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Denn Schuld verjährt nicht … Als Archäologen bei Ausgrabungen nahe eines alten Kriegsgefangenenlagers auf eine mumifizierte Leiche stoßen, wittert Lokalreporter Philip Dryden eine Story, die ganz Cambridgeshire erschüttern könnte: Der Tote hat eine kostbare Perlenkette in der Hand, ein Einschussloch in der Stirn … und alles deutet darauf hin, dass er nicht auf der Flucht aus dem Lager war – sondern hineinwollte! Dryden ist sich sicher, dass seine Heimatstadt ein Verbrechen verbirgt, das in den 40er Jahren weite Kreise zog. Mit seinen Nachforschungen ruft Dryden allerdings auch einen Mörder auf den Plan, der sein schreckliches Geheimnis tief unter der Erde vergraben glaubte … und nun nichts mehr zu verlieren hat! Der Kriminalroman »Dunkler als ein Grab« von Jim Kelly ist der dritte Band seiner »Mord in Cambridgeshire«-Reihe, die Fans von Charlotte Link und Stuart MacBride begeistern wird.
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2023
Über dieses Buch:
Als Archäologen bei Ausgrabungen nahe eines alten Kriegsgefangenenlagers auf eine mumifizierte Leiche stoßen, wittert Lokalreporter Philip Dryden eine Story, die ganz Cambridgeshire erschüttern könnte: Der Tote hat eine kostbare Perlenkette in der Hand, ein Einschussloch in der Stirn … und alles deutet darauf hin, dass er nicht auf der Flucht aus dem Lager war – sondern hineinwollte! Dryden ist sich sicher, dass seine Heimatstadt ein Verbrechen verbirgt, das in den 40er Jahren weite Kreise zog. Mit seinen Nachforschungen ruft Dryden allerdings auch einen Mörder auf den Plan, der sein schreckliches Geheimnis tief unter der Erde vergraben glaubte … und nun nichts mehr zu verlieren hat!
Über den Autor:
Jim Kelly, geboren 1957, arbeitet seit vielen Jahren als Korrespondent der Financial Times in London. »Tod im Moor« war sein hochgefeiertes Krimidebüt, für das er unter anderem mit dem »Dagger Award«, dem größten britischen Krimipreis ausgezeichnet wurde. Jim Kelly lebt mit seiner Familie in Ely, Cambridgeshire, die auch Schauplatz seiner Krimireihe um Philip Dryden ist.
Bei dotbooks veröffentlichte Jim Kelly seine Krimireihe »Mord in Cambridgeshire« mit den Bänden:»Tod im Moor«»Kein Ort zum Sterben«»Dunkler als ein Grab«»Kalt wie Blut«»Spur der Knochen«
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eBook-Neuausgabe August 2023
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2005 unter dem Originaltitel »The Moon Tunnel« bei Michael Joseph, an Imprint of the Penguin Books Ltd., London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Unter der Erde« bei Blanvalet, München.
Copyright © der englischen Originalausgabe 2005 by Jim Kelly.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2006 Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
Die Rechte an der deutschen Übersetzung von Carsten Mayer liegen beim Blanvalet Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Covergestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ys)
ISBN 978-3-98690-750-1
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Jim Kelly
Dunkler als ein Grab
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Carsten Mayer
dotbooks.
Für Rosa, die mich lehrte, immer nach dem Mond zu sehen
Der Mann im Mondtunnel hält an und lauscht auf die Nacht über sich; er bibbert ungeachtet der Schweißtropfen, die ihm in die Ohren rinnen, bis die Trommelfelle flattern wie Taubenflügel. Er robbt nicht mehr weiter, und der Schmerz in Ellenbogen und Knien lässt etwas nach, dann legt er die Lampe vor sich ab und bettet die Stirn in die Hände, um das Gesicht so vor dem feuchten Lehmboden zu schützen. Der Ring glitzert an seinem Auge, und er denkt an sie, spürt ihre Haut und streicht, in seiner Phantasie, über die S-Kurve ihrer Taille, ihres Oberschenkels. Wie einen Talisman hält er das Bild fest und stößt die Panik zurück, die ihn würgen macht. Er spürt die erdrückende Masse der Erde über seinem Kopf. Sein Herzschlag füllt den engen Gang, und er ringt darum, das Bild des freien Himmels vor sich aufsteigen zu lassen.
In diesem Augenblick, da er gelähmt dort unten liegt, schickt der Schatten der Nachtwolke sich an, vor dem Mond vorbeizuziehen. Ringsum auf dem Fenn erstarrt das Leben, als der Schatten auf das Land fällt und durchnässte Felder und den stummen Fluss in Dunkelheit hüllt. Die Ratten, die vom Mondlicht umspielt gemächlich in der trägen Strömung von Forty Foot treiben, andere, rascher von den Fluten von Old West getragen – sie alle suchen Zuflucht auf der sicheren Böschung. Aale, die sich im hohen Gras zappelnd an den verwesenden Überresten eines Schafes weiden, erstarren schlagartig zu Stein. Endlich ist auch der frisch verschleierte Mond gänzlich verschwunden, und still liegt die Welt darunter und wartet.
Er muss weiter, will er hier nicht sterben. Also tastet er nach den Schalbrettern an der Tunnelwand und zählt: 185, 186, 187. Er denkt nur an die Zahlen und verdrängt die Realität seines Tuns, dieses Ortes und dessen, was über ihm lastet. Von Fleisch zerfetzenden Drahtzäunen ummantelt schläft das Lager. Ein Dorf der Schatten, greifbarer als es die von der Verbannung ausgezehrten Männer je waren. Und selbst heute Nacht noch rütteln die Träume der Gefangenen an den doppelt verriegelten Fensterläden aus Holz.
Lebendig begraben!, denkt er und schreit unwillkürlich auf vor Furcht.
Er zählt weiter und versucht, die Panik zu verdrängen, die ihm die Kehle zuschnürt: 230, 231, 232, 233. Er hält an und kauert sich zusammen, bis er den Strahl der Lampe über das Holz streifen lassen kann. Da ist es: Verblichen prangen die Schablonenbuchstaben auf dem Kiefernbrett: ROTES KREUZ.
Er zieht das Stemmeisen aus dem Gürtel, setzt es in der Ritze an und löst das Brett aus der Erde. Dahinter öffnet sich, einem unterirdischen Briefkasten gleich, ein mit Brettern ausgekleidetes Kämmerchen. Darin ein längliches Bündel aus gewachstem Öltuch. Wie ein Grabräuber greift er danach; und er weiß, sein Gesicht ist entstellt von der Gier, die ihn hierher getrieben hat.
Wieder legt er die Lampe ab, zertrennt mit dem Taschenmesser den Zwirn, und das Bündel klappt auf. Der Kerzenleuchter blitzt, obwohl das Silber angelaufen ist. Er taxiert den Wert und legt das Stück beiseite. Sonst ist nur die aufgerollte Leinwand noch da, und in seinen Zorn mischt sich Enttäuschung: Ist das wirklich alles? Er durchtrennt eine zweite Schnur, und das Bild entrollt sich: Sepiafarbene Wölkchen, ein Schäfer, der versonnen den Blick nach oben richtet, dazu die halb verdeckte Scheibe des Vollmonds; auf dem Gemälde aber liegen die Perlen, weiß wie Zähne, und er lächelt.
»Schön?«, erkundigt sich eine Stimme, doch nicht die seine.
Er tastet nach der Lampe, ist aber nicht schnell genug, um seinen Mörder zu sehen. Dem lang gestreckten Lichterschein eines Nachtzuges gleich leuchtet das Mündungsfeuer den Tunnel aus. So betäubt ist er, dass er den Knall nicht hört, der ihm das Leben raubt. Doch er spürt die Hand, die an seinen Fingern reißt, an dem Ring, bis dann die Bretter über seinem Kopf, die durch die Erschütterung des Schusses geborsten sind, sich verwinden und die Erde zuerst rieselt, schließlich stürzt. Und dann hört er, als ihm die Last des Lehms schon den Brustkorb zerquetscht, einen Schrei – und er weiß, es ist nicht der seine.
Oben ist der Schuss zu hören, und der Bann ist gebrochen. Rauchgleich erhebt sich eine Wolke Kiebitze über den Fluss, und als – wie aus dem Nichts – ein Lichtstrahl auf die oberste Kante des dunklen Mondes fällt, da hebt, für beinahe einen jeden, einmal mehr das Leben an.
Im klammen, kompakten Herzen des frühmorgendlichen Smogs stand Humphrey H. Holts Privattaxi auf dem Marktplatz von Ely. Humph wischte ein frisches Bullauge in die beschlagene Windschutzscheibe und spähte hinaus: nichts; ebenso gut hätte er vom antarktischen Nebel umhüllt auf einer Scholle Treibeis sitzen können. Bibbernd fiel ihm auf, dass er gerade noch die Konturen der nächstgelegenen Gebäude ausmachen konnte, der alten Getreidebörse und des Kinos, dazu einen einzelnen Briefkasten, der am äußersten Rand seines Blickfelds dastand wie ein Buckliger. Dahinter türmte sich gewaltig die massige Kathedrale auf, doch nur im Gedächtnis. Auf einem Bein stand eine Ente auf dem schimmernden, roten Pflaster des Platzes, den Kopf unter einen feuchten Flügel gesteckt, und eine Katze trippelte vorüber und war verschwunden.
Von einer unsichtbaren Platane fiel ein herbstliches Blatt und ließ sich auf der Windschutzscheibe seines geliebten Ford Capri nieder. Mürrisch beäugte es der Taxifahrer, dann fegte er es mit dem Scheibenwischer beiseite. Seit drei Tagen lag die Stadt nun schon unter dieser erstickenden Smogdecke, die einen beißenden Geschmack auf der Zunge machte und Humph die Tränen in die babyblauen Augen steigen ließ. Er rieb sie sich und erwog ein Nickerchen, entschied aber, so früh am Tage lohne das den Aufwand nicht. Stattdessen drehte er die Heizung des bejahrten Taxis hoch und ruckelte und schuckelte, bis jedes einzelne seiner mehr als hundert Kilo wohlig untergebracht war. Man konnte eigentlich nicht sagen, dass er in seinem Taxi saß – er war darin festgezwängt.
Mit einem flinken, dürren Finger drückte er den »Ein«-Knopf des Kassettendecks. Lautstark erfüllte die erste Lektion seines neuesten Sprachkurses das Taxi: umgangssprachliches Polnisch für Anfänger. Er wiederholte den Gruß, den Justina an den alten Laternenanzünder des Dorfes richtete, und blickte dabei gen Osten, Fore Hill hinab, über das Black Fen hinaus. Einen Moment lang lichtete sich der Nebel wie eine riesige Daunendecke beim Aufschütteln, und er erhaschte einen Blick auf den blauschlierigen Horizont, so fern und flach, wie er in den Weiten Osteuropas schöner nicht zu finden gewesen wäre.
Philip Dryden, Chefreporter des Crow, schlug mit der flachen Hand auf das Taxidach, riss die Beifahrertür auf und ließ sich auf den Sitz knallen. Mit seinen knapp eins neunzig musste er seine schlaksige Gestalt richtiggehend in sich zusammenklappen, damit er in Humphs Taxi passte – die Knie nach oben, den Hals zur Seite. Sein schwerer, schwarzer Mantel war von Tautröpfchen gesprenkelt.
»Das war jetzt aber mal hochgradig unterhaltsam«, sagte er zur Begrüßung.
Er schleuderte den Notizblock in das Handschuhfach, dem er im Gegenzug eine der Minischnapsflaschen entnahm, die Humph bei seinen regelmäßigen Fahrten zum Flughafen Stansted dort einlagerte. Dryden drehte den Schraubverschluss auf und genehmigte sich einen Schluck Talisker Maltwhisky. Humph, der spürte, dass sich hier ein geselliges Momentchen in ihrer ansonsten doch eher konfliktreichen Beziehung anbahnte, griff zu einem kleinen Crème de Menthe.
Dryden schloss die Augen und warf den Kopf in den Nacken. Sein Gesicht war frühnormannisch, ein mittelalterliches Konglomerat düsterer, geometrischer Züge, die jedem Münzportrait von der normannischen Eroberung bis zu Heinrich dem Fünften aufs Schönste angestanden hätten: eine gerade Stirn, hervorspringende Wangenknochen und tief liegende grüne Augen, das schwarze Haar kräftig und kurz. Er war Mitte dreißig und würde es die nächsten zehn Jahre auch bleiben.
»Ich komm mir vor wie mit Beton ausgegossen. Ich wäre fast in Ohnmacht gefallen vor Langeweile«, sagte Dryden. »Zwei sind echt umgekippt.«
Humph lachte unhörbar, und sein von Kohl und Curry geschwängerter Atem verhieß wenig Gutes. Trotz der Feuchtigkeit kurbelte Dryden das Fenster herunter und genehmigte sich einen zweiten Schluck. Nach einem Jahrzehnt würdevollen Verfalls hatte einer der Läden auf dem Platz soeben als Spezialgeschäft für Camping, Kletterausrüstung und Outdoor-Sportarten neu eröffnet. Ein halbwegs berühmter Bergsteiger hatte das rote Band durchschnitten. Dryden war in der Hoffnung auf einen Artikel dabei gewesen.
»Der einzige Bergsteigerladen im ganzen Fenn. Brillant. Das wird die Erfolgsstory«, meinte Dryden.
»Könnte klappen«, sagte Humph, ließ den Capri an und fuhr los.
Dryden warf einen Seitenblick auf den Freund. Humph mochte sich in acht obskuren europäischen Sprachen unterhalten können, aber sein Gesprächsenglisch war so unterentwickelt wie die Bergwacht von East Anglia.
»Eine tolle Empfehlung und dann auch noch vom Besitzer des einzigen zweitürigen Taxis in Ely. Das ist doch dein einzigartiges Verkaufsargument, stimmt’s?«, stichelte Dryden und amüsierte sich köstlich. »Du hast eine Mietkarosse, in die nur eine Hälfte der Bevölkerung einsteigen kann. Und nur die Hälfte von denen, die reinkommen, schafft es auch wieder nach draußen.«
»Es ist gut fürs Trinkgeld«, konterte Humph trotzig.
»Das möcht ich meinen, dass das die eins a Trinkgeldquelle ist!«, sagte Dryden.
Humph ließ seinen schwabbelnden Oberkörper ein wenig zur Ruhe kommen, um damit anzudeuten, dass das Thema beendet sei. Mit den Fingernägeln kratzte er über die Nylonfront seines Ipswich Town FC-Trikots und brachte in einer Parkbucht auf dem Domanger das Taxi abrupt zum Stehen, da ihm bewusst wurde, dass sie nirgendwohin unterwegs waren. Der Nebel wurde plötzlich immer dichter und schmiegte sich zärtlich an einen Strebepfeiler der Kathedrale, an dem die Feuchtigkeit in Sturzbächen herabrann.
»Wohin jetzt?«, eröffnete Humph die Auseinandersetzung.
Dryden hatte es nicht eilig, ja, er hatte es tatsächlich schon seit etlichen Jahren nicht mehr eilig. Er sah den Taxifahrer an. »Und, was hat der Arzt gesagt?«
Da Humph so gut wie nie sein Auto verließ, sah man ihm den zunehmenden körperlichen Verfall kaum an. Nach einem akuten Anfall von Kurzatmigkeit hatte er heute Vormittag allerdings eine Praxis aufgesucht.
»Ich höre.« Dryden durchwühlte die Manteltasche und förderte ein leicht lädiertes Fleischpastetchen zutage, das er zu seinem Talisker futterte.
»Hat gemeint, ich soll zwanzig Kilo abnehmen – schnell. Hat mir einen Diätplan mitgegeben. Keine Pommes.«
Dryden nickte. »Und was wirst du tun?«
»Eine zweite Meinung einholen. Also, wo willst du hin?«
Das war eine gute Frage, und sie hätte Dryden schwer zu schaffen gemacht, wenn er sich darauf eingelassen hätte. Humph, der geschieden war und sich zutiefst nach seinen Töchtern sehnte, wurde von demselben Gespenst heimgesucht. Sie teilten ein zielloses Leben, dem nur der Segen des regelmäßigen Ortswechsels Struktur verlieh. Heute, morgen, den Rest meines Lebens, ging es Dryden durch den Kopf: Wo willst du hin?
Die Ladeneröffnung hatte nichts Verwertbares gebracht. Bis zum Redaktionsschluss des Crow waren es nur noch ein paar Stunden. Der Bergsteiger war definitiv allenfalls C-Prominenz. Dryden hätte sich beim besten Willen nicht erinnern können, was er erzählt hatte. Dryden hatte zwar mitstenografiert, aber wie alle seine Stenogramme war es komplett unleserlich. Wenn er ganz ehrlich war, wusste er nicht einmal mehr, wie der Typ eigentlich hieß.
»Schauen wir zur Ausgrabung raus«, entschied er und fuhr sich mit der Hand durch das kurz geschorene, schwarze Haar. Sensengleich durchschnitten die Scheinwerfer die Düsternis, als Humph in den Verkehr einscherte. Die Ausgrabung. Eine Gruppe von Archäologen auf einem Feld am westlichen Stadtrand hatte Dryden im Lauf des Sommers immer wieder mit brauchbaren Geschichten versorgt. Der Vormarsch der Barratt-Fertighäuser stellte eine ernste Bedrohung für die Ausgrabungen dar – und für den gesamten Westteil der Stadt.
»Die Invasion der kleinen Schachteln«, meinte Dryden, als sie am neuesten Geschwür von Spießbürgerheimen vorüberrauschten: Trüborange glommen die Signallampen an den Türen in der Finsternis.
»Du bist auch ein Spießer«, sagte Dryden und sah Humph an. »Ein selbstständiger Spießer im Hochgeschwindigkeitstransportbereich.«
Humph rülpste. Der Capri bog von der asphaltierten Straße in einen Schotterweg ein und holperte zwischen den gerade noch erkennbaren, in Nebel gehüllten Kiefern zu beiden Seiten dahin. Je weiter sie vorankamen, desto mehr hatte Dryden das Gefühl, er lasse die Welt hinter sich: die Welt der Geschäftseröffnungen, der Redaktionsschlüsse und der Arzttermine. Vor ihnen lag die Vergangenheit, die seit mehr als tausend Jahren im klebrigen Lehm der Isle of Ely begraben ruhte, und um sie herum tropfte es rhythmisch von den Bäumen, wie Uhren.
Das Taxi bahnte sich seinen Weg, hob und teilte wie ein Geisterschneepflug die Smogschlieren, die Scheinwerfer trübe Kopien der unsichtbaren Sonne. Dryden, der den Kopf auf die Nackenstütze gelegt hatte, schloss die Augen und dachte an seinen neuesten Albtraum, der ihn nun schon seit einem Monat Morgen für Morgen aus dem Schlaf riss. Sein Vorläufer war dabei keineswegs ein freudianisches Mysterium gewesen. Seit fünf Jahren lag Drydens Frau Laura nun in Folge eines Autounfalls im Koma. Eines Nachts hatte ein betrunkener Fahrer das Auto, in dem sie beide saßen, von einer einsamen Straße im Fenn abgedrängt. Es war in den Harrimere Drain gestürzt, eines der friedlichen, kristallschwarzen Wasserbänder, die sich im Zickzack durch das Moorland zogen. Der Betrunkene hatte Dryden an Land gezerrt und den Bewusstlosen in einem Rollstuhl vor dem Krankenhaus abgesetzt, wo er wieder zu sich gekommen war. Laura war allein in einer sich ständig verkleinernden Lufttasche in der völligen Finsternis des versunkenen Wagens zurückgeblieben. Als man sie schließlich befreite, lag sie im Koma, hatte sich vor einer Welt versperrt, die sie im Stich gelassen hatte. Hatte sich vor ihm versperrt.
Es war ein grausam anschaulicher Albtraum gewesen. In einem schwarzweißen Fluss aus Blut trieb Laura an ihm vorüber, und ihre ausgestreckte Hand blieb immer, immer gerade außer Reichweite seiner nach ihr greifenden Fingerspitzen.
Und dann, vor einem Monat, war es zum ersten Mal anders gewesen. Kindheit, Sommer, am Strand von Lowestoft. Seine Eltern schemenhafte Gestalten neben der Strandhütte, die sie jedes Jahr für die zwei Wochen nach der Ernte gemietet hatten. Er war fünf gewesen, vielleicht auch sechs, und die größeren Kinder, die unten am Wasser spielten, hatten ihn von seinen bescheidenen Burgen weggelockt. Sie hatten eine Grube gegraben, deren Grund im Schwarz der Schatten verborgen lag. Daneben eine identische und zwischen den beiden der Tunnel. Er hatte den Kindern beim Durchkriechen zugesehen, wie hypnotisiert. Dann bemerkten sie ihn, und er sah sich gehetzt nach einem Erwachsenen um, der einschreiten und ihn retten konnte. Aber seine Eltern lagen in ihren Liegestühlen und blickten zum Himmel hinauf. Also war er hinabgestiegen, aufgestachelt von den Mädchen, die sagten, er solle es nicht tun.
Selbst hier, im überheizten Taxi, spürte er den feuchten Sand um sich, die entfernten Strandgeräusche, die immer leiser wurden, je weiter er den grinsenden Gesichtern am Tunnelausgang entgegenkroch.
Dann das Knirschen des von oben niederstürzenden Sandes, das plötzliche Gewicht auf seinem Rücken und der Sand in seinem Mund, als er zu schreien versuchte.
Da wachte er schreiend auf, aufgeschoben die Rettung, und er schrie mit dem Mund voller Sand. Auch jetzt noch brach ihm der Schweiß aus, rann ihm an der Nase entlang auf die trockenen Lippen.
»Klaustrophobie«, sagte er und stieß mit den Fersen aus, gereizt, wegen der beengten Platzverhältnisse im Capri: Der Beifahrersitz war in einer vorgezogenen Position festgerostet und ließ kaum Raum für die Beine.
Aus dem Nebel tauchte ein Wegweiser auf, dessen Schild traurig nach unten hing: CALIFORNIA, der Name der Farm, die sich an der jetzigen Ausgrabungsstätte befunden hatte. Bauernhaus und Nebengebäude waren in den ersten Kriegsjahren zerstört worden, damit es Platz für ein Kriegsgefangenenlager gab. Der Boden war trocken, ideal für Obstbäume, und der Lehm schützte ihn vor dem feuchten schwarzen Torfmoor, das unmittelbar angrenzte.
Vor einem Jahr hatten Bauarbeiter die alten Lagerbaracken und ihre Betonfundamente abgerissen, um Raum für ein Neubaugebiet zu schaffen, und dabei inmitten des Gerölls ein winziges Amulett gefunden. Es war die Statuette eines Wagenlenkers, eine bezaubernde Arbeit aus weichem Gelbgold. Man hatte versucht, den Fund zu vertuschen, da man um die Einhaltung des Zeitplans fürchtete, doch Drydens nicht eben übermotiviertes Grüppchen hiesiger Informanten hatte ausnahmsweise einmal ins Schwarze getroffen. Ein Gerücht und jede Menge »kein Kommentar« hatten Dryden genügt, um unter der Schlagzeile »Geheimschatz bei Bauarbeiten in Ely entdeckt« einen Artikel im Crow zu veröffentlichen. Daraufhin hatte der Stadtrat einen sechsmonatigen Baustopp verhängt, der nach weiteren Funden auf ein Jahr ausgedehnt worden war: eine goldene Fibel und ein silberner Schwertknauf unter Bergen von angelsächsischen Keramikscherben.
Einen nachrichtenlosen Sommer lang hatte Dryden eine bunte Expertenschar zusammengetrommelt, die über die Wahrscheinlichkeit spekulierte, ob im Lehm der Isle of Ely ein fabelhafter Schatz zu finden sei, der womöglich gar das berühmte Wikingergrab von Sutton Hoo in Suffolk in den Schatten stellte. Dryden, der ein gutes Auge für Details hatte, wenn das andere sich auch gern dem Fiktionalen widmete, hatte die Fleet Street mit einer Fülle von Material versorgt. Er hatte die Wahrheit ein wenig gedehnt, allerdings nie anhaltend bis über die Zerreißgrenze hinaus. Irgendwann hatten die überregionalen Blätter sich dann anderem zugewandt und ihn als Späher zurückgelassen, weshalb er dem Rosenkranz allwöchentlicher Besuche einen Abstecher zum Ausgrabungsbüro hinzugefügt hatte – in der Hoffnung, er könne in dieser Stadt, in der schon die Fehlzündung eines Autos ein Radiointerview mit dem Fahrer zur Folge haben mochte, mit etwas Glück den einen oder anderen Artikel abstauben. Humphs Capri polterte durch das Tor des Ausgrabungsgeländes und auf das Büro zu – ein Container zwischen zwei blauen Dixiklos, allesamt fahle Konturen im weiß wabernden Nebel. Der Funkmast, der das Büro mit einem Breitband-Internetzugang versorgte, tauchte in die Wolke ein, die schwer auf das Gelände drückte. Ein landwirtschaftliches Großzelt in gebrochenem Weiß überspannte wie ein gestrandeter Eisberg auf Abwegen den wettergeschützten Arbeitsbereich. Hier säuberten und katalogisierten die Ausgräber Keramik und andere Artefakte, sobald das schlechte Wetter sie von der eigentlichen Grabungsstätte vertrieb.
Mit einem Scheppern wie von einer Kuhglocke knallte der Auspuff des Taxis gegen eine Bodenwelle, und Humph brachte den Capri mit einem kurzen Rutsch aufs Schönste zum Stehen. Wie immer beeilte Dryden sich beim Aussteigen in dem vergeblichen Versuch, sich von seinem Transportmittel zu distanzieren. Der Capri war ein Rostkübel mit Totenkopfflagge an der Antenne und einer riesigen, roten Nase am Kühlergrill. Es war, als reiste man mit dem Zirkus durch die Lande.
Humph würgte den Motor ab, und Stille senkte sich herab wie eine Wagenladung Baumwolle. Außerhalb der Stadt war die Sicht bei Smog besser, reichte aber auch hier keine fünfzig Meter weit. Vier Halogenscheinwerfer an den Ecken des Geländes leuchteten die Grabung aus, ein Echo der ursprünglichen Wachtürme des Kriegsgefangenenlagers. Im Dämmerlicht waren die Fluter angeschaltet; es gelang ihnen jedoch nicht, mit einigem Nachdruck bis auf den Boden durchzudringen. Der Bürocontainer stand offen, darin ein von einer Neonlampe erhellter Kartentisch mit diversen Keramikscherben.
»Professor Valgimigli?«, rief Dryden mit lauter Stimme, die der Nebel dämpfte. Nichts.
Zum Glück hatte Dryden den Lageplan des Geländes im Kopf: Die Archäologen hatten zwei Gräben ausgehoben, die sich wie das Fadenkreuz eines Zielfernrohrs in der Mitte des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers trafen. Die Gräben ließen die Betonsockel der vierundzwanzig ursprünglichen Gefangenenbaracken unberührt – von denen je sechs in jedem Quadranten des Geländes lagen. Der Bürocontainer stand am Südende des großen Nord-Süd-Grabens. Dryden ließ den Blick über die vor ihm liegende Rinne schweifen, in der sich der Nebel zu sammeln und zu verdichten schien. Er entdeckte die Spitze einer kleinen Leiter, stieg drei Stufen hinunter, sprang und pulverisierte beim Landen so vollständig wie mühelos ein Keramikstück aus dem sechsten Jahrhundert.
Die Helligkeit im Graben war gering, der Nebel dafür umso dichter, und er bekam eine Gänsehaut, als er langsam voranschritt und angestrengt versuchte, im Wirrwarr der wabernden Luftmassen eine erkennbare Form auszumachen. Das Fehlen eines sichtbaren Anhaltspunktes raubte ihm die Orientierung, und als er versuchte, die Sichtweite abzuschätzen, musste er feststellen, dass er kaum die eigenen Füße erkennen konnte. Der beißende Nebel reizte ihm die Kehle, und er hielt sich die Hand vor den Mund, während er tastend weiterging.
Vor sich hörte er das durch den Graben verstärkte Säuseln der Kiefern in der Ferne und dann ein anderes Geräusch: das scharfe Tapp-tapp einer Grabungskelle auf Lehm und Schotter. Er ging weiter nach Norden, und plötzlich war der Laut deutlicher, unnatürlich nahe, beinahe – so schien es – in seinem eigenen Kopf. Verlegen hüstelte er, und plötzlich sah er den grauen Umriss einer Gestalt vor sich.
»Dryden. Willkommen im Reich der Nebel.«
»Professore«, sagte Dryden, der Azeglio Valgimigli, den Grabungsleiter dieser internationalen Zusammenarbeit der Universitäten Cambridge, Lucca, Prag und Kopenhagen, an der Stimme erkannte. Er war in höchstem Maße gebildet, etwas, das Dryden, der dasselbe von sich nicht behaupten konnte, in seinen Bann schlug. Und doch umwehte ihn ein Hauch von Scharlatanerie, es hing den präzisen akademischen Gesten der schlanken Hände, der makellos manikürten Finger etwas Übermanieriertes an. Dryden konnte ihn sich gut in einem kühlen, gekachelten Museum vorstellen, wo er sich hingebungsvoll um die hinter Glas geschützten Exponate kümmerte, die, genau wie er, auf größtmöglichen Effekt getrimmt waren. Er war schlank, wenn auch eine Spur zu klein, um mit seiner professoralen Halbbrille und dem toskanischen, satt terrakottafarbenen Teint eine wirklich gute Figur zu machen. Dank einer Pressemitteilung, die zu Beginn der Ausgrabungen erschienen war, kannte Dryden sein Alter. Der Italiener war neununddreißig, sah aber älter aus, sein akademisches Gehabe hatte etwas Archaisches, das unablässige Ringen um Seriosität wirkte bemüht.
Seine Kleidung, wenn auch staubbedeckt, war vom Feinsten: Moleskin-Hose, ein Lederhemd, ein ausgeblichenes Halstuch aus Seide, wobei insbesondere letztere Affektiertheit Dryden einen heftigen Stich versetzte. Gegen den Fenn-Nebel wappnete er sich mit einer Thermoweste, und selbst die kam in modischem Mattschwarz daher.
Dryden, der immer versuchte, ein freundschaftliches Verhältnis zu den Leuten aufzubauen, die er nicht leiden konnte, begrüßte ihn mit einem innigen Händedruck.
»Was gibt’s heute?«, fragte er und spähte in das Loch, das Professor Valgimigli in die Seitenwand gegraben hatte.
»Heute, Philip, sind wir – wie sagt man? Seitenkopf?«
Dryden hatte dem Archäologen eine kurze, alkoholisierte Einführung in die Abstufungen eines Zeitungsartikels gegeben: vom Knaller zum Füller, vom Seitenheader zum Seitenfüllsel. Er hatte den Italiener nach dem Fund des silbernen Schwertknaufs in die Fenman-Bar gegenüber der Crow-Redaktion gelockt, was schließlich die Schlagzeile »Königsschwert bei Ausgrabung in Ely gefunden« gezeitigt hatte. Und das war eine Schande, denn es handelte sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um etwas anderes, allerdings war Valgimigli aufgrund der benebelnden Wirkung von sechs Pints dunklem Bier und einem beinahe zwanghaften Verlangen nach Publicity jedweder Art nicht in der Lage gewesen, eine Gegendarstellung zu erwirken. Die Geschichte hatte ihm immerhin einen Seitenaufmacher im Daily Telegraph eingebracht, noch dazu mit einem schmeichelhaften Foto.
»Seitenkopf« klang durchaus viel versprechend, aber Dryden hatte kein Zutrauen, was das Beurteilungsvermögen von Nachrichten des Gelehrten anging.
»Kann ich’s mal sehen?«
Valgimigli kniete sich auf den feuchten Lehm und schlug ein Stück Abdeckplane zurück. Auf dem dunkelgrünen Stoff hatte der Archäologe sechs augenscheinlich identische Fundstücke angeordnet, die wie verrostete Vergaserringe aussahen.
»Ich habe sie mit dem hier gefunden.« Valgimigli hielt eine geschwungene Keramikscherbe hoch, die mit blauen Schlieren verziert war.
»Achten Sie auf die Zeichnung«, mahnte der Professor. Dryden betrachtete das Gefäß. Köpfe vielleicht? Kürbisse? Banjos? Gab es überhaupt etwas Langweiligeres als alte Keramik?, fragte er sich. Ja, alte Vergaserringe.
»Es ist ein Stierkopf«, erklärte Valgimigli, und das Lächeln, das sich in seinem Gesicht breit machte, war die anschauliche Definition des Wortes blasiert.
»Und die?«, wollte Dryden wissen und deutete auf die Scheiben.
»Sehen nicht gerade spektakulär aus, was?«, meinte der Archäologe, wartete aber eine Bestätigung Drydens gar nicht erst ab, sondern fügte hinzu: »Es sind Zügelringe.«
»Für Pferde?«, fragte Dryden.
»Streitwagen«, erklärte Valgimigli triumphierend.
»Ach?« Dryden hatte leuchtend grüne Augen, wie die Glasscherben an steinigen Stränden. Wenn er sicher war, auf eine Story gestoßen zu sein, fing sich das Licht in ihnen.
Der Archäologe deckte die Ringe wieder ab. Dryden pfiff und wusste sehr wohl, wie nervtötend das sein konnte. »Streitwagen. Sprich Wagenrennen. Charlton Heston.«
»Wenn Sie so wollen«, sagte Valgimigli und ließ ihn sich zusammenreimen, was ihm gerade passte.
Ich will, dachte sich Dryden, dessen Antipathie noch zunahm, weil der Professor ihn derart unterschätzte.
Sie blickten auf, als ein Schatten in den Graben fiel. Das Team war eingetroffen und hob sich grau konturiert vom weißen Himmel ab: eine Geisterparade. Im Lauf der Monate hatte Dryden sie kennen gelernt, Professor Valgimiglis »Muskeln« – eine Gruppe von sechs Doktoranden aus Cambridge. Die anderen leitenden Archäologen statteten der Ausgrabung nur gelegentlich einen Besuch ab. Valgimigli war der große Zampano, schließlich trug Lucca den Löwenanteil der Kosten.
Sie waren zu fünft. »Josh hat etwas gefunden, Professor«, sagte eine Frau, die Dryden als Jayne kannte. Anerkennend nahm er den Schwung ihrer Hüften und die enge, modisch gebleichte Jeans zur Kenntnis. Sie sprach mit wenig Selbstvertrauen und einem ängstlichen Unterton. »Was er besser nicht gefunden hätte.«
Das Team trat in den Nebel zurück, und Valgimigli und Dryden arbeiteten sich weiter nordwärts zur zentralen »Kreuzung«, dem Schnittpunkt der beiden Längsgräben, vor. Dort bogen sie nach Osten ab und legten noch einmal knapp fünfundzwanzig Meter zurück. Sie kamen an ein großes Loch in der nördlichen Wand. Das Team wartete oben auf der Kante des Grabens, auf dessen Grund ein großer Fluter stand, der in den freigelegten Hohlraum leuchtete.
Valgimigli blieb stehen. »Josh?«
»Hier, Professor.« Die Stimme kam von so nah, dass Dryden aufsprang und sein ansonsten so wohl kaschiertes, schwaches Nervenkostüm präsentierte. Josh krabbelte mit einem Satz Grabungskellen und einer Stableuchte rückwärts aus dem Loch. Er war groß, blond und gut gebaut, allerdings störten seine groben Gesichtszüge und die matten grauen Augen den Gesamteindruck empfindlich. »Das Licht ist schlecht, aber sehen Sie selbst.« Dryden erkannte nun, dass die Öffnung gut einen halben Quadratmeter Durchmesser hatte und die Seiten offenbar mit alten Kiefernbrettern grob verschalt waren.
Valgimigli kam wieder heraus und reichte Dryden wortlos die Lampe. Dryden, mit einer unbekannten Furcht konfrontiert, tat, was die meisten Kinder tun – er rannte darauf zu, stieß den Oberkörper ins Loch, kroch drei Fuß weit hinein und holte dann den Arm, der hinten die Lampe hielt, nach vorn.
Da lag ein Totenkopf, gute fünfzehn Zentimeter vor seinem Gesicht. Auf seiner gelben Oberfläche spiegelte sich das Licht wie in ranziger Butter. Nur die Oberseite des Schädels war zu sehen, dazu über den Augenhöhlen ein Teil des Brauenbogens. Um den Schädel herum rieselte und arbeitete die soeben freigelegte Erde, und mit leblos hohlem Schlag plumpste ein Kiesel, der sich von der Tunneldecke löste, auf den ungeschützten Knochen.
Dryden schob sich einen Fuß weit zurück und sah, dass der Schädel nicht der einzige freigelegte Knochen war. Auch die Finger der rechten Hand ragten weit aus dem Boden heraus, und es schien fast, als entstiege das Skelett seinem Grab. Über die Schädelkrümmung kroch eine Schnecke auf den verborgenen Kiefer zu und drohte von ihrem eigenen, kippenden Haus in die Tiefe gerissen zu werden.
Dryden krabbelte ins Freie und spürte erleichtert die Liebkosung der feuchtkalten Luft.
»Und das?«, fragte der Archäologe, der sich niederkniete, um mit einem langen, metallenen Zeigestab die ungeschützten Fingerknochen sanft anzutippen. Ein Gegenstand blitzte auf: Die freigelegten Fingerknochen hielten etwas umfangen. Valgimigli beugte sich in die Öffnung hinein, streckte die Hand aus und barg es vorsichtig aus der rieselnden Erde. Das restliche Grabungsteam war über eine tragbare Leiter in den Graben gestiegen und hatte ein Fundtuch aus Kunststoff auf dem Boden ausgebreitet. Mit einer Andachtsbildern vorbehaltenen Sorgfalt legte Valgimigli das Objekt in der Tuchmitte ab. Es war ein gefalteter Wachstuchbeutel, wie Raucher ihn für Tabak benutzen, nur deutlich größer, im Format A4. Mit einer behandschuhten Hand und dem Metallstab brach der Archäologe ihn auf.
Eine milchweiße Perlenkette kullerte auf das Plastiktuch. Die silberne Schließe war nicht angelaufen. Valgimigli schob die Hand in den Beutel und förderte einen großen Kerzenleuchter zutage, ebenfalls in strahlendem Silber und mit einer Einlegearbeit aus Ebenholz in der Manschette. Er legte ihn zu den Perlen.
»Es ist ein Tunnel«, stellte Josh unnötigerweise fest. Er lehnte sich an die gegenüberliegende Grabenwand, auf der sich das zugehörige Gegenstück lockerer Erde abzeichnete. »Wir haben ihn mittendurch gesäbelt. Der Bagger hat den Lehm an der Öffnung glatt gestrichen – sieht aus, als wär er längst eingestürzt gewesen.«
»Wobei auch unser Freund hier ums Leben kam«, bemerkte Valgimigli. »Das Skelett, Josh? Was würdest du schätzen?«
Josh fühlte sich von der Frage geschmeichelt und dachte zehn Sekunden darüber nach. »Fünfzig Jahre?«
Valgimigli nickte. »In der Tat. Ein Mann in einem Tunnel unter einem ehemaligen Kriegsgefangenenlager«, sagte er. »Geheimnis gelüftet. Dryden?«
Dryden stemmte ein Knie auf den Tunnelrand und verrenkte sich ein wenig seitwärts, damit der blauweiße Fluterstrahl das Skelett ausleuchten konnte. Wieder bewegte sich die lose Erde, sodass die Stirn und ein Schulterblatt zum Vorschein kamen, dazu eine verrostete Erkennungsmarke, die ihm offenbar an einem Lederband um den Hals hing.
»Wohl kaum«, sagte er, trat einen Schritt zurück und griff nach dem Zeigestab. »Ich würde sagen, das da ist ein Einschuss.« Er deutete auf ein kreisrundes Loch im Schädel, knapp unterhalb der Braue. »Die Hundemarke wird natürlich nützlich sein. Aber es gibt hier noch ein Rätsel ...«
Dryden wartete, ob es noch jemandem auffiele. In Valgimiglis Augen blitzte Ärger auf, weil er wie ein Student behandelt wurde.
Dryden nahm den Metallstift zur Hand. »Wenn ich das richtig sehe, befinden sich die Kriegsgefangenenbaracken dort hinter uns ...« Einige Studenten spähten im dichten Nebel gen Norden.
Er wartete noch einmal etliche Sekunden. »Und der Zaun stand dort drüben.« Dryden schwenkte den Zeigestab um hundertachtzig Grad. »Da hat sich unser Gefangener also auf einer sehr ungewöhnlichen Mission befunden: Er ist hineingekrochen, nicht heraus.«
Die Müllkippe von Ely war eine zweieinhalb Meter hohe Halde – ein eigener Tafelberg für das Fenn. Ununterbrochen umkreisten ihn Möwen auf der Jagd nach Nahrung, und immer wieder stürzten sie sich wie Kamikazebomber im Sturzflug auf den Kipper, der sich wie ein Sisyphusroboter mit einer neuen Ladung verrottenden Abfalls, Fischgräten und Mahd nach oben quälte. Selbst wenn die Kippe vom Nebel verhüllt war, wie es diesen Herbst mit deprimierender Regelmäßigkeit geschah, wusste man doch, dass es sie gab: Bis hin zum Marktplatz war sie zu riechen.
Am Fuße dieses künstlichen Hügels lebte die kleine Gemeinschaft von Leuten, die sich zwischen den aufgereihten, leuchtend grünen Recyclingtonnen und den Holzverschlägen mit altem Elektroschrott, vor FCKW strotzenden Kühlschränken und Altmetall ihren Lebensunterhalt zusammenkratzten. Die Geschäftsleitung war in zwei auf Ziegelsteinen aufgebockten Wohnwagen untergebracht. Die Arbeiterschaft bewohnte eine Ansammlung von Nachkriegsbungalows im angrenzenden Fenn: das weitläufige Dörfchen Dunkirk.
Humph parkte den Capri unmittelbar vor den Toren, da er sich der Gefahr bewusst war, sein Taxi nie mehr zurückzubekommen, wenn er hineinfuhr. Bis zum endgültigen Redaktionsschluss des Crow blieben Dryden noch eineinhalb Stunden, bis dahin spätestens musste er den Artikel über das ausgegrabene Skelett telefonisch durchgegeben haben. Die Zügelringe würde er sich für den dienstags erscheinenden Ely Express aufsparen, das Schwesterblatt des Crow – schließlich hatte es wenig Sinn, eine ganz brauchbare Geschichte an einem Tag zu verschenken, an dem es eine echte kleine Sensation zu vermelden gab.
Das Thema der Woche war allerdings der Smog über der Stadt. Der Nebel an der Halde war schmutzig weiß, mit purpurbraunen Flecken versetzt wie verseuchter Schleim – ein überdeutlicher Anhaltspunkt, dass die gängige Theorie über die Ursache der Schmutzwolke wohl korrekt war: Altlasten, so die Expertenmeinung, wurden aus der fünfzig Jahre alten Müllkippe ausgewaschen, um sich mit den Herbstnebeln über dem nahe gelegenen Fluss zu einem veritablen Chemiecocktail zu vermengen. Dryden hatte bereits einen Artikel für die dieswöchige Ausgabe des Crow verfasst, doch damit der auch wirklich aktuell war, musste er so knapp vor Redaktionsschluss wie möglich auf den neuesten Stand gebracht werden. Da der Smog praktisch jeden Einzelnen aus der schrumpfenden Schar von 17 000 Lesern unmittelbar betraf, durfte man davon ausgehen, dass dieser Artikel der Reißer der Woche würde – trotz des geheimnisvollen Funds bei den Ausgrabungen in California.
Jetzt allerdings musste erst einmal der Artikel über das Skelett in Satz gehen. Ein Jahrzehnt in der Fleet Street hatte ihn gelehrt, schnell zu schreiben und sofort zu schreiben. Er hatte sich mit der Crow-Redaktion in Gestalt des verlässlich unzuverlässigen Nachrichtenredakteurs Charlie Bracken abgesprochen: Der hatte vor einer Stunde dreihundertfünfzig Worte haben wollen, aber angesichts der Umstände gehe es in zwanzig Minuten schon auch noch. Aus einem früheren Artikel, der damals nur ins Blatt gekommen war, um die Seite zu füllen, ließ Dryden sich von ihm ein paar Daten und Fakten zur Ausgrabung vorlesen.
Dann stieg er aus dem Taxi aus, hüllte sich in den schweren schwarzen Mantel, schloss die Augen, lehnte sich gegen das Dach und sagte sich den Artikel auf: »›In einem Tunnel unter dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager von Ely wurde gestern ein männliches Skelett gefunden.‹ Wie hört sich das an?«, wollte er wissen und beugte sich zu Humph hinunter.
Der Taxifahrer ließ sich zu einem Gähnen hinreißen, versetzte ihn der bevorstehende Beginn seiner täglichen Siesta doch bereits in Hochstimmung. Er antwortete nicht, denn es grämte ihn noch immer, dass er bei dem Versuch, sich die zehn polnischen Wurstsorten einzuprägen, die – wie praktisch – allesamt in dem Sprachkurs vorkamen, unterbrochen worden war.
»Egal, das muss es tun«, beantwortete sich Dryden die Frage dann selbst und wählte auf dem Handy die Crow-Zentrale an. Innerlich rüstete er sich für die Tortur, Jean, der tauben Typistin des Blattes, etwas zu diktieren. Sein Hauptproblem bestand allerdings darin, die Geschichte auf dreihundertfünfzig Worte auszuwalzen; er würde sämtliche Fakten in der Einleitung verbraten müssen.
»Gut!«, bellte Jean, als er sie an der Strippe hatte. »Leg los.«
In einem Tunnel unterhalb des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers von Ely wurden gestern Gerippe und Schädel eines Mannes freigelegt.
Nach Angaben der Archäologen, die – im Zuge von Grabungen zur angelsächsischen Vergangenheit Elys – den grausigen Fund machten, befindet sich ein Einschussloch im Schädel.
Eine erste Inaugenscheinnahme der Polizei von Ely ergab, dass der Tote offenbar nicht bei einem Fluchtversuch ums Leben kam, sondern vielmehr in das Lager einzudringen versuchte.
Professor Azeglio Valgimigli, der Leiter des internationalen Grabungsteams von California, erklärt: »Das war ein Schock für die jungen Archäologen, die das Skelett freigelegt haben – dies ist ganz eindeutig kein Fund aus der Zeit der Angelsachsen.
Wir wollen den Tunnel jetzt weiter freilegen und sehen, ob er sich bis zu den Lagerbaracken und über den Zaun hinaus zurückverfolgen lässt. Vermutlich diente er während des Kriegs zur Flucht.«
Das Lager wurde im Oktober 1941 für italienische Kriegsgefangene eingerichtet, die bei der alliierten Invasion der Großen Sandwüste in Nordafrika gemacht wurden. 1944 wurden die Italiener in ein Internierungslager auf dem Fenn umgesiedelt, da das Lager nach dem D-Day für deutsche Gefangene gebraucht wurde.
Dryden textete noch weitere knapp zweihundert Worte Gewäsch zusammen und vertraute darauf, dass es ohnehin nur von den wenigen gelesen würde, die sich die Mühe machten, von der Titelseite auf Seite fünfzehn weiterzublättern. Dann ließ er sich den ganzen Artikel von Jean noch einmal vorlesen – und hätte dazu auch fünfzehn Meter entfernt stehen können. Humph hatte es sich auf ein Nickerchen bequem gemacht, und ein mattes Lächeln furchte sein überraschend hübsches Kindergesicht.
Sobald der Artikel durchgegeben war, wandte Dryden seine Aufmerksamkeit der Müllkippe zu. Von den Recyclingtonnen aus wand sich ein Pfad die Flanke des künstlichen Berges hinauf, und als Dryden ihn entlangstapfte, hörte er Stimmen durch den Nebel schallen. Am Gipfel stieß Dryden auf Garry Pymoor, den Nachwuchsreporter des Crow, ein halbes Dutzend Arbeiter in reflektierenden Westen, einen Mann im Anzug mit einem Klemmbrett und einen jungen Polizisten. Die Redaktion hatte Garry losgeschickt, damit er die Müllgeschichte im Auge behielt und den Fotografen der Zeitung alarmierte, sobald sich jemand von der Stadtverwaltung blicken ließ. Der Anzugträger sah aus, als habe er einen schlechten Geruch in der Nase, was natürlich auch der Fall war. Dryden vermutete allerdings, dass dieser Gesichtsausdruck gar nicht auf der Tatsache beruhte, dass der Mann gerade auf einem gigantischen Komposthaufen stand, sondern seine Visage vielmehr permanent so war.
Und da war Ma Trunch. Dryden kannte sie, seit er vor nunmehr fünf Jahren, nach Lauras Unfall, beim Crow angefangen hatte. Nach Fenn-Maßstäben galt Ma als bizarr – und das hieß, dass man sie überall sonst weggesperrt hätte. Sie war ein Berg von Frau, das menschliche Ebenbild jener Erhebung, der sie – angeblich – ihren Reichtum verdankte. Sie trug etliche Schichten schlabberiger T-Shirts und Pullis und dazu offenbar gleich zwei Skihosen, die allerdings nie die Alpen gesehen hatten. Um die Hüfte hatte sie stets ein Seil geschlungen, an dem ein imponierendes Arsenal von Schlüsseln baumelte, und dazu eine Leine mit einem Hund am anderen Ende – ein Windhund mit verträumten, grauen Augen. Die grellroten Haare hatte sie sich mit einer Art Traktormotor-Wischlappen zu einem Dutt hochgebunden. Ihr Gesicht setzte sich aus etlichen Fleischlappen zusammen, von denen mehrere – freiluftbedingt – kirschrot leuchteten. Die Städter waren es durchaus gewohnt, sie von ihrem Hund umkreist mit einem Metalldetektor über die Felder streifen zu sehen.
»Ma«, grüßte Dryden mit skeptischem Blick auf den Hund. Der Reporter war ein Feigling von beeindruckender Vielseitigkeit, und seine Angst vor Hunden belegte zusammen mit seiner Höhenangst einen Spitzenplatz. Er versuchte, das Sabbern des Hundes und seine gefletschten Zähne zu übersehen.
Ma beachtete Dryden nicht und wandte sich an den Anzügler. »Das ist doch ein Scherz?« Der Akzent wollte so gar nicht zu ihrem Aussehen passen. Die Schärfe ihrer Diktion sprach unverkennbar von Upperclass und dem Selbstbewusstsein, das viel Geld mit sich bringt.
Der Mann warf einen Blick auf das Klemmbrett, an dem, wie Dryden vermerkte, kein einziges Blättlein klemmte. »Nein. Leider nicht, Mrs. Trunch. Der Zugang zur Halde wird gesperrt bleiben müssen, solange wir uns die Sache genauer ansehen. Das ...« – er deutete auf eine giftig aussehende, aufsteigende Dampfwolke, die die Müllhalde regelrecht aus ihrer Flanke blähte – »das«, wiederholte er, »gibt, wie Sie zugeben müssen, berechtigten Anlass zur Sorge.«
Garry hörte gespannt zu und machte sich Notizen – ein deutliches Anzeichen, dass er keine Ahnung hatte, was hier vorging. Der Mund stand ihm offen wie die Ladeklappe einer Autofähre, und seine Pickel glühten.
»Herrgott«, sagte Ma und wandte sich an Dryden. »Was willst du denn?«
»Ich schau nur«, verteidigte er sich.
»Und es gibt weitere Unregelmäßigkeiten«, erklärte der Anzügler.
»Unregelmäßigkeiten«, sagte Garry bedächtig und nahm sich Zeit mit dem Stenokürzel. Er wandte sich an Dryden. »Der Inspekteur hat sie gefunden, wie er auf der Kippe nach den Quellen der Verpestung gesucht hat ...«
»Was hat er gefunden?«, fragte Dryden, den Garrys Talent, das Wichtigste auszulassen, jedes Mal wieder in Erstaunen versetzte.
Garry zeigte zur Kante der flachen Rampe, wo unter einer grünen Plane eine Palette mit Sandsäcken zu liegen schien. Dryden schlug zuerst den Rand und schließlich die ganze Abdeckplane zurück. Da lagen drei Hunde, Schäferhunde alle drei, mit identischen Halsbändern. Der Tod ist immer hässlich, in diesem Fall aber hatte er sich selbst übertroffen. Zwei Hunde hatten das Maul mit getrocknetem Blut verklebt, und alle drei waren zu gepeinigten Knäueln verrenkt, die Zähne vor Schmerz gebleckt.
»Der Mülllasterfahrer sagt, ihm seien die Hunde unter dem Müll nicht aufgefallen, und er habe auch nicht hingeschaut, als er das Zeug abgeladen hat«, erklärte Garry. »Müssen wohl in einen von den Haushaltscontainern gekippt worden sein. Was meinst du?«
Dryden zuckte die Achseln. »Wachhunde?«, erkundigte er sich bei dem Polizisten. »Schäferhunde. Identische Halsbänder. Wann ist die Halde gestern Abend geschlossen worden?«
Der Polizist bemühte sich so zu tun, als sei ihm dieser Gedanke selbstverständlich auch schon gekommen, und stapfte davon, um das Revier in Ely anzufunken.
»Um acht«, sagte Ma und hielt ihren Windhund zurück, der die Witterung der Hunde aufgenommen hatte.
»Gift, würde ich schätzen«, sagte Dryden. »Ma?«
Sie nickte bekümmert und tätschelte dem Windhund den langen, pferdeartigen Kopf.
»Irgendwie komisch«, fügte Dryden hinzu. »Wenn jemand die Hunde aus dem Weg haben wollte, weil er irgendwo reinwollte – warum hat er sie dann nicht einfach da liegen lassen?«
Ma blickte auf eine kurze Autokolonne, die quer über das Fenn auf die Haushaltscontainer zusteuerte, um dort ihren Müll abzuladen, und zuckte die massigen Schultern. »Manche Leute sind einfach Arschlöcher. Vielleicht hat einer im Lotto gewonnen und gemeint, jetzt braucht er die Hunde nicht mehr. Manche Leute sind so – gefühllos. Bei einem Arbeitshund müht sich niemand mit einer betriebsbedingten Kündigung ab.«
Betriebsbedingte Kündigung. Noch so ein hässlicher Ausdruck. Die Arbeiter auf der Halde mit ihren reflektierenden Jacken traten besorgt von einem Fuß auf den anderen.
»Okay«, entschied Ma, »machen wir sie dicht.«
Humphs Taxi stand im dichter werdenden Nebel wie der graue Scherenschnitt eines Ford Capri, und ihm entströmten die einwandfrei gebildeten Vokale eines polnischen Bauern. Dryden zog die Tür auf, stützte das Knie auf dem Beifahrersitz und den Ellenbogen auf dem Dach ab, in der anderen Hand hielt er das Handy.
Sofort hatte er Jean an der Strippe. »Letzte Meldungen«, befahl er.
»Schieß los«, brüllte Jean, und er hörte sie fleißig mittippen, was er diktierte.
»Auf der Müllhalde Dunkirk bei Ely wurden gestern (Donnerstagabend) drei tote Schäferhunde entdeckt. Die Polizei kann nicht ausschließen, dass die Tiere von Einbrechern vergiftet und dort entsorgt wurden. Alle drei Tiere trugen Erkennungsmarken an den Halsbändern, die von der Polizei zur weiteren Untersuchung einbehalten wurden. Beschriftet waren sie statt mit Namen nur mit Kennnummern und dem Wort UMZÄUNUNG. Sachdienliche Hinweise werden unter Telefon 666 16 in Ely entgegengenommen.«
Jean las ihm den Text noch einmal vor. »Fein, danke. Stell mich bitte noch zur Nachrichtenredaktion durch.« Das Letzte-Meldungen-Kästchen war ein Relikt aus jenen Tagen, als Zeitungen noch Zeitungen waren – ein freies Feld auf der ersten Seite, in das nach Redaktionsschluss noch Nachrichten einkopiert werden konnten. Die meisten Abendzeitungen reservierten es für echte Sensationen. Der Crow vermeldete dort durchaus einmal das Ergebnis einer Blumenschau.
Charlie ging an den Apparat und rülpste. Dryden roch das abgestandene Bier noch durch das Telefon.
»Hallo. Hör zu – die haben die Müllhalde dichtgemacht. Du musst dir die Reportage noch mal vornehmen und ein bisschen aktualisieren – und schreib die Einleitung auf der Titelseite um – okay?«
»Klar. Überhaupt kein Problem«, erwiderte er. »Kannst du das nicht selber machen?« Dryden hörte das panische Knistern im Apparat.
Dryden sah auf die Uhr. »Lieber Gott. Na schön. Gib mir zehn Minuten.« Mit dem Zwei-Uhr-Piepen der BBC erwachte das Radio zum Leben. Der Redaktionsschluss des Crow lag bereits fünfzehn Minuten zurück, aber die Drucker waren freundlich und flexibel.
»Zum Crow«, sagte Dryden, knöpfte sich den schwarzen Mantel bis zum Hals zu und fingerte vergeblich an der Heizung des Capri herum.
Abgesehen von der durchnässten Schlange an der Bushaltestelle war der Marktplatz leer, nur ein jugendlicher Raser parkte am Taxistandplatz, und aus seiner Anlage dröhnte ein basslastiger Beat, der die umliegenden Schaufensterscheiben in Schwingung versetzte. Die Marktleute auf dem Platz packten schon zusammen, da die Kauflustigen sich wegen des Smogs früh auf den Heimweg gemacht hatten. Der Dampf aus der fahrbaren Burger-Bude verstärkte den Mief, und der Seifengestank wurde um die Note »verbrannte Zwiebel« erweitert.
Jean ließ beim Lächeln ihre Billigbrücken sehen, als Dryden hereinstürmte und die Holztreppe in die Redaktion hinaufpolterte. Sie war eine alte Jungfer aus Überzeugung und hatte sich nach dem Unfall, der Drydens Frau ins Koma gestürzt hatte, zu dessen moralischer Gouvernante erklärt. In ihrer Phantasie konnte diese Tragödie nur ein Happyend haben: die wundersame Genesung nebst Rückkehr zu dem Leben, das die beiden verloren hatten. Und bis es so weit war, war sie entschlossen, dafür zu sorgen, dass Drydens Dasein keusch und ganz und gar untadelig blieb.
Dryden hatte gegen diese nicht bestellte Anstandsdame gar nichts einzuwenden, schließlich teilte er mit ihr den Traum, sein Leben könne eines Tages wieder sein wie vor jenem feuchten, nebligen Abend vor fünf Jahren. Jeans schönstes Lächeln, das allein Dryden vorbehalten blieb, verdichtete ein Leben des Mitfühlens zu einem einzigen Gesichtsausdruck.
Nach zehn Jahren, die er im Trubel und Chaos der Redaktion der News in der Fleet Street verbracht hatte, löste das, was beim Crow in der Hinsicht lief, bei Dryden stets ein kindliches Gefühl des Behütetseins aus – als arbeite man in einem Puppenhaus. Der Raum war voll gestopft mit sechs PC-Arbeitsplätzen; ein Teil war allerdings durch eine Milchglasscheibe abgetrennt, um die Ungestörtheit des Herausgebers zu gewährleisten: Septimus Henry Kew. Auf jedem Schreibtisch blitzblanke Aufspießnadeln, die sich durch Presseerklärungen und ad acta gelegte Stadtratstagesordnungen bohrten, während Splash, der Redaktionskater, es sich auf dem blanken Holzfußboden genau dort gemütlich machte, wo das Heißwasserrohr zum Boiler verlief. Der ganze voll besetzte Raum war erfüllt von der Atmosphäre kaum unterdrückter Panik und dem üblichen Müll am Tag der Drucklegung: Styroporkaffeebecher, zwei überquellende Aschenbecher auf dem Tisch des Setzers und eine übrig gebliebene Portion Bratfisch mit Pommes.
Dryden hatte Garry in Dunkirk gelassen, damit er noch einen kurzen Artikel über die Auswirkungen der Schließung auf das Unternehmen und seine Arbeiter abfasste. Drydens Tisch zeichnete sich durch einen Laptop aus, den der Herausgeber bei einer Versteigerung erstanden hatte. Tragbar bedeutete in diesem Fall allerdings nur, dass man ihn mittels eines Flaschenzugs hätte bewegen können. Sämtliche Redaktionsarbeiten wurden in dem einen Raum abgewickelt – in dessen Ecke eine Schallschutzhaube stand; die hatte man beim Abriss des alten Postamts ergattern können, und von dort aus durfte Dryden ganz offiziell jegliche Sensationsmeldungen an die Press Association in London weiterleiten – eine zusätzliche Einnahmequelle, die die Gehälter sämtlicher Mitarbeiter um immerhin fünf Pfund die Woche nach oben schnellen ließ. Dryden zog eine Presseerklärung von seinem Spieß und kickte das zerknüllte Papier über den Monitor in einen abseits stehenden Müllkübel, eine kindische Angewohnheit, die ihn immens befriedigte.
Erscheinungsdatum des Crow war Freitag, gedruckt aber wurde am Donnerstagnachmittag in einer kleinen Druckerei am Stadtrand; Auflage derzeit 17 000 Exemplare, fallend, einst waren auf den Black Fens 21 000 Stück verkauft worden. Der Chefsetzer, ein verhutzeltes Männlein, das von allen nur Mack genannt wurde, legte Dryden eine Fahne der Titelseite auf den Schreibtisch. Der Artikel über das bei den Ausgrabungen entdeckte Skelett bildete das »Fundament« – die untere Hälfte der Titelseite, unter dem Smog-Anreißer, dazu ein Archivbild von Professor Valgimigli und eine historische Aufnahme des Kriegsgefangenenlagers von 1944, mit freundlicher Genehmigung des Stadtmuseums. Es zeigte eine Gruppe von italienischen Gefangenen am Lagerzaun, die anscheinend über einen Wärter lachten, der dem Fotografen zuliebe ein Gewehr schulterte. Dryden war immer wieder freudig überrascht, wie eine gute Story selbst die zynischsten Zeitungsmenschen unweigerlich anspornte. Die Seite sah klasse aus, die Schlagzeile lautete: »Mysteriöser Leichenfund bei Ausgrabung«. Die letzte Meldung über die toten Hunde auf der Müllhalde war in der linken unteren Ecke gelandet.
Dryden blieben noch fünf Minuten, um den Anreißer umzuschreiben. »Ich schieb dir die Artikel wieder in deine Zwischenablage rüber«, sagte Mack und trollte sich zum halb geöffneten Erkerfenster, um sich eine Selbstgedrehte einzupfeifen.
Von Philip Dryden
Staatliche Wissenschaftler haben das Rätsel um die »Erbsensuppe« über Ely gelöst, jenen undurchdringlichen, schmutzigen Nebel, der die Stadt seit dem Wochenende einhüllt.
Als Quelle wurde die hiesige Müllhalde Dunkirk eruiert, wo ein unterirdisches Feuer offenbar Schwefeldioxid in die Luft speit.
Beim Wochenmarkt am Samstag betrug die Sicht im Stadtzentrum nur noch fünfzig Meter, sodass in den überfüllten Straßen der Verkehr zeitweise vollständig zum Erliegen kam.
»Bei uns draußen ist es noch schlimmer«, berichtete Mrs. Marjorie Halls an der West Fen Road, Ely. »Gestern wollte ich meine Tochter zur Schule bringen, aber wir konnten nicht mal unsere Füße sehen, so eine Suppe war das.«
Die Stadt ist zwar für ihre Herbstnebel bekannt, die Experten sind sich jedoch einig, dass die schwere, dreckig gelbe Wolke, die sich regelmäßig bei Tagesanbruch bildet und meist bis Einbruch der Dunkelheit fortbesteht, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von industrieller Verschmutzung herrührt.
Vertreter des Umweltministeriums in Whitehall richten das Hauptaugenmerk ihrer Nachforschungen auf Dunkirk, den kleinen Weiler, der die ausgedehnte, von der Stadtverwaltung an ein Privatunternehmen vergebene Halde umgibt.
»Der verdichtete Müll auf dieser Halde, die seit 1964 besteht, hat sich unterirdisch entzündet«, erklärte Dr. John Towner, Wissenschaftler im Auftrag des Umweltministeriums.
Gut sichtbar sind die von der Westflanke des Müllbergs aufsteigenden Rauchschwaden. Überall im Umkreis des künstlichen Hügels wurden Sensoren aufgestellt, insbesondere entlang des Flusses Ouse.
Die ersten Ergebnisse zeigen Dr. Towner zufolge äußerst hohe Schwefeldioxidemissionen an. »Die Rauchpartikel dienen als Kernkörperchen, an denen sich das gasförmige Schwefeldioxid mit Wasser verbinden und Schwefelsäure bilden kann«, berichtete er.
Ungeachtet der möglichen Gesundheitsgefahren blieb der Ostteil der Halde mit den Recyclingtonnen für Haushaltsmüll während des Umweltskandals für die Allgemeinheit geöffnet.
»Für mich ist es überhaupt nicht ausgemacht, dass der Nebel von der Halde kommt«, erklärte Mrs. Evelyn May Trunch, die Haldenbetreiberin. »Es gibt jedes Jahr irgendwelche Feuer im Müll, das ist normal und überhaupt nicht gefährlich.«
Dennoch wurde für den heutigen Freitag ein Treffen der angereisten staatlichen Gesundheitsexperten mit Abgesandten der Bezirksverwaltung von East Cambridgeshire anberaumt, was eine vorübergehende Schließung der Halde bis zur Lösung des Problems zur Folge haben könnte.
Ein Sprecher des Nationalen Gesundheitsdienstes für Ely und den Bezirk erklärte, das Princess-of-Wales-Krankenhaus verzeichne einen starken Anstieg von Asthmabeschwerden und leichteren Hautirritationen sowie Dutzende von Leichtverletzten aufgrund von Stürzen und Verkehrsunfällen.
»Ich kann jedem Menschen mit Atemwegsbeschwerden nur dringend raten, tagsüber nicht ins Freie zu gehen«, sagte Dr. Peter McCaffrey von der hiesigen Gemeinschaftspraxis.
Die Brände dauern zwar auch in der Nacht fort, dann aber verhindern Expertenbeobachtungen zufolge die niedrigeren Temperaturen und das fehlende Sonnenlicht über der Nebeldecke die Säurebildung in der Luft.
WISSENSWERTES
Schätzungsweise 4000 Menschen fielen 1952 in London dem Großen Smog zum Opfer, der von Freitag, den 5. Dezember bis Dienstag, den 9. Dezember anhielt. Mit je neunhundert Opfern erreichte die Todesrate am achten und neunten Tag den Höhepunkt. Auf der Isle of Dogs ging die Sicht auf null zurück und blieb für über 48 Stunden bei unter fünfzig Metern. Ursache des Nebels – eine moderne Abart des von Charles Dickens in seinem Roman Bleak House beschriebenen »Londoner Echten« – waren industrielle Umweltverschmutzung ungeheuren Ausmaßes sowie die private Kohlebeheizung. Verschlimmert wurde die Situation durch eine Inversionswetterlage, durch die die verschmutzte Luft förmlich zu Boden gepresst wurde. Während des Großen Smogs wurden 370 Tonnen Schwefeldioxid in der Atmosphäre gemessen, aus denen sich 800 Tonnen Schwefelsäure bildeten. Der Smog erhielt dadurch einen beißenden Geschmack und führte verbreitet zu Augenreizungen.
»Fein«, sagte Dryden. »Kann ich da noch mal drüber?«
Mack schaute auf die Uhr. »Meinetwegen. Du hast zwei Minuten – das ist mein Ernst.«
Abwartend sah Dryden auf seine Online-Box, bis der aus der Druckdatei wieder freigegebene Artikel sich öffnete. Er ging sofort zur Sache, aktualisierte die Einleitung, indem er die Schließung der Halde einfügte, und bastelte noch ein wenig an den Zitaten und den folgenden Absätzen herum.
»Fertig«, verkündete er sechzig Sekunden darauf. »Mach am besten auch gleich eine neue Schlagzeile dazu – da gehört die Schließung unbedingt mit rein.«
Charlie Bracken schnappte sich seinen Mantel. »Super Arbeit. ’n Bier?«