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Er hat seit 50 Jahren die deutsche Musikszene entscheidend mitgeprägt. Mit mehr als 2000 veröffentlichten Songsund 24 Grand-Prix-Teilnahmen, darunter 1982 der grandiose Sieg mit Nicoles 'Ein bisschen Frieden', ist er einer der erfolgreichsten Musikproduzenten Deutschlands. Er arbeitete mit zahlreichen namhaften Künstlern zusammen, darunter Dschinghis Khan, Peter Alexander, Udo Jürgens und förderte u.a. die Gruppe Silver Convention sowie die Kabarettisten Gerhard Polt und Willy Astor.Kindheit am Chiemsee,Studios auf dem Dachboden, Ausflüge in die Spielhöllen von Paris, der American Dream, die ersten Erfolge und Misserfolge, die Frauen, der Durchbruch – Ralph Siegel lässt nichts aus und erzählt mit viel Humor von den Wendepunkten und prägenden Momenten in seinem Leben. Und schreibt quasi nebenbei ein halbes Jahrhundert spannende deutsche und europäische Musikgeschichte.
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Seitenzahl: 811
Veröffentlichungsjahr: 2016
Fotonachweis
Privatarchiv Ralph Siegel 2, 3, 6, 7, 8, 9, 11, 15, 17, 18, 21, 22, 23, 25, 26, 27, 28, 29, 31, 33, 34, 35, 36, 37, 40, 42, 43, 44, 45, 46, 48, 49, 50, 51, 52, 54, 55; Privatarchiv Ralph Siegel/Hans Grimm 1, 5, 10, 12, 13; Privatarchiv Ralph Siegel/R. Grabov 4; dpa/picture-alliance 32, 36, 39; gerd engelhardt 14; Peter Hartmann 16; Michael Schultze 19; Norbert A. Schmidt 20; M&K 24; Ursula Düren 30; Michaela Axer 38; Marén Börner 41; getty images 47; Michael Tinnefeld 53.
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2. Auflage 2015
© für die Originalausgabe und das eBook: 2015 LangenMüller Verlag in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel, unter Verwendung eines Fotos von Michael Tinnefeld
eBook-Produktion: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
ISBN 978-3-7844-8236-1
Inhalt
Vorwort
München 1945 – Am Biederstein 7
Januar 1950
1952 und 1953: Rimsting am Chiemsee
Von Rimsting nach Prien am Chiemsee
Die späten Fünfziger- und die frühen Sechzigerjahre
Zurück an den Chiemsee
Internat Schloss Kefikon, Schweiz
1961: Ecole d’Humanité, Goldern
Von Goldern heim nach Rimsting
1962: Rimsting, Prien und München-Grünwald
England – Bournemouth – Bed and Breakfast
1963: Paris – Pension »Champs des Mars«
1964: Avenue de la République
1964: Paris adieu et au revoir
1964: Honorary Citizen of Nashville, Tennessee
1964: New York
Forte dei Marmi, Provinz Lucca am Ligurischen Meer
1965: München-Grünwald
1965: Back to Schwabing
1966: Michael Kunze
Fred Weyrich
Peter der Große – oder die große Chance
Ein Blick zurück
Olympia Musikproduktion
Senderreisen
Die Menzingerstraße
Peter der Große und die zweite große Chance
Kurz vorm »Gehtnichtmehr«
Ärzte sind Glückssache
Glück
That’s Showbusiness
MIDEM (Marché international de l’édition musicale)
Der Tod meines geliebten Vaters
1972: Die Fusion
Schwabing
Ode an München
Schwabing bei Nacht
Dunja
Maserati Indy
Julia Anna Marina
Letzte Schallplattenfirma vor dem Friedhof
Back to reality oder zurück zu Alltag und Beruf
Bernd Meinunger
Silver Convention – Number 1 in den USA
1974: Ein »Schicksalsjahr« und der »Grand Prix Eurovision de la Chanson« oder der heutige »Eurovision Song Contest«
Die GEMA oder was wären Komponisten, Textdichter und Verleger ohne sie
Hochzeit mit Dunja
Höchlstraße 2, München-Bogenhausen
Moskau
Der absolute Horror
Auf zu neuen Taten – neuen Talenten
Nashville again …
Highway to heaven or hell
Zurück zum Grand Prix – Jetzt oder nie!
I love Dublin
Manchmal ist der Zufall des Glückes Schmied
Nicole oder wenn der Zufall es will
Der Grand Prix 1982: Lieder, Lieder und »Nur ein Lied«
Harrogate, 24. April 1982
Tinnitus
Frank Elstner
Giulia oder Julia oder Julchen
Augen und Ohren – was gibt es Wichtigeres?
Mallorca, Pollenca und Alcudia: »Olé España«
Back in the USA
Enorm in Form
»To golf or not to golf« oder Beuerberg – wo ist denn das?
40 Jahre und ein bisschen leiser
1985: Neues Spiel – neues »Glück im Unglück«
Neue Pläne – neue Ziele
Clowns – Clowntown
Auf zur Polydor – bitte zurück nach München
1986: »Natürliche Feinde«
1987: Nürnberg – der »Grand-Prix-Alptraum«
1988: Nein, bitte nicht schon wieder Nürnberg
1989: Wieder ein Schicksalsjahr
It’s a long way to Broadway (1984–2014)
Palm Beach Garden, Florida
»Clowntown« und das nächste Reading …
Die Amerikaner und meine »dritte Heimat«
»Back home« oder: am schönsten ist es halt zu Hause
Wieder Junggeselle
Die große Liebe
Dagi oder Engel fallen nicht vom Himmel, sondern fahren Rad
Grand Prix 1990 oder: Wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Licht daher
Dieselvilla ade
Neue Künstler braucht das Land oder: Wie retten wir deren Zukunft?
Wenn nicht jetzt, wann dann – die Katastrophe naht!
Schlagersänger leben länger
1990: Alte Partner – neues Glück – zurück zur Ariola
Der Beckenbauer- oder Kaisercup
Far away in America
Alana – ein Wunschkind der Liebe
Pressefreiheit
Andrea Berg – »Du hast mich tausend mal belogen«
Der Ton macht die Musik
Zurück zum Glück und auf den »Berggipfel«
1998: »Guildo hatte uns lieb«
Mami und das alte Lied »To golf or not to golf«
Die Wiesn oder eine Überraschung, die Folgen hatte
Jerusalem zum zweiten Mal und – unvergessen – Yad Vashem
Mami und die Liebe
»Liebe deinen Nächsten!«
Marcelli oder: Ein Kind voll Herz und Seele
Es muss im Leben immer weitergehn …
Das Jahr 2000 steht vor der Tür – »What’s another year?«
Das Jahr 2000
Der Anfang vom Ende einer großen Liebe
Wieder allein – das Nachtleben ruft
LOU – »der kleine Coup«
Claudia, Boris und ein blonder Engel
Kriemhild oder der »Schatz« der Nibelungen
2002: Für den nächsten Grand Prix hatte ich mir nur eine Aufgabe gestellt
»Neue Stimmen braucht das Land«
The Malta Experience
Zurück nach Deutschland und noch ein Versuch
Diäten oder wie kommt es nur, dass andere Menschen so viel essen und trinken dürfen und ich nicht?
Pingpong ist nicht Tischtennis
2005: 60 Jahre und noch kein bisschen leiser
Mozartpremiere und Hochzeit auf Mauritius
Zurück in die Zukunft – Europa lässt schön grüßen
Eine Nacht in Venedig oder »Venedig seh’n und sterben«
Winnetou oder: Wenn die Kriegsbeile ausgegraben werden
»Kein bisschen Frieden« …
The Malta Experience continues – here we go again
Leben oder sterben?
Krebs
Moskau, Moskau
Russisch Golf – oder wie ich in Moskau auf »die Pille haute«
Schwanensee
100. Geburtstag und die Grande Dame des Grand Prix
San Marino – du bezauberndes kleinstes Land Europas
Malmö 2013, wir kommen
Conchita Wurst – the one and only
Wettersteinstraße adieu
Arbeit hält jung oder jung bleiben ist Kopfsache
Die traurigste Presseerklärung meines Lebens
Auch der Herbst hat schöne Tage
»Ralph Siegels Wunderdiät« oder Wie nehme ich in zehn Monaten 40 Kilo ab?
Das »virtuelle Büfett«
Herbst 2014 oder: Zurück in die rauchende Zukunft
Wenn man denkt, es geht nicht mehr – kommt …?
Die Stimme von morgen – Siegel sucht den Ufa-Star
Blick in die Zukunft
Bildteil
Vorwort
Soll ich oder soll ich nicht? Ich fragte mich das jeden Tag, während ich am Schreibtisch saß, soll ich mein Herz, meine Gedanken öffnen und in diesem Buch mein Innerstes nach außen kehren? Geschichten erzählen und aus meinem Berufs- und Privatleben ausplaudern, was eigentlich nur mich betrifft, meine Familie und engsten Freunde wissen oder miterlebt haben? Aber ich kam zu dem Schluss: Warum eigentlich nicht? – Wir haben nur ein Leben und erleben jeden Tag Dinge, die unglaublich sind. Natürlich erlebt man selbst alles nur subjektiv und so versuche ich auch meine Gedanken zu ordnen. Vielleicht hilft diese Autobiografie aber dem einen oder anderen, sein Leben leichter zu meistern.
Vielleicht erwähne ich ein paar Namen, die nicht allen Lesern bekannt sind oder je im Bewusstsein waren, aber mir persönlich bedeuten diese Menschen so viel, dass ich nicht darauf verzichten kann.
Ich hoffe, ich habe mich nicht zu sehr geirrt, diese Entscheidung zu treffen, und dieses Buch findet genügend interessierte und am Ende glückliche Leser. Frei nach meinem Lebensmotto: »Das Leben ist zu kurz, um Gassi zu gehen« – ich liebe Hunde, »schlechten Wein zu trinken« (er muss nicht immer teuer sein) – »und in zu kleinen Badewannen zu baden kann tödlich sein!«
Suchen wir nicht alle immer nach irgendetwas – nach dem richtigen Weg, dem richtigen Moment oder vielleicht dem Menschen oder Partner, der einem Liebe und Zuneigung schenkt – oder nach etwas, was wir dringend brauchen?
Suchen ist etwas, das ich hasse – finden ist schön – erfinden am allerschönsten.
Ich suchte Unterlagen und diverse Fotos und der Ort, an dem ich suchte, war der, der eigentlich meinem Problem entgegenkommen sollte, sie auch zu finden: mein Archiv. Sie können sich das so vorstellen: Ein erfülltes Leben ist wie ein Schiff, das im Laufe der Jahre von Hafen zu Hafen fährt und Kisten und Kartons aufnimmt – der Laderaum des Schiffs so immer voller wird. In meinem Fall mit meinen Arbeiten und Noten, also eben meine Lieder und meine Aufnahmen, Bänder, Langspielplatten, Singles, Kassetten, DATs, Videos von Beta bis Digi und CDs, genauso wie Bürokram und alles, was sonst noch so archiviert gehört. Vieles muss ja schon von Gesetz wegen jahrelang aufbewahrt werden, und dann ist da noch der private Teil, der ja bei mir auch immer eine große Schnittmenge zu dem öffentlichen Teil meines Lebens aufweist. Ein Großteil meines Lebens findet sich in Kisten wieder. Auch das meiner Eltern, denn Mami und Papi waren nie wirklich Privatmenschen. Sie waren Künstler, standen auf der Bühne, ihre Arbeit war ihr Leben, und so liegen kreative Zeugnisse aus gut drei Generationen zum Großteil in meinem Archiv.
Zumeist ist das, was man sucht, entweder ganz unten in den Kisten, oder es ist der letzte Karton, den man öffnet … Habe ich recht? Der Trick, einfach mit dem letzten Karton anzufangen, funktioniert auch nicht, denn da dreht sich die ganze Situation einfach um. Also, es hilft kein Jammern, da muss man durch … und so sah ich mich alleine den Kartons gegenüber und wunderte mich immer wieder, was so zusammenkommt in mehr als 70 Jahren …
Die Kiste, die ich suchte, ist heute nun mittlerweile 33 Jahre alt. Von 1982. Bevor Sie jetzt zu einem »eh klar« ansetzen: Nein, meine Suche hatte nichts mit unserem Sieg in Harrogate, nichts mit Nicole und »Ein bisschen Frieden« zu tun. Es ist wirklich reiner Zufall.
Endlich fiel mir etwas in die Hände, was ich schon in meinem Kopfarchiv begraben hatte und das dort 33 Jahre lang schlummerte: Es ist der Teil eines Manuskripts. 1982 war es, da kam Rolf S. Schulz, ein bekannter Buchverleger, zu mir und legte mir einen Vertrag mit einem hohen Vorschuss auf den Tisch. Die Idee war, dass ich Briefe schreibe. An Papi und Mami, an meine Freunde, meine Kollegen, an meine Heimatstadt München etc. … Ich schrieb mir die Finger wund und diktierte fröhlich und bedacht auf Kassetten. Alle sollten wissen, was ich denke und was in mir vorgeht. Die Idee überrollte mich und nahm mich mit in einen Strudel aus Gedanken und Erinnerungen, und spät kam ich drauf, dass ich in eine Richtung abdriftete, die mir nicht gefiel. Mit klarem Kopf gelesen, fand ich, dass es eine Sammlung von unnötigen, manchmal sogar unfreundlichen Geschichten geworden war. Also schmiss ich alles in eine Kiste. Und gab dem Verleger das Geld zurück und entschuldigte mich. Nun, mit 70 – 33 Jahre nach diesem Schreibversuch – setzte ich mich noch einmal viele Monate tags oder abends an den PC und ließ den Fingern einfach freien Lauf. Was da so aus meinen Kopf nahezu rausrinnen wollte, fingen die Tasten auf. Ich fing einfach an. Wo?
Am besten sah ich mal zuerst in den Erzählungen meiner Eltern nach, die ja schuld sind, dass ich auf dieser schönen Welt bin. Dann sprang ich kreuz und quer durch all die spannenden und verrückten Jahre und bat am Schluss meinen Freund Andy Zahradnik, das, was ich geschrieben und teilweise diktiert hatte, alles zu ordnen und zu kürzen. Er nahm sich liebenswerterweise den über 1000 Seiten, die ich bis jetzt geschrieben hatte, an, um auch ein wenig mehr Struktur in diese Memoiren zu bringen. Dafür danke ich ihm von ganzem Herzen.
Wie heißt es so schön? »Wer suchet, der findet.« Wenn ich mich so umsehe, darf ich mit Fug und Recht behaupten: Es war bis jetzt ein spannendes, aufregendes Leben, das ich mit allen Höhen und Tiefen, Ehen und Scheidungen, Hits und Flops, Freund- und leider auch Feindschaften leben durfte. Erlebnisse, bei denen mir selbst beim Aufschreiben Schauer über den Rücken liefen, und Begegnungen, die man nicht für möglich hält. Wie Erfolg von einem auf den anderen Tag das Leben einer ganzen Familie ändern und wie Misserfolg tragische Auswirkungen haben kann. Glück ist wohl einer der wichtigsten Faktoren im Leben, und wer dieses Buch liest, kann vielleicht für sich ein bisschen Glück abschneiden. Wissen über die Musikbranche und besonders den Umgang mit den Protagonisten bzw. Machern. »Wissen ist Macht« und ich habe viel von meinen Lehrern gelernt und bin ihnen heute noch dankbar. Ich gebe gerne davon das weiter, was auch anderen Menschen morgen helfen kann. Es gibt viel zu lachen, zum Nachdenken und vielleicht einiges Unerwartetes in meinem Buch zu finden – in den »Memoiren des Ralph Siegel«.
Viel Spaß!
München 1945 – Am Biederstein 7
Es war die Stunde Null. Am 30. September 1945 bin ich im Englischen Garten – in der damaligen Geisenhofer Klinik, der heutigen Parkklinik, auf die Welt gekommen, als Ralph Claus Peter Siegel, der Sohn von Rudolph Maria Siegel und Ingeborg Döderlein. Als ich im Leben landete, hatten die Menschen in München schon seit einem guten halben Jahr mit den Aufräumarbeiten nach dem gerade beendeten Krieg zu tun. Es gab da eine Menge Schutt wegzuschaffen, die Stadt wiederaufzubauen und das tägliche Leben zu meistern.
Ich hatte großes Glück, denn ich bin bereits ein »Friedenskind« und dem Irrsinn, dem die halbe Welt und auch meine Eltern ausgesetzt waren, knapp entkommen. Über 700 Mal hatten seit Januar 1945 in München die Sirenen geheult, die Menschen in die Keller und Bunker getrieben, bis schließlich alles vorbei war. 300 000 Ausgebombte lebten zwischen den Ruinen und die Stadt war Plünderungen ausgesetzt. Es herrschte Chaos in den ersten Tagen nach Kriegsende. Meine Eltern hatten das Kriegsende in Bayern erlebt: Mein Vater Ralph Maria Siegel, der eigentlich Rudolph hieß und sich den Vornamen Ralph selbst gegeben hatte, diesen sogar später im Reisepass eintragen hat lassen, und meine Mutter, die Operettensängerin Ingeborg Döderlein mit dem klingenden Kosenamen »Sternchen«, der sie ein Leben lang begleitet hat.
Ich bin also schon als Sohn eines Künstlerehepaars zur Welt gekommen, sozusagen als die übernächste Generation einer Künstlerfamilie. Mein Großvater Rudolf Siegel war im frühen 20. Jahrhundert auch schon Komponist, Schüler von Engelbert Humperdinck und lebte in Berlin. Er dirigierte später in Essen und landete schließlich in Krefeld als Generalmusikdirektor, Dirigent und Opernkomponist. Er bewegte maßgeblich die damalige musikalische Landschaft und sorgte besonders dafür, dass auch seine vier Kinder Ralph, Bruno, Bernhard und Vera einen musikalischen Lebensweg beschreiten konnten. Geld wurde damals in diesem Beruf weniger verdient, es sei denn, man hatte die großen Bühnen der Welt erobert und ginge in der »Berliner Oper«, der Mailänder »Scala« oder der »Metropolitan Opera« in New York ein und aus. Bescheidenheit war angesagt während der Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahre und besonders, als der Wahnsinn der Nazizeit ausbrach. Irgendwann führten aber alle Wege meiner Eltern nach Berlin und im Endeffekt nach München. Seither sind wir mit der bayerischen Hauptstadt eng verbunden.
Ich wurde am letzten Tag im September geboren, im Sternzeichen Waage. Ich war 58 Zentimeter lang, acht Pfund schwer und hatte lange schwarze Haare. Da lag ich nun, ein Sonntagskind – in Kriegswindeln, die vielleicht sogar gewaschen werden mussten, um sie wieder zu verwenden. Meine Ankunft musste natürlich publik gemacht werden und mein Papi tat das auf seine Weise. Damit die Information nicht auf Deutschland beschränkt bliebe – er spielte eigentlich schon mit dem Gedanken, in die USA auszuwandern –, verfasste er folgende Anzeige:
SUBJECT: OUR FIRST SON
BETRIFFT: UNSER ERSTER SOHN
TO WHOM IT MAY CONCERN
AN ALLE UNINTERESSIERTEN
RALPH CLAUS PETER SIEGEL
FINALLY ARRIVED IN MUNICH SEPT. 30th 1945
ENDLICH ANGEKOMMEN IN MÜNCHEN 30. SEPT. 1945
THE MERRY PARENTS
DIE GLÜCKLICHEN ELTERN
Ingeborg Sternchen
Ralph Maria Siegel
Naturgemäß sind meine Erinnerungen an die frühen Jahre meines Lebens nicht besonders ausgeprägt, aber da Papi immer auch alles zu Papier gebracht hat, durfte ich erfahren, dass ich zwei Monate von Mami gestillt wurde, zum ersten Geburtstag Zwiebackbrei serviert bekam und mit einem Badeschwamm, einen Kamm und einem Kissen für den Kinderwagen beschenkt wurde. So weit, so dokumentarisch festgehalten, und Papi hat auch noch vermerkt, dass ich mich über die Geburtstagsgeschenke gefreut habe.
Es war sicher eine harte Zeit für alle – eine der vielen Entbehrungen, aber wir hatten Glück. Die Wohnung am Biederstein 7 hatte die Bombardierungen relativ glimpflich überstanden. Das Mauerwerk war stabil und auch der Kamin noch so gut in Schuss, dass der Rauch abziehen konnte und uns nicht einnebelte, wenn Papi versuchte, mit dem, was an Brennmaterial da war, Feuer zu machen. Manchmal ging er es radikal an und nahm Benzin zur Hand, um das nasse Holz zum Brennen zu bringen. Ein Glück, dass wir nicht in die Luft geflogen sind.
Jetzt suchten sie ein Plätzchen, wo der Krieg weniger Auswirkungen hinterlassen hatte, und fanden es in der kleinen Ortschaft Liedering bei Obing. Ich habe es immer als einen Wink des Schicksals empfunden, dass ein Dorf, in dessen Namen »Lieder« vorkam, uns Schutz bot. »Musik liegt in der Luft« – dieser Titel des Songs von Caterina Valente bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn man als Baby eines Musikerpaars in Liederinger Luft aufwächst … In der Tat war das kleine Liedering so etwas wie eine »Insel des Friedens«. Papi, der ja seit jeher ein Talent zum Häuserbauen hatte und Architektur zu seinen Leidenschaften zählte, stellte gemeinsam mit seinem Bruder Bruno in Liedering ein kleines Häuschen auf die Wiese. Vier Wände, vier Fenster und eine Tür, oben ein kleiner, ausgebauter Dachboden. Keine Ahnung, wo die beiden zu dieser Zeit das Baumaterial herhatten, aber das Häuschen stand und war unser Zuhause für die nächsten Jahre, denn München war in dieser Zeit dabei, sich mühsam aus dem Kriegsschutt wieder aufzurappeln. Papi war fast immer auf Tour und machte Musik für die Amerikaner. Als Gage gab es Lebensmittel und die Dinge des täglichen Bedarfs. Einmal, da brachte er 20 Orangen mit – die Gage dafür, dass er für die Amis swingte und die sich in der Fremde ein wenig wie zu Hause fühlen konnten. Aber dann, wenn er nicht bei uns war, was oft vorkam, war es Mami, die sich um unsere Versorgung kümmern musste. Mami klopfte bei den Bauern an und tauschte Wertgegenstände wie Silber und Porzellan oder Schmuck für Lebensmittel ein. »Mia hen koa onzgs Oa« (wir haben kein einziges Ei) hat sie oft genug zu hören bekommen, wenn die Bauern nicht zu tauschen gewillt waren, aber irgendwie gelang ihr es dann doch immer wieder, etwas auf den Tisch zu zaubern.
1946 entdeckte mein Vater in Augsburg-Göggingen das ehemalige Kurhaus. 1886 erbaut, hatte es schon damals eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Ein Theater und Tanzsaal, das den US-Streitkräften auch als Kino für die Truppen diente. Meinem Vater, den die Amerikaner ja von seinen vielen Auftritten her gut kannten und den sie immer wieder engagierten, erlaubten sie im Kurhaus wieder Theateraufführungen zu inszenieren, und mit der ihm angeborenen Leidenschaft produzierte er Operetten und darunter auch das »Weiße Rössl«. Statt Geld für Eintrittskarten brachten die Zuschauer Kohlestücke mit und damit wurde während der Vorstellungen eingeheizt.
Der Theaterbetrieb in Göggingen lief gut, war ein voller Erfolg und Papi hatte seine Bühne, aber es zog ihn bald wieder mit anderen Ideen nach München. Er wusste, dass eine Zeit kommen würde, wo Lieder und Texte, also Urheberrechte, auch eine Geschäftsgrundlage sein und Musikverleger gebraucht würden, die diese verwerteten. Er legte den Grundstein für die Siegel-Musikverlage in München, die sich dann ab 1948 richtig zu entwickeln begannen.
Ich war gerade mal so drei Jahre alt, als Mami mit mir zurück nach München zog – ins Untergeschoss der Wohnung am Biederstein 7. Im selben Haus wohnte auch die jüdische Familie Dudeltchik und ihre Tochter Sarah war meine erste Freundin und Spielkameradin. Sie war ein Jahr jünger als ich und wir trafen uns nahezu täglich im Garten hinter dem Haus. Später, wenn ich mich als Erwachsener an Sarah zurückerinnert habe, habe ich mir oft Gedanken darüber gemacht, wie es die Dudeltchiks geschafft hatten, in Nazideutschland zu überleben. Das Bewusstsein, dass Sarah Jüdin war und ihre Familie sehr gelitten hatte, fehlte mir als Kind ganz und gar. Sarah war meine Spielkameradin … das war wichtig, nicht die Religionszugehörigkeit. Was kümmert das schon einen vier Jahre alten Buben?
Meine Mami hatte ganz andere Probleme mit mir, denn ich wollte einfach keine Medizin einnehmen, wenn mal ein Schnupfen oder eine Kinderkrankheit wie Masern oder Milchzahnschmerzen bei mir auftraten. Ich aß auch wie alle Kinder keinen Spinat und eigentlich nur Kartoffelbrei. Das war die Antwort. Mami mischte alle nur notwendigen Medikamente in den Kartoffelbrei und mit meinem Lieblingsgetränk, dem Himbeersaft, ging es ebenso einfach – schwupps, war der kleine Sohn versorgt.
Nicht weit weg von unserem Wohnhaus gab es ein kleines Fleckchen Freifläche. Das Grundstück gehörte dem Herrn Huber, der ein Milchgeschäft führte, und Huber wiederum war ein Freund eines gewissen Herbert Koschel und dieser hatte eine kleine Holzbaracke in Berlin. Huber verpachtete das Grundstück an Herbert und gemeinsam mit meinem Vater karrten sie die Baracke von Berlin nach München. Das Holzhaus war ab dem Spätsommer 1948 die Zentrale der neu gegründeten »Ralph Maria Siegel-Musikverlage« und Herbert wurde zum »Geschäftsführer« ernannt. Die Lizenz, die notwendig war, um als Musikverleger tätig zu werden, stellten die Amerikaner aus. Herbert wohnte auch in dieser Baracke und alles ging damals eben noch ziemlich unkonventionell zu.
1949 wurde der Bayerische Rundfunk gegründet und aus dem ehemaligen Radio Munich wurde der BR. Der erste Intendant, Rudolf von Scholtz, erhielt von der amerikanischen Militärregierung in Bayern die Lizenzurkunde, die ihn zum Radiobetrieb bevollmächtigte.
Und auch Mami sang bald wieder: unter anderem am Bayerischen Rundfunk mit dem Rundfunkorchester unter der Leitung von Werner Schmidt-Böhlke und vielen anderen Dirigenten. Wenn Mami damals im Gärtnerplatz-Theater sang, stand ich oft hinter dem Vorhang und, wie man mir erzählte, kommentierte ihre Auftritte meist mit den Worten: »Mami muss tanzen und singen.« Warum ich »muss« sagte, wurde mir erst später klar, denn die Liebe zum Tanzen und Singen ist wahrscheinlich eine Berufung, man fühlt den inneren Zwang, es weiter zu tun, bis es nicht mehr geht. Andererseits ist der Druck groß, in diesen schweren Berufen eben auch Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen.
Januar 1950
Die Erinnerungen an den großen Krieg wurden langsam verdrängt, das Wirtschaftswunder trieb die Konjunktur in nahezu atemberaubender Geschwindigkeit an. Es ging aufwärts und in den Schaufenstern der Läden waren all die Dinge nun bereits wieder Usus, von denen man Jahre zuvor noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Die Damen der Gesellschaft hatten wieder Freude an schönen Kleidern und Kostümen und man sprach wieder von Mode und nicht nur davon, ob man etwas anzuziehen hatte. Für mich brach Anfang September auch eine neue Zeit an: mein erster Schultag. Zuerst mit fünf Jahren in München – sehr früh, aber wenig später dann 1951 in Rimsting am Chiemsee. Gemeinsam mit der »Micky Maus Germany«, die ebenfalls ab September 1951 in wöchentlichen Heften immer neue Abenteuer erlebte, startete ich dort ins Schulleben – und wurde von meiner Mutter übrigens öfter Micky gerufen. Mein Vater ärgerte sich immer, wenn Mami »Ralph« rief und er kam angelaufen, und sie hatte eigentlich mich gesucht oder gerufen. Da ich aber der »Kleine« war, nannte er mich so wie die kleine Maus eben »Micky« und diesen Spitznamen behielt ich lange, auch als ich schon einen Meter und achtundachtzig auf die Beine brachte. Irgendwann war’s dann auch Ralph Junior und später fiel der Junior eben weg – that’s life!
1952 und 1953: Rimsting am Chiemsee
Mein Vater war geschäftlich bereits mehr als erfolgreich, und so begann er Anfang der Fünfzigerjahre damit, einen Baugrund zu suchen, wo er unser neues Familiendomizil errichten wollte. Seine Idee war: Arbeiten in München, wohnen und leben auf dem Land, weg von der Großstadt.
Mami und ich sollten in gesunder Umgebung frische Luft atmen können, und in Rimsting wurde er schließlich fündig und unsere neue Adresse lautete bald: Paradiesstraße!
Diese Straße gab es eigentlich gar nicht, es war vielmehr eine namenlose »Piste«, die ein paar aneinanderliegende Wiesen verband. Ein Rumpelweg sondergleichen, welcher von der Gemeinde Rimsting jahrelang lang nie ausgebaut oder gepflegt wurde. Papi wurde auf seine Art zum Namensgeber und nannte diese Schotterstraße eben Paradiesstraße. Was der Gemeinderat übrigens nach einigen Jahren offiziell bestätigte. 1952 fing Papi dort zu bauen an und für die damaligen Verhältnisse entstand ein Traumhaus – ein kleines Paradies eben.
In der neuen Volksschule war ich der einzige evangelisch getaufte Schüler. Der Rest der Klasse war katholisch und das brachte mit sich, dass ich immer dann freihatte, während die anderen Schüler im Religionsunterricht saßen – das war schon mal anders, und außerdem wurde ich von Sepp unserem Hausmeister zur Schule gefahren, und die meisten Kinder mussten halt laufen oder kamen mit dem Rad, und das war erst recht anders! Wie das bei den Klassenkameraden so ankam, kann man sich denken. Ich war für sie der privilegierte Sohn aus gutem Hause. Das ließen sie mich dann auch spüren und beim Fußballspielen musste ich eben dann schon mal zusehen, was ich ganz unerträglich fand, denn ich liebte Fußball, und dieses Gefühl des Ausgeschlossenseins tat mir oft sehr weh.
Also versuchte ich auf andere Weise Freunde zu gewinnen und immer wieder Kontakte herzustellen und ritt mich dabei aber noch tiefer in die Bredouille. Den größten Fehler machte ich, indem ich von meinem Taschengeld einige Schulkameraden dann zum Eisessen einlud. Die Folge war, dass sie fröhlich mitaßen und sich das Eis schmecken ließen, aber kurz darauf war ich dann völlig unten durch. Verstanden habe ich das damals nicht und empfand es als ungerecht und fühlte mich ausgenutzt. Diese Art der Zurückweisung habe ich im Laufe meines Lebens immer wieder in diversen Situationen erlebt und spüren müssen, dass ich immer mal wieder vielleicht zu großzügig gehandelt habe, aber ehrlich gesagt, habe ich immer gerne Menschen Freude gemacht und nie dabei gedacht, dass ich damit jemanden kaufen könnte oder wollte. Man kann keine Menschen kaufen und wahre Liebe schon gar nicht.
Ich hatte schon als kleiner Junge eben den Wunsch, Freude zu bereiten, doch das wird manchmal falsch interpretiert oder ausgelegt. Ich habe mir im Laufe des Lebens auf diese Art immer wieder – ich nenne sie so – »natürliche Feinde« gemacht, ohne dass ich es gewollt oder auch nur geahnt hätte, und lebe eigentlich immer noch nach dem Prinzip: Man muss im Leben auch geben, besonders denjenigen, denen es nicht so gut geht und die nicht so viel Glück hatten wie ich. Meine Eltern waren da nicht anders: Meine Mutter war das größte Beispiel für Güte. Sie hängte es nie an die große Glocke, dass sie freiwillig beim Roten Kreuz arbeitete, trotz all ihrer Aufgaben als »Sternchen Siegel« Mutter und Ehefrau. Ich bewundere immer wieder Menschen, die sich ehrenamtlich oder aus reiner Opferbereitschaft für andere Menschen einsetzen. Karl Heinz Böhm und viele andere haben immer wieder meine volle Hochachtung. Ich versuche da und dort zu helfen, wenn ich kann, aber immer geht es auch nicht. Ich werde auch oft gefragt: »Herr Siegel, was können wir denn für die Dritte Welt tun?«
»Schickt ihnen Bildung, in welcher Form auch, damit sie lernen, lernen und lernen können und Wege finden, aus sich heraus ihr Leben zu meistern und lebenswert zu gestalten.«
Papi kam fast jedes Wochenende mit Freunden und Gästen nach Rimsting und fuhr am Montag wieder nach München. Was sich da an diesen Wochenenden in unserem Haus abspielte, dazu komme ich noch, denn diese Geschichten sind heute noch Thema im Freundeskreis, und im Laufe dieser unvergesslichen Tage in Rimsting gelang es mir dann doch, mit den Jungen im Dorf und den Nachbarn gute Freundschaften zu schließen. Einige dauern bis heute noch an und Klaus Steindlmüller, der heute ein angesehener Anwalt ist, besucht mich heute noch ab und zu. Freundschaften waren in diesen Tagen unkomplizierter, aber trotzdem hat sich unser Leben anders abgespielte als das der meisten Menschen um uns herum. Es gab Dinge, die waren überall gleich, sind es bis heute und bringen Geschäftsleute und Freunde zusammen. Fußball ist ein Paradebeispiel dafür. Ich weiß noch wie heute, wie wenn es gestern gewesen wäre, wie wir 1954 am Radio hingen und die WM mitverfolgten: TOOOOOR TOOOOOR! Helmut Rahn … Deutschland ist Weltmeister und in Bern ist ein »Wunder« geschehen! Rahn und das Tor zum 3:2 gegen Ungarn.
Unvergesslich, wie wir tanzten und sprangen und im Anschluss feierten. Fritz Walter, Helmut Rahn und besonders Toni Turek wurden für die nächsten Jahre unsere Idole, und als ich viele Jahre später Fritz Walter persönlich kennenlernte, musste ich mich immer noch an die Stunden am Kofferradio in Rimsting erinnern. Ein persönliches Autogramm hängt noch heute über meinem Schreibtisch und ich freue mich immer wieder darüber, dass er mir dieses Foto mit Widmung noch kurz vor seinem Tod schickte.
Es war eine Zeit, die unvergesslich bleibt, denn die Jugendjahre prägen einen Menschen mehr, als man glaubt, und auch die Fehler, die man damals bereits macht, schleppt man zum Teil durchs weitere Leben. Aus Fehlern wird man klug – heißt es, aber ich denke, dass es nicht Klugheit, sondern Erfahrung ist, was man daraus lernt und eventuell dabei gewinnt, sofern man Fehler auch zugibt und auch als solche erkennt.
Was mir damals, als Kind immer wieder bereits geholfen hat, war, dass ich mich hinsetzte und gerne ein paar Gedanken aufschrieb. Ich habe das offenbar von meinem Vater geerbt, der ja von jedem Winkel der Welt immer Briefe schrieb. Aus seinen Reiseerinnerungen entstanden dicke Bücher, die er drucken ließ und an Freunde und Bekannte verschenkte. Ich trat so ein wenig in seine Fußstapfen und damit die Schreiberei auch einen gewissen Sinn hatte, fing ich vorerst einmal mit den Briefen an das liebe Christkind an. Ich war sieben, als ich meine Wünsche fein säuberlich mit Bleistift notierte und die Sätze zusätzlich noch mit Unterstrich-Linien versah. Damit das Ganze einen offiziellen Charakter erhielt und das Christkind gleich sah, was Sache war, verwendete ich einfach das Briefpapier der Ralph Maria Siegel-Musikverlage:
Liebes Christkind,
habe mir so gerne zum Schlittschuhlaufen Eishockeyschlittschuhe gewünscht. Dazu noch einen kleinen Filmaperrat wo man drehen muss. Da kann man noch einen Motor dazu kaufen das ist aber nicht so sehr wichtig. Dein Micky
Das Christkind war instruiert. Weihnachten durfte kommen. Aber nicht nur ich schrieb Briefe, sondern ich bekam auch welche. Hochoffizielle sogar. Gut, ein Brief war mein Zeugnis aus dem Jahr 1955 nicht unbedingt, aber ich musste das Zeugnis daheim zur Unterschrift vorlegen. Was meine Mutter mit »Inge Siegel/Erziehungsberechtigte« als zur Kenntnis genommen bestätigte, sah gar nicht so übel aus:
Schuljahr 1955/1956, Volksschule Rimsting
1. Halbjahr: Anständig in Betragen; im Benehmen jedoch zu unruhig und zu wenig beherrscht. Mitarbeit und Fleiß verdienen Lob. In den schriftlichen Arbeiten und in den Hausaufgaben fehlt jedoch manchmal die nötige Sorgfalt.
2. Halbjahr: Betragen anständig: etwas unbeherrscht. Fleiß und Mitarbeit groß. Auch in der Schrift war zeitweise die notwendige Sorgfalt erkennbar.
Die Bilanz war o.k. Nur ein Dreier … Die Schrift hat dem Lehrer nicht gefallen. Dem Christkind machte das offenbar nichts aus. Es konnte meine Schrift lesen und legte auch brav fast alles unter den Weihnachtsbaum. Jedenfalls war mit diesem Zeugnis auch das Schuljahr vorbei und die Ferien durften beginnen. Eine herrliche Zeit. Ob auf dem Tennisplatz in Prien am Chiemsee, wo ich damals brav mit dem jungen Hubert Burda die Bälle aufheben durfte, wenn Papi mit Senator Burda einen Vierer spielte, oder die endlosen Sommertage in Rimsting – wahrhaft wie im Paradies.
Ich war ein glückliches Kind. Ich durfte fast alles machen – hatte zwei Hasen, die ich Brasil und Santos taufte, den Esel Theo mit einer Art Sulky bzw. Kutsche, und ich wurde zwei mal die Woche nach Rosenheim gefahren, um dort das »Orffsche Schulwerk« zu erlernen. Spielerisch erlernte ich mit Instrumenten wie Xylophon, Marimba- oder Vibraphon, Triangel, Trommeln und Pauken die ersten Musikstücke und hatte dabei bereits Freude am musizieren.
Als Sohn musischer Eltern war es kein Wunder, dass ich bald ein Instrument – ein Knopfakkordeon – besaß, auf dem ich mich versuchte. »Meine Güte, so viele Knöpfe rechts und links«, und man musste auch noch die richtigen Knöpfe treffen. Aber es klang schön, es gefiel mir, und so setzte ich mich nach dem Üben immer ans Klavier von Papi und begann mit den ersten Tonleitern. Als Kind hat man ja noch nicht so viel Kraft, und wenn man darüber nachdenkt, dass Mozart bereits mit fünf Jahren so gut Klavierspielen konnte, wird man ehrfürchtig.
Das erinnert mich auch an eine Geschichte auf einer Reise, die ich mal mit Nicole und Robert Jung nach Tokio zum Yamaha-Song-Festival machte, wo eine siebenjährige Pianistin sowie eine 13-jährige Organistin auftraten. Nicole sang den Titel »So viele Lieder sind in mir« und wir wurden Zweite – die Amerikaner, die die Sendung nach Amerika übertrugen, gewannen. War ja klar. In der Pause trat der Moderator des Festivals an die teilnehmenden Komponisten heran und bat einen Kollegen, doch kurz ein Thema von vielleicht vier Takten zu singen, die dann mein englischer Kollege fröhlich aus dem Bauch heraus anstimmte. Die beiden Kinder saßen am Flügel bzw. der mit allen Sounds ausgestatteten Yamaha-Orgel und improvisierten fast zehn Minuten über das vorgegebene Thema. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. »Weißt du, warum die Amerikaner im Showbusiness immer so erfolgreich sind?«, fragte mich kürzlich ein Freund aus Amerika. »Sie üben und üben und üben«, meinte er lächelnd.
Nicht immer war ich mit großer Begeisterung bei der Sache. Die Noten von Cerny oder Chopin, die meine Mutter mir zum Üben vorlegte, versteckte ich mit großer Freude immer unter dem Teppich und war mit kindlicher Naivität der Meinung, sie würde das nicht bemerken. Irrtum. So gab es die ersten und einzigen leichten Hiebe mit dem Teppichklopfer, an die ich mich heute noch erinnern kann. Es hat nicht wirklich wehgetan, aber Angst hatte ich schon. Meiner Mami tat es hinterher selber so leid, dass sie danach weinte und mich in den Arm nahm.
Ich bekam auch Unterricht in Gitarre bei meinem Volksschullehrer Pfister und Akkordeonunterricht bei Franz Langheinrich, der mich später in sein Akkordeonorchester aufnahm. Zur großen Freude der Nachbarn folgte auch noch an Weihnachten das erste Schlagzeug, das mir später noch viel bedeuten sollte, denn es eröffnete mir die Möglichkeit, eine Band zu gründen.
Nach der erfreulichen Tatsache, dass wir nach Rimsting zogen, folgten bald Freunde und Bekannte meiner Eltern und bauten dort plötzlich auch ihre Häuser. Unmittelbare Nachbarn waren der Textdichter Guenther Schwenn sowie der Musikverleger und Filmproduzent Peter Schaeffers, der mein Taufpate war. Das Haus von meinem Patenonkel Peter oder »Jubler«, wie Papi ihn gerne nannte, lag gleich nebenan und war ebenso herzlich bayrisch und beeindruckend schön wie unser Landsitz. Rimsting kann heute noch dankbar sein, dass so viele Künstler plötzlich hier bauten und einen Teil ihrer Einnahmen oder GEMA-Erlöse hier ließen. Auch die berühmten Komponisten Werner Scharfenberger und Charlie Niessen wohnten in der Gegend und Charly liebte damals meine spätere Mitarbeiterin und heute von allen geschätzte Traumfrau Angie Arold, die schon als Volontärin in jungen Jahren bei den Siegel-Musikverlagen, also bei Papi, ihre Ausbildung machte – so klein ist die Welt.1962 ist dann auch der holländische Conferencier Lou van Burg in das Haus der Schlagersängerin Angèle Durand eingezogen, nachdem ihr geschiedener Mann, der erfolgreiche Musikproduzent Nils Nobach, mein erster späterer Produzent, zuvor ausgezogen war.
Unser Paradies machte seinem Namen alle Ehre. Die Partys, die meine Eltern schmissen, waren legendär. Es kamen Gäste aus aller Herren Länder, denn Papi war viel auf Reisen, besuchte Verleger in der ganzen Welt, schloss Kontakte und lud die Geschäftsfreunde eben auch nach Rimsting ein.
Er hatte ein gutes Gefühl dafür, wenn sich Chancen anboten, und er nutzte sie so gut wie nur möglich im In- und Ausland. Seinen 40. Geburtstag feierte er damals schon in New York, wo man einfach sein musste, wollte man im internationalen Musikgeschäft ernst genommen werden. Für ihn und sein rasant wachsendes Verlagsgeschäft öffnete sich schon ein paar Jahre nach dem großen Weltkrieg ein reichhaltiges Angebot an erfolgversprechenden Copyrights in Amerika. Rolf Marbot, ein Freund und Kollege, hatte ihm alle Türen geöffnet, denn die meisten Verleger waren jüdischer Abstammung und Rolf machte seinen Freunden klar, dass Ralph Maria Siegel alles andere als ein Nazi war. So war er der erste deutsche Verleger, der nach dem Krieg wieder in den USA den Musikgeschäften nachgehen konnte, und dies tat er auch wegen seiner fantastischen Sprachkenntnisse mit Charme und Überzeugung mit vollem Erfolg. Doch es war gar nicht so einfach. Es galt, verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen. Keine sechs Jahre zuvor hatte man noch aufeinander geschossen und jetzt galt es gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Aber mein Vater, »Ralph Maria – the nice guy from Germany«, hatte die Situation ganz genau erkannt: Es gab in Deutschland diesen ungeheuer großen Nachholbedarf an Unterhaltung. Papi importierte zuerst und später exportierte er die deutschen Schlager nach Übersee – beides mit ähnlich großem Erfolg – und beschränkte sich nicht auf Europa und die USA. Er dehnte seine Erkundungs- und Einkaufsreisen auf alle möglichen Märkte aus. Dazu gehörte auch Südamerika. Er liebte Italien, und so waren romanische Länder wie Brasilien oder Argentinien eben wesensverwandt. Er sprach nicht nur Englisch, Französisch und Italienisch, sondern auch noch Holländisch und Spanisch, und das half. Die Lieder, die mein Vater damals einkaufte oder unter Vertrag nahm, waren bald darauf in Deutschland, Österreich oder der Schweiz zu hören. Er erkannte, was der Rundfunk gerne spielen würde und was national wie international gut ankommt. Die ausländischen Verleger und Autoren liebten ihn dafür, denn ohne ihn wären viele Hits nur am Rio de la Plata oder wo auch immer geblieben. »Amor, amor«, »Besame mucho«, »Tico tico«, »Brasil«, »Granada«, »Quizas, Quizas« etc. – all diesen internationalen Songs besorgten Vater und sein neues Team »deutsche Originalaufnahmen« und er schrieb meist noch die deutschen Texte. Zum Beispiel wurde aus »Everybody’s Somebody’s Fool«, dem Hit von Connie Francis, die damals sogar diesen Superhit in Deutsch aufnahm, »Die Liebe ist ein seltsames Spiel«. »Jeder ist irgend ein Narr von jemand anderem«, wie das Lied so ungefähr in Englisch hieß, wäre bestimmt kein Hit geworden … Diese Liste ließe sich beliebig weiter fortsetzen. Er flog regelmäßig nach New York oder Nashville, dem »Mekka der Countrymusic«, und bereitete somit auch für mich den Weg vor, den ich viele Jahre später in diesen aufregenden Hauptstädten der Musikwirtschaft gehen durfte.
Mein Vater war ein Mann, der am liebsten alles gleichzeitig machte und sich noch nie in seinem Leben als Zauderer gezeigt hatte, wenn es darum ging, Wünsche und Ideen umzusetzen. Er liebte das Leben und die Menschen und diese folgten ihm bereitwillig, wenn er rief. Und er rief oft. Er organisierte unter vielen anderen Events kleine Minigolfturniere auf dem eigenen Minigolfplatz und Tennis- oder Skatturniere, und heute bin ich mir sicher, dass auch ich dadurch viel gelernt habe. Golf, wie ich es heute spielen darf, war aber noch kein Thema. Leider, denn sonst würde ich sicher jetzt besser spielen – das Putten, also der Schlag beim Golf, wo der Ball nicht fliegt, sondern nur rollt, geht aber heute immer noch ganz gut und ich bin mir sicher, dass das an meinen frühen Erfahrungen mit Minigolf liegt.
An den Wochenenden war oft High Life, dann wenn Papi aus München kam, ging es bei uns rund. Im Haus eine Kellerkneipe mit Sauna, Pool, Forellenteich, ein Gästehaus für Freunde und Verwandte. Das Lieblingsgetränk der damaligen Pool-Partys war die Bowle. Dieser Mischmasch aus Sekt, Wein, Mineralwasser und Früchten, schrecklich süß mit Zucker oder Likör verlängert. Der Kopf fühlte sich am nächsten Tag dreimal so groß an. Feste wurden eben gefeiert, wann immer sich ein schöner Anlass anbot. Oft wurden die Kostüme in München rar, wenn Vater zum Kostümfest nach Rimsting lud. Immer gab es ein Motto. »Heinrich VIII.« – »Afrika spricht« – oder wie in China – »Zu Gast bei Lien Tung« – alle hatten in Kostümen zu erscheinen und dann wurde das Haus dekoriert, Kulissen aufgebaut und es ging manchmal sogar von Freitagabend bis Sonntag und das bis zum Frühschoppen. Sich bloß einen Hut aufzusetzen oder eine Schleife ins Haar zu stecken, das akzeptierte Papi gar nicht. Mami kümmerte sich um Essen und Trinken und das Personal. Als ihr großes Geburtstagsfest »Afrika spricht« über die Bühne ging, spielte dazu das Orchester Max Greger und sogar etwa 70 Freunde kamen mehrere Tage nach Rimsting und nicht aus ihren Kostümen. Da standen Palmen in Blumentöpfen, die Wände waren mit Schilf dekoriert und Afrika sprach nicht nur, sondern es sang, trank, plauderte, tanzte und vertiefte geschäftliche und zwischenmenschliche Kontakte. Ab Montag wurde dann tagelang alles wieder abgebaut, und kurzzeitig kehrte wieder Ruhe ein. Die örtlichen Zimmervermieter rieben sich die Hände, wenn es hieß, es stünde wieder ein Fest an, denn da gab es für die Nachbarn und Dorfbewohner allerhand zu staunen. Liz Taylor, Eddie Fisher und Schlagerstars waren da zu Gast, eben viele der Stars der damaligen Zeit. Im Pool badeten Peter und Vater Fred Kraus und wer noch gerade en vogue war. Was für eine verrückte Zeit – die »Siegels« waren in aller Munde und am meisten freute ich mich, wenn auch der Rest der großen Familie, Onkel Bernhard, mit dem ich Schach spielte, Tante Vera, mein Vetter Wolfgang und die Cousinen Angela und die kleine Vera, wie sie damals genannt wurde, zu Besuch kam. Aber da waren auch die lieben Hunde, unser Wolfsspitz Bärle oder die Promenadenmischung Juppi, die ihre reine Freude hatten und alle liebten.
Wir hatten immer die herrlichsten Mischlinge und ganz besonders Juppi – nach Jupiter-Records irgendwie benannt – war der Unglaublichste. Er konnte einfach alles. Stöckchen holen bis zum Umfallen ging ja noch – Salto rückwärts sowieso und er war anhänglich und liebte es, spazieren zu gehen – nein, er fuhr sogar mit dem Bus. Sie fragen, wie? Er hatte eine Freundin in Prien, etwa fünf bis sechs Kilometer entfernt und stellte sich einfach an der Bushaltestelle, gleich an der Ecke zur Paradiesstraße, wedelnd hin und wartete auf den Bus, der planmäßig alle paar Stunden nach Prien fuhr.
Ob da Fahrgäste einstiegen oder nicht, war egal – der Busfahrer hielt allein wegen ihm an und ließ ihn einsteigen, auch allein ohne weitere wartende Fahrgäste, und in Prien ließ er ihn wieder aussteigen. Das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Mein lieber Juppi, der noch den Beinamen »Professor Holzmann« von Papi bekam, denn sein struppiges Fell sah aus wie eine Kokosnuss und Holzfaserplatte.
Während Papi bei uns im Mai 1956 den Pool wieder mal neu streichen ließ, weil der Sommer schon so gut wie vor der Tür stand und ich als Zehnjähriger es kaum erwarten konnte, bald wieder ins kalte Wasser zu springen, hoben sie in der Schweiz, im schönen Lugano, meine großen Leidenschaft aus der Taufe: Den »Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea«. Heute kürzer als »Eurovision Song Contest« bezeichnet. Ein gewisser Herr Lohengrin Filipello moderierte den Abend. Nur sieben Länder machten das Rennen untereinander aus und die Schweiz ging als Sieger vom Platz. Damals war dies ein reiner Autoren- und Komponistenwettbewerb. Die Musik kam von Géo Voumard, den Text schrieb Émile Gardaz. Das Siegerlied hieß »Refrain« und wurde von der bezaubernden Lys Assia gesungen. Deutschland landete 1956 auf Platz 4 und auf Platz 11. Das ging damals. Jedes Land konnte mit zwei Liedern antreten. Ansonsten wäre die ganze Geschichte ja schon nach einer Stunde vorbei gewesen. Angeblich verschliefen Großbritannien, Dänemark und Österreich den Anmeldeschluss und konnten daher nicht teilnehmen.
In Rimsting war der Grand Prix damals auch schon ein Thema, denn Papi hatte mit Friedrich Meyer 1957 ein Lied für dessen Frau, die große Schauspielerin und Sängerin Margot Hielscher, geschrieben: »Telefon Telefon« kam immerhin auf den mit Luxemburg geteilten vierten Platz.
In Rimsting waren in diesen Tagen wieder Minigolf und Kartenabende – besonders Skat – angesagt und die Gäste ließen es sich auch da wie immer bei uns ziemlich gut gehen. Die Feste überschlugen sich dermaßen, dass es sogar vorkam, dass wildfremde Personen dachten, es wäre ein Restaurant, und es sich stundenlang gut gehen ließen. Gegen Mitternacht wollten sie bezahlen und unser Josef, der liebenswerte Hausmeister, meinte nach Absprache mit Papi nur: »Sie waren Gäste von Ralph Maria Siegel, schönen Abend und auf Wiedersehn.«
Was mich betrifft, so muss ich sagen, dass mir mein Vater in dieser Zeit aber auch sehr oft fehlte. Sein Unternehmen in München hatte inzwischen über 20 Mitarbeiter, die Firma lief prächtig. Obwohl die Zeit als »Wirtschaftswunderjahre« bezeichnet wird, war das alles andere als einfach und kein »Wunder«.
Von Rimsting nach Prien am Chiemsee
Im Schuljahr 1956 begann das erste Jahr an der Ludwig-Thoma-Oberrealschule, und hier wehte ein neuer Wind. Diese Schule war eine neue Herausforderung und ich versuchte, meinem Drang, Sprachen zu sprechen, zu folgen – bei dem Vorbild eine logische Folgerung – Englisch ganz klar und ab 1958 dann Wahlfach: Latein! Das bereue ich bis heute. Mein Vater meinte, es sei gut, denn damit würde ich später die romanischen Sprachen leichter erlernen. Ich für meinen Teil hätte lieber gleich Französisch genommen, denn Arzt oder Priester wollte ich sowieso nie werden und meine späteren Lehrjahre in Paris wären mir bestimmt auch leichter gefallen. Aber Papa bestand auf Latein und ich quälte mich mit Julius Cäsar.
Zu Hause lief alles wie immer. Maria und Josef waren vom Irschenberg zum Chiemsee gezogen und die treuesten aller Hausmeister. Sie waren helfende Hände in vielen Belangen. Dazu gehörte auch, dass jemand darauf achtete, dass ich Hausaufgaben machte und zum Musikunterricht ging. Also lernen, lernen, lernen, Klavier, Schlagzeug, Gitarre und Fußball und Leichtathletik waren ja auch noch vorrangig in meinem jungen bereits erfüllten Leben.
Gott sei Dank tat sich da etwas ganz herrlich Neues auf – die Liebe!
Durch meinen Besuch der Oberrealschule führte mich mein Weg natürlich immer nach Prien, und so lernte ich Traudl kennen. Traudl war ein paar Jahre älter – hatte schon einen Führerschein und ein Auto dazu. Mann, war die Klasse, und da ich inzwischen vom Micky zum Ralph gewachsen war, kam ich eben schon mit eins achtzig daher und konnte als junger Mann durchgehen, wie man so sagt. Was Traudl besonders spannend machte, war ihre ständig wechselnde Haarfarbe. Im Wochenrhythmus leuchtete ihr Haar immer wieder in einer anderen und meist auffälligen Farbe. Sie war die Erste, die mir so richtig den Kopf verdrehte. Wir waren verliebt und trafen uns heimlich in unserem Gästehaus und fingen an, uns zu küssen und zu streicheln – ich wäre fast schon gekommen, bevor mein erstes Mal wirklich stattgefunden hatte.
Schlimm aber war nur, dass ausgerechnet, als wir uns in die Arme nahmen, die Haustür krachte und Hausmeister Josef durch das Treppenhaus lief.
Wir sprangen auf und versteckten uns im großen, mit Rosen bemalten Bauernschrank und sahen leicht zitternd durch die Ritze der Schranktüren, wie Josef kurz ins Zimmer kam, sich wunderte und wieder von dannen zog.
Irgendwann meinte Mami, dass sie mehr Personal benötigte. Vater und Mutter suchten daher am besten ein Kindermädchen für den heranwachsenden Sohn, das aber im Haushalt auch mitarbeiten sollte. Papi suchte die Dame persönlich aus – und fand Giselle. Sie kam zu uns ins Haus, war gerade von einem amerikanischen GI frisch geschieden worden und daher glücklich, eine Stellung zu finden. Giselle war noch nicht richtig im Hause eingezogen, da verliebte ich mich sofort bis über beide Ohren in sie. Das Beste aber war, dass diese bildschöne 27-jährige blonde »Engelsfrau« auch mich nicht so unangenehm fand und sich geneigt zeigte, meinen Avancen nachzugeben. Verliebt über beide Ohren verbrachte ich die meisten Nächte bei ihr, doch als sie ein paar Wochen später bei meiner Mutter andeutete, dass sie von ihrem Sohn schwanger sei, fand das Mami gar nicht mehr komisch. Das ging schon gar nicht. Mami fuhr mit Giselle nach Prien zum nächsten Arzt, um einen Schwangerschaftstest zu machen. Nachdem das erfreulich negative Ergebnis feststand, brachte meine Mutter Giselle direkt zum nächsten Arbeitsamt. Das war’s.
Und was durchlebt ein Mann, wenn die Geliebte ihn verlassen musste? Einsamkeit – und er sucht Wege, sie zu bekämpfen! Ich fand Spaß beim Fischen, war bald Inhaber einer »Ufer- und Kahnkarte« der Fischereigenossenschaft Chiemsee, womit ich berechtigt war, meine Angel auszuwerfen, sofern ich die Regeln und Bestimmungen des Bayerischen Fischereigesetzes beachtete. Nun gut, fürs Abendessen reichte es nie, was ich dem Chiemsee entrissen hatte. Als mal gar kein Fisch anbiss, ich aber Papi und Mami versprochen hatte, doch für das Mittagessen zu sorgen, leerte ich einfach früh um sechs die Reusen der Schaffwaschner Fischer aus und brachte stolz etwa zehn Forellen und Renken nach Hause. Alle saßen fröhlich beim Essen, als die von den Fischern gerufene Polizei im Hause auftauchte. Meine Blamage war riesengroß – meine Mutter fiel fast in Ohnmacht und ich bekam Hausarrest.
Auch wenn schon so viele Jahre dazwischenliegen, mit Giselle hatte es mich das erste Mal über die kindliche, naive Liebelei hinaus so richtig erwischt.
Was ist es, das schon einen jungen Menschen, egal ab welchem Alter, zu einem anderen Menschen hinzieht? Vielleicht die Sehnsucht nach Anerkennung? Vielleicht ist es aber auch die ganz natürliche Liebe zu jemandem, zu dem man sich hingezogen fühlt. Aber warum gerade zu diesem einen bestimmten Jungen oder Mädchen, Mann oder Frau? Warum zu der Brünetten und nicht zu der Rothaarigen, die doch eine viel schönere Figur hat, aber nicht so freundlich lächelt? Warum nicht die Blonde mit den blauen Augen, sondern eben gerade die eine, bei deren Anblick plötzlich das Herz zu pochen beginnt und vielleicht sogar bei zärtlichen Gedanken die Gänsehaut über den Rücken läuft.
Ist Liebe das Schönste auf der Welt? Ich meine ja. Ich für mich glaube, die Liebe baut auf Zuneigung, Gefühlen, Achtung und Bewunderung oder Verehrung einer anderen Person auf. Der Wunsch nach individueller Nähe, verbunden mit Sehnsucht nach mentaler oder sexueller Begegnung, wird dabei übermächtig und lenkt uns scheinbar unkontrolliert durch das Erlebnis, das wir Liebe nennen.
Da Giselle mein junges Leben auf abrupte Weise verließ, wurde das Demo-Studio am Speicher Mittelpunkt meiner Gefühle und Gedanken. Ich suchte daher in der Nachbarschaft und fand ein paar bereitwillige liebenswerte Musikanten, die gerne mit mir musizierten.
Das Peter Elversen Septett, das damals schon ein bisschen professioneller klang, war geboren. Peter Elversen war übrigens das erste Pseudonym meines Lebens und der gute Delle Haensch arrangierte freundlicherweise auch Titel für uns. »Creole Love Call« und »Woodchoppers Ball« waren zwei amerikanische Jazztitel, die wir begeistert spielten. Delle gehörte zu den großen Musikern von Deutschland. Er versuchte, mir auch Klarinette beizubringen, aber dieses anstrengende Blasinstrument war so gar nicht mein Fall und über ein paar lächerliche Versuche, »Petite fleur« zu spielen, kam ich nicht hinaus. Delle war mit Max Greger und Hugo Strasser unterwegs und in den frühen Sechzigern traf er dann meinen Vater, für den er viele Stücke arrangierte und ein enger Mitarbeiter wurde. Die Jupiter Serenaders waren Papis und Delles gemeinsames Projekt und über Jahre hinweg erfolgreich.
Das Peter Elversen Septett spielte auf Hochzeiten und Kinder-Faschingsbällen. Mami fuhr teilweise mit und beförderte mein Sonor-Schlagzeug zu den Festsälen, in denen wir auftraten, ich, damals noch minderjährig, konnte es ja nicht mit meinem Moped transportieren. Die Pianisten hatten es damals noch leichter – das Piano oder der Flügel war schon angeliefert oder vorhanden und sie brachten nur ihre Noten mit. Heute ist das auch anders, denn sie schleppen mindestens ein Keyboard und noch ein paar Computer auf den Gig bzw. das Konzert – wie die Zeiten sich doch ändern.
Ich begann auch, meine ersten Lieder zu schreiben. Papi hatte mir ein altes Telefunken-Tonbandgerät mitgebracht, das ich in meinem Studio im Speicher unterbrachte. Wollte man in diesem Studio nicht nur liegen, sondern auch stehen, war das durch die Schräglage des Daches ziemlich mühsam. Helmut Hertlein, der Tonmeister meines Vaters, half mir, das eine und andere Mikro anzuschließen, und das kleine Studio wuchs. Ich spielte die Lieder mit dem Akkordeon oder Gitarre auf Band, das mit rasender Geschwindigkeit (38 oder 76 Zentimeter pro Sekunde) lief. In diesen Tagen machte eine Freundin von Papi für mich die Texte und wir schrieben Wienerlieder: »Herr Ober zwoa Glaserl und a guats Flascherl Wein« oder »An der Donau hängt der Himmel voller Geigen« und das vielleicht Schönste »Der alte Stammgast«. Robert Jung sang die ersten Demos. Jener Robert, der damals, in meinen Jugendjahren, schon mein Freund war und später zu einem der erfolgreichsten deutschen Schlagertexter wurde. Für Mireille Mathieu hat er geschrieben, für Peter Alexander, die Kastelruther Spatzen und viele andere. Unvergesslich sein Riesenhit mit Vico Torrianis »La Pastorella«. Wir nahmen Lieder auf wie »Tausend Dank für die Liebe« und »In der Heimat blüh’n die ersten Rosen«, die Robert sang und die ein paar Monate später dann mit Helmuts Frau »Tütchen«, besser bekannt als Bettina Carsten, und dem Quartetto Italiano in München richtig produziert wurden. »In der Heimat blüh’n die ersten Rosen« hat für mich eine besondere Bedeutung. Die Musik stammt von mir, der Text von Papi und der Titel war der Anfang meiner Karriere als Komponist und Gegenstand meines ersten Autorenvertrags. Ja, es wurden sogar Noten von dem Lied gedruckt. Es blieb das einzige Lied, dass Papi und ich miteinander geschrieben haben. Schade. Das stimmt mich heute noch traurig.
Jedenfalls war der Speicher im Rimstinger Haus mein ganz persönlicher Rückzugsort, wo ich ungestört anfing zu komponieren. Ich hatte da alles, was ich so sammelte und was mir an Dingen wichtig war, versteckt und gebunkert und fühlte mich wie in meinem eigenen Himmelreich. Die elektrischen Stromleitungen waren auch von mir verlegt worden, meiner Auffassung nach durchaus fachgerecht. So fasste ich eines Tages in ein mit 220 Volt gespeistes, offenbar nicht isoliertes Kabel. Ein großer Fehler, denn das Kabel brannte sich in meine Haut ein und blieb an meiner Hand kleben. Ich schrie laut und fiel wie tot um. Das Kabel löste sich dabei Gott sei Dank von meiner Innenhand und ich kam kurz darauf wieder zum Bewusstsein. Den Stromschlag hatte ich überlebt, aber einen Knacks im Herzen abbekommen. Noch heute trage ich die Narben an meiner linken Hand. Meine Mutter brachte mich ins Krankenhaus und ich bin mir sicher, dass die Extrasystolen, diese Herzschläge, die außerhalb des normalen Herzrhythmus auftreten und die ich seitdem auf den EKGs entdecken kann, von diesem Unfall herstammen. Ich hatte großes Glück und ein paar Jahre später haben mich diese Extrasystolen vor dem Wehrdienst gerettet – untauglich, Gott sei Dank! So hat doch alles was Gutes im Leben.
Nach diesem Debakel meinte mein Vater, ich solle doch die nächsten Demos eher in München aufnehmen, bevor wieder etwas passiert. Dort, in dem Haus am Biederstein, auch wieder in einem Dachgeschoss, war für damalige Zeiten ein super eingerichtetes Studio. Das Plattenlabel Stellina, nach Mami »Sternchen« benannt. Es war also alles bereits sehr professionell und ein gewisser Herr Kittlitz hatte extra für uns ein Sechsspur-Tonbandgerät entwickelt. Das war echtes Neuland, denn mehr als auf zwei Tonspuren und somit schon Stereo kannte man damals noch nicht. Die Aufnahmen in den großen Tonstudios, wie Trixie und dem Polydor-Studio, wurden alle noch auf den großen »Kuchen« – zwei Tonspuren – produziert. »Kuchen« wurden früher die Tonbandspulen genannt. Das waren keine klassischen Spulen, wie man sie von kleinen Bändern her kannte, sondern auf einem runden Metallstück, den Bobbys, wurden die Bänder aufgefädelt. Es war insofern riskant, denn wenn das Band nicht fest genug gewickelt war, fiel der Kuchen wie eine Papierschlange vom Bobby, und dann hieß es Kilometer an Tonband, den klassischen Bandsalat, mühsam mit der Hand aufzuwickeln. Aufgenommen wurde damals entweder alles live, also die Bands spielten und der Sänger sang gleich dazu, oder der Sänger sang nach der Orchesteraufnahme direkt noch einmal auf ein zweites Band. Während das erste Band, auf dem die Instrumentalaufnahme drauf war, parallel abgespielt wurde. Der Sänger sang auf das zweite, unbespielte Band noch mal drauf und dann wurde beides sofort zusammengemischt. Man konnte dann nur noch mehrere Aufnahmen zusammenschneiden und ich erinnere mich immer noch gerne an den einmaligen Tonmeister und Cutter Freddy Köhnen, der sogar bei laufenden Bändern mit der Schere einfach reinschnitt und dann alles wieder zusammenklebte. Ein Wunder – es passte meist und man hörte nicht mal den Schnitt.
Ein Sechsspur-Tonbandgerät, so wie es der Herr Kittlitz mit seinem Sohn gebaut hatte, das war absolut neu und ich war glücklich, weil ich darauf arbeiten durfte. Völlig neue Möglichkeiten ergaben sich also und ich arbeitete mich mit großem Interesse in diese Technik ein. Heimlich spielte ich in diesem Studio meine ersten Aufnahmen für Papi ein. Mit einem Trio an der Hammondorgel 100 nahmen wir »Ralph Siegel spielt Ralph Maria Siegel« auf. Es war mein Geschenk für meinen Vater zu seinem Geburtstag und es freute ihn sichtlich, denn er hatte feuchte Augen, als ich ihm mit diesen Aufnahmen gratulierte.
Mein Vater produzierte in diesen Tagen mit seinen Freunden und Musikern, Delle Haensch und Roy Etzel, tagein, tagaus und es kamen sogar ein paar Erfolge für das kleine Label Stellina und später Jupiter-Records dabei zustande. Hans Etzel, der erste Trompeter von Max Greger wurde in »Roy« umbenannt und spielte das heute berühmte Udo-Jürgens-Lied »Jenny« ein. 50 000 Platten wurden davon verkauft und Udo selbst sang es bei der Firma Polydor.
Mein Vater hatte Udo Jürgens als Komponist entdeckt. Um es genauer zu erklären: Papis Lieblingssänger, Frank Forster, ein großer imposanter Bariton und ausgewiesener Frank-Sinatra-Fan, stellte Udo meinem Vater vor. Frank und Udo lebten damals mit Panja, Udos späterer Frau, zu dritt in einer WG in Schwabing, und als Papi die ersten Kompositionen von Udo zu hören bekam, war er voll und ganz von ihm begeistert. Udo kam daraufhin immer wieder am Biederstein vorbei und spielte seine neuen Kompositionen vor, und Papi nahm sie entweder auf oder betextete sie. Er schaffte es sogar, dass bei einer seiner vielen Reisen Shirley Bassey ein Lied von Udo zu hören bekam und es aufnahm: »Reach for the Stars«. Es wurde Udo Jürgens’ erster großer Welterfolg und brachte Udo die ersten besseren GEMA-Tantiemen auf das damals mit Sicherheit noch spärlich gefüllte Konto. Was Vater betraf, er liebte Udo, aber dessen Karriereweg ging erst mal als Sänger weiter und dann kamen andere Macher, Manager und Verleger mit ins Spiel. Hans R. Beierlein übernahm Udos genialen Karriereweg und der Kontakt zu den Siegel-Verlagen war damit eben nicht mehr so eng. Viele Jahre später wurde ich erfreulicherweise dann sein Produzent, aber dazu kommen wir noch.
Die späten Fünfziger- und die frühen Sechzigerjahre
»The Day the Music Died – Der Tag, an dem die Musik starb« oder »Sport ist doch die zweitschönste Nebensache der Welt«.
Ich war gerade mal 13 Jahre alt und Sport und Musik waren ein wichtiger Teil meines Lebens. Fußball war schon damals meine große Leidenschaft und ich spielte in der Jugendmannschaft des Turn- und Sportvereins T.U.S. Prien. Ich werde nie vergessen, dass ich gegen den »Erzfeind« Traunstein fünf Meter vor dem Tor den Ball über die Latte ballerte – natürlich in der Rücklage –, seitdem denke ich immer, wenn einer von den großen Stars den Ball über den Kasten haut: Weiß der denn nicht, dass er den Körper über dem Ball halten muss, damit der Ball flach fliegt? Leichter gesagt als getan, wenn einem andauernd jemand die Beine weggrätscht. Diese Art von knallhartem Spiel hat es damals ja nie gegeben. Da wären die Spieler lebenslänglich vom Platz gestellt worden. Auch zu Zeiten meiner Freunde Franz Beckenbauer und Bulle Roth spielte man doch fairer und manchmal denke ich, so, wie die damals spielten, spielen heute die Damen – und darum sehe ich auch die großen Spiele der Fußball-Ladys mit großer Freude.
Ich spielte Tennis, fuhr Skirennen und brach mir nicht nur in St. Moritz und St. Anton jeweils ein Bein, sondern auch noch den Arm am Jochberg und die Schulter am Hahnenkamm in Kitzbühel. Ich fuhr zu allen Veranstaltungen, die spannend waren, wie zum Beispiel in Trostberg die Dreiecks-Motorradrennen. Auch die Leichtathletik stand auf dem Plan. Ich durfte miterleben, wie Ludwig Müller zum »Held von Augsburg« wurde und den Russen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen im 5000- und 10 000-Meter-Lauf, geradezu von der Gegengerade an, einfach uneinholbar bis ins Ziel davonlief. Wir tobten vor Begeisterung, und so was spornte mich schon als Junge an.
Vielleicht hat sich die Liebe zum Sport bzw. Wettkampf sogar beim Musizieren ein bisschen eingeschlichen und übertragen. Wettbewerbe verlangen einfach das Maximum an Konzentration, Kraft und Hingabe, auch wenn der eine oder andere eben dabei sogar im Krankenhaus landet, und davon kann ich ein Lied singen.
Meine Begeisterung für Musiker und besonders Komponisten schlug große Bögen – von George Gershwin bis Cole Porter, Irving Berlin zu Richard Rodgers, aber auch Sänger wie Louis Prima, die Clark- und King Sisters und Frank Sinatra. Es gab so viel Musik um mich herum, dass ich alles aufsog und versuchte, ihnen nachzueifern. Italien hatte auch noch seine Spuren hinterlassen, denn im Sommer fuhr immer die ganze Familie nach Forte dei Marmi, und da spielten Peppino di Capri und alle »San Remo Festival Stars«, und am Strand liefen natürlich die italienischen Hits wie »Tintarella di Luna« in der Jukebox.