Die Superfrauen von Sylt - Claudia Thesenfitz - E-Book

Die Superfrauen von Sylt E-Book

Claudia Thesenfitz

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Beschreibung

Ein herrlich witziger Syltroman über unerwartete Höhenflüge   Evi Hansen kann es nicht fassen. Nach 31 Ehejahren verlässt ihr Mann sie ohne ein Wort. Um sich neu zu erfinden, zieht sie in einen Wohnwagen direkt an den Dünen und lässt sich vom Rauschen der Wellen beruhigen. Und sie hat eine Idee: Um wieder Leidenschaft in ihr Leben zu bringen, kommt sie auf die originelle Idee, eine Ü50-Fußballmannschaft für Frauen zu gründen. Auf ihren Aushang im örtlichen Edeka melden sich tatsächlich neun Spielerinnen. Das Training ist eine Herausforderung, doch die ungewohnte Bewegung wirbelt das Leben der Frauen durcheinan-der: Neue Lieben entstehen, alte werden beendet oder runderneuert, und ein paar Überraschungen gibt es auch noch. Als schließlich Evis Mann wieder auftaucht, sind die Turbulenzen perfekt ...

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Superfrauen von Sylt

CLAUDIA THESENFITZ lebt und schreibt an der Nordseeküste. Bevor sie ihre erfolgreiche Sylter Glücksroman-Reihe ins Leben rief, die mittlerweile zehn Bände umfasst, hat sie als Journalistin gearbeitet und die Autobiografien von und mit Nena (2005, Luebbe), Dieter Wedel (2008, Luebbe) und Uwe Ochsenknecht (2013, Luebbe) geschrieben. Ihre Glücksroman-Reihe hat sich bislang über 400.000 mal verkauft.Von Claudia Thesenfitz sind bei uns erschienen: Sylt oder SeltersMeer Liebe auf SyltSylt oder soloMit James auf SyltSylt oder SahneSylt auf unserer HautSchlaflos auf SyltSylt oder SüßesSylt im Getriebe

Ein herrlich witziger Syltroman über unerwartete HöhenflügeEvi Hansen kann es nicht fassen. Nach 31 Ehejahren verlässt ihr Mann sie ohne ein Wort. Um sich neu zu erfinden, zieht sie in einen Wohnwagen direkt an den Dünen und lässt sich vom Rauschen der Wellen beruhigen. Und sie hat eine Idee: Um wieder Leidenschaft in ihr Leben zu bringen, kommt sie auf die originelle Idee, eine Ü50-Fußballmannschaft für Frauen zu gründen. Auf ihren Aushang im örtlichen Edeka melden sich tatsächlich neun Spielerinnen. Das Training ist eine Herausforderung, doch die ungewohnte Bewegung wirbelt das Leben der Frauen durcheinander: Neue Lieben entstehen, alte werden beendet oder runderneuert, und ein paar Überraschungen gibt es auch noch. Als schließlich Evis Mann wieder auftaucht, sind die Turbulenzen perfekt …

Claudia Thesenfitz

Die Superfrauen von Sylt

Ein Glücksroman

Ullstein

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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage April 2025© Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin 2025Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]: zero-media.net, MünchenTitelabbildung:  © FinePic®, MünchenAutorenfoto: © Hans Scherhaufer

E-Book-Konvertierung powered by pepyrusISBN978-3-8437-3552-0

 

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Inhalt

Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

1

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6

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9

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30

Epilog

Danksagung

Quellen

Leseprobe: Sylt auf unserer Haut

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Widmung

Für alle Babyboomer-Besties – und alle Claudias

Prolog

Das Runde muss ins Eckige. Und damit war nicht sie, Evelyn Hansen, gemeint, die sich ins Bett fallen lassen sollte – sondern der lederne Fußball, den sie schnaufend vor sich hertrieb. Und den sie nun in das Tor der gegnerischen Mannschaft bugsieren sollte. Sie bekam keine Luft mehr …

»Jaaaa, Evi!!! Go! Go! Gooooo!!!«

Applaus brandete auf, während Evi sich keuchend auf dem Platz voranarbeitete. Sie motivierte ihre letzten Kräfte, zirkelte den Ball vorbei an Biggi und Bine, hatte plötzlich freies Feld vor sich – und: »Toooooor!!!! Toooooor!!«

1

Vier Monate früher

»Ich hole mir mal trockene Socken!« Das war zwar nicht das klassische »Ich gehe mal kurz Zigaretten holen« – aber trotzdem war Hartmut nicht wiedergekommen.

Nachdem Evelyn eine Stunde im Strandkorb auf ihn gewartet hatte, machte sie sich verärgert auf den Weg zum Wohnmobil, das sie ganz am Ende des restlos überfüllten Strandparkplatzes geparkt hatten. Wahrscheinlich hatte er sich zum »kurz Sportschau gucken« und »ein kleines Bierchen kippen« auf das Kingsize-Bett im Heck gelegt und war vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen, vermutete sie.

Oder auch ohne Fernseher.

Schnaufend schleppte Evelyn die schwere Picknicktasche durch den weichen Sand. Warum hatte er auch unbedingt in Sandalen zum Wasser laufen müssen? Und vor allem diese schrecklichen schwarz-gelben BVB-Vereinssocken dazu tragen! War doch klar, dass die Brandung seine Füße überspülen würde. Und dass dieser Mann sich auch immer so anstellen musste! Anstatt die nassen Socken einfach auszuziehen und barfuß im Strandkorb zu dösen, musste er sich unbedingt neue Socken holen …

Evelyn lief der Schweiß in kleinen Rinnsalen von der Stirn in die Augen. Boah, war das heiß heute! Temperaturen über vierundzwanzig Grad brachten sie, die durch und durch nordische Friesin mit deutlich zu viel Körperfülle, regelmäßig an den Rand des Kreislaufkollapses. Schon als Kind hatte ihr Körper seltsamerweise kein Kühlsystem gehabt. Sie wurde einfach nur stetig röter im Gesicht, und es dauerte Stunden, bis sie wieder abkühlte. Und nun kamen auch noch die Hitzewallungen der Wechseljahre dazu!

Schnaufend ackerte sie sich durch den weichen aufgeheizten Sand. Die Strandtasche schien plötzlich Tonnen zu wiegen, und unter ihrem Busen klebte es unangenehm. Wo war denn jetzt bloß das blöde Wohnmobil? Sie hatten es doch dort hinten am Holzsteg geparkt, oder? Evelyn ließ die Tasche in den Sand fallen, um kurz durchzuatmen und sich umzusehen. Wie sah das verflixte Ding denn noch mal aus? Es war weiß, aber weiße Wohnmobile standen hier zu Hunderten – so weit das Auge reichte. Hatte es nicht irgendeine Bemalung auf der Seite gehabt? War die rot gewesen? Oder blau? Evi, wie Harti sie am Anfang ihrer Ehe verliebt getauft hatte, konnte sich partout nicht erinnern.

Harti hatte sie letztes Jahr auf drei dieser fürchterlichen Caravan-Messen geschleppt. Dort war die Luft stickig, es war viel zu voll, und Evi hatte sich schnell an einem Kaffeestand verschanzt und dort auf ihn gewartet, bis er mit einem dicken Stapel Prospekte und glänzenden Augen nach gefühlten fünf Stunden endlich zurückgekommen war.

Die Idee von einem rollenden Zweithaus hatte sich ihr von Anfang an nicht erschlossen, da der Innenraum dieser rechteckigen Aluminium-Kästen ja kaum größer war als ihr Badezimmer. Aber Harti war von seiner Faszination nicht abzubringen. Doch bevor er in seinem Rausch einen sechsstelligen Betrag auf den Tisch legen und damit ihre sämtlichen Ersparnisse verbrauchen würde, hatte sie ihn zum Glück dazu überreden können, zunächst mal eines zur Probe zu mieten. Das hatten sie nun getan. Und wo war das blöde Ding jetzt?

Es müsste ein NF-Kennzeichen haben, überlegte Evi, denn sie wohnten ja in Westerland auf Sylt. So ein Quatsch, durchfuhr es sie plötzlich. Sie hatten es ja bei einem Verleih in der Nähe von Hannover gebucht. Und welches Kennzeichen hatte Hannover? Verzweifelt schaute sie sich um. Der Strandparkplatz war eine endlose Wüste voller Wohnmobile, die sie an »weiße Ware« erinnerte. Mit weißer Ware kannte sie sich aus. Harti und sie hatten bis vor acht Jahren einen kleinen Elektrofachhandel in Westerland betrieben. Evi hatte dort als Verkäuferin gearbeitet und die Kundschaft zu Lampen, Fernsehern, Radios und eben auch »weißer Ware« – wie Waschmaschinen, Geschirrspülmaschinen, Kühlschränke und Trockner unter Fachleuten genannt wurden – beraten. Angesichts der Unmengen weißer kastenförmiger Wohnmobile, die sich vor ihren Augen erstreckten, kam es Evi plötzlich vor, als wäre sie in ein Feld von überdimensionierten Waschmaschinen geraten. Und eine sah aus wie die andere …

Ratlos schaute sie sich um und kam sich in der endlosen Weite des Strandes, die sie vorhin noch so herrlich gefunden hatte, plötzlich vollkommen verloren vor. Europas größte Sandkiste, wie die Tourismuszentrale den Strand von Sankt Peter-Ording launig bewarb, war mit zwölf Kilometern Breite eine gigantische Sandwüste. Und Evi kam sich darin so allein vor wie ein einzelner Stern im unendlichen Universum. Wo war ihr Zentralgestirn Hartmut? Die Sonne mit dem dicken Bierbauch und dem inzwischen grauen, aber immer noch vollen Haupthaar? Mit den schrecklichen schwarz-gelben Motivsocken seines Lieblings-Fußballklubs BVB, die er so »witzig« fand, und dem nicht ganz perfekten Zahnersatz? 

Bis heute wusste Evi nicht, was der Auslöser gewesen war, aber vor ein paar Jahren hatte Harti die fixe Idee entwickelt, mit einem Wohnmobil durch die Welt zu reisen – der Himmel wusste, warum. Vermutlich eine Art Midlife-Crisis oder verspätete Abenteuerlust, vermutete Evi. Zunächst hatte sie es nicht weiter ernst genommen und als Spleen abgetan, aber als sich zunehmend größere Berge von Caravan-Zeitschriften, Campingplatz-Führern und Touren-Ratgebern auf dem Wohnzimmertisch stapelten und Harti quasi von nichts anderem mehr redete, hatte sie einsehen müssen, dass sich der Traum ihres Mannes wohl nicht einfach wieder verflüchtigen würde.

Also hatte sie sich als gutmütige Gattin der Passion ihres Mannes gefügt und brav das gemietete Roll-Zuhause gepackt – und dann waren sie aufgebrochen. Gestern waren sie zwar nur bis Sankt Peter-Ording gekommen, aber es sollte ja noch weiter bis an den Gardasee gehen. Evelyn war das alles nicht besonders lieb. Sie fand es viel zu eng in dem nur knapp zehn Quadratmeter kleinen Innenraum. Dauernd stieß sie sich irgendwo den Kopf, und kochen konnte man in dem Ding auch nicht richtig. Als sie gestern versucht hatte, sich zu duschen, hatte sie sich komplett eingeklemmt, weil die Dusche nur einen Durchmesser von fünfzig Zentimetern hatte. Und als sie sich endlich überall eingeseift hatte, war das Wasser alle gewesen!

Hartmut hatte von ihren Qualen mal wieder nichts mitbekommen, weil er sowieso die ganze Zeit auf dem Bett lag und auf dem kleinen Flachbildfernseher, der gegenüber dem Bett an die Holzfurnierwand geschraubt war, Fußball guckte.

»TRÖÖÖÖT!!« Ein Auto hupte sie von hinten an, und sie erschrak fürchterlich. Mit Herzrasen und sekündlich verzweifelter werdend, hievte sie die Strandtasche hoch und schleppte sich planlos weiter über den riesigen Strandparkplatz.

Sie war ganz sicher, dass sie das Wohnmobil an dem Holzsteg geparkt hatten, der zu den Strandkörben führte, weil Harti wegen seiner kaputten Hüfte nicht gern durch den weichen Sand lief. Aber vielleicht hatte er das Auto ja auch umgestellt.

Von aufkommender Panik wie gelähmt, kam sie erst jetzt auf die Idee, dass sie ihn ja auch anrufen könnte. Eilig kramte sie ihr Handy hervor und wählte seine Nummer. Sofort ging seine Mailbox dran. Offenbar hatte er das Gerät ausgeschaltet. So eine Scheiße!!

Ihr war inzwischen kochend heiß. Sie hatte nur die Strandtasche und ihre Badesachen dabei und wusste nicht, wo sie übernachten oder wie sie im Zweifelsfall zurück nach Sylt kommen sollte. Was sollte sie denn jetzt bloß machen?

2

Drei Stunden später hatte sie ernüchternde Klarheit: Harti hatte sich – zusammen mit seinen Socken, den zahllosen »kleinen Bierchen«, die fast den ganzen Kühlschrank füllten, und dem Wohnmobil – in Luft aufgelöst! Er war weder auf dem Handy erreichbar, noch hatte er irgendeine Nachricht hinterlassen. Er war einfach weg! Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass das auch erst mal so bleiben würde. Hartmut war abschiedslos aus ihrem Leben verschwunden.

Vollkommen aufgelöst saß Evelyn in der kleinen Kabine der Strandaufsicht Sankt Peter-Ording, die auf einem Pfahlbau in sieben Meter Höhe untergebracht war, und hatte bereits vier Päckchen Taschentücher vollgeheult.

Die DLRG-Mitarbeiterin im roten T-Shirt, die aufmunternd auf sie einredete, war mindestens so verzweifelt wie Evelyn, weil sie nicht wusste, wie sie die vollkommen aufgelöste Frau beruhigen sollte. »Das wird schon wieder, Frau Hansen! Der taucht sicher gleich wieder auf«, sagte die junge Praktikantin, versuchte, Zuversicht zu verströmen, schrubbelte Evi über den Rücken und versorgte sie zunächst mit Mineralwasser und Kaffee, und dann – nach einer effektiveren Lösung suchend – mit einer großzügigen Portion Cognac.

Die Strandaufsicht hatte Harti bereits mehrfach ausrufen lassen: »Liebe Badegäste! Gesucht wird Herr Hartmut Hansen! Herr Hansen, bitte kommen Sie umgehend zur Strandaufsicht! Ihre Frau wartet hier auf Sie! Herr Hartmut Hansen bitte!«, tönte es mehrfach in ohrenbetäubender Lautstärke über den Strand.

Doch nichts war passiert.

Ein Mitarbeiter hatte mit Evelyn daraufhin einen Rundgang über den Parkplatz gemacht und alle infrage kommenden Wohnmobile inspiziert. Ebenfalls ohne Ergebnis.

Nun war gerade die Polizei gekommen, um Evelyns Daten aufzunehmen und sie anschließend zum Bahnhof zu bringen. Ein junger Polizist kniete vor Evelyn nieder, die sich im Drei-Sekunden-Takt lautstark schnäuzte, und nahm ihre Personalien auf:

»Name?«

»Evelyn Hansen.«

»Alter?«

»Zweiundfünfzig.«

»Beruf?«

»Verkäuferin.«

»Wohnort?«

»Wenningstedter Weg 14 in Westerland.«

»Auf Sylt?«

»Ja?« Verwundert hielt Evelyn mit Schnäuzen inne, schaute den Beamten mit ihren rot geheulten Augen irritiert an und fragte sich kurz, ob es irgendwo in Deutschland noch ein weiteres Westerland gab.

»Seit wann ist Ihr Mann verschwunden, Frau Hansen?«

»Seit heute!« Evelyn stieß einen heulenden Schluchzer aus, die DLRG-Mitarbeiterin drückte ihr erschrocken die Schulter und strafte den Polizisten mit einem vorwurfsvollen Blick.

»Haben Sie sich gestritten? Gab es irgendeinen Konflikt?«

»Nein!« Wieder ein lauter Schluchzer! »Er hatte nasse Socken und wollte sich trockene holen.«

»Trockene Socken?«, fragte der Polizist irritiert. »Wo wollte er die denn holen?«

»Im Wohnmobil!«

»Ach so …« Der bärtige Mann notierte etwas auf seinem Block.

»Kennzeichen?«

»Das weiß ich leider nicht.«

Der Beamte wechselte kurz einen augenrollenden Blick mit dem DLRG-Mädchen.

»Es war ein Leihmobil«, erklärte Evi.

»Aha. Und wo haben Sie es geliehen?«

»Das weiß ich leider auch nicht. Irgendwo bei Hannover, glaube ich. Das hat alles mein Mann gemacht.«

»Wo könnte er denn hingefahren sein?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung. Wir wollten eigentlich an den Gardasee …«

»Auf welchen Campingplatz?«

Evi zuckte mit den Schultern.

Der Beamte erhob sich stirnrunzelnd und klappte seinen Notizblock zu. »Wir warten jetzt mal 48 Stunden ab, Frau Hansen. Sollte Ihr Mann bis dahin nicht wiederaufgetaucht sein, geben wir eine Vermisstenmeldung raus.«

Evi nickte ehrfürchtig. Vermisstenmeldung! Sie kam sich plötzlich vor wie bei »Aktenzeichen XY ungelöst«.

»Wir werden Sie jetzt erst mal zum Bahnhof bringen, damit Sie nach Hause fahren können«, sagte der Beamte und schob den Notizblock in seine Brusttasche.

Evelyn nickte schluchzend. »Aber ich habe doch gar kein Geld! Mein Portemonnaie habe ich im Wohnmobil-Safe gelassen.«

»Kein Problem. Das übernimmt in solchen Fällen Vater Staat«, zwinkerte der junge Beamte ihr zu und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.

Als die beiden Polizisten sie über den Strand zum Polizeibus eskortierten, versuchte Evelyn, die neugierigen Blicke der Touristen zu ignorieren.

»Ich habe nichts verbrochen! Ich suche nur meinen Mann«, wollte sie laut rufen und fragte sich im Stillen, für was die Gaffer sie wohl hielten. Eine Diebin? Eine Mörderin? Eine Verrückte? Oder gar für so etwas wie eine Exhibitionistin?

»Rrrrrrrummmms!!« Die Schiebetür des Busses fiel ins Schloss, und Evelyn wurde durch die blickdichten, schwarz getönten Scheiben vor den neugierigen Blicken abgeschirmt. Zum ersten Mal in ihrem zweiundfünfzigjährigen Leben saß Evelyn in einem Polizeiauto und kam sich darin sehr seltsam vor. Wer hier wohl alles schon gesessen hatte? Unfallopfer? Schwerverbrecher? Radikale? Darauf achtend, nichts anzufassen, um nicht mit krimineller Energie in Berührung zu kommen, verfolgte Evelyn die Fahrt vom Strand Richtung Bahnhof durchs Fenster.

»Hilfreich wäre, wenn Sie uns noch das Kennzeichen des gemieteten Wohnmobils und den Namen des Verleihs durchgeben könnten«, sagte der junge Beamte, der ihr gegenüber Platz genommen hatte. »Vielleicht finden Sie ja zu Hause noch etwas in den Unterlagen!« Er nickte ihr aufmunternd zu. »Herr Üzmir« stand auf dem Namensschild, das über die Brusttasche seines Hemdes geklettet war.

Sie hielten an dem kleinen Bahnhof Sankt Peter-Ording Bad, und Polizist Üzmir kaufte ihr unter den interessierten Blicken der anderen Wartenden ein Ticket und erkundigte sich, ob sie noch etwas Geld für Kaffee oder ein Brötchen brauche.

Evi nickte dankbar, obwohl ihr von der ganzen Aufregung speiübel war.

Herr Üzmir zog einen Zwanzigeuroschein aus seinem Portemonnaie und überreichte ihn ihr. »Viel Glück, Frau Hansen! Und gute Heimreise«, verabschiedete er sich schließlich.

»Danke«, wisperte Evelyn und nickte stumm.

»Das wird schon wieder«, sagte er. »Bis jetzt sind fast alle verschwundenen Ehemänner wiederaufgetaucht!« Er zwinkerte ihr noch mal zu. »Und falls nicht, melden Sie sich noch mal bei mir!« Er überreichte ihr seine Karte, kletterte in den Bus und brauste ab.

Zu Evelyns Glück fuhr bereits zwei Minuten später der Zug ein, sodass sie den taxierenden Blicken der anderen Passagiere entfliehen konnte, die ganz offensichtlich rätselten, was es mit der merkwürdigen Szenerie auf sich haben mochte, die sie soeben beobachtet hatten. Das Abteil war nicht besonders voll, und Evi fand schnell einen Platz in einer leeren Sitzreihe, auf den sie sich erschöpft fallen ließ.

Draußen ging die Sonne rot unter, der Zug ratterte durch nebelverhangene Felder und Schafswiesen. Endlose flache Landschaften flogen vorbei. Evi starrte aus dem Fenster und versuchte zu rekapitulieren, was passiert war: Harti war weg! Einfach weg! Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie kam sich schrecklich hilflos und verloren vor. Hatte sie etwas übersehen? Hatte Harti eine Freundin? War er unglücklich? Es war doch alles wie immer gewesen … oder war es vielleicht genau das? Dieses »wie immer«, das ihn vertrieben hatte?

Okay, sie hatten sich in letzter Zeit nicht mehr viel zu sagen gehabt. Abends saßen sie vor dem Fernseher, und entweder schlief Harti dort ein, oder er beschäftigte sich mit seinen Zeitungen oder dem Handy – wenn er nicht auf dem Zweitfernseher in seinem Werkstattschuppen Fußball schaute.

Evi hielt das für normal. Natürlich fiel man mit über 50 nicht mehr leidenschaftlich jede Nacht übereinander her. Wann hatten sie eigentlich das letzte Mal Sex gehabt? Sie wusste es nicht. Und sie wusste auch nicht, ob es Harti gefehlt hatte. Ihr selbst hatte es jedenfalls nicht gefehlt, denn so »life changing« wie in Filmen oder Büchern war es eh nie gewesen.

Davon abgesehen hatte Hartis Name in puncto Standfestigkeit bei den letzten Malen nicht mehr halten können, was er versprach: Als »hart« konnte man seinen auf Halbmast stehenden Penis auch mit viel Fantasie nicht bezeichnen.

»Das macht doch nichts, wir können doch was anderes probieren«, hatte Evi versucht, mit ihm darüber zu reden, aber es war ihm so unangenehm, dass er nach dem zweiten gescheiterten weitere Beischlaf-Versuche einstellte und beide kein Wort mehr darüber verloren. Evi war es eigentlich egal, da sie auf den ehelichen Verkehr sowieso keinen großen Wert legte, aber ob Harti sehr darunter gelitten hatte, ob er etwas gegen sein »Problem« unternommen hatte – sie wusste es nicht …

War sie zu bequem geworden? Hatte sie Harti zu sehr als selbstverständlich genommen? Seit sie nicht mehr im Laden stand und repräsentieren musste, hatte sie sich in puncto Kleidung, Figur und Frisur ziemlich gehen lassen, musste sie zugeben: Ihren stetig fülliger werdenden Körper verhüllte sie mit bequemen Elastikbund-Leggings und weiten Blusen. Ihre Haare hatte sie vom mühsam mit Lockenstab gewellten Bob zum pflegeleichten Kurzhaarschnitt verändert, ihre Füße entspannte sie mit flachen Sandalen oder Turnschuhen, und ein aufwendiges Make-up tat sie sich auch nicht mehr an, seit sie nur noch zu Hause arbeitete, wo sie niemand sah.

Niemand außer Harti …

Ja, ihr Gesamterscheinungsbild war nicht gerade eine erotische Sensation – aber Hartis ja auch nicht! Sein Bierbauch nahm stetig an Umfang zu und seine Zahngesundheit stetig ab.

Vielleicht war er ja auch entführt worden, durchfuhr es sie so plötzlich wie ein Blitzschlag, und sie schoss vor Schreck kerzengerade in die Höhe. Und morgen würde ein aus Zeitungsschnipseln zusammengefügter Brief in ihrem Briefkasten liegen. Oder sie würde einen stimmverzerrten Anruf auf ihrem Handy bekommen. Ach Quatsch, schalt sie sich und sackte wieder in sich zusammen, wir haben doch gar kein Geld …

Und wenn ein Irrer ihn entführt hatte? Ein Psychopath? Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. Wären sie doch bloß nie mit diesem bescheuerten Wohnmobil losgefahren! Sie hatte ja gewusst, dass das keine gute Idee war … Evi schniefte in ein Taschentuch und wischte sich die Tränen aus den Augen.

» … unsere Tochter ist Stewardess, deshalb kriegt sie Luxushotels immer um die Hälfte billiger. Nur Luxushotels – normale nich!«, prahlte in der Reihe vor ihr eine Frau lautstark vor ihrer Sitznachbarin. »In Mexiko hatten wir ’ne Tswiet. Da ist der Strand so weiß, dass ich mir erst mal ’ne Sonnenbrille kaufen musste. Dagegen sieht der Sand auf Sylt aus wie Dreck …« 

Evi schüttelte innerlich den Kopf. Na, die hatten Probleme! Sie wünschte sich, sie müsste auch lediglich darüber nachdenken, wo der Strand am weißesten wäre. Und eine Tochter, die sie anrufen könnte, hätte sie jetzt auch ganz gern. Aber Harti wollte ja keine Kinder.

Evi räusperte sich und atmete tief durch. Es nützte ja nichts: Die Situation war, wie sie war, und sie musste sich nun damit arrangieren – ob sie wollte oder nicht.

Um 23:52 Uhr fuhr der Zug endlich in den Bahnhof Westerland ein. Leere Gleise, die Laternen verbreiteten kaltes Neonlicht, unter dem sich Motten- und Mückenschwärme tummelten, und in dem leeren Bahnhofsgebäude, in dem es normalerweise von Menschen wimmelte und nach frisch gebackenen Croissants roch, waren alle Läden zu und dunkel. Evi kam sich absolut verloren vor. So spät war sie noch nie auf dem Bahnhof gewesen.

Da auch die Taxifahrer schon Feierabend gemacht hatten, marschierte Evi die kurze Strecke zu Fuß nach Hause und fischte den Ersatzschlüssel unter dem Geranientopf hervor, der vor der Haustür stand.

Es war komisch, das leere Haus zu betreten. Obwohl sie nur einen Tag weg gewesen war, schien es anders zu riechen. Verlassen, irgendwie … Die Stille hallte ohrenbetäubend laut in ihrem Ohr. Das Ticken der Küchenuhr war das einzige Lebenszeichen.

Als Evi das Schlafzimmer betrat, schossen ihr die Tränen in die Augen. Auf Hartis Seite lag sein gebügelter Schlafanzug, ohne den er nie ins Bett ging. Evi fand das sehr schade, weil sie auch nach dreißig Jahren immer noch gern Haut-an-Haut-Körperkontakt mit ihrem Mann gehabt hätte. Aber Harti wollte das seit Jahren nicht mehr. Er hatte sowieso immer Schwierigkeiten mit Körperlichkeiten gehabt, die nicht sofort Sex einleiteten.

Meistens ging er später als sie ins Bett, nachdem er bis tief in die Nacht in seinem Hobbyraum an irgendwas gewerkelt hatte.

Vollkommen erschöpft ließ Evi sich auf die teure Dream-Sleep-Matratze fallen, die sie erst kürzlich zu beider Rückenentlastung gekauft hatten, und schlief sofort ein.

3

»Evi??« Irmi Wilkens von nebenan fegte die Eingangstreppe vor ihrem Haus und starrte sie mit übertrieben weit aufgerissenen Augen an. »Was machst du denn hier? Ich dachte, ihr wärt auf Weltreise …?«

Wie immer konnte die Wilkens ihre Neugier kaum im Zaum halten. Wer weiß, wie lange sie schon hinter der Gardine gelauert hatte, bis Evi endlich aus dem Haus kam. Bestimmt hatte sie auch ihre späte Heimkehr gestern Nacht mitbekommen. Und wenn nicht sie selbst, dann auf jeden Fall ihr verfetteter Pudel Julchen, dachte Evi.

»Es ist was dazwischengekommen!«, sagte Evi und beeilte sich, auf ihr Fahrrad zu steigen.

»Wirklich? Was denn?«, rief Irmi neugierig.

»Bis später, Irmi! Ich muss los!«, winkte Evi im Antreten und war froh, schnell aus Irmis phonetischer Reichweite zu kommen.

Es war schrecklich gewesen, in einem leeren Bett aufzuwachen. Seit dreißig Jahren hatte sie mit Harti Seite an Seite gelegen. Während ihrer gesamten Ehe hatten sie nicht eine Nacht getrennt verbracht. Und nun war seine Bettdecke unberührt und sein Kopfkissen nicht zerknüllt wie sonst immer. Und es hatte sie auch nicht drei- bis fünfmal die Nacht sein ohrenbetäubendes Schnarchen geweckt.

Ungewöhnlich ausgeschlafen hatte sich Evi deshalb um sechs Uhr morgens die Augen gerieben, und sofort war ihr schockartig die furchtbare Situation ins Hirn geschossen, in der sie sich befand: Harti war weg!! Aber heute war ein neuer Tag! Wahrscheinlich war alles nur ein blödes Missverständnis und würde sich in den nächsten Stunden schnell aufklären. Optimistisch kletterte sie in die Dusche und ließ sich von dem warmen Regenschauer entspannen. 

Mit einem dampfend heißen Becher Kaffee in der Hand machte sie sich daran, die Mietvertragsunterlagen des Wohnmobilverleihs zu suchen. Aber es war nirgends etwas zu finden. Seltsam. Harti war eigentlich eher chaotisch veranlagt. Immer musste sie ihm hinterherräumen. Dass zum Wohnmobil absolut gar nichts herumlag, war ungewöhnlich. Sogar seine Camper-Zeitschriften waren verschwunden …

Aber die Buchung war doch übers Konto gelaufen, schoss es Evi durch den Kopf. Vielleicht konnte man über die Bank herausfinden, wohin das Geld gegangen beziehungsweise wer der Empfänger gewesen war. Begeistert von ihrer spitzfindigen Idee hatte sie sich daraufhin per Fahrrad auf den Weg zur Nord-Ostsee-Sparkasse gemacht – und war vor ihrer Haustür von Irmi gestellt worden. Aber die hatte sie ja nun abgehängt. In schnellem Tempo und mit durcheinanderwirbelnder Frisur flog sie der Bankfiliale in Westerland entgegen.

Herr Mommsen, ihr Bankberater, begrüßte sie wie immer überschwänglich. »Ach, Frau Hansen, schön, Sie mal wieder zu sehen! Geht es Ihnen gut?« Er reichte ihr euphorisch strahlend die Hand und schüttelte sie mit festem Griff.

Evi biss innerlich die Zähne zusammen, weil durch Herrn Mommsens schraubstockartigen Händedruck ihr Ehering schmerzhaft an den Mittelfinger gequetscht wurde. »Gut, danke!«, lächelte sie gequält.

Herr Mommsen beziehungsweise die Nord-Ostsee-Sparkasse spekulierte schon seit Langem auf ihr Haus, dessen Grundstück an den geplanten Neubau einer Versicherungsgesellschaft grenzte, an der die Nospa beteiligt war. Kontinuierlich überhäufte Herr Mommsen sie deshalb mit lächerlich niedrigen Kaufangeboten, die Harti genauso kontinuierlich ablehnte. Das Ganze hatte aber den durchaus angenehmen Effekt, dass Herr Mommsen sie quasi auf Händen trug, sobald sie die Filiale betrat. Auch jetzt lud er sie wieder sofort in sein Büro.

»Und zu Hause? Wie geht es Ihrem Mann?«, flötete er ihr die üblichen Small-Talk-Floskeln über die Schulter zu, während er beflissen vorausging.

Evi erzählte ihm die Geschichte, die sie sich auf dem Weg zur Sparkasse auf dem Fahrrad ausgedacht hatte: Harti sei mit dem Wohnmobil schon in den Urlaub vorgefahren, und sie würde nachkommen, weil sie ihrer Cousine noch bei der Inventur ihrer Boutique helfen müsse. Harti hätte ihr gerade am Telefon gesagt, dass beim Wohnmobilverleih noch eine Nachzahlung getätigt werden müsse und sie die Überweisung überprüfen solle. Da sie aber kein Onlinebanking habe, sei sie nun deshalb hier. Ob Herr Mommsen so freundlich wäre, ihr eine Kopie der Überweisung herauszusuchen? Das wäre dann auch schon alles.

»Aber selbstverständlich, liebe Frau Hansen!«, ereiferte sich der kleine Mann mit der glänzenden Halbglatze. Er griff zum Hörer und befahl seiner Sekretärin, den Überweisungsvorgang herauszusuchen. Einmal den Küchenboden so spiegelglatt gebohnert kriegen, wünschte sich Evi jedes Mal, wenn ihr Blick auf Herrn Mommsens glänzendes Haupt fiel.