Die Schwester des Serienkillers - Alice Hunter - E-Book

Die Schwester des Serienkillers E-Book

Alice Hunter

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Beschreibung

Dieses Buch gibt es in zwei Versionen: mit und ohne Farbschnitt. Sobald die Farbschnitt-Ausgabe ausverkauft ist, liefern wir die Ausgabe ohne Farbschnitt aus.

Nachdem sie viele Jahre mit ihrem Bruder Henry in einem Kinderheim verbracht hat, geht es Anna Price jetzt gut im Leben. Sie ist eine geachtete Lehrerin und führt ein perfektes Leben mit einem schönen Haus am Meer und einem treuen Ehemann, den sie liebt. Bis eines Tages DI Walker ihr mitteilt, dass ihr Bruder ein Serienmörder ist. Seine letzten Morde hat er an ganz bestimmten Tagen begangen, einer davon ist Annas Geburtstag. Keine zwei Tage entfernt. Die Polizei braucht Annas Hilfe, um Henry rechtzeitig zu fassen. Denn er spielt ein altes »Katz-und-Maus-Spiel« aus Kindertagen, das nur Anna kennt. Doch warum? Will er, dass sie ihn findet? Oder ist sie sein nächstes Opfer?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungProlog9. Mai – Noch vier TageKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6 – Kinderheim Finley HallKapitel 7Kapitel 8Kapitel 910. Mai – Noch drei TageKapitel 10Kapitel 11 – Kinderheim Finley HallKapitel 12Kapitel 13Kapitel 1411. Mai – Noch zwei TageKapitel 15Kapitel 16 – Finley Hall KinderheimKapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20 – Kinderheim Finley HallKapitel 21Kapitel 22Kapitel 2312. Mai – Noch ein TagKapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31 – Finley Hall Kinderheim13. Mai – Tag 0Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38 – DamalsKapitel 39Kapitel 40Kapitel 41 – DamalsKapitel 42Kapitel 43Kapitel 44Kapitel 45Kapitel 46Kapitel 47 – DamalsKapitel 48Epilog – DamalsDanksagung

Über das Buch

Nachdem sie viele Jahre mit ihrem Bruder Henry in einem Kinderheim verbracht hat, geht es Anna Price jetzt gut im Leben. Sie ist eine geachtete Lehrerin und führt ein perfektes Leben mit einem schönen Haus am Meer und einem treuen Ehemann, den sie liebt. Bis eines Tages DI Walker ihr mitteilt, dass ihr Bruder ein Serienmörder ist. Seine letzten Morde hat er an ganz bestimmten Tagen begangen, einer davon ist Annas Geburtstag. Keine zwei Tage entfernt. Die Polizei braucht Annas Hilfe, um Henry rechtzeitig zu fassen. Denn er spielt ein altes »Katz-und-Maus-Spiel« aus Kindertagen, das nur Anna kennt. Doch warum? Will er, dass sie ihn findet? Oder ist sie sein nächstes Opfer?

Über die Autorin

Alice Hunter arbeitete nach Abschluss ihres Psychologiestudiums als Interventionsleiterin in einem Gefängnis. Dort gehörte sie zu einem Team, das Rehabilitationsprogramme für Männer anbot, die wegen einer Vielzahl von Straftaten verurteilt worden waren oder schwere Gewaltverbrechen begangen hatten. Zuvor war Alice als Krankenschwester im NHS tätig. Ihre Erfahrungen in Psychologie und Kriminologie setzt sie nun erfolgreich in ihren Romanen ein.

ALICE HUNTER

DIE

SCHWESTER

DES

SERIEN

KILLERS

FÜR DEINEN BRUDER GIBST DU ALLES –AUCH DEIN LEBEN?

THRILLER

Übersetzung aus dem Englischenvon Rainer Schumacher

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

  

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Serial Killer’s Sister«

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2023 by HarperCollinsPublishers

Published by arrangement with AVON

A division of HarperCollinsPublishers Ltd, London

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2025 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln

 

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an:

[email protected]

 

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und

Data-Mining bleiben vorbehalten.

 

Textredaktion: Anja Lademacher, Bonn

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Einband-/Umschlagmotiv: © Aleksandr Kurennoi / Trevillion Images

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

 

ISBN 978-3-7517-7433-8

luebbe.de

lesejury.de

 

Für Emily.

Die beste Schwiegertochter, die man sich wünschen kann.

Danke, dass du mir so eine wunderbare Enkelin geschenkt hast. Und dafür, dass du meine Bücher liest!

Prolog

»Müssen wir wirklich reingehen?« Der Junge ist klein für seine acht Jahre. Er bleibt stehen, bevor sie das Tor mit der abblätternden grünen Farbe erreichen, und schaut aus seinen großen braunen Augen flehend zu seiner Schwester hinauf.

»Wir sind auch so schon spät dran. Du willst doch nicht schon wieder einen hintendrauf bekommen, oder?«

»Nein.« Seine Unterlippe bebt, und das Mädchen seufzt, dreht sich zu ihm um und stellt ihren Rucksack auf den Bürgersteig. Mit beiden Händen packt sie den Jungen fest an den Schultern und bückt sich, um ihm in die Augen zu sehen.

»Komm schon. Ich werde dich reinschmuggeln und dann ab, die Treppe rauf. Dann mach ich uns ein paar Sandwiches mit Dariya.«

»Können wir die in deinem geheimen Zelt essen?« Als er das fragt, nickt er mit dem Kopf, und ein Büschel sandfarbenes Haar fällt ihm über das rechte Auge. Es liegen nur ein Jahr und elf Monate zwischen den beiden, aber das Mädchen ist schon viel erwachsener. Das muss sie auch sein.

»Natürlich«, antwortet sie.

Da lächelt der Junge und atmet tief durch. »Ich bin froh, dass ich dich habe.«

»Und ich bin auch froh, dass ich dich habe«, erwidert das Mädchen, und das meint sie auch so.

*

Der Gestank von kalten Kippen, Alkohol und, so glaubt sie, Pisse trifft sie wie ein Schlag, als sie die Haustür öffnet und den Kopf reinsteckt, um sich zu vergewissern, dass die Luft rein ist. Sie hat darüber nachgedacht, die Hintertür zu benutzen, doch die müsste dringend geölt werden. Das Ding quiekt wie hundert Mäuse. Da hätten sie sich nie vorbeischleichen können, nicht an ihm, egal wie betrunken er heute auch sein mag. Er spürt es immer irgendwie, wenn sie zuhause sind. Er riecht sie wie der Riese in Jack und die Bohnenstange.

Es ist jedoch nicht er, den das Mädchen sieht, und sie atmet erst einmal mit einem leisen Zischen aus. Vielleicht kommen sie diesmal ja damit durch. Die Frau trägt ein schmuddeliges, übergroßes T-Shirt, und ihre dünnen Beine stecken in fleckigen, grauen Leggins. Sie liegt rücklings auf einem schmutzigen beigen Sofa. Ein Arm hängt herunter. Die Hand ist geöffnet, und daneben steht eine leere Weinflasche. Zerquetschte Bierdosen liegen überall auf dem Boden verstreut. Es sind so viele, dass man den Teppich darunter kaum noch sehen kann. Ein Übelkeit erregender Gestank hängt in der Luft, und das Mädchen rümpft die Nase, sie hält sie sich mit Daumen und Zeigefinger zu. Klumpen von unverdautem Essen liegen in einer dicken Flüssigkeit neben dem Gesicht ihrer Mutter. Sie reichen bis zum Rand des Sofas.

Sie scheint nicht zu atmen. Ist sie tot? Das Mädchen versperrt ihrem Bruder die Sicht. Er soll das nicht sehen. »Geh«, flüstert sie, legt ihm die Hand auf den Rücken und schiebt ihn zur Treppe.

Der Junge hat gerade den Fuß auf die erste Stufe gestellt, als er das Gebrüll hört.

»Wo zum Teufel wart ihr?« Er steht oben an der Treppe, muss auf dem Klo gewesen sein. Das Mädchen zieht den Jungen zu sich, und beide weichen zurück, bis sie gegen die Wand prallen. Könnten sie darin verschwinden, sie würden es tun. »Ihr solltet besser mein Zeug mitgebracht haben.«

Als er herunterkommt, nimmt das Mädchen den Rucksack von der Schulter, öffnet ihn und greift mit zitternden Händen hinein. Der Mann macht einen schnellen Schritt nach vorne und reißt ihr den Rucksack aus der Hand. Er holt eine Flasche Whisky heraus und wirft dem Mädchen den Rucksack wieder zu. Der metallene Reißverschluss trifft sie im Gesicht. Der Mann schnaubt verächtlich und drängt sich an den Kindern vorbei. Doch als sie schon glauben, das Schlimmste überstanden zu haben, wirbelt er noch einmal herum und stürzt sich auf den Jungen.

»Du erbärmlicher Schwächling! Ich wette, du hast deine Schwester vorgeschickt, damit sie das stiehlt.« Er knallt dem Jungen die Flasche vor die Brust. »Als ich in deinem Alter war, da habe ich meinem alten Herrn alles besorgt, worauf er Bock hatte. Keine Fragen. Und eine große Schwester hatte ich auch nicht. Bekomm endlich mal Eier.« Er greift nach dem Jungen, packt ihn zwischen den Beinen und drückt hart zu. Der Junge schreit. Der Mann lacht. »Genau wie ich gedacht habe. Keine Eier.«

Dem Jungen laufen die Tränen über die Wangen, doch das lässt den Mann nur noch lauter lachen.

Das Mädchen stürzt sich auf den Mann und schlägt ihm auf den Arm. »Lass ihn in Ruhe!«, schreit sie. »Oder ich rufe die Polizei!«

»Ach, ja? Wer spricht denn da, Kleine? Wie alt bist du überhaupt? Sieben?«

»Nein, ich bin zehn, und du bist nicht unser Dad. Du gehörst gar nicht hierher.« Das warme, beengende Gefühl, das seinen Ursprung in ihrem Bauch hatte, wird immer größer und heißer. Es steigt auf, bis es aus ihrem Mund explodiert wie ein Feuerwerk: ein flackerndes, Funken schlagendes Feuerrad, das sich in einem hohen Kreischen manifestiert. Der Junge hält sich die Ohren zu und kauert sich in die Ecke, während das Mädchen immer weiter schreit und schreit.

Erst als die Haustür auffliegt und das Holz birst, als hätten Kugeln es zerfetzt, verstummt der Schrei.

Und dann sie sind gerettet.

*

Die große, hölzerne Doppeltür des Finley Hall Kinderheims schwingt auf wie das Tor zu einem Zauberschloss. Einen hoffnungsvollen Augenblick lang stehen sie mit offenen Mündern staunend da, als sie nach oben an die reich geschmückte Decke blicken.

Doch dieser Bruchteil einer Sekunde, in der der Optimismus die Oberhand gewinnt – das Gefühl, dass sie ihrem schrecklichen Leben entronnen sind und endlich einen sicheren Ort gefunden haben, wo sie in Frieden leben können –, endet abrupt mit einem hohen Schrei. Kreidebleich beobachten sie, wie ein Mann einen Jungen durch die Halle schleppt. Die Füße des Kindes berühren kaum den Boden, finden keinen Halt.

»Worauf wartet ihr noch? Herkommen!« Eine von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidete Frau mit wildem, strohigem Haar kommt rechts von ihnen aus einem Raum. »Kümmert euch nicht um Frank. Wenn ihr brav tut, was man euch sagt, dann werdet ihr ihn gar nicht kennenlernen.« Sie macht auf dem Absatz kehrt und marschiert in ihr Büro. Ihr Name, Miss Graves, steht in Schwarz auf einer silbernen Plakette an der Tür.

Das Mädchen schluckt seine Angst herunter, dreht sich zu ihrem Bruder um und setzt ein Lächeln auf. »Alles bleibt, wie es ist. Es gibt nur dich und mich, okay?«

»Versprochen ist versprochen?«, fragt der Junge mit zitternder Stimme.

»Und wird auch nicht gebrochen«, antwortet das Mädchen und macht als Zeichen des Schwurs mit dem Zeigefinger rasch ein Kreuz auf ihrer Brust. Der Junge tritt vor sie, sodass sie sich nicht bewegen kann.

»Sonst wird die Nadel in dein Aug’ gestochen«, sagt er kalt.

Das Mädchen seufzt, schaut zu ihrem Bruder hinunter und erklärt: »Dann wird die Nadel in mein Aug’ gestochen.«

Dann nimmt sie die Hand ihres Bruders, und gemeinsam betreten sie ihr neues Heim.

9. Mai

NOCH VIER TAGE

Kapitel 1

Der Gestank von Rauch dringt mir in die Nase und brennt in meiner Kehle, aber ich atme tief ein und aus, als ich mich auf die Glasbalustrade des Balkons lehne und beobachte, wie die Möwen über die Dächer in Richtung Meer fliegen. Mein Seidennachthemd flattert sanft in der Brise und verschafft meinen Schenkeln eine gewisse Kühle, die mit der Morgensonne in Wettstreit liegt, deren Strahlen mein Gesicht wärmen. Ich schließe die Augen und genieße den Augenblick.

»Seeluft zu atmen, wäre sicher besser.« Ross tritt hinter mich. Ich kann die Kippe einfach nicht vor ihm verbergen. Vermutlich hat er sie schon unten gerochen. Seit über einem Jahr habe ich keine mehr geraucht, aber ich habe immer ein paar versteckt – natürlich nur für den Notfall.

»Erwischt.« Ich drehe mich nicht um. Ich habe keine Lust, die Enttäuschung auf seinem Gesicht zu sehen.

»Erinnerst du dich noch daran, wie wir kurz nach unserem Einzug Stunden auf diesem Balkon verbracht und auf Ness Cove geschaut haben? Wie wir vom Rauschen der Wellen wie hypnotisiert waren?«, fragt er und schlingt die Arme um meine Hüfte.

»Ja, und ich liebe es noch immer. Aber heute kann die salzige Luft auf meinen Lippen es nicht mit dem hier aufnehmen.« Ich halte die Zigarette hoch. »Nikotin ist besser für meine Nerven.«

»Aaah … Jaja. Heute kommen die Ergebnisse von der Prüfungskommission, nicht wahr?« Er lässt mich wieder los.

»Jep«, sage ich, drücke die Zigarette aus und stecke die Kippe in einen Topf mit Stiefmütterchen. Eine ordentliche Reihe von Blumentöpfen aus Terrakotta und Pflanzbehältern aus Aluminium reiht sich den ganzen Balkon entlang auf. Das ist unser ›Garten‹. Wenigstens ist er leicht zu pflegen. »Ich weiß, es ist nicht das erste Mal, dass ich in meinem Job begutachtet werde, aber …«

»… aber jedes Mal zweifelt man wieder an sich selbst«, beendet Ross den Satz. »Ich weiß. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass es beim letzten Mal genauso war.«

Diesmal, in der Nacht vor dem Prüfungsbericht, hat Ross mich ein wenig abgelenkt, indem er mich zu einem Überraschungsessen bei unserem Lieblingsitaliener in Teignmouth eingeladen hat. Im Colosseum feiern wir jedes Jahr unseren Hochzeitstag, und die Eigentümer waren immer so warmherzig und freundlich zu uns, ich fühle mich dort richtig wohl, vor allem, wenn mir alles zu viel wird. Vermutlich hätte ich vorhersehen können, wie gestresst ich auch diesmal sein würde, ich hätte genauso gut auch direkt selbst einen Tisch buchen können.

»Tut mir leid«, sage ich. »Ich weiß, es ist nicht leicht mit mir, wenn ich eine Prüfung habe und die Ergebnisse noch nicht kenne.«

»Sei doch nicht albern«, erwidert Ross. »Das ist doch nur so, weil der Job dir so am Herzen liegt. Ich würde mir eher Sorgen machen, wenn die Prüfung dich kaltlassen würde.«

Ross hat natürlich recht. Ich habe hart gearbeitet, um diese Lehrerstelle an der Privatschule in Staverton, einem Dorf in der Nähe, zu bekommen. Anfangs hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich da mit Kindern arbeite, deren Eltern sich den Luxus einer privaten, exklusiven Bildung leisten können, etwas ganz anderes als die Erziehung, die ich genossen habe. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, etwas für benachteiligte Kinder zu tun. Ich wollte sie in ihrem Leben unterstützen, genau wie ich es mir immer für meinen Bruder und mich erhofft habe. Doch dann schlichen sich Zweifel in meinen Kopf wie Gift, und die schreckliche Angst, nicht gut genug zu sein, drohte mich zu überwältigen. Falls ich versagen sollte, würde ich diese Kinder im Stich lassen müssen, genauso wie ich im Stich gelassen wurde? Wie sollte ich damit klarkommen? Mir wurde bewusst, dass die Vorstellung, ich könnte über Elend und glückliche Zukunft eines Kindes entscheiden, einfach viel zu viel Druck für mich bedeutete. Die Last der Verantwortung würde mich umbringen.

Dann lernte ich Serena kennen, eine Lehrerin an der Seabrook Prep School, und das genau zur richtigen Zeit. Sie zeigte mir einen Weg auf, wie ich als Lehrerin etwas bewirken und mir das Leben gleichzeitig erleichtern konnte.

Ross schlingt wieder die Arme um mich, ich entspanne mich und lasse mich gegen seine Brust fallen.

»Du hast nicht den geringsten Grund, nervös zu sein. Du bist eine fantastische Lehrerin. Die Kids können von Glück sagen, dass sie dich haben.«

»Das hoffe ich zumindest. Ich liebe sie wie meine eigenen …« Ich verstumme sofort, als ich spüre, wie sich jetzt Ross verspannt – nur leicht zwar, aber ich bemerke es sofort und zucke innerlich zusammen. Einen unangenehmen Augenblick lang erwarte ich, dass er etwas sagt, doch dann schmiegt er das Gesicht in meinen Nacken, atmet meinen Duft ein, küsst mich, und meine aufkeimende Panik verfliegt wieder.

»Ich mache dir einen Kaffee«, sagt er und löst sich von mir. »Oder hättest du lieber einen Wodka?« Sein tiefes, kehliges Lachen versichert mir, dass er sich meine flapsige Bemerkung nicht zu Herzen genommen hat. Ich will das Thema ›Kinder‹ nicht wieder aufwärmen, vor allem nicht, nachdem wir es letztes Jahr begraben haben.

»Ein Kaffee reicht. Danke. Das harte Zeug spare ich mir für heute Abend auf.«

Nach einem letzten Blick auf Ness Cove verlasse ich den Balkon und schließe die Tür hinter mir, nachdem ich dem Universum wie immer für alles gedankt habe, was ich besitze. Denn das alles ist meilenweit von dem entfernt, was ich als Kind hatte, und noch viel weiter entfernt von der Zukunft, von der ich sicher glaubte, dass sie mir drohte – von der Zukunft, von der ich annahm, dass ich sie verdient hätte.

Ich brauche mehrere Versuche, um meine Ärmel zuzuknöpfen, doch nach ein paar rasselnden Atemzügen habe ich mich ein wenig beruhigt und trete einen Schritt zurück, um mein Erscheinungsbild im Spiegel zu überprüfen. Smart, chic und elegant. Ein Drittel davon stimmt sogar. Smart bin ich. Der Rest könnte eine Illusion sein, eine Verzerrung der Realität. Aber solange es das ist, was die Eltern, Mr. Beaumont, der Direktor, und die Schulinspektoren glauben, habe ich einen guten Job gemacht. Seit meinem zehnten Lebensjahr bin ich dem Prinzip ›Durch Schein zum Sein‹ gefolgt, und es hat mich nie wirklich auf den falschen Weg geführt. Jetzt lächele ich mein Spiegelbild an, zupfe einen losen roten Faden von meinem Top und streiche schließlich mit beiden Händen meinen Nadelstreifenrock glatt. Ross hat recht: Alles andere als eine gute Bewertung ist unvorstellbar.

»Wie wär’s mit ein paar Verlorenen Eiern?«, fragt Ross, als ich die Küche betrete. Seine Anzugjacke hängt über einer Stuhllehne, und die Ärmel seines weißen Hemdes hat er hochgekrempelt, während er Eier aufschlägt und in kochendes Wasser gleiten lässt. Ich schüttele den Kopf. Allein bei der Vorstellung wird mir schon schlecht.

»Nein, danke. Auf dem Weg zur Arbeit hole ich mir einen Bagel aus der Bäckerei.« Das werde ich natürlich nicht tun, aber das muss Ross ja nicht wissen. Er schaut mich mit zusammengekniffenen Augen an, und das verrät mir, dass er meine Lüge durchschaut hat. Ich lache leise. »Wow! Dir kann ich heute wohl gar nichts vormachen.«

»Wirst du das jemals können?« Ein scharfer Unterton liegt in seiner Stimme, und ich runzele die Stirn. Ich will gerade näher darauf eingehen, als es an der Tür klingelt. Ich schaue Ross fragend an.

»Das könnte Yasmin sein«, sagt er. »Sie wollte mir heute Morgen ein neues Immobilienportfolio vorbeibringen, damit ich nicht extra ins Büro muss.« Ross verlässt die Küche, und ich höre, wie die Haustür geöffnet wird. Eine Männerstimme hallt durch den Flur. Es ist also nicht Yasmin. Ross’ Immobilienfirma, The Right Price, liegt in Shaldon, direkt bei uns um die Ecke. Dort arbeiten nur vier Angestellte, und zwei davon kenne ich: Oscar, den stillen Gesellschafter, und Yasmin, die Bürohilfe. Die beiden anderen sind Makler, die Ross mir noch vorstellen muss. Ich beuge mich vor, um meinen Becher in die Spülmaschine zu stellen, und ich schnappe unwillkürlich nach Luft, als ich mich wieder aufrichte und plötzlich einen großen, kräftigen Mann vor mir sehe. Er trägt einen Anzug, in dem er tatsächlich wie ein Makler aussieht.

»Oh … Hi … Sie sind doch sicher einer von Ross’ Kollegen.«

Mir fällt Ross’ angespannter Gesichtsausdruck auf, als er hinter dem Mann hervorlugt, und mir ist sofort klar, dass unser Besuch kein Kollege ist.

»Guten Morgen, Mrs. Price. Ich bin Detective Inspector Walker von der Kriminalpolizei für Devon und Cornwall.« Er duckt sich unter einem der Deckenbalken hindurch, streckt die Hand aus und präsentiert mir ein Ledermäppchen mit seiner Dienstmarke. Ich starre das Ding an. Dann schüttele ich ihm die Hand. Sie ist groß wie eine Schaufel, und meine Finger verschwinden fast vollständig darin. Mein Herz setzt einen Schlag lang aus, als wollte es mich vor dem warnen, was da kommt.

»Stimmt etwas nicht?«, frage ich. Mein Puls rast. Der Detective Inspector schaut mich an, nicht Ross. Aber, so schließe ich, wäre jemand verletzt worden oder gar gestorben, dann wären sie zu zweit gekommen. Zumindest läuft das im Fernsehen so. Außerdem ist Ross mein einziger naher Verwandter, und Ross geht es definitiv gut. Dann kribbeln meine Beine.

Nein, da gibt es noch jemanden …

»Können wir uns setzen, Mrs. Price?« DI Walkers Tonfall ist befehlsgewohnt, seine Worte nicht wirklich eine Frage, sondern eher ein Befehl.

Dann setzt Ross sich wieder in Bewegung. Auch er war durch den unerwarteten Besuch kurz wie benommen.

»Will Ihre Kollegin nicht auch reinkommen?«, fragt Ross, und wieder setzt mein Herz einen Schlag lang aus. Wenn es zwei von ihnen gibt, dann hat meine Theorie keinen Bestand mehr. Ich schaue in den Flur, sehe aber niemanden. Dann bemerke ich aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung, und ich schaue aus dem Küchenfenster. Menschen in Schwarz und Gelb gehen dort vorbei. Ein paar Augenblicke lang läuft alles wie in Zeitlupe. Dann erkenne ich, dass es alles Polizisten sind. Es dauert ein wenig, bis ich das verarbeitet habe, und schließlich erfasst mich eine Mischung aus Neugier und Misstrauen.

»Nein«, antwortet DI Walker. »Sie geht mit dem Rest des Teams von Tür zu Tür und führt Befragungen durch.«

»Natürlich.« Ross schaut zu mir und verzieht das Gesicht, bevor er einen Stuhl zurückzieht, damit DI Walker sich an den Küchentisch setzen kann. Ich hingegen bin wie erstarrt, während meine Gedanken auf Wanderschaft gehen. Befragungen in der Nachbarschaft? Okay, das ist ja nichts Schlimmes. Vielleicht ist DI Walker ja nur hier, weil es in der Gegend einen Einbruch gegeben hat oder so. Die Stimme in meinem Kopf kauft mir das jedoch nicht ab. Die Copper würden sicher keinen derart hochrangigen Detective schicken, wenn es sich nur um einen Einbruch handeln würde. Auch die Aktivität draußen deutet auf etwas Größeres hin. Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter und atme tief durch, als ich mir das blühende Gesicht des Mannes noch einmal anschaue und dann ohne nachzudenken sage:

»Sind Sie nicht ein wenig jung für einen Detective Inspector?«

Ross funkelt mich mit großen Augen an, während DI Walker mir ein leichtes Lächeln schenkt. Dabei bilden sich auch ein paar Fältchen in seinen Augenwinkeln, die sein wahres Alter verraten.

»Das höre ich oft. Wenn Ärzte heutzutage schon wie Teenager aussehen, warum dann nicht auch Polizisten?«, erwidert DI Walker trocken. Im Geiste trete ich mir selbst vors Knie. Den Mann zu beleidigen, ist vermutlich keine gute Idee. Dabei bin ich sicher, dass er hart gearbeitet hat, um so weit zu kommen, und wenn andere diese Leistung in Frage stellen, ärgert ihn das wahrscheinlich.

»Tut mir leid«, sage ich. »Ich schaue wohl einfach zu viele Krimis.« Ich zwinge meine Muskeln, sich zu bewegen, und setze mich neben Ross, DI Walker gegenüber. Doch sofort springe ich wieder auf. »Oh! Tut mir leid. Ich habe Ihnen ja gar nichts zu trinken angeboten. Tee? Kaffee?« Ich fühle das Gewicht von Ross’ Blick, schaue ihn aber nicht an.

DI Walker streckt den Arm aus, bis eine Armbanduhr unter seiner Manschette zum Vorschein kommt, und schaut auf die Zeit.

»Für mich nicht. Danke.« Er legt ein kleines, elektronisches Notizbuch auf den Tisch, räuspert sich und bereitet sich darauf vor, uns den Grund seines Erscheinens zu nennen. Ich lasse mich wieder auf den Stuhl fallen und habe ein flaues Gefühl im Magen. Mein Puls rast, und immer mehr Adrenalin strömt durch meinen Körper. Ich schiebe die Hände unter die Schenkel, um ihr Zittern zu verbergen.

»Was können wir für Sie tun, Detective Walker?« Ich lächele.

Walker schaut mich mit seinen azurblauen Augen an, und sein Blick ist so intensiv, dass ich instinktiv den Kopf senke. Was will er uns sagen? Der Raum wird immer kleiner, während ich warte und den Atem anhalte.

»Wir versuchen nun schon eine ganze Weile, Sie aufzuspüren, Mrs. Price.«

Mein Mund ist wie ausgetrocknet. Ist es so weit? Ist das der Augenblick, vor dem ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe? Aber warum ist die Polizei direkt mit einem ganzen Team angerückt? Ich schlucke schmerzhaft.

»Oh! Wirklich?« Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich, wie Ross angespannt die Schultern strafft. Ich wünschte, er wäre schon bei der Arbeit.

»Ihr Name ist doch Anna Price, geborene Lincoln, korrekt?«

Das Blut pocht in meinen Ohren. »Ja, das stimmt.« Ich starre DI Walker an, ohne zu blinzeln.

»Tut mir leid, aber ich muss Sie darüber informieren …« DI Walkers Augen huschen von mir zu Ross und wieder zurück, und ich schlucke die Verärgerung zusammen mit den Worten herunter: Jetzt machen Sie schon! Sagen Sie mir, dass er tot ist!

»Ihr Bruder, Henry Lincoln …«, DI Walkers Gesicht verschwimmt vor meinen Augen. Mein Blutdruck ist viel zu hoch, »… ist zur Fahndung ausgeschrieben …« – also nicht tot – »… und zwar wegen mehrfachen Mordes.«

»Was?« Ich stoße mich vom Tisch ab und springe so plötzlich auf, dass der Stuhl umkippt und mit einem lauten Krachen auf den Fliesen landet. Ross springt ebenfalls auf, wenn auch nicht ganz so heftig, und stellt den Stuhl wieder hin. Dann legt er mir die Hand auf die Schulter.

»Anna, atme«, höre ich ihn sagen. Und das tue ich. Meine Brust hebt und senkt sich, während ich nach Luft schnappe.

»Das muss ein ziemlicher Schock für Sie sein. Tut mir leid.« DI Walker schaut mich besorgt an. »Brauchen Sie einen Moment für sich? Oder vielleicht können wir uns ja auch irgendwo hinsetzen, wo Sie sich wohler fühlen.«

»Ins Wohnzimmer«, sagt Ross. »Ich denke, das wäre besser.«

Ross führt mich zum Sofa, wo ich mich einfach fallen lasse. DI Walker hat mir vollkommen den Wind aus den Segeln genommen. Ich war auf Tod vorbereitet, aber nicht auf Mord.

Henry? Ein Mörder? Das kann nicht wahr sein.

Kapitel 2

Ross nimmt meine Hand und zieht sie sanft von meinem Mund weg. Ich spüre ein Stechen, dann läuft Blut über mein Kinn. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich mir die Lippe aufgebissen habe – eine Angewohnheit aus meiner Kindheit, aus einer Zeit voller Angst und Stress, unter der ich zuhause gelitten habe. Ich habe alles Mögliche versucht, um sie loszuwerden, doch ohne Erfolg. Jetzt tupfe ich das Blut mit dem Kosmetiktuch ab, das Ross aus der Box auf dem Tisch gezogen hat.

»Ist es okay, wenn wir fortfahren?«, fragt DI Walker.

Ich nicke, schreie aber innerlich NEIN!

»Ihr Bruder wird in Verbindung mit insgesamt fünf Morden gesucht …«

»Fünf?« Ich blinzele und schüttele den Kopf. »Fünf?«, wiederhole ich.

»Ich weiß. Das ist schwer zu verdauen.« DI Walker beugt sich vor und legt die Ellbogen auf die Knie. »Die Morde wurden in einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren begangen. Bei den Opfern handelt es sich ausschließlich um Frauen, und sie wurden jeweils an ganz bestimmten Tagen getötet. Der fünfte Mord ereignete sich erst vor ein paar Monaten.«

Ein Serienmörder! Henry ist ein Serienmörder! Die Worte, gesprochen mit meiner eigenen Stimme, wiederholen sich immer wieder und wieder in meinem Kopf wie ein nerviger Ohrwurm. Und dieser Ohrwurm verschluckt die Stimmen von Ross und dem Detective, und das Schwindelgefühl, das er verursacht, weckt das Verlangen in mir, mich hinzulegen. Aber nicht hier. Ich muss ins Bett. Ich beuge mich vor, doch Ross hält mich energisch fest und verhindert meine Flucht.

»Die Morde sind in verschiedenen Countys verübt worden. Deshalb hat es auch so lange gedauert, bis wir eine Verbindung zwischen ihnen herstellen konnten«, erklärt DI Walker. Mir ist vage bewusst, dass das nicht der Beginn des Gespräches ist. Ich habe bereits einen großen Teil verpasst, doch jetzt versuche ich, mich so gut es geht zu konzentrieren.

»Die Beweise, die wir zusammengetragen haben, belegen jedoch eindeutig, dass es diese Verbindung gibt. Natürlich veröffentlichen wir diese Beweise nicht – aus offensichtlichen Gründen –, aber alle Morde folgen dem gleichen Muster.« Es ist, als würde ich durch einen Tunnel gehen und mit dem Handy telefonieren. Die Stimmen knistern, und die Sätze sind fragmentiert – wie bei einem Dalek. Ich atme durch die Nase ein, doch die Übelkeit wird nur noch schlimmer. Ich habe Henry schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Wir sind nicht gerade im Guten auseinandergegangen – und das, obwohl wir so viel gemeinsam durchgemacht haben –, aber dass er ein Serienmörder sein soll, kann ich einfach nicht fassen.

»Ich … Ich weiß nicht … Ich kann nicht …« Ich schüttele den Kopf, doch der Nebel löst sich nicht auf. »Warum sind Sie hier und erzählen mir das?«

DI Walker lächelt. Sein Gesicht nimmt einen sanften Ausdruck an, und er beugt sich näher zu mir, als wollte er einem Kind ein schwieriges Thema erklären. »Wir haben gehofft, dass Sie Kontakt zu ihm haben. Dass Sie vielleicht wissen, wo er ist.«

»Ja, das würde es wohl vereinfachen«, sage ich. DI Walker nickt enttäuscht, denn ihm ist sofort klar, dass ich keine Ahnung habe, wo sich mein Bruder aufhält. Und das stimmt. Ich habe schon lange nichts mehr von Henry gehört, und ich habe auch nicht versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Es gab keinerlei Grund dafür.

»Es gibt bestimmte Tage, an denen Ihr Bruder seine Morde begangen hat, einer davon ist der 15. Februar.« DI Walker schaut mich aufmerksam an, um zu sehen, wie ich reagiere. Und er muss nicht lange warten, ich reagiere sofort. Ich kann nichts dagegen tun. Meine Augen werden immer größer, und ich verkrampfe mich.

»Das ist mein Geburtstag.«

»Ja.« DI Walker schürzt die Lippen und nickt wieder. Als ich nicht weiterrede, schaut er in seine Notizen. »Und dann am 13. Mai«, sagt er und schaut mir in die Augen.

Mein Herz setzt einen Schlag lang aus, doch Gott sei Dank überlagert der erste Schock noch meine Reaktion.

»Das ist in vier Tagen«, fügt Ross hilfsbereit hinzu.

»Die Bedeutung dieses Datums kennen wir noch nicht, und uns läuft die Zeit davon, Anna.«

Ich kann nicht mehr atmen. Meine Lunge ist wie gelähmt. Sie nimmt keine Luft mehr auf. Ich schiebe Ross’ Hand von meinem Bein und stehe auf. Mir wird schwindelig. Der Raum dreht sich, und DI Walker und Ross verschwimmen miteinander. Dann fallen mir die Augen zu, und da ist nur noch schwarze Stille.

Kapitel 3

»Anna! Baby! Anna! Mach die Augen auf! Komm schon!«

Meine Wange brennt. Ich lege die Hand darauf und öffne die Augen. Ross’ Gesicht ist dicht an meinem.

»Was …?«

»Du bist ohnmächtig geworden.«

Ich habe schon viele stressige Situationen durchgemacht, aber ich bin noch nie in Ohnmacht gefallen.

»Ich rufe den Arzt an«, sagt Ross und scrollt durch sein Handy.

»Nein. Das ist nicht nötig. Bitte, mach nicht so einen Aufstand.« Ich nehme die Beine vom Sofa und setze mich auf. DI Walker scheint sich nicht bewegt zu haben. Ich frage mich, wie vielen Menschen er in der Vergangenheit schon so eine Nachricht überbracht hat. Ich hoffe, es waren nicht allzu viele.

Jedenfalls wirkt er nicht gerade verstört, als er sich wieder bewegt und seine dunklen Augenbrauen zusammenzieht. Ich habe den Eindruck, dass meine Reaktion nur Zeitverschwendung für ihn ist. »Bitte, entschuldigen Sie«, sage ich. Die Hitze steigt mir in den Kopf, und ich reibe mir den Nacken, doch das macht es nur noch schlimmer.

»Wie gesagt … Ich weiß, dass das ein Schock sein muss, aber ich muss Ihnen trotzdem ein paar Fragen stellen. Wie Ihr Mann bereits gesagt hat, bleiben uns nur vier Tage, bis Henry vermutlich wieder zuschlägt. Wir wissen jede Hilfe zu schätzen, egal wie unbedeutend sie auch erscheinen mag.«

»Natürlich.« Ich schaue auf meinem Handy nach, wie spät es ist.

»Ich werde versuchen, Sie nicht allzu lange aufzuhalten«, sagt DI Walker. »Schließlich möchte ich nicht, dass Sie zu spät zur Arbeit kommen.«

»Oh, ich … Es ist nicht …« Na, toll. Jetzt glaubt er, ich würde die Gefahr, die er für Frauen darstellt, nicht ernst nehmen, er denkt, dass es mir wichtiger ist, pünktlich zur Arbeit zu kommen. »Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie wollen, Detective Walker.« Ich zwinge mich zu einem Lächeln und straffe die Schultern. »Ross, Liebling«, sage ich und drehe mich zu ihm um. »Könntest du uns bitte eine Tasse Kaffee machen?«

Ross zögert, doch dann nickt er und steht auf. Ich warte, bis er das Wohnzimmer verlassen hat, bevor ich wieder das Wort ergreife.

»Sie haben gesagt, Henry werde in Verbindung mit Morden aus den letzten drei Jahren gesucht. Was ist mit den Jahren davor? Ich meine, warum hat er ausgerechnet jetzt damit begonnen?«

»Ich habe gehofft, dass Sie mir in dieser Frage helfen können.«

»Ich habe keinen Kontakt mehr zu Henry, seit …« Ich kneife die Augen zusammen und versuche nachzurechnen. »Ich weiß nicht wie lang. Seit fünfzehn Jahren? Sechzehn? Vielleicht sogar mehr. Ich habe ehrlich geglaubt, Sie wären hier, um mir zu sagen, dass er tot ist.«

»Jedenfalls gibt es definitiv einen Grund dafür, dass er genau an diesen Tagen tötet. Der Geburtstag seiner Schwester ist offenbar von großer Bedeutung für ihn, und ich nehme an, mit der Wahl dieses Datums will er eine Botschaft senden.« DI Walker hebt eine Augenbraue. »Und damit meine ich, eine Botschaft an Sie, er kommuniziert mit Ihnen.«

»Die meisten Menschen greifen nach dem Telefon, wenn sie kommunizieren wollen. Oder sie schreiben eine Mail, einen Brief oder was weiß ich.« Ich lache verlegen.

»Es sei denn …« DI Walker zupft an seiner Krawatte herum. »Ich will Sie ja nicht beunruhigen, Mrs. Price, aber ich denke, wir sollten in Betracht ziehen, dass Sie in Gefahr schweben. Wie Sie gesagt haben, haben Sie sich entfremdet. Vielleicht hat er bis jetzt ja nicht gewusst, wo Sie wohnen, und konnte deshalb keinen Kontakt zu Ihnen aufnehmen.«

»Nun, wenn er die Ermittlungen verfolgt, dann weiß er das jetzt wohl, nicht wahr? Sie haben ihn direkt zu meiner Tür geführt.« Der Vorwurf in meiner Stimme ist nicht zu überhören, doch das ist mir egal. Wie dumm kann man sein, hierherzukommen, wenn es sich so verhält, wie er glaubt? Es sei denn natürlich, das war Absicht.

Ross kommt wieder zurück und stellt drei Becher auf den Kaffeetisch. »Er hat wen zu unserer Tür geführt?«

»Henry natürlich«, schnappe ich. Rasch senkt Ross den Blick. »Tut mir leid, Babe«, lenke ich sofort ein. »Aber das ist einfach nur irre. Ich kann nicht glauben, was gerade passiert.« Ich fahre mir mit den Fingern durchs Haar.

»Ich kann Ihnen versichern, dass wir bei unseren bisherigen Ermittlungen äußerst umsichtig vorgegangen sind. Sollte Henry tatsächlich Ihren Aufenthaltsort herausgefunden haben, dann nicht unseretwegen.« DI Walker greift nach seinem Becher, und ich zucke innerlich zusammen, während er mehrere kräftige Schlucke der heißen Flüssigkeit trinkt. »Ihre Akten aus dem Kinderheim in Sutton Coldfield, wo Sie und Henry gelebt haben, hat man vernichtet, bevor das Heim endgültig geschlossen wurde. Deshalb hat es auch eine ganze Weile gedauert, bis wir herausgefunden haben, dass Henry eine Schwester hatte, zumal Sie ja auch geheiratet und Ihren Namen geändert haben. Deshalb können wir auch sicher davon ausgehen, dass Henry uns mehrere Schritte voraus ist. Wahrscheinlich wusste er schon vor heute Morgen, wo Sie wohnen.«

»Oh, Gott«, keucht Ross und setzt sich. »Glauben Sie wirklich, dass meine Frau Angst vor ihrem eigenen Bruder haben muss?«

»Ich kann das zumindest nicht ausschließen.«

Ich runzele die Stirn und klammere mich an den offensichtlichen Fehler in dieser Theorie. »Aber mein Geburtstag ist dieses Jahr schon vorbei. Da müsste ich doch sicher sein, oder?«

»Das ist durchaus möglich, ja, aber ich fürchte, wir können da nicht sicher sein«, antwortet DI Walker. »Nichts hält ihn davon ab, Sie auch an einem anderen Tag ins Visier zu nehmen.«

Ich schaue DI Walker in die Augen und erwidere: »Und das ist der Grund, warum Sie die Bedeutung des zweiten Datums wissen wollen, nicht wahr? Weil es sein Motiv verrät? Und weil es Ihnen helfen könnte, auf sein nächstes Opfer zu schließen?«

Noch während ich diese Worte sage, wehrt sich mein Geist gegen die Vorstellung, dass wir gerade wirklich über ›Opfer‹ reden – Mordopfer – und das in Bezug auf Henry. Vielleicht ist das alles ja nur ein schlimmer Fehler, und der Detective kommt später noch einmal zurück, um sich für das Missverständnis zu entschuldigen. Er habe sich geirrt. Das alles sei nur eine schreckliche Verwechslung gewesen.

»Ja. Wenn wir wüssten, welche Bedeutung das Datum für Henry hat, dann hätten wir zumindest eine Chance, ihn zu schnappen, bevor er einer weiteren, unschuldigen Frau das Leben nimmt.« Er verstummt und wirkt plötzlich müde. Vielleicht verlangt der Fall ihm ja mehr ab, als er nach außen hin zeigt. Er tritt näher an mich heran, so nah, dass ich seine Körperwärme spüren kann. Diese Art von Nähe ist mir unangenehm. Unwillkürlich weiche ich zurück. Aber auch dann noch rieche ich den Kaffee in seinem Atem, als er sagt: »Kennen Sie die Daten wirklich nicht? Es sind die Geburtstage Ihrer Eltern …«

»Ich kann Ihnen garantieren, dass es nichts mit ihnen zu tun hat«, falle ich ihm ins Wort.

»Ach, ja? Wie können Sie da so sicher sein?«

»Sie haben doch sicher unsere Vergangenheit recherchiert, oder?«

»Wir wissen, dass Henry es zuhause schwer hatte. Er ist häufig mit anderen Kindern aneinandergeraten und mehrmals wegen kleinerer Delikte angezeigt worden. Ihre Mutter ist laut Standesamt verstorben. An Leberzirrhose.«

»Ja, danke für die Zusammenfassung. Mom war Alkoholikerin und ein Junkie. Sie hat alles für ihren nächsten Fix getan. Sie hatte keine Ahnung, wo unser Vater war – oder auch nur, wer er war –, und sie hat mit jedem geschlafen, der noch einen Puls hatte. Sie hat ihre eigenen Kinder vernachlässigt und immer irgendwelche Schlägertypen angeschleppt, die uns misshandelt haben. Sie hat uns leiden lassen. Henry hat nicht gewusst, wann sie Geburtstag hatte, und das war ihm auch egal. Also, wie schon gesagt: Der Mord am 13. Mai hat nichts mit unseren Eltern zu tun.«

Jahrelang verdrängte Wut kocht in mir hoch. Dann und wann weckt irgendwas eine Erinnerung an meine Kindheit und damit auch an das Trauma. Allerdings versuche ich stets, das rasch zu verdrängen und nicht länger darüber nachzudenken. Sollte ich auch nur einem Funken dieser Wut die Chance geben zu keimen, dann weiß ich nicht, wie schnell er wachsen und wie viel Schaden er anrichten wird. Ich frage mich, ob Henry dieser Wut wohl erlegen ist, ob sie die Kontrolle übernommen hat. Nach allem, was ich gerade erfahren habe, würde mich das zumindest nicht überraschen.

Kaputte Menschen tun kaputte Dinge.

DI Walker seufzt vernehmlich und steht dann auf. »Ich würde gerne noch einmal mit Ihnen sprechen, Mrs. Price. Allerdings wäre das Revier der geeignetere Ort dafür, und angesichts der Dringlichkeit des Ganzen sollten wir das eher früher als später angehen. Ich werde meinen DS bitten …«

»Nein, ich denke nicht«, unterbreche ich ihn abermals und erhebe mich ebenfalls. Ich schlucke, als Gedanken in meinen Geist strömen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gehabt habe. Überraschung zeichnet sich sowohl auf Ross’ als auch dem Gesicht des Detectives ab. DI Walker kneift die Augen zusammen, und mir wird klar, dass ich ihm eine plausible Erklärung geben muss. »Wenn Henry die Ermittlungen verfolgt, dann wäre es vielleicht besser, ihm klarzumachen, dass Sie mich nicht einbeziehen? Wenn er ständig Polizei hier sieht, wird er keinen Kontakt zu mir aufnehmen. Gleiches gilt, wenn er mitbekommt, dass Sie mich aufs Revier schleppen.«

DI Walker schaut mich an. Sein Gesichtsausdruck ist schwer zu deuten, doch ich spüre, wie er meine Worte überdenkt.

»Okay«, sagt er schließlich. »In Ordnung. Ich werde Sie erst mal in Ruhe lassen.« Er greift in die Innentasche seines Jacketts und holt eine kleine weiße Karte heraus. »Hier sind meine Kontaktdaten. Sie müssen mich sofort anrufen, wenn Sie etwas von Henry hören oder wenn Sie Angst um Ihre Sicherheit haben. Und sollte Ihnen noch etwas einfallen, egal wie unwichtig es auch erscheinen mag, dann rufen Sie mich an, auch mitten in der Nacht. Ich will es wissen.« Er drückt mir die Visitenkarte in die Hand und schaut mir tief in die Augen. »Ich möchte nicht in vier Tagen bei jemandem anklopfen und ihm sagen müssen, dass seine Frau, seine Mutter, seine Schwester oder seine Tochter brutal ermordet worden ist.« Die Intensität in seiner Stimme jagt mir einen Schauder über den Rücken.

DI Walker nickt Ross zu, der schnell blinzelt und sich dann schüttelt, als er aus seiner Trance aufwacht.

»Was wollen Sie denn jetzt unternehmen? Wegen Anna, meine ich. Bekommt Sie Polizeischutz?« Ross klingt panisch.

»Wir werden ein Auge …«

»Das ist mir zu vage«, unterbricht ihn Ross in scharfem Ton. »Was heißt das überhaupt?«

»Ross, Liebling«, sage ich und lege ihm die Hand auf den Arm. »Wenn Henry mir etwas antun wollte, dann hätte er das längst getan.«

DI Walker geht zur Haustür, doch er dreht sich noch einmal um und lächelt beruhigend. Ich bin nicht sicher, ob das mir gilt oder meinem Mann.

»Aber er hat gesagt, du könntest in Gefahr sein«, zischt Ross mir zu. Aus irgendeinem Grund sorge ich mich nicht so sehr um meine Sicherheit wie Ross. Ist das der Schock? Vielleicht bin ich durch diese Neuigkeiten ja wie betäubt. Ein Teil von mir glaubt schlicht nicht, was der Detective mir erzählt hat. Es ist einfach unmöglich, dass Henry fünf Frauen getötet hat … oder? Wie sicher ist DI Walker, dass wir wirklich vom selben Henry Lincoln sprechen?

»Ich möchte Sie nachdrücklich ermahnen, wachsam zu bleiben«, sagt der Detective. »Beobachten Sie aufmerksam Ihre Umgebung, und informieren Sie mich über jede noch so kleine Veränderung. Wie gesagt … Sie können mich jederzeit anrufen. Und sollten wir Ressourcen frei haben, dann werde ich einen Beamten vor Ihrer Tür postieren.«

Ich öffne den Mund, um ihm zu widersprechen. Schließlich habe ich doch gerade erst gesagt, dass das kontraproduktiv ist. Doch DI Walker kommt mir zuvor und fügt hinzu: »Verdeckt natürlich.«

Ross jedenfalls scheint erst einmal beruhigt, als er den Detective hinausbegleitet.

Vollkommen verspannt stehe ich in der Tür und schaue zu, wie DI Walker vor unserem Haus mit ein paar Uniformierten spricht. Worüber reden sie da? Über mich? Über Henry? Weist Detective Walker die Beamten an, gleich jetzt vor unserem Haus Posten zu beziehen?

»Lass uns wieder reingehen«, sagt Ross und geht vor. DI Walker beendet das Gespräch mit seinen Kollegen, und ich schaue ihm hinterher, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden ist. Ein Polizist bemerkt meinen Blick, und ohne darüber nachzudenken, stapfe ich auf ihn zu.

»Müssen Sie alle hier herumstehen?« Mein Tonfall ist unabsichtlich scharf. Also lächele ich rasch. »Es ist nur so … Sie erregen unnötig Aufmerksamkeit.« Der Polizist, an den ich die Frage gerichtet habe, zuckt nur mit den Schultern, doch eine Frau schlängelt sich zwischen den Beamten hindurch und tritt auf mich zu. Sie ist schlicht gekleidet, genau wie DI Walker. Daher gehe ich davon aus, dass sie ebenfalls Polizistin ist.

»Bitte, entschuldigen Sie, Ma’am«, sagt sie. »Ich bin Detective Tully. Ich gehöre auch zum Ermittlungsteam.« Ihr Lächeln ist warm und echt. Sie strahlt Mitgefühl aus, und ich wünschte, sie hätte die Bombe mit Henry platzen lassen und nicht DI Walker. »Wir haben Befragungen an den Haustüren durchgeführt, aber wir sind in dieser Gegend so gut wie fertig. Also werden die Beamten nicht mehr lange hier sein. Mir ist durchaus bewusst, wie beunruhigend das alles für Sie sein muss.«

»Ja, das stimmt«, sage ich. »Ich weiß natürlich, dass Sie nur Ihren Job machen, aber wie ich bereits DI Walker gesagt habe, wird Henry wohl kaum auftauchen, wenn es hier von Polizei nur so wimmelt.« Ich schaue mich um, als würde er hier irgendwo lauern.

»Ich werde meine Kollegen wegschicken, Ma’am. Keine Sorge.« Tully nickt mir zu. Dann dreht sie sich um und wendet sich an die Beamten. Wie ein Bienenschwarm zerstreuen sie sich langsam und steigen in ihre Fahrzeuge.

Als ich überzeugt bin, dass alle Polizisten verschwunden sind, gehe ich wieder rein und in die Küche. Dort schaue ich mir erst einmal die Visitenkarte an, die DI Walker mir gegeben hat. Bei dem Gedanken, dass all dieser Aufwand Henry gilt, kribbeln meine Finger. Wenn das, was sie über Henry sagen, stimmt, dann kann ich es mir nicht leisten, mit in seinen Mist reingezogen zu werden. Ich muss mich von dieser Ermittlung so weit wie möglich fernhalten.

Also trete ich auf das Pedal, um den Deckel des Mülleimers zu öffnen, und werfe die Visitenkarte hinein.

Kapitel 4

Selbst das Autoradio, aus dem der fröhliche Sound von Heart FM plärrt, kann meine Gedanken nicht übertönen, als ich zur Arbeit fahre. Jede Ampel, an die ich komme, ist rot. Es ist, als hätten sie sich gegen mich verschworen. Ich kann von Glück sagen, dass ich nicht wieder im Lockdown bin, diesmal angeordnet von Ross und nicht von der Regierung. Seine erste Reaktion auf DI Walkers Enthüllung, dass Henry ein gesuchter Serienmörder ist, war zunächst gar nicht so heftig. Wie wohl die meisten Menschen in so einem Fall war auch er erst einmal still. Es war der Schock. Doch kaum war DI Walker weg, da ist er ausgeflippt und wollte, dass ich daheim bleibe. Aber das werde ich nicht tun. Ich werde nicht zulassen, dass diese Informationen meinen Alltag beeinträchtigen. Ich werde mich nicht verstecken. Ich habe einen wichtigen Job, einen Job, den ich liebe, und wie ich Ross erklärt habe, bin ich inmitten meiner Kollegen und Schüler vermutlich ohnehin sicherer als daheim. Aber vor meinem geistigen Auge sehe ich noch immer Ross’ angespanntes, verängstigtes Gesicht. Er war kaum wiederzuerkennen. Ich umklammere das Lenkrad, bis mir die Hand wehtut. »Warum, Henry? Und warum ausgerechnet jetzt?«

Ein lautes Hupen ertönt, und sofort schaue ich wieder auf die Straße. Diesmal stehe ich vor einer grünen Ampel. Ich hebe die Hand, um mich bei dem Fahrer hinter mir zu entschuldigen, und beschleunige. Es dauert nicht lange, und der Tacho zeigt fünfzig Meilen, als ich auf die Schnellstraße fahre. Dabei war ich heute ohnehin schon aufgeregt. Der Gedanke an den Prüfungsbericht des Schulamts hat mich verrückt gemacht. Das ist jedoch nichts gegen das, was ich jetzt empfinde. Jeder einzelne Muskel in meinem Körper steht unter Hochspannung.

Ross weiß, dass ich eine beschissene Kindheit gehabt habe, und er weiß auch, wie sehr ich darum kämpfen musste, dort zu sein, wo ich heute bin. Er weiß, dass ich nichts mit Henry zu tun habe. Aber er weiß nicht warum – zumindest kennt er nicht den wahren Grund.

Meine Gedanken gehen auf Wanderschaft, als ich die Schnellstraße verlasse und wieder abbremse. Ich fahre direkt nach Seabrook. Da finde ich auch blind hin.

Ich habe Henry nie als wirklich schlechten Menschen betrachtet, nur als fehlgeleitet. In seiner Jugend hatte er üble Tendenzen, und er hat Fehler gemacht. Aber das? Wenn DI Walker die Wahrheit gesagt hat, dann hat Ross allen Grund, besorgt zu sein. Geheimnisse sind stets ein Risiko. Aber wenn ein Serienmörder dein Geheimnis kennt, dann ist das etwas vollkommen anderes. Als ich ein Bild von Henrys Gesicht heraufbeschwöre und wie er bei unserem letzten Treffen gewirkt hat, gefriert mein Blut zu Eis. Werde ich wirklich verraten müssen, warum dieses Datum so wichtig ist, um ein weiteres Opfer zu retten? Doch wenn ich das tue, dann steht nicht nur meine Ehe auf dem Spiel.

»Himmel!« Ich trete mit beiden Füßen auf die Bremse, und die Reifen kreischen, dann werde ich nach vorne geschleudert. Nur wenige Zentimeter vor meiner Motorhaube schaut mich das kleine Mädchen wie erstarrt an. Die Augen so groß wie Untertassen und der Mund zu einem stummen Schrei geöffnet. Ich schnalle mich ab, springe aus dem Auto und laufe zu dem Kind. »Bist du verrückt! Warum bist du einfach losgelaufen? Hast du mich denn nicht gesehen?« Das Blut schießt durch meinen Körper, und ich habe das Gefühl, dass mein Herz gleich zerspringt. Ich will das Mädchen gerade an den Schultern packen und kräftig durchschütteln, als andere Stimmen mich wieder in die Realität zurückholen. Langsam schaue ich mich um. Ich habe Zuschauer.

Und dann sehe ich es. Die weißen Markierungen. Scheiße. Das ist ein Zebrastreifen. Mich verlässt die Kraft, und meine Beine zittern.

»T… tut mir leid, Mrs. Price.« Jetzt erkenne ich das Mädchen auch. Es geht auf meine Schule, und es ist den Tränen nahe. Ich schlage die Hände vors Gesicht und atme erst einmal tief durch. Ich bin hier die Dumme, nicht das Kind. Ich habe einfach nicht aufgepasst.

»Nein, nein. Es war meine Schuld. Bitte, entschuldige.« Sanft lege ich dem Mädchen die Hände auf die Schultern und führe es auf den Bürgersteig. Dabei versuche ich, das besorgte und wütende Raunen des Publikums zu ignorieren. Die meisten sind Eltern meiner Schüler.

Na toll, Anna. Reife Leistung.

Ich stelle sicher, dass das Kind in Ordnung ist. Dann steige ich wieder ins Auto, doch der Schaden ist bereits entstanden. Das Bild des kleinen, verängstigten Gesichts hat sich tief eingebrannt. Sorgfältig achte ich noch immer darauf, die Umstehenden nicht anzusehen. Meine Wangen brennen vor Scham. Dann fahre ich langsam weiter und konzentriere mich auf die Straße.

Als ich den Wagen schließlich parke, zittere ich noch immer. Nachdem ich die Kreuzung hinter mir gelassen hatte, konnte ich mich auch wieder an den Namen des Mädchens erinnern, und als ich jetzt aus dem Auto steige, fällt mir noch etwas ein, und mir zieht sich der Magen zusammen. Als ich einmal die Schulhofaufsicht hatte, da ist Isobel zu mir gekommen, hat meine Hand genommen und gefragt, ob sie bei mir bleiben könne, weil sie sich mit ihrer besten Freundin zerstritten hatte. Oh, Gott … Was mag sie jetzt von mir denken?

Ich erreiche mein Klassenzimmer im selben Augenblick, als die Glocke läutet. Für einen zweiten Kaffee ist jetzt keine Zeit mehr, egal wie sehr ich ihn auch brauchen könnte. Ich knalle meine Tasche auf den Schreibtisch und schaue zu, wie meine Kinder reinkommen. Schweigend gehen sie zu ihren Tischen. Nur Mikey grinst mich verstohlen an. Er ist dieses Jahr verdammt weit gekommen, was seine sozialen Fähigkeiten betrifft, und es geht mir wahrlich ans Herz, wenn ich sehe, wie sein Selbstvertrauen täglich wächst. Diese Kinder haben sicherlich Möglichkeiten, die die von weniger vermögenden Eltern weit übersteigen, aber dass sie trotzdem so bereitwillig lernen und versuchen, jede Herausforderung zu meistern, erstaunt mich immer wieder.

Ich lächele, als ich sie anschaue, wie sie hinter ihren Stühlen stehen und darauf warten, dass ich sie mit einem Nicken auffordere, sich zu setzen. Kurz halte ich inne und denke über diese alltägliche Routine nach. Dabei ist es nur ein kleines, belangloses Detail, eine Regel, die alle Kinder befolgen, ohne sie zu hinterfragen. Und sie warten auf eine Geste von mir. Ich