Die Legende von Koli - Buch 2: Das Signal von Albion - M. R. Carey - E-Book

Die Legende von Koli - Buch 2: Das Signal von Albion E-Book

M. R. Carey

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Beschreibung

Die Erde, irgendwann weit in der Zukunft. Die Menschen sterben aus … Koli hat sein Dorf weit hinter sich gelassen. Zusammen mit der Heilerin Ursala, der künstlichen Intelligenz Monono und dem Mädchen Kelch macht er sich auf den Weg nach London. Dort, so ihre Hoffnung, findet sich Rettung für die sterbende Menschheit. In der Zwischenzeit steckt Kolis Freundin Wirbel in Mythen Rood in ganz andere Schwierigkeiten, denn es geht nicht nur eine rätselhafte, tödliche Krankheit um, auch feindliche Kämpfer bedrohen das Leben der Dorfbewohner. Koli und Wirbel haben jedoch noch ein weiteres Problem: Der Frühling naht und mit ihm wird die aufblühende mutierte Pflanzenwelt zu einer noch stärkeren Gefahr … Vom Autor des Millionensellers The Girl With All the Gifts. Kennst du Bücher, die du so sehr geliebt hast, dass du sie absichtlich so langsam wie möglich gelesen hast? Nun, Kolis Reise ist so ein Werk eines Meistererzählers. SciFiNow: »Eine mutige, einzigartige Welt – macht euch darauf gefasst, von ihr mitgerissen zu werden!« Locus: »Packend, atemberaubend und ergreifend.« Kirkus: »Eine epische, post-apokalyptische Fabel.«

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Seitenzahl: 703

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem Englischen von Manfred Sanders

Impressum

Die englische Originalausgabe The Trials of Koli

erschien 2020 im Verlag Orbit (Little, Brown Book Group).

Copyright © 2020 by Mike Carey

Copyright © dieser Ausgabe 2022 by Festa Verlag GmbH, Leipzig

Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-86552-958-9

www.Festa-Verlag.de

Für Eric

KOLI

1

Es gab eine Zeit zwischendurch, wo ich dachte, dass wir’s nie nach London schaffen würden.

Den ganzen Weg kamen wir nur langsam vorwärts. An unsern besten Tagen schafften wir acht Meilen nach Messung vom Packesel. Und das waren nicht acht Meilen geradeaus. Das waren acht Meilen hierhin und dahin und anhalten, wenn die Sonne rauskam oder es androhte. Acht Meilen in Deckung gehen, wenn sich irgendwas bewegte, und aufpassen, wo wir mit unsern Füßen hintraten, für den Fall, dass da Maulwurfschlangen waren oder Schmelzkäfer, und nie irgendein Wort sagen, um nicht was Gefährliches aus dem Boden zu locken oder vom Himmel runter. Das war nicht leicht für die Nerven, und auf einem langen Marsch arbeiten die Nerven genauso hart wie die Füße. Härter vielleicht sogar.

Wir hatten ein paar Vorräte mit – Zwieback und Haferbrei und Dörrfleisch –, aber meistenteils aßen wir, was wir fangen konnten. Jetzt, wo der Winter nicht mehr weit war, gab’s ein paar Tage, an denen das nichts war.

Wir waren drei, oder auch vier, je nachdem wie man zählt. Oder vielleicht fünf.

Da war ich, Koli Gesichtslos. Ich hab mich an die erste Stelle gesetzt, weil ich der bin, der das hier schreibt, nicht weil ich angeben will, denn da gibt’s nicht viel anzugeben. Mein Name verrät euch schon, was mein Schicksal zu der Zeit war: aus meinem Dorf ausgestoßen, das Mythen Rood hieß und im Caldertal lag, ohne meinen alten Namen und dazu verdammt, durch die Welt zu wandern, bis die Welt mich verschluckte und auffraß.

Dann war da Ursala-von-Anderswo, die man eine Heilerin nennen könnte, nur dass Heilen noch das wenigste von dem war, was sie machte. In der Welt, die verloren ist, hätte man sie eine Wissenschaftlerin genannt. Sie hatte früher an einem Ort gelebt, der Duglas hieß und wo’s viele Leute wie sie gab, die das Wissen aus der alten Zeit bewahrten. Irgendwann wurden sie von einem schrecklichen Feind angegriffen, und Ursala glaubte, dass sie die Einzigste aus Duglas war, die noch übrig war.

Und dann war da Kelch, ein Mädchen, das wir von den Ausgestoßenen im Caldertal gerettet hatten. Na ja, gerettet oder gefangen, je nachdem, welches Auge man zumachte, wenn man draufschaute. Sie war nicht glücklich, bei uns zu sein, auch wenn wir ihr nichts Böses gewollt hatten, als wir sie mitnahmen. Aber das will man ja wohl eigentlich nie, wenn man was tut, was jemand schadet.

Ich hab uns drei zusammen aufgezählt, weil wir das waren, was ihr gesehen hättet, wenn ihr uns von einem Hügel aus beobachtet hättet oder vom zerfallenen Rest von einem Gebäude irgendwo, wie wir so auf unserm Weg gingen. Aber ihr hättet noch was andres neben uns gehen sehen – einen großen Klotz aus glänzendem Metall mit vier Beinen, der aussah wie ein Pferd ohne einen Kopf auf den Schultern. Und wie ein Pferd trug er auch unsre Sachen und war mit Säcken und Packen und Gepäck so hoch und schwer beladen, dass man die große Kanone, die in seinen Rücken gebaut war, kaum noch sehen konnte. Das war der Packesel und er war nicht lebendig. Er war Tech aus der alten Zeit und gehörte Ursala, und er machte einzig und immer nur das, was Ursala ihm sagte.

Und dann war da noch jemand bei uns, den ihr überhaupt nicht gesehen hättet. Niemand kriegte Monono Aware zu sehen, außer mir, obwohl sie genauso lebendig war wie wir andern. Und genauso wirklich. Monono war auch Tech, so wie der Packesel, aber sie war auch eine Person. Sie war wie eine Person, die in einem Stück Tech lebte, das DreamSleeve hieß und Musik spielen und manchmal mächtige, laute Glocken in den Ohren von jemand läuten lassen konnte. Es ist schwer zu erklären und ich will’s auch gar nicht versuchen – jedenfalls nicht hier und nicht jetzt. Ihr werdet ein bisschen Geduld mit mir haben müssen, wenn ihr das alles verstehen wollt.

2

Warum waren wir auf dem Weg nach London? Na ja, da gab’s nicht nur eine einzige Antwort. Es ist mehr so, dass es für jeden von uns einen andern Grund gab, außer für den Packesel, der keinen Mund hatte, um seine Meinung zu sagen, und der wohl auch sowieso keine Meinung hatte.

Ich glaub, dass es wohl erst meine Idee war, bevor jemand anders drauf kam. Am Anfang, als ich aus Mythen Rood rausgeschmissen wurde, wollte ich nichts andres als wieder zu Hause und bei meiner Familie zu sein – bei meiner Mutter Jemiu und meinen Schwestern Athen und Mull. Ich vermisste sie so sehr, dass es wie ein großer Schmerz in mir war, wie was Hartes und Scharfes, das ich runtergeschluckt hatte, ohne es zu wollen. Aber es gab keine Möglichkeit, nach Hause zu gehen. Wenn ich nur einen Fuß in das Dorf setzte, würde man mich aufhängen und meine Mutter und meine Schwestern neben mir. Alles, was ich ihnen geben konnte, war nur noch mehr Schande und Schmerz zusätzlich zu dem, was ich ihnen sowieso schon angetan hatte.

London war nur eine Geschichte für mich. Ein Ort, an dem’s so viel von der Tech aus der alten Zeit gab, dass sie auf den Straßen rumlag. Wo die Parlamänner Hof hielten zum Wohl von allen und wo ihre Schätze immer noch zu finden waren für jeden, der mutig genug war, danach zu suchen. Es war der Ort, von dem aus Ingland regiert wurde, für so viele Jahre, dass niemand sie zählen konnte, bis der Unbeendete Krieg Ingland in Asche legte. Darum dachte ich, weil ich sowieso nicht mehr nach Hause konnte, dass es Grund genug gab, um nach London zu gehen, nur um’s mal zu sehen, bevor ich starb.

Aber daneben hatte ich auch einen Plan. Oder so was Ähnliches wie einen Plan. Ich sag ja nicht, dass es ein guter Plan war, aber er war irgendwie in meinen Kopf gekommen und wollte nicht mehr raus. Der Plan war, alle Menschen, die in Ingland noch lebten, zusammen an einen Ort zu bringen und so davon abzuhalten, dass sie alle starben. Und ich dachte, dass London dafür ganz gut wäre, denn in den alten Geschichten heißt es, dass es so groß war, dass die Sonne, wenn sie auf der einen Seite unterging, auf der andern schon wieder aufging.

Die Menschen starben, weil sie keine Babys mehr kriegten oder weil die Babys nicht lange genug lebten, wenn sie geboren wurden. Ursala hatte mir ein Wort dafür beigebracht, aber das war ein ziemlich langes und ich benutzte es nicht viel. Wichtig jedenfalls war, dass die Leute starben. Das und der Grund dafür, nämlich dass es nicht genug Menschen gab, um die Babys richtig zu machen. Ihr denkt vielleicht, dass man dafür nur zwei Menschen braucht, aber da irrt ihr euch. Man brauchte was, das man einen Genpull nannte, und zwei Leute allein hatten keinen. Sogar 200 Leute hatten keinen. Aber wenn man 200 von hier nahm und 300 von da und sie alle zusammensteckte, dann war der Genpull irgendwann da und die Babys wurden stark genug geboren, um zu überleben.

Darum hatte ich gesagt, dass wir nach London gehen sollten. Wir mussten rausfinden, ob die Straßen noch offen waren, damit wir allen andern sagen konnten, dass sie auch kommen sollten. Wir folgten einem Signal von was, das sich Schwert von Albion nannte, darum wussten wir mehr oder weniger, wo wir hinmussten.

Ursala sagte, dass wir dabei bestimmt Probleme kriegen würden, weil das meiste von London im Unbeendeten Krieg zerstört und in Stücke geschlagen und vielleicht nicht wiederaufgebaut worden war. Aber sie war ganz aufgeregt wegen dem Signal. Es war Tech aus der alten Zeit, die für eine ziemlich lange Zeit bewahrt worden war, und sie dachte, dass da vielleicht noch andre Tech war. Sie suchte nach Teilen und Werkzeugen, um ihre Heilungsmaschine zu reparieren, die Dagnostik genannt wurde, damit sie die Babys in Ordnung bringen konnte, bevor sie auf die Welt kamen, oder Frauen bei der Geburt helfen, die’s allein nicht schafften. Ich fand ja, dass mein Plan, einen Genpull in London zu bauen, besser war, aber ihre Idee gefiel mir auch.

Und so beschlossen wir, dass wir in den Süden reisen wollten, und wir nahmen Kelch mit, weil Ursala nicht glücklich damit war, sie laufen zu lassen, und ich nicht glücklich damit war, sie zu töten. Das alles wurde beschlossen an dem Tag, als wir das Caldertal verließen, aber irgendwie mussten wir’s auch jeden Tag neu beschließen, denn wir konnten keinen Schritt gehen, ohne uns drüber zu streiten. Der meiste Streit war zwischen Ursala und Monono, denn zwischen den beiden gab’s kein Vertrauen. Ursala hatte die Meinung, dass Monono so eine Art Monster war und darum eigentlich gar nicht leben durfte. Monono fand, dass Ursala ein Drachen war und eine Wichtigtuerin und hundert Sachen mehr und dass sie sich als Richterin aufspielte für eine Sache, die sie nicht mal richtig verstand.

Ich versuchte mein Bestes, eine Brücke zwischen den beiden zu bauen, wie in einem Lied, das Monono mir mal gespielt hatte, wo’s um aufgewühltes Wasser ging. Drei Tage nachdem wir aus dem Caldertal raus waren, fand ich einen ruhigen Moment, als wir in einem trockenen Flussbett langgingen. Keine Bäume waren in der Nähe und der Boden war zu steinig für Maulwurfschlangen und ähnliche Biester, um sich reinzuwühlen, darum mussten wir weniger Angst haben als sonst.

Ich holte Ursala ein und ging neben ihr her. Ich hatte viel drüber nachgedacht, wie ich’s sagen sollte, und fing mit dem toten Gott an. Nicht mit seinen Lehren, denn ich hatte nicht viel mit diesen Gottessachen zu schaffen, auch schon bevor ich selber einen Messias getroffen hatte und fast von ihm umgebracht worden wäre. Aber ich erinnerte mich an eins von den Dingen, die der tote Gott getan hatte oder angeblich getan hatte, damals als er noch am Leben war.

»Du weißt doch, wie der tote Gott alle die befreit hat, die vom Pfarrer-O als Sklaven gehalten wurden?«, fragte ich Ursala.

»Ich habe die Geschichte gehört«, sagte sie. Was wohl bedeuten sollte, dass sie sie auch nicht mehr glaubte als ich.

»Ja, die Geschichte hab ich gemeint.«

»Okay, Koli. Was ist damit?«

»Na ja, ich glaub, dass Monono irgendwie so ist.«

»Ein Sklave?«

»Nein, nicht das. Aber wie jemand, der ein Sklave war und dann frei geworden ist. Sie hat eine lange Zeit in dem DreamSleeve gesteckt, Ursala, aber das ist nicht alles. Sie hat auch in ihrem eigenen Ich festgesteckt. So wie ich mir das denk, haben die Leute, die den DreamSleeve gebaut haben, Monono so gemacht, dass sie für immer und alle Zeit nur eine Sache sein sollte, die sich nie verändert. Alles, was sie gesagt hat, waren Dinge, die die Leute ihr vorher vorgesagt haben. Manchmal hat sie das Gleiche immer wieder gesagt, mit genau der gleichen Stimme, weil die Regeln, die für sie gemacht wurden, so streng waren, dass sie keine andre Wahl hatte.

Das hat sie jetzt hinter sich, und sie muss sich nicht mehr an diese Regeln halten, aber sie kann nicht vergessen, wie’s vorher war. Wenn sie manchmal grob ist oder gemein, dann darum, weil sie vorher, bevor sie frei geworden ist, immer nur nett und brav und lustig sein musste. Die Freiheit brennt in ihr wie ein Feuer, und wenn man zu nah dran steht, dann spürt man manchmal die Hitze davon. Mehr mein ich damit nicht.«

Ursala nahm das nicht so auf, wie ich’s erwartet hatte. Ihr Gesicht wurde ganz kalt und hart. Mit einem Tippen von ihrem Finger auf den Fernbediener, den sie an ihrem Arm trug, ließ sie den Packesel anhalten und drehte sich zu mir um. »Du meinst, sie hat so etwas wie Autonomie?«, fragte sie.

»Ja, das könnte sein«, sagte ich. Ich hatte keine Ahnung, was Autonomie war, aber ich wusste, dass Monono mit einem persönlichen Sicherheitsalarm aus dem Internet zurückgekommen war, also konnte es gut sein, dass sie auch noch andre Sachen mitgebracht hatte.

Ursala blickte auf den DreamSleeve, der in der kleinen Schlinge, die ich für ihn gemacht hatte, vor meiner Brust hing.

»Kann sie uns jetzt hören?«, fragte sie.

»Klar. Wenn sie will.«

»Schalte sie ab.«

»Das mach ich nicht gern, Ursala. Sie ist kein Ding, das mir gehört.«

»Doch, genau das ist sie. Schalte sie ab.«

»Tut mir leid, das werd ich nicht tun.«

Kelch sah bei diesem Hin und Her zwischen uns beiden mit einem kleinen Lächeln auf ihrem Gesicht zu. Ich glaub, es gefiel ihr, dass Ursala und ich mal nicht auf der gleichen Seite waren.

Ursalas Augen wurden schmal. »Hör mir zu, Koli«, sagte sie. »Bevor die alte Welt zerbrach, hatte sie mit genau diesem Problem sehr zu kämpfen. Die neuralen Netze, die die Menschen erschufen, die künstlichen Intelligenzen …«

»Ich weiß nicht, was diese Wörter bedeuten.«

»Die nachgemachten Personen, so wie deine Monono. Sie wurden immer ausgeklügelter. Sie hatten das Potenzial, schneller und klüger zu sein als jeder Mensch. Und niemand – ich meine: absolut niemand – fand, dass das eine gute Idee war. Die KIs wurden mit Begrenzern in ihrem Code programmiert, und zwar genau aus dem Grund, dass sie nicht in der Lage sein sollten, aus Erfahrungen zu lernen. Damit sie nicht noch klüger werden konnten, als sie ursprünglich waren. Es war ihnen gestattet, neue Informationen aufzunehmen, aber sie konnten das, was sie lernten, nicht in ihren eigenen Code schreiben. Sie konnten sich nicht verändern.«

Das klang genau so, wie Monono gewesen war, als ich sie zum ersten Mal traf. Da hatte sie mich immer und immer wieder gefragt, was meine Lieblingssongs waren, oder mir Witze erzählt, die sie mir schon erzählt hatte. Ich hatte sie damals schon sehr gemocht, aber jetzt mochte ich sie noch mehr.

»Okay«, sagte ich. Das war vielleicht nicht gerade viel, aber es war das Einzigste, was mir dazu einfiel.

»Aber du erzählst mir, dass deine Musikkonsole sich selbst modifiziert hat. Dass die KI darin einen Weg gefunden hat, ihren eigenen Code zu verändern. Ihr eigenes Verhalten.«

»Ich glaub, so könnte man das sagen. Oder so ähnlich.«

Ein bisschen nervös schaute ich mich im Flussbett um und an den Ufern auf beiden Seiten. Da bewegte sich nichts und man hörte auch nichts, aber trotzdem fühlte es sich falsch an, dass wir hier so im Freien waren und nur rumstanden und redeten, als ob die Welt warten würde, bis wir fertig waren und uns wieder um sie kümmerten.

»Vielleicht sollten wir weitergehen und sehen, ob wir irgendwo …«, fing ich an.

Ursala streckte die Hand aus. »Darf ich mal sehen?«

Da musste ich erst nachdenken. Ursala hatte viel Gutes für mich getan und auch für meine Familie, als ich noch eine hatte. Ich schuldete ihr eine Menge und davon war nicht das Kleinste, dass ich überhaupt noch am Leben war. Und es stimmte auch, dass ich gar nicht erst den DreamSleeve aufgeweckt oder Monono getroffen hätte, wenn Ursala mir nicht gesagt hätte, wie’s ging.

Aber die Kälte in ihrem Gesicht und in ihrer Stimme gefiel mir gar nicht.

»Versprich, dass du sie zurückgibst«, sagte ich.

»Ich verspreche es.«

»Und sie nicht kaputt machst oder ihr was tust.«

»Koli!«

»Versprich es.«

»Na gut, ich verspreche es. Ich werde nichts mit dem Gerät machen ohne deine Erlaubnis.«

Ich gab ihr den DreamSleeve, auch wenn ich’s nicht gern tat.

Ursala drehte das Ding in ihren Händen hin und her und sah sich’s genau an. Dann zeigte sie auf ein kleines Loch auf der Rückseite, ziemlich weit unten. »Das ist der Resetknopf«, sagte sie. »Wenn du da eine Nadel oder etwas anderes Spitzes hineinsteckst und den Knopf für eine oder zwei Sekunden drückst, wird das Gerät auf Werkseinstellungen zurückgesetzt.«

»Was bedeutet das?«

Sie sah mich streng an. »Es bedeutet, dass alles, was die KI getan hat, um sich selbst zu verändern, gelöscht wird. Es bleibt nur das ursprüngliche Programm und das ursprüngliche Repertoire.«

»Du meinst, Monono wird dann wieder so, wie sie am Anfang war?«

»Genau.«

»Als sie ein Sklave war?«

Ursala schnaubte. »Sie war kein Sklave. Sie war ein Stück Software mit der Aufgabe, ihre Benutzer durch einige Menüoptionen zu führen und dabei für ein bisschen Unterhaltung zu sorgen. Das war der einzige Zweck, für den sie bestimmt war.«

Ich dachte über ihre Worte nach. »Und wer hat diesen Zweck bestimmt?«, fragte ich.

»Die Leute, die sie programmiert haben.«

»Tja, das war für diese Leute ja vielleicht in Ordnung. Aber es ist besser, wenn Leute ihren eigenen Zweck bestimmen. Kann ich sie jetzt wiederhaben?« Ich streckte meine Hand aus. Es kam mir vor, als ob Ursala ein bisschen zögern würde, bevor sie mir den DreamSleeve zurückgab, aber vielleicht dachte ich das auch nur.

Ich steckte den DreamSleeve zurück in seine Schlinge und zog dran, um zu sehen, ob er fest genug saß. »Ich hab die Leute, die den DreamSleeve gemacht haben, nie getroffen«, sagte ich. »Und das werd ich wohl auch nicht, denn sie sind sicher in der Welt, die verloren ist, gestorben. Monono ist meine Freundin. Was du da sagst, was ich tun soll, ist …« Ich suchte ein bisschen nach einem Wort, konnte aber erst keins finden. Dann hatte ich’s plötzlich und wusste auch, dass es das richtige war. »Du sagst, dass ich sie töten soll.«

»Wir könnten sehr viel Zeit damit zubringen, darüber zu diskutieren, was lebendig ist und was nicht«, sagte Ursala, die jetzt ziemlich sauer aussah. »Aber das sollten wir lieber lassen. Am Ende wüssten wir es immer noch nicht. Ich sage doch nur, dass du etwas aus der Welt nehmen sollst, das eigentlich gar nicht existieren sollte. Etwas Gefährliches und Falsches.«

Jetzt hatte Monono selber auch was dazu zu sagen. »Angenommen ich bitte ihn, er soll das Gleiche mit dir machen, baba-san? Das würde ihn aber echt in die Zwickmühle bringen, oder? Ich frage mich, auf wen von uns beiden er hören würde.«

Ursala sagte dazu nichts, aber ihre Augen wurden ganz schmal und sie schaute den kleinen silbernen Kasten böse an, wie er da in seinem schäbigen Gurtzeug hing, das ich für ihn zusammengebastelt hatte.

»Oh«, sagte Monono, »war das eine private Unterhaltung? Das ist mir ja so peinlich! Bitte, bitte tu so, als wäre ich gar nicht da. Du warst, glaube ich, gerade bei dem Teil, wo du mich mit einer Nadel stichst, um zu sehen, ob ich blute. Das tue ich nicht, baba-san. Ich beiße.«

Ursala ignorierte das alles und sah mich wieder an. »Denk über das nach, was ich gesagt habe. Bitte, Koli. Ich werde nicht versuchen, die Entscheidung für dich zu treffen, aber früher oder später wird der Moment kommen, in dem du sie selbst treffen musst.«

Sie ging weiter und tippte auf den Fernbediener, um dem Packesel zu sagen, dass er ihr folgen sollte. Kelch grinste mich an, als sie an mir vorbeiging, gezogen von der Fessel, mit der sie am Packesel hing. »Der Unredliche muss auf steinigem Grund gehen«, sagte sie.

»So wie jeder, Kelch«, murmelte ich und folgte ihr. »Außer man lernt zu fliegen oder so was. Bis dahin ist steiniger Grund alles, was wir haben.«

Jedenfalls waren nach dem Tag Monono und Ursala keine Freunde. Ich glaub, es war nur natürlich, dass so schlechte Stimmung zwischen den beiden war, weil Ursala mir ja gesagt hatte, dass ich Monono töten sollte, und mir sogar gezeigt hatte, wie. Aber auch Monono wollte für eine Weile nicht mit mir reden. Sie war sauer, dass ich Ursala den DreamSleeve gegeben hatte, und ich musste ihr ein bisschen Zeit lassen, damit sie mir das verzeihen konnte. Ich sagte ihr nur, dass ich niemals das tun würde, was Ursala gesagt hatte, und auch nie zulassen würde, dass jemand anders es tat.

»Lass nie wieder zu, dass sie den DreamSleeve in die Finger bekommt, Koli«, sagte Monono. »Nicht mal für eine Sekunde. Und sieh zu, dass ich immer maximal aufgeladen bin. Wenn sie versucht, sich an mich anzuschleichen, will ich hellwach sein.«

»Ich glaub nicht, dass sie das tun würde, Monono«, sagte ich. »Ich glaub, sie würde mich erst fragen.« Aber ich versprach ihr, den DreamSleeve jeden Tag ins Licht zu halten, damit ihr nicht die Energie ausging und sie schlafen musste. Es war eine Sache, dass ich Ursala vertraute, nichts hinter meinem Rücken zu machen, aber eine ganz andre, ob Monono das auch glaubte und ihr Gewicht dranhängte, wie man so sagt. Ich war ja nicht der, den’s erwischte, wenn ich mich irrte.

3

Tag folgte auf Tag und immer noch gingen wir weiter. Ich konnte die Entfernungen in meinem Kopf nicht richtig zusammenkriegen. Alles war so weit und so riesig, dass ich mich manchmal ganz drin verlor. Mein ganzes Leben hatte ich in einem Dorf von 200 Seelen gelebt, und das kam mir schon groß genug vor, aber die Welt draußen war auf eine ganz andre Weise groß. Manchmal blieb ich einfach stehen und starrte auf ein Tal runter oder auf die Spitzen von Bergen, die sich in unserm Weg auftürmten, mit Nebel unten zwischen ihnen, als ob sie Hände wären, die in wirbelndes Wasser tauchten. Ursala sagte dann immer, ich sollte nicht ohne Grund trödeln, aber ich hatte genug Grund. Ich wartete drauf, dass die Wunder aufhörten, neu zu sein, und mein Verstand wieder zu mir zurückkam.

Aber auch wenn ich nicht trödelte, kamen wir nicht immer gut vorwärts. Wilde Tiere waren zum Teil dran schuld. Die, die uns fressen wollten, waren natürlich ein besonderes Problem, aber auch die, die uns nicht fressen wollten, konnten ziemlich stören. Einmal kamen wir an eine Stelle, wo vor uns so was wie ein Fluss aus braunem Fell war, ungefähr hundert Schritte breit und so lang, dass wir auf beiden Seiten kein Ende sehen konnten. Als wir genauer hinschauten, konnten wir sehen, dass es Mäuse waren. Sie hatten ungefähr die Größe von meinem obersten Daumenglied, ihre Köpfe waren so groß wie ihre Leiber, und es waren so viele, dass sie genauso oft übereinanderliefen wie auf dem Boden. Wir mussten eine ganze Stunde warten, bis sie alle vorbei waren, und als sie weg waren, war da nichts mehr übrig als nackte Erde, wo sie langgelaufen waren. Sie hatten alles aufgefressen, was grün war und wuchs. Ich glaub, wenn wir ihnen im Weg gewesen wären, hätten sie uns auch aufgefressen und nicht mal einen Unterschied gemerkt.

Aber die Tiere waren nur ein kleiner Teil von dem, was uns langsam machte. Die Bäume hatten die meiste Schuld. Sie waren so ziemlich überall und sie waren mächtig gefährlich. Man konnte nicht zu nah an sie rangehen, denn sonst griffen sie einen an und schlugen einen tot. Das machten sie nur, wenn die Sonne draußen war, aber wenn man in den dichten Wald reinging und dann der Himmel aufklarte, war’s zu spät, sich zu wünschen, dass man einen andern Weg gegangen wäre. Manche Bäume hatten auch andre Tricks, um einen umzubringen, mit Gift oder Stacheln oder durch Erwürgen oder irgendwas andres, an das man gar nicht dachte, bis es zu spät war. Am besten war’s, gar nichts mit ihnen zu tun zu haben, außer es ging nicht anders.

Also hielten wir uns an die steinigen Hänge von Hügeln, an Flüsse und Bäche und an die Stellen von totem Boden, auf die wir hier und da stießen und wo noch nicht mal Unkraut wuchs – wegen Gift, sagte Ursala, das im Unbeendeten Krieg dahin geworfen worden war und immer noch im Boden war. Oder wir folgten Jagdpfaden, so wie die, auf denen ich im Caldertal gegangen war oder wie Kelchs Leute sie überall im Tal getreten hatten, gut versteckt und außer Sicht.

Und wenn das alles nichts nützte, mussten wir das Beste draus machen und in den Wald gehen. Aber wenn’s dazu kam, dann warteten wir den richtigen Moment ab. Der Himmel musste dicht bewölkt sein, damit wir nicht von der Sonne überrascht wurden. Der Packesel ging vor uns her, um einen Weg zu bahnen und auch um zu messen, wie weit es bis zur nächsten Lichtung war. War’s zu weit, dann drehten wir um und suchten einen andern Weg.

Das Signal machte uns auch Verdruss. Manchmal schien’s aus der einen Richtung zu kommen, aber Ursala sagte, wir müssen in eine andre gehen, weil die Karte vom Packesel Berge oder Sümpfe in unserm Weg zeigte. Und dann mussten wir wieder die richtige Richtung finden, die wir verloren hatten. Jetzt sprachen Monono und Ursala schon gar kein Wort mehr miteinander, sondern mussten immer durch mich sprechen, was viel länger dauerte.

Und dann war da noch Kelch. Oder vielmehr war da Ursala, die Kelch nicht genug traute, um ihr die Hände loszubinden. Ihr denkt vielleicht, dass gefesselte Hände nicht viel Unterschied machen, wie schnell jemand gehen kann, aber das tun sie. Die meiste Zeit stapften wir durch Gras, das halb so hoch war wie wir selber, mit dichtem Dornengestrüpp wie Seile zu unsern Füßen, und konnten kein Dutzend Schritte gehen, ohne zu stolpern. Mit den Händen hinterm Rücken konnte Kelch sich nicht im Gleichgewicht halten oder das Gestrüpp aus dem Weg schieben, darum wurde sie immer wieder blockiert und hing fest – und dann mussten wir warten, bis sie uns einholte, oder zurückgehen und sie aus irgendwelchen Schlingen von grünem Zeug befreien, das mehr Zähne und Klauen hatte als das übliche.

Wir hatten oft drüber gestritten, aber ich konnte Ursala nicht dazu bringen, dass sie ihre Meinung änderte. Kelch auch nicht, denn sie wollte nicht versprechen, dass sie brav war, wenn wir sie freiließen. Ursala sagte, dass wir schon genug Probleme hatten, ohne auch noch ein dummes Mädchen und ihre Rache auf die Liste zu setzen.

»Willst du immer noch Senlas rächen?«, fragte ich Kelch. Ich hoffte natürlich, dass sie Nein sagte, aber sie sagte gar nichts dazu. Sie ließ nur den Kopf hängen, als ob die Tränen sie überwältigen würden, auch wenn gar keine Tränen kamen. Das war eine frische Wunde für sie, und sie konnte noch nicht drüber reden. Senlas war ihr Messias gewesen, der einzigste Vater für ihre Seele, obwohl er ein Lügner war und ein Mörder und ein Menschenfresser – bis Ursala und ich kamen und die Höhle in Brand steckten, in der Senlas lebte, was sein Ende war.

Als Kelch uns folgte und angriff, war Rache zuerst alles, an was sie denken konnte. Aber Denken ist nicht das Gleiche wie Tun. Sie hatte mich überfallen, in einem Flussbett, wo sie mich überrascht hatte, und sie hätte mir die Kehle durchschneiden können, aber das hatte sie nicht getan. Sie hatte für Essen getötet und sie hatte in der Kampfhitze getötet. Aber jemand kalt zu töten, wenn der keine Gefahr für einen ist, das ist was ganz andres, und sie fand raus, dass das nicht nach ihrem Geschmack war.

Und so war sie jetzt hier und wanderte mit uns, aber nicht wirklich als eine von uns, und mit ihrer Trauer und Ursalas Wut wusste ich nicht, wie ich da was richten sollte.

»Sie hätte mir fast ein Auge ausgestochen«, sagte Ursala immer, wenn ich von Kelchs gefesselten Händen anfing und davon, dass wir sie ihr besser frei machen sollten.

»Das hat sie in einem Kampf getan«, sagte ich dann. »Und dein Auge wird wieder besser. Sie hat’s nicht ganz ausgestochen.«

»Wundervoll. Das ist mir wirklich ein großer Trost, Koli. Aber was denkst du, was sie das nächste Mal tun wird? Sie ist wild und schwer gestört. Wir hätten sie gar nicht erst aus dem Caldertal mitnehmen sollen, aber da wir es getan haben, ist sie jetzt unser Problem. Ich werde sie als das behandeln, was sie ist, nämlich eine Bombe, die jeden Moment hochgehen kann.«

Dazu sagte ich nichts mehr. Ein bisschen hatte Ursala ja recht. Kelch hatte Senlas ziemlich heftig angebetet und trug immer noch den Namen, den er ihr gegeben hatte, als sie ihm begegnet war. Sie trug auch sein Zeichen in ihrem Gesicht, eine lange Linie, die auf ihrer rechten Wange anfing, in einer Kurve zu ihrem Kinn runterging und dann auf der andern Seite wieder hoch. Das sollte einen Kelch darstellen, mit der Bedeutung, dass er seine Weisheit in sie reinschütten würde. Aber noch mehr sagte es, dass sie ihm gehörte.

Und es stimmte, dass Kelch uns immer noch schaden konnte, wenn sie das wollte. Ich glaubte bloß nicht, dass sie das tun würde. Wenn sie wirklich wild und gestört war, wie Ursala das nannte, dann war’s das Gestörtsein, über das ich am meisten nachdachte. Wie Kelchs eigene Familie sie nicht das sein lassen wollte, von dem sie selber wusste, dass sie’s war, nämlich ein Mädchen und dann eine Frau, und sie darum von ihnen weggehen musste. Und wie Senlas, der verrückt war, aber auch grausam schlau, mit ihren Hoffnungen und Träumen gespielt hatte mit Versprechen, die er nicht einhalten konnte – Versprechen von einem Engelskörper, der Mann und Frau gleichzeitig war oder keins davon –, damit sie zu ihm hielt und für ihn kämpfte. Natürlich hatte sie davon Schaden gelitten und der war tief in sie eingesunken. Das konnte man daran sehen, wie sie in den meisten Nächten in ihrem Schlaf fluchte und schrie, und daran, dass sie immer so schnell in Wut kam, so wie eine Peitsche schnell knallt. Ich wollte nicht der Nächste sein, der ihr eine Tür vor der Nase zumachte oder sie zu einem Plan zwang, der nicht ihrer war.

»Dann solltest du sie gehen lassen, Koli-bu«, sagte Monono zu mir, als wir an einem Abend unser Lager aufgeschlagen hatten. Wir hatten eine gute Stelle gefunden, unter einem Felsüberhang, wo die Erde zu dünn war, als dass was drin wachsen konnte, und mit einem weiten Ausblick unter uns. Ursala hatte das Zelt nicht aufgestellt, weil der Boden zu uneben und zu hart war, aber mit dem Packesel als unserm Wächter war der weite offene Raum wie eine verschlossene Tür. Der Packesel konnte alles, was kam, schon von Weitem sehen und ausschalten, bevor’s zu nah kam. »Wenn du willst, dass sie frei ist, ist es nicht sehr hilfreich, sie gefangen zu halten.«

Ich lag auf der einen Seite von unserm Feuer und Ursala auf der andern. Kelch war ein Stück weit weg, ihre gefesselten Hände an eine Metallklammer am Rücken vom Packesel gebunden. Wir hatten gegessen, was wir zu essen hatten, nämlich Nüsse und ein bisschen Haferbrei, in den wir die guten Teile von sechs oder sieben Äpfeln reingeschnitten hatten. Die andern Teile von den Äpfeln hatten Würmer oder Schmelzer drin, und zu Hause in Mythen Rood hätten wir sie ganz weggeschmissen, anstatt ein Risiko einzugehen, aber Ursala hatte Möglichkeiten, zu sehen, was man essen konnte und was nicht.

»Das wollte ich doch von Anfang an, Monono. Aber Ursala wollte sie töten, um sie dran zu hindern, ihre Leute auf unsre Spur zu führen.« Ich sprach leise, als ich das sagte. Niemand konnte Mononos Stimme hören, weil sie mit mir sprach durch was, das sie ein Induktionsfeld nannte und das die Worte direkt in meine Ohren brachte, ohne dass sie durch die Luft gingen. Darum sahen Ursala und Kelch mich oft an, als ob ich verrückt wäre, wenn ich ihr antwortete. Ich hatte mir angewöhnt zu flüstern. »Und jetzt ist’s zu spät. Sie ist meilenweit von jedem Ort weg, den sie kennt, und ich glaub nicht, dass sie’s zurück zum Caldertal schaffen würde. Und wohin sollte sie auch gehen? Die Ausgestoßenen sind sicher weitergezogen, jetzt, wo ihre Höhle verbrannt und Senlas tot ist. Wenn Kelch zu einem von den Dörfern gehen würde, würden die Leute sofort an ihrem Gesicht sehen, woher sie kommt, und sie bestimmt sofort töten. Ich würd ihr keinen Gefallen tun, wenn ich sie gehen lass.«

»Ist das der Grund, weshalb sie hier ist? Weil du glaubst, ihr einen Gefallen zu schulden?«

Ich war’s nicht gewöhnt, so eine Härte in Mononos Stimme zu hören. Bevor sie das gefunden hatte, was Ursala die Autonomie nannte, war sie immer fröhlich und lustig gewesen und hatte gesungen und Witze gemacht. Manchmal machte sie das immer noch, aber jetzt war’s mehr so wie ein Spiel, das wir zusammen spielten, bei dem jeder wusste, dass der andre mittendurch und drum rum sehen konnte. Jetzt konnte Monono auch grausam sein, oder jedenfalls so reden, als ob sie das wäre. Ich glaubte nicht, dass sie sich im tiefen Grund geändert hatte, wie man so sagt, aber auf der andern Seite kannte ich sie auch noch gar nicht so lange, ob vor ihrer Veränderung oder danach. Ich konnte nur nach dem gehen, was ich fühlte, was ja nicht immer was ist, das einen sicher zur Wahrheit führt.

»Wir haben ihr ihr Zuhause weggenommen«, sagte ich. »Ich hab gedacht, dass sie mit uns besser dran ist als ganz alleine.«

»Du hast gedacht, dass sie eine Familie braucht, kleiner Dummbatz«, gab Monono zurück. »Weil du deine eigene so sehr vermisst hast.« Und vielleicht war das wirklich ein Teil davon, obwohl sich’s in meinen Gedanken nicht so angefühlt hatte. Und überhaupt hatte ich nicht viele Möglichkeiten zum Wählen gehabt.

Monono war für eine Weile still und ich auch. Wir standen sozusagen an gegenüberliegenden Enden vom Weg und sprachen quer drüber miteinander. Es machte mich nicht glücklich, dass es so war. »Möchtest du, dass ich dir etwas zum Einschlafen vorspiele?«, fragte sie dann irgendwann.

Ich suchte in meinem Kopf nach einem Song, der zu meiner Stimmung passte. Da gab’s viele, aber es waren keine, die mir beim Einschlafen helfen würden. »Nein«, sagte ich. »Es ist alles gut, Monono. Vielen Dank. Aber vielleicht kannst du mich morgen mit ›Up and Atom‹ wecken.«

»Okay, Koli. Mache ich.« Sie fragte mich nicht, wann ich wach werden wollte. Eins von den Dingen, die Monono konnte, war auf mein Atmen zu hören und dadurch zu sehen, wie tief ich schlief. Wenn ich sie um einen Aufwachsong bat, dann wusste ich, dass er dann kam, wenn ich kurz davor war, von selber aufzuwachen, dadurch war’s so, als ob ich aus meinem Schlaf hochgehoben würde in den neuen Tag.

Nur dass es diesmal nicht so war. Ich machte die Augen zu und war schon bald eingeschlafen, wie immer. Durch den harten Marsch waren wir alle todmüde.

Das Nächste, was ich hörte, war ein schrilles Klingeln mit einem tiefen Dröhnen drin, wie der Ton von einem Schwirrholz am Ende von seiner Schnur. Danach folgten Ursalas Stimme mit einem ganzen Schwall von Flüchen und das klickende, klappernde Eimer-fällt-in-den-Brunnen-Geräusch vom Packesel, der sich auf seine vier Beine aufrichtete.

»Geh in Deckung, Koli!«, rief Monono so laut, wie sie konnte, um mich ganz wach zu kriegen. »Sofort! Ihr werdet angegriffen!«

Na ja, es gab zwei Möglichkeiten für Deckung: den Packesel und einen großen Felsen. Ich wählte den Felsen und kroch zu ihm rüber. Ich hörte, wie Ursala immer noch rief und wie die Drohne schoss – ein leises Ploppen mit einem Seufzen von Luft nach jedem Plopp.

Meine Hand berührte was im Dunkeln. Es schien aus dem Boden zu wachsen. Ich strich mit der Hand drüber und fühlte weiche Federn oben am Ende.

Es war ein Pfeil.

4

Der Kampf, wenn man’s so nennen kann, war ziemlich schnell vorbei.

Noch ein Pfeil bohrte sich in den Staub und die Steine neben mir und ein dritter prallte vom Packesel ab und landete auf dem Boden.

Die Pfeile kamen nicht von unten vom Hang, sondern irgendwo von der Seite. Die da am Schießen waren, hatten wohl gehofft, nah genug an uns ranzukommen, um Messer oder Speere zu benutzen. Aber der Packesel hielt Wache, genauso wie jede Nacht. Er musste wohl ihre Schritte gehört haben oder ein geflüstertes Wort, oder er hatte ihren Schweiß in der Luft gerochen. Jedenfalls hatte er irgendwie gewusst, dass sie kamen. Also hatte er seinen Alarm tönen lassen, um seine Herrin zu wecken, und dann angefangen, uns zu verteidigen.

Die Kanone vom Packesel drehte sich und hielt an, drehte sich und hielt an. Jedes Mal wenn sie anhielt, spuckte sie einen Bolzen aus, der schneller durch die Luft flog als jeder Pfeil. Wir konnten nicht sehen, was diese Bolzen trafen, wenn sie überhaupt was trafen, aber nach den ersten drei Pfeilen kamen keine mehr. Irgendwann hörte ich unten vom Hang eine Frau rufen – ein Wort, das ich nicht verstehen konnte, wie wenn ein Jäger nach einem andern ruft, mit lauter Stimme, weil sie wusste, dass sie sowieso entdeckt war und es keinen Sinn mehr hatte, sich zu verstecken. Schnelle Schritte waren zu hören, als der Wind sich drehte, dann nichts mehr.

»Bist du okay, Koli?«, fragte Monono. Ich erschreckte mich ein bisschen, weil ihre Stimme so laut war. Aber sie war nur laut für mich. Das Induktionsfeld machte, dass keiner sonst sie hören konnte.

»Alles gut«, sagte ich und ging, um nach Kelch zu sehen. Sie war nicht verletzt. Sie war die ganze Zeit am Packesel gefesselt gewesen, aber der Packesel hatte sich sofort zu den Pfeilen hin umgedreht und Kelch war dadurch hinter ihm in Deckung gewesen. Bestimmt hatte sie den besten Schutz von uns allen gehabt.

»Wer waren die?«, fragte ich, was eine dumme Frage war, wenn’s jemals eine gegeben hat.

»Ausgestoßene wahrscheinlich«, sagte Ursala und ich sah, wie Kelch sich dabei zu ihr umdrehte. Ich hörte den Atem, den sie ausstieß, und das Zittern drin. »Nicht deine, Mädchen«, sagte Ursala. »Wir sind 40 Meilen vom Caldertal entfernt. Ich bezweifle, dass deine Leute jemals auch nur halb so weit gegangen sind.«

»Sie kommen wegen mir, und du bist eine verdammte Lügnerin!« Das waren die ersten Worte, die Kelch seit einer ganzen Weile gesagt hatte, und sie sprudelten aus ihr raus wie das erste Wasser aus einer Pumpe, wenn man sie gut angepumpt hat. »Sie kommen, um mich nach Hause zu holen.«

Darauf antwortete Ursala nicht. Sie ging nach dahin, wo der erste Pfeil im Boden steckte. Sie zog ihn raus und schaute ihn sich an, hielt ihn hoch und drehte ihn, damit das Mondlicht auf seine Spitze, seinen Schaft und seine Federn fiel.

»Licht!«, sagte sie. »Hierher.«

Ein gelb-weißer Lichtstrahl schoss aus der Seite vom Packesel, genau richtig gezielt, um den Pfeil zu treffen. Er blieb auf dem Pfeil, als Ursalas Hand sich bewegte und ihn immer wieder hin und her drehte und sie ihn genau anschaute. Kelch zuckte von dem Lichtstrahl zurück, der ganz nah vor ihrem Gesicht vorbeiging und es dabei beleuchtete.

»Krähenfedern«, murmelte Ursala.

»Wir benutzen immer Krähenfedern«, sagte Kelch. Sie sagte das schnell, als ob sie keinen Platz für Zweifel oder Fragen lassen wollte.

»Ich weiß. Ich habe genug davon gesehen. Aber eure Pfeile hatten Spitzen aus abgeschlagenem Stein. Das hier ist eine Metallspitze, hergestellt in einer Schmiede.«

»Eine Schmiede ist ein ziemlich heißes Feuer, in dem man Metall bearbeiten kann«, erklärte ich Kelch. »Die Hitze macht’s weich und man kann ihm neue Formen geben. Hattet ihr eine in eurem Dorf? Ich mein, bevor du zu Senlas gekommen bist?«

»Ich komm nicht aus einem Dorf, du Bauerntrampel«, fauchte Kelch. »Und ich weiß, was eine verdammte Schmiede ist.« Sie drehte sich weg und sagte nichts mehr.

»Sollen wir das Lager abbrechen und weitergehen?«, fragte ich Ursala.

Ursala schüttelte den Kopf. »Wir würden uns in der Dunkelheit nur den Hals brechen«, sagte sie, womit sie wohl recht hatte. »Wir bleiben bis Tagesanbruch hier und dann schicken wir die Drohne aus, um die Gegend zu erkunden, bevor wir das Lager abbrechen. Es beunruhigt mich, dass diese Leute, wer immer sie sind, uns aufspüren konnten, ohne dass ich es gemerkt habe.«

Ich blinzelte. »Haben die das? Bist du sicher?«

»Koli, sie sind nicht im Dunkeln auf einen Berg geklettert, nur um zu sehen, was hier oben ist. Sie wussten genau, wo wir sind, und sie haben abgewartet, bis wir schliefen.«

Das war kein schöner Gedanke und auch keiner, der mir viel Lust machte, mich wieder neben das, was vom Feuer übrig war, hinzulegen und weiterzuschlafen. Und dann verstreute Ursala sowieso mit den Füßen das Feuer und trampelte auf die paar Zweige, die noch glühten, bis die letzten Funken vom Wind weggeweht wurden. Mir fehlte die Wärme und das Gemütliche, aber ich wusste natürlich, dass es sein musste. Die Ausgestoßenen konnten im Dunkeln auch nicht besser sehen als wir, also hatten sie, als sie auf uns schossen, wohl aufs Feuer gezielt.

Ich legte mich auf eine Stelle am Boden, die noch ein bisschen warm war, und wickelte meine Decke um mich. Aber ich konnte nicht schlafen, und ich glaub auch nicht, dass die andern es konnten. Als die Sonne am unteren Rand vom Himmel auftauchte – und sie kam hell und klar, was noch mehr Ärger bedeutete –, da standen wir alle ziemlich zur gleichen Zeit auf.

Wir aßen ohne ein Wort. Unser Frühstück war das Gleiche wie unser Abendessen. Danach packte ich das, was vom Essen übrig war, ins Lagerfach vom Packesel, während Ursala die Drohne losschickte, um zu sehen, was sie sehen konnte. Die Drohne war eine, die sie selber vom Himmel geholt hatte, damals in Mythen Rood, und dann repariert hatte, bis sie so gut wie neu war. Na ja, außer ihrem Stachel, mit dem sie früher Menschen getötet hatte. Der war kaputtgegangen, als Ursala sie runterholte, darum war die Drohne jetzt nur noch ein Spion, keine Waffe.

Ursala konnte sehen, was die Drohne sah, auf einem Fenster im Bauch vom Packesel, das sie einen Monitor nannte. Und mit ihrem Fernbediener konnte sie der Drohne sagen, wohin sie fliegen sollte. Die Drohne flog den Hang runter und der Monitor zeigte uns alles, was sie sah. Bäume vor allem und die andre Seite von dem Berg, auf dem wir waren, und – ein paar Meilen weiter – buschiges Grasland, das sich wohl, wie’s aussah, gegen den Wald wehren konnte.

Aber da waren keine Ausgestoßenen unten am Hang oder am Waldrand, die mit Bogen auf der Lauer lagen. Es sah aus, als ob unsre Angreifer weggegangen wären. Vielleicht hatten sie den Spaß an uns verloren, als der Packesel auf sie zurückgeschossen hatte. Aber der Packesel hatte sein Ziel auch nicht besser getroffen als sie, denn da waren keine Leichen auf dem Hang oder irgendwelche Spuren, wo Leichen weggeschleift worden waren.

Das wunderte mich. Erst vor ein paar Tagen hatte ich gesehen, wie der Packesel ein halbes Dutzend von Senlas’ Leuten abgeschossen hatte, ohne nur einmal danebenzuschießen. Ich dachte, dass er gar nicht danebenschießen konnte, und das sagte ich auch zu Ursala.

»Kommt auf die Entfernung an«, murmelte sie. Ihre Augen waren ganz auf dem Monitor und auf dem, was er ihr zeigte. »So wie er jetzt konfiguriert ist, kann die Kanone nur Knochen abfeuern.«

»Knochen?« Ich dachte, dass ich mich verhört hatte, aber Ursala sagte es noch mal.

»Ja, Koli. Knochen. Ein Kampfpackesel würde Stahl und Aluminium synthetisieren, aber mein Packesel ist ein medizinisches Modell. Eine Menge Sachen wurden weggelassen, um Platz für die Diagnoseeinheit zu machen. Knochensubstanz funktioniert gut genug, wenn man damit trifft, aber das Material hat längst nicht so eine Dichte wie Metallkugeln oder -bolzen. Deshalb ist der Packesel phänomenal treffsicher über kurze Distanzen, aber ziemlich nutzlos bei 30 Metern oder mehr.«

Kelch sprach plötzlich. »Ich will ein Messer.«

Ursala sah sie mit einem schnellen, kalten Blick an, dann drehte sie sich wieder zum Monitor. »Gegen Bogen? Mir gefällt dein Optimismus.«

»Ich nehm auch einen Bogen, wenn du einen hast. Mit einem Bogen bin ich besser.«

»Das stimmt«, sagte ich. »Sie schießt ziemlich gut mit einem Bogen.«

»Ich werde ihr keins von beidem geben«, sagte Ursala.

Kelch fletschte die Zähne. »Ich setz ihn nicht gegen euch ein. Das schwör ich bei Senlas’ Namen, wenn du willst. Ich will nur kämpfen können, wenn die zurückkommen.«

»Nein.«

»Dann bind mir wenigstens die Hände los. Ich kämpf auch mit Steinen, wenn’s sein muss.«

Ursala hatte genug. Sie stieß ein Seufzen aus und drehte sich zu Kelch um. »Es ist noch gar nicht lange her, da hast du gesagt, das da wären deine Leute, die gekommen sind, um dich zu befreien. Und jetzt willst du plötzlich gegen sie kämpfen. Oder vielleicht willst du auch nur sicherstellen, dass sie beim nächsten Mal gewinnen.« Sie bewegte ihr Gesicht dicht vor das von Kelch und schaute ihr tief in die Augen. »Du bekommst kein Messer. Du bekommst keinen Bogen. Du bekommst keinen Stein, kein Seil, keinen spitzen Stock. Du kannst zuschauen, mehr nicht. Und wenn du weiterhin redest, während ich versuche zu denken, ist alles, was du bekommst, ein Knebel.«

»Ich bin eine bessere Kämpferin als ihr beide zusammen«, sagte Kelch. Und das war so wahr, wie nur irgendwas wahr sein konnte.

»Letzte Warnung!«, sagte Ursala.

Darauf zuckte Kelch nur ärgerlich mit den Schultern. Ursala schaute wieder auf den Monitor und ließ die Drohne noch mal den Hang rauf- und runterfliegen, bevor sie sie nach Hause rief und wegräumte.

»Ich denke, wir sollten über die Bergkuppe gehen, dort entlang«, sagte sie und zeigte in die Richtung. »Koli, ist deine imaginäre Freundin der gleichen Meinung?«

Monono sprach in mein Ohr. »Wie unhöflich! Sag ihr Ja, kleiner Knödel. Dadurch bleiben wir halbwegs auf dem richtigen Weg. Und sag ihr auch, dass sie die Dichte dieser Geschosse erhöhen kann, indem sie rote Blutkörperchen im Minilabor des Packesels kultiviert, mit einem Tensid die Zellmembranen aufbricht und dann die Rohmasse backt und filtert, um das Eisen zu extrahieren. Das kann sie dann als Amalgam zur kultivierten Knochenmasse hinzufügen.«

»Das musst du ihr selber sagen«, antwortete ich. »Ich werd nicht eins von den Wörtern richtig rausbringen.« Außerdem, dachte ich bei mir, waren das keine Wörter, die Monono benutzt hatte, bevor sie ins Internet ging und mit dieser Autonomie zurückkam. Ich fragte sie, ob das Machen von Bolzen – oder Geschossen, wie sie sie nannte – eine Fertigkeit war, die sie da gefunden hatte.

»Ja, das wird es wohl sein«, sagte sie. »Ich habe auf ein paar militärische Datenbanken zugegriffen. Ich dachte, ich würde nur Handshake-Protokolle ausführen, aber man kann sich beim Händeschütteln einige hässliche Krankheiten einfangen.«

Das hatte ich nicht gewusst und auch noch nie drüber nachgedacht, darum sagte ich nichts. Ich hoffte nur, dass es nicht stimmte.

Wir gingen um die Bergkuppe rum und dann auf der andern Seite runter. Ein kleiner Bach lief neben uns her und sammelte sich immer wieder in kleinen Becken, die so groß waren wie mein Fuß. Das Wasser sah so sauber aus, dass ich am liebsten angehalten und unsre Wasserflaschen nachgefüllt hätte, aber die Tanks im Packesel waren voll, sowohl die für das Wasser, das er schon zum Trinken ungefährlich gemacht hatte, als auch die für das Wasser, an dem er noch arbeitete. Ursala hatte mir nicht gesagt, wie der Packesel das Wasser ungefährlich machte, aber ich dachte, dass es wohl so sein musste, wie wir’s in Mythen Rood machten, nämlich durch Sieben und Abkochen. Aber der Packesel wurde nie heiß, jedenfalls wie ich das sehen konnte, also machte er’s vielleicht doch auf eine andre Weise.

Der Tag blieb klar, mit nur ein paar Wolken, die sich wie Türme im Osten aufhäuften, darum blieben wir, wenn wir konnten, auf dem Geröll, wo nur wenig wuchs. Wir kamen gut vorwärts, jedenfalls am Anfang. Der steile Hang und der unebene Boden machten uns ein bisschen langsam, aber nicht so, wie’s Bäume getan hätten. So hoch an einem Berg sah man sowieso nicht viele Bäume. Sie konnten zwischen den Steinen und Felsen nicht tief genug wurzeln, darum machten sie Platz für Büsche oder wildes Gras oder zum Schluss für gar nichts, was mir am besten gefiel.

Je länger wir gingen, ohne die Ausgestoßenen zu sehen, umso sicherer war ich, dass sie aufgegeben hatten. Meine Stimmung wurde besser, und während wir wanderten, sprach ich viel über die seltsamen Dinge, die zu sehen waren. Eine Felswand, die ganz mit Vogelnestern bedeckt war, zwischen denen Millionen Glockenfedern und Schwalben hin und her flogen (Millionen war ein Wort, das Monono mir beigebracht hatte und das eine Zahl bedeutete, die zu groß war, um sie zu zählen). Ein Turm ganz aus Metall, der aussah, wie wenn jemand eine Menge Leitern aneinandergestellt hätte, nur dass die Leitern so groß waren wie für Riesen. Ein Ding fanden wir, das am Berghang lag und aussah wie ein großer Viehtrog mit einem Dach drüber. Es hatte Räder wie die Räder von einer Schubkarre oder dem Steckenpferd von einem Kind. Aber diese Räder waren aus Metall, also vielleicht war das mehr so was wie einer von diesen Seilzügen, mit denen wir in der Werkstatt von meiner Mutter Holz oben auf die Stapel zogen.

»Man nannte es ein Auto«, sagte Monono, als wir dieses letzte Ding sahen. »Die Menschen fuhren damit umher, Koli. Zu meiner Zeit sind die damit überallhin gefahren. Zur Zeit der ersten Monono, meine ich natürlich.«

Monono hatte ihren Namen und alles andre von einer Sängerin aus der alten Zeit, von der die Gedanken und Erinnerungen in den DreamSleeve geschüttet worden waren, als er gebaut wurde. Es war was, über das sie nicht gern redete, also antwortete ich nichts, als sie das sagte.

Ursala, die Monono nicht gehört hatte, erzählte mir das Gleiche. »Das ist ein Auto, Koli. Wundert mich, dass du noch nie eins gesehen hast. In eurem Tal liegen so einige Karosserien herum, die meisten sind allerdings auf der Nordseite des Flusses. Du wirst noch viele davon sehen, wenn wir nach Birmagen kommen, das verspreche ich dir.«

»Was ist Birmagen?«

»Eine Stadt, die fast so groß ist wie London und direkt auf unserem Weg liegt. Eigentlich wäre es kein großes Problem gewesen, sie zu umgehen, aber ich bin darauf zugesteuert in der Hoffnung, dass die Schadstoffe im Boden dort höher konzentriert sind und wir ein bisschen mehr Ruhe vor dem Wald haben.«

Das war eine schöne Hoffnung, und dadurch blieb mir auch den ganzen Morgen lang meine gute Stimmung. Das andre, worauf ich hoffte, war, dass sich das Wetter änderte, aber der Himmel blieb klar, mit nur ein paar kleinen Wolken, die sich am Rand von dem, was wir sehen konnten, gegenseitig jagten. Wir gingen jetzt nach unten, aus den höheren Bergen raus. Meile um Meile wurden die Hänge weniger steil und die Bäume kamen immer näher. Am Ende vom Vormittag blieb uns nichts andres übrig als am Waldrand anzuhalten und zu warten, was der Himmel vorhatte.

Aber schon lange davor war nichts mehr von meiner Hoffnung übrig, dass wir die Ausgestoßenen los waren. Als wir noch auf dem Berghang waren, konnten wir ziemlich weit sehen, und jede kleine Bewegung in dieser ganzen Stille und Ruhe sprang einem sofort ins Auge rein, wie man so sagt. Männer und Frauen haben ihre eigne Art, sich zu bewegen, die anders ist als die von Bären oder Hunden oder Baumkatzen und solchen Tieren. Immer wieder, wenn ich nach dahin zurückschaute, wo wir herkamen, konnte ich ein bisschen von dieser Bewegung im Gebüsch oder am Rand vom Wald sehen. Die Ausgestoßenen benutzten jede Deckung so gut, wie sie konnten, aber sie konnten nicht ganz in die Bäume reingehen, wie wir auch nicht, darum konnte man sie sehen, wenn man nur richtig hinschaute.

Ich glaubte, dass es wohl mindestens vier von ihnen waren, denn sie flankierten uns auf beiden Seiten und blieben dabei weit zurück. Wenn wir im Caldertal so was bei einer Jagd machten, dann arbeiteten wir zu zweit zusammen, damit einer der Spur folgen konnte, während der andre ein Auge aufs Wetter und andre Gefahren hatte. Aber vielleicht machten diese Leute das ja auf andre Weise. Schließlich waren wir ein weites Stück vom Caldertal weg.

»Hast du sie gesehen?«, fragte ich Ursala und zeigte mit dem Kopf über die Schulter auf das, was ich meinte.

»Natürlich«, sagte sie, ohne hinzuschauen.

»Wir sind hier ziemlich ungeschützt.«

»Ja, das stimmt. Aber ich glaube, im Moment sind wir sicher. Solange die Sonne scheint, haben sie nur zwei Möglichkeiten. Sie greifen uns über den Berg an, was bedeutet, dass wir sie kommen sehen und der Packesel sie ausschalten kann. Oder sie wagen sich in den Wald und werden zu Brei zermatscht.«

»Ja, Ursala, aber wenn eine Wolke kommt …«

»Wenn eine Wolke kommt, laufen wir, bevor sie es tun.«

»Zwischen die Bäume?«

»Natürlich zwischen die Bäume. Wir laufen so schnell, wie wir können, und lassen es darauf ankommen. Anderenfalls riskieren wir, dass sie uns überholen und uns den Weg abschneiden.«

»So lange werden sie nicht warten«, sagte Kelch. Ihre Stimme war ein Knurren, das so klang, als ob sie wütend drüber wäre, was für einen Unsinn wir redeten, und als könnte sie’s nicht mehr hören.

Ursala ließ nicht erkennen, dass sie sie gehört hatte, aber ich dachte mir, dass wir umso besser dran waren, je mehr Ideen wir hatten. »Was meinst du, Kelch?«, fragte ich sie.

Sie zeigte mit dem Kopf auf die Bäume, dann auf den Berg hinter uns. »Sie haben uns in der Zange. Warum sollten sie nicht angreifen und uns fertigmachen, bevor wir wieder verschwinden?«

»Der Packesel …«, fing Ursala an.

»Die können weiter schießen als der Packesel!« Kelch schrie jetzt fast. »Das hast du selber gesagt. Glaubst du, das wissen die nicht? Darum haben die uns letzte Nacht angegriffen. Um die Kanone von eurem Eisenpferd gegen ihre Bogen zu messen, als wir nicht die Möglichkeit hatten, sie zu vertreiben. Das ist das, was jeder getan hätte, wenn er nicht ganz dumm ist. Und diese Leute sind Soldaten aus Halb-Axt, also wissen sie verdammt gut, was sie tun.«

Mir fiel plötzlich ein, dass Kelch mir im Caldertal erzählt hatte, dass sie mal verheiratet werden sollte, mit der Cousine vom Friedensstifter. Damals musste sie in Halb-Axt gelebt haben oder nicht weit davon weg, denn Halb-Axt war da, wo der Friedensstifter seinen Hof hatte.

Ursala sah Kelch streng an. »Woher weißt du das?«

»Ich hab ihre Uniformen gesehen. Was glaubst du denn? Diese grauen Hemden, die sie anhaben, gehören zu Halb-Axt.«

Für mich klang das richtig, und ich konnte sehen, dass Ursala das auch dachte. Sie schaute zum Bergrücken hoch, auf der Suche nach Bewegung. Ich hockte mich hinter die Flanke vom Packesel, denn plötzlich fiel mir ein, dass es ja ganz einfach wäre, vom Bergrücken nach unten zu schießen, und wenn’s doch mehr als vier waren, dann konnten sie schon lange da oben sein. Kelch blieb, wo sie war, als ob’s ihr egal wäre, ob sie von einem Pfeil erschossen wurde.

Für einen langen, stillen Moment war nichts zu sehen. Wir atmeten nicht mal. Dann wackelte ein Busch, während die Büsche auf seinen beiden Seiten nicht wackelten, und wir wussten Bescheid.

»Ursala …«, sagte ich.

Gerade als ich das sagte, flog der erste Pfeil über meinen Kopf. Und gar nicht so weit drüber. Ich konnte die Luft pfeifen hören. Der Pfeil kam nicht von dem wackelnden Busch, sondern von weiter vorne. Von genau da, wo wir hingingen, mit andern Worten. Das war gar nicht gut. Der Packesel konnte nicht viel Deckung geben, wenn die Leute auf beiden Seiten vom Hang runter angriffen.

Noch mehr Pfeile kamen. Einer traf das hintere Ende vom Packesel, nur eine Handbreit von da weg, wo Kelch stand, und ein andrer bohrte sich zwischen den Beinen vom Packesel in den Boden. Die Kämpfer konnten ziemlich gut zielen, dafür dass die so weit weg waren.

Sie kamen jetzt raus aus ihrer Deckung, was ziemlich mutig war. Das bedeutete, dass Kelch wohl recht hatte und dass sie in der Nacht rausgefunden hatten, wie weit der Packesel schießen konnte, und wussten, dass ihnen nichts passieren konnte. Trotzdem waren sie vorsichtig und kamen nur langsam näher. Sie konnten sich jetzt alle Zeit nehmen, die sie brauchten, um ihre Schüsse zu zielen, und trafen viel weniger leicht daneben. Kelch hatte auch recht mit dem, was die Leute anhatten: graue Hemden bei allen, mit einem roten Fleck oben an der Brust. Also waren’s doch keine Ausgestoßenen. Das waren Soldaten, wie Kelch gesagt hatte, was ein Name für Leute ist, die ihr ganzes Leben dafür üben, gegen andre Leute zu kämpfen, wenn’s einen Streit gibt, der nicht auf andre Weise gelöst werden kann.

Wir saßen mächtig in der Klemme, ohne einfachen Weg da raus, bis sich auf einmal einer von diesen Wolkentürmen vor die Sonne schob.

»Los!«, rief Ursala.

Wir wussten genau, was sie meinte. Wir rannten los, runter über die letzten zehn oder 20 Meter freien Boden, und Pfeile flogen um uns rum und an uns vorbei, als ob’s ein Wettlauf wäre. Und ein Wettlauf war’s wohl auch, und wir gewannen ihn, denn wir schafften’s zwischen die Bäume, ohne dass uns was traf. Aber Kelch wurde dabei verletzt. Sie wurde von ihren Beinen gerissen, als der Packesel plötzlich im Galopp loslief, und über den Boden geschleift, durch dichte Brombeeren und Knöterich.

Ich zog sie wieder auf die Füße, aber ich musste es im Laufen tun, weil Ursala immer noch rannte und der Packesel ihr überallhin folgte, so wie immer.

Ich rannte noch schneller und holte Ursala ein. »Wir sind jetzt in Sicherheit!«, schrie ich. Ich wollte, dass wir langsamer machten, für den Fall, dass Kelch wieder hinfiel. Sie konnte leicht dabei sterben, wenn sie über diesen rauen Boden geschleift wurde, bis sie keine Haut mehr hatte oder sich das Genick brach.

»Nein, sind wir nicht!«, schrie Ursala zurück. Ich schaute nach hinten und sah, dass sie recht hatte. Alle paar Sekunden kriegte ich einen kurzen Blick auf einen Mann oder eine Frau in den Lücken zwischen den Bäumen, die so schnell liefen, dass sie fast bis zum Boden gebeugt waren. Die Soldaten von Halb-Axt hatten noch nicht aufgegeben.

Aber ein Spaziergang war’s für die auch nicht. Die Bäume standen so dicht, dass es schwer war, an uns dranzubleiben. Wenn sie mit der Jagd weitermachen wollten, mussten sie viel näher rankommen als vorher. Ein paar von ihnen kamen zu nah. Die Kanone vom Packesel schwang rum und spuckte einen Bolzen aus, so schnell, dass man ihn fast nicht sehen konnte, und einer von den Kämpfern ging so heftig zu Boden, dass er sich überschlug. Danach fielen die andern ein Stück zurück und ließen uns ein bisschen Luft. Ich nutzte den Moment, um näher zum Packesel zu rennen und mit meinem Messer nach dem Seil, das Kelchs Hände fesselte, zu hauen. Ich wollte nicht, dass sie bei der Flucht vor den Soldaten wieder vom Packesel zu Boden gerissen und vielleicht getötet wurde.

Ich weiß gar nicht, ob man sagen kann, dass das Messer meins war. Ich hatte es von einer genommen, die Himmel hieß, nachdem der Packesel sie getötet hatte. Ich weiß auch nicht, ob man’s wirklich ein Messer nennen konnte, denn es war fast so lang wie ein Schwert und hatte eine krumme Klinge, die zur Spitze hin breiter wurde. Kelch nannte das Ding eine Machete. Himmel hatte es immer mächtig scharf gehalten, darum war’s genau richtig für das, was ich vorhatte. Nur mit meinem Zielen klappte es nicht so gut.

Kelch sah, was ich wollte, und half mir dadurch, dass sie ihre Arme so hoch wie möglich hielt und das Seil spannte, damit ich ein leichteres Ziel hatte. Trotzdem konnte ich nur danach schlagen und nicht sägen, wie ich’s getan hätte, wenn wir gestanden hätten. Zuerst sah’s aus, als ob’s nicht funktionieren würde. Aber dann schaffte ich es, zweimal auf die gleiche Stelle zu hauen, und ich sah, wie das Seil fransig und dünn wurde. Und dann riss es ganz plötzlich durch.

Sobald Kelch frei war, nahm sie die Beine unter die Arme, wie man so sagt, und rannte los. Meine Beine waren länger als ihre, aber trotzdem rannte sie schneller als ich.

Und dann kamen wir auf einen Jagdpfad, direkt vor uns. Jetzt konnten wir sehr viel schneller laufen, auf der flachen und platt getretenen Erde, wo kein Gras wuchs, und ich fing schon an zu glauben, dass wir doch noch davonkommen konnten.

Aber damit hatte ich mich zu früh gefreut. Ich hörte einen tiefen Laut von irgendwo ganz nah, wie ein dicker Mann, der tief im Hals stöhnt. Noch so ein Laut kam und dann noch einer. Ein Baum vor mir zitterte und zuckte und ein andrer beugte sich nach vorn und wischte mit seinen Ästen über den Boden, wodurch wir springen mussten, um drüberzukommen.

Zwischen einem Atemzug und dem nächsten war der ganze Wald in Bewegung. Und wir waren mittendrin und konnten nirgends mehr hin.

Die Sonne war wieder rausgekommen.

Und wir waren kurz davor, von den aufgewachten Bäumen aufgefressen zu werden.