Der Weg nach Eutopia - Ingrid Manogg - E-Book

Der Weg nach Eutopia E-Book

Ingrid Manogg

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Beschreibung

Band 2 der Reihe Der Weg nach Eutopia Dodo ist kein singender und klingender Septemer wie die anderen. Er gilt als unbegabt. Er schämt sich für seinen Namen, für seine Musik, für alles. Die Freundschaft mit Luflu legt den Grundstein für seine Befreiung. Doch schon treten die Katter auf den Plan...

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Reihe Der Weg nach Eutopia

Zehn Planeten, zehn unterschiedliche Stämme: Alles scheint friedlich und geordnet. Bis der Stamm der technisch versierten Katter die Macht ergreift. Eine rasante Entwicklung nimmt ihren Lauf, die Katter setzen ihre Vorstellungen von einem ‚Wir‘ rücksichtlos durch. Bald herrschen sie nicht nur über das Versum, sondern auch über den ‚Anderen Raum‘. Doch es gibt Außenseiter, die ihre Träume und Freundschaften bewahren wollen, sie suchen nach einem anderen Weg. Können sie bestehen? Und gibt es ein Entkommen aus dem schwarzen Ring?

Band 2 Solizare

Dodo ist kein singender und klingender Septemer wie die anderen. Er gilt als unbegabt. Er schämt sich für seinen Namen, für seine Musik, für alles. Die Freundschaft mit Luflu legt den Grundstein für seine Befreiung. Doch schon treten die Katter auf den Plan …

Inhalt

Die Tetra-Angel

Wie unter Freunden

Luflu hat eine Idee

Der verlassene Klangtempel

Odofluid

Wettermacher

Spaßbremse

Die vier Jahreszeiten

Dodo verliert seinen Freund

Geteiltes Geheimnis

Dodo wird abgeholt

Dodo bei den Katter

Solizars Stimme

Der Fluss fließt in das Große hinein

Kein Sonnenschein

Bedingungen

Wieder im Klangtempel

Klangschalen

Eine glückliche Zeit

Die Kleinen werden größer

Ein langer Sommer

Solizars Ankunft

Solizare und Feggis

Nocturnes

Bannen durch Betönen

Wetterwarnungen und Schulden

Schwanenwassa

Die Wundertöner

Turbulenzen

Die goldene Blase platzt

Ein erster Schritt

In der Ansiedlung

Die Rebellen

Dummelflug

In der Obhut von Domila

Einzelstunden

La Minore

Einschätzungen

Spaziergang

Gedankenverschleiern

Verhaftet

Simido

Anschuldigungen

Die beste Sängerin

Abschied

Im Flugkasten

»Fass mich nicht an!«

Der Letzte Winkel

Klangtherapie

Die Geheimnisse der Solizare

Simidodo

»Sie haben sich gefunden …«

Flucht

Der geheime Eingang

Füssik

Odissi

Die Odoe

Schlagzeug

Notensäckchen

Endzeit

Solizare

Einführung

In einem weit entfernten Versum kreisen zehn Planeten um eine Sonne. Nicht alle dieser Planeten sind rund, doch alle sind umhüllt von einer fast durchsichtigen kugelförmigen Schutzblase, die sich um ihre Atmosferen schmiegt. Die Bewohner dieses Versums nennen sich Versaner. Es gibt zehn Stämme, jeder Stamm lebt auf einem eigenen Planeten. Die Namen der Planeten entsprechen den von den Stämmen verehrten ‚Großheiten‘ oder einem ihnen wichtigen Prinzip.

Versaner sind den Menschen ähnlich. Ihre Sinnessysteme sind jedoch teils spezialisierter, teils ‚gesamtleiblicher‘. Ihre körperliche Substanz ist für andere Elementarteilchen durchlässig als für Menschen. Daher können sie auf andere Weise Energie gewinnen und Nachwuchs erwünschen. Manche der Stämme unterscheiden zwischen männlichen und weiblichen Wesen, andere nicht.

Auf jedem Planeten herrschen spezifische Lebensbedingungen. Die jeweiligen Bewohner weisen typische Merkmale auf, wenngleich natürlich in individueller Ausprägung. Nachfolgend eine Kurzübersicht.

Der Planet Solaria steht der Sonne am nächsten. Er dreht sich nicht um sich selbst. Auf der einen Hälfte ist immer Sommer, auf der anderen Seite ist immer Winter. In einem schmalen Übergang liegen Frühling und Herbst. Auf Solaria lebt der Stamm der Novanis. Novanis sind dünn, dunkel, eine Feder wächst aus ihrem Kopf. Sie nähren sich von Sonnenlicht und lieben Pferde. Gerne spielen sie Ball, lesen oder schreiben. Lügen mögen sie nicht.

Lemniskate rotiert in wechselnder Geschwindigkeit in alle Richtungen um sich selbst. Es ist immer warm. Das Wetter ist unbeständig, nur Kakteen und zähe Gräser gedeihen. Zwei Monde kreisen unregelmäßig, es gibt keinen festen Tag-Nacht-Rhythmus. Auf Lemniskate leben die Okter. Sie sind hellbraun und rundlich und gewinnen Energie, indem sie ihre innere Lemniskate in Schwingung versetzen. Sie haben Hunde und widmen sich am liebsten dem Naturwissenschaffen.

O-Ton ist klimatisch und landschaftlich am abwechslungsreichsten. Es gibt grüne Hügel, Wälder und Seen, Berge und eine Wüste. Auf O-Ton leben die Septemer. Sie sind schlank, ihre Haare sind voll. Sie haben sieben Finger an jeder Hand und sieben Zehen an jedem Fuß. Ihr Leib ist ein Klangkörper. Sie nähren sich durch Töne und Klänge, sie singen und machen Musik.

Lignum ist rundum bewaldet. Es regnet häufig und ist kühl. Auf Lignum leben die Seisonen. Sie sind sehr groß, untersetzt und kräftig. Ihre Haare sind dicht, die Farbe variiert wie bei ihren Augen. Sie nähren sich vom Saft der Bäume, dem Lakrum. Bäume fällen und Kämpfen sind ihre Hauptbeschäftigungen.

Radix kreist im Windschatten von Lignum. Er ist durchlöchert und durchzogen von Wurzeln. Er ist der Planet der Gräser und Sträucher. Auf Radix leben Schafe und die Faiwer. Ihre langen Haare sind wirr, ihre Finger und Zehen gewunden. Sie laufen gebeugt, geradeaus gehen ist ihnen nicht möglich. Sie nähren sich von Beeren, flechten, weben und verehren ihre Großheit, die ebenfalls Radix heißt.

Mosaika besteht aus Kuben und Quadern. Hier leben die Katter. Sie sind blass, kantig, haarlos und stabil gebaut. Mund und Gliedmaßen sind dünn. Sie sind technisch sehr versiert und können aus vielerlei Energie ziehen. Ihre Lieblingsfarbe ist rot, viel mehr geben sie offiziell nicht bekannt.

Lunaflor ist der kleinste Planet und der einzige mit einem selbstleuchtenden Mond. Er ist flach, an den äußeren Enden leicht nach unten gewölbt, und übersät von Blumen. Seine dunkle Atmosfera schirmt ihn von der Sonne ab. Auf Lunaflor leben die Trejaner. Sie sind klein, bleich und rundlich. Ihr Äußeres wechselt mit den Mondphasen. Ihre Haare sind staubfein, die Augen groß und rund, ohne Weiß. Sie trinken Mondlicht und den Duft der Blumen. Ihre Katzen sind schwarz.

Ludofluid ist geformt wie eine langgezogene Schale. Der Planet schaukelt und schwankt, Wassa schwappt hin und her. Verschiedenartige Inseln tauchen auf und verschwinden wieder. Auf Ludofluid leben die Twajis. Sie sind schlank, lockig, eher hell und extrem beweglich. Jeder von ihnen trägt einen Luden (eine Schlange) mit sich herum. Für die Energiegewinnung lassen sie Wassa durch sich fließen. Spiel, Spaß, Tanzen und Schönsein bestimmen ihr Dasein.

Formicula ist eine Scheibe, grau und kalt. Außer einigen Bäumen und kurzem Gras wächst nichts. Auf Formicula leben die Unis. Unis sind groß, schlank und zäh. Augen und Haare sind tiefschwarz, zwei feine Fühler ragen aus dem Kopf. Unis gewinnen Energie, indem sie sich als Einheit zusammenschließen, oder sich vom Saft ihrer Emsen (Ameisen) nähren. Sie bauen, transportieren und dienen dem Prinzip der großen Emse.

Furio kreist am äußersten Rand des Versum und ist daher nicht auf der Karte verzeichnet. Der Planet besteht nur aus Vulkanen, die Atmosfera ist schweflig. Auf Furio leben die Zeronier. Sie sind kompakt und kräftig, die Farben von Haaren, Leib und Augen wechseln zwischen dunkel- und flammenfarbig. Sie nähren sich von flüssiger Lava. Jeder von ihnen ist mit einem Drachen verbunden. Wenn die Zeronier nicht kämpfen, langweilen sie sich. Die anderen Versaner fürchten sich vor ihnen.

Die Bewohner des Versum können nicht auf andere Planeten reisen. Sie begegnen sich auf dem sogenannten Gemeinschaftsplaneten. Dieser ist jedoch kein Planet, sondern ein mehr oder weniger substantieller, geistig verdichteter Raum. Er wird auch als der ‚Andere Raum‘ bezeichnet. In diesen gelangen die verschiedenen Stämme mit ihren ‚Flugobjekten‘.

In der Reihe ‚Der Weg nach Eutopia‘ begleiten wir einige liebenswerte Außenseiter durch die Herrschaftszeit der Katter, das Verum. In diesem Band erzählen wir von Dodo, einem jungen Septemer, der auf O-Ton lebt. Die Geschichte beginnt ca. 12 Jahre nach Beginn des Verum.

Die Tetra-Angel

Wie alle Septemer hatte Dodo sieben Finger an jeder Hand. Jeder stand für einen Ton und dessen Klangspektrum. Do, Re, Mi, Fa, Sol, La, Si … Dodo tippte Zeigefinger auf Zeigefinger, Mittelfinger auf Mittelfinger, Ringfinger auf Ringfinger, Kuppe auf Kuppe, Knöchel auf Knöchel … Jedes Mal machte es ein feines oder volles Kling in unterschiedlicher Tonhöhe, je nach Treffpunkt und Stärke des Anschlags. Er sang dazu, so leise wie möglich. Niemand sollte hören, wie oft er falsch anschlug und wie schief er sang. Jeden Morgen hoffte er, dass er die Töne, die er innerlich hörte, endlich richtig antippen und tönen könnte, und jeden Abend war er aufs Neue entmutigt.

»Du beherrscht immer noch kein einziges Instrument«, hatte Doremi, der Leiter der Musikschule, vor einigen Tagen zu ihm gesagt. »Also spielst du bei der Aufführung wieder die Tetra-Angel. Du wirst zweimal vier Töne anschlagen. Ich habe dir alles detailliert aufgeschrieben.«

Dodo hatte das Papier studiert und genickt. Ja, diesmal würde er es schaffen. Er würde sich farbige Punkte auf Arme und Beine malen, dann könnte er die richtigen Stellen unmöglich verfehlen. Mit einem Finger der linken Hand auf den rechten Oberarm, dann mit einem Finger der anderen Hand auf den anderen Oberarm, dann abwechselnd auf die Beine.

Am Tag der Aufführung saß er mit drei anderen Tetra-Angel-Spielern bei den Schlagzeugern. Sie waren alle viel jünger als er. Dodo krümmte sich zusammen, um kleiner zu wirken. Erneut ging er im Geiste die Reihenfolge der Finger durch, mit denen er die Töne anschlagen sollte.

Das Publikum bestand hauptsächlich aus Musiklehrern und Fachkundigen, die in der Provinz nach neuen Talenten Ausschau hielten. Nur aus seiner Familie war wie immer keiner erschienen. Einige der Externen trugen rötliche Umhänge, die Arme und Beine verhüllten, das war neu. Niemand sonst bedeckte seinen Klangkörper.

Der Dirigent hob die Arme, es ging los. Die jungen Schüler produzierten die gewünschten Töne in der korrekten Tonlage, im richtigen Rhythmus und in der richtigen Intensität. Sie spielten eine Symphonie mittleren Schwierigkeitsgrades, die der neue Solizar, der Höchste aller Septemer, extra für Talentsichtungen komponiert hatte.

Dodo mochte das Stück nicht, er schweifte ab. Bald verlor er sich in einzelnen Tonfolgen. Sie ballten sich zusammen, türmten sich, färbten seinen inneren Himmel. Mehr und mehr Gebilde begannen zu vibrieren, zu pulsieren, immer dichter, immer farbiger, bis die Musik ohrenbetäubend über ihm zusammenschlug.

Konzentrier dich, ermahnte er sich. Gleich bin ich dran … Vor Anspannung verkrampften seine Hände. Als der zweite Satz der Symphonie ausklang und er das Signal für seinen kleinen Solo-Einsatz erhielt, bekam er die Finger nicht auseinander. Im falschen Moment schlug er mit der Faust an. Es schepperte und klirrte.

Alle starrten ihn entsetzt an. Der Dirigent räusperte sich und winkte den Schülern, fortzufahren. Dodo brannte vor Scham.

Es dauerte ewig, bis der letzte Satz endete. Ein stürmischer Applaus brandete auf, der nicht ihm galt. Anschließend gaben die Fachkundigen ihre Bewertungen und Empfehlungen für weiterführende Förderungen ab, die Schüler freuten sich oder verbargen ihre Enttäuschung. Wie jedes Jahr fiel nur einer von ihnen durch – Dodo.

»Mach dir nichts draus, Dodo«, tröstete ihn einer der Kleinsten, der höchstens halb so alt war wie er. »Vielleicht bis du kein klingender und singender Septemer, aber du bist sehr nett, und das ist doch auch etwas.«

Aber es war eben nichts. Er war nichts und er konnte nichts. Er war eine Schande für seine Ertöner, die zu den besten Musikern auf dem Septemer-Planeten gehörten und ihn persönlich betönt hatten, als er noch in der Klangschale lag. Er war der Missglückte unter seinen begabten Geschwistern.

Dodo wich allen verächtlichen und mitleidigen Blicken aus und verließ mit hängenden Schultern die Musikschule. Sie lag in einem engen Tal, hohe Hügel schirmten sie von den nächstgelegenen Ansiedlungen und allen Ablenkungen ab.

Wie gewohnt setzte Dodo sich unter den größten der ausladenden Bäume. Der Wind rauschte machtvoll in den Blättern und sog seine Unruhe ein wenig auf. Immerhin war morgen unterrichtsfrei. Und übermorgen würde sich niemand mehr für sein Versagen interessieren.

Oh, ein paar Schüler bewegten sich auf ihn zu. Rasch griff er zu seinem Komkatt. Er hatte keinen einzigen Kontakt, aber er konnte ja so tun, als würde er mit jemandem kommunizieren.

Wahllos tippte er auf der glatten Oberfläche herum. Plötzlich belebte sich das dunkle Bild, zwei Schlangen zischten ihn an … Vor Schreck fiel er um, alles an ihm schepperte und klingelte.

Das Komkatt war neben seinen Kopf gefallen, eine laute Stimme tönte ihm ins Ohr: »Wer oder was bist du, so bescheppertgescheppert? Du Sau, äh, nein, ich habe es wieder versau-saut …«

Dodo wagte einen Blick auf das Display. Die Schlangen waren verschwunden. Ein junger Twajo blickte ihn an. Glitzerperlen hingen ihm im dunklen, lockigen Haar, ein wassa-blaues Auge zuckte, das andere war heftig zusammengekniffen.

Eigentlich sah er ganz nett aus, fand Dodo. Er nahm das Komkatt wieder an sich und richtete sich auf.

Wie unter Freunden

»Du schaltest mich nicht ab? Alle schelten, äh, schalten mich ab. Bestatten, äh, gestatten. Das vorhin waren meine zwei Luder, äh, Luden, äh, Schlangen. Lu und Flu. Und du, was bist du, äh, hast du für ein Problem?«

»Ich habe tatsächlich kein Problem, sondern bin eines«, antwortete Dodo überrascht. »Aber das langweilt dich bestimmt. Twajis langweilen sich immer, wenn etwas nicht lustig ist.«

»Ich bin nicht lustig«, murmelte der Twajo. »Aber vielleicht, du störst, äh, wenn es dich nicht stört, dass ich tickticke, erzählst du mir von dir?«

»Ich erzähle von mir, dann erzählst du von dir«, schlug Dodo vor. »Du erzählst niemandem davon und ich erzähle niemandem davon.«

Der Twajo strahlte auf. »Abgemurkst – äh abgemacht. Wie unter Freunden. Du fängst an.«

Wie lange die Geduld eines Twaji wohl anhielt? Dodo begann stockend, sprach immer schneller, überholte klirrend und scheppernd seine Scham und hängte sie erfolgreich ab.

»Ich hasse – äh, fasse mal zusammen«, sagte der Twajo. »Du bist also die unfähigste Missmissgeburt eures Plan-Planeten. Aber was heißt betönen? Was sind Ertöner? Erklirr-erklär, laangsaam.«

Das ist viel einfacher, als über sich selbst zu sprechen, dachte Dodo erleichtert. Er holte tief Luft. »Wir Septemer gestalten unseren Nachwuchs durch Ertönen. Zwei Große tun sich zusammen. Einer übernimmt Dur, einer Moll. Sie singen sich im Duett ein, dann beugen sie sich über eine goldene Klangschale. In diese Klangschale tönen sie so lange hinein, bis sie das perfekte Zusammenspiel gefunden haben. Dann beginnt ein Echo aus der Schale zu tönen, das sie in einen harmonischen Akkord einbauen müssen. Gelingt es, wächst der neue Ton in der Klangschale an und es entsteht ein kleiner Septemer. Damit er gedeiht, braucht es noch einige Tage, in denen die Ertöner immer wieder in die Klangschale klingen, singen und tönen. So wird das Gehör des Kleinen geschärft und für Harmonie sensibilisiert. Für das Rhythmusgefühl sorgt unser Planet mit seinem Pulsieren. Das ist der O-Ton, er vibriert dunkelgolden.« Dodo verdrehte seine vierzehn Finger und verfiel in einen Flüsterton. »Der O -Ton wird durch die Klangschale verstärkt.«

»Sprich weiter, du Eiter!«, rief der Twajo, rollte seine Augen und zuckte mit den Schultern. »Ich weiß doch, dass du mir etwas verschweigst, spu-spuck es aus, los spuck. Für was schämst du dich würg-wirklich?«

»Ich kann das Pulsieren unseres Planeten hören«, hauchte Dodo.

»Ja und?«, fragte der Twajo verblüfft.

»Niemand kann den O-Ton hören, nur Verrückte behaupten so etwas. Ich liebe Musik, aber ich nehme alle Töne auf einmal wahr. Und wenn der O-Ton sich hineinmischt, schlägt alles über mir zusammen.«

»Hm. Du kannst also nicht singen, du kl-klirrst, du kannst kein Finst-Instrument abspul-spielen … Kannst du denn sonst etwas? Bist du vielleicht in irgendetwas anderem gu-gut?«

Dodo schüttelte den Kopf. »Kattarisch mittelmäßig, Rechnen schlecht, Notenschrift unterdurchschnittlich.«

»Ich lass mir etwas fallen, äh einfallen«, versprach der Twajo. »Kopf ab, äh, Kopf hoch. Bis Mogel-morgen.«

Zäh zogen die Stunden dahin, Mittag war schon lange vorüber. Dodo sackte in sich zusammen. Er glaubte nicht mehr daran, jemals wieder von seinem neuen Freund zu hören, Twajis waren bekannt für ihre Unzuverlässigkeit. Doch dann, am frühen Abend, klingelte sein Komkatt.

Luflu hat eine Idee

Wild wedelte der Twajo mit seinen Luden vor dem Bildschirm herum. »Hallo, hallo, hier sprechen Lu und Flu oder Flu und Lu.«

Dodos Gesicht hellte sich auf. »Ich dachte schon, du hättest mich vergessen. Schön, dich zu sehen.«

»Ganz deinerseits, ganz deinerseits. Hast du eigentlich einen Damen-Namen?«

Dodo zuckte zusammen. »Einen Damen-Namen habe ich nicht. Aber einen sehr dämlichen. Sag du mir erst deinen.«

»Aber den ke-kennst du doch schon. Ich heiße Lu oder Flu oder Luflu. Du kannst wählen.«

»Das verwirrt mich. Du musst doch einen richtigen Namen haben.«

»Wir Twajis heißen jeden Tag anders. Wir hassen feste Zuordnungen, wir sind wie Wa-wassa.«

Dodo seufzte. »Ich würde auch gerne meinen Namen wechseln. Mich nennen alle Dodo. Eigentlich müsste ich sogar Dododo heißen.«

»Dodo, dada, das ist gaga.«

»Wenn es doch einfach nur gaga wäre.«

»Du schaust so betrübt. Ist Dodo etwas Schlimmes?«

Dodo nickte. »Es bedeutet, dass ich nur die unterste Note summen kann, Do.« Er summte ein Do. »Aber meistens singe ich auch das Do falsch. Dann heiße ich umgekehrt, Od oder gar Ododod.«

»Ihr heißt nach Toten-Noten?«

»Nein, nach Tönen. Die Töne haben Namen, Doremifasollasi, und wir heißen nach den drei Tönen, die wir als Kleine als erste summen können. Du weißt ja schon, meine Ertöner sind sehr enttäuscht von mir. Sie hatten erwartet, ich wäre mindestens ein Solfeggio, vielleicht sogar ein Sifeggio.«

»Was ist ein Siff-Feggio?« Luflu zappelte unruhig.

»Ein Feggio ist ein hoch- oder höchstbegabter Septemer. Manche können schon in der Klangschale alle sieben Töne korrekt summen oder singen, manche entfalten ihre Hochbegabung erst später. Jedenfalls nennen wir einen Hochbegabten Feggio. Der höchste Ton, auf den er am besten gestimmt ist, wird dem Feggio vorangestellt: er heißt dann also Do-Feggio, Re-Feggio, Mi-Feggio und so weiter. Aber die meisten Kleinen summen in der Klangschale höchstens drei verschiedene Töne. Je höher die Töne, desto besser. Kann ein Kleiner nur einen Ton summen, ist es schlecht, aber ein Sisisi ist besser als ein Mimimi, ein Sisilos ist besser als ein Lalalos, Ododod ist katastrophal.«

»Oh du liebes Wassa«, lachte Luflu. »Das klingt ja so bescheuert, als hätte ich es mir selbst ausgedacht. Sind deine Ertöner etwa Feggis?«

»Ja, Lafeggio und Sifeggio. Meine Geschwister sind ebenfalls Feggis. In Minore und Maggiore, beides. Und Halbtöne haben wir auch, fi, me und …«

»Bitte erkläre es mir nicht, das ist mir zu kompliziert.«

»Ich singe alle Töne falsch. Ob ich jemanden mit seinem Namen ansinge oder nicht, immer gelte ich als unhöflich …«

»Dodoreremimi«, summte Luflu. »Fafafa. Sisisolla. Lustig. Und wenn du schepperst, was ist das für ein Ton?«

Dodo schaute ins Leere. »Gar keiner.«

»Aber ich höre doch etwas, und es klingt wie Mus-Musik.«

»Das sind nur hässliche Geräusche.«

»Dodo«, Luflu wiegte sich summend und schnalzend hin und her. »Ich habe eine großartige Idee. Wir gründen eine Bänd.«

»Was ist das?«, fragte Dodo schüchtern.

»Na, das Gegenteil eines Orchesters. Wir machen Geräusche, wie es uns gefällt. Niemand außer uns muss es mögen. Los, klirre, scheppere.«

»Aber Geräusche machen ist unanständig. Und verboten ist es auch.«

»Sehr verboten?«

»Bis zur Verbannung und ohne Zurück.«

»Bleib locker. Wir nennen die Bänd Odofluid. Morgen geht’s los.«

Der verlassene Klangtempel

Dodo konnte nicht schlafen. Was Luflu vorgeschlagen hatte, war ein absoluter Tabubruch und verstieß gegen alle Regeln. Nur ein einziges Mal war es erlaubt gewesen, Geräusche zu produzieren. Das war vor dem Großen Fest gewesen, als die besten Septemer unter Führung von Solizar Sifeggio die Zeronier-Oper komponierten. Wie gerne würde er sie hören. Ob es die Notensäckchen noch gab? Mittlerweile komponierten einige Septemer unter dem Einfluss der Katter völlig andere Musik, vorwiegend viertonig mit zahlreichen Wiederholungen. Und sie errechneten den Wert ihrer Musik nach der Anzahl der Noten.

Es klirrte, während er sich unruhig hin und her wälzte. Seine Ertöner zahlten jedes Jahr mehr Digitts, um zu verhindern, dass er aus der Musikschule herausflog, und sie zahlten auch für sein Einzelzimmer. Aber es war nicht schalldicht. Wenn ihn jemand beim absichtlichen Geräuschemachen erwischte … Er brauchte einen sicheren Platz, an dem er allein sein konnte und der Schall nicht verwehte.

Der verlassene Klangtempel! Er fuhr aus dem Bett hoch. Da wohnt ringsherum kein einziger Septemer mehr, hatte Doremi einmal erzählt, es ist ein schlechter Platz. Auf Anraten des neuen Solizar sind alle in die größeren Ansiedlungen gezogen, zu den großen modernen Klangkästen …

Dodo griff zu seinem Komkatt und studierte die Route. Hoffentlich würde ihn niemand suchen. Ach was, ihn vermisste sowieso keiner. Er prägte sich Luflus Frequenz ein, löschte alle Daten auf seinem Gerät und ließ es liegen. Dann packte er zwei Umhänge in seinen Rucksack, schlich in den Materialraum und nahm sich ein nagelneues großes Komkatt. Schuldgefühle zwickten ihn, aber so würden sie ihn nicht orten können.

Er lief die ganze Nacht, immer geradeaus. Ihm war ein wenig mulmig zumute, er hatte das Gelände der Schule seit Jahren nicht verlassen. Als es hell wurde, umlief er alle Ansiedlungen in einem weiten Bogen. Liebliche Hügel, Wiesen, Wälder und kleine türkisblaue Seen säumten seinen Weg, klare Bäche plätscherten, in der Ferne schimmerten hohe Berge. Es gab sogar eine Wüste, hatte er gehört, irgendwo in der vierten Region. O-Ton galt, zumindest nach dem Maßstab der Septemer, als der abwechslungsreichste und schönste aller Planeten.

Doch Dodo hatte kein Auge für seine Umgebung. Er war es nicht gewohnt, weite Strecken zu laufen, seine Füße schmerzten. Sie klingen dumpf, das ist die Note We, dachte er. We wie Wohnen. Wohne darin, wohne im Weh. Langsam tauchte er in das Weh ein und summte und brummte mit ihm. Wenn er mit der Frequenz mitschwang, ließen die Schmerzen nach. Auch mit Angst funktioniert das manchmal, sinnierte er weiter. Aber leider nicht mit Scham.

Am späten Mittag erreichte er den verlassenen Ort. Er lag in einer Senke, umgeben von flachen Hügeln, auf denen die verschiedensten Bäume wuchsen, sogar schwarz-grau-weiß-gemusterte. Sie hießen Birken, wusste Dodo. Die Namen der anderen Bäume kannte er nicht, und er schämte sich ein bisschen.