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Die Erde, irgendwann weit in der Zukunft. Die finale Schlacht beginnt … Koli und seine Mitstreiter stehen vor der traurigen Wahrheit: London existiert nicht mehr. Stattdessen treffen sie auf ein gigantisches Schiff, das Schwert von Albion – das Relikt einer blutigen Vergangenheit. Findet Koli hier die ersehnten Antworten? Währenddessen spitzt sich in dem Dorf Mythen Rood der Konflikt zu: Im Dunkel der Wälder formiert der Feind seine Truppen für eine gnadenlose letzte Schlacht. Packender Abschluss der Geschichte um den jungen Koli vom Autor des Millionensellers The Girl With All the Gifts. Kennst du Bücher, die du so sehr geliebt hast, dass du sie absichtlich so langsam wie möglich gelesen hast? Nun, Kolis Reise ist so ein Werk eines Meistererzählers. Locus: »Umwerfende erzählerische Kraft … herzzerreißend und ehrlich.« Publishers Weekly: »Voller Action und Menschlichkeit«
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Seitenzahl: 794
Veröffentlichungsjahr: 2022
Aus dem Englischen von Manfred Sanders
Impressum
Die englische Originalausgabe The Fall of Koli
erschien 2021 im Verlag Orbit (Little, Brown Book Group).
Copyright © 2021 by Mike Carey
Copyright © dieser Ausgabe 2022 by Festa Verlag GmbH, Leipzig
Titelbild: Arndt Drechsler-Zakrzewski
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-964-0
www.Festa-Verlag.de
Für Ivan Thomas Kamalaka Furtado
und
Elvin George Lucy
KOLI
1
Ich ging mal auf eine Reise. Das ist vielleicht neu für euch, oder vielleicht wisst ihr’s auch schon. Ich versuch, mich nicht zu viel zu wiederholen, aber manchmal weiß ich nicht mehr genau, was ich schon erzählt hab und was nicht. Das alles ist jetzt schon eine ganze Weile her und seitdem ist eine Menge passiert.
Na ja, ich sag zwar, dass es lange her ist, aber ich muss zugeben, dass sich’s für mich eigentlich gar nicht so anfühlt. Es fühlt sich so an, als ob ich immer noch auf der Straße wäre und nur eine Minute oder zwei Pause machen würde, bevor’s weitergeht. Ein totes Mädchen, das meine beste und treueste Freundin ist, erklärt das so: Die Dinge, sagt sie, die uns am tiefsten verändern, leben irgendwie in uns drin weiter, dadurch fühlen sie sich immer so an, als ob sie gerade jetzt im Moment passieren würden.
Ich glaub, dass sie recht hat. Oder wenigstens, dass es bei mir so ist.
Von allen Sachen, die ich in meinem ganzen Leben gemacht hab, war diese Reise, von der ich erzähl, das Allerwichtigste. Und sie war auch das, was mich das meiste gekostet hat. Ich hab mich nie drüber beschwert, auch wenn ich immer gewusst hab, was ich tat. Keiner kann sagen, dass ich meine Entscheidungen getroffen hab, ohne zu wissen, was sie für mich bedeuteten.
Meine lange Reise fing an, als ich gesichtslos gemacht und aus meinem Dorf im Caldertal geworfen wurde. Ich ging von da nach Süden, vom wildesten Norden von Ingland ganz bis runter zum Dorf Viele-Fische, am Rand von der großen Lagune, wo früher das verlorene London gestanden hat. Dann fuhr ich übers Meer zu einem Ort, der Schwert von Albion genannt wurde und von dem ich dachte, dass das das Ende von meiner Reise sein würde. Aber das war nicht das Ende, überhaupt nicht, wie ihr sehen werdet, wenn ihr mit mir kommt durch diese nächste und letzte Geschichte. Der erstaunlichste Teil – der erstaunlichste und schrecklichste – lag noch vor mir.
Wenn ich Wörter sag wie erstaunlich und schrecklich, dann klingt das vielleicht so, als ob ich prahlen oder angeben wollte. Aber um ganz ehrlich zu sein, hab ich nicht viel, womit ich prahlen kann. Ich hatte nie besonders viel Mut und noch weniger Schlauheit oder Talent – bis aufs Holzwerken, was das Handwerk von meiner Mutter war und auch meins hätte sein sollen. Alles, was ich hatte, war die Dummheit, die man hat, wenn man jung ist und noch nicht viel von der Welt geprüft wurde. Bei all der vielen Gefahr, in die ich mich selber brachte, dachte ich immer, dass es da irgendwo eine Regel geben musste, die sagte, dass ich nicht sterben konnte, bevor ich richtig gelebt hatte.
Aber so eine Regel gibt’s nicht – und auch wenn ich auf meiner langen Reise nicht gestorben bin, könnte man doch sagen, dass Teile von mir das getan haben. Jedenfalls bin ich Dingen begegnet, die mich von dem Jungen, der ich vorher war, zu was anderm verändert haben, also kann man sagen, dass dieser Junge die Reise nicht überlebt hat.
Ich sollte euch noch erzählen, dass ich nicht allein war auf meiner Reise. Drei Frauen waren bei mir und ein Lasttier, das ›Packesel‹ genannt wurde.
Die erste Frau war Ursala-von-Anderswo. Sie kam von einem Ort, der Duglas hieß, und sie war der klügste Mensch, den ich je getroffen hatte. Ursala wusste fast alles, was man über die Welt wissen konnte, vor allem eine ganze Menge über die winzigen Samen, die in einer Frau und in einem Mann sind und die zu Babys werden, wenn man sie zusammenbringt. Sie war eine Trinkerin, wenn sie was zu trinken finden konnte, eine Heilerin, die jede Krankheit heilen konnte, für die’s einen Namen gab, und eine Wanderin, die nie lang an einem Ort blieb. Und sie hasste es, wenn man sie anfasste, aber das hielt sie nicht davon ab, mir eine gute Freundin zu sein.
Die zweite Frau war Kelch, auch wenn ich sie vielleicht lieber ein Mädchen nennen sollte, weil sie erst 14 Jahre alt war und in meinem Heimatdorf Mythen Rood noch nicht Anwärterin geworden wäre. Sie war eine große Kämpferin und hatte vorher bei den Ausgestoßenen im Caldertal gelebt, die Fleisch von Menschen aßen, aber jetzt tat’s ihr leid, dass sie das getan hatte, und sie würde’s nie wieder tun. Sie hatte eine Religion, mit der ich nichts anfangen konnte, und an der hielt sie fest, auch wenn sich gezeigt hatte, dass ihr Messias Senlas verrückt war und er sich selber lebendig verbrannt hatte. Kelch hatte einen Bogen und mit dem konnte sie so gut umgehen, wie ich’s noch nie bei jemand gesehen hatte. Und für den Fall, dass ich’s vergessen hab zu sagen: Sie war über Kreuz, was heißt, dass sie im Körper von einem Jungen war und nicht von einem Mädchen.
Die dritte von den Frauen war sogar noch schlechter dran, denn die hatte gar keinen Körper. Sie hieß Monono Aware und war das tote Mädchen, von dem ich schon gesprochen hab. Aber sie war nicht wirklich tot und man könnte vielleicht auch sagen, dass sie nicht wirklich ein Mädchen war. Man kann nur schwer sagen, was sie denn genau war, weil’s so was wie sie noch nie gegeben hatte. Wissenschaftler aus der verlorenen Welt hatten alle Gedanken, die im Kopf von der echten lebendigen Monono Aware gewesen waren, gesammelt und in einen silbernen Kasten gesteckt. Dann, nach einer langen Zeit, hatten sich die Gedanken selber verändert zu was anderm, aber sie behielten den gleichen Namen, Monono Aware, weil’s der einzigste Name war, den sie für sich selber hatten. Monono war meine beste Freundin auf der ganzen Welt, wie ich schon gesagt hab. Eigentlich waren alle drei meine Freunde, aber Monono war jemand, von dem ich nicht getrennt werden konnte, ohne weniger als ich selber zu sein, wenn das überhaupt irgendeinen Sinn macht.
Von diesen ganzen Sachen hab ich schon erzählt, vielleicht mehr als nötig war, aber da gibt’s ein paar Dinge, die ich ausgelassen hab, als sie passiert sind, weil sie nichts mit der größeren Geschichte zu tun hatten, die ich erzählen wollte. Jetzt will ich kurz zurückgehen und euch eine von den fehlenden Sachen erzählen, auch wenn’s nicht an der richtigen Stelle ist, aber es ist wichtig für das, was danach kam.
Wir waren gerade drei Tage aus dem Caldertal raus und gingen nach Süden und Osten. Viele-Fische, Schwert von Albion, Baron Furnace – das alles war noch ganz weit vor uns und noch nicht mal in unsern Träumen.
An diesem dritten Tag kamen wir in ein Stück Land, das dem Friedensstifter gehörte. Wir wussten das, weil wir überall an Bäumen und auf Pfählen und an Felsen sein Zeichen sehen konnten, das aussah wie die Axt von einem Holzfäller. Manchmal war das Zeichen sauber aufgemalt, mit irgendwelcher roten Farbe. Manchmal war’s auch nur gekritzelt oder eingeritzt, wie wenn’s jemand eilig gehabt hätte, und fast gar nicht zu sehen.
Und dann kamen wir an einen seltsamen Ort. Das war ein Stück freier Boden, ungefähr 300 Schritte lang und vielleicht 200 Schritte breit, mit Steinen und Felsbrocken überall an den Seiten. Die Steine waren von dem Feld weggeräumt worden, oder so sah’s jedenfalls aus, und an den Rändern aufgehäuft – irgendjemand musste sich viel Arbeit gemacht haben, um da was hinpflanzen zu können. Aber in der Mitte, wo man gedacht hätte, dass da Lauch oder Zwiebeln oder Kartoffeln wuchsen oder wenigstens ein bisschen grünes Gras für eine Weide, da gab’s nur dunkelbraune Erde, auf der weiße Linien waren.
Diese weißen Linien waren seltsam, weil sie eine Form hatten. Ein paar davon waren gerade, aber andre waren krumm, manche waren weit auseinander, andre dicht zusammen. Sie waren dadurch gemacht worden, dass jemand Furchen in den Boden gepflügt und die dann mit weißem Pulver gefüllt hatte. Als Kelch sich hinkniete und das Pulver probierte, verzog sie das Gesicht.
»Das ist Salz. Oder jedenfalls ist da Salz drin.«
»Es ist auch Kreide darin«, meinte Ursala. »Das ist das, was dem Zeug die leuchtende Farbe gibt.«
Na ja, Kreide ist was, das man überall findet, aber Salz ist wertvoll. Wir konnten uns keinen Grund denken, warum man das eine dadurch verderben sollte, dass man’s mit dem andern mischte. Und dann fanden wir die Ruinen von einem Haus auf dem Feld und dann noch eine und eine dritte und vierte. Die waren alle verbrannt worden, schon vor so langer Zeit, dass die Asche weggeweht war und nur noch die Umrisse von den Wänden übrig waren und ein paar Steine hier und da, wo die Türschwellen gewesen waren. Da wussten wir, dass der Boden von denen, die die Häuser verbrannt hatten, mit Salz gepflügt worden war, damit die Leute, die in den Häusern gelebt hatten, nicht wieder zurückkamen.
Es war traurig, das zu sehen, und ließ unsre Stimmung ziemlich schwer werden. Wir blieben nicht lange da, sondern machten uns schnell weiter auf unsern Weg, der uns nach oben in die Hügel brachte. Ungefähr eine halbe Stunde später tippte Kelch auf meinen Arm und zeigte zurück.
Wir waren rausgekommen auf einen Knick von einem Berg und konnten bis runter zu dem Feld schauen, wo wir eben gewesen waren, ungefähr 400 Meter unter uns. Von oben konnte man sehen, dass die weißen Linien ein Zeichen machten. Es sah aus wie die Axt von einem Holzfäller, und damit wussten wir, wer die Leute gewesen waren, die die Häuser verbrannt und das Salz verstreut hatten. Sie wollten, dass jeder das sehen konnte und keiner irgendeinen Zweifel hatte, wer das gewesen war. Wenn das Salz eine Rache war, dann sollte die Kreide es allen sagen.
Ich hatte den Friedensstifter noch nie getroffen und war auch noch nie in Halb-Axt gewesen, aber ich hatte da schon angefangen, ihn zu hassen, und jetzt hatte ich guten Grund, ihn noch mehr zu hassen. Darum erzähl ich das alles aber nicht. Ich will nur sagen, dass man manchmal ein Stück von einer Sache weg sein muss, bevor man sie klar sehen kann. Das ist auch so mit der größeren Geschichte, die ich hier die ganze Zeit schon erzähl, und ganz besonders ist das so mit dem Ort, zu dem wir als Nächstes kamen, nachdem wir von Viele-Fische raus auf die Lagune und dann aufs Meer gefahren waren, immer hinter dem Signal her, das Monono schon im Caldertal gehört hatte. Es war ein Ort, der ›Schwert von Albion‹ genannt wurde, auch wenn’s gar kein Schwert war und der Name also eine Lüge war.
Ho, Koli Holzwerker, denken jetzt vielleicht ein paar von euch. Nach den Geschichten, die du uns über Ausgestoßene und Messiasse, über Seebären und Würgerfrühlinge erzählt hast, muss man sich schon ganz schön strecken, um so hart zu lügen wie du. Du musst gerade über die Lügen von andern reden. Aber ich schwör euch, dass ich immer alles, was ich getan hab, und alles, was mit mir passiert ist, genauso erzählt hab, wie ich mich dran erinnere. Ich versteck keinen von meinen Fehlern vor euch, auch wenn’s manchmal schwer ist, Platz für die alle zu finden.
Nur eine einzigste Lüge hab ich euch die ganze Zeit erzählt, und das war, weil ich nicht die Worte hatte, um die Wahrheit zu sagen. Wenn wir zum Ende von meiner Geschichte kommen, werde ich versuchen, euch diesen Teil auch zu erzählen, und vielleicht seht ihr dann, warum ich’s nicht schon früher tun konnte.
Aber um bis zum Ende zu kommen, müssen wir erst mal einen Anfang machen.
2
Wir waren übers Meer gefahren, wie ich schon erzählt hab, immer hinter dem Signal her, das uns sagte, wo das Schwert von Albion war. Nur kamen wir anstatt zu einem Schwert zu einer riesigen Wand, die mitten im Wasser stand und aus zusammengenieteten Platten von dunkelgrauem Metall gemacht war. Und als wir noch überlegten, was wir jetzt tun sollten, sprach eine Stimme zu uns.
»Im Namen der Übergangsregierung!«, befahl die Stimme. »Bleiben Sie, wo Sie sind! Keinen Schritt weiter!«
Ich hätte fast gesagt, dass es die Stimme von einem Mann war, und irgendwie war’s das ja auch, aber gleichzeitig konnte man hören, dass da kein richtiger Mensch sprach. Die Lücken zwischen den Wörtern und die Art, wie sie gesagt wurden, passten nicht zusammen. Es war mehr so, als ob jemand sie aus einem großen Kasten mit Wörtern genommen und eins nach dem andern auf den Boden geworfen hätte, ohne drauf zu achten, wie rum sie hinfielen. Das wäre vielleicht sogar lustig gewesen, wenn die Stimme nicht da hergekommen wäre, wo sie herkam: nämlich aus dem DreamSleeve, dem kleinen silbernen Kasten, in dem Monono lebte. Eigentlich sollten da keine andern Stimmen rauskommen außer ihrer eigenen.
Und jetzt sprach die Stimme noch mal, während wir immer noch rauszukriegen versuchten, wo oben und unten war. »Sie und Ihr Boot werden gescannt. Bleiben Sie, wo Sie sind, während der Scan durchgeführt wird. Unternehmen Sie keinen Versuch, das Boot zu verlassen. Unternehmen Sie keinen Versuch, an Bord zu kommen.«
»Was …?«, stotterte ich. »Wer …? Monono, was war das?«
»Was war was, kleiner Dummbatz?«, fragte Monono mit ihrer eigenen Stimme.
»Du bist gekapert worden«, sagte Ursala. »Jemand hat deine Sprachausgabe benutzt.«
»Nein, Unsinn. Der DreamSleeve ist komplett …« Sie schwieg für einen ganz kleinen Teil von einer Sekunde. Dann fluchte sie in ihrer eigenen Sprache. »Chikusho! In meinem Log fehlen zwölf Sekunden. Das ist unmöglich!«
»Es ist absolut möglich. Du bist Opfer einer feindlichen Übernahme geworden.« Ursala klang wütend, aber ich glaub, sie hatte vor allem Angst. Das konnte ich gut verstehen. Ich hatte auch Angst, bis tief in mein Herz. Egal wie zusammengebastelt die Stimme war, das, was sie gerade mit Monono gemacht hatte, klang nach was, das größer und stärker war als alles, was ich mir vorstellen konnte, und das bedeutete nichts Gutes für uns. Ich legte meine Hand fest auf den DreamSleeve, der in seiner Schlinge an meiner Schulter hing, auch wenn ich wusste, dass ich Monono nicht vor dem beschützen konnte, was mit ihr gemacht worden war.
»Es ist alles in Ordnung, Koli-bu«, sagte sie mir durch das Induktionsfeld. »Mach dir keine Sorgen. Niemand schleicht sich zweimal an mich ran.«
»Was machen wir jetzt?«, fragte Kelch und schaute dabei Ursala an.
Das war eine gute Frage. Wir hatten keine andre Wahl als zu bleiben, wo wir waren. Unser Boot, Das Signal, lief schon seit einer ganzen Zeit mit Wasser voll und war so nah am Untergehen wie ein Wort an einem Flüstern. Ob wir da warteten, wo wir waren, oder ob wir umdrehten, jedenfalls würden wir nirgends anders hinkommen als nach unten.
»Wenn du das Schwert von Albion bist – wir kommen in Reaktion auf deine Nachricht«, rief Ursala. »Und jetzt läuft unser Boot mit Wasser voll. Wir brauchen Hilfe, sonst ertrinken wir!«
Darauf kam keine Antwort. Ursala sprach weiter: »Bitte! Wir sind keine Bedrohung für euch. Wir sind nur drei Reisende, die Hilfe brauchen.«
Danach kam nur noch mehr Stille. Kelch fing an, mit ihren Händen Wasser aus dem Boot zu schöpfen, und nach einer Weile half ich ihr dabei. Die Wellen warfen das Wasser schneller wieder rein, wie wir schöpfen konnten, aber vielleicht konnten wir so ein bisschen länger über Wasser bleiben, wie wenn wir nur rumstehen und gar nichts tun würden.
»Hört mal«, sagte Ursala.
Wir wurden still und lauschten.
Von weit über uns kam ein Geräusch, das so klang, als ob’s von was gemacht würde, das auch laut brüllen konnte, jetzt aber nur leise knurrte. Und dann wurde es immer lauter. Wir schauten hoch. Zuerst wurde das Ding vom Nebel versteckt, aber dann wischte es den Nebel weg und war klar zu sehen.
Es war so was wie eine mächtig große Drohne. Ich weiß nicht, wie ich’s anders sagen soll, denn es hing in der Luft wie eine Drohne und war auch aus den gleichen Sachen gemacht, nämlich Metall und Glas und leuchtenden Lichtern, die sich bewegten. Aber eine Drohne kann man mit seinen Händen fangen – fast jedenfalls, wenn man mutig genug ist –, nur war dieses Stück Tech so groß wie ein Haus. Außen war’s meistenteils schwarz, wodurch ich ein bisschen an eine Krähe denken musste, die runtergeflogen kommt, um was zu fressen, was tot am Boden liegt. Die Form von der Tech war auch nicht viel anders wie die von einem Raubvogel, mit Dingern, die vielleicht Flügel waren, nur dass sie zu kurz waren und zu dicht an seinen Leib gefaltet. Was aber anders war wie bei einem Vogel, das war, dass die Tech einfach so in der Luft stehen konnte, ohne sich zu rühren. Wenn die Dinger an der Seite wirklich Flügel waren, dann mussten die Flügel gar nicht schlagen und sie sahen auch gar nicht so aus, als ob sie’s könnten.
Das Ding sank tiefer und tiefer, bis es auf der gleichen Höhe war wie wir. Heiße Luft kam irgendwo raus und blies uns ins Gesicht. Es roch gleichzeitig wie ein brennendes Stoppelfeld und wie ranziges Fett auf einem Ofen. Meine Augen brannten und fingen an zu tränen.
Ich hatte immer ein ganz schlechtes Gefühl, wenn’s um Drohnen ging. In Mythen Rood, wo ich den meisten Teil von meinem Leben gelebt hatte, kamen sie aus dem Himmel geflogen und spuckten heißes rotes Licht, mit dem sie oft Menschen töteten. Man sagte, dass es Waffen waren, die vom Unbeendeten Krieg übrig waren und die immer noch nach Feinden suchten, die sie töten konnten, und darum schossen sie auf jeden, den sie sehen konnten. Es stimmte wohl, dass Ursala selber eine zahme Drohne hatte, die das tat, was sie ihr sagte, und für sie Sachen ausspionierte, aber das hatte mich auch nicht dazu gebracht, Drohnen mehr zu mögen wie vorher.
Darum dachte ich, dass das Ding, das da zu uns runterkam, nichts Gutes sein konnte, auch wenn das Wasser jetzt schon um unsre Oberschenkel stand und die Seiten vom Boot nur noch ein paar Finger über dem Meer waren.
»Entschuldigt bitte die Verzögerung«, sagte eine Stimme. »Ich sehe, dass ihr in Schwierigkeiten steckt, aber unsere Hauptsorge gilt unserer eigenen Sicherheit. Ich bin sicher, dass ihr das verstehen werdet.« Das war nicht die gleiche Stimme, die wir vorher gehört hatten, sondern eine andre. Sie gehörte auch einem Mann, aber er klang so, als ob er unglücklich oder wütend wäre und nicht so richtig wüsste, was er mit uns machen sollte, jetzt, wo wir hier waren. »Aber eins nach dem anderen. Wenn meine Anzeigen richtig sind, dann habt ihr eine medizinische Diagnoseeinheit bei euch. Könnt ihr mir sagen, was für ein Modell das ist und in welchem Zustand sie sich befindet?«
»Soll das ein Witz sein?«, schrie Ursala. »Der Zustand, in dem sie gleich sein wird, ist 50 Faden unter dem Meeresspiegel, wenn du uns nicht aus diesem Boot holst!«
»Das ist wohl kaum mein Problem«, fuhr die Stimme fort. »Oder meine Schuld. Ihr seid aus eigenen Stücken hierhergekommen. Je schneller ihr mir antwortet, desto eher sind wir fertig. Sagt mir, was für ein Modell eure Diagnoseeinheit ist, und gebt mir einen groben Überblick über ihre Funktionen. Wir brauchen ein vollständiges Bild, bevor wir entscheiden, was zu tun ist.«
»Wir gehen unter!«, schrie Kelch.
»Dann würde ich an eurer Stelle keine Zeit mehr verschwenden.«
Ursala fluchte leise. Ihre Augen waren groß und weit. Sie zeigte zum hinteren Teil vom Boot, wo die Dagnostik auf der Ruderbank lag, eingewickelt in Öltuch. Das Wasser hatte sie noch nicht erreicht, war aber nicht mehr weit davon weg. »Es ist eine integrierte Einheit aus einem Z-7-Medizinpackesel. Jetzt ist sie den Elementen ausgesetzt, wie du sehen kannst. Ihr Zustand verschlechtert sich mit jeder Sekunde!«
»Aber sie ist noch funktionsfähig?«
»Ja! Noch!«
»Und sie gehört dir?«
»Ja!«
»Also nehme ich an, dass du in ihrer Bedienung ausgebildet bist?«
Ursala warf ihre Hände in die Luft. »Schluss mit diesem verdammten Unsinn! Bring uns in Sicherheit! Dann können wir reden!«
Ein paar Momente hörten wir nichts bis auf das Knurren von der großen Drohne, die in der Luft hin und her schaukelte.
»Also gut«, sagte die Stimme. »Klettert in den Raben. Schnell!«
Eine Tür ging im Bauch von der großen Drohne auf und so was wie eine Leiter fiel raus. Jedenfalls sah’s aus wie eine Leiter, aber das Ding war ganz aus silbernem Metall und rollte sich aus und schwang hin und her wie ein geknotetes Seil. Das lose Ende davon schlug gegen die Seite von unserm Boot. Es war klar, dass wir dadran hoch in die Drohne klettern sollten. Aber Ursala bewegte sich nicht, und irgendwie war’s so, als ob Kelch und ich warten würden, was sie machte, bevor wir selber was machten. »Was ist mit der Diagnoseeinheit?«, rief Ursala.
»Überlasst das mir.«
Ursala blieb, wo sie war. »Was soll das heißen?«
»Ursala, wir werden ertrinken«, murmelte Kelch. »Vielleicht sollten wir einfach hochklettern.«
Aber ich wusste, warum Ursala sich so stur anstellte, und ich fühlte auch ziemlich genauso wie sie. Die Dagnostik konnte Medizin für jede Krankheit machen. Sie war ein großes Wunder. Und außerdem war sie die einzigste Hoffnung, die wir noch hatten, um die Menschheit zu retten, die kurz davor war, für immer und alle Zeit zu sterben. Wenn die Dagnostik wieder richtig in Ordnung gebracht wurde, konnte sie dafür sorgen, dass Babys lebendig auf die Welt kamen, die sonst tot oder gar nicht geboren worden wären. Wenn wir sie vom Meer verschlucken ließen, dann hatte es überhaupt gar keinen Sinn, dass wir hierhergekommen waren oder hinterher noch irgendwas taten.
»Ich kann die Einheit mit einer Winde hochziehen«, sagte die Stimme. »Aber bei einem so großen Gewicht besteht die Gefahr, dass euer Boot kentert. Bitte steigt in den Raben. Wir haben keine Zeit, noch weiter darüber zu diskutieren.«
Da standen wir jetzt. Wir schauten uns gegenseitig an und ich glaub, dass wir alle den gleichen Gedanken dachten, nämlich: Wer war da am andern Ende von der Stimme oder von der ersten Stimme, die wir gehört hatten, und was wollten die von uns? Wenn wir nicht aufpassten, konnte es passieren, dass wir von der Pfanne auf den Rost sprangen.
Aber wir waren in keiner guten Lage, um drüber zu streiten. Zum Schluss nickte Ursala und wir krochen alle nach vorne, was das Boot nur noch mehr unter uns hin und her schaukeln ließ. Wir kletterten einer nach dem andern die Leiter hoch und rein in die große Drohne, die der Mann einen Raben genannt hatte. Kelch, die schwimmen konnte und keine Angst vorm tiefen Wasser hatte, ging zuerst. Sie kämpfte erst ein bisschen mit der Leiter, aber dann fand sie raus, wo sie ihre Hände und Füße hintun musste, und kletterte schnell nach oben. Als sie drin war, kniete sie sich hin und wartete, damit sie Ursala helfen konnte. Sie packte mit beiden Händen einen von Ursalas ausgestreckten Armen und zog sie hoch.
Damit blieb nur noch ich und ich muss sagen, dass ich gar nicht glücklich war, meinen Fuß auf die Leiter zu stellen. Das Ding war nicht so wie eine Leiter in einem Ausguck oder wie die Leitern zwischen den Häusern in Viele-Fische, sondern sie schwang lose in der Luft, auf eine Weise, dass einem ganz komisch wurde. Trotzdem sah ich, dass es keinen andern Weg hier raus gab, also packte ich die Leiter mit beiden Händen, um sie ruhig zu halten, und setzte meinen Fuß auf die unterste Sprosse.
Eine lose Leiter hochzuklettern ist, wie ich da lernte, ganz was andres wie auf eine feste zu klettern. Vom eigenen Gewicht kippt sie und rutscht unter einem weg, und man muss sich an beiden Seiten festhalten und sich an die richtige Stelle bringen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Ich machte das eine von den beiden, aber nicht das andre. Mit meinem ersten Schritt fing die Leiter an zu schaukeln. Mit meinem zweiten Schritt bockte sie und sprang hin und her wie ein Pferd, das Nein sagt zum Sattel.
Und mit meinem dritten Schritt warf sie mich ab.
Ich streckte meine Hand aus, um die Seite vom Boot zu packen, aber ich griff ziemlich weit daneben. Ich fiel ins Wasser, und als ich erst mal da war, ging’s immer weiter runter.
Die Kälte fühlte sich an, als ob mich ein Riese mitten in mein Herz geschlagen hätte. Ich konnte keinen einzigen Teil von mir bewegen. Ich fiel im Meer nach unten, so wie man durch die Luft fällt, wenn man vom Dach von einem Haus springt, nur nicht so schnell.
Es war wohl meine eigene Schuld, dass ich’s mit dem Schwimmen nicht besser hinkriegte. Fast vier Monate lang hatte ich in einem Dorf direkt am Meer gelebt, und da in dem Dorf gab’s nicht einen Jungen oder ein Mädchen, die nicht schwimmen konnten wie ein Fisch, noch bevor sie laufen lernten. Viele Male hatten mir Leute angeboten, dass sie’s mir zeigen wollten, aber ich dachte immer, dass es einfacher war, gar nicht erst ins Wasser zu gehen, was auch nie ein Problem für mich war, bis zu diesem Moment.
Und jetzt war ich hier, tief im Wasser und immer tiefer, runtergezogen vom Gewicht von meinen Sachen und meinem Messer und dem DreamSleeve und meinem ganzen andern Zeug. Ich sah den Kiel von unserm Boot über mir, immer weiter und weiter weg. Tja, dachte ich, das war’s dann, jetzt ertrink ich. Und ich tat auch mein Bestes, um das wahr zu machen, denn ich ließ die ganze Luft, die in meiner Lunge war, in so was wie einem Rülpser raus, einfach nur weil ich überrascht war und es nicht besser wusste. Das Meer floss in mich rein und füllte die Stellen aus, wo vorher die Luft gewesen war.
Man sollte meinen, dass das Tauschen von Luft gegen Wasser mich schwerer machen müsste, aber mein Sinken im Wasser wurde langsamer und hielt dann ganz an. Es war, als ob ich da hängen würde, an einem Ort, der ganz gestreift war von Licht und Dunkelheit.
Irgendwas schwamm an mir vorbei, ganz nah. Ich sah als Erstes sein Auge, wie das Fenster von einem Haus, in dem kein Licht an ist. Dann glitt seine graue Flanke an mir vorbei, überall mit Stacheln und Spitzen besetzt, die länger waren als mein Arm. Das Ding brauchte sehr lange, um an mir vorbeizukommen. Ich hoffte mit meinem ganzen Herz, dass ich ein zu kleiner Happen war, um dafür umzukehren.
Und dann packte mich irgendwas, hoch an meinem linken Bein, und ich kam noch schneller aus dem Wasser raus, wie ich reingefallen war. Ich flog durch die Luft. Nicht wie ein Vogel, denn Vögel halten meistenteils nicht viel davon, über Kopf zu fliegen. Mehr wie ein geworfener Stein oder vielleicht noch eher wie ein Fisch, der an einer Angel aus dem Wasser gezogen wird.
Ich sah, wie das Meer unter mir schäumte und wogte und wie ein langer Schwall Wasser von meinem klatschnassen Körper nach unten floss. Ich sah unser kleines Boot, das immer voller lief und immer tiefer sank. Ich sah die riesige Wand aus Metall, direkt neben mir, so nah, dass nicht viel fehlte und ich mir den Kopf eingeschlagen hätte.
Und dann, als ich immer höher und höher flog, sah ich was, das so seltsam war, dass ich’s nicht begreifen konnte. Ich war jetzt hoch über der Wand und schaute direkt über sie drüber. Eigentlich hatte ich erwartet, auf der andern Seite ein Dorf zu sehen, so groß wie Halb-Axt oder vielleicht sogar London – und es stimmte, da war ein Ort, in dem vielleicht Menschen leben konnten, aber er war ganz lang gezogen und nicht rund wie Mythen Rood oder Ludden oder Viele-Fische. Hohe Türme ragten überall an diesem langen Ort hoch und auf der andern Seite war noch so eine große Wand. Aber die beiden Wände waren nicht gerade zueinander wie die Wände von einem Haus, sondern sie kamen an einem Punkt zusammen. Und da, wo sie sich berührten, schnitten sie eine Furche durchs Meer wie ein Pflug durch ein Feld und warfen dabei große Schaumberge zu beiden Seiten weg.
Das war kein Dorf und auch keine Festung. Es war ein Boot, so groß, dass man ganz Mythen Rood auf das Deck stellen könnte. Und es war ein Boot, das schon schlimme Sachen erlebt hatte. Ein paar von den Türmen, von denen ich gerade erzählt hab, waren umgekippt und lagen quer über dem Deck wie Leute beim Sommertanz, die zu viel Bier getrunken haben. Teile von dem weiten offenen Deck waren schwarz verbrannt und hier und da gab’s große Löcher, wo das harte Metall eingedrückt war wie nichts oder verbrannt und geschmolzen von großer Hitze. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie was, das in diesem ganzen vielen Wasser schwamm, brennen konnte. Aber ganz ehrlich konnte ich mir auch nicht vorstellen, wie was, das größer war wie ein ganzes Dorf, überhaupt auf dem Meer schwimmen konnte.
Ich hätte vor Überraschung geschrien, als ich das alles sah, aber ich hatte immer noch meistenteils Wasser in mir und konnte nur so ein Blubbergeräusch machen wie eine Pfanne auf einem heißen Ofen. Und dann legte jemand den Deckel auf die Pfanne und alles wurde schwarz.
3
»Es ist schön, dir diese Dinge zeigen zu können«, sagte Monono. »Sie waren die ganze Zeit in mir wie Geister.«
Wir waren im Ueno Park und saßen neben dem Teich, der Shinobazu hieß. Es war Nacht und im Wasser waren Reiher. Aber ich konnte auch die Alarmglocke sehen und die Stufen von Bollwerkfeste, also waren wir wohl zur gleichen Zeit auch in Mythen Rood, wo ich gelebt hatte, bevor man mich gesichtslos machte und zum Tor rausjagte, damit ich allein zurechtkommen musste.
Also hatte ich anscheinend die beiden Dinge bekommen, die ich mir auf der ganzen Welt am meisten wünschte. Ich war mit Monono an einem Ort, wo ich sie sehen und berühren konnte, und ich war wieder zu Hause bei meiner Familie und meinen Freunden, und alle meine Verbrechen waren vergessen. Ein Gefühl von Frieden kam über mich, wie wenn meine Wanderungen und großen Mühen am Ende zum Guten gewendet waren und ich nichts mehr tun musste.
»Komm mit mir«, sagte ich zu Monono. »Ich bring dich zur Sägemühle, wo du meine Mutter und meine Schwester kennenlernen kannst. Du wirst sie sehr mögen.«
»Das geht nicht, Koli«, antwortete Monono. Nur war sie jetzt nicht mehr Monono, sondern war zu was anderm geworden, so wie’s manchmal in Träumen passiert. Jetzt war sie Catrin Vennastin, Bollwerk Feuer, Mythen Roods Beschützerin und die Anführerin von unsrer Ratsammlung. Sie schaute mich ganz ernst und wichtig an. In ihren Händen hielt sie was, das ich nicht sehen konnte. »Jemiu und Athen und Mull sind alle schon vor Langem aufgehängt worden«, sagte sie, »wegen dem, was du getan hast. Die Sägemühle ist unter Wasser, wie das verlorene London, und wird nie wiedergefunden werden.«
Trauer und Verzweiflung kamen über mich. Im richtigen Leben hatte Catrin mir versprochen, dass meiner Mutter und meinen Schwestern kein Schaden passieren würde. Sie hatte gesagt, dass niemand die Schande von dem tragen musste, was ich getan hatte, außer mir selber. Aber in dem Traum wusste ich, dass das, was sie sagte, stimmte. Sie waren alle tot wegen mir.
Ich erstickte fast an meinen Worten. »Dann werd ich ganz Mythen Rood überwältigen und Bollwerkfeste über deinem Kopf einstürzen lassen. Du wirst’s noch bereuen, dass du ihnen was getan hast, Dam Catrin!«
Sie antwortete mir nicht, sondern öffnete nur ihre Hände und zeigte mir, was sie da hielt. Es war der DreamSleeve und sein kleines Fenster leuchtete hell. Ich suchte nach Mononos Gesicht, aber sie war nicht dadrin. Mein eigenes Gesicht war’s, was da zu mir zurückschaute.
»Idowak, bidowak«, sagte Bollwerk Feuer. »Ansum, bansum.«
Und dann war ich selber im DreamSleeve und schaute raus.
»Ich kann mir nicht denken, wie du von dadrin irgendwas überwältigen willst«, sagte sie.
Und dann holte sie aus und warf mich weit weg.
4
Ich krabbelte so verzweifelt aus dem Traum raus, wie man aus einer tiefen Grube rausklettert, wenn irgendwas mit einem da unten ist und man nicht genau weiß, was es ist.
Und der Gedanke kam auch nicht von nirgends. Da, wo ich war, war’s so dunkel wie in einer Nacht ohne Mond, aber ich wusste, dass ich nicht allein war. Ich hatte ein Kratzen von einer Bewegung ganz dicht bei mir gehört. Ich lag auf dem Rücken und irgendwas Weiches und Warmes deckte mich zu. Vielleicht hätte mich das trösten und beruhigen sollen, aber der Albtraum lag immer noch schwer auf mir drauf. Ich hatte das Gefühl, als ob ich im Maul von einem riesigen Monster wäre, geschnappt, aber noch nicht runtergeschluckt.
»Wer ist da?«, rief ich. Vor Angst machte ich mir fast in die Hose, aber ich versuchte so zu klingen, als ob ich, wenn ich die falsche Antwort kriegte, gefährlich werden könnte. Ich griff nach dem DreamSleeve, um ihn dicht bei mir zu haben.
Aber der DreamSleeve war nicht da. Die Schlinge, die ich für ihn gemacht hatte, war nicht da. Was ich anhatte, fühlte sich viel zu dünn und viel zu weich an, als ob’s aus Spinnweben anstatt aus Stoff gemacht wäre.
Da stieß ich einen richtigen Schrei aus und setzte mich schnell auf. Und als ich das tat, verwandelte sich die Dunkelheit in ein Licht, das so hell war, dass sich’s anfühlte wie ein Schlag auf beide Augen. Ich riss meine Hand hoch, um mein Gesicht davor zu schützen.
Jemand rannte aus dem Zimmer raus, aber ich konnte ihn nur als eine dunkle Form zwischen den ganzen dunklen Flecken sehen, die von dem Licht in meinen Augen zurückgeblieben waren. Ich hörte, wie eine Tür aufgemacht wurde, und dann, wie sie wieder zuging. Danach kamen keine andern Geräusche mehr. Ich war allein.
Und ich war in einem Bett. Ich saß aufgerichtet auf einem hohen, schmalen Lager in einem Raum, wo die ganze Zimmerdecke ein grelles Licht war. Ich musste mir die Hand vor die Augen halten, bis die dunklen Flecke weggingen. Erst danach konnte ich mich umsehen.
Aber ich konnte immer noch nicht ganz verstehen, was ich da sah. Zuerst dachte ich, dass das Zimmer ziemlich klein war, nicht größer wie mein Zimmer zu Hause in Jemius Sägemühle in Mythen Rood, das gerade mal groß genug war für ein Bett und einen Schrank. Aber dann, als meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, sah ich, dass es gar nicht klein war, sondern nur voll mit allen möglichen Sachen. Da waren Kisten und Stühle und Tische und Bündel von Kleidung, alles übereinandergepackt, und ein mächtig großer Spiegel mit Gold um den Rand. Seltsame Maschinen von allen Größen lagen überall rum, als ob die jemand einfach so hingeworfen hätte. In Mythen Rood war Tech ein wertvoller Schatz – sogar die Tech, die nicht mehr funktionierte. Aber diese Tech hier war so kaputt, dass nichts mehr zu retten war. Manches davon war wie aufgerissen, und Drähte und Platten und Teile hingen raus. Das meiste sah aus, als ob’s in einem Feuer gewesen wäre, so schwarz und verschmiert war’s mit Ruß. Ein paar Teile waren halb geschmolzen.
Und diese ganzen Sachen waren so eng hier reingestopft, dass dazwischen nicht viel Platz war. Da war sogar so was wie eine Puppe, so groß wie ein Erwachsener, die keine Haut hatte, sondern bei der nur Fleisch und Muskeln zu sehen waren wie bei einem Stück Fleisch, das man zum Braten abgehäutet hat. Mir wurde ganz übel, als ich draufschaute. Das war eigentlich gar kein richtiges Schlafzimmer, auch wenn hier ein Bett stand. Das Bett war nur auf die gleiche Weise hier wie die ganzen andern Sachen.
Die Wände von dem Zimmer waren weiß gestrichen, und statt Ecken war’s an den Stellen, wo die Wände sich trafen, rund, als ob das Ganze nur eine einzige Wand wäre, die jemand gebogen hatte.
Und ich war auch fast ganz weiß. Die Sachen, die ich angehabt hatte, waren weg, und was ich an ihrer Stelle trug, war ein weißes Gewand, so wie das Kleid von einer Frau, aus einem Stoff, der so dünn war, dass man fast durchschauen konnte. Ich hätte dadrin frieren müssen, aber das tat ich nicht, denn im Zimmer war’s warm. Fast schon zu warm.
Ich warf die Bettdecke zur Seite und kletterte vom Bett runter. Das Bett war ein komisches Ding, jetzt, wo ich’s mir genauer anschauen konnte. Es war ganz aus Metallrohren und Streben und Hebeln, die genau eins ins andre passten. Und es hatte Räder, was ich noch nie bei einem Bett gesehen hatte. Wo sollte man denn sein Bett hinrollen? Zur andern Seite vom Zimmer? Jedenfalls war hier drin sowieso nicht genug Platz, um’s irgendwo hinzurollen.
Mein Spiegelbild in dem großen Spiegel, mit meiner dunklen Haut unter dem dünnen Stoff von dem Gewand, sah wie nichts aus, was ich schon mal gesehen hatte. Als meine Augen rauf- und runterwanderten, um diesen komischen Anblick zu begreifen, der nichts andres war als ich selber, da sah ich noch was. Vor meinen Füßen lag ein Stück zusammengefaltetes Papier, wie man’s manchmal dafür nimmt, um Dörrfleisch oder Zwieback einzupacken, wenn man zur Jagd geht. Ich bückte mich und hob’s auf. Dadrauf waren viele von diesen Zeichen aus der Zeit davor, die Monono und Ursala Buchstaben nannten. Ich konnte sie nicht lesen und wusste nicht, ob das Papier für mich da liegen gelassen worden war – vielleicht von dem, der aus dem Zimmer gerannt war, als ich mich aufgesetzt hatte – oder ob’s die ganze Zeit schon da gelegen hatte. Wenn ich den DreamSleeve bei mir gehabt hätte, dann hätte ich Monono bitten können, mir das vorzulesen, aber der DreamSleeve war nicht da. Vielleicht wollten die, die ihn weggenommen hatten, nicht, dass ich wusste, was auf dem Papier stand.
Ich war noch gar nicht ganz fertig mit dem Gedanken, als die Tür aufging und eine Frau reinkam. Sie war ein seltsamer Anblick und ich wusste nicht, was ich von ihr halten sollte. Sie war vielleicht so alt wie meine Mutter, Jemiu Holzwerker, aber sonst war sie so anders, wie sie nur sein konnte. Ihre Haut war sehr hell, als ob die Sonne sie nie berührt hätte, und ihr Haar war Gold. Nicht gelb wie Butter oder das Gelbe von einem Ei, sondern hartes Gold wie Tech. Sie musste es wohl selber so gefärbt haben. Ihre Augen waren schwarz und sie hatte Linien drum herumgemalt, damit sie größer und dunkler aussahen. Ich glaub, dass sie auch ihre Lippen rot gemalt hatte, aber das konnte ich nicht genau erkennen. Ihre langen goldenen Haare gingen von ihrem Kopf nach oben und nicht runter und waren so gemacht, dass sie aussahen wie Wellen im Meer oder wie Furchen auf einem Feld. Die Sachen, die sie anhatte, hatten alle die gleiche Farbe, so wie das, was ich anhatte, außer dass sie dunkelblau waren, wo meine weiß waren – eine blaue Jacke über einem blauen Hemd und eine blaue Hose. Nur ihre Stiefel sahen anders aus, die waren schwarz.
Sie schien sich ziemlich zu freuen, als sie mich sah. »Koli?«, sagte sie. »Koli Gesichtslos? Ist das dein Name?« Sie hatte die seltsamste Stimme, die ich je gehört hatte – oder vielleicht die zweitseltsamste, nach Mononos. Da war so was wie ein Rollen drin oder ein Hüpfen, wogegen sich die Stimmen von den meisten andern Leuten so anfühlten, als ob sie nur flacher Boden wären, der immer weiter und weiter ging. Das klingt vielleicht dumm, aber ich weiß nicht, wie ich’s besser sagen soll.
»Ja«, antwortete ich. »Das bin ich. Ich bin Koli.«
»Und ich bin Lorraine.« Sie legte ihre Hand auf ihre Brust, als sie das sagte, und zeigte sozusagen auf sich selber, als ob ich sie vielleicht noch gar nicht bemerkt haben könnte. »Na, so was – Paul hat gesagt, dass du ein Knabe bist. Ich habe jemanden erwartet, der halb so groß ist wie du. Du musst doch mindestens 14 sein, oder? Und groß für dein Alter.«
Ich wusste nicht, wer Paul war, aber vielleicht war er ja die Stimme gewesen, die durch die große Drohne, die er einen Raben genannt hatte, gesprochen hatte. »Nein«, sagte ich, weil ich das Gefühl hatte, dass ich was sagen musste. »Ich bin 16 und klein.«
Das Lachen von der Frau war voll und laut. »16 und klein und absolut bezaubernd. Bist du schon zu alt für eine Umarmung?«
Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, und hatte auch gar keine Zeit, mir was zu überlegen, weil sie mich auf der Stelle in ihre Arme nahm und fest an sich drückte, so wie’s eine Mutter mit einem Baby macht. Damit hatte ich nicht gerechnet, darum wich ich nicht vor ihr weg und gab die Umarmung auch nicht zurück. Sie zog mich einfach an sich ran. Ihre Arme waren weich, aber sehr stark, und sie hielt mich für eine lange Zeit fest. Als ich so dicht an ihr dran war, roch sie nach Blumen und auch nach was Scharfem und Kräftigem, wie Harz in einem Kiefernbaum.
»Ooh, ich kann einfach nicht anders. Du bist wie mein Junge. Genau wie mein kleiner Stanley. Warum denkt die Welt nur, dass Jungen nicht ebenso sanft und liebevoll sein können wie stark und grimmig? Natürlich können sie das. Natürlich. Das eine steht doch dem anderen nicht im Weg. Sanft zu deinen Freunden, grimmig zu deinen Feinden. Willkommen in meinem Haus, Koli Gesichtslos. Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich es mich macht, dass du uns besuchst. Es ist so lange her, dass wir Gäste hatten – und noch nie hatten wir einen so goldigen wie dich.«
Endlich ließ sie mich los. Ich war ganz durcheinander von der Umarmung und der warmen Begrüßung und den seltsamen Worten, die sie gesagt hatte, und stotterte irgendwelche Worte zum Dank.
»Sei gesegnet«, sagte Lorraine. »Es ist nicht der Rede wert. Aber jetzt komm mit mir, ich bringe dich zum Frühstück. Du musst ja ganz ausgehungert sein. Zieh dich an, dann gehen wir direkt hinauf zum Krähennest. Ich habe dir etwas zum Anziehen hingelegt. Aber mach dir keine falschen Vorstellungen! Es ist das Albion-Blau, und eigentlich solltest du das nicht tragen, solange du nicht vereidigt bist und keinen Rang hast, aber das ist alles, was wir haben – also werden wir für heute ein Auge zudrücken.«
Sie zeigte zum Ende vom Bett. Da lagen wirklich ein paar Anziehsachen. Sie waren dunkelblau, genau wie das, was Lorraine anhatte. Ich musste an die Halb-Axt-Soldaten denken, die wir getroffen hatten, als wir aus dem Caldertal gekommen waren, und die ganz in Grau gewesen waren, mit roten Zeichen auf ihrer Brust. Diese Sachen fühlten sich fast genauso an – als ob sie extra so gemacht wären, dass man genauso aussehen sollte wie die andern um einen rum, damit man auch auf andre Weise genauso war wie die. Es gefiel mir nicht besonders.
Lorraine sah, wie ich zögerte, und verstand mich falsch. »Oh, entschuldige, Koli. Ich werde draußen warten, während du dich umziehst. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.« Sie ging zur Tür, aber bevor sie da ankam, kratzte ich genug Mut von irgendwo zusammen, um das zu fragen, was ganz oben in meinem Kopf war und schon gewesen war, seit ich aufgewacht war.
»Was ist mit meinen eignen Sachen passiert?«
Lorraine blieb stehen und drehte sich zu mir um. »Sie werden gewaschen. Du bekommst sie zurück, sobald sie trocken sind.«
»Aber … da war noch was andres dabei.« Ich konnte es fast nicht sagen, so eine Angst hatte ich davor, wie die Antwort sein würde. Wenn ich den DreamSleeve verloren hatte, als ich ins Meer gefallen war, oder wenn das Wasser ihn kaputt gemacht hatte, dann hatte ich Monono getötet. Ich hätte nicht mit mir selber leben können, wenn ich das getan hätte.
»Deinem Musikplayer geht es gut«, sagte Lorraine. »Wir machen nur einen kurzen Check. Das machen wir mit allen Geräten, die an Bord kommen. Du wirst ihn zurückbekommen, sobald wir damit fertig sind, versprochen.« Dazu sagte ich nichts, weil ich nicht wusste, wie meine Stimme klingen würde. Ich war kurz davor, aus Erleichterung zu weinen. Also nickte ich nur, um zu zeigen, dass ich sie verstanden hatte.
Lorraine ging aus dem Zimmer. Ich zog die blauen Sachen an, wobei ich die ganze Zeit an Monono dachte und wie lange es dauern würde, bis sie wieder bei mir war. Was war ein Check? Und was meinte sie mit Gerät? Vielleicht war das nur ein andres Wort für Tech.
Die Kleidungsstücke waren gut gewebt und passten mir auch ziemlich gut. Ich war mir nicht immer ganz sicher, wie rum ich sie anziehen musste, vor allem die Jacke, aber ich probierte alle Möglichkeiten aus, bis es einigermaßen vernünftig aussah. Auch Untersachen waren dabei und ein Paar schwarze Schuhe, die so weich waren, dass sie sich fast wie Handschuhe anfühlten. Um die Wahrheit zu sagen, waren das ungefähr zweimal oder dreimal so viele Sachen, wie man eigentlich zum Anziehen brauchte.
Beim Anziehen sah ich auch, wie sauber meine Haut war. Vorher war ich ganz dreckig gewesen, vom Arbeiten im Wald bei Viele-Fische, und auch wenn das Meerwasser ein bisschen was von dem Dreck weggewaschen hatte, waren die schwarzen Ränder unter meinen Fingernägeln und der klebrige Saft in meinen Haaren nicht so leicht wegzukriegen. Aber irgendjemand hatte mich gewaschen, als ich geschlafen hatte. Da wollte ich lieber nicht drüber nachdenken. Das verriet mir nur, wie schwach und hilflos ich wohl gewesen sein musste, dass ich mich nicht mal gerührt oder was gemerkt hatte, als Lorraine oder irgendjemand mich aus dem Meer geholt und hierhergebracht und vorbereitet hatte für …
Tja, für das, was als Nächstes kam, was das auch war.
Als ich fertig war, ging ich durch den ganzen aufgestapelten Kram zur Tür, machte sie auf und ging nach draußen, wo Lorraine in einem langen, schmalen Flur auf mich wartete.
Sie warf ihre Hände hoch zu ihrem Mund, als sie mich sah. »O du meine Güte!«, rief sie. »Wie wundervoll du aussiehst! Ich wünschte, mein Stanley würde das Blau so gut tragen, wie du es tust, Koli, das schwöre ich dir.«
Sie nahm meine Hand, als ob ich ein Kind wäre, das geführt werden musste beim Gehen, und wir gingen den Flur lang.
Der Ort, wo wir waren, erinnerte mich ein bisschen an Bollwerkfeste zu Hause in Mythen Rood. Die Bollwerkfeste war das einzigste Haus, das ich je gesehen hatte, wo die Räume zwischen den Zimmern genauso groß waren wie die Zimmer selber. Dieser Flur war schmal, wie ich schon gesagt hab, aber er ging ein ziemliches Stück weiter, vorbei an vielen Türen, die genauso aussahen wie die, aus der wir rausgekommen waren. Der Gang ging um Ecken und ein Stück wieder zurück, und immer noch ging er weiter. Die Wände und der Boden von dem Flur waren alle aus Metall, dadurch klangen unsre Schritte so, wie wenn jemand auf eine Trommel schlägt und es nicht schafft, ein Lied rauszuholen. Die Wände waren meistenteils grün, aber die Decken und Böden waren silbergrau und fast wie ein Spiegel. Wenn ich meinen Fuß absetzte, dann brachte ein andrer Koli, der ganz verwaschen und seltsam aussah wie eine Spiegelung im Wasser, seinen Fuß nach oben, um meinen zu treffen. Ein Geruch war in der Luft, der mich an Wardo Hammers Schmiede am Ende von einem heißen Tag denken ließ – ein Geruch von Eisen, das heiß gemacht und bearbeitet worden war und jetzt abkühlte.
Irgendwann kamen wir an eine Tür, die quer im Gang war und uns den Weg versperrte. Lorraine ging direkt zu ihr hin und berührte sie mit ihrer Hand, als ob sie dachte, dass sie offen war und nur einen kleinen Schubs brauchte. Aber die Tür ging keinen Zentimeter weit auf. Lorraine machte das Gleiche noch mal und wieder passierte nichts.
»Um Himmels willen!«, murmelte Lorraine ärgerlich. Sie versuchte es noch ein drittes Mal und endlich ging die Tür auf. Sie verschwand nach beiden Seiten, langsam und mit einer Menge Quietschen und Stocken, bis endlich in der Mitte genug Platz für uns war, um durchzugehen.
Lorraine lachte, dann drehte sie sich zu mir um und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Ich weiß, ich sollte mich über diese Dinge nicht ärgern. Ich fühle mich wie Blanche DuBois, die darüber jammert, dass sie früher Bedienstete hatte! Aber es sind immer die kleinen Dinge, die einem zu schaffen machen. Das liegt wohl in der menschlichen Natur.« Und weiter gingen wir, durch die Tür durch.
Lorraine ging vor mir, aber sie drehte sich immer wieder zu mir um, um mir zu sagen, dass ich nach links gehen sollte oder aufpassen, wo ich hintret, oder um über ihren Sohn zu sprechen, Stanley, und wie sehr ich sie an ihn erinnerte.
Ich war so klug, wie er war, und so freundlich, wie er war, und so geduldig, wie er war, und viele andre solche guten Dinge. Eigentlich kannte sie mich gar nicht gut genug, um so was alles zu sagen, aber es ist schwer, jemand nicht zu mögen, der solche Dinge zu einem sagt. Wenn sie mit ihren Augen auf mich schaute, die so groß und so dunkel waren, dann war’s, als ob sie eine Laterne vor mein Gesicht halten würde. Das half mir sehr dabei, gleich viel weniger Angst vor diesem Ort zu haben, so seltsam, wie der war.
»Du hast ein großes Haus, Dam Lorraine«, sagte ich – zu einem Teil nur, um überhaupt was zu sagen, aber auch weil ich mich mächtig wunderte, was das für ein Ort war. Je mehr ich davon sah, umso weniger konnte ich glauben, dass das ein Boot war. Nichts, was so groß und so massig war, konnte sich bewegen, und schon gar nicht schwimmen.
»So mag es dir erscheinen, Koli«, sagte Lorraine, »aber es ist das letzte Rudiment von etwas weitaus Größerem.«
»Was? Ein Ruder... was?«
Das brachte sie wieder zum Lachen, diesmal noch länger und tiefer. »Oh, Ruder ist gut. Das gefällt mir. Wenn wir das Ruder sind, was ist dann das Schiff? Aber ich glaube, das weißt du. Ich bin der Meinung, dass jeder, der gut ist, Albion in seinem Herzen trägt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass du da eine Ausnahme bist.«
Mehr Antwort kriegte ich wohl nicht. Aber ich fragte auch nicht noch mal, damit sie nicht dachte, dass ich ein schlechter Mensch war, weil ich’s nicht wusste.
Wir gingen noch ein Stück und kamen zu einem größeren Raum. Da war’s so viel heller wie in dem Flur, in dem wir waren, dass ich erst dachte, dass wir jetzt draußen waren. Aber das stimmte nicht. Als wir direkt da waren, konnte ich sehen, dass es ein großes Loch war, das irgendwas mitten in das Schiff gerissen hatte und wo von oben Licht reinkam. Nach ungefähr zehn Schritten ging der Flur weiter, und an der Stelle hatte das Metall zerfetzte und scharfe Ränder. Wie bei der Tech, die ich in dem Zimmer gesehen hatte, wo ich aufgewacht war, waren auch hier die scharfen Ränder ein bisschen geschmolzen, also musste das, was das riesige Schiff aufgerissen hatte, wohl so heiß gewesen sein wie die Hölle vom toten Gott.
Jemand hatte ein Seil vor der Lücke festgemacht, wo der Flur aufhörte und das Loch anfing. Ich hielt mich an dem Seil fest und schaute runter. Das war ein komischer Anblick. Es war, als ob ich auf einer Felskante halb auf einem Berg stehen würde und gleich gegenüber von mir wäre noch ein Berg, der fast genauso aussah und genauso hoch war. Aber die Seite vom Berg war aus jeder Menge Flure so wie dieser und aus Zimmern und Treppen und sollte eigentlich innen in dem drin sein, was jetzt nach außen offen war. Unter uns, ziemlich weit unten, waren noch mehr Zimmer und Flure ohne ein Dach drüber, in die wir jetzt reinschauen konnten. Und als ich nach oben schaute, da sah ich ein kleines Stück Himmel und zwischen mir und dem Himmel noch eine Menge mehr Etagen. Dicke graue Wolken waren da oben zu sehen, aber ein paar davon hatten einen goldenen Rand, wo die Sonne durchzubrechen versuchte.
Lorraine kam neben mich. »Bist du mal im Jüdischen Museum in Berlin gewesen?«, fragte sie. »Dem, das Libeskind entworfen hat? Da gibt es riesige Lichtschächte, die in seltsamen Winkeln quer durch das Gebäude verlaufen. Sie sollen all das symbolisieren, was durch den Holocaust der europäischen Kultur verloren ging. Diese Durchbrüche hier haben wir nicht selbst entworfen, aber ich stelle mir vor, dass sie etwas Ähnliches symbolisieren.«
Ich verstand nicht mehr wie ein Wort von zehn von dem Ganzen, aber ich reiste jetzt schon lange genug mit Ursala, dass ich’s gewöhnt war, Worte zu hören, die für mich keinen Sinn hatten. »Was hat das Loch gemacht?«, fragte ich Lorraine.
»Unsere Feinde haben es gemacht, Koli Gesichtslos, vor sehr langer Zeit. Sie brachen den Rumpf mit einer kleinen Nuklearwaffe auf und warfen konventionelle Bomben in die Lücke.« Sie lächelte, weit und warm, und legte eine Hand auf meinen Arm. »Es ist alles gut. Glaub mir, wir haben weit mehr ausgeteilt, als wir eingesteckt haben. Nemo me impune lacessit, wie es so schön heißt. ›Fass mich an und sieh, was du davon hast.‹ Und jetzt haben wir eine deutlich bessere Durchlüftung, nicht wahr? Wir sind fast da. Hier entlang.«
Ein andrer Flur führte zur Seite, dann noch einer und noch einer. Wir gingen in die eine Richtung, dann in eine andre, und irgendwann kamen wir auf der andern Seite vom Loch raus.
Danach gingen wir ein langes Stück geradeaus, bis wir am Ende wieder vor einer Tür stehen blieben. An der Wand daneben war eine Platte aus silbernem Metall, und Lorraine tippte mit ihrer Hand drauf, als ob sie anklopfen würde. Die Tür ging in der Mitte auseinander und verschwand auf beiden Seiten in der Wand, und wir gingen beide durch.
Jetzt waren wir in einem Raum, der so klein war, dass er eigentlich mehr wie ein Schrank aussah. Als wir drin waren, ging die Tür hinter uns wieder zu und der Boden schüttelte sich wie ein Hund, der einen Floh loswerden will. Ich sah wohl so erschrocken aus, wie ich mich fühlte, denn Lorraine legte eine Hand auf meine Schulter, um mich zu beruhigen. »O mein Liebling«, sagte sie, »hab keine Angst. Es ist nur ein Aufzug. Zähl bis zehn, dann sind wir da.«
Na ja, ich kenn meine Zahlen, aber ich würde nicht gerade sagen, dass ich schnell mit ihnen bin. Ich kam nur bis sechs. Dann war das Schütteln vorbei und die Tür ging wieder auf.
Was jetzt vor uns war, war was andres als das, was vorher da gewesen war. Anstelle von dem endlosen Flur war da jetzt ein viel kürzerer mit einer höheren Decke und dann ein paar Treppenstufen, die nach oben gingen. Stimmen kamen von da oben – Leute, die laut sprachen, und eine Stimme, die lauter war wie der ganze Rest. Das war die Stimme, die aus der großen Drohne gekommen war, die Rabe hieß.
»Und da sind wir schon.« Lorraine nahm wieder meine Hand. »Komm mit, Koli. Hier sind ein paar Leute, die du unbedingt treffen musst.«
5
Lorraine brachte mich die Treppe hoch zu einem Ort, der fast so groß war wie die Ratsammlung zu Hause in Mythen Rood.
Zuerst kam’s mir gar nicht wie ein Raum vor. Schon wieder dachte ich, dass wir nach draußen gegangen waren, denn um uns rum waren überhaupt keine Wände. Da gab’s nur den Himmel und diese dunklen Wolken und die Sonne, die zwischen ihnen rumrannte wie ein Kaninchen, das nach seinem Loch sucht. Und tief unten war das Meer, das die ganze Zeit hoch- und runterging.
Dann sah ich einen Jungen, der aus den Wolken zu mir runterschaute, und das war ich selber. Ich bin oft vielleicht ein bisschen langsam, aber da wusste ich, was ich sah. Die Wände von dem Raum waren alles Fenster, ohne Holz oder Stein oder Lehm dazwischen, und wir waren so hoch, dass die ganze Welt unter uns lag. Ich stand da, als ob ich einen Würgersamen verschluckt und Wurzeln gekriegt hätte.
Ich wäre vielleicht für immer und alle Zeit so stehen geblieben, aber dann hörte ich einen Teller oder eine Schüssel klappern und roch frisches Brot. Diese beiden Dinge holten meinen Verstand von den großen Weiten, die ich sah, zurück in den Raum. Ein Tisch stand da und an dem saßen vier Leute.
Zwei von den Leuten am Tisch waren Kelch und Ursala, die genauso blau angezogen waren wie ich. Mein Herz machte einen Sprung, als ich die beiden sah, denn bis dahin war ich mir nicht sicher gewesen, ob sie noch am Leben waren.
Am Kopf von dem Tisch saß ein Mann, der auch blau angezogen war. Vom Ansehen her war er ungefähr so alt wie Ursala – alt genug, dass seine Haare um seine Ohren rum und an seinen Schläfen grau geworden waren, aber der Rest davon, und sein kurzer, quadratisch geschnittener Bart, war schwarz wie Pech. Er war groß und breit in den Schultern. So alt, wie er war, dachte ich doch, dass er wohl ziemlich stark sein musste.
Was aber am seltsamsten war an ihm, das war, dass er eine Drohne über seiner Schulter hatte – kein Rabe, der gar nicht hier reingepasst hätte, sondern eine Drohne wie eine von denen, die uns im Caldertal so viel geärgert hatten. Sie hing nur da in der Luft und hüpfte manchmal ein bisschen auf und ab wie ein Korken, der in einem Eimer schwimmt. Ihr rotes Auge leuchtete hell, was bedeutete, dass sie wach war und bereit zu feuern.
Wegen der Drohne hatte ich sofort ein schlechtes Gefühl bei dem Mann. Wirklich Angst hatte ich wohl nicht vor dem Ding, weil ich ja sehen konnte, dass Kelch und Ursala direkt danebensaßen und die Drohne ihnen nichts tat – und weil ich gesehen hatte, wie der Rabe uns alle aus dem Meer gerettet hatte. Aber ich war entschlossen, nicht näher an das Ding ranzugehen, wie ich musste.
Der Letzte am Tisch war ein Junge in meinem eigenen Alter, der seine Arme vor seiner Brust gefaltet hatte und so knurrig aussah wie nur was. Sein Kopf war glatt rasiert, genau wie die Köpfe von den Leuten von Viele-Fische. Überall auf seiner Kopfhaut waren Narben, die nur halb geheilt waren. Er hatte ein blasses Gesicht – noch blasser wie das von Lorraine –, wodurch seine blauen Augen ganz hart und klar zu sehen waren. Der Junge war der Einzigste, der nicht ganz blau angezogen war. Seine Hose war blau, aber sie war von gröberem Schnitt und die Nähte waren überall zu sehen, und er hatte ein weißes Hemd an, auf das ein gelbes Grinsgesicht gemalt war, genau wie die Gesichter, die Monono mir manchmal im Fenster vom DreamSleeve zeigte.
»Ich meinte, dass das Design des Schiffes auffällig ist«, sagte Ursala gerade. »Ganz zu schweigen von seiner Größe. Es ist sehr alt, oder?«
»Ich glaube, schon«, sagte der Mann.
»Alt wie in ›vor dem Krieg‹.«
»Natürlich vor dem Krieg.«
»Und wie kommt es, dass ihr drei …?«
Da drehte der Junge den Kopf und sah Lorraine und mich da stehen. Er verzog seinen Mund. »O mein Gott. Wie viele von denen gibt es denn noch?«
Die Worte ließen Kelch und Ursala aufblicken. Kelch stieß einen Schrei aus und die beiden sprangen auf die Füße und kamen zu mir gerannt. Na ja, Kelch rannte und Ursala folgte ihr mit schnellen Schritten. Und dann warf Kelch ihre Arme um mich und hielt mich ganz fest, und sogar Ursala – die’s hasste wie sonst was, wenn man sie anfasste – legte eine Hand auf meine Schulter. Ich war kurz davor zu weinen, aber nicht weil ich traurig war. Es war wundervoll, wieder mit ihnen zusammen zu sein. Wir waren jetzt schon so weit gekommen und hatten so viel zusammen gemacht. In meinen Gedanken gab’s keinen Unterschied zwischen ich und wir, wenn’s um die beiden ging. Sie waren ein Teil von meinem Ich, genau wie Monono.