8,99 €
Einen Sake auf die Kinderkacke! «Was willst du denn mit einem Japaner? Die arbeiten doch den ganzen Tag!» Susanne Steffens Vater ist entsetzt, als sie ihm ihre Heiratspläne eröffnet. Doch kaum hat sich Nachwuchs eingestellt, verblüfft Ehemann Ryunosuke alle, besonders seine Landsleute: Er nimmt Erziehungsurlaub, und zwar gleich zwei Jahre. Ein heldenhafter Plan, denn selbst kürzere Auszeiten für Väter sind in Japan noch völlig unüblich. So ist niemand darauf eingestellt, dass beim Mütterkurs, zum Babyschwimmen oder im Kindergarten plötzlich ein Mann auftaucht. Und die Akzeptanz der Mütter muss Ryunosuke sich erst einmal erkämpfen … Mit liebevollem Humor erzählt Susanne Steffen von ihrem turbulenten Familienleben im Land der aufgehenden Sonne – und wie das durch kulturelle Unterschiede noch komplizierter wird, als es ohnehin schon ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2013
Susanne Steffen
Der Windel-Samurai
Mein verrücktes Familienleben in Japan
Rowohlt E-Book
Für meine Eltern, die meine Entscheidung, ans andere Ende der Welt auszuwandern, schweren Herzens geschluckt haben und sich aller widrigen Umstände zum Trotz noch immer bemühen, meine neue Heimat auch zu ihrer eigenen zu machen. Und für Ryunosuke, Okaasan, Naomi und Kai: Ihr seid eine wunderbar verrückte Familie. Danke, dass ich Teil davon sein darf!
Mein Mann ist ein moderner japanischer Held. Kein harter Samurai-Typ ohne wahrnehmbare Gefühlsregungen, der immer Stärke demonstriert und sich durch nichts von seinen hehren Zielen abbringen lässt. Nein, diese Macho-Typen sind out. Junge Japanerinnen stehen heutzutage eher auf Antihelden wie den U-Bahn-Mann, einen schüchternen, introvertierten und völlig uncool gekleideten Milchbubi, der in der U-Bahn durch Zufall ein Mädchen vor einem zudringlichen Betrunkenen rettet und sich dann im Internet Ratschläge holt, weil er nicht weiß, wie er dem Mädchen klarmachen soll, dass er sich in sie verliebt hat. Weichei – so hätten wir diese Typen in meinem Ruhrpott-Gymnasium früher genannt. In Japan hat dieser real existierende Otaku (Stubenhocker) nicht nur das Mädchen bekommen, er wurde sogar zum Helden eines extrem erfolgreichen Kinofilms.
Mein Mann ist zwar kein Otaku, aber auch er hat seinen Heldenstatus seiner vermeintlich unmännlichen Seite zu verdanken. Mein Mann war Hausmann auf Zeit. Nach der Geburt unserer Tochter Naomi hat er sich ein Jahr und acht Monate Erziehungsurlaub genommen. Nur vier Monate nach seiner Rückkehr in den Job ist er gleich wieder für ein Jahr und acht Monate an den Herd zurückgekehrt, um unser Söhnchen Kai zu hüten. Wäre es möglich gewesen, wäre Ryunosuke wohl noch länger zu Hause geblieben. Aber auch die drei Jahre und vier Monate haben gereicht, um einen neuen Rekord aufzustellen. Ryunosuke ist mit Abstand der Salaryman (Büroangestellte) mit dem längsten Erziehungsurlaub Japans.
«Du willst doch sicher weiter arbeiten?», fragte mein Mann mich, nachdem er sich von dem Schock erholt hatte, dass er, der Haus und Kinder immer als Garanten für ein langweiliges Leben gesehen hat, eingepfercht in Abertausende gesellschaftlicher Regeln, nun Vater wird.
«Ja, sicher», antwortete ich, etwas verwirrt von seiner Reaktion auf meine Schwangerschaft.
«Dann nehme ich Erziehungsurlaub!», erklärte Ryunosuke mit einem breiten Grinsen.
Im ersten Moment hielt ich das für einen Witz und ging nicht weiter darauf ein. Ich hatte mich innerlich bereits darauf eingestellt, meinen Job für die nächsten zwei, drei Jahre auf ein Minimum zurückzufahren und mich um das Baby zu kümmern, wie es von Müttern in Japan erwartet wird. Dabei hatte ich mich erst vor ein paar Jahren mit einem kleinen Medienservice selbstständig gemacht, mit dem ich deutschsprachige TV-Produktionen betreute und diverse Medien mit Texten und Beiträgen versorgte. Ich hatte zwar mein Büro zu Hause, aber meine Jobzeiten waren unregelmäßig, und oft genug endete ein ganz normaler Arbeitstag in einer Zwölf- bis Vierzehn-Stunden-Schicht, weil irgendwelche Produzenten ganz plötzlich auf die Idee kamen, ein, zwei Wochen später eine zweiwöchige Drehreise machen zu wollen, die ganz dringend vorbereitet werden musste. Ryunosuke war Beamter in einem Tokioter Stadtteil-Rathaus, tätig in der Steuerabteilung. Im Rathaus hatten wir uns auch vor gut sieben Jahren kennengelernt, als ich meine Japan-Karriere als CIR, als Koordinator für Internationale Beziehungen, begonnen hatte.
«Das traust du dich ja doch nicht», erwiderte ich schließlich gereizt – zum einen, weil die Schwangerschaftsübelkeit seit einigen Tagen an meinen Nerven zehrte, und zum anderen, weil mir klar war, dass solche Pionierprojekte in Japan besonderen Mut und Hartnäckigkeit voraussetzen. Wie oft habe ich in meiner Zeit im Rathaus auf Vorschläge für Neuerungen die Antwort bekommen, das sei zwar äußerst interessant, aber schwierig, weil es dafür noch kein Exempel gebe, nach dem man sich richten könne. Dass «schwierig» nur ein höflicher Ausdruck für «unmöglich» ist, hatte ich bereits im ersten Semester meines Japanisch-Studiums erfahren.
In Japan gibt es nichts Schwierigeres als ein Pionierprojekt ohne Exempel. Ich hatte Ryunosukes derzeitigen Chef damals auch kennengelernt und wusste, dass der alte Herr Satoh nicht gerade für seinen Revoluzzergeist bekannt war. Schließlich war er es gewesen, dem unsere Beziehung als Erstem aufgefallen war und der Ryunosuke dazu aufgefordert hatte, seine Liebschaft mit der Angestellten mit Zeitvertrag, noch dazu Ausländerin, unter der Decke zu halten. Beim gemeinsamen Lunch in der Kantine hatte er sich Ryunosuke zur Brust genommen und ihm ins Gewissen geredet. «Normalerweise werden Liebschaften am Arbeitsplatz durch Versetzung getrennt», erinnerte Herr Satoh Ryunosuke an die ungeschriebenen Regeln japanischer Arbeitgeber. Mich konnten sie nicht versetzen, aber Herr Satoh machte keinen Hehl daraus, dass die Behördenleitung sicher nicht zögern würde, meinen Mann – wir waren damals noch nicht verheiratet – im Ernstfall auf eine tausend Kilometer entfernte Vierhundert-Einwohner-Insel zu versetzen, die administrativ zu Tokio gehört. Damals hatte Ryunosuke noch nicht seine revolutionäre Ader entdeckt, weshalb wir uns fügten und bis zu meinem Vertragsende ein Jahr später unsere Beziehung geheim hielten. Als ich mich anschließend selbstständig gemacht hatte und Ryunosuke ihm von unseren Hochzeitsplänen erzählte, bestand Herr Satoh sogar auf einer Einladung zu unserer Hochzeit. Gegen unsere Beziehung hatte er ja nichts – solange wir uns an die Regeln hielten.
«Ich meine es ernst. Ich nehme Erziehungsurlaub», wiederholte Ryunosuke und grinste weiter. «So komme ich doch noch zu meinem lang ersehnten Sabbatical», schob er zur Erklärung hinterher, als er das ungläubige Staunen in meinem Gesicht sah.
Seit ein paar Jahren war ihm diese Idee nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Damals hatte uns meine alte Schulfreundin Anke während ihres Sabbaticals besucht. Sie hatte erzählt, dass sie als verbeamtete Lehrerin «vorarbeiten» könne und sich das Gehalt für die vorgearbeitete Zeit dann während ihres einjährigen Sabbaticals auszahlen lassen könne. Zweimal habe sie das bereits gemacht. Einmal sei sie in Lateinamerika gewesen, um Salsa zu lernen, das zweite Mal in Japan, um sich in die Kunst des traditionellen Taiko-Trommelns einweisen zu lassen.
Bis ins letzte Detail hatte Ryunosuke sich ihre Geschichte erzählen lassen und dann mit tiefem Bedauern erklärt, dass japanische Arbeitgeber für solche Selbstverwirklichungstrips ihrer Mitarbeiter kein Verständnis aufbringen würden. «Wenn ich ein Jahr für mich und meine privaten Träume haben will, muss ich den Job schmeißen oder warten, bis ich in Rente gehe», hatte er voller Neid geseufzt.
Jetzt sah er also seine große Chance gekommen.
Nach einer kurzen Internetrecherche wusste er über seine Rechte Bescheid: Ein Jahr Erziehungsurlaub pro Kind steht japanischen Vätern (Müttern natürlich ebenso) gesetzlich zu. Ryunosukes Amt ist – zumindest formal – besonders großzügig und gewährt seinen Mitarbeitern sogar maximal zwei Jahre. Elterngeld gibt es allerdings nur für das erste Jahr. Ryunosuke bekam für zwei Kinder jedoch nicht vier, sondern lediglich insgesamt drei Jahre und vier Monate Erziehungsurlaub, da die Geburtstermine von Naomi und Kai ungünstig lagen. Das zweite Jahr wird nämlich nur bis zum Ende des Fiskaljahres gewährt, in dem das Kind ein Jahr alt wird.
Dass Männer, die noch immer – zumindest statistisch gesehen – den Löwenanteil des Familieneinkommens verdienen, Erziehungsurlaub nehmen, ist in Japan eine absolute Rarität. Einer der ersten, der sich ein Jahr freinahm, war ein Beamter des Wirtschaftsministeriums. Das war im Jahr 2004 gewesen. Seine Erfahrungen mit Windeln-Wechseln und Babybrei-Kochen waren so einzigartig, dass er gleich gebeten wurde, ein Buch über seine Zeit als Hausmann zu schreiben. Ein paar Tage nach unserer Diskussion fand ich es auf unserem Zeitungsstapel, den wir aus Platzmangel in den ohnehin schon engen Eingangsbereich unserer Tokioter Zwei-Zimmer-Kaninchenstall-Wohnung verbannt hatten.
Wir saßen in unserem Mini-Wohnzimmer auf Tatami-Matten – unserem Bodenbelag aus Reisstrohmatten. Ein Sofa hatten wir nicht, denn in Tatami-Zimmern spielt sich das Leben am Boden ab. Ryunosuke lehnte an der Wand und hatte die Beine ausgestreckt. Seine Füße ragten auf meiner Seite unseres Esstischs hervor. In der Öffentlichkeit ein Fauxpas, aber zu Hause nehmen auch Japaner ihre Etikette nicht ganz so ernst. Er sah mich ungewohnt ernst an, dann zog er die Beine ein und lehnte sich auf den Tisch. Er wollte mir klarmachen, dass er fest vorhabe, sich die vollen zwei Jahre der Kindererziehung zu widmen und nebenbei seinen vielen Hobbys nachzugehen, die er – seiner Meinung nach – wegen seiner langen Arbeitstage bisher viel zu sehr vernachlässigt hat.
«Wenn das Baby schläft, kann ich endlich wieder komponieren. Außerdem wollte ich ja immer eine Ausbildung zum Meteorologen machen. Da bekommt man ganz wichtige Infos, von denen wir Kajakfahrer nur profitieren können. Ich habe schon einen guten Online-Fernkurs gefunden», schwärmte Ryunosuke. «Ach ja, und wenn das Kind in der Lage ist zu sitzen, kann ich mit ihm zum Meer fahren, und wir machen zusammen Kajaktouren …»
Ich unterbrach seinen Redeschwall. «Ich bezweifle nicht, dass du genug Ideen hast, wie du die Zeit sinnvoll nutzen kannst. Ich fürchte nur, dass dein Chef sich ganz schön ärgern wird, wenn du plötzlich verkündest, dass du dir zwei Jahre Urlaub nimmst, während alle anderen Kollegen einen Großteil ihres Jahresurlaubs verfallen lassen, um nicht als Faulenzer abgestempelt zu werden, der anderen seine Arbeit aufbürdet.»
Ryunosuke ließ mein Argument nicht gelten. Er sah sich schon ein Exempel statuieren und Japans Männern den Weg in ein wohlverdientes Sabbatical zu ebnen. Ich war einerseits sehr stolz auf seinen Entschluss, der sicher nicht nur in Japan viel Mut erfordert. Gleichzeitig glaubte ich, mein Gastland gut genug zu kennen, um zu wissen, dass dieses Projekt zum Scheitern verurteilt ist. Das gab ich auch kund.
Ryunosuke verdrehte die Augen, sagte aber nichts.
Ich sah auf die Uhr. «Mist, ich muss los. Ich bin in einer halben Stunde zum Interview verabredet», fluchte ich und stand auf.
Wir mussten die Diskussion vertagen. Ich hatte das Gefühl, mein Termin kam meinem Mann ganz gelegen.
Ryunosuke fackelte nicht lange. «Ich werde heute Herrn Satoh meinen Urlaubsantrag unter die Nase reiben», verkündete er eine Woche nachdem meine Schwangerschaft mit einem Ultraschallfoto ärztlich bestätigt war beim Frühstück.
Mir wurde mulmig bei der Vorstellung, wie er dem molligen Herrn Satoh mit der rechteckigen Altherrenbrille aus den siebziger Jahren gegenübersitzt und die Emanzipation der Väter ausruft. Was, wenn Satoh Ryunosuke danach so lange mobbt, bis er freiwillig kündigt? Zumindest seine Karriere im Rathaus konnte er dann wohl vergessen. Ist es dieses Sabbatical wirklich wert, überlegte ich, dafür bis zur Rente an einem der berüchtigten «Fensterplätze» zu sitzen, an dem aufmüpfige Mitarbeiter und sonstige Problemfälle zum Nichtstun verurteilt sind? Finanziell wäre der Fensterplatz kein großer Beinbruch, schließlich steigen die Gehälter im Rathaus noch immer nach dem Senioritätsprinzip. Doch es muss unerträglich sein, jeden Tag mindestens acht Stunden am Schreibtisch zu sitzen und nach Arbeit zu suchen. Immerhin ist Schlafen am Arbeitsplatz nicht verpönt. Als ich während meiner Zeit im Rathaus einmal meinen Chef beim Nickerchen am Schreibtisch erwischte, weckte ich ihn beim ersten Schnarcher in einem Anfall von Nächstenliebe, um ihm peinliches Gelächter zu ersparen. Was für ein Fauxpas! Wer am Arbeitsplatz einschläft, beweist damit, dass er überarbeitet ist. Sein Körper nimmt sich eine Zwangspause, das jedenfalls steckte mir anschließend ein Kollege im Flüsterton. Und wenn jemand schläft, weil es für ihn keine Arbeit gibt, dann wird das eben ignoriert.
Ich sah Ryunosuke vor mir, wie er nach seiner Rückkehr aus dem Erziehungsurlaub die nächsten zwanzig Jahre im Büro in quasi komatösem Zustand verbringen muss. Lustlos kaute ich auf meinem doppelt getoasteten Baguette herum, mit dem ich mangels eines Zwiebacks meine Übelkeit zu bekämpfen versuchte.
«Vielleicht müssen es ja nicht gleich zwei Jahre sein. Versuch es doch erst mal mit drei Monaten», versuchte ich das Projekt «Sabbatical für Firmensamurais» in letzter Minute zu stoppen.
«Warum?», fuhr Ryunosuke mich an. «Ich dachte, ihr Deutschen seid so stark und furchtlos und beharrt auf euren Rechten», legte er nach und wickelte mit seinen Stäbchen einen spinnenwebartigen Faden auf, den die fermentierten Sojabohnen in seinem Mundwinkel hinterlassen hatten. Der Geruch von Natto, diesen vergorenen, klebrigen und fädenziehenden Bohnen, von denen Japaner glauben, sie seien eine Art Wundermittel, das Diäten beschleunigt, den Cholesterinspiegel senkt und überhaupt das Leben erleichtert, machte meine Übelkeit noch schlimmer. Ich gab mich geschlagen.
«Ich hoffe, du weißt, was du tust», sagte ich schwach.
«Jetzt sei nicht so japanisch! Irgendjemand muss die Tabus brechen, sonst ändert sich in diesem Land nichts», lachte Ryunosuke und erhob sich.
«Ich bin nicht japanisch, ich bin einfach nur vorsichtig. Es steht schließlich eine Menge auf dem Spiel», konterte ich. Ich fand mich überhaupt nicht japanisch. Im Gegenteil – ich fand, dass Vorsicht eigentlich eine sehr deutsche Tugend war. Und in diesem Fall auch durchaus angemessen.
An der Tür nahm ich Ryunosuke das Versprechen ab, am Abend alles haarklein zu erzählen.
Den ganzen Tag über platzte ich fast vor Neugier, wie der erzkonservative Herr Satoh, der mehr Zeit im Rathaus als bei seiner Familie verbrachte, auf Ryunosukes Sabbatical-Vorschlag reagierte. Überpünktlich und mit Siegerlächeln kam mein Mann dann an diesem Tag nach Hause. Er legte schon an der Wohnungstür los mit seinem Bericht, noch bevor er sich die Schuhe ausgezogen hatte. Seine Erzählung war so detailliert, dass ich fast das Gefühl hatte, ich wäre selbst dabei gewesen. Während Ryunosuke redete, malte ich mir die Szene genau aus.
«Sie wollen Erziehungsurlaub nehmen? Das ist ja wunderbar!», zitierte Ryunosuke Herrn Satoh. Heute müssten junge Väter ihre Frauen unterstützen. Viele Frauen reagierten ja heutzutage sehr empfindlich, wenn die Männer nicht genug Interesse am Windeln-Wechseln zeigen. Er habe gehört, es soll sogar Frauen geben, die die Scheidung fordern, wenn sie glauben, dass sich der Mann nicht genug um den Nachwuchs kümmert. Das wisse er alles aus erster Hand, schließlich sei seine Schwiegertochter auch so ein Sensibelchen, das regelmäßig beim Füttern seines einjährigen Enkels abgelöst werden wolle. Er schlug vor, Ryunosuke solle sich nach der Geburt eine Woche freinehmen. Er hatte sogar ein paar gutgemeinte Ratschläge parat. Ryunosuke solle nachsichtig mit mir sein und nicht gleich am ersten Tag nach der Geburt das gewohnte Abendmenü erwarten. Stattdessen solle er das Baby ab und zu in den Schlaf wiegen, damit die Frau und frischgebackene Mutter auch mal eine Pause habe.
«Macho», entfuhr es mir. Aber ich beherrschte mich und schluckte weitere bissige Kommentare, die mir auf der Zunge lagen, runter. Ich wollte ja wissen, wie die Geschichte weiterging.
«Mit so einem Vorschlag hatte ich gerechnet», erzählte Ryunosuke und griente überlegen. Meinen Einwurf hatte er ignoriert. «Diesen ‹Blitz-Erziehungsurlaub› hatten nämlich schon ein paar Kollegen vor mir genommen. Aber da kannte Satoh mich schlecht. Wenn ich etwas mache, dann richtig!» Ryunosuke durchbohrte mich mit seinem Blick, als wollte er mich auch noch überzeugen. Wenn er das bei Herrn Satoh genauso gemacht hatte, bestand kein Zweifel: Satoh musste verstanden haben, dass Ryunosuke von diesem Vorhaben nicht mehr abzubringen war. «Ich habe seinen lächerlichen Vorschlag einfach ignoriert und ihm mitgeteilt, dass ich hiermit zwei Jahre Erziehungsurlaub beantrage», konstatierte er mit fester Stimme.
Ich stellte mir den völlig überrumpelten Herrn Satoh vor. Wenn er tatsächlich geglaubt hatte, Frauen würden sich heutzutage noch damit abspeisen lassen, dass Väter sich ab und zu mal gönnerhaft gaben und ihr eigenes Kind bespaßten, und alles andere sei Müttersache, dann brach in diesem Moment wahrscheinlich eine Welt für ihn zusammen. Ich konnte ihn vor mir sehen, wie er für eine gefühlte Ewigkeit in eine Schockstarre fiel, wie er mit leicht offenem Mund auf dem braunen Kunstledersofa saß, auf dem bereits seit den sechziger Jahren Generationen von Abteilungsleitern Besucher empfangen und vertrauliche Dienstgespräche mit Untergebenen geführt hatten. Wahrscheinlich begann seine Altherren-Glatze in diesem Moment, rot zu leuchten. Das tat sie immer, wenn er sich aufregte. Zwar hatte er seine Glatze unter seinen letzten verbliebenen Haaren versteckt, die er extra wachsen ließ, um sie dann quer über seinen größtenteils kahlen Kopf zu kämmen, aber es waren schon lange nicht mehr genug Haare übrig, um wirklich etwas zu verdecken.
Ryunosuke machte es offensichtlich einen Riesenspaß, die Leiden des armen Herrn Satoh bis ins letzte Detail zu beschreiben. «Dann lehnte Satoh sich zurück und nestelte an seiner Krawatte», erzählte er und äffte Satohs Verlegenheitsgeste nach. «Ahh so desu ka …», imitierte er weiter seinen Chef. «So ist das also …» Danach schwieg er. Es folgten mehrere laute Seufzer und Schnalzer, bei denen er ein schmerzverzerrtes Gesicht machte. Ryunosuke war ein guter Imitator. Er traf sogar annähernd Satohs leicht schnippischen Tonfall.
Ich musste lachen. Für den Showdown spielte Ryunosuke jetzt beide Rollen.
«Herr Abteilungsleiter», setzte er an. Niemals würde er seinen Chef einfach beim Namen nennen – die japanische Etikette verlangt die Anrede mit dem Titel. «Sie wissen ja, dass Japan, was die Zahl der Männer angeht, die Erziehungsurlaub nehmen, im internationalen Vergleich weit hinter anderen Industrieländern hinterherhinkt. Das Wohlfahrtsministerium hat nun extra all diese neuen Förderungen ins Leben gerufen, um das zu ändern. Wir sind eine staatliche Einrichtung. Wir müssen das neue Regierungsprogramm als Erstes umsetzen. Das ist unsere Pflicht! Auf dem Papier ist unser Amt bereits ein leuchtendes Vorbild. Es gibt schließlich nicht viele Unternehmen, die so großzügig zu ihren Mitarbeitern sind und sogar zwei Jahre Erziehungsurlaub gewähren. Aber diese vorbildliche Regelung kann nur gebührend gewürdigt werden, wenn sie auch umgesetzt wird.»
Ryunosuke ahmte wieder Satohs Seufzer und Schnalzer nach. Nach einem besonders lauten Seufzer stieg er erneut ein. Jeder müsse selbst entscheiden, was er aus seinem Leben machen will, zitierte Ryunosuke seinen Chef. Wenn er glaube, dass ihn ein Leben mit Windeln-Wechseln und Fläschchen-Geben erfülle, dann solle er das tun. Wenn es denn sein müsse, auch zwei Jahre lang.
«Dann wurde Satoh plötzlich versöhnlich. Er erklärte mir in väterlichem Tonfall, dass Kindererziehung statt Arbeit für ihn keine Option gewesen wäre», verkündete Ryunosuke jetzt. «Er habe seinen Platz immer in der Behörde gesehen. Aber vielleicht hätten junge Leute andere Vorstellungen vom Leben. Dann wurde er fast ein bisschen philosophisch. Er meinte, ich solle lieber mein Glück mit Babywindeln finden, als irgendwann so frustriert zu sein, dass ich als Spanner oder Ladendieb ende.»
Satoh spielte offenbar auf die jüngsten Skandale an, in die staatliche Beamte und Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders NHK verwickelt waren. Erst vor wenigen Wochen war ein Polizei-Beamter erwischt worden, als er auf einer U-Bahn-Rolltreppe versucht hatte, mit einer Handykamera unter den extrem knappen Rock eines Oberschulmädchens in Schuluniform zu filmen. Beim Polizeiverhör hatte der Mann angegeben, er habe das gebraucht, um seinen Frust über den Job und das Leben im Allgemeinen loszuwerden. Kurz darauf wurde ein NHK-Redakteur verhaftet, weil er trotz seines vergleichsweise üppigen Gehalts in einem Convenience Store, einem Vierundzwanzig-Stunden-Laden, ein paar Onigiris (Reisdreiecke mit einem Algenmantel) geklaut hatte. Also besser ein nach Babykacke stinkender Vollzeit-Papa als ein frustrierter Spanner und Ladendieb. «Am Ende sah Satoh richtig zufrieden aus mit seiner Erklärung. Wahrscheinlich, weil ihm klarwurde, dass das auch unser Hauptabteilungsleiter akzeptieren muss. Ich bin sicher, in ein paar Tagen bekomme ich das Okay von ganz oben», schloss Ryunosuke seinen Bericht.
Ich war baff. So einfach ging die Revolution? Warum hatten das nicht schon längst viel mehr Männer ausprobiert?
Von nun an lief Ryunosukes Antrag wie am Schnürchen. Innerhalb weniger Tage hatte er die nötigen Hankos – Namenstempel, die in Japan die Unterschrift ersetzen – zusammen. Seine männliche Kollegen vermieden es, das Thema anzusprechen. Dafür traten immer mehr Kolleginnen auf ihn zu, gaben ihm Tipps, welche Kaufhaustoiletten die besten Wickelkommoden haben. Obwohl ich bezweifle, dass die Ausstattung auf den Herrentoiletten auch nur annähernd an die Beauty-Salon-Atmosphäre auf den Damentoiletten herankommt. Beim Mittagessen offenbarten sie ihm, wie sehr sie ihn für seinen Einsatz für die Familie bewunderten. Nach und nach begann Ryunosuke, sich ein bisschen wie ein Held zu fühlen – lange bevor das Kind, dessen Popo er sauber machen sollte, überhaupt geboren war.
Ein paar Wochen nach Ryunosukes Revolutionssieg im Büro hatte sich seine Mutter Yoko bei uns angesagt. Sie wohnte in einer Reihenhaussiedlung für Mittelstandsfamilien in einem Tokioter Vorort. Alle paar Wochen, wenn sie etwas Zeit fand zwischen ihren vielen Tanz-, Strick- und Blumenschmuckkursen, kam sie uns besuchen oder lud uns in ein feines Lokal zum Essen ein. Okaasan (das Wort bedeutet gleichzeitig Mutter und Schwiegermutter, nur die Schriftzeichen sind unterschiedlich), wie ich sie der japanischen Etikette entsprechend nannte, war eine weltoffene Frau. Mit weit über sechzig Jahren hat sie angefangen, Koreanisch zu lernen, weil sie wegen ein paar TV-Dramen plötzlich ihre Liebe zum Nachbarland entdeckt hatte und nun mit ihren Freundinnen eine Reise zu den Drehorten ihrer Lieblingssoap plante. Aber sie war zugleich eine traditionsbewusste Frau mit strikten Prinzipien. Ryunosuke und ich nahmen an, dass ein Sabbatical – auch wenn es eines zum Wohl des Kindes ist – in ihrem Wertesystem keinen Platz hatte.
Okaasan reagierte – wie erwartet – schockiert auf die Nachricht. Ich glaube, sie schämte sich sogar ein bisschen für ihren Sohn. Jedenfalls nutzte sie ihren Besuch bei uns, um uns ins Gewissen zu reden.
«Ryunosuke, das kannst du nicht machen. Das ist illoyal gegenüber der Behörde», sagte sie mit einer Strenge, die ich bislang nicht von ihr kannte.
Ryunosuke erklärte ihr, dass es ein gesetzlich verbrieftes Recht jedes Arbeitnehmers sei, Erziehungsurlaub zu nehmen. Außerdem müsse ja nicht die Behörde für ihn zahlen, sondern die Arbeitslosenversicherung übernehme im ersten Jahr die Weiterzahlung von 50 Prozent seines Gehalts. Im zweiten Jahr habe er dann ja auch ohne finanzielle Unterstützung des Staates auszukommen, ergänzte Ryunosuke und glaubte, damit seine Mutter nun von der Rechtmäßigkeit seines Erziehungsurlaubs überzeugt zu haben.
«Das darfst du keinem erzählen», warnte meine Schwiegermutter. «Das ist eine absolute Sonderstellung, die du da hast. Das darf sonst niemand. Kein anderes Unternehmen würde das erlauben. Und wahrscheinlich würde sich das auch sonst niemand trauen. Ryunosuke, du fällst auf!», schimpfte sie.
Auffallen ist im traditionellen Japan keine gute Tugend – im Gegenteil. Meine Schwiegermutter ist mit dem Sprichwort aufgewachsen: «Herausstehende Pfosten werden eingeschlagen».
Ryunosuke beendete die Diskussion auf japanische Art. Er wechselte das Thema.
Aber Okaasan stand der Sinn nicht nach Small Talk. Mit einem Satz sprang sie von der Tatami-Matte auf, auf der sie gesessen hatte, und nahm ihre Eco-Bag, wie Jutetaschen und Baumwolleinkaufsbeutel in Japan vornehm genannt werden.
«Ich war heute Morgen beim Suitengu-Schrein», sagte sie, besann sich und kniete sich wieder auf die Tatami. Schreine sind eine Art Kirche im Shintoismus, der animistischen Religion, der jeder Japaner qua Geburt angehört. Kirche ist vielleicht etwas übertrieben, denn es gibt keine Gottesdienste; aber Schreine sind Orte, an denen man in Kontakt treten kann mit den Abermillionen Göttern des Shintoismus. In jedem Schrein werden andere Götter verehrt. Jeder Gott hat andere Schutzaufgaben. Obwohl ich auch schon ab und zu gegen eine kleine Spende meine Wünsche den Göttern anvertraut hatte, kannte ich mich nicht sehr gut aus mit den shintoistischen Göttern. Aber ich wusste, dass die Götter im Suitengu-Schrein besondere Unterstützung beim Kinderkriegen anbieten. Ich war gespannt, welche göttliche Hilfe mir nun zuteilwerden sollte.
Okaasan zog ein perfekt gefaltetes Baumwolltuch aus ihrer Tasche und wickelte es langsam auf. «Das ist ein Hara-Obi», erklärte sie, als sie das große Fragezeichen in meinem Gesicht sah. «Früher haben wir uns ab dem fünften Monat jeden Morgen damit eingewickelt, um das Baby vor Stößen zu schützen und eine Unterkühlung zu vermeiden. Dieser Hara-Obi wurde im Suitengu-Schrein geweiht, in dem der Gott verehrt wird, der für eine leichte Geburt zuständig ist», ergänzte sie. Dann bat sie mich aufzustehen und wickelte mir das meterlange Tuch um mein noch winziges Fünf-Monats-Bäuchlein. «Hast du morgen schon etwas vor?», fragte sie schließlich, während sie das Ende des Hara-Obis unter den Tuchlagen vergrub. Ich hatte noch keine Pläne gemacht. «Gut, dann gehen wir zusammen zum Schrein. Morgen ist nämlich Hundstag. Wenn meine Rechnung stimmt, dann ist es der erste Hundstag im fünften Schwangerschaftsmonat – also der beste Tag, um für eine leichte Geburt zu beten.»
Okaasan wusste zwar nicht immer, warum etwas so war, wie es war, aber sie wusste stets ganz genau, wie es gemacht werden musste. Das Hara-Obi-Tuch durfte nicht irgendwie gewickelt werden, sondern es gab dafür mindestens so strenge Regeln wie für das Halten der Teetasse bei der Teezeremonie. Während ich das mit dem Hara-Obi-Tuch übte und meinen Bauch wieder und wieder ein- und auswickelte, erklärte Okaasan, was Hunde mit einer leichten Geburt zu tun hatten. «Der Hund ist das elfte der zwölf Tierkreiszeichen, und jeder zwölfte Tag ist daher ein Hundstag», referierte sie und prüfte meinen Bauchgurt. «Du darfst nicht ganz so fest wickeln, sonst ist es unangenehm beim Sitzen», riet sie.
Ich fand das Tuch jetzt schon unangenehm und bedauerte die Frauen, die sich jeden Morgen damit einwickeln mussten. Aber das behielt ich lieber für mich. «Aber warum soll man am Hundstag in den Schrein gehen? Ist es nicht egal, wann man betet?», fragte ich stattdessen.
«Weißt du, früher haben sich die Frauen bei uns Geburten wie bei Hunden gewünscht: schnell, schmerzfrei und vor allem mit viel Nachwuchs», erwiderte Okaasan. Ich nahm an, dass die Kinder nicht unbedingt in einem Wurf kommen mussten. «Das Einzige, was davon heute noch übrig zu sein scheint, ist wohl der Wunsch nach einer schnellen und schmerzfreien Entbindung. Aber das ist immer noch Grund genug, um am Hundstag für eine leichte Geburt zu beten», schloss Okaasan ihren Vortrag. Ich hatte den Hara-Obi inzwischen zum x-ten Mal gewickelt. Nun war auch Okaasan mit meiner Technik zufrieden. Ich fühlte mich im wahrsten Sinne des Wortes in Watte gepackt.
Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen, und meine Schwiegermutter machte sich auf den Heimweg. Zum Abschied nahm Okaasan mich kurz zur Seite und entschuldigte sich im Flüsterton für die Unannehmlichkeiten, die Ryunosuke mir mit seinem Starrsinn und seiner Unangepasstheit bereite.
«Okaasan», erwiderte ich sanft, «ich freue mich, dass Ryunosuke Erziehungsurlaub nimmt. In Deutschland machen das viele Männer.»
Damit war das Thema erledigt. Meine Schwiegermutter ging nicht mehr darauf ein. Sie hatte ihre Bedenken geäußert, der Rest war unsere Privatsache.
Pünktlich um halb neun stand sie am nächsten Morgen in einem dunkelblauen Kostüm und wie immer dezent geschminkt vor unserer Tür. Schlank, wie sie war, und mit ihren frisch gefärbten Haaren sah sie viel jünger aus als ihre vierundsechzig Jahre. Ich überprüfte noch einmal, ob ich meinen Bauchschützer richtig gewickelt hatte, danach zog ich meinen ersten Umstandspulli wieder über den Bauch. Wir nahmen die Bahn.
«Setz dich!», drängte mich meine Schwiegermutter auf den letzten freien «Priority»-Platz mit dem roten Polster, was ihn als Sonderplatz für Ältere, Behinderte und Schwangere erkennbar macht. Ich weigerte mich, wollte, dass sie den Platz nimmt, doch Okaasan bestand darauf, dass ich mich niederließ. Schließlich gab ich nach.
Der alte Herr mit den bläulich lila gefärbten Haaren auf dem Sitz neben mir warf mir einen verächtlichen Blick zu. Schnell drehte ich meine Tasche so, dass der pinkfarbene Anhänger mit der stilisierten Schwangeren, in deren Bauch ein kleines Babygesicht lacht, zu sehen war. Für alle, die diesen Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstanden haben, steht ganz unten noch einmal in blauer Schönschrift: «In meinem Bauch ist ein Baby». Den Schwangeren-Anhänger hatte ich mir am Schalter in unserem Bahnhof besorgt. Anfangs war es mir unangenehm, wenn jeder, der ihn entdeckte, sofort auf meinen Bauch starrte. Aber es war die einzige Chance, in den vollen Pendlerzügen einen Sitzplatz zu ergattern. Der gefärbte Herr blickte erst auf den Anhänger, dann auf meinen (trotz Hara-Obi sicher noch nicht eindeutig als Babybauch zu erkennenden) Bauch – und lächelte mich an.
Als wir durch das mächtige Torii-Tor des Suitengu-Schreins gingen, hatten sich bereits zehn junge Frauen um den Stand versammelt, an dem Glücksbringer und Horoskop-Lose verkauft werden, und füllten Anmeldebögen aus. Bei den meisten baumelte der Schwangeren-Anhänger an der Handtasche. An dem Wasserbecken begossen wir unsere Hände und spülten unsere Münder aus. Rituell gereinigt, füllten wir ebenfalls unseren Antrag auf göttliche Geburtshilfe aus und erledigten den irdischen Finanzkram. Mit 3000 Yen[1]ließen sich die Hundsgötter ihren Beistand vergolden. Okaasan hatte eigens am Bankautomat nagelneue Scheine gezogen (für solche Anlässe gibt es an den Automaten eine Taste «Neue Scheine») und zu Hause in einen speziell für Schreinbesuche vorgesehenen weißen Umschlag mit kunstvoll geschwungenen Bändern gelegt und in schönster Kalligraphie beschriftet.
Als wir aufgerufen wurden, gingen wir in die Haupthalle des Schreins. Ein paar Minuten später kam der Guuji, der Priester, mit einer Art Staubwedel in den Raum. Nach ein paar kurzen Vorbereitungen, mit denen er die Götter auf unsere Anwesenheit aufmerksam gemacht hatte, stimmte er einen völlig unverständlichen Sprechgesang an und fing an, über unseren gesenkten Häuptern mit zuckenden Bewegungen zu wedeln.
Im ersten Moment fiel es mir schwer, ein Lachen zu unterdrücken. Aber dann überlegte ich, dass sich meine Schwiegermutter wahrscheinlich genauso komisch und irgendwie peinlich berührt fühlen würde wie ich jetzt, wenn sie sich in einer katholischen Kirche ein Aschekreuz auf die Stirn malen lassen würde. Ich strengte mich an, mir vorzustellen, der Guuji würde mir ein Aschekreuz auf die Stirn malen – und schon war der Lachreiz verflogen. Zum Glück war die Zeremonie ohnehin bereits nach wenigen Wedlern vorbei.
Jetzt waren wir dran: zweimal verbeugen, zweimal in die Hände klatschen und noch einmal verbeugen. Beim Herausgehen überreichte uns eine in prachtvoller Shinto-Tracht gekleidete Oberschülerin, die sich als Arubaito (der Ausdruck ist angelehnt an das deutsche Wort «Arbeit», bedeutet allerdings in diesem Fall «Nebenjob») ein Taschengeld verdiente, ein kleines Präsent der Götter. Ein Omamori, einen Glücksbringer. Mein Omamori war ein pinkfarbenes Stoffsäckchen mit Hello-Kitty-Aufdruck, über dem groß und in ebenfalls pinkfarbenen Lettern Anzan stand, «leichte Geburt». Mit einer Schlaufe konnte man den Glücksbringer an seine Tasche hängen.
Ich fand zwar, dass der Schwangeren-Anhänger der Bahngesellschaft bereits genug Umstandsschmuck an meiner Handtasche war, aber da ich mich nicht mit den Geburtsgöttern anlegen wollte, hängte ich mein Hello-Kitty-Omamori neben die pinke Mama der Bahngesellschaft. Die Säckchen sind übrigens oben zugenäht – der Inhalt ist geheim. Es fühlt sich an wie ein Stück Pappe, aber öffnen und nachgucken ist strengstens verboten. Auch Wegschmeißen ist Gotteslästerung. Wenn ein Glücksbringer seine Mission erfüllt hat oder seine Gültigkeit (meist nach einem Jahr) abgelaufen ist, muss man ihn zu dem Schrein zurückbringen, an dem man ihn erworben hat. Dort wird er dann zusammen mit Neujahrsschmuck und anderen abgelaufenen Glücksbringern unter priesterlicher Aufsicht verbrannt.
Mit Hello-Kitty-Omamori, Hara-Obi und dem Mama-Anhänger der Bahngesellschaft war ich bestens gerüstet für den Rest der Schwangerschaft. Jetzt konnte niemand mehr übersehen, dass ich demnächst ein neues Leben als Mutter beginnen würde. Was das in Japan bedeutet, würde ich in Kürze erfahren.
«Onkel Jinzaburo ist tot», flüsterte Ryunosuke, nachdem er das Telefon zur Seite gelegt hatte. Okaasan hatte ihm die traurige Nachricht übermittelt und ihn auch gleich zu sich herbeizitiert, schließlich musste er die Beerdigung ausrichten.
Sein Gesicht war noch immer kreidebleich, als er den Hörer wieder in die Hand nahm und Herrn Satoh mit der weggekämmten Glatze anrief. In Sekundenschnelle genehmigte sein Chef den dreitägigen Sonderurlaub, den man in solchen Fällen beantragen konnte.
Onkel Jinzaburo war der ältere Bruder von Ryunosukes Mutter. Er war schwer krank gewesen und hatte das letzte Jahr in einem Pflegeheim verbracht. Onkel Jinzaburo hatte keine eigenen Kinder, worunter vor allem Tante Michiko bis zu ihrem Tod sehr gelitten hatte. Weil Onkel Jinzaburo auch keine Brüder hatte, war klar, dass der Familienname mit ihm aussterben würde. Sein Vater hatte Onkel Jinzaburo oft gedrängt, einen Weg zu finden, um den Namen zu erhalten, denn die Familie hatte eine lange Tradition und gehörte zeitweise sogar dem Adel an. Irgendwann löste Okaasan das Problem für ihren Bruder. Als Ryunosuke in die Schule kam, bat sie ihn, sich von Onkel Jinzaburo adoptieren zu lassen und seinen Nachnahmen anzunehmen. Ryunosukes Vater Hideaki hatte seinen Segen gegeben, da seine eigene Familie ohnehin nur eine Zweigfamilie der Hauptlinie war und entsprechend wenig Wert darauf legte, dass der Name weitergeführt wird. Außerdem hatte er ja Ryunosukes älteren Bruder Akira, der den eigenen Familiennamen in die nächste Generation trug.
Auch Ryunosuke willigte ein, zumal sich außer seinem Nachnamen zunächst nichts in seinem Leben änderte – nur dass er seitdem größere Geschenke von Onkel Jinzaburo erhielt. Er blieb weiterhin zu Hause wohnen, und weder Onkel Jinzaburo noch Tante Michiko mischten sich in seine Erziehung ein.
Doch jetzt musste er seinen Pflichten als Adoptivsohn nachkommen. Er musste alle Beerdigungsformalitäten erledigen, am Tag der Trauerfeier die Beileidsbekundungen im Namen der Familie entgegennehmen und als Sohn eine Trauerrede für seinen Adoptivvater halten. Okaasan hatte ihm ihre Hilfe angeboten, denn sie hatte bereits Erfahrung mit Beerdigungsritualen – erst vor zwei Jahren war Ryunosukes Vater ganz plötzlich gestorben.
Wortlos packte mein Mann anschließend seinen schwarzen Anzug ein, verabschiedete sich hastig und fuhr zu seiner Mutter. Am späten Abend rief er mich an. Sie hätten die Tsuya, die Totenwache, für den nächsten Abend in einer Beerdigungshalle ganz in der Nähe von Onkel Jinzaburos Haus organisiert, berichtete er erschöpft. «Es sind zwei Stunden Fahrt im Pendlerzug, also fahr rechtzeitig los», ermahnte er mich. Er kannte meinen Hang, zu spät zu kommen. Und als Ehefrau des Haupttrauernden durfte mir das nicht passieren.
Ich hatte ganz andere Sorgen: Ich brauchte dringend angemessene Trauerkleidung, schließlich war es mein «Job», neben meinem Mann zu stehen, während die ehemaligen Kollegen und Chefs aus Onkel Jinzaburos Firma Ryunosuke ihr Beileid bekunden. Ich wühlte im Kleiderschrank, aber der einzige schwarze Rock, den ich besaß, war mir definitiv zu eng. Ich war zwar erst im sechsten Monat, doch mein Bauch hatte in den letzten Wochen ordentlich zugelegt. Zum Glück hatte ich bei der letzten Vorsorgeuntersuchung einen der vielen Versandhandelskataloge mitgenommen. Unter der Rubrik «Trauer- und Partybekleidung für Schwangere» konnte ich auf fast zehn Seiten zwischen verschiedenen Leihmodellen wählen.
Am nächsten Vormittag brachte ein Kurierdienst mein Trauerkleid, inklusive schwarzer Handtasche. Das Kleid zwickte ein wenig unter den Armen, aber für zweimal Tragen – zur Totenwache und zur Einäscherung am nächsten Tag – war es völlig okay.
Vier Stunden vor Beginn der Feier fuhr ich los, diesmal würde ich ganz sicher nicht zu spät kommen.
Als ich überpünktlich in der Beerdigungshalle eintrat, führte mich ein Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts in den richtigen Raum. Diese Hilfestellung wäre an diesem Tag zwar nicht nötig gewesen, da die beiden anderen Räume nicht genutzt wurden. Aber wenn mehrere Trauerfeiern gleichzeitig stattfinden, passiert es immer wieder, dass Gäste auf der falschen Feier landen – und es oft nicht einmal merken. Von Hochzeiten werden übrigens noch öfter solche Geschichten kolportiert.