren und instand setzen ließ.
Der neue Besitzer hieß Pollack, zog mit Frau und zwei Söhnen in die Villa. Für die Fabrik bemühte er sich um eine Schankkonzession und investierte ein Vermögen, um die Werkshalle in eine Diskothek zu verwandeln. Die Lage war ideal, weit genug von bewohnten Gebieten entfernt, sodass sich keine Anwohner beschweren konnten.
Zu Musik von den Beach Boys, den Animals, Led Zeppelin, Scott McKenzie und anderen wurde nicht nur getanzt und getrunken. Das weiß ich von Mutter, die mit sechzehn ein paarmal Gast in der Fabrik war. Es wurden auch Joints geraucht und bewusstseinserweiternde Drogen geschluckt. Mutters Ding war das nicht, deshalb sprach sie von einem verruchten Schuppen.
Herr Pollack nutzte einen Teil des zweiten Untergeschosses als Hanfplantage. Das erste Untergeschoss war dafür nicht geeignet, es verfügte über Lichtschächte. Man hätte reinsehen können. Die von Nazis verlegten Strom- und Wasserleitungen im tieferen Keller mochten alt sein, aber sie funktionierten noch. Und was man selbst anbauen konnte, musste man nicht kaufen. Dieses Geschäftsmodell führte zu wiederholten Polizeieinsätzen und zwei vorübergehenden Schließungen.
Anfang 1982 wurde die Fabrik endgültig dichtgemacht. Der drohenden Gefängnisstrafe entzogen sich Herr Pollack und die Frau Gemahlin durch einen Umzug ins Ausland. Es war die Rede von den Kanarischen Inseln, aber das war ein Gerücht.
Zurück blieben der lindgrüne Benz Baujahr 1976 und die Söhne Reinhold und Klaus als gleichberechtigte neue Eigentümer, nicht des Autos, nur des Grundbesitzes und der Immobilien. Den Benz übernahm Reinhold. Er war der Ältere, ein vernünftiger und friedfertiger Mann, gelernter Schreiner, handwerklich geschickt. Mit der Diskothek hatte er nie viel im Sinn gehabt, was dort abging, war ihm suspekt.
Klaus war gerade zwanzig geworden und das Gegenteil seines Bruders. Er trat in Vaters Fußstapfen. Das hatte ihn schon vor dem Abtauchen der Eltern mit dem Gesetz in Konflikt gebracht. Mit fünfzehn hatte man ihn zum ersten Mal am Steuer des Benz erwischt, im Kofferraum zwei Päckchen von Papas Gras, das er an Jugendliche verticken wollte.
Nach zwei weiteren Touren, bei denen er auffiel, wurde ihm vom Gericht untersagt, mit achtzehn die Erlaubnis zum Führen eines Kraftfahrzeugs zu erwerben, was Klaus aber nicht kümmerte. Er fuhr sogar im Benz zur Verhandlung, was ihm drei Monate Jugendstrafe zusätzlich einbrachte.
Als erzieherische Maßnahme, begründete der Richter das Urteil. Aber drei zusätzliche Monate zur Erziehung reichten für Klaus bei Weitem nicht. Mit achtzehn kam er nach einer Messerstecherei nicht mehr so glimpflich davon. Das Gericht verurteilte den Unbelehrbaren zu drei Jahren Jugendhaft.
Während sein Bruder einsaß, arbeitete Reinhold weiter für die Firma im Gewerbegebiet, bei der er seit Abschluss seiner Schreinerlehre beschäftigt war. Von seinem Lohn die Grundsteuer für das riesige Areal zu bestreiten, hätte ihm finanziell bald das Genick gebrochen. Er wollte verkaufen und sich eine Wohnung suchen. Nur fand sich kein Käufer für das riesige Grundstück. Und Miteigentümer Klaus war mit Reinholds Plänen nicht einverstanden. Er hatte ebenfalls Pläne und ein Wörtchen mitzureden.
Wie Reinhold Pollack es schaffte, die erste Zeit zu überstehen, ohne sich hoffnungslos zu verschulden, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich könnte spekulieren, aber nichts beweisen. Reinhold schaffte es jedenfalls, mit Hilfe von Freunden die Villa umzubauen. Im Erdgeschoss richtete er sich eine geräumige Wohnung ein. Aus den Zimmern im ersten und zweiten Stock wurden Appartements, die ihm ein Konzern als Dauermieter abnahm. Dort zogen wechselnde Monteure ein. Es waren nicht immer alle Appartements belegt, aber die Einnahmen flossen regelmäßig.
Schon bald konnte Reinhold es sich leisten, seine Arbeit im Gewerbegebiet aufzugeben und auch die Dienstbotenzimmer im Dachgeschoss in Appartements umzuwandeln. Sie waren kleiner als die Unterkünfte der Monteure, aber größer als ein Zimmer im Studentenwohnheim, mit Duschbad und Miniküche ausgestattet, trotzdem preisgünstig. Bei Studenten waren sie beliebt und immer alle vermietet.
Zusätzlich bot Reinhold auch noch einen passablen Pool und eine Sauna im Keller zur kostenlosen Nutzung. Wenn gewünscht, Frühstück, Wäsche- und Zimmerservice für die Monteure. Das kostete extra, wurde aber gerne in Anspruch genommen.
Nachdem Klaus die erste Haftstrafe verbüßt hatte, beantragte Reinhold eine neue Schankkonzession für die Fabrik. Mit seiner Vorstrafe hätte Klaus sich darum nicht zu bemühen brauchen, aber von etwas musste er ja leben. Gelernt hatte er nichts, wollte die Fabrik umgestalten, erweitern und als Nobeldisko in neuem Glanz erstrahlen lassen. Das erste Untergeschoss wollte er dazunehmen und das Ganze umbenennen in DieHöhle, damit es passte. Als das Ordnungsamt ihm diese Rechnung durchkreuzte, zog Klaus die Sache anders auf. Für private Partys brauchte er keine Genehmigung.
Die Disko mit Bar, DJ-Pult, Lichtorgeln und komplettem Inventar war vorhanden. Die beiden Zimmer im Erdgeschoss der Villa, die Reinhold ihm zugedacht hatte, lehnte Klaus ab. Er war einundzwanzig und wollte nicht länger unter Beobachtung stehen. Das erste Untergeschoss der Fabrik mit seinen großen Lichtschächten und dreihundert Quadratmetern Grundfläche bot mehr als genug Platz für eine Luxuswohnung. Da stellte sich erneut die Frage, wie dieser Umbau finanziert wurde, aber lassen wir das.
Alte Kontakte und Mundpropaganda bescherten Klaus bald regen Zulauf. Männer zahlten für eine Einladung zu einer Party zehn Mark, Getränke kosteten extra, Frauen kamen kostenlos rein. Damit es genug weibliche Unterhaltung für männliche Gäste gab, folgte Klaus dem Beispiel seines Bruders. Er vermietete einige Zimmer seiner weitläufigen Kellerwohnung an junge Frauen. Möglicherweise war auch mal eine Studentin dabei. Wer kennt ihn nicht, den Spruch: »Ich war jung und brauchte das Geld.«
Zu den weiblichen Stammgästen der Partys gehörte schon bald die damals siebzehnjährige Silke, die einzige Tochter von Maria und Otto Bauer. Und Stammgast blieb sie nicht lange. Mit achtzehn kündigte sie ihren Ausbildungsvertrag, zog bei den Eltern aus und bei Klaus ein, wovon Otto und Maria Bauer verständlicherweise wenig angetan waren. Klaus Pollack war kein Mann, den man sich zum Schwiegersohn wünschte.
Die halbe Stadt wusste, dass man bei seinen Privatpartys nicht nur etwas zu trinken bekam, wenn man feiern wollte. Außer den jungen Frauen gab es auch Drogen. Die Hanfplantage im zweiten Untergeschoss war auf behördliche Anweisung vernichtet worden. Klaus bot stattdessen bunte Pillen aus eigener Herstellung an und züchtete Pilze, keine Champignons, versteht sich. Seine Ware ließ er über Beziehungen in Köln vertreiben.
Abgeholt wurden Pillen und Pilze von Kurieren, für die es, wenn gewünscht, als Bonus ein halbes Stündchen mit Silke Bauer gab. Wiederholt wurden Gäste der Partys Zeugen, wenn Silke mit einem Kurier eine Etage tiefer stieg.
Schon ein halbes Jahr nach ihrem Einzug bei Klaus wurde sie schwanger. Im Juli brachte sie ihre Tochter zur Welt. In Lenis Geburtsurkunde stand: »Vater unbekannt.«
Zu Anfang waren viele überzeugt, Klaus sei der Erzeuger. Später dachten einige an Reinhold. Aber es konnte auch ein Kurier oder Student aus dem Dachgeschoss der Villa sein. Die Monteure aus dem ersten und zweiten Stock suchten nach Feierabend ebenfalls hin und wieder etwas Entspannung in der Fabrik.
Silke kümmerte sich nicht um ihr Baby. Weil er mit Leni ebenfalls nichts anzufangen wusste, brachte Klaus den Säugling regelmäßig in die Villa und verlangte von seinem Bruder: »Sorg dafür, dass das Gebrüll aufhört, sonst bring ich sie dahin, wo der Keller am tiefsten ist.«
Schon zwei Wochen nach Lenis Geburt fuhr Reinhold zur Tankstelle und verlangte von den frischgebackenen Großeltern, sie sollten das Baby nehmen. Maria Bauer lehnte ab. Sich neben ihrer Arbeit in der Tankstelle um einen Säugling zu kümmern, dafür fehlte ihr die Zeit. Ihr Mann befand sich im Anfangsstadium der Lungenfibrose und war nicht mehr voll einsatzfähig.
Deshalb machte Maria ihrerseits den Vorschlag, Reinhold solle Leni zu sich nehmen. Er war doch sozusagen Hausmann, versorgte ja auch seine Mieter. Und in den beiden Wochen war er offenbar gut mit dem Baby zurechtgekommen. Für Milch, Windeln und was sonst noch gebraucht wurde, wollte Maria aufkommen. Als Aufwandsentschädigung bot sie an, Reinhold könne jederzeit seinen Benz kostenlos bei ihr betanken.
Reinhold erklärte, es sei für ihn auch eine Frage der Zeit, er habe zu viel um die Ohren, um rund um die Uhr für ein Baby da zu sein. Das brachte Maria auf die brillante Idee, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er solle ihre Tochter zusammen mit dem Baby aufnehmen, schlug sie vor. Dann könne Silke ihren Teil zu Lenis Betreuung beitragen und sich ans Muttersein gewöhnen. Zusätzlich könne Reinhold sie als Zimmermädchen oder im Haushalt beschäftigen.
Auch das lehnte Reinhold ab, nicht nur wegen der Arbeit, die ein Baby machte. Er wollte auch nicht die Verantwortung für die seiner Einschätzung nach drogenabhängige Silke übernehmen und glaubte kaum, dass Klaus einverstanden wäre, wenn ausgerechnet er ihm das beste Pferdchen im Stall abspenstig machte.
»Das lass mal meine Sorge sein«, antwortete Maria Bauer.
Und zwei Tage später erschien Marion König auf der Wache. Sie war in Silkes Alter und gab an, als Gast in der Fabrik gewesen und nicht freiwillig im Untergeschoss gelandet zu sein. Angeblich hatte Klaus ihr einen Drink spendiert und sie hinuntergeleitet, weil ihr übel wurde und sie sich benommen fühlte. Dann sei plötzlich ein unbekannter Mann bei ihr gewesen, der ihre Lage ausgenutzt und sich an ihr vergangen habe. Mit einer Beschreibung des Unbekannten konnte Marion König nicht dienen. Sie sei zu beeinträchtigt gewesen, um auf Äußerlichkeiten zu achten, erklärte sie.
Ihre Anzeige wurde an die Kreispolizeibehörde weitergeleitet. Bis dahin hatten sich die für Drogendelikte und Prostitution zuständigen Beamten mehrfach vergebens bemüht, den Gerüchten um die Fabrik auf den Grund zu gehen und dem Treiben ein Ende zu setzen. Nun reichte es für einen Durchsuchungsbeschluss.
Im ersten Unterschoss traf man fünf Prostituierte an, keine war älter als zwanzig. Im zweiten Untergeschoss entdeckte man eine Drogenküche und kistenweise psilocybinhaltige Pilze aus eigener Zucht. Das reichte für eine Anklage wegen Drogenhandel, Zuhälterei und Steuerhinterziehung. Dass Klaus bestritt, Marion König unter Drogen gesetzt und irgendwem zur Verfügung gestellt zu haben, änderte nichts an der Anklage.
Sechseinhalb Jahre, lautete das Urteil. Fünf musste er absitzen. Weil er als mustergültiger Häftling galt, wurde der Rest seiner Strafe zur Bewährung ausgesetzt.
Während dieser fünf Jahre lebte Silke mit ihrer Tochter in der Villa. Wie Maria Bauer vorgeschlagen hatte, beschäftigte Reinhold sie in der Küche und als Reinigungskraft. Einmal im Monat fuhr er sie zur JVA nach Ossendorf. Silke besuchte Klaus, Reinhold verbrachte den Nachmittag mit der kleinen Leni bei einem Freund. Abholen musste er Silke nicht. Sie wurde spätabends von irgendwem heimgebracht. Jedes Mal machte sie dann den Eindruck, als sei sie halb weggetreten.
Als bekannt wurde, dass Klaus Pollack der Rest seiner Strafe auf Bewährung erlassen worden war, verdrehte man in der örtlichen Wache die Augen und rechnete mit neuem Ärger. Einige meinten, Marion König solle sich warm anziehen, besser umziehen, am besten weit weg. Dass Klaus sich bei seinem Bruder für Silkes Umschulung zur Haushaltshilfe bedankte, erwartete auch niemand. Man ging vielmehr von einem Drama à la Kain und Abel aus.
An Maria Bauer dachte niemand, bis Frank Anschütz an dem Donnerstag vor Weihnachten auf den lindgrünen Benz hinwies. Seine Beschreibung des Fahrers passte auf beide Brüder. Aber der Kavalierstart passte nicht zu Reinhold.
Ihm traute auch niemand zu, Maria Bauer niedergeschlagen und die Kasse ausgeräumt zu haben. Klaus dagegen, vor sechs Wochen aus der Haft entlassen, mittellos und mit einer jungen Frau liiert, deren Mutter ihm die Pest an den Hals wünschte …
Es fuhr umgehend ein Streifenwagen mit zwei Polizisten zum Anwesen der Brüder. Einer von ihnen war Tobias Dräger. Er war mit Reinhold zur Schule gegangen und immer noch mit ihm befreundet. Zeitweise war die Freundschaft für Dräger problematisch gewesen, weil Reinhold nun mal einen jüngeren Bruder hatte, der häufig mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Doch das konnte man Reinhold ebenso wenig anlasten, wie man Dräger zum Vorwurf machen konnte, dass er die Freundschaft nicht beendet hatte. Rücksichten hatte er nicht genommen. Im Gegenteil.
Seit der Schulzeit war Dräger vertraut mit den Örtlichkeiten. Er hatte 1984 die mit der Durchsuchung beauftragten Kollegen zur Pilzzucht und der Drogenküche geführt. Auf sich alleine gestellt, hätten sie den Ausbau des tiefer gelegenen Kellers womöglich nicht entdeckt und die Gerüchte um einen Bunker und den Kerker der Gestapo für ein Märchen aus Kriegszeiten gehalten.
Dräger wusste auch um Reinholds Frust über den Lebenswandel des jüngeren Bruders und die Bemühungen, Klaus den weiteren Weg in die Kriminalität zu verbauen. Reinhold hatte die fünf Jahre genutzt, um mit Hilfe von Freunden die Fabrik auszumisten.
Angeblich hatte Klaus seine Zustimmung gegeben. In der leeren Werkshalle erinnerte nichts mehr an Diskonächte und Privatpartys. Die Wohnung im ersten Untergeschoss war ebenfalls ausgeräumt und umgestaltet worden. Auf den dreihundert Quadratmetern waren acht Appartements entstanden, die noch auf Mieter warteten, und eine Zweizimmerwohnung mit Küche und Bad für Klaus.
Ebenso wusste Tobias Dräger von Maria Bauers Wut auf den miesen kleinen Zuhälter. Nur drei Tage nachdem Klaus wieder auf freiem Fuß gewesen war, hatte ihr jemand erzählt, er würde Silke in Köln auf den Strich schicken. Maria hatte Dräger gebeten, ein ernstes Wort mit Klaus zu reden. »Mach dem Mistkerl klar, dass er schnell wieder im Bau landet, wenn er so weitermachen will wie vorher. Er ist nur auf Bewährung draußen.«
Dräger hatte ihr den Gefallen getan und den Eindruck gewonnen, dass die fünf Jahre hinter Gitter Klaus zur Vernunft gebracht hatten. Ein neutral freundliches Gespräch hatten sie geführt. Klaus hatte eingeräumt, mit Silke in Köln gewesen zu sein. Sie hatten mit früheren Arbeitskollegen von Silke bei Maredo zu Abend gegessen.
»Das kannst du überprüfen, wenn du dich dann besser fühlst, Tobias. Ich bin doch nicht so verrückt und setze meine Bewährung aufs Spiel. Ich finde bestimmt schnell Mieter für die Appartements. Aus der Werkshalle werden wir ein kleines Einkaufscenter machen.«
Diese Auskünfte und seine Eindrücke hatte Dräger an Maria Bauer weitergegeben und von ihr gehört: »Dasselbe hat Reinhold mir gestern erzählt. Warten wir ab, ob Klaus das ernst gemeint hat.«
Hatte Klaus nicht, das wusste Dräger inzwischen. Maria Bauer hatte es garantiert ebenfalls erfahren. Sie hätte Klaus nicht mit offenen Armen empfangen, konnte ziemlich ausfallend und rabiat werden. Und im Gegensatz zu Jugendlichen aus dem Wohnpark hätte Klaus sich kaum ohne Gegenwehr an die frische Luft befördern lassen. Dräger war gespannt auf die Show, die er diesmal abziehen würde. Aber zuerst wollte er mit Reinhold sprechen.
Auf der großen Freifläche zwischen der Villa und der Fabrik hatte Reinhold einen Parkplatz für die Mieter angelegt. Seinen alten Benz stellte er unter der Überdachung neben der Villa ab, wo auch die Mülltonnen standen und das Brennholz für einen Kamin gelagert wurde. Die dreißig Meter vom Haus entfernt stehende Garage mit Chauffeurswohnung unterm Dach wurde seit ewigen Zeiten nicht mehr genutzt. Der Benz stand bei den Mülltonnen. Die Motorhaube war kalt, was bei der Witterung nichts heißen wollte.
Verschlossen war der Wagen nicht, der Zündschlüssel steckte.
Reinhold reagierte schockiert, als er hörte, weshalb Dräger in Begleitung eines Kollegen kam. Überfall auf die Tankstelle? Mit seinem Wagen? Dass er sich nicht nach Einzelheiten erkundigte, erklärte sich mit der kleinen Leni.
Das Kind lag bäuchlings auf dem Teppich neben dem Schreibtisch und beschäftigte sich mit Buntstiften und einem Malbuch. Leni verpasste einer schwebenden Fee blaue Flügel und äugte verstohlen zu den Polizisten hin. Sie kannte Tobias Dräger nicht in Uniform, nur in Alltagskleidung als Reinholds Freund.
Eine der Aushilfen, die Maria Bauer von sieben Uhr abends bis um elf sowie stundenweise an den Wochenenden an der Tankstelle vertraten, hatte Leni um halb fünf zur Villa gebracht. »Damit ich nicht noch mal losmusste, um sie abzuholen«, sagte Reinhold. »Ich hab den Wagen in den letzten Stunden nicht benutzt. Kurz nach Mittag war ich beim Steuerberater und habe kartonweise Unterlagen aus früheren Jahren abgeholt. Die können vernichtet werden, aber das hat Zeit. Ich sehe lieber erst mal zu, dass ich den Papierkram für den Jahresabschluss vom Tisch bekomme.«
Drei große Kartons neben der Tür des Büros und der mit Papieren bedeckte Schreibtisch untermauerten diese Auskunft.
»Über die Schlepperei habe ich wohl vergessen, den Schlüssel abzuziehen«, entschuldigte Reinhold sich.
Wenn der Wagen danach nicht mehr bewegt worden wäre, hätte der Schlüssel auf dem Kofferraumdeckel stecken müssen und nicht im Zündschloss. Für Dräger war die Sache klar.
Von Viertel nach fünf bis Viertel vor sechs hatte Reinhold zudem mit seinem Steuerberater telefoniert, was dieser bestätigte. Reinhold hatte folglich ein lückenloses Alibi für die fragliche Zeit. Aber ihn verdächtigte ohnehin niemand.
»Seid ihr sicher, dass es Klaus war?«, fragte er in einem Ton, als könne er sich das nicht vorstellen.
»Traust du einem deiner Mieter zu, dein Auto für einen Überfall zu nehmen?«, antwortete Dräger mit einer Gegenfrage.
»Was soll ich dazu sagen?«, entgegnete Reinhold.
»Hören wir erst mal, was Klaus dazu sagt«, erwiderte Dräger. »In einem Aufwasch kann ich Silke über den derzeitigen Aufenthaltsort ihrer Eltern informieren. Vielleicht vergeht ihr dann die Lust, heute zu arbeiten.«
Reinhold gab mit einem Finger an den Lippen und einem Nicken in Richtung der Tür zu verstehen, dass offene Worte erst draußen angebracht seien. »Wir gehen kurz rüber zu Mama, Leni«, sagte er. »Pass du bitte so lange aufs Telefon auf. Wenn jemand anruft, sagst du, dass ich zurückrufe, wenn ich wieder da bin.«
Er begleitete Dräger und dessen Kollegen hinüber zur Fabrik. Draußen fragte er: »Was ist denn mit Otto und Maria?«
»Maria ist verletzt, aber nicht gravierend«, antwortete Dräger. »Eine Platzwunde am Kopf und eine Gehirnerschütterung. Sie wurde vorsichtshalber ins Krankenhaus nach Frechen gebracht, Otto ebenfalls, er hat einen Schwächeanfall erlitten.«
»Gott, wie furchtbar«, sagte Reinhold.