Die Legende von Koli - Buch 1: In die Verbannung - M. R. Carey - E-Book

Die Legende von Koli - Buch 1: In die Verbannung E-Book

M. R. Carey

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Beschreibung

Die Erde, irgendwann weit in der Zukunft … Hinter den Mauern des kleinen Dorfes Mythen Rood lauern tödliche Wälder, deren mutierte Bäume und Ranken Menschen sofort töten. Und falls sie einen nicht erwischen, wird es einer der hungrigen Kannibalen tun. Liebeskummer und Wut treiben den jungen Koli zu einer drastischen Tat: Er entwendet verbotene Technologie. Doch anstatt der erhofften Bewunderung seiner Liebsten erwartet ihn ein böses Schicksal: Koli wird von der obersten Familie verstoßen und muss für immer in der Verbannung leben. Koli hat sein ganzes Leben in Mythen Rood gelebt. Er weiß, die erste Überlebensregel lautet: Man wagt sich nicht über die Mauern hinaus. Was er nicht weiß, ist – was passiert, wenn man keine Wahl hat? In diesem packenden Dreiteiler erzählt der Autor des Millionensellers The Girl With All the Gifts von einem Jungen, der darum kämpft, seinen Platz in einer menschenfeindlichen post-apokalyptischen Welt zu finden. Kolis Reise ist das Werk eines Meistererzählers. Joanne Harris: »Das Beste, was ich seit langer Zeit gelesen habe. Ich liebe es!«  The Guardian: »Koli begibt sich auf eine ebenso aufregende wie lehrreiche Reise … Spannend!« Lauren Beukes: »Carey schreibt mit Mitgefühl und Leidenschaft – seltsam, überraschend und menschlich.« Helen Marshall: »Ein genialer wie auch schwindelerregend-provokativer Roman!«

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Seitenzahl: 666

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Aus dem Englischen von Manfred Sanders

Impressum

Die amerikanische Originalausgabe The Book of Koli

erschien 2020 im Verlag Orbit (Little, Brown Book Group).

Copyright © 2020 by Mike Carey

Copyright © dieser Ausgabe 2021 by Festa Verlag, Leipzig

Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-949-7

www.Festa-Verlag.de

Für Lin, Davey, Ben,

1

Ich hab euch eine Geschichte zu erzählen. Das wollte ich schon lange machen und jetzt tu ich’s auch, aber ich muss euch warnen, dass der Weg ziemlich holprig werden kann. Ich hab so was noch nie gemacht und es gibt auch keine Landkarte, die mir den Weg zeigt, und überhaupt weiß ich nicht, wie viel von dem, was ich erlebt hab, sich zu erzählen lohnt. Monono sagt, ich bin wie ein Mann, der versucht, sich ohne Spiegel die Haare zu schneiden. Zu lang, und man hätte es sich auch sparen können. Zu kurz, und man bereut es vielleicht. Und welchen Weg man auch geht, man muss irgendwie die beiden Seiten zusammenbringen.

Die beiden Seiten sind die: Ich bin weggegangen und dann bin ich wieder nach Hause gekommen. Aber das ist natürlich nicht die ganze Geschichte, wie ihr euch vielleicht denken könnt. Es war eine harte Reise in beide Richtungen. Ich musste viele schwere Prüfungen bestehen. Man könnte sagen, dass ich gescheitert bin, obwohl ich was mit zurückgebracht hab, das die Welt für immer verändert hat. Ich traf die Ausgestoßenen und ihren Messias Senlas, der mit seinen vielen Hundert Augen in mich reingeschaut hat. Ich hab die Ruinen von Birmagen durchquert, wo ich gegen die Armee vom Friedensstifter kämpfen musste. Ich fand das Schwert von Albion, obwohl es gar nicht das war, was ich gesucht hatte, und es mir mehr Schaden als Gutes brachte. Ich kämpfte einen bitteren Kampf gegen die, die ich liebte, und zerbrach die Mauern, die mich schützten und jetzt nie wieder stehen werden.

Das alles machte ich aus Liebe und weil’s mir das Beste schien, aber das bedeutet nicht, dass es richtig war. Und es erklärt auch nicht den Grund, der aber der Kern vom Ganzen ist und nötig, damit ihr mich versteht.

Das ist mein Ziel – also dass ihr mich versteht, meine ich –, aber es ist keine leichte Sache. Das Leben von einem Mann oder einer Frau wiegt mehr als eine Schaufel voll Erde oder ein Klafter Holz. Kopf und Herz und Glieder und alles – sie alle haben ihr Gewicht. Sogar Träume haben ihr Gewicht. Ja, mir scheint, dass tatsächlich die Träume am schwersten zu tragen waren, sogar die schönen.

Jedenfalls hab ich vor, alles zu erzählen, das Gute und das Schlechte. Vielleicht das Schlechte mehr als das Gute. Nicht so sehr, damit ihr über mich urteilen könnt, obwohl ich weiß, dass ihr’s tun werdet. Urteilen ist das, was die, die zuhören, mit denen machen, die erzählen – ob die das wollen oder nicht. Aber die Wahrheit ist, dass ich’s gar nicht hauptsächlich für mich mache. Vor allem ist es für die Leute, die nicht mehr für sich selber sprechen können. Ich mache es, damit ihre Namen nicht aus der Welt fallen und vergessen sind. Ich schulde ihnen was Besseres, und ihr auch. Wenn das seltsam klingt, dann hört zu und ich erklär’s euch.

2

Ich heiße Koli und ich komme aus Mythen Rood. Als Kind hat’s mich nie gestört, dass ich nicht wusste, was der Dorfname bedeutet. Manche Leute sagen, dass Rood der Name von dem Baum war, an dem sie den toten Gott mürbe gemacht haben, aber das glaub ich nicht. Da, wo ich aufgewachsen bin, gab’s nicht viele, die auf den toten Gott geschwört haben oder nach seinen Lehren lebten. Es gab mehr, die Dandrake und seinen sieben harten Lektionen folgten. Und noch mehr, die so waren wie ich und gar kein Bekenntnis hatten. Warum also sollten die ein Dorf nach was nennen, das ihnen so wenig wichtig war?

Meine Mutter meinte, dass es nur falsch ausgesprochen ist und eigentlich Mythen Road heißen sollte, weil’s da eine breite Straße gibt, die direkt an uns vorbeiführt. Laufen kann man auf der Straße nicht (sie ist aus Stein mit Löchern so groß, dass man ein Schaf drin verlieren kann), aber sie ist eine Straße aus der alten Zeit und erinnert uns dran, was wir mal waren, als die Welt noch uns gehörte.

Das ist der Kern von meiner Geschichte, wenn ich jetzt so drüber nachdenke. Die alte Zeit verfolgt uns. Die Dinge, die sie hinterlassen hat, schützen uns und plagen uns auf so viele Weisen, dass man sie nicht zählen kann. Das war schon immer Fleisch und Knochen von meinem Leben, und meine Reise beginnt und endet damit. Das alles will ich zu seiner Zeit erzählen, aber erst erzähl ich von Mythen Rood, denn das ist der Ort, der mich zu dem gemacht hat, was ich war.

Es ist, oder war, ein Dorf von mehr als 200 Seelen und liegt in einem Tal, durch das der Fluss Calder fließt, im Norden von einem Land, das Ingland heißt. Später hab ich erfahren, dass Ingland noch einen ganzen Haufen andre Namen hat, zum Beispiel Briton und Albion und Yukay, aber Ingland ist der, den ich gelernt hab, als ich klein war.

Bei so vielen Menschen kann man sich vorstellen, dass das Dorf ein furchtbar großer Ort war, mit einem Zaun drum rum, der so hoch war wie zwei Männer übereinander. Es gab eine Hauptstraße, die Mittelstraße hieß, und zwei Querstraßen, die Spanne und Hofstraße hießen. Außerdem gab’s jede Menge kleine Wege, die zu dieser oder jener Tür führten, alle gepflastert mit kleinen Steinen, die in die Erde gestampft waren. Keins von den Häusern stand dichter als 50 Schritte am Zaun. Das war Bollwerkgesetz und wurde nie gebrochen.

Ich bin Koli, wie ich schon gesagt hab. Erst Koli Holzwerker, dann Koli Anwärter, Koli Bollwerk, Koli Gesichtslos. Für das, was ich jetzt bin, gibt’s keinen Namen, also nur Koli. Meine Mutter war Jemiu Holzwerker, Bassaws Tochter, und ihr gehörte das Sägewerk drüben am Bach, der Old Big-Hand heißt. Mit der Arbeit bin ich groß geworden. Jemiu hat mir beigebracht, wie man Holz von einem lebenden Baum fängt, ohne selber getötet zu werden, wie man es trocknet und dann in der giftigen Suppe, die Stoppmix heißt, einweicht, bis es nicht mehr gefährlich ist, und wie man es biegt und stutzt.

Mein Vater hat Schlösser und Schlüssel gemacht. Meine Haut ist dunkelbraun, so wie seine war, und nicht hell wie bei meiner Mutter und meinen Geschwistern. Ich weiß nicht, wie mein Vater hieß, und ich glaub auch nicht, dass meine Mutter es wusste, oder wenn, dann hat sie’s mir nie gesagt. Den ganzen Weg von Halb-Axt kam er angereist, um neue Schlösser an die Türen von Bollwerkfeste zu machen, und er war für die Nacht im Sägewerk meiner Mutter einquartiert. Zwei Sachen kommen aus dieser Nacht. Eins war ein brandneues Schloss an unsrer Werkstatttür, das bis zum Ende der Welt halten wird. Das andre war ich. Und bei wenigstens einem davon hatte meine Mutter nie einen Grund, es zu bereuen.

Und so verbrachten meine Mutter und mein Vater nur diese eine süße Nacht zusammen, und dann ging er wieder nach Hause. Halb-Axt ist so weit weg, dass die Nachricht von dem, was er hierließ, wahrscheinlich nie da angekommen ist. Oder wenn doch, dann war’s für ihn kein Anlass zurückzukehren. Neun Monate später kam ich und fiel aus Jemius Bauch mitten in eine große, laute, zänkische Familie und ein Haus, in dem immer auf allem eine dünne Schicht Sägemehl lag. Der Lärm von der Säge war mein Wiegenlied, könnte man sagen, und mein morgendlicher Weckruf. Das frisch geschnittene Holz war im Hof vorm Haus zum Trocknen aufgestapelt, und die Stapel waren so hoch, dass man sogar am Mittag die Sonne nicht sehen konnte. Wir durften nie nah an die Stapel aus frischem Holz gehen oder zu dem Holz, das im Tötungsschuppen eingeweicht wurde: Das erste konnte einen erschlagen und das zweite vergiften. Das Bollwerkgesetz sagt, dass man nichts aus Holz bauen darf, bevor die Bretter nicht einen Monat lang in Stoppmix eingeweicht wurden und ganz sicher tot sind. Das Letzte, was man will, ist, dass die Wände von dem Haus, in dem man wohnt, aufwachen und wieder zu leben anfangen, so wie es grünes Holz immer macht.

Meine Mutter hatte fünf Kinder, die die Geburt überlebten, und das, ohne dass sie jemals geheiratet hat. Ich hab sie mal sagen hören, dass wohl so mancher Mann es wert ist, sich mit ihm zu wälzen, aber nur einer von Hundert ist es wert, mit ihm zu leben. Aber ich glaub, dass es vor allem ihr Stolz war, der ihr beim Heiraten in die Quere kam. Sie hat’s nie gemocht, die Ellbogen einzuziehen oder sich einem andern Willen zu beugen. Sie war auf jede Weise eine grimmige Frau; von grimmiger Härte, die sie nach außen zeigte; von grimmiger Liebe darunter, was sie meistens versteckte.

Das Sägewerk lief ganz gut, aber es war kein Sommertanz, und es gab Zeiten, da musste Jemiu sich ganz schön anstrengen, um uns alle zu füttern. Aber irgendwie kamen wir immer durch und rauften und stritten fröhlich vor uns hin, wir sechs – oder manchmal auch sieben, denn Jemiu hatte einen Bruder, Bax, der eine Weile bei uns lebte. Aber an ihn kann ich mich kaum noch erinnern. Als ich vielleicht drei oder vier Sommer alt war, kriegte er von den Bollwerken den Auftrag, eine Nachricht nach Halb-Axt zu bringen. Er kam nie zurück, und danach hat auch nie wieder jemand versucht, diese Straße zu gehen.

Dann verließ meine älteste Schwester Leten uns auch. Sie wurde mit drei Frauen aus Todmort verheiratet, die Schmiede und Messerschleifer waren. Danach haben wir sie nicht mehr oft gesehen, weil Todmort sechs Meilen von Mythen Rood weg ist, auch wenn man ganz geradeaus geht, aber ich hoffte, dass sie glücklich war, und wusste ganz sicher, dass sie geliebt wurde.

Der Letzte, der uns verließ, war mein Bruder Jud. Er ging raus mit einem Jagdtrupp, noch bevor er alt genug war, um Anwärter zu sein. Er schlich sich mit gesenktem Kopf zwischen die andern Jäger und tat so, als ob er dazugehören würde. Unsere Mutter hatte keine Ahnung, dass er weg war. Der Jagdtrupp wurde im tiefen Wald überfallen und überwältigt von Ausgestoßenen, die unsre Leute entweder aufessen oder auch Ausgestoßene aus ihnen machen wollten. Wir haben davon erfahren, weil eine Frau weglaufen konnte, obwohl sie drei Pfeile abkriegte, und es lebend zum Tor vom Dorf schaffte. Das war Alice, die hinterher Narben-Alice genannt wurde. Und damit waren nicht die Narben von den Pfeilen gemeint.

Danach waren wir also nur noch ich, meine Schwestern Athen und Mull und unsere Mutter. Ich hab Leten und Jud sehr vermisst, vor allem Jud, weil ich nicht wusste, ob er noch am Leben und in dieser Welt war. Er war immer freundlich und nett zu mir und hat mir abends vorgesungen, um mich abzulenken, wenn wir mit Hunger ins Bett mussten. Der Gedanke, dass er aufgegessen wurde oder andere Leute aß, brachte mich manchmal nachts zum Weinen. Mutter hat kein einzigstes Mal geweint. Eine Weile sah sie traurig aus, aber sie sagte nur, dass jetzt ein Mund weniger zu füttern war. Und wir aßen auch ein bisschen besser, nachdem Jud weg war, was sein Wegsein auf manche Weise noch schlimmer machte, jedenfalls für mich.

Ich wuchs ganz schön wild auf, muss man sagen. Jud hatte mich immer ein bisschen gebremst, aber als er weg war, gab’s niemand mehr, der das übernehmen konnte. Meine Mutter hatte jedenfalls nicht die Zeit oder die Geduld dafür. Sie liebte uns, aber sie konnte nicht viel andres tun als die Säge am Laufen zu halten und das Holz zu töten, das sie schnitt. Natürlich hat sie das Holz nicht alles selber gefangen. Es gab vier Fänger, die von November bis März für sie rausgingen, manchmal sogar bis in den Abril, wenn die Wolken dicht blieben. Das war keine Gemeinarbeit, die von den Bollwerken befohlen wurde, sondern eine Abmachung, die die fünf unter sich getroffen hatten. Die Fänger wurden mit fertigen Klaftern bezahlt, einem für jedes Tagewerk, und Jemiu bezahlte sie, ob der Fang an dem Tag gut war oder nicht. Es war richtig, das zu tun, denn die Fänger konnten nicht vom Hinsehen erkennen, welches Holz ungefährlich war und welches nicht, aber wenn der Fang schlecht war, war wieder ein bisschen was von unserm Holz weg, ohne dass wir was davon hatten.

Jedenfalls hatte Jemiu damit genug zu tun. Und meine erwachsenen Schwestern Athen und Mull halfen ihr – Athen mit Geduld und Gleichmut, Mull mit finsterem Gesicht und rebellischem Herz. Ich musste alles andre machen, was gemacht werden musste, also kochen und sauber machen, Wasser holen und das Gemüse in unserm kleinen Gewächshaus pflegen. Und ich machte das alles aus Liebe und aus Furcht vor Jemius Tadel, der mehr wehtat als ihre nachsichtige Hand.

Aber bei allen diesen Dingen gab’s auch genug Zeit, um nur Kind zu sein und die aufregenden, dummen, albernen Sachen zu machen, die Kinder so machen. Meine besten Freunde waren Haijon Vennastin, dessen Mutter Bollwerk Feuer war, und Molo Gerbhauts Tochter, die wir alle Wirbel nannten, auch wenn ihr Rufname Demar war. Wir drei rannten überall in Mythen Rood rum und die Hügel hoch, so weit wir laufen konnten. Manchmal gingen wir sogar ins Halbdraußen, was das Gebiet war zwischen dem Zaun und dem Ring aus versteckten Fallen, die wir die Pfahlgruben nannten.

Wir waren nicht immer nur wir drei. Manchmal lief Veso Schäfer mit uns oder Haijons Schwester Lari und sein Cousin Mardew oder Gillys Tochter Ban oder die Jungs von der Frostwehrfarm, die alle taubstumm waren wie ihre ganze Familie und die alle nur Frostwehr genannt wurden, weil ihre Rufnamen nur Handbewegungen waren. Unsre Bande war immer verschieden groß, auch wenn es sich so anfühlte, als ob wir immer die gleiche Menge Krach und Ärger machten, egal ob wir wenige oder viele waren.

Wir wurden verjagt von Gärtnern in den Grünhäusern, von Schäfern am vorderen Hang, von Wachen auf dem Ausguck und von Aufpassern an der Heide. Wir sahen diese Orte als unsre eigenen an, auch wenn wir Schelte kriegten, und wenn’s mal was Schlimmeres als Schelte gab, dann steckten wir das auch weg. Niemand ließ uns was durchgehen wegen Haijons Familie oder weil Demar verkrüppelt war.

Man hätte denken können, dass Haijon damit angeben würde, was er war und in welche Familie er geboren wurde, aber das tat er nie. Außerdem hatte er andre Gründe zum Angeben. Er war der Stärkste in seinem Alter, den ich je gesehen hab. Einmal fing Veso Schäfer Streit mit ihm an – beim Steinspiel war’s, glaub ich, und ob er den und den Stein bewegt hatte, obwohl er sagte, dass er’s nicht getan hat – und aus dem Streit wurde eine Klopperei. Ich weiß nicht, wie ich da mit reingezogen wurde, aber irgendwie ist es passiert. Veso und ich teilten gegen Haijon aus und er gab’s uns zurück, so gut er konnte, bis wir alle drei blutige Nasen hatten. Gewonnen hat keiner, aber Haijon hielt sich gegen uns beide. Und das Erste, was er sagte, als wir zu platt und zu kaputt waren, um weiterzukämpfen: »Spielen wir das Spiel jetzt zu Ende oder was?«

Mein Stolz war, dass ich am schnellsten von uns allen laufen konnte, aber sogar da war es schwer, Haijon zu schlagen. Eine von den Sachen, die wir immer wieder machten, bis wir Anwärter wurden, und auch danach noch ein- oder zweimal, war ein Rennen ganz um die Dorfmauern, mit Start und Ziel am Tor. Die meisten Male gewann ich, um einen Schritt oder einen Strohhalm, wie man so sagt, aber manchmal auch nicht. Und wenn ich gewann, dann hielt Haijon immer meine Hand hoch und rief: »Der Champion!« Er war nie wütend oder beleidigt, wenn er verlor, so wie viele es gewesen wären.

Aber natürlich, könnte man sagen, gab’s da ein noch viel wichtigeres Rennen, bei dem fast sicher war, dass er gewann. Denn Haijon war ein Vennastin.

Und Vennastins waren Bollwerke.

Und Bollwerke, wie ihr vielleicht wisst oder auch nicht wisst, waren gesynct.

Denn das bedeutete der Name, mehr oder weniger. Wenn man zu einem Bollwerk wurde, dann darum, weil die alte Tech aufwachte, wenn man sie berührte. Bollwerke lebten in Bollwerkfeste und waren von den meisten normalen Gemeinarbeiten befreit. Aber wir waren auf sie und ihre Tech angewiesen, um uns gegen die Welt zu verteidigen, also war’s wohl nur fair. Außerdem bekam jeder die Chance, sich als Bollwerk zu versuchen, nicht wahr? Trotzdem waren es immer irgendwie Vennastins, für die die alte Tech aufwachte und denen sie gehorchte. Außer bei einem Mal, wovon ich euch noch erzählen werde. Aber als Nächstes erzähl ich euch, wie aus Demar Wirbel wurde.

3

Von der Zeit, als ich zehn Sommer alt war, bis als ich zwölf war, hatte Lari Vennastin eine Nadel, die sie als Haustier hielt. Sie fütterte sie mit Steinbeeren und Ratten, die in Fallen geraten waren. Sogar einen Namen gab sie ihr, und der war Blitz. Man hätte ihr das nicht zulassen sollen und ganz bestimmt hätte man es auch niemand anderm zugelassen, aber die Bollwerke machten das Gesetz in Mythen Rood oder vergaßen es in dem Fall irgendwie.

Die Nadel war noch ganz klein, als Lari sie fand, und außerdem verkrüppelt. Irgendwas hatte sie gebissen und ihr ein Vorderbein fast ganz abgerissen. Und dann muss das gleiche Irgendwas sie ausgespuckt oder weggeschleudert haben, dass sie innerhalb vom Zaun runterfiel. Es war fast so, als ob sie aus einem Baum gefallen wäre, nur dass natürlich beim Zaun alles gerodet war, und jeden Baum, der da wurzeln wollte, hätten wir verbrannt.

Die Nadel lag einfach nur da und rührte sich nicht, außer dass man sehen konnte, wie ihre Brust sich beim Atmen auf und ab bewegte. Haijon hob den Fuß, um sie totzutreten, aber Lari rief, dass er das lassen sollte. Sie brachte die Nadel nach Hause und pflegte sie und irgendwie überlebte sie. Und sie lebte weiter, obwohl es viel Diskussion in der Ratsammlung gab, sie totzumachen. Es war schwer, gegen Bollwerke anzukommen, und Lari war Zucker und Salz im Leben ihrer Mutter.

Jedenfalls, nach einer Weile gewöhnten wir uns so an die Nadel, dass wir sozusagen vergaßen, was sie war. Vielleicht lag’s daran, dass Blitz nur drei Beine hatte und immer auf irgendwie komische Weise rumhumpelte. Aber sie hatte auch, so wie alle von ihrer Art, ein Maul mit Ringen von Zähnen, die nach hinten und innen zeigten, und Kiefer, die sie aushaken und einhaken konnte wie eine Ratsche, wodurch sie beim Jagen alles fressen konnte, was sie fing. Vielleicht haben wir uns gedacht, dass wir, wenn Blitz irgendwann mal fies wurde, jederzeit vor ihr weglaufen konnten. Nur passierte es nicht so.

Wir spielten Lauf-zur-Tür auf dem Versammlungsplatz. Wir rannten hin und her wie verrückt und Blitz rannte mit uns und wurde immer aufgeregter. Demar schaffte einen Lauf vom einen Ende vom Platz zum andern, wobei sie drei oder vier ausweichen konnte, die sie zu fangen versuchten. Als sie die Markierung erreichte, sprang sie hoch und winkte mit den Armen und rief: »Gewonnen!« Und wir liefen alle zu ihr und lachten und jubelten mit ihr.

Und dann steckte Blitz plötzlich auf dem Ende von Demars Arm. Die Nadel sprang einfach hoch, riss ihr Maul weiter auf als ein Wassereimer und schloss es wieder um Demars Handgelenk.

Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Ein paar von uns schrien und weinten und standen rum, als wären wir erfroren. Demar gab keinen Laut von sich, aber sie hatte die Zähne fest zusammengebissen. Ihre Beine wurden schwach und sie ging langsam in die Knie. Ihr Gesicht war weiß wie eine Würgerblüte.

Haijon und ich rannten zu ihr, von beiden Seiten. Aber als ich da war, gab’s nichts, was ich tun konnte. Ich kniete mich neben Demar und packte ihre andere Hand, packte sie ganz fest, als ob ich versuchen wollte, ihre Schmerzen aus ihr rauszuziehen.

»Dein Vater«, sagte Haijon zu ihr. »Seine Messer.« Er sagte es, als ob man die Worte aus ihm rausquetschen würde. Als ob die Nadel ihn auch beißen würde, und die Worte spritzten aus ihm raus wie Blut aus einer Wunde. Ich konnte sofort sehen, dass das ein guter Gedanke war, aber es brauchte mehr als nur den Gedanken; wir mussten sie hinbringen, und zwar schnell. Und von uns beiden war er der Stärkere.

»Heb sie hoch«, sagte ich. »Ich nehm Blitz.«

Demar sah, was wir vorhatten, und wehrte sich nicht. Als Haijon sie auf seine Arme nahm, machte sie sich ganz weich und schlapp. Ich packte die Nadel und hielt sie sanft wie ein Baby, auch wenn ich sie in dem Moment hasste wie die Hölle vom toten Gott.

Wir rannten zusammen über den Versammlungsplatz und den Hügel runter zu Molo Gerbhauts Trockenhütte, wo er an einem Tag, der so heiß war wie dieser, bestimmt sein musste. Und er hatte wohl die Rufe und Schreie gehört, denn er kam uns aus der dunklen Hitze seiner Hütte entgegen, mit ganz rotem Gesicht, und er wischte sich mit der Hand den Schweiß ab.

Er sah gleich auf einen Blick, was los war – die Nadel, die an Demars Arm hing, und wie wir sie trugen. Demar war sein einzigstes Kind und er hatte sie ganz allein großgezogen, nachdem seine Frau Casra gestorben war. Sie war alles, was in seinem Leben wichtig war. Für ungefähr einen halben Herzschlag trat er zurück in die Hütte, und dann kam er mit einem Messer in der Hand wieder raus. Es war sein bestes Messer, so fein geschliffen, dass man die Klinge, wenn man draufschaute, kaum sehen konnte.

Wir legten Demar vor ihn hin und er machte sich an die Arbeit. Haijon hielt sie und ich Blitz, so fest, wie wir konnten.

Messer und wilde Tiere waren Molos Fach. Er wusste, wie er nach unten durch die Kehle der Nadel schneiden und dann in einem Kreis arbeiten musste, zu schnell, als dass die Bestie anders oder härter zubeißen konnte. Er zog sie von Demars rechter Hand ab wie einen Handschuh, und er machte es fast perfekt.

Aber fast ist so gut wie gar nicht, wie man so sagt. Er schnitt Demars ersten Finger, ihren Zeigefinger, mit ab.

Die tote Nadel warf er, von innen nach außen gekrempelt, auf die Stufen von Bollwerkfeste, als ob er den Bollwerken zurückgeben wollte, was ihnen gehörte. Lari kam raus, um sie zu holen. Wie ein Baby wiegte sie das tote Tier in ihren Armen und weinte selber wie ein Baby und beschimpfte Molo als Gesetzlosen und als Ausgestoßenen und Dandrake weiß was noch alles. Aber Catrin Vennastin, unsere Bollwerk Feuer, hatte Verstand genug, um zu sehen, was los war. Sie riss ihrer Tochter das blutige Ding aus den Armen und warf es wieder auf den Boden. »Hätten das Biest ersäufen sollen, als sie es anschleppte«, murmelte sie. Und zu Molo Gerbhaut sagte sie: »Bring deine Tochter rein, und ich näh sie zusammen.«

»Vielen Dank, Dam Catrin«, sagte Molo, »aber ich näh sie selber.« Und das tat er auch, und zwar so vorsichtig, dass man hinterher kaum die Narbe sehen konnte. Nur eine kleine Falte, wo der fehlende Finger gewesen war. Der Rest von Demars Hand heilte ganz gut und sah nur ein bisschen rau aus, so wie Sackleinen, da, wo die ganzen dünnen, spitzen Zähne sie gebissen hatten.

Ein Jahr verging ohne irgendeine Entschuldigung oder Gutmachung aus Bollwerkfeste für die Gerbhauts oder eine öffentliche Schelte für Lari. Dann, eines Tages, als wir spielen waren, kamen wir an einem kleinen Steinbeerenbusch vorbei, der innerhalb vom Zaun gewurzelt hatte und noch nicht verbrannt worden war. »Die Beeren sind fast reif«, sagt Lari. »Blitz hätte die alle aufgegessen.« Und dann wirft sie Demar einen Blick zu und sagt: »Wenn dein Daddy sie nicht umgebracht hätte.«

Demar zuckte nur mit den Schultern, aber Haijons Gesicht wurde rot. »Ihr Daddy hat getan, was getan werden musste.« Und er sah dabei in dem Moment so würdig und ernst aus wie seine Mutter.

»Er hätte ihr die Hand abschneiden können«, sagte Lari, »und Blitz leben lassen. Eine verkrüppelte Hand ist sowieso zu nichts nütze.«

Es war nichts Neues, dass Lari manchmal gemein sein konnte, aber dass sie jetzt so dumm gemein war, lag wahrscheinlich daran, dass Haijon sie vor uns allen angeraunzt hatte. Haijon machte einen Schritt auf sie zu, als ob er sie schlagen wollte, aber Demar war schneller. Sie holte mit ihrer rechten Hand aus, der mit nur noch drei Fingern dran, und ballerte Lari so heftig eins an den Kopf, dass Lari sich einmal im Kreis drehte, bevor sie umfiel.

»Tja«, meinte sie. »Anscheinend ist eine verkrüppelte Hand doch noch für was zu gebrauchen, Lari. Immerhin kann man damit noch einen Kreisel wirbeln lassen.«

Und von da an nannten wir Demar nur noch Wirbel. Und ihr gefiel der Name und sie übernahm ihn für sich, obwohl er zusammen mit Gerbhaut, dem Namen von ihrem Vater, ein bisschen komisch klang. »Ich werde den Namen nicht lange haben«, sagte sie, als Veso Schäfer mal einen Witz drüber machte. »Bald werde ich Wirbel Anwärter sein.«

Denn wir waren in unserm 14. Jahr. Es wurde bald Zeit für uns zu werden, wer wir sein würden. Wovon ich euch gleich erzählen werde, versprochen, nachdem ich noch einen Schritt zur Seite mache, um davon zu reden, wie wir gelebt haben. Immerhin ist das schon lange her und ihr habt vielleicht keine Vorstellung davon.

4

Alles, was lebt, hasst uns, so kommt’s einem manchmal vor. Oder wenigstens ist es hinter uns her, als ob es uns hassen würde. Dinge, die wir essen wollen, wehren sich mit aller Macht und gewinnen auch oft. Dinge, die uns essen wollen, gibt’s Tausende, so viele, dass wir nur Namen für die haben, die uns am nächsten leben. Und die Bäume haben ihre eigenen Methoden, um uns zu bekämpfen, brutal oder raffiniert, je nach ihrer Natur.

Und dann sind da noch die Ausgestoßenen, die tief im Wald leben und uns fangen und töten, wenn sie können. Damals wusste keiner, wer sie eigentlich waren, ob sie nur Gesichtslose waren, die aus andern Dörfern rausgeschmissen wurden, oder ob sie ein eigenes Dorf hatten, das irgendwo versteckt war, aber sie waren abscheulich grausam und schlimmer als jedes wilde Tier.

Gegen alles das haben wir in Mythen Rood, so wie jede Siedlung der Menschheit, Mauern gebaut, Pfahlgruben angelegt, Wachposten aufgestellt und auf jede Weise versucht, dem Hass der Welt unsern eigenen Hass entgegenzuschleudern und alles Gute und Schlechte zurückzuzahlen. Wir haben uns verschanzt und es ertragen, denn was sollten wir sonst tun?

Jede Jahreszeit brachte ihre eigenen Schrecken mit. Im Winter konnten einem die Finger abfrieren, wenn man nicht aufpasste, und Schnee fiel auf Schnee, bis man nirgends hingehen konnte ohne Breitschuhe oder Stöcker. Der Schnee war meistens nur hart gewordenes Wasser, aber manchmal war auch Silber drin und das war gefährlich. Wenn man Schneeschmelz trank und nicht vorher das Silber rausfilterte, konnte einen das krank im Magen machen. Alte und Babys konnten sogar dran sterben.

Im Frühling taute der Schnee, was ein Segen war, aber manchmal – in vielleicht einem von vier oder fünf Jahren – gab’s einen Würgerfrühling und man bekam noch was andres zusammen mit dem Tauwetter. Von allen tödlichen Gefahren hatte ich die mächtigste Angst vor den Würgersamen, weil die so schnell angriffen und so schwer abzuwehren waren. Wenn einem so ein Samen auf die Haut fiel, hatte man nur ein paar Sekunden, um ihn rauszupulen, bevor sich die Wurzeln zu tief reinbohrten. Danach konnte keiner mehr was für einen tun, außer einen auf der Stelle zu töten, bevor der Sämling einen von innen aushöhlte.

In Mythen Rood war unsre Antwort darauf, dass wir versuchten, die Samen überhaupt am Fallen zu hindern. Sobald das wärmere Wetter kam, schickte Bollwerk Feuer (was in meinen Tagen, wie ich schon erzählt hab, Catrin Vennastin war) Läufer aus, um die Würgerbäume auf Blüten abzusuchen. Wenn die welche fanden, schnallte sie ihren Feuerwerfer um und ging in den Wald. Bollwerk Wissen plante dann ihre Route und zehn starke Speerleute gingen an ihren Seiten mit, während sie die Blüten verbrannte, bevor sie samen konnten. Die Speerleute mussten alle Tiere, die ankamen, töten oder verjagen und Catrins Rücken und ihre beiden Seiten decken, wenn sie den Feuerwerfer über die Äste schwenkte und die Samen in ihren Kapseln verbrannte. Gegen die Würgerbäume selber konnte einen nichts schützen, darum gingen Catrin und ihre Speerleute nur an Tagen raus, an denen die Wolken dick und schwer waren, und wenn sich die Sonne zeigte, rannten sie so schnell sie konnten zurück auf freies Gelände.

Der Sommer war am härtesten, weil dann die meisten Dinge wach und unterwegs waren. Messerkrallen kamen direkt aus der Sonne geflogen, wodurch man sie nicht kommen sehen konnte, Maulwurfschlangen kamen aus dem Boden, Ratten und wilde Hunde und Nadeln aus dem Wald. Um alles, was groß war und allein ankam, kümmerte sich Fer Vennastin. Fer war Bollwerk Pfeil. Sie erledigte das Biest mit einem von ihren kleinen Bolzen. Und wenn es eine Drohne war, die aus dem Himmel fiel und uns ihre schreckliche Warnung zurief, dann erledigte das auch oft einer von Fers Bolzen. Aber sie hatte nur drei davon, was bedeutete, dass immer hinterher jemand rausgehen und den Bolzen zurückholen musste. Wir konnten es uns nicht leisten, einen zu verlieren.

Wenn Schwärme von wilden Hunden oder Ratten oder Messerkrallen kamen, half uns was andres, und das war Bollwerk Messer. Loop Vennastin hatte diesen Namen, als ich jünger war, dann bestand Mardew den Test und der Name ging auf ihn über, als Loop starb. Wenn ein Schwarm angriff, stand Bollwerk Messer auf dem Zaun oder dem Ausguck und hackte die Biester in Stücke, wie sie kamen. Dann kochten und aßen wir das Fleisch, wenn keine Würmer oder Schmelzer drin waren. Von wurmigem Fleisch oder geschmelztem Fleisch ließen wir die Finger, denn auch wenn man abschnitt, was man sehen konnte, gab’s immer noch mehr, was man nicht sah.

Ich muss sagen, dass unsere Kämpfe gegen Ratten nur selten waren. Meistens waren es Jäger, die sie sahen, wenn im tiefen Wald eine Gruppe von uns einem Rudel von ihnen über den Weg lief und beide ihren Weg gingen und dabei immer die andern gut im Auge behielten, mit kampfbereiten Speeren auf unserer Seite und Zähnen und Klauen auf ihrer.

Viele Leute haben sich gewundert, wie die Ratten sogar im wärmsten Wetter durch den Wald kommen konnten, denn es war klar, dass sie keine Angst vor der Sonne hatten. Irgendwann hat dann Perliu Vennastin, Bollwerk Wissen, mit der Datenbank drüber geredet. Die Datenbank sagte, dass die Ratten was in sich drin haben, das sie auf die Haut ausschwitzen, wenn die Sonne rauskommt, und das irgendwie die Würgerbäume davon abhält, dicht an sie ranzukommen, oder die Würgersamen davon, auf ihnen aufzubrechen und in ihre Leiber zu wachsen.

Ich muss euch wohl nicht sagen, wie wundervoll so was für uns gewesen wäre – dann hätten wir ohne Angst durch den Wald laufen können. Bäume waren immer unser größtes Problem und der Grund, warum wir so lebten, wie wir lebten. Der Grund, warum es ein freies Stück innerhalb vom Zaun gab, 50 Schritte breit, wo wir alles verbrannten und Salz streuten. Der Grund, warum wir nie zum Jagen rausgingen außer an Tagen, wo es regnete oder wolkig war, und warum die Hundstage im Sommer getrocknetes Fleisch bedeuteten, wenn man Glück hatte, und Wurzelpüree und Zwieback, wenn nicht. Der Grund, warum für uns die Welt aus drei Teilen bestand, nämlich dem Dorf, dem kleinen Streifen zwischen dem Zaun und den Pfahlgruben – was wir das Halbdraußen nannten – und allem andern dahinter.

Würgerbäume wuchsen schnell und hoch, und sie wuchsen auf jedem Boden. Die einzigste Möglichkeit, sie aufzuhalten, war, jeden Samen, der runterfiel, rauszureißen oder zu verbrennen. Wenn ein Samen auf dem Boden landete, dann war er bis Schließzeit drei Fuß hoch und am nächsten Morgen höher wie ein Mann.

Ich weiß, dass es nicht immer so war. Wenn man eine Geschichte über die Welt, die wir verloren haben, erzählt, fängt man meistens an mit: »In der alten Zeit, als Bäume noch so langsam wie Sirup waren …« Aber so waren unsere Bäume ganz und gar nicht. Unsere Bäume waren schnell wie eine Peitsche.

Wenn man einem einzelnen Baum über den Weg lief, war das nicht so schlimm. Man bekam vielleicht eine verpasst, aber davon konnte man sich aufrappeln. Aber wenn man im Wald war und die Wolken brachen auf und die Sonne kam durch und keine Lichtung war in der Nähe, dann wehe Dandrake! Dann fingen die Bäume an, sich von allen Seiten zu einem hinzuneigen, und ganz schnell hatte man keinen Platz mehr, um sich zwischen ihnen zu bewegen. Und dann kamen sie immer und immer näher und zerquetschten einen zu Tode.

Bollwerk Wissen kannte sich mit allen diesen Sachen aus, aber wie alles, was er aus der Datenbank bekam, wurde es zum Teil mit den alten Wörtern erklärt, die wir nicht mehr verstehen konnten. Er sagte, es gab mal eine Zeit, die lange, lange her war, wo es überhaupt kaum noch Bäume gab. Sie waren alle gestorben, weil die Erde sie nicht mehr ernähren konnte und der Regen nicht mehr fiel. Also haben die Männer und Frauen jener Zeit ihre eigenen Bäume gemacht. Oder vielleicht war’s auch so, dass sie die Bäume, die noch da waren, dazu brachten, ihre Gewohnheiten zu ändern. Dass sie schneller wuchsen zum Beispiel. Und dass sie sich auf andre Weise ihre Nahrung beschafften, damit sie auch an Orten leben konnten, wo das Erdreich dünn war, was zu der Zeit an den meisten Orten so war.

Als die Bäume sich angewöhnten, sich zu bewegen, machten sie das zuerst nicht, um zu jagen. Sie wollten nur zur Sonne, die hauptsächlich ihre Nahrung war. Aber sobald sie sich bewegten, wurden alle möglichen Lebewesen zwischen ihnen eingefangen und zerquetscht. Und den Bäumen gefiel der Geschmack von toten Tieren und toten Männern und Frauen. Sie mochten die Nahrung, die diese toten Dinge für sie lieferten. Es gab schon eine Menge Pflanzen und Blumen, die so ein Verlangen hatten, Sonnentau und Fliegenfallen und solche. Jetzt kriegten die Bäume es auch. Und wo sie schon durch die Hand der Menschen so sehr verändert worden waren, übernahmen sie es jetzt selber, sich noch mehr zu verändern.

Sie wurden immer besser darin zu wissen, wo die Tiere waren. Besser darin, sie in die Falle zu locken und zu töten und das zu fressen, was übrig war. Und bis dahin war das Wissen, das diese Veränderungen ganz am Anfang ausgelöst hatte, verloren gegangen, deshalb war es nicht mehr möglich, das aufzuhalten, was angefangen worden war. Die Leute mussten damit leben, und seitdem leben sie auch damit.

Als ich das alles zum ersten Mal hörte, drehte sich mir davon der Kopf. Es war schwer zu verstehen, dass die Männer und Frauen aus der alten Zeit so ein Wissen und so eine Macht hatten. Sie waren die Herrscher der Bäume. Sie konnten sagen »Wachse!« und »Hör auf zu wachsen!«, und die Bäume taten, was man ihnen sagte, so wie man’s einem Hund oder einem Pferd beibringen kann. Aber sie machten es nicht mit Worten, erklärte Bollwerk Wissen. Sie machten es mit Dingern, die genetische Trigger genannt wurden. Niemand in Mythen Rood wusste, was das für Dinger waren, aber die meisten von uns waren sich einig, dass man sie besser nicht so leichtfertig eingesetzt hätte.

Aber ich hab jetzt einen langen Umweg gemacht, um dahin zu kommen, wo ich hinwollte, nämlich dass die Geschichte, die die Datenbank über die Ratten erzählt hat und darüber, wie ihr Schweiß auf ihrer Haut bleibt und die Bäume davon abhält, näher zu kommen, also dass diese Geschichte eine große Neuigkeit für uns war. Als Bollwerk Wissen das in der Ratsammlung erzählte, wurde ein Plan vorgeschlagen und angenommen, dass wir Umhänge aus den Häuten von toten Ratten machen wollten, damit Jäger auch an sonnigen Tagen in den Wald gehen konnten. Das ging sogar so weit, dass Molo Gerbhaut einen von diesen Umhängen fertigte, mit Häuten, die ein paar Jäger nach einem Kampf mitbrachten. Aber er weigerte sich felsenfest, ihn anzuziehen und auszuprobieren.

Also fragte Catrin nach Freiwilligen und bot doppelte Rationen für einen Monat an, dann für zwei Monate und am Ende für drei. Schließlich hob Ulli Trethor, der verkrüppelt war und immer den kleinsten Gemeinanteil bekam, die Hand und sagte, dass er es machen wollte, aber dann überlegte Catrin es sich anders. Ich glaub, sie hat gemerkt, wie das aussehen würde, wenn Ulli sterben würde, und damit wollte sie nichts zu tun haben.

Danach hatten wir eine Weile lang Ärger mit den Ratten. Sie wussten, dass wir welche von ihnen getötet hatten, und griffen unsere Jäger im Wald jedes Mal an, wenn sie sie sahen. Niemand starb, wenn ich mich richtig erinnere, aber Männer und Frauen kamen zurück mit Rattenbissen an Armen oder Schultern oder mit Beinen, die zerkratzt waren von Rattenkrallen. Es wurde so schlimm, dass frisches Fleisch für ein Jahr oder mehr selten wurde, bis Catrin am Schluss Frieden erkaufte durch ein Geschenk aus geräucherten Häuten und Gewächshauszwiebeln.

Der Sommer war wie eine Belagerung, so kam’s einem manchmal vor. Dann war das Jagen am schwersten und die Ausgestoßenen waren am hungrigsten und verzweifeltsten. Die Zäune halfen, auch die Pfahlgruben, und vor allem halfen die Bollwerke, aber immer wenn man aus seinem Haus ging, hatte man das Gefühl, dass sich gleich was auf einen stürzt und einen zu Boden wirft oder wegschleppt. Und wenn man aus dem Tor rausging, dann konnte man nur hoffen, dass Dandrake einem den Rücken deckte.

So kam’s, dass wir an den Tagen mit dem besten Wetter die meiste Zeit drinnenblieben. Manchmal spielten wir in dem kaputten Haus, wie wir es nannten, was eine Ruine auf der Südseite vom Dorf war, gleich bei der Mauer. Es gab viele Häuser im Dorf, die leer standen, was, wie ich glaub, daran liegt, dass wir weniger waren als früher mal, aber das kaputte Haus war das größte, weil es früher wohl mal ein Anbetungsort für den toten Gott oder eher noch für Dandrake war. Es war so groß, dass es eigentlich ein guter zweiter Ausguck gewesen wäre, nur dass die Böden an vielen Stellen eingestürzt waren und man von dem Haus aus nicht viel mehr sehen konnte als die Seite von einem Hügel. Auch die Wände waren zum Teil eingestürzt und zusammengebrochen, was bedeutete, dass man gut dran hochklettern konnte. Oft sind wir da so hoch, wie wir konnten, und haben dann Linien in den Stein geritzt, um anzuzeigen, wie weit wir gekommen sind.

Oder wir schlichen uns manchmal in die Unterfeste, und mehr drinnen als da konnte man nirgends im Dorf sein. Auf der Rückseite von Bollwerkfeste gab’s ein kleines Fenster, das lose im Rahmen saß, dadurch konnte man das ganze Ding rausheben und durchkriechen, wenn man klein genug war. Ich glaub, Dam Catrin und die andern wussten von dem Fenster, aber es war ihnen nie wichtig genug, um es zu reparieren. Da unten wurden nie Gefangene hingebracht, obwohl es Plätze dafür gab, und die Vorräte waren in Räumen eingeschlossen, in die wir nicht konnten, bis auf ein Scheffel Aprikosen, die gewässert und gebacken und für den Winter zum Trocknen ausgelegt waren. Wir rannten durch die Tunnel und Korridore und spielten stundenlang Verstecken-und-Suchen oder blinder Mann.

Einmal, als wir in der Unterfeste spielten, versteckte ich mich an einer Stelle, wo ich eigentlich nicht sollte. Es gab da eine Tür, die in Wirklichkeit zwei Türen waren, beide direkt hintereinander. Die äußere war nur mit einem Riegel verschlossen, aber die innere hatte ein Schloss so groß wie ein Männerkopf. Ich entriegelte die äußere Tür, schlüpfte rein und zog sie hinter mir zu.

Haijon war richtig sauer, als er mich endlich fand. »Wenn meine Ma dich da gesehen hätte, hätte sie dir eine Kopfnuss verpasst, dass dir die Ohren klingeln«, sagte er. »Und keiner von uns dürfte je wieder hier unten spielen.«

»Warum das denn?«, fragte Wirbel. »Ist da was Schlimmes hinter der Tür?«

Haijon zuckte mit den Schultern und versuchte es abzutun. »Nichts Besonderes«, sagte er. »Nur noch mehr Vorräte, das ist alles. Honig und Quark und Hartzwieback. Aber sie würde glauben, dass wir versucht haben, die Vorratskammer zu plündern.«

Wirbel sah mich an und rollte mit den Augen. Haijon war noch nie ein guter Lügner gewesen, vor allem wenn’s um was Wichtiges ging. Ich glaub, wir wussten beide, was in dem Lagerraum war, obwohl wir nie drüber sprachen. Und ich wusste noch eine Sache – was Geheimes, das ich gesehen hatte, als ich die zweite, innere Tür zum ersten Mal sah. Aber irgendwas brachte mich dazu, das Geheimnis für mich zu behalten, vielleicht dachte ich, dass es Ärger gab, wenn ich’s sagte. Am Ende kam der Ärger sowieso, aber davon erzähl ich später.

Oft, wenn ich von diesen Spielen spät nach Hause kam, war Jemiu ganz böse auf mich und dann stritten wir und sie sagte, ich solle zu Hause bleiben und die Arbeit machen, die gemacht werden musste, und ich sagte, dass ich jetzt schon fast Anwärter und damit auch Mann war und machen konnte, was ich wollte. Natürlich hätte ich’s besser wissen müssen. Jemiu war nicht darum böse, weil ich faul war, sondern weil sie nicht wusste, ob mir was passiert war, wenn ich so lange wegblieb. Sie zeigte ihre Liebe immer auf eine grimmige Weise, wie ich schon gesagt hab.

Und dann wurden irgendwann die Tage wieder kürzer und der Sommer hörte auf. Die Herbstzeit war die Zeit zum Zaunreparieren, zum Fangen von Holz fürs Bauen und zum Lagern von so viel Essen wie möglich für die mageren Tage. Das Ende vom Sommer feierten wir mit dem Sommertanz und das Ende der Herbstzeit mit dem Salzfest. Beides waren Tage, auf die sich alle sehr freuten.

So also war unser Leben und es schien, als würde nie irgendwas passieren, um es zu ändern. Aber es ist ja gerade dann, wenn man so was denkt, dass eine Veränderung am wahrscheinlichsten kommt. Man hört auf, wachsam zu sein, und das Leben stürmt von der blinden Seite auf einen ein. Das Leben ist nämlich nichts anderes als Veränderung, sogar wenn es stillzustehen scheint. Stillstehen ist ein menschliches Ding, so was wie eine Herausforderung, die man dem Leben entgegenschleudert, aber es hält nie lange an.

5

Und dann wurde ich 15, was bei einem Jungen oder Mädchen eine Zeit im Leben ist, wo sich alles ändert. In Mythen Rood lief das so: Vom 15. Jahrtag bis zum nächsten Mittsommer verlor man seinen Familiennamen und nahm dafür den Namen Anwärter an. Bis die Zeit vorbei war, ging man von seiner Familie weg und lebte im Anwärterhaus, das auf der Bauseite vom Versammlungsplatz stand, gleich neben Bollwerkfeste. Ich glaub, das war um zu sagen, dass jeder, der Anwärter wurde, vielleicht selber Bollwerk werden konnte, wenn er den Test bestand.

Das Anwärterhaus war riesengroß. Es gab zwölf Betten im Jungenschlafraum und noch mal zwölf im Mädchenschlafraum. Vielleicht, wenn ich drüber nachgedacht hätte, hätte mir das verraten können, wie viel mehr Menschen in früheren Zeiten mal in Mythen Rood gelebt hatten und wie wenige jetzt noch übrig waren. Aber ein Junge von 15 Sommern hat keinen Sinn dafür, dass das, was früher war, Bedeutung haben kann für das, was jetzt ist. Solche Gedanken kamen mir erst später, an einem ganz andern Ort, und sie kamen nicht von selber.

In meinem Jahr jedenfalls waren wir nur drei. Veso Schäfer wäre der Vierte gewesen, aber weil er nicht unter dem Mädchennamen, den seine Mutter ihm gegeben hatte, Anwärter werden wollte, sagte das Bollwerkgesetz, dass er nicht gehen durfte. Veso meinte, dass er ganz froh drüber war. Das Bollwerkgesetz ließ ihn wenigstens bleiben, was er war, auch wenn es ihm nicht viel Respekt erlaubte. Seine Mutter war da ein Stück grausamer, denn sie glaubte an Dandrakes harte Lektionen.

Jedenfalls wurde Haijon als Erster von uns Anwärter und hatte das ganze Haus für sich. Als ich dann im Abril kam und Wirbel im Mai, hatte er alles so verändert, wie’s ihm gefiel. Ein Steinspielbrett hatte er auf den Boden vom Jungenschlafraum gemalt und Bilder von Adlern und Baumkatzen an die Wände. Haijon malte mit Kreide, die jemand – ich glaub, es war seine Tante Fer – von einer Jagd mitgebracht hatte. Malen war auch was, worin er gut war. Bei seiner Größe und vor allem seinen großen Händen hätte man nie gedacht, dass er so ein Talent besitzen könnte. Er hatte nur eine Farbe Kreide, nämlich Weiß, aber er ließ sie unterschiedlich aussehen, indem er die Linien verschieden malte, wodurch es wie Adlerfedern aussah oder das Fell von einer Baumkatze.

»Dandrake sei Dank, dass du kommst«, rief er an dem Tag, als ich ins Haus kam mit meinem Bettzeug unterm Arm. »Ich wäre fast vor Langeweile gestorben.« Aber er sagte es mit einem Grinsen im Gesicht. Das Erste, was er machte – nachdem wir uns mit unserm geheimen Zeichen begrüßt hatten, den Daumen einer Hand eingehakt in den Daumen der andern Hand –, war, mir alles im Haus zu zeigen, von oben bis unten, als ob es ein großes Abenteuer wäre, das wir zusammen erlebten, was es ja wohl auch irgendwie war.

Jemiu war nicht so glücklich gewesen, dass ich ging. Sie drückte mich ganz fest und sagte, dass ich gut auf mich aufpassen sollte und tun sollte, was man mir sagte. In ihrer Stimme waren Tränen. Ich weiß noch, dass sie nie für Jud geweint hat, als die Ausgestoßenen ihn mitnahmen, aber jetzt hätte sie fast für mich geweint, als ich Anwärter wurde, obwohl ich das vierte von ihren Kindern war, bei dem es so weit war (und ich hätte das fünfte sein sollen, außer dass Jud nicht lang genug gelebt hat).

»Ich mach mir Sorgen«, sagte sie. »Schlimme Gedanken. Ich hasse es, dich gehen zu lassen, Koli, und das ist die Wahrheit.« Sie gab mir ein paar Nüsse und einen Apfel, eingewickelt in ein Ölblatt, und küsste mich auf die Wange. Das war das einzigste Mal, an das ich mich erinnern kann, dass sie mich geküsst hat. Ich hätte auch am liebsten geweint, aber weil ich jetzt alt genug war, um Anwärter zu sein, hätte ich mich bestimmt geschämt.

Meine Schwestern Athen und Mull umarmten mich auch und wünschten mir Glück. Athen sagte, dass es nichts Besonderes ist und schnell wieder vorbei, so wie es natürlich für sie gewesen war, aber trotzdem dachte jeder: Was, wenn ich ein Bollwerk war und kein Holzwerker und gar nicht mehr nach Hause kam? Und ich schäme mich ein bisschen, dass ich zugeben muss, dass der Gedanke mich ganz aufgeregt machte. Vor meinem inneren Auge sah ich mich mit alter Tech in der Hand, wie ich auf dem Zaun stand mit lauter toten Ausgestoßenen um mich rum. Und ich sah Wirbel, die mir zusah, ihre Augen leuchtend vor Liebe, die sie sich nicht traute auszusprechen. Zu der Zeit kam sie in vielen von meinen Gedanken vor. Immerhin war ich ein Junge von 15 Sommern.

Also verabschiedete ich mich, mit ein bisschen Traurigkeit und ein bisschen Hoffnung, und ging zum Anwärterhaus. Das waren nicht mehr als 500 Schritte, aber es fühlte sich an, als ob ich in eine andere Welt gehen würde. Und auf eine gewisse Weise tat ich das ja auch, denn jüngere Kinder setzten nie ihren Fuß in das Haus. Es war was Verbotenes.

So was wie das Innere vom Anwärterhaus hatte ich noch nie gesehen. Ich war zu Dorfzusammenkünften in Bollwerkfeste gewesen – in der Ratsammlung, nicht in der Residenz –, und das Anwärterhaus war nicht so groß wie das. Aber wir waren nur zwei Jungs und nicht ein ganzes Dorf, und mit zwei Jungs so viel Platz für uns allein zu haben war was ganz Neues und Wunderbares. Sogar für Haijon, der in Bollwerkfeste lebte, musste es ungewohnt sein. Für mich war’s wie ein Traum, der auch weiterging, wenn ich wach war.

Wir waren von allen Gemeinarbeiten befreit und unser Essen – das gleiche, das auch die Bollwerke kriegten – wurde uns bei Sonnenaufgang und zur Schließzeit gebracht. Wir hatten nichts zu tun außer Spiele spielen, uns Lieder und Geschichten ausdenken und wie verrückt im Haus rumrennen. Meistens spielten wir natürlich das Steinspiel, aber manchmal dachten wir uns auch Sachen aus. Wir taten so, als ob das Haus eine Wildnis wäre, die wir erforschten, oder wir spielten Waldaufwachen, wo alle Stühle und Tische Bäume waren, und wenn wir sie berührten, dann wachten sie auf und überwältigten uns. Es war eine gute Zeit, und wenn ich mich jetzt dran erinnere, dann wundre ich mich. Schwer zu verstehen, wie wenig ich zu der Zeit über alles nachdachte. Über den Test, der vor mir lag, und was er vielleicht für mich bedeutete. Über Haijon und darüber, wer er war, außer dass er mein Freund war. Über die Bollwerke und wie ihre Erwartungen für ihren Sohn sein mochten. Oder sein mussten, sollte ich wohl sagen.

Und auch wenn ich gesagt hab, dass wir allein waren, gab es keine Regel, die Familienbesuche verbot – außer von jüngeren Kindern, die keinen Fuß ins Anwärterhaus setzen durften, bevor sie selber Anwärter waren. Meine Mutter hatte meistens zu viel mit ihrer Arbeit zu tun, aber sie kam einmal oder zweimal in der Woche und brachte mir Neuigkeiten aus dem Dorf. Sie brachte auch Geschenke mit: Brombeerquark, den sie im Jahr vorher angesetzt und gerade erst aufgemacht hatte, und eine Flöte, die sie aus Kirschholz geschnitzt hatte. Auch Athen und Mull kamen so oft, wie sie konnten, aber sie blieben nie lang da. Ich glaub, das Anwärterhaus brachte zu viele Erinnerungen zurück.

Und dann wurde Wirbel auch Anwärterin und wir hatten das Haus nicht mehr für uns allein. Denn wenn Jungs und Mädchen zusammen im Haus waren, musste natürlich jemand da sein, der ein Auge auf uns hatte. Darum kam an dem Tag, als Wirbel durch die Tür spazierte, Shirew Heilhand und wohnte in dem Zimmer, das Schließerzimmer hieß, gleich hinterm Eingang vom Anwärterhaus. Aber sie vertraute uns und außerdem hatte sie meistens genug mit andrer Arbeit zu tun, die wichtiger war, als auf uns aufzupassen, darum waren wir trotzdem die meiste Zeit allein. Und auch unser Zeitvertreib änderte sich nicht viel, weil auch Wirbel genauso für Spiele und Lieder und Geschichten zu haben war wie wir. Noch mehr vielleicht sogar.

Sie hatte auch ein Talent für Musik und sie zeigte mir, wie man auf der Flöte spielt, die meine Mutter mir geschenkt hatte. Wie man sie festhält und die Töne rauslockt und wie man den Klang ändert, indem man die Finger ein bisschen verschiebt. Vorher, wenn ich das Ding in die Hand genommen hatte, hatte ich nur reingeblasen und es dann wieder weggelegt, aber Wirbel zeigte mir, wie man Lieder aus der Flöte rausholte, was ich ziemlich erstaunlich fand.

Ich glaub, dass ich zu der Zeit, wo sie mir das beibrachte, zum ersten Mal gemerkt hab, dass ich sie liebte. Für das, was sie mit Lari gemacht hatte, nachdem sie ihren Finger verloren hatte, hab ich sie ziemlich bewundert, und außerdem hatte die Form ihres Gesichts und die Anmut ihres Körpers schon lange den Weg von meinen Augen zu meiner inneren Sehnsucht gefunden. Aber das ist nicht Liebe, auch wenn es manchmal damit verwechselt wird. Jetzt, wo ich so lange so nah bei Wirbel lebte, konnte ich sehen, wer sie wirklich war, und das, was ich sah, gefiel mir mehr, als ich euch je erzählen könnte.

Am meisten mochte ich es, sie Geschichten erzählen zu hören. Das waren keine Geschichten, wie Bollwerk Wissen sie in der Ratsammlung erzählte, sondern Sachen, die sie sich selber in ihrem eigenen Kopf ausdachte, alle ganz verrückt und ohne Form. Monster kamen drin vor und Orte und Dinge aus der alten Zeit und sie und ich und Haijon als die Helden der Geschichte. Oft fingen sie damit an, dass wir irgendwie aus dem Dorf rausgingen, um ein Kind zu retten, das verschwunden war, oder um zu erkunden oder was zu finden, das verloren gegangen war. Einmal erzählte sie davon, wie wir nach Halb-Axt gingen und meinen Bruder Jud fanden, der da lebte. Ein andres Mal war’s ihr Vater Molo, der von einem Würgerbaum festgehalten wurde und nicht nach Hause konnte. Und dann gab es da eine Geschichte, wo wir losgingen und den Fathom und den Curtain überquerten und vom Zauberer Stannabanna gefangen genommen wurden, dem Herrn aller Ausgestoßenen und Gesichtslosen, die unter der Erde von Schädelfeld lebten und nur hochkamen, um Reisenden aufzulauern und ihre Augen und Zungen zu essen. Es sah immer furchtbar schlecht aus für uns und wir waren jedes Mal kurz davor zu verlieren, aber dann im letzten Moment schafften wir es immer doch noch durch irgendeinen schlauen Trick.

Und manchmal erzählte sie Geschichten von London und von Londons Helden, den Parlamännern. Sie waren die Wachen, die auf das Schatzhaus von London aufpassten, den Western Palace, wo die Reichtümer des Königs hoch aufgestapelt lagen. Zu diesen Reichtümern gehörte eine große Menge Tech und niemand brach jemals da ein, weil die Parlamänner die erbittertsten Kämpfer waren, die man je gesehen hat. Ihre Geister bewachen den Schatz noch immer und sie töten jeden, der kommt, um ihn zu rauben.

Wenn Wirbel erzählte, hörten Haijon und ich zu ohne ein Wort. Manchmal kam Shirew Heilhand an der Tür vorbei und blieb stehen und hörte auch zu und wartete, um zu sehen, wie die Geschichte ausging. Wenn die Geschichte fertig war, dann jubelten wir beiden Jungs und schlugen auf den Boden, um zu zeigen, wie sie uns gefallen hatte. Shirew machte bei so was nie mit, aber oft nickte sie und einmal sagte sie Bravo. Das bedeutet gute Geschichte in einer Sprache der alten Zeit.

Ich glaub, Wirbel mochte mich auch. Also ich weiß, dass sie mich mochte, aber natürlich wusste ich nicht, ob sie mich so sehr mochte wie ich sie. Ganz sicher dachte ich nicht im Traum dran, ihr zu sagen, dass ich sie liebte. Ich überlegte, es Haijon zu erzählen, weil ich ihm auch alles andere erzählte, was in meinem Kopf rumging, aber immer wenn ich kurz davor war, es zu sagen, ließ ich’s dann doch irgendwie sein. Es war was Geheimes, das ich in meinem Kopf verstaute und gut drauf aufpasste. Und genau wie das Geheimnis über die Tür in Bollwerkfeste hatte es große Wirkung darauf, wie mein Leben weiterging.

Jedenfalls ging die Zeit schnell rum und dann war’s auch schon Zeit für unsern Test. Ihr werdet euch wohl nicht mehr dran erinnern, was das war oder was es bedeutete, darum will ich es ganz klar und deutlich sagen:

Es bedeutete Namen und Schicksal, für den Rest des Lebens.

6

Wir hatten eine ganze Menge an alter Tech in Mythen Rood, aber das meiste davon wollte nicht für uns aufwachen oder arbeiten. Auf die paar Dinge, die es doch taten, passten wir sehr gut auf, weil sie den Unterschied ausmachten, ob wir lebten oder starben.

Da war der Feuerwerfer. Das war ein Ding wie ein Musikinstrument, das man mit beiden Händen hielt, nur dass da statt Musik ein langer Schlauch Feuer rauskam, der durch die Luft kroch wie eine Schlange. Die Feuerschlange verbrannte alles, was sie berührte, und hielt sich dran fest, wodurch es ganz lange brannte. Mit Wasser konnte man das Feuer nicht löschen, aber man konnte es mit Erde ersticken, wenn man genug davon hatte. Die Hitze der Flammen war so groß, dass man sie aus 100 Schritten Entfernung spüren konnte.

Wer den Feuerwerfer hatte, war Bollwerk Feuer.

Da war der Bolzenschießer. Der war so ähnlich wie der Feuerwerfer, nur viel kleiner, und man hielt ihn mit einer Hand, nicht mit zwei. Was er machte, war viel schwerer zu erkennen, jedenfalls für jemand, der von weit weg zusah. Der Bolzenschießer feuerte Bolzen ab, die wie kleine, kurze Pfeile aus glänzendem Metall waren, nur ohne Federn dran. Irgendwie konnte man dem Bolzenschießer, bevor man damit schoss, sagen, was der Bolzen töten sollte, und der Bolzen traf das dann auch und tötete es. Man musste keine Sorge haben, dass man nicht richtig traf oder nur verwundete. Das Ding, das getroffen wurde, war ganz sicher tot. Aber wenn das Ding weglief, nachdem man dem Bolzenschießer das Ziel genannt und bevor man gefeuert hatte, dann flog der Bolzen ihm nach, bis er traf. Dann musste man hinterherlaufen und es finden, denn sonst war der Bolzen weg, und die Bolzen waren zu wertvoll, um sie zu verlieren. Wir hatten nur drei Stück davon.

Wer den Bolzenschießer hatte, war Bollwerk Pfeil.

Da war der Schneider. Ich fand immer, dass das die schrecklichste Waffe von allen drei war. Er war nicht so wie ein Messer, auch wenn er ein bisschen wie eins funktionierte, als ob es irgendwo in seiner Familie mal ein Messer gab und er was von ihm gelernt hatte. Vom Aussehen war’s ein Handschuh, den man über die Hand zog, mit einem flachen Balken über den Knöcheln. Der Balken war stumpfes Metall, wenn man den Handschuh anzog, aber er fing kurz danach an zu glänzen, und wenn er glänzte, konnte man ihn benutzen. Man zeigte auf das Ding, das man schneiden wollte, und es wurde geschnitten. Das konnte so was Kleines sein wie ein Käfer oder eine Messerkralle oder was Großes wie ein junger Baum. Jedenfalls wurde es mittendurch geschnitten. Das Einzigste, was man sehen konnte, wenn das passierte, war so was wie eine kleine Welle in der Luft, so wie die Wellen, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Die Welle ging vom Handschuh bis zu dem Ding, das geschnitten wurde, und manchmal noch ein gutes Stück weiter.

Wer den Schneider hatte, war Bollwerk Messer.

Und zuletzt war da noch die Datenbank. Das war ein kleines Ding, das so ähnlich aussah wie ein Stock, schwarz und sehr glänzend. Es sah nach nichts aus, aber dadrin war irgendwas, das lebendig war und eine Menge Sachen wusste. Man konnte der Datenbank Fragen stellen und sie antwortete dann, auch wenn sie oft alte Wörter benutzte, von denen keiner mehr die Bedeutung wusste.

Wer die Datenbank hatte, war Bollwerk Wissen.

Es waren nur diese vier, aber trotzdem konnte es mehr als vier Bollwerke zur gleichen Zeit geben. Die alte Tech erkannte einen entweder oder sie tat es nicht, und mehr war da nicht. Wenn sie einen erkannte und einem antwortete, dann hieß es, dass man gesynct war, und von da an lebte man in Bollwerkfeste. Zu der Zeit, von der ich hier erzähl, waren alle unsre Bollwerke Vennastins, außer Gendel, der Fer Vennastins Mann war und den Familiennamen Trepper hatte. Gendel war mit dem Bolzenschießer gesynct, aber Fer war Bollwerk Pfeil, weil sie vor ihm getestet wurde – genau wie Haijons Cousin Mardew erst dann Bollwerk Messer wurde, als Loop Vennastin, der Perlius Bruder war und Catrins Onkel, starb.

Wenn’s euch seltsam vorkommt, dass gerade die Vennastins so oft mit der alten Tech gesynct waren, dann seid ihr nicht die Einzigsten. Das war was, das oft gedacht und manchmal auch gesagt wurde. Aber Perliu sagte, nein, so seltsam war das gar nicht. Die Datenbank erzählte von Zeiten, wo es auch andre Bollwerke gab. Perliu sagte, dass die meisten Familien im Dorf zur einen oder andern Zeit Bollwerke waren und dass einige davon Tech benutzt hatten, die wir jetzt gar nicht mehr hatten, weil sie verloren gegangen war, oder welche, die jetzt nicht mehr für uns aufwachte. Diese Dinger hatten alle Namen, also müssen sie zumindest damals funktioniert haben. Sie hatten Namen wie das Hell-und-Dunkel, der weise Doktor, der Weitseher, die Schwalbe, die Musik, die Maske, das Signal. Aber niemand in Mythen Rood wusste, wozu sie früher mal gut waren.