Ebbe unter Wolken - Nele September - E-Book

Ebbe unter Wolken E-Book

Nele September

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Beschreibung

Warum musste es so kommen? Weshalb suchte sich die Anorexie ausgerechnet Ebbe und ihr Leben aus, um dieses komplett auf den Kopf zu stellen? Und wann hatte Ebbe aufgehört sie selbst zu sein und der Krankheit nachgegeben? Ebbe ist seit zehn Jahren geprägt von Anorexie und endlich auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen. Zu ihrem 20. Geburtstag lässt sie ihre Vergangenheit noch einmal in ihrem Kopf aufleben, um zu verstehen und aufzuklären und vor allem um aufzuzeigen, dass ihr Kampf sich gelohnt hat.

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EPUB
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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für meine Eltern.

Ihr habt so viel ertragen und eine unfassbare Stärke. Mir fehlen die Worte.

Für meinen einmaligen Mann.

Du zeigst mir jeden Tag aufs Neue, wie wertvoll das Leben ist.

Für unseren geliebten Sohn.

Du bist ein wahres Wunder.

Für Annika, Olli, Michi, Verena und Sascha.

Ihr habt mich – jeder auf seine ganz persönliche Weise – immer

unterstützt.

Danke.

INHALT

Prolog

Mädchenzeit

Alles ändert sich

Wirre Gedanken

Ebbe macht Ernst

Leise Zweifel

Entdeckt

In der Kinderklinik

Ebbes Geheimnis

Station 13

Gefangen

Entlassung

Unruhe

Station 8 (Lübeck)

Ebbe unter Druck

Weit weit weg

Ebbe gibt nach

Der Kampf beginnt

Lübeck hinter sich lassen

Mächtige Gedanken

Der Kampf geht weiter

Halt finden

Etwas ist stärker

Schwäche

Ebbe will leben

Zurück nach Lübeck

Diesmal ist es anders

Epilog

PROLOG

E s ist Freitagmorgen. Noch ein Tag bis zu ihrem Geburtstag. Ebbe sitzt alleine am Frühstückstisch in ihrer Zweier-WG in Lüneburg. Ihre Mitbewohnerin ist nicht da. Sie nimmt einen Schluck Kaffee, als das Handy klingelt. Ebbes Mutter Lore ist dran und stellt Ebbe eine einzige Frage. »Ebbe, morgen wirst du schon 20«, sagt sie. »Ich bin so stolz auf dich! Du hast viel geschafft. Dein Abitur ist bestanden und bald beginnt dein Studium. Doch es sind jetzt bereits zehn Jahre Krankheit. Ist dies nicht ein guter Zeitpunkt, um die Anorexie endlich vollständig loszulassen?«

Es ist ein schöner und sonniger Tag im August, das Fenster steht offen und Ebbe blickt gedankenverloren in den blauen, wolkenlosen Himmel. Zehn Jahre waren eine lange Zeit.

Ebbe denkt zurück …

1. MÄDCHENZEIT

Es war ein schöner, sonniger und ungewöhnlich warmer Frühlingstag im März. Warm genug, um sich in T-Shirt und kurzer Hose draußen aufzuhalten. Die gesamte Umgebung um den großen Pferdestall herum roch nach der gerade erst angebrochenen Jahreszeit. Nach frischem, saftigem Gras, süßlichen Blumen und warmer Erde. Man könnte fast meinen, Ebbe hätte auch die Sonne riechen können! Auf jeden Fall konnte sie die wärmenden Strahlen auf ihrer Haut spüren. Sie hörte das sanfte Summen der Bienen und atmete den samtweichen Geruch der Pferde ein, der sich mit dem Duft des trockenen Heus mischte. Ebbe hatte ihre eigene Stute gerade erst mit ihrer Familie hierher auf den Reiterhof gebracht. Klara war ihr neues Pony. Und es war ein neuer Reiterhof. Ein Neuanfang. Sowohl für sie selbst als auch für ihre Stute. Ebbe war aufgeregt und freute sich auf neue Bekanntschaften. Es war nicht Ebbes erstes Pony. Denn sie hatte bereits mit vier Jahren auf ihrem eigenen Shetty gesessen. Und heute war sie schon zehn Jahre alt. Doch Klara war mit ihren 1,48 Metern ein Endmaß-Pony, auf dem sie noch lange würde reiten können. Ein Tier, mit dem sie noch eine lange Zeit ihres Lebens verbringen würde. Nicht nur ein einziges Jahr. So war es bei Ebbes damaligem Mini-Shetty Mischa und später mit Shetlandpony Billy gewesen. Ebbe war zu groß und schwer geworden. Doch ein New-Forest-Pony konnte noch über 50 Kilogramm Körpergewicht mühelos auf seinem Rücken tragen. Und Ebbe wog gerade mal um die 42 Kilogramm. Sogar in ihrer Reiterbekleidung. Das hatte sie gerade erst auf ihrer Personenwaage zu Hause ausprobiert. Sie hatte ihre Stute in den Stall gebracht und wusste, dass man sie dort nun erstmal in Ruhe lassen sollte. Klara musste sich eingewöhnen. Ohne von jemandem gestört zu werden. Ebbe trat aus dem hellen Stallgang hinaus auf den Hof und blickte zum sandigen Reitplatz hinüber. Dort stand ein Mädchen, das sie bereits vor einer Stunde gesehen hatte. Sie mochte im gleichen Alter sein wie Ebbe selbst. Ihre Haare waren rotbraun und am Hinterkopf zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie hatte eine dunkelrote Reithose mit Ganzlederbesatz an und trug dazu moderne schwarze Stiefeletten mit passenden Chaps. Ebenfalls alles aus echtem Leder. Über ihrem weißen T-Shirt prangte eine dunkelblaue Stepp-Reitweste, deren Knöpfe sie offen gelassen hatte. Das Mädchen wirkte in dieser Reitbekleidung richtig professionell. Dagegen kam Ebbe sich deutlich minderwertiger gekleidet vor. Sie blickte an sich hinunter. Ebbe trug ein einfaches weißes T-Shirt mit kleinen Blümchen darauf, das ihr plötzlich etwas albern vorkam. Ihre dunkelgrüne Reithose hatte wenigstens ebenfalls Ganzlederbesatz. Doch ihre schwarzen Stiefeletten waren lediglich aus Gummi und nicht aus echtem Leder. Ebbe blickte nach oben und entdeckte am Himmel eine seltsame Wolke. Sie fiel ihr deshalb auf, weil diese Wolke nicht so weiß wie die anderen Wolken war, die sich am Himmel befanden und sanft dahinwehten. Diese Wolke war etwas dunkel angehaucht und schien genau über ihr zu schweben. Fast so, als würde sie Ebbe beobachten. Während Ebbe selbstkritisch ihre Reitbekleidung betrachtete, drehte das rothaarige Mädchen sich plötzlich um und sah sie an. Ebbe, die gerade langsam einige Schritte in Richtung Reitplatz gegangen war, blieb unvermittelt stehen und sah das Mädchen etwas unsicher an. Es war ihr unangenehm, hier auf dem Stallgelände so ziellos herumzulaufen und beim scheinbaren Beobachten entdeckt worden zu sein. Was mochte das Mädchen nun nur von ihr denken? Doch entgegen Ebbes Befürchtungen lächelte die Rothaarige sie an und grüßte mit der Hand. »Hallo«, rief sie freundlich in Ebbes Richtung. »Hallo«, antwortete Ebbe – nun ein wenig erleichtert über diese ungezwungene und offene Geste der Rothaarigen. Das Gefühl der Minderwertigkeit, das sie eben noch beschlichen hatte, wurde gleich ein bisschen kleiner. Langsam ging Ebbe auf das neue Mädchen zu.

»Ich bin Anina Schell, kannst aber auch Nine zu mir sagen. Und wer bist du?«, plapperte sie gleich drauflos. »Ich heiße Ebbe.« Sie stellte sich neben Anina und beide sahen den beiden Reitern auf dem Sandplatz eine Weile schweigend zu. »Du bist neu hier, oder?«, fragte Nine schließlich. »Ja, gerade angekommen«, lächelte Ebbe und freute sich, dass Anina offenbar nicht abgeneigt war, sich mit ihr zu unterhalten. Ebenso wie das Gefühl der Minderwertigkeit, das Ebbe beim Verlassen der Stallungen heimgesucht hatte, verminderte sich nun auch ihre Unsicherheit dem rothaarigen Mädchen gegenüber, das ihr so offen und freundlich begegnete. Nachdem sie sich vor dem Sandpaddock eine Weile unterhalten hatten, stellten die Mädchen fest, dass sie beide nicht weit voneinander entfernt wohnten und nach den Sommerferien im September auf dieselbe Schule kommen würden. Auf ein privates Gymnasium im Anschluss an die Grundschule. »Deine Stute muss sich jetzt erstmal hier einleben und braucht Ruhe. Sie ist ein New Forrest-Pony, oder? Endmaß? Ich habe euch nur kurz gesehen, als ihr sie ausgeladen habt«, sagte Anina. »Ja genau, 1,48 Meter. Du weißt wirklich viel über Pferde! Reitest du schon lange?«, fragte Ebbe ihre neue Bekanntschaft. »Ich bin mit Pferden aufgewachsen!«, antwortete Nine. »Das liegt vor allem an meiner Mutter, das wirst du bald merken. Du musst mal zu mir nach Hause kommen!« Ebbe freute sich sehr über diese Einladung. Wenn Anina sie nicht mögen würde, hätte sie ihr doch nicht gleich einen Besuch vorgeschlagen, oder?

An diesem Tag lernte Ebbe ihre – wie sich später herausstellen würde – allerbeste Freundin kennen. Eine Freundin, wie Ebbe sie in dieser so engen und vertrauten Form nie wieder haben würde. Als Ebbe wenige Tage später das erste Mal bei Nine zu Hause war, wurde ihr sehr schnell klar, wie Anina aufgewachsen sein musste. Und warum sie so viel über Pferde wusste. Kaum hatte man die Wohnung der Schells betreten, sprangen einem eingerahmte Fotos in jeder Größenordnung entgegen. Bilder, wohin Ebbe nur blickte. Sie hingen in riesigen Rahmen an den weißen Wänden. Es gab kaum noch ein freies Plätzchen! Jede einzelne Wand im gesamten Reihenhaus war nahezu übersät mit auf Papier gedruckten Erinnerungen und Erlebnissen. Größtenteils zeigten die Bilder Anina. Zusammen mit diversen Pferden oder Ponys. Manchmal waren auch Hunde mit dabei. Und ab und zu auch Nines Eltern. Aber das war eher selten.

Es gab fotografische Ausführungen in jeder Größe. Besonders beeindruckend fand Ebbe eine Fotografie an der Wand entlang der Kellertreppe, die mindestens 50 Zentimeter hoch sein musste. Sie zeigte die kleine Anina im Alter von etwa vier Jahren neben einem Pferdekopf, der fast ebenso groß war wie das Kind selbst. Dann gab es da noch eine Ablichtung von Nines Kopf neben einem großen braunen Pferdekopf. Ihr zarter Kinderkörper angelehnt an ein weißes Pony. Nine sitzend auf einem riesigen fuchsfarbenen Pferd und so weiter. Das Thema Pferde war im ganzen Haus sehr präsent. Überall standen kleinere und größere Pferdestatuen aus Holz, Stein oder Ton herum. Die helle Wohnung der Schells wirkte ebenso sauber und edel wie persönlich. Sie charakterisierte Nines Familie auf ihre ganz eigene Art – und somit auch einen nicht unbeachtlichen Teil Ebbes zukünftigen Lebens. Auch wenn sie das zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte. Denn genau diese Wohnung sollte schon bald Ebbes zweites Zuhause werden. Und der Ort, an dem sie einmalige und sehr bedeutsame Erinnerungen sammeln sowie prägende Erfahrungen machen würde. Ebbe und Anina verstanden sich auf Anhieb. Nie zuvor hatte Ebbe sich so schnell verbunden mit jemandem gefühlt. Sie war von Natur aus sehr schüchtern und brauchte immer eine gewisse Zeit, bevor sie sich jemandem nähern konnte. Kontakte zu knüpfen fiel Ebbe durch ihre Zurückhaltung und Vorsicht sehr schwer. Doch bei Anina war das ganz anders. Das selbstbewusste rothaarige Mädchen mit den grünen Augen trat zu ihr ins Leben und es begann eine Zeit, die Ebbe nie wieder vergessen sollte. Es war wohl die Verwirklichung des Traumes eines jeden Mädchens. In den darauffolgenden Wochen schien es für Ebbe und Anina so, als könne sie NICHTS und NIEMAND auf der Welt jemals wieder trennen. Niemals! Ebbe bewunderte Anina. Sie war eine außergewöhnlich gute Reiterin, das war im gesamten Reitstall bekannt. Außerdem konnte man mit Nine wunderbar lachen und über einfach alles reden. Die beiden Mädchen entdeckten immer mehr Gemeinsamkeiten. Sie waren sich sehr ähnlich und teilten viele Meinungen und Ansichten. Nur wenig später konnte sich keine von ihnen einen Tag ohne die Freundin überhaupt noch vorstellen.

Das Gras auf der Wiese um den Reiterhof herum war sehr frisch und sattgrün in diesem Jahr. Die beiden Mädchen wollten ihre Pferde anweiden und daher einige Halme abschneiden und in Eimern zum Stall bringen. Im Frühling. Ende April. Auf der Wiese hinter den Ställen. Dort, wo sie von niemandem während ihrer Gespräche gestört werden konnten. Ebbe und Nine kannten sich jetzt zwei Monate und hatten sich viel zu erzählen! In dem kleinen Fleckchen Grün, das scheinbar nur ihnen beiden gehörte, ging das ganz wunderbar und ungestört. Es war eine Zeit, in der die Sonne noch nicht zu heiß war und es noch nicht zu viele Wespen gab. Als noch keine grauen Wolken am Himmel hingen und Ebbe keine schweren Gedanken belasteten. In dieser Zeit gab es nur die Leichtigkeit und den sanften Wind. Den Moment. Das Hier und Jetzt. Es gab noch keine anstrengenden Gedanken an vergangene oder bevorstehende Anforderungen, die Ebbes Denken beeinflussten. Es gab – einfach nur den Moment. Die Verbundenheit mit Anina. Und dieses einzigartige Gefühl, das es nur dann geben kann, wenn sich eine tiefe Freundschaft entwickelt. Sie hatten eine große Gartenschere mit dabei, die Aninas Mutter Hanne gehörte. Es war ihre gute Schere, hatte Hanne betont und daher sollten sie besonders sorgfältig auf sie aufpassen. Aninas Mutter war ebenso genau wie streng darauf bedacht, auf ihre Gegenstände zu achten.

Es war vielleicht das erste Anzeichen für die innige Freundschaft zwischen Ebbe und Anina, dass Nine an diesem Nachmittag so tat, als wüsste sie nicht, wer die Schere liegengelassen hatte. »Wo ist meine Gartenschere?«, fragte Aninas Mutter, als die beiden Mädchen mit gefüllten Graseimern zurück zum Hof geschlendert kamen. Ebbe erschrak! Sie selbst hatte die Schere zuletzt in der Hand gehabt und danach im Gras liegen lassen. Sie wusste nicht mehr genau, wo – und das war auch typisch für sie. Ständig vergaß sie Dinge, verlegte Gegenstände oder brachte so Einiges durcheinander. Umso erstaunlicher war daher die Tatsache, dass Ebbe sich an ganz bestimmte Szenen aus ihrem Leben, an einzelne Wörter oder gewisse Gespräche glasklar erinnern konnte. Dinge, die nicht immer von Bedeutung waren. Doch dieser Umstand half ihr in dieser Situation nicht weiter. Aninas Mutter war sauer und wünschte eine Erklärung dafür, wo ihre gute Gartenschere geblieben sei. Ebbe wollte auf der Stelle im Erdboden versinken! Die ganze Situation war ihr furchtbar peinlich. Ihr wurde heiß und kalt zugleich und sie schaute unsicher zu Anina. Denn – wenn man als junges Mädchen so tief in Gespräche versunken Gras für die Pferde schneidet und zwischendurch die große Gartenschere zur Seite legt – dann kann es vorkommen, dass sie dort einfach liegen bleibt. Und in diesem Fall war es auch so. Ebbe ärgerte sich über sich selbst. Da hatte sie gerade erst eine neue Freundin kennengelernt – und dann war sie einfach zu dämlich, um auf diese Schere aufzupassen! Jetzt würde sie nicht nur Ärger von Aninas Mutter Hanne bekommen. Sondern bestimmt würde ihre beste Freundin hinterher nicht mehr mit ihr reden. Und die gerade erst beginnende Freundschaft stünde gleich wieder vor dem Aus. Ebbe steigerte sich immer mehr hinein in ihre eigene Ungeschicklichkeit und kam sich unendlich doof vor. Was hatte sie da nur getan? Ebbe hatte bereits Luft geholt, um ihre Schuld einzugestehen, doch Anina war schneller. »Ich weiß gar nicht mehr, wer die Schere zuletzt hatte. Ich glaube, ich war es, oder?«, fragte Anina und blickte in Ebbes Richtung. Noch bevor diese irgendwie reagieren konnte, fügte Anina hinzu: »Ja, natürlich! Wie blöd von mir! Tut mir leid, Mama!« Nine nickte Ebbe zu, hakte sie unter und beide Mädchen liefen schnell zurück zur Wiese, auf der sie vor wenigen Minuten noch das Grün geschnitten hatten. Die Eimer mit dem frischen Gras ließen sie einfach so vor Hannes Füßen stehen. Doch – so sehr sich die beiden Mädchen bei der Suche auf der Wiese hinter dem Stall auch bemühten – sie konnten die Gartenschere einfach nicht wiederfinden. Ebbe schämte sich. Sie schwieg und mied jeden Blickkontakt mit Hanne. Doch diese war nicht lange böse. Und das Thema Gartenschere für sie und Anina somit sehr bald wieder vergessen. Nicht jedoch für Ebbe! Denn diese war unendlich dankbar für Aninas Reaktion. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor von einer Freundin in dieser Form vor einer mehr als peinlichen Situation bewahrt worden zu sein. Das ist also wahre Freundschaft, dachte Ebbe und konnte es selbst noch gar nicht fassen. Nach der missglückten Suche lächelten sich beide Mädchen zu und fuhren gemeinsam mit Hanne nach Hause.

Ebbe hatte eine Freundin gefunden. Eine richtige Freundin. Der Himmel war blau und von nur wenigen Wolken durchzogen. Wie weiße Wattebällchen schwebten sie über ihnen. Bis auf eine Ausnahme. Direkt über Ebbe gab es diese eine, leicht gräulich gefärbte Federwolke, die sie nur ganz nebenbei wahrnahm. Sie schwebte sanft über ihr und folgte Ebbe, egal wohin sie ging. Jeden Nachmittag trafen Ebbe und Anina sich im Reitstall und verbrachten auch den Rest des Tages gemeinsam. Die beiden Mädchen teilten nicht nur ihre Leidenschaft für Pferde. Sie mochten einfach so viele Dinge gleich gern, dass sie manchmal selbst darüber lachen mussten. Nicht selten antworteten sie sogar auf eine Frage wie aus einem Mund und schienen dasselbe zu denken. Ebbe und Anina gab es fortan nur noch im Doppelpack. Die gesamten Sommerferien verbrachten sie gemeinsam. Mal übernachtete Ebbe bei Anina, mal war es umgekehrt. Schnell wurde das kleine weiße Reihenhaus der Schells mit den unzähligen Pferdebildern, den vielen kleinen Accessoires und diesem außergewöhnlich süßlich duftenden Räumen zu Ebbes zweitem zu Hause. Ein Ort, an dem sie sich wohl und geborgen fühlte. Wenn die beiden Mädchen vom Reiten zurück waren, liebten sie es, sich gemeinsam zu erholen. Die nach Pferden und Stall riechenden Reiterhosen und T-Shirts wurden in Aninas Zimmer geschmissen. Dann ging es direkt ins Badezimmer, wo sie nacheinander duschten. Anschließend durften sie sich mir Hannes gutem Hautöl eincremen, das so unwiderstehlich nach Kokosnuss roch. Ebbe liebte diesen Duft. Es war das Allergrößte nach einem wundervollen Tag im Reitstall. Es war Juni. Die Temperaturen stiegen auf über 20 Grad. Bienen summten in der Luft. Die angenehme Wärme verstärkte jeden Duft. Das Schell’sche Haus roch nun nicht mehr einfach nur süßlich. Wenn Ebbe und Ania aus dem Reitstall kamen, dann verband sich hier in Borgfeld die frische sommerliche Luft mit diesem einzigartigen und Ebbe so urvertrauten Hausgeruch der Schells. Ein angenehmes Wohlgefühl. An einigen Tagen kam es auch vor, dass Hanne den beiden Freundinnen nach dem Reiten noch ein Eis spendierte. In der familiengeführten Eisdiele gleich um die Ecke. Sie selbst setzte die Mädchen dann allerdings lediglich dort ab, drückte Anina einen Fünf-Euro-Schein in die Hand und fuhr nach Hause. Den Rückweg würden die beiden schließlich allein schaffen, sagte sie. Und zudem wollte Hanne sie – nach eigener Aussage- nicht stören. Sie wünschte ihnen jedes Mal viel Spaß. Und diesen hatten sie auch! Denn Ebbe und Aninas Besuch in der Eisdiele fiel nahezu immer auf den späteren Nachmittag. Eine Zeit, in der ihre Bestellung jedes Mal von Mirko entgegengenommen wurde. Er war der Sohn des Inhabers des Eiscafé Venezia und unglaublich bemüht. Mirko sprach sehr gebrochenen Deutsch und brachte die beiden Mädchen gegen ihren Willen immer wieder zum Lachen. Als sie das erste Mal gemeinsam in der Eisdiele waren, orderte Anina die Eissorte Malaga. Die auf diese Bestellung folgende Antwort des Italieners war das Stichwort für alle weiteren Bestellungen. Denn Mirko nuschelte etwas wie »Nein, s geeeeeeht nich! Malaga is mit Aaaaallohoool« und zuckte bedauernd mit den Schultern. Das Lachen über die Ausdrucksweise und den dazu passenden Blick verkniffen sich die Mädchen, bis sie mit ihrer Eistüte um die nächste Ecke gelaufen waren. Dort prusteten sie jedes Mal aufs Neue los und schworen sich, beim nächsten Besuch erneut nach Malaga zu fragen. Es war einfach viel zu lustig. Und Mirko wurde auch nach Wochen nicht müde, seine Aussage zu wiederholen. Obwohl er Ebbe und Anina ganz bestimmt schon kannte und wusste, dass sie die Antwort auf ihre Bestellung längst kannten. Ebbe und Anina kümmerten sich um ihre Ponys und verbrachten viele Stunden zusammen im Stall. Sie redeten über die Jungs in ihrer Grundschule und darüber, wie es wohl auf der neuen Schule nach den Ferien sein würde. Und bald war es auch soweit: Ebbe und Anina kamen auf ein privates Gymnasium in Bremen. In dieselbe Klasse! Es war ein aufregender Start in eine weiterführende Schule, der die beiden Freundinnen noch weiter zusammenzuschweißen wusste. Die vielen neuen Schüler und die Einschulungsfeier in diesem riesigen unbekannten Gymnasium waren einfach überwältigend. Gerade weil es so viele neue Schüler waren (vier fünfte Klassen mit jeweils etwa 30 Kindern), war die schüchterne Ebbe erleichtert und dankbar, die selbstbewusste und vertraute Anina an ihrer Seite zu haben. Sie gab ihr ein Stück Sicherheit und sorgte dafür, dass Ebbe sich zwischen all den anderen Kindern nicht ganz so klein fühlte, wie es sonst immer der Fall war. Und dazu noch diese einzigartigen gemeinsamen Nachmittage im Stall bei den Pferden! Ebbe und Anina ritten täglich zusammen in der Reithalle oder draußen auf dem sandigen Platz des Gestüts. Sie holten ihre Ponys gemeinsam von der Weide, kratzten die Hufe aus, striegelten sie und unterhielten sich dabei pausenlos. Es gab so unglaublich viele Dinge, die Ebbe und Anina sich zu erzählen hatten. So viel, was sie noch voneinander erfahren wollten. Die vergangene Zeit in der Grundschule zum Beispiel oder die Freundinnen und Hobbies, Musik und viele Dinge mehr. Und auch die Jungs in der Schule waren ein wichtiges Thema. Ebbe konnte bei ihrer besten Freundin anscheinend alles ansprechen, was sie wollte – Nine verstand sie immer. Es war einfach so, wie Ebbe es noch nie zuvor mit jemandem erlebt hatte. In Gegenwart ihrer Freundin durfte sie alles aussprechen und loswerden, was ihr gerade auf der Seele brannte. Ehrlich und direkt. Einfach drauflos. Es gab diese unglaubliche Vertrautheit zwischen ihnen. Eigentlich war es Ebbes Gewohnheit, persönliche Dinge für sich zu behalten. Sie sprach nicht gerne über ihre eigene Person. Oder über Themen, die sie in irgendeiner Art und Weise persönlich beschäftigten. Normalerweise kam Ebbe sich dann selbst komisch vor. Denn sie hielt nichts von sich selbst für so wichtig, als dass sie es hätte jemandem mitteilen müssen. Doch bei Anina schien plötzlich alles Persönliche an Bedeutung zu gewinnen. Jeder ihrer Gedanken und jedes Gefühl stießen bei ihr auf ehrliches Interesse und Verständnis. Und das war nicht alles. Denn Anina ging es oftmals ganz ähnlich! Es war, als hätten sie beide genau die gleichen Gefühle und Gedanken. Ihre Beziehung war enger als jede noch so gute Freundschaft, die Ebbe jemals zuvor gehabt hatte.

Und trotzdem schaffte es die Anorexie, sich allmählich bei ihr niederzulassen. Ganz langsam. Und zunächst auch sehr zurückhaltend. Scheinbar, um nicht gleich entdeckt zu werden. Aber gleichzeitig war sie stark und entschlossen. Entschlossen, Ebbes Leben zu beeinflussen und es ihr schwer zu machen. Und diese Krankheit war willens, länger zu bleiben. Zuordnen konnte Ebbe die Veränderung in ihrem Leben zuerst allerdings nicht. Sie spürte dieses merkwürdige neue Gefühl bereits sehr früh. Es veränderte sich etwas. irgendetwas. Auf eine ihr sehr fremde Art und Weise. Doch sie erkannte nicht, was es war; sie konnte es einfach nicht verstehen. Ein Gefühl, das ihr Angst einflößte. Doch Ebbe wusste nicht, wovor und warum sie Angst haben sollte. Und schließlich verdrängte sie dieses unwohle, bedrückende und auf seine Art auch unheimliche Gefühl. Sie versuchte zumindest, es zu verdrängen. Denn es war nicht einzuordnen. Passte einfach nicht in Ebbes gewohnte Gefühlswelt. Es war ein Gefühl von Schwere und Dunkelheit. Der Last von irgendetwas. Unheimlich und nicht zu (be)greifen. Nicht zu verstehen. Unmöglich zu erfassen. Es drückte sie nieder. Stimmte sie von einem auf den anderen Moment – scheinbar grundlos – unendlich traurig und drückte sie noch weiter hinunter. Es sorgte dafür, dass Ebbe sie fast schmerzhaft spüren konnte. Diese unbekannte dunkle Last, die ihr zunehmend Angst bereitete. Zwischen all den weißen Wattebällchen am Himmel schwebte diese eine kleine Wolke in grau. Sie war nur winzig und doch nahm Ebbe sie nun immer aufmerksamer wahr. Sie schien direkt über ihr zu schweben und ihr zu folgen. Jeden Tag. Überall hin.

2. ALLES ÄNDERT SICH

Ebbe und Anina gingen nicht mehr nur zusammen zum Reiten und verbrachten jedes Wochenende gemeinsam. Sie machten auch ihre Hausaufgaben oft zu zweit. Ebbe hatte bereits im Alter von vier Jahren ihre Leidenschaft für Buchstaben und Wörter entdeckt und sich selbst das Lesen und Schreiben beigebracht. Der Deutschunterricht in der Schule fiel ihr von Beginn an sehr leicht. Schon während der Grundschulzeit hatte sie einige Bücher gelesen und viele eigene Tagebücher geschrieben. Auf dem Gymnasium entdeckte sie nun auch ein gewisses Talent für Sprachen. Zeitintensives Lernen war nichts für Ebbe. Sie verließ sich auf ihr Gefühl und dieses betrog sie nur selten. Ihre Noten waren sehr gut. Anders sah es bei Anina aus. Die weiterführende Schule brachte neue Anforderungen mit sich und Anina fielen die Aufgaben nicht immer ganz so leicht wie ihrer Freundin. Ebbe wurde das sehr bald bewusst. Sie schämte sich dafür, dass ihr oftmals Einiges klarer und verständlicher war. Sie wollte nicht besser sein als Anina! Ebbe hatte große Angst, sich zu einem Streber zu entwickeln und dann von den anderen Schülern ausgeschlossen zu werden. Um das zu vermeiden, begann sie von nun an, sich im Unterricht nicht mehr jedes Mal zu melden, wenn sie etwas wusste. Sie wollte Anina nicht kränken, wenn diese die Antwort auf eine Frage tatsächlich nicht geben konnte. Und auch die anderen Schüler sollten nicht den Eindruck haben, dass Ebbe alles wusste und das auch noch zeigen wollte. Ähnlich verlief es während der gemeinsamen Hausaufgaben mit Nine. Ab und zu stellte Ebbe bewusst etwas dämliche Fragen. Fragen, die sie sich selbst beantworten konnte. Einfach nur, um genauso zu sein wie Anina. Und um ihr das Gefühl zu geben, dass sie wirklich in allen Punkten genau gleich waren. Freunde fürs Leben. Die ersten Wochen und Monate in der neuen Schule brachten viele neue Erfahrungen und mitunter auch viele neue Eindrücke mit sich. In ihrer Klasse mit den 29 Schülerinnen und Schülern fühlten sich Ebbe und Anina sehr wohl. Es waren deutlich mehr Jungen als Mädchen, aber mit diesen verstanden sie sich beide gut. Sehr schnell war den meisten Schülern in der Klasse bewusst, dass Ebbe und Anina eine ganz besondere Freundschaft verband und man sie eigentlich nur zu zweit sehen konnte. Zumindest am Anfang des neuen Schuljahres, als sich die Schüler alle noch in der Kennenlernphase befanden. Ebbe und Anina waren eine Einheit und jede freute sich für die andere, wenn diese eine neue Bekanntschaft machte oder sich mit jemand anderem unterhielt und Kontakte knüpfte. Es herrschte ein friedliches Miteinander.

Bis zu jenem Zeitpunkt, an dem die ersten Geburtstage gefeiert wurden und es darum ging, eingeladen zu werden. Ebbe hatte eine Einladung zu Julias Geburtstagsfeier bekommen. Nine dagegen nicht. Deswegen konnte Ebbe sich auch gar nicht richtig freuen und schaute verstohlen zu Anina hinüber, als Julia ihr den Umschlag in der kleinen Pause zusteckte. Anina hatte alles genau beobachtet und sah Ebbe mit einem Blick an, den diese vorher noch nicht bei ihrer gesehen hatte. Es war ein Blick voller Missgunst und Abwertung! Die Überraschung, die Ebbe am Anfang in Aninas Gesicht zu erahnen geglaubt hatte, war komplett verschwunden. Anina hatte die Übergabe des Briefes genau beobachtet und schaute Ebbe böse an. Vielleicht war es auch einfach nur Neid? Ebbe sah in Nines Richtung. Doch sie drehte sich gleich um, als sie Ebbes Blick bemerkte. Später auf dem Weg nach Hause fragte Ebbe scheinbar beiläufig: »Gehst du zu Julias Geburtstag?« Ebbe zögerte. »Ich weiß noch nicht«, antwortete sie. »Ohne dich ist das doch blöd.«. Sie sah auf ihre Füße, die wie von alleine weiterzulaufen schienen. »Ach, ich bin eigentlich ganz froh nicht eingeladen zu sein!«, entgegnete Anina zu Ebbes Verwunderung. »Julia mag ich eh nicht und die Feier wird bestimmt langweilig. Da gehe ich lieber in den Stall.« Ebbe sah ihre Freundin misstrauisch von der Seite an. Aninas Gesichtsausdruck verriet ihr, dass Nine nicht die Wahrheit sagte. Außerdem hatte ihre Stimme einen schnippischen Unterton. Sie fragte sich, warum Anina so sehr versuchte, Ebbe nicht merken zu lassen, dass es sie störte, nicht eingeladen worden zu sein.

Nach diesem Ereignis benahm sich Nine plötzlich anders. Sie distanzierte sich von Ebbe und unternahm jetzt deutlich mehr mit den anderen Mädchen aus der Klasse. Vor Ebbe betonte sie immer wieder, mit wem sie sich alles verabredet und schon etwas unternommen hatte. »Bei Svenja gibt es überall im Haus Bodenheizung, das ist total toll! Und sie haben einen eigenen Pool, in dem wir auch immer schwimmen dürfen«, schwärmte sie. Auch verschiedenen Klassenkameraden erzählte Anina nun immer öfter sehr ausgiebig von ihren Verabredungen. Besonders, wenn sie wusste, dass Ebbe in der Nähe war und sie hören konnte. Ebbe wusste, dass Nine sie mit ihrem Verhalten eifersüchtig machen wollte. Doch sie fragte sich, aus welchem Grund sie es tat. So kamen schließlich der Winter und Weihnachten. Ebbe und Anina sahen sich nicht mehr täglich im Reitstall. Wenn Ebbe ihre beste Freundin fragte, ob diese am Nachmittag im Stall sei, wich Anina oft aus. »Ich weiß nicht, ob meine Mutter mich fahren kann, mein Fahrrad ist kaputt.« »Vielleicht bekommen wir heute Besuch.« Sätze wie diese fielen nun häufig. Manchmal schob sie auch das schlechte Wetter vor. Das fand Ebbe besonders auffällig. Denn sie beide ritten meistens in der überdachten Reithalle und waren somit vollkommen unabhängig vom Wetter. Der Herbst und ebenso der Winter in diesem Jahr waren geprägt von einem unbeschreiblichen Gefühlschaos, das Ebbe vollkommen übermannte. Sie war hin und her gerissen zwischen Trauer und Wut über die wachsende Distanz zwischen ihr und ihrer engsten Freundin. Glaubte Anina denn wirklich, Ebbe würde nicht merken, dass sie nicht mehr so viel mit ihr zu tun haben wollte? Ebbe sprach Anina mehrere Male darauf an. Sie fragte nach, was denn los sei. Ob es an ihr, Ebbe, liegen würde oder warum Anina ansonsten so seltsam sei. Ob ihr ihre enge Freundschaft plötzlich nicht mehr so viel wert sei. Doch Anina tat dann vollkommen ahnungslos. So, als wüsste sie gar nicht, wovon Ebbe sprach. »Wieso das denn? Alles gut, das bildest du dir ein!«, sagte Anina. Also nahm Ebbe es irgendwann so hin. Wie sie so oft in ihrem Leben Dinge einfach so hinnahm. Sie suchte den Fehler bei sich selbst. Denn sie war überzeugt davon, dass es einzig und alleine an ihrer eigenen Person lag. Sie allein war schuld daran, dass diese einmalige Freundschaft dabei war, zu zerbrechen.

Die Zeit verging wie im Flug. Nach dem Weihnachtsfest kam Silvester. Der Jahreswechsel in ein neues Jahrtausend. 2000. Ebbe und Anina feierten gemeinsam mit ihren Eltern in das neue Jahr hinein. Bei Anina zu Hause. Nur, Ebbe, Anina, Lore und Hanne. Die Freundinnen durften Champagner probieren, den Lore besorgt hatte. Er schmeckte furchtbar! Und beide Mädchen verstanden einfach nicht, warum dieses Getränk etwas so Besonderes und Teures sein sollte. Lore und Hanne genossen ihn ebenso wie Josse und Aninas Vater Heme. Um Mitternacht bewunderten sie alle zusammen das Feuerwerk in der Nachbarschaft. Die vielen bunten Raketen und das laute Pfeifen und Zischen waren wie immer einfach wundervoll, fand Ebbe. Beeindruckend und vielversprechend. Silvester war immer etwas ganz Besonderes. Eine neue Chance. Der Beginn eines neuen Jahres als Zeichen für Veränderung. Kurz nach ein Uhr morgens am ersten Tag des neuen Jahres sprachen die beiden Freundinnen in Aninas Zimmer über gute Vorsätze und Wünsche für das neue Jahr. Das Fenster in Aninas Zimmer stand offen und sie hörten das Getöse der Feuerwerkskörper. Es waren längst keine von den Gesprächen mehr, die Ebbe und Anina früher geführt hatten. Die Unterhaltungen zwischen ihnen waren in den letzten Wochen sehr viel oberflächlicher geworden. Manchmal hatte Ebbe sogar das Gefühl, ihre Freundin höre ihr gar nicht richtig zu, wenn sie etwas erzählte. Denn Anina ging kaum darauf ein. Oder sie nickte einfach nur, während sie mit ihrer PC-Maus beschäftigt war. Hanne hatte Anina gerade erst eine neue und sehr moderne Computerausstattung gekauft. Einfach so zwischendurch. »Das brauchen Mädchen in dem Alter«, hatte sie gesagt. Scheinbar brauchte Anina diese Ausrüstung jetzt mehr als die Gespräche mit Ebbe. So auch an diesem Morgen. Durch das geöffnete Fenster drang die kühle Nachtluft. Doch an Stelle einer frischen Brise zog der Geruch verbrannter Böller hinein und legte sich wie ein schwerer Schleier unter die Zimmerdecke. Ebbe nahm es so hin. In diesem Winter und dem darauf folgenden Frühjahr wurde sie immer nachdenklicher. Sie war im letzten Jahr stark gewachsen und groß geworden. Größer als die meisten Mädchen in ihrem Alter. Sie wirkte jetzt auch älter als sie eigentlich war. Das wurde ihr immer wieder von den Erwachsenen in ihrer Umgebung gesagt. Wenn Ebbes Eltern Lore und Josse Besuch von ihren Freunden bekamen, fielen öfter Sätze wie »Mensch, eure Ebbe hat aber einen Schuss gemacht!« oder »Ebbe sieht ja schon richtig erwachsen aus mit ihren zehn Jahren!« Ebbes Eltern erfüllte diese Entwicklung mit Stolz. »Siehst du, Ebbe, langsam wirst du zur Frau«, sagte Lore jetzt immer häufiger und sah Ebbe dann von oben bis unten mit einem ganz merkwürdigen Blick an. Äußerungen wie diese verunsicherten Ebbe sehr! Sie bemerkte ihre körperliche Veränderung natürlich selbst. Sie wurde nicht nur größer, sondern auch fraulicher. Ihr Körper nahm weibliche Formen an, wurde runder. Dabei wurde sie doch erst elf Jahre alt. Ebbe wurde mehr. Mehr Masse. Sie wurde zu mehr als die Mädchen um sie herum. Und ganz plötzlich war Ebbe auch runder, größer und weiblicher als Anina. Diese Veränderung stimmte sie noch nachdenklicher und schließlich auch sehr ernst. Die graue Wolke am Himmel sah Ebbe nun öfter. Sie schwebte bereits morgens am Himmel, wenn Ebbe gerade erst aufgewacht war und begleitete sie überall hin.

Es war eine Zeit, in der Anina sich – neben den Pferden und ihrer neuen Computerausrüstung – auch für die Jungs in ihrer Klasse sehr zu interessieren begann. Sie fing an, sich auffällig zu schminken und auf ihre Kleidung zu achten. Plötzlich trug Anina fast nur noch die neueste Mode. Auf so etwas hatte sie früher nicht geachtet. Zwar besaß Anina viele Reitsachen guter Marken. Doch das lag eher an Hannes Vorliebe für professionelle und angesagte Reiter-Outfits. Außerhalb des Stalls war es Anina nicht so wichtig gewesen, welche Marke auf ihrem Pullover stand. Oder ob sie die aktuellen Sneakers besaß. Neuerdings schon. Ebbe hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, ihre ehemals so innige Freundschaft mit Anina wieder aufleben zu lassen. Deswegen kaufte sie sich ihr zuliebe dieselben Marken. Wenn die beiden während einer ihrer selten gewordenen Verabredungen zusammen unterwegs waren und nach Klamotten stöberten, betonte Ebbe immer wieder, genau den gleichen Geschmack zu haben wie ihre beste Freundin. Sie wollte in allen Punkten genau so sein wie Nine. Es sollte alles wieder so werden wie im Sommer des vergangenen Jahres. Vielleicht würde Ebbe sich so stark verändern können, dass ihre Freundschaft wieder enger werden würde? Sie wollte sich ebenso verändern, wie Anina es tat. Aber was sie auch versuchte – sie schaffte es einfach nicht. Während Anina noch immer klein und sehr zierlich für ihr Alter war, unglaublich gut ritt und dafür Anerkennung von vielen Leuten aus dem Stall erntete, fühlte Ebbe sich neben ihr wie ein dicker, wertloser und untalentierter Hefekloß. Sie konnte längst nicht so gut reiten wie Anina, war darüber hinaus sehr ungeschickt und als wäre das noch nicht genug, wurde sie jetzt auch noch immer massiger! Sie kam sich neben der kleinen zierlichen Anina plötzlich einfach nur blöd vor. Wie ein minderwertiges Anhängsel. Ebbe zog sich von nun an immer mehr in sich zurück. Sie wurde stiller und schweigsamer, um bloß nicht aufzufallen. Sie war wütend auf sich, weil sie sich nicht so wie Anina entwickeln konnte. Wütend darüber, einfach überhaupt nichts zu können. Dieses Gefühl der Wut veränderte sich. Irgendwann überkam Ebbe eine eigenartige Form von Trauer. Eine Niedergeschlagenheit, die sie bei sich noch nie erlebt hatte. Zu Beginn war es Ebbe selbst nicht ganz klar, warum sie so fühlte. Doch schon bald kam sie dahinter. Es war der Gedanke und das stille Bewusstsein, dass sie falsch war! Sie war nicht nur anders als Anina und die Mädchen aus ihrem Jahrgang und in ihrer Umgebung. Ebbe war einfach falsch! Sie wurde sich selbst plötzlich eigenartig fremd und immer fremder. Betrachtete sich von außen und schämte sich dafür, wie sie war. Statt ihre Freundschaft zu Anina zu retten, entfernten sich die beiden Mädchen nun immer mehr voneinander. Im Wesentlichen durch ihr Äußeres, dachte Ebbe zunächst. Doch die beiden waren sich plötzlich in vielerlei Hinsicht so unähnlich geworden. Dabei war doch gerade ihre Ähnlichkeit der Grund für ihre innige Freundschaft und Verbundenheit gewesen. Nichts war mehr wie früher. Auch ihre Gespräche veränderten sich weiter, waren noch oberflächlicher geworden. Ohne jeglichen Tiefgang. Hatten die Mädchen sonst über alles sprechen können – über das Verlieben, geheime Wünsche und Ängste – sprachen sie jetzt fast ausschließlich über die neueste Kleidung, die aktuell angesagte Musik oder wann und ob sie sich im Stall sehen würden. Doch diese Treffen wurden immer seltener. Gefühle wurden nicht mehr thematisiert. Nine schien es auch nicht aufzufallen, dass Ebbe ihre Fröhlichkeit und gute Laune fast vollständig verloren hatte. Dass sie sehr still geworden war und nur noch sprach, wenn sie direkt angesprochen wurde. Sie überging diese Veränderung und orientierte sich jetzt immer mehr an anderen Mädchen in ihrem Alter. Sie verabredete sich mit vielen aus ihrer Klasse und schenkte Ebbe deutlich weniger Beachtung als zuvor. Anina schien die veränderte Stimmung in ihrer Beziehung zu Ebbe gar nicht wahrzunehmen. Oder sie tat so. Und es war ihr einfach egal. Ebbe dagegen war es überhaupt nicht egal! Sie litt sehr unter der immer größer werdenden Distanz zu ihrer besten Freundin. Sie war sich sicher, dass es nur aufgrund ihres dicken Körpers so weit gekommen war. Und diese Tatsache erfüllte sie mit Wut. Sie hasste sich selbst für ihre körperliche Veränderung, der sie scheinbar hilflos ausgeliefert war. Sogar einige Jungs hatten sie in der Schule schon angeschaut und sich darüber lustig gemacht, dass sie nun aussah wie eine Frau! Und Ebbe konnte mit niemandem darüber reden. Es war ihr viel zu peinlich, wie sich ihr Körper veränderte. Mit wem sollte sie reden? Sie liebte ihre Mutter und hatte auch ein gutes und enges Verhältnis zu ihr. Doch mit so etwas konnte sie auch zu Lore nicht gehen. Ebbe brachte es einfach nicht über die Lippen! Sie konnte nicht benennen, was diese Angst in ihr auslöste. Sie schämte und ängstigte sich vor den großen Themen, die damit verbunden sein würden. Fraulichkeit. Entwicklung. Pubertät. Jungen. Sex. Hilfe! Über so etwas konnte Ebbe nicht sprechen. Also fraß Ebbe alles in sich hinein. Wobei sie natürlich genau das Gegenteil tat. Ebbe reduzierte ihr Essen und schwieg. In der Hoffnung, so die Angst vertreiben zu können. Die graue Wolke am Himmel wuchs täglich.

3. WIRRE GEDANKEN

Im Mai feierte das Gymnasium ein großes Sommerfest. Das Schulgelände war aufwändig und sehr bunt geschmückt. Überall waren Stände aufgebaut. Selbst gebastelte Plakate von den Schülern hingen an Türen und Bäumen oder standen vor den verschiedenen Buden. Es wurden viele verschiedene Spiele angeboten, an denen Schüler und ihre Begleitpersonen teilnehmen konnten. Das Wetter an diesem Tag war optimal für ein Schulfest. Trocken, sonnig und sehr mild. Ein blauer Himmel. Wie alle anderen Schüler war auch Ebbe eifrig beschäftigt und gut gelaunt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie gemeinsam mit Anina am Hürden-Wettlauf teilnehmen wollte. Sie hatten sich beide gerade an der Startlinie aufgestellt, als es geschah. »Ebbe hat Titten!«, rief er. Der bekannte freche, kleine, blasse Junge mit den vielen Sommersprossen aus der vierten Klasse. Dieser Satz traf Ebbe sehr hart. Sie schämte sich in Grund und Boden. Ebbe war doch noch nicht ganz elf Jahre alt! Und nun hatten es alle gehört! Dass sie schon Brüste hatte, während die anderen Mädchen noch flach wie Bretter waren. Der kleine Junge aus der vierten Klasse lachte. Viele der herumstehenden Kinder kicherten mit – darunter auch Anina. Das war für Ebbe besonders schlimm. Sie fühlte sich allein. Anders. Auffällig, aber nicht im positiven Sinn. Ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der anderen Kinder in ihrem Alter. Und Anina stand da, mitten zwischen ihnen und lachte mit! Über sie, Ebbe. Ihre – ehemals – beste Freundin lachte darüber, dass Ebbe so anders war. Ebbe wollte eine zierliche, schmale Figur und eine Brust, flach wie die der anderen Mädchen. Einen Oberkörper ohne Taille. Mit dünnen Armen, an denen die Knochen zu erkennen waren. Sie wollte, dass man ihr Schlüsselbein erkennen konnte, statt ihre Brüste! Außerdem wollte Ebbe keine breite Hüfte haben. Ein breites Becken war furchtbar! Stattdessen wünschte sie sich eine ganz schmale Figur mit Zahnstocherbeinchen. Eine Figur, wie Anina sie zum Beispiel hatte. Und so viele andere Mädchen, die Ebbe doch ganz genau darum beneidete. Ebbe versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Natürlich lachen sie über dich, dachte sie. Das ist ja auch kein Wunder, so wie sie aussah.

Zuerst war es nur ein kleiner und leiser Wunsch, so zu sein wie die anderen auch. Doch schon bald fing dieser Wunsch an zu einem sehr starken Willen heranzuwachsen. Immer öfter stand Ebbe nun vor dem großen Spiegel im Flur ihres Elternhauses und betrachtete ihren Körper kritisch von oben bis unten. Mehr noch, sie verabscheute ihn. Auch ihr Verhalten begann sie – beinahe wie aus einer Metaperspektive – genauer zu beobachten und zunehmend abstoßend zu finden. Jedes Wort, jede Geste und allgemeine Bewegung, die von ihr selbst stammte, waren einfach nicht richtig. Sie wollte nicht mehr so sein, wie sie war! Ebbe wollte jemand anderes, eine ganz neue Person werden. Das nahm sie sich felsenfest vor. Ebbe wollte nicht dabei entdeckt werden, wenn sie sich selbst so im Spiegel betrachtete. Daher ging sie nur dann in den Flur, wenn kein anderer aus ihrer Familie sie sehen konnte. Sie drehte sich dann nach rechts und links und ärgerte sich darüber, sich nicht ganz von hinten sehen zu können. Aber mit der Zeit bemerkte sie, dass man sich nur etwas schräg hinstellen und dann über die der Drehung entgegengesetzte Schulter blicken musste, um doch einen Eindruck der eigenen Hinterseite zu bekommen. Sie betrachtete nun also auch ihre Rückseite kritisch von oben bis unten. Und das, was sie dort im Spiegel sah, machte sie noch viel wütender als die Tatsache, ihren Körper nicht vollständig sehen zu können. Sie war zu breit, zu rund und einfach falsch. Hässlich. Unförmig. Ebbe übertrug ab nun all die Dinge aus ihrem Leben, die ihr nicht gefielen, einzig und allein auf ihren Körper. Er war einfach nicht richtig. An allem Schuld. Er war ungenügend. Mit Fehlern durchzogen und abstoßend. Das dachte sie immer öfter. Und dieser Gedanke wuchs und wuchs. Er wurde stärker und stärker. Neben ihrer selbstkritischen Betrachtung im Spiegel und dem Entdecken immer mehr abstoßender Merkmale an sich selbst veränderte sich noch mehr. Ebbes Wahrnehmung ihrer Umwelt wandelte sich in entscheidendem Maß. Sie beobachtete nicht nur sich selbst und ihren eigenen Körper aufmerksamer und vor allem kritischer. Auch die Mädchen und Frauen in ihrer Umgebung betrachtete sie genauer. Prüfender. Verglich sich mit ihnen. Besonders mit den dünnen Frauen und Mädchen verglich sie sich und ihren Körper. Ebbe wünschte sich in dieser Zeit nichts sehnlicher, als auch dünn zu sein! Dieser Wunsch erfüllte sie so sehr, dass alles andere in ihrem Leben, das zuvor wichtig gewesen war, in den Hintergrund trat.

In diesem Sommer bekamen jeder Spiegel, jedes Foto und jede Fensterscheibe plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Der Vergleich mit den Figuren anderer wurde ebenso zu einem Zwang, dem Ebbe ständig unterlag, wie der prüfende Blick auf die Veränderung ihres eigenen Körpers. Sie musste einfach hinschauen. Begutachten. Vergleichen. Und vor allem aber bewerten. Egal mit wem sie sich verglich – immer wieder sagte Ebbe sich: »Ich muss mich verändern! Ich darf so nicht bleiben. Ich bin dicker und somit schlechter und unbeherrschter als die anderen um mich herum. Als alle anderen!« Immer häufiger drängten sich Ebbe nun derartige Gedanken auf, die sie niederdrückten. Es war zum Verzweifeln! Selbst wenn sie Menschen sah, die deutlich kräftiger gebaut waren als Ebbe selbst, spukten immer dieselben Sätze durch ihren Kopf. »Ich bin dicker, schlechter, unbeherrschter!« Ganz zu Beginn redete Ebbe es sich einfach nur ein, immer und immer wieder. Irgendwo tief in ihrem Inneren wusste sie allerdings, dass diese Gedanken übertrieben waren und nicht der Wirklichkeit entsprachen. Doch sie wimmelte dieses Bewusstsein ab, verdrängte die Stimme der Vernunft. Sie wollte an das glauben, was sie sich sagte. Nur so hatte Ebbe das Gefühl genügend Motivation aufbauen zu können, um sich tatsächlich zu verändern. Um endlich besser zu werden und ihr Ziel zu erreichen. Bis irgendwann der Zeitpunkt gekommen war, an dem Ebbe diese Sätze ganz allmählich tatsächlich zu glauben begann. Bis sich die Meinung über ihre eigene Person, nicht gut genug zu sein und zu nichts zu taugen, zunehmend verstärkte. Ebbe war nun fest entschlossen: Sie musste sich verändern! Denn so wie sie war, war sie absolut wertlos. Sogar wenn sie sich mit stark übergewichtigen Menschen verglich, redete sie sich mit voller Überzeugung ein, dass niemand dicker sein könnte, als sie es war. Doch dabei blieb es nicht alleine. Es war nicht nur dieser zwanghafte Vergleich, der plötzlich zu Ebbes Alltag dazu gehörte. Zur gleichen Zeit war auch Ebbes Stimmung stark von diesem abhängig. Jeder Vergleich, der ihr wieder einmal verdeutlichte, wie schlecht sie war, trübte ihre Laune. Ebbe schämte sich dafür. Sie schämte sich dafür, so zu sein, wie sie war. Doch aussprechen konnte sie es nicht. Auch Anina wusste nichts von Ebbes wirren Gedanken. Von ihren schlechten Gefühlen und neuen Zwängen. Es war merkwürdig. Denn Anina und Ebbe hatten sich versprochen, einander immer alles zu erzählen. Sich alles anzuvertrauen. Aber darüber konnte Ebbe einfach nicht sprechen, zumal sie beide sich voneinander entfernt hatten. Sie spürte, dass es etwas Ernsteres war. Etwas Großes und Bedrohliches. Nichts, über das man einfach so sprechen konnte.

Manchmal hatte Ebbe nun das Gefühl, ihre Freundin zu hintergehen.