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Esther Paniagua

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Beschreibung

Die Frage lautet nicht, ob das Internet komplett ausfallen wird, sondern wann. Werden wir darauf vorbereitet sein? Oder wird die Welt ohne Internet im Chaos versinken? Anfang Oktober 2021 fielen die Dienste von Facebook, Instagram und WhatsApp für einige Stunden aus. Die Panik, die gerade junge User daraufhin ergriff, sorgte allgemein für Erheiterung. Doch was bei einem kurzen Zeitraum noch lustig ist, wird ernst, wenn das komplette Internet betroffen ist, und nicht nur für ein paar Stunden. Wissenschaftler haben errechnet, dass uns etwa 8 bis 10 Tage bleiben würden, bis unsere Zivilisation ohne Internet völlig zum Erliegen kommen würde. Längst ist das Internet nicht mehr nur Partnerbörse und Zeitvertreib, sondern integraler Bestandteil unserer kritischen Infrastruktur. Ein potenzieller Ausfall wird längst ernsthaft diskutiert, sei es durch die Überlastung der Serverfarmen, einen Sonnensturm oder einen militärischen Anschlag. Die Technologie-Journalistin Esther Paniagua beleuchtet die Hintergründe dieses verdrängten Problems und zeigt, dass wir uns viel zu leichtsinnig vom Funktionieren des Internets abhängig gemacht haben.

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Seitenzahl: 512

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Esther Paniagua

Error 404

Der Ausfall des Internets und seine Folgen für die Welt

Aus dem Spanischen von Marlene Fleißig und Thomas Stauder

Hoffmann und Campe

Gewidmet der Zukunft

Die Sonne wird wieder leuchten

PrologWir kommen noch rechtzeitig

Im Jahr 1909 verfasste der britische Schriftsteller E.M. Forster eine dystopische Erzählung mit dem Titel The Machine Stops(Die Maschine steht still). Darin beschreibt er eine unbewohnbare, zu Staub zerfallene Welt, in der die Menschen dazu gezwungen sind, unter der Erdoberfläche zu leben. Jede Person befindet sich isoliert in einer der Wohnungen innerhalb der großen Maschine, die diese beherrscht und kontrolliert. Die Maschine sorgt für die Verpflegung und die Verbindung zum Rest der Welt. Die Menschen interagieren untereinander mit Hilfe von Nachrichten und Hologrammen. Jeder hat Tausende von Kontakten, aber keine einzige echte Beziehung. Das frenetische Lebenstempo, stets in Verbindung mit der ehrfurchtgebietenden Maschine, verhindert jede tiefere menschliche Bindung. Forster schildert eine Zivilisation, die keine Stille kennt. Im Hintergrund ist immer das Geräusch der großen Maschine zu hören. Jede noch so kleine Bemerkung, die gegen sie gerichtet ist, wird als Rebellion gegen die herrschende Moral betrachtet, als Blasphemie.

Die Maschine steht still wurde vor mehr als einem Jahrhundert geschrieben, sechzig Jahre vor der Erfindung des Internets, und sie ist erschreckend aktuell. Forsters Befürchtungen bezüglich der Zukunft der Menschheit – und des Planeten – sowie der Konsequenzen der menschlichen Abhängigkeit von der Technik sind immer noch relevant, heute sogar mehr denn je. Seine Überlegungen zur Delegierung individueller Entscheidungen, zum Verzicht auf Freiheit, zur Entfremdung unter den Menschen, zur Spaltung der Gesellschaft und zur unbegrenzten Reichweite eines Systems, das niemand in seiner Gesamtheit zu verstehen vermag, betreffen heute die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz.

Forsters Maschine ist heute das World Wide Web und mit ihm die massiven Datenmengen und Technologien, die der komplexen Informationsverarbeitung dienen (was fälschlicherweise als »künstliche Intelligenz« bezeichnet wird).* Diese moderne, dem Stand des 21. Jahrhunderts entsprechende, große Maschine könnte ebenfalls aufhören zu funktionieren. Tatsächlich ist diese Sorge in den Kreisen der Spezialisten für Computertechnik und Cybersicherheit ständig präsent. Es gibt Menschen aus verschiedenen Bereichen, die schon seit vielen Jahren, ja sogar Jahrzehnten, hiervor warnen. Der Philosoph und Bewusstseinstheoretiker Daniel Dennett erklärte 2014 gegenüber dem Journalisten Toni García: »Das Internet wird zusammenbrechen, und wir werden Wellen der Panik erleben.«[1]

Diese Schlagzeile war der Ursprung dieses Buches, das in einer Schublade meines Freundes Toni darauf wartete, geschrieben zu werden. Toni ist Journalist und verfasst Bücher über Gastronomie und Kino, aber er ist kein Fan der Welt der Technik. Ich hingegen habe als Wissenschaftsjournalistin mein ganzes Berufsleben der Technik gewidmet, ohne dass ich deswegen die Absicht gehabt hätte, darüber ein Buch zu schreiben. Dies änderte sich erst, als Toni mir von seinem Interview mit Dennett erzählte und von seiner Idee, ausgehend von der Annahme vom Absturz des Internets einen längeren Text zu schreiben.

Von diesem Moment an ging mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf. Ich begann zu recherchieren und erkannte, dass es nicht nur Sinn ergab, sondern dass es etwas war, das unbedingt erzählt und mitgeteilt werden musste. Während ich mich in das Thema einarbeitete, wuchs in mir das Gefühl der Dringlichkeit. Alles, was um mich herum geschah, ließ sich aus der Perspektive dieses Buches verstehen. Es schrie förmlich danach, geschrieben zu werden.

Dann kam Covid-19 und änderte (fast) alles. Die beschleunigte Digitalisierung und die damit einhergehende Zunahme der Abhängigkeit von der Technologie gossen zusätzliches Öl ins Feuer. Wir hatten nicht auf die Warnzeichen gehört und waren nicht darauf vorbereitet. Dieser Wirklichkeitsschock verdeutlichte die Notwendigkeit, das Bewusstsein dafür zu schärfen, was uns zustoßen könnte, wenn das Internet ausfallen würde. Wie dies bei der Pandemie der Fall war, ist auch das Eintreten eines Internet-Blackouts nur eine Frage der Zeit. Unklar ist nicht, ob es dazu kommt, sondern wann.

Und dann geschah etwas. Zehn Tage vor der Veröffentlichung der spanischen Version dieses Buches wurde die Welt Zeuge einer winzigen Probe dessen, was passieren könnte. Es war die Abschaltung sämtlicher Apps von Meta (dem Unternehmen, das früher als »Facebook« bekannt war). Am 4. Oktober 2021 verschwanden WhatsApp, Instagram, Facebook und all ihre digitalen Verwandten von der Landkarte des Internets. Der Absturz ging als schwarzer Tag in die Geschichte ein. Er dauerte zwar nur etwas mehr als sechs Stunden, aber für viele war dies eine gefühlte Ewigkeit, während andere erleichtert aufatmeten. Die dadurch erzeugte Verwirrung und Beklemmung zeigten, wie abhängig wir von diesen Tools sind, die von Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt genutzt, aber von einem einzigen Unternehmen kontrolliert werden.

Der Absturz von Meta war auf einen Fehler bei der Aktualisierung des BGP-Protokolls zurückzuführen, das wie eine Form von GPS-Positionierung im Internet dafür sorgt, dass die Informationen so effizient wie möglich fließen. Wie wir in Kapitel 1 sehen werden, ist ein Versagen dieses Protokolls oder ein Angriff darauf einer der direktesten Wege, um einen weltweiten Internet-Crash zu verursachen. Aber es ist keineswegs der einzige. Genauso wenig war die Panne von Facebook das einzige Ereignis dieser Art im Jahr 2021. Zu den bekanntesten Vorfällen gehörte eine vorübergehende Einstellung der Dienste von Akamai, einem der größten Netzwerke von Inhaltsanbietern. Vom Absturz von »Akamai« war das halbe Internet betroffen: Websites von Banken, journalistische Medien, Live-Streaming-Dienste, Fluggesellschaften und so weiter.

Einen Monat zuvor, am 8. Juni 2021, waren durch einen anderen Fehler Tausende von Websites in aller Welt lahmgelegt worden, darunter die von Amazon, Twitter und Spotify sowie von Zeitungen wie El País und der New York Times. Der Absturz wurde durch einen Computerfehler bei »Fastly« verursacht, dem Anbieter von Cloud-Computing-Diensten, bei dem diese Sites gehostet werden. Er dauerte nur eine Stunde, was aber lange genug war, um weltweit Schlagzeilen zu machen.

Erst ein paar Monate zuvor war dies Amazon schon einmal zugestoßen. Ein Problem mit den Servern von Amazon Web Services (AWS) hatte dazu geführt, dass eine Vielzahl von Websites ausfiel und angeschlossene Geräte wie Staubsauger und Türklingeln nicht mehr funktionierten.[2] Und im Dezember 2020 war Google das Opfer gewesen: Ein Fehler aufgrund mangelnden Speicherplatzes in den Authentifizierungstools verhinderte den Zugriff auf alle Dienste des Unternehmens, mit Ausnahme der Suchmaschine.[3] Dies führte zu schwerwiegenden Ausfällen, von denen viele Unternehmen betroffen waren, da sie nicht mehr in der Lage waren, E-Mails, Instant-Messaging-Systeme und Echtzeit-Arbeitsplattformen zu nutzen. Über Google gesteuerte Geräte für Privathaushalte (darunter Thermostate, Lampen und Rauchmelder) und die YouTube-Plattform waren ebenfalls nicht erreichbar. Und das alles dauerte aufgrund des Versagens immerhin fünfundvierzig Minuten.

Amazon und Google konnten das Problem relativ schnell beheben, aber diese Ereignisse haben gezeigt, wie einfach es ist, einen Großteil des Internets lahmzulegen, sogar ganz unabsichtlich. Das ist das Problem der heutigen Online-Dienste, die in so wenigen Händen zentralisiert sind. Neue Unternehmen haben es ob dieser Macht sehr schwer, sich zu etablieren.

Doch nicht nur die – nicht mehr allein theoretische – Vorstellung eines Internet-Crashs mit seinen möglichen Auswirkungen und seinen Lehren hinsichtlich unserer Abhängigkeit von Konnektivität auf individueller und gesellschaftlicher, unternehmerischer, staatlicher, administrativer und kritische Infrastrukturen betreffender Ebene war hierbei von Bedeutung. Worauf es ankam, waren vor allem die Ursachen und Folgen dieser Abhängigkeit: die bestehenden Cybersecurity-Risiken; die wachsende Internet- und Smartphone-Sucht, um ständig in Verbindung zu bleiben; die Manipulation und die Verbreitung von Falschmeldungen; die Hassbotschaften in den sozialen Medien; die gesellschaftliche und politische Zersplitterung und Polarisierung; die Automatisierung der Diskriminierung; die tyrannische Nutzung persönlicher Angaben sowie von Algorithmen, die auf massiven Datenmengen beruhen; die neuen Formen prekärer Beschäftigung, die auf digitalen Plattformen und Apps basieren; die polizeiliche Nutzung des Internets; die eklatante Ungleichheit, die Verletzung von Menschenrechten; die Zensur und Unterdrückung; die Privatisierung der staatlichen Verwaltung, die Umweltkosten der Digitalisierung …

All dies erforderte eine Erklärung, eine erläuternde Darstellung der Zusammenhänge. Das ist es, was ich in diesem Buch versucht habe. Aber nicht nur das. Als Journalistin habe ich mich immer für einen Journalismus als Mittel zur Veränderung eingesetzt und dies zu meinem Leitbild gemacht. Im Rahmen einer Konzeption von Journalismus, zu der auch das Suchen nach Lösungen gehört, vertrete ich die Auffassung, dass die Medien nicht nur Macht hinterfragen, Korruption aufdecken, eine kritische Sichtweise fördern und über soziale Probleme berichten müssen, sondern auch die Öffentlichkeit über mögliche Antworten und Lösungswege angesichts dieser Missstände informieren sollten. Das ist für mich konstruktiver Journalismus.

Deshalb darf nicht unerwähnt bleiben, dass uns die Erfindung des Internets natürlich auch ganz wunderbare Möglichkeiten eröffnet hat, die hätten wir uns vor einigen Jahren noch nicht träumen lassen; dass das Internet, die digitalen Plattformen, die KI und andere vernetzte Technologien trotz allem mit positiven Ergebnissen eingesetzt werden; dass es möglich ist, diese sinnvollen Verwendungszwecke in den Vordergrund zu rücken, um die Technologie zu unserem Verbündeten zu machen. Und deshalb muss dieses Buch zeigen, wie dies erreicht werden kann, oder zumindest Optionen anbieten.

Ich habe mich für eine Ausbildung im Bereich Wissenschafts- und Technikjournalismus entschieden, weil Wissenschaft und Forschung immer eine Quelle für gute Nachrichten darstellen: neue Entdeckungen, um unsere Gesundheit zu verbessern und Mensch und Umwelt besser zu verstehen; neue Technologien, um mit deren Hilfe etwas zu erreichen, das die Menschen ohne sie nicht können, um Hindernisse zu überwinden und um ein besseres Leben zu führen. Dabei konnte ich jedoch die negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft einiger dieser Erfindungen durch deren unrechtmäßige, unethische oder moralisch verwerfliche Verwendungen nicht ignorieren. Ich konnte die Augen nicht vor den unerfüllten Versprechen der Technik verschließen.

Die Konfrontation mit den Schattenseiten des technischen Fortschritts – die Tatsache, dass eine neue Technologie nicht immer zu Verbesserungen für die Menschen führt – brachte mich dazu, mich gezielt mit dieser verborgenen Seite zu befassen. Ich wollte das Phänomen analysieren und versuchen, Punkte zu finden, an denen man ansetzen könnte, um negative Entwicklungen umzukehren.

Dieses Buch hat daher eine didaktische und bewusstseinsbildende Zielsetzung. Es möchte eine Hilfe sein für Individuen und Gesellschaftsgruppen, indem es die Wirklichkeit schildert, wie sie ist: immer komplexer, als sie zu sein scheint. Jeder Versuch, die Wirklichkeit abzubilden, ist riskant. Es gibt unendlich viele Dinge, die erzählt werden müssten, unendlich viele Verbindungen und Zusammenhänge, Nuancen und Aspekte – es scheint unmöglich, auszuwählen und zusammenzufassen, ohne ungebührlich zu vereinfachen. Außerdem bietet jeder Tag neue Belege für das, wovon hier die Rede ist. Dieses Buch könnte ständig erweitert werden. Der Prozess der Dokumentation und Aktualisierung würde nie ein Ende finden. Das werden auch Sie feststellen, wenn Sie erst einmal das Augenmerk darauf richten, was um Sie herum vorgeht.

Im Unterschied zu Forsters Erzählung ist Error 404 keine Dystopie. Dieses Buch möchte dystopischen Verhältnissen zuvorkommen, um auf das vorbereitet zu sein, was geschehen könnte. Nicht zufällig hat die französische Armee jüngst Science-Fiction-Autoren angeheuert, um sich zukünftige Bedrohungen auszumalen.[4] Auf ganz ähnliche Weise soll hier vor einer Katastrophe gewarnt werden, bevor es zu spät ist. Dabei soll das Internet weder kriminalisiert werden, noch wird dafür plädiert, auf Instrumente zu verzichten, die uns nachweislich nützen. Es spricht nichts dagegen, Technologien zu verwenden, die es uns erleichtern, mit unseren Angehörigen und Freunden zu kommunizieren sowie neue Menschen kennenzulernen, uns kollektiv zu organisieren, zu debattieren, auf wichtige Informationen zuzugreifen oder Verwaltungsvorgänge und Einkäufe per Mausklick zu erledigen. Es geht lediglich darum, Grenzen festzulegen und zu fordern, dass diese Instrumente besser werden.

Die Herausforderungen sind groß, aber keinesfalls größer als das Vorhaben, einen Menschen auf den Mond zu schicken, und keineswegs so groß, wie schneller als das Licht zu reisen. Ich schreibe dies mit realistischem Optimismus, aus der tiefen Überzeugung heraus, dass Veränderungen möglich sind und dass die Taten jedes und jeder Einzelnen von uns zählen (manche Taten natürlich mehr als andere). Und ich verfasse dieses Buch in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für uns und für die kommenden Generationen, darunter mein Bruder Manuel, der gerade vier Jahre alt geworden ist.

Erster TeilDämmerung

Hello darkness, my old friend

I’ve come to talk with you again

Because a vision softly creeping

Left its seeds while I was sleeping

And the vision that was planted in my brain

Still remains

Within the sound of silence.

Simon & Garfunkel, »The Sound of Silence«

1Das Debakel. Abschied vom Internet. Willkommen beim Weltuntergang

This is the end, beautiful friend

This is the end, my only friend, the end

Of our elaborate plans, the end

Of everything that stands, the end

No safety or surprise, the end

I’ll never look into your eyes again.

 

Can you picture what will be, so limitless and free

Desperately in need of some stranger’s hand

In a desperate land.

The Doors, »The End«

Wenn eine Maschine sich gegen die Menschheit wenden und versuchen würde, sie zu vernichten, wie würde sie das anstellen? »Ich weiß wie: durch die Abschaltung des Internets. Es gibt keinen einfacheren Weg, unser gewohntes Leben zu beenden.«[5] Das sagt nicht irgendwer, sondern Mo Gawdat, Ingenieur und ehemaliger Leiter des streng geheimen futuristischen Innovationslabors von Google (Google X).

Die Vorstellung klingt ebenso absurd wie beängstigend. Das Internet ist zu einem derart wichtigen Teil unseres Lebens geworden, mit dem es mittlerweile tief und untrennbar verbunden ist, dass wir seine Existenz für selbstverständlich halten. Es ist unsichtbar geworden, weil es vollständig in die Abläufe des Systems, dessen Funktionsweise und unsere Gewohnheiten eingebunden ist.

Aber halten wir einmal inne und denken wir darüber nach. Gawdat hat tatsächlich recht: Wir sind so abhängig vom Internet, dass dessen Ausfall für uns verheerende Folgen hätte. Nicht weil wir dann keine Videos von niedlichen Kätzchen mehr ansehen, Filme streamen, Online-Spiele spielen, Videoanrufe tätigen oder etwas in den sozialen Medien posten könnten, was gewiss auch schon viele für eine Katastrophe halten würden. Nein, denn ein Internet-Blackout würde viel weitreichendere Konsequenzen haben.

Er würde den Verlust eines wesentlichen Teils unseres Kommunikationssystems, den Zusammenbruch unserer kritischen Infrastruktur, wirtschaftliche Verluste in Millionenhöhe, das Ende der Telearbeit, des Online-Handels, gravierende Versorgungsprobleme, nicht mehr funktionierende Verkehrsmittel und eine endlose Liste weiterer Schäden nach sich ziehen. So schlimm wären die Folgen, dass wir deren Umfang gar nicht ermessen können: Nicht einmal jene Personen, die diesbezüglich Bescheid wissen sollten – Experten, die in unseren Regierungen für die nationale Sicherheit zuständig sind oder die an der Entstehung und Entwicklung des Internets beteiligt waren und immer noch an seiner Betreuung mitwirken –, können mit Sicherheit sagen, welcher Teil unserer Infrastruktur einen Zusammenbruch des Internets überstehen würde.

Gewiss: Es ist sehr praktisch, dass jeder und jede und einfach alles mit dem Internet verbunden ist, das hat entschiedene Vorteile, aber gleichzeitig birgt es auch Risiken. Je mehr wir uns miteinander verbinden und je mehr Dinge wir untereinander verbinden, desto anfälliger sind wir und desto größer ist der Dominoeffekt im Falle eines Versagens. Denn wenn das Internet verschwinden würde, würden die Teile, aus denen sich die Welt, in der wir leben, zusammensetzt und die ein wesentlicher Teil des Systemgerüsts sind, auf einen Schlag einstürzen. Einfach so, im Handumdrehen, wäre alles außer Kontrolle. Heute hat man noch alles im Griff, am darauffolgenden Tag nichts mehr. Heute lebt man in einer – mehr oder weniger – funktionierenden Welt, morgen im Chaos.

Klingt das alles lediglich wie die Wahnvorstellung eines Einzelnen? Oder sind noch mehr Leute besorgt? Letzteres ist tatsächlich der Fall. Regierungen, Unternehmen,[6] Experten für Cybersicherheit und Intellektuelle weltweit warnen hiervor schon seit Jahren. Vinton Cerf,[7] einer der Väter des Internets, räumt ein, dass sein Geschöpf sehr verletzlich sei. Der Kryptograph Bruce Schneier verweist auf die unzähligen Möglichkeiten, wie etwas im Netz aus dem Lot geraten kann oder wie ein Angreifer oder eine Gruppe von Angreifern – ohne notwendig große Kenntnisse oder Ressourcen zu besitzen – schlimme Schäden verursachen können. »Die Frage ist nicht, ob es passieren wird oder nicht, sondern wann«,[8] sagte zu mir der Philosoph und Bewusstseinstheoretiker Dan Dennett im Rahmen eines Interviews für dieses Buch. Bereits 2014 hatte er sich in einem TED-Vortrag zum 30-jährigen Jubiläum der bekannten Vortragsreihe folgendermaßen geäußert:

»Das Internet wird zusammenbrechen, und wenn das geschieht, werden wir eine weltweite Panik erleben … Es ist nichts Apokalyptisches an dem, was ich sage: Sie können jeden beliebigen Experten fragen, und er wird Ihnen dasselbe sagen wie ich, nämlich dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Netz abstürzt.«[9]

Dass dieser Absturz früher oder später kommen wird, vermutet Dennett seit Jahren. Beinahe genauso lange wie sein Freund Danny Hillis, der 2013 in Vancouver ebenfalls im Rahmen einer TED-Veranstaltung einen Vortrag hielt mit dem Titel: »Es könnte einen Internetcrash geben. Wir benötigen einen Plan B«.[10] Hillis ist einer der führenden Informatiker und Erfinder, der genau Bescheid weiß über die Anfälligkeit und Zerbrechlichkeit des Netzes bei Fehlern oder Angriffen:

»Wir haben dieses System aufgebaut, dessen Einzelteile wir alle separat verstehen, aber wir nutzen es auf eine Weise, die sich sehr stark von der anfangs erwarteten Verwendung unterscheidet, und es hat ein ganz anderes Ausmaß angenommen als ursprünglich geplant. Tatsächlich überblickt niemand so genau, für welche Vielzahl von Zwecken es derzeit eingesetzt wird. Es ist wie bei allen großen, in Entwicklung befindlichen Systemen, beispielsweise beim Finanzsystem, bei dem wir zwar alle Teile entworfen haben, aber niemand vollständig versteht, wie es in allen seinen Verästelungen funktioniert und wie es sich in Zukunft verhalten wird … Alles verändert sich so schnell, dass selbst die Experten nicht genau wissen, was vor sich geht. Niemand weiß wirklich, welche Form das Internet in diesem Augenblick besitzt, denn es hat nun eine andere Gestalt als noch vor einer Stunde. Die Struktur verändert sich ständig. Sie wird kontinuierlich neu konfiguriert.«

Die Finanzkrise von 2008 war für viele von uns eine Katastrophe, aber doch vielleicht nur ein Vorgeschmack auf das, was noch folgen wird. Denn wenn man ein System nimmt, das im Wesentlichen auf Vertrauen beruht (was für das Finanzsystem ebenso gilt wie für das Internet) und das für eine Funktionsweise in einem relativ überschaubaren Rahmen konzipiert wurde, und dieses System dann ins Maßlose hinaus ausdehnt, dann verliert man die Kontrolle. Nicht nur über die Sache selbst, sondern vor allem über die Folgen dieses Kontrollverlusts, die Folgen, die ein Aussetzen des Internets nach sich ziehen würde.

Alles ist miteinander verbunden, vernetzt, und wir wissen weder, in welchem Ausmaß, noch können wir uns die schrecklichen Folgen eines Zusammenbruchs vorstellen. Alles hängt heutzutage vom Internet ab. Das weiß man bei der Internet Society (ISOC), einer gemeinnützigen Organisation, die 1992 gegründet wurde, um die Entwicklung, den Ausbau und die Nutzung des Internets zum Wohl aller zu gewährleisten. Der mögliche Absturz des Internets bereitet ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern größte Sorgen. Ebenso beunruhigt ist man am Oxford Internet Institute (OII), dem ersten Zentrum, das das Internet aus einer multidisziplinären Perspektive untersucht. Wie sich der Gründungsdirektor des OII erinnert,[11] trug eine der ersten von dieser Einrichtung organisierten Konferenzen den Titel »Wird das Internet abstürzen?«. Unter den Fragen, die die elitäre Gruppe von Fachleuten jedes Jahr in dem fast tausendjährigen Gemäuer der zweitältesten Universität der Welt erörtert, taucht dieses Thema immer wieder auf.

In Wirklichkeit ist es gar nicht nötig, Hypothesen zu formulieren. Wie im Prolog dieses Buches bereits erwähnt wurde, wurde die Welt sowohl 2020 als auch 2021 Zeuge einiger sehr realer Belege dafür, wie das Internet, oder ein guter Teil davon, plötzlich ausfallen kann.

Der Thinktank des Europäischen Parlaments veröffentlichte im September 2021 eine wissenschaftliche Analyse der Zukunftsaussichten mit dem Titel What if the internet failed?[12] Darin werden einige der Möglichkeiten des Ausfalls des Internets und deren Folgen aufgezeigt. In Wirklichkeit ist es gar nicht nötig, zu spekulieren. Wie bereits im Vorwort erwähnt, gab es sowohl im Jahr 2021 als auch im Jahr 2020 weltweit mehrere sehr reale Belege dafür, dass das Internet oder zumindest ein großer Teil davon abstürzen kann.

Fünf mögliche Wege in die Katastrophe

Wenn man versucht, sich das Szenario einer eventuellen vollständigen Unterbrechung des Internets auszumalen, nachdem man verstanden hat, dass dies theoretisch möglich ist, stellen sich die folgenden Fragen: Auf welche Weise könnte dies geschehen? Für wie lange? In welchem Umfang? Die Experten verraten nicht gern viele Einzelheiten zu diesem Thema. Es gibt immer wieder Angriffe auf Internet-Provider, die nie bestätigt werden, und es ist unmöglich zu wissen, was genau passiert ist. Es liegt in niemandes Interesse, dass diese Vorfälle an die Öffentlichkeit dringen.[13] In Interviews mit ehemaligen Geheimagenten, Fachleuten für Cybersicherheit und Internetpionieren war niemand dazu bereit, sich hierzu näher zu äußern. Dennoch wurde eine Reihe von Wegen bekannt, das Internet lahmzulegen.

Weg Nr. 1: Ein Problem des Flows

Innerhalb von weniger als dreißig Minuten könnte das gesamte Internet zusammenbrechen. Wie? Durch eine Schwachstelle im BGP-Protokoll,* das den Datenfluss im Internet regelt. Dies erklärte der berüchtigte Hacker Peiter Zatko alias Mudge (heute Direktor für Cybersicherheit bei Twitter) vor dem US-Senat.[14] Er und die sechs anderen Mitglieder seiner Hacker-Denkfabrik L0pht sagten dort am 19. Mai 1998 bei einer Anhörung zum Thema der staatlichen Computersicherheit aus.

Es war nicht das erste Mal, dass sie dies taten. Die Cyber-Experten versicherten, bereits zuvor verschiedene staatliche Stellen auf dieses Risiko hingewiesen zu haben. Sie erklärten auch, das US-Verteidigungsministerium habe eine umfangreiche Studie möglicher Angriffe auf Internet-Infrastrukturen durchgeführt, wobei es sich auf Informationen von L0pht gestützt habe. Allerdings seien die dabei gewonnenen Erkenntnisse zu ihrem Leidwesen sofort als geheim eingestuft worden.

Worin bestanden diese Untersuchungsergebnisse? Unter anderem hatte die Gruppe L0pht, die von der Washington Post als »Rockstars der Hacker-Elite« bezeichnet wurde,[15] eine Schwachstelle im BGP-Protokoll entdeckt. Wenn dem System fehlerhafte Informationen zugeführt würden, könnte dieser Fehler eine Kettenreaktion auslösen, die sich auf alle Systeme auswirken würde. Da es sich um einen kaskadenartigen und automatisierten Vorgang handeln würde, würde er relativ schnell erfolgen, innerhalb von voraussichtlich weniger als dreißig Minuten. Der Absturz könnte mehrere Tage dauern.

Das Problem besteht darin, dass durch die Öffnung des Internets für die massenhafte Nutzung eine ungeheure Vielzahl von Risiken für die Nutzer und für wichtige Systeme und Infrastrukturen in der realen Welt entstand, einschließlich der Kraftwerke, die schnell an das World Wide Web angeschlossen wurden. Das Internet ist mittlerweile mehr als vierzig Jahre alt. Obwohl die Technologie noch funktioniert, wird ihr die Erfüllung von Aufgaben abverlangt, für die sie nie vorgesehen war und für die sie nicht mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet wurde. Auf diese Aufgaben ist sie also nicht vorbereitet.

Mudge und den übrigen L0pht-Mitgliedern gelang es trotz der Untätigkeit der staatlichen Behörden, den Fehler eigenständig zu beheben. Ihre Entdeckung enthielt jedoch eine Botschaft: L0pht hatte eine von vielen Schwachstellen gefunden, die dazu genutzt werden konnten, das Internet lahmzulegen. In einem Vortrag auf der DefCon-Konferenz in San Francisco im Jahr 2008 demonstrierte Mudge, dass dies ganz einfach war. Es war so schockierend, dass die Zeitschrift Wired dies »die größte Sicherheitslücke des Internets« nannte.[16]

Ein solches Hintertürchen ist für staatliche Geheimdienste und Spionageagenturen manchmal sehr praktisch. Die National Security Agency (NSA) der USA nutzt es, um bestimmte Datenströme leichter überwachen zu können (oder, platt gesagt, um zu spionieren). Mit Hilfe dieses Tricks hat die NSA im Jahr 2012 dafür gesorgt, dass Syrien etwas mehr als zwei Tage lang komplett vom Internet abgeschnitten war.[17] Die gleiche Technik wurde 2014 von der türkischen Regierung eingesetzt, um Teile des Internets zu zensieren.

Ein weiterer legendärer Fall von Missbrauch des BGP-Protokolls führte im Jahr 2010 dazu, dass 15 Prozent des Internetverkehrs 18 Minuten lang über chinesische Server geleitet wurden. Der Betreiber China Telecom behauptete, es habe sich um ein Versehen gehandelt, und das ist durchaus möglich. Jedoch stellt es einen weiteren Beleg dafür dar, wie anfällig das System für Fehler und noch mehr für vorsätzliche Angriffe ist.[18]

Diese Schwachstellen sind auch heute noch vorhanden. Das Bewusstsein für Cybersicherheit und die diesbezüglichen Investitionen sind gestiegen, aber das Risiko existiert nach wie vor. Allein im Jahr 2017 gab es fast 14000 derartige Zwischenfälle.[19] In einem noch nicht lange zurückliegenden Fall (2019) war ein kleiner Internetdienstleister in Pennsylvania in den USA der Auslöser dafür, dass Millionen von Websites auf der ganzen Welt offline gingen.[20] Die Hauptursache war ein Problem im Zusammenhang mit dem BGP-Protokoll, von dem Cloudflare betroffen war, einer der führenden Content-Hoster im Internet, bei dem die in Mitleidenschaft gezogenen Websites gehostet waren.

Man versucht schon seit langem, die Probleme mit diesem Protokoll zu lösen, aber der Prozess ist äußerst schwierig und entsprechend langsam geht es voran. Zu wissen, dass das Internet nicht nur durch einen vorsätzlichen Angriff, sondern auch durch einen technischen Fehler zum Absturz gebracht werden könnte, ist nicht gerade beruhigend. In beiden Konstellationen wären die Folgen verheerend: Das Internet würde in seine Einzelteile zerfallen.

Man versucht bereits seit langem, die Probleme mit diesem Protokoll zu lösen, aber das ist ein sehr langsamer und äußerst schwieriger Prozess. Es ist alles andere als beruhigend, dass das Internet nicht nur durch einen vorsätzlichen Angriff, sondern auch durch einen technischen Fehler oder menschliches Versagen ausfallen könnte, was der Fall war, als am 4. Oktober 2021 WhatsApp, Instagram, Facebook und die ganze Produktfamilie von Meta vorübergehend von der Online-Landkarte verschwunden waren. Unabhängig von den Ursachen wären die Folgen verheerend. Das Internet würde auseinanderbrechen.

Weg Nr. 2: Die Namen des Internets und ihre vierzehn Wächter

Ebenso kompliziert oder sogar noch komplizierter als die Lage beim BGP sind die Probleme beim Domain Name System (DNS), für das es alle möglichen Angriffsmöglichkeiten gibt. Das DNS ist ein zentraler Bestandteil des Internets: Das Domänennamensystem legt dessen Nomenklatur fest, die weltweit jedem Teilnehmer des Netzes einen Namen zuweist. Es ermöglicht den Nutzern, sich leicht zu verbinden und verleiht dem Netz den nötigen Zusammenhalt. Es stellt eine der Grundlagen des Internets dar, die das World Wide Web von allen anderen Netzwerken unterscheidet und sein Wesen bestimmt. Daher ist es eine mehr als besorgniserregende Vorstellung, dass die Struktur, die den einzigartigen Charakter dieses Raums aus Namen und Adressen aufrechterhält, zerbrechen könnte. Das Internet ohne DNS ist wie die traditionelle Post ohne Anschriften. Dann könnte jeder nur noch zwei Computer zu Hause miteinander kommunizieren lassen, die aber nicht mehr mit den anderen Computern in der ganzen Welt verbunden wären.

Der Schutz dieses DNS-Systems ist so wichtig, dass dafür auf internationaler Ebene vierzehn Internet-Wächter bestimmt wurden. Ihre Aufgabe besteht darin, die sieben Hauptschlüssel zu bewachen, mit denen das Netz kontrolliert wird. Sieben Zeitbomben, die jederzeit explodieren könnten (wenngleich es zweifellos alles andere als einfach ist, sie zu aktivieren). Wie kann ein erdumspannendes Netzwerk von sieben Schlüsseln gesteuert werden, die von vierzehn Personen überwacht werden? Das klingt nach einem James-Bond-Film.

Einer dieser vierzehn Wächter, die keine Fiktion sind, ist João Damas.[21] Er ist Portugiese, lebt in Spanien und arbeitet mit seinen Kollegen in Australien für APNIC, das regionale Internet-Adressregister für den asiatisch-pazifischen Raum. Damas beschäftigt sich mit dem Internet, so lange er denken kann. Er ist im Laufe der Jahre tief in die Materie eingetaucht und weiß, wie anfällig dessen Struktur ist. Daher hat er die Rolle eines Aufpassers übernommen, als Teil eines um höchste Sicherheit bemühten Offline-Systems, mit dem versucht wird, die Lücken in der Online-Sicherheit zu schließen.

Als das DNS in den achtziger Jahren geschaffen wurde, bestanden die Protokolle ausschließlich aus Text, und der Datenverkehr war für jedermann sichtbar. Es genügte, sich die durch das Kabel übertragenen Daten anzusehen, sie waren nicht verschlüsselt und nicht gegen Manipulationen geschützt. Beide, das DNS wie auch das BGP-Protokoll, sind tragende Systeme des Internets. Daher ist es außerordentlich schwierig, sie zu ändern, denn das würde bedeuten, alle im Stich zu lassen, die bereits angeschlossen sind. 4,57 Milliarden Menschen, 59 Prozent der Weltbevölkerung, waren es im Jahr 2020.[22] All diese Menschen würden dann vom Netz getrennt. Systeme wie das DNS oder das BGP-Protokoll umzustellen, ist nicht so einfach wie der Wechsel von Hotmail zu Gmail oder von WhatsApp zu Telegram.

Um das DNS zu verteidigen, haben diese Wächter eine zusätzliche Sicherheitsebene geschaffen, die digitale Signaturen verlangt, die alle drei Monate erneuert werden, und die es zumindest ermöglicht, die Daten während der Übertragung vor Veränderungen zu bewahren. Physische Schlüssel (aus Metall) werden verwendet, um den Zugang zu den Computern zu kontrollieren, auf denen die digitalen Signaturen ausgeführt werden. Ihr Inhalt würde automatisch gelöscht werden, wenn jemand versuchen würde, ohne die Schlüssel darauf zuzugreifen.

Was würde passieren, wenn sie gelöscht würden? Gar nichts, denn es gibt vier Computer, die identische Kopien davon sind und sich an zwei verschiedenen Standorten in den Vereinigten Staaten befinden: zwei in Kalifornien und zwei in Washington, D.C. Für den Zugang zu diesen Computern gibt es Plastikkarten mit einem Chip. Mit sieben davon lassen sich die Computer an der Ostküste des Landes aktivieren und mit sieben weiteren die Computer an der Westküste. Damas besitzt eine dieser Karten. Oder, genauer gesagt, den Schlüssel, um auf eine dieser Karten zugreifen zu können.

Warum sind es sieben? Die Antwort ist einfach: Damit mehrere Personen zustimmen müssen, um auf das System zuzugreifen. Gleichzeitig dürfen es aber nicht so viele Personen sein, dass der Überblick verloren geht, wer die Karten hat. Diese werden in zwei DeWalt-Tresoren mit jeweils sieben Schließfächern aufbewahrt. Jeder Wächter und jede Wächterin besitzt einen Schlüssel, mit dem er beziehungsweise sie das Fach seiner oder ihrer Karte öffnen kann. Wenn jemand die sieben Wächter von einem der Computer angreifen würde, dann wüsste diese Person zweifellos auch, wo der Computer sich befindet. Sollte dies geschehen, müsste das gesamte System völlig neu konfiguriert werden, um schlimmere Schäden zu verhindern. Mit anderen Worten, man müsste wieder bei null anfangen: die Schließfächer leeren, andere Wächter auswählen und so weiter.

Dies kann innerhalb weniger Tage geschehen. In der Zwischenzeit würde der Angreifer versuchen, sich Zugang zum Tresor zu verschaffen, der sich in einem Käfig befindet und durch eine Zahlenkombination geschützt ist. Von dieser Kombination kennen zwei Personen, die für die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) arbeiten, jeweils nur eine Hälfte. Wenn sie sich einigen könnten, würden sie die ganze Zahl kennen, aber sie könnten auch zu zweit nicht auf den Tresor zugreifen, denn eine dritte Person bewacht diesen und müsste ihn öffnen. Diese beiden Personen müssten erst um Erlaubnis bitten, das Datenzentrum, in dem sich der Käfig und der Tresor befinden, zu betreten. Sie müssten ankündigen, dass sie dorthin gehen wollen, und mitteilen, an welchem Tag und zu welcher Zeit sie dies vorhaben, und jemand müsste dies dann genehmigen. Der Vorgang ist so stark segmentiert, damit niemand ihn allein vollständig durchlaufen kann.

Angesichts der Komplexität des Verfahrens wäre ein derartiger Angriff auf das DNS tatsächlich sehr schwierig. Dennoch ist er nicht unmöglich. Manchmal passieren die dümmsten Dinge. Damas gesteht, dass es einige unvorhergesehene Zwischenfälle gab. Zum Beispiel einen im Februar 2020, als er und die sechs anderen Internet-Wächterinnen und -Wächter sich trafen, um die digitalen Signaturen der von ihnen geschützten Computer zu aktualisieren. Zu ihrer Überraschung gelang es ihnen jedoch bei einem der Tresore nicht, ihn zu öffnen. Im Jahr zuvor hatte der Hersteller der Schlösser der Tresore sie darauf hingewiesen, dass dieses zehn Jahre alte Modell nicht mehr hergestellt werde und der Tresor möglicherweise nicht mehr optimal funktionieren würde. Es waren auch bereits zwei neue Tresore angeschafft worden. Im Rahmen einer Zeremonie, die aus diesem Anlass organisiert wurde, schickte sich ein spezialisierter Schlosser gerade an, die Tresore auszutauschen, als eines der Schlösser plötzlich blockierte. Es war das letzte Mal, dass der alte Tresor benutzt werden sollte, das letzte Mal, dass man ihn öffnen wollte, aber der Zufall wollte es, dass er ausgerechnet bei dieser Gelegenheit streikte. »Man sagt immer, dass Schlösser dazu dienen, nur anständigen Menschen den Zugriff zu verwehren. Die kriminellen knacken sie einfach«, berichtete Damas im Gespräch. Zwei Tage lang war er zusammen mit den anderen Wächterinnen und Wächtern im Datenzentrum eingesperrt, bis es dem Schlosser endlich gelang, den Tresor zu öffnen.

Eine andere törichte oder unbeabsichtigte Art, über das DNS den Zugang zu einem großen Teil des Internets zu blockieren, hat mit der Datenbank zu tun, in der die Listen der verschiedenen Typen von Domänen (.com, .net, .es, .org und so weiter) gespeichert sind und in der angegeben ist, von wem sie abhängen. Wenn diese Datenbank gelöscht würde, würde es mindestens drei oder vier Tage dauern, sie wiederherzustellen. Selbst wenn dort nur ein geringfügiger Fehler auftritt, kann dies zu stunden- und tagelangen Zugangsausfällen führen. Dies ist keine bloße Spekulation, sondern es gibt bereits Präzedenzfälle. Im Jahr 2009 verschwand ganz Schweden (genauer gesagt, es verschwanden alle Websites mit der Endung ».se«) aufgrund eines banalen Konfigurationsfehlers vorübergehend aus dem Internet. Wegen eines dummen Details wie eines fehlenden Punkts am Ende eines jeden Datensatzes. In Spanien gab es mehrere ähnliche Fälle: 2006 war es aufgrund eines Fehlers bei der Aktualisierung der DNS-Adressen der Domänen unmöglich, auf Websites unter der Domäne ».es« zuzugreifen,[23] und 2018 legte ein technisches Problem bei Red.es (der Einrichtung, die die Domänen in Spanien verwaltet) den Zugang zu allen ».es«-Seiten vorübergehend lahm.

Auch ein Angriff unter Ausnutzung von IPv6-Sicherheitslücken wäre denkbar. IPv6 ist der neue Namensraum für das Internet. Es ersetzt das alte IPv4, das die Adressen bereitstellte, die zur Identifizierung und Lokalisierung von mit dem Internet verbundenen Computern benötigt wurden. Am 3. Februar 2011 waren diese gewissermaßen »aufgebraucht«: Dem Internet standen keine Nummern mehr zur Verfügung. Daher die Notwendigkeit der Umstellung auf IPv6. Das Problem ist, dass wir mit der Verwendung dieses Systems viel weniger Erfahrung haben als mit IPv4. Es ist daher anfälliger, und Cyberkriminelle sind geschickt darin, dies auszunutzen. Im Jahr 2018 entdeckte der Netzwerkingenieur Wesley George einen Angriff, der von den IPv6-Schwächen profitierte, um einen DNS-Server auszuschalten.[24] Das war nur ein Vorbote dessen, was Experten »die nächste Welle von Online-Blackouts« nennen.

Weg Nr. 3: »Von oben angeordneter« Ausfall

In Zeiten von zunehmendem Populismus und Autoritarismus gewinnt die Zensur des Internets an Bedeutung. Autoritäre Regierungen nutzen das Internet als Propagandawaffe – bis es sich gegen sie wendet und sie beschließen, es zu blockieren.

Es kann vorkommen – das ist bereits geschehen und wird auch wieder geschehen –, dass eine Regierung beschließt, den Zugang zum Internet oder zu Teilen davon zu sperren, sobald es zu Konflikten kommt. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Erst 2022 beschloss die kasachische Regierung, den Internetzugang zu sperren, nachdem es zu Unruhen wegen steigender Kraftstoffpreise gekommen war.[25] Die Abschaltungen begannen an einem Dienstagabend, dem 4. Januar, und gipfelten am folgenden Tag, als die Gewalt eskalierte, in einem landesweiten Kommunikationsausfall. Nachdem bei der Niederschlagung der Proteste Dutzende von Demonstranten getötet worden waren und der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew ohne Vorwarnung Schießbefehl erteilt hatte, schickte Russland Truppen in das Land.[26] Mindestens 225 Menschen wurden (nach offiziellen Angaben) getötet und Tausende verhaftet.

Auch im Jahr 2021 kam es zu aufsehenerregenden Ausfällen. Die indische Regierung unterbrach den Internetzugang in mehreren Bezirken eines an die Hauptstadt Neu-Delhi angrenzenden Bundesstaates, um Proteste gegen die Agrarreformen im Land zu unterdrücken.[27] In Myanmar blockierte die neue Militärregierung, die durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen war, den Zugang zu Facebook, das für die meisten Menschen dort das Tor zum Internet ist.[28]

Im Sommer 2013 kam es in der türkischen Gesellschaft zu einer Reihe von Massenprotesten im ganzen Land als Reaktion auf das gewaltsame Vorgehen der Regierung gegen Umweltschützer. Die wichtigsten Informations- und Organisationsmittel der Protestbewegung waren die sozialen Netzwerke. Dies veranlasste die türkische Regierung, im Jahr 2014 die Internetzensur zu legalisieren, obwohl der Zugang zum Internet zu diesem Zeitpunkt bereits stark eingeschränkt war. Menschenrechtsaktivisten kalkulierten damals, dass die Behörden den Zugang zu mehr als 4400 Websites sperrten. Diese Zensur wurde über das besagte BGP-Protokoll umgesetzt.

Noch gravierender waren die Ereignisse im indischen Kaschmir. Mitte des Jahres 2019 schaltete die Regierung das Internet für sieben Monate einfach ab. Es war die längste Unterbrechung des Online-Anschlusses in einer Demokratie, und die Auswirkungen sind noch immer spürbar. Wie die Journalistin Pavithra Mohan im Magazin Fast Company berichtet,[29] kappte die indische Regierung am 5. August 2019 ohne Vorwarnung alle Telefon- und Internetverbindungen in der Region. Fehlende Kommunikation, zum Schweigen gebrachte WhatsApp-Threads, unbezahlte Rechnungen, inhaftierte Oppositionelle, eingeschränkte Bewegungsfreiheit und von Soldaten gesperrte und patrouillierte Straßen waren nur einige der Folgen dieser Maßnahme. »Wir wussten nicht, was vor sich ging … In den ersten zwei Wochen war es ziemlich schwierig, weil es keine Verständigungsmöglichkeit gab und die Menschen sich wegen der Ausgangssperre nicht bewegen konnten«, so ein Mann aus Kaschmir gegenüber der Journalistin. Auch später, als er in sein Büro zurückkehren konnte, war es ihm nicht möglich, mit den Mitarbeitern seiner Organisation zu kommunizieren. Natürlich hatte die Abschaltung auch Auswirkungen auf indische Unternehmen und die indische Wirtschaft. Die Verluste wurden auf rund 2,3 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Indien führt die weltweite Rangliste der Länder mit den meisten Internetausfällen an, die von lokalen, bundesstaatlichen oder nationalen Behörden verhängt worden sind.[30] Allein im Jahr 2018 wurden in dem asiatischen Land 134 Mal die Internetverbindungen unterbrochen. Mit weitem Abstand folgt an zweiter Stelle Pakistan, wo das Internet 2018 zwölf Mal abgeschaltet wurde.

Dies geschah auch in Ägypten während des Arabischen Frühlings (2010–2012). Nach jahrzehntelanger autoritärer Herrschaft organisierten sich Zehntausende Menschen über die sozialen Medien, um auf dem Tahrir-Platz in Kairo zu demonstrieren und Demokratie zu fordern. Die Regierung reagierte, indem sie die Telekommunikationsunternehmen anwies, den Internetzugang, Sprachanrufe und SMS zu blockieren. Außerdem wurden diese Firmen dazu verpflichtet, regimetreue Propagandabotschaften zu senden.

Der Blackout des Internets in Ägypten dauerte nur fünf Tage. Andernorts sind staatliche Restriktionen jedoch permanent in Kraft, wie etwa in Nordkorea, wo die Regierung dem größten Teil der Bevölkerung den Zugang zum Internet verwehrt, obwohl es eine Verbindung gibt. In China können Google, WhatsApp und soziale Netzwerke wie Facebook nicht genutzt werden. In Russland hat man unterdessen bereits begonnen, sich auf eine mögliche Abschaltung vorzubereiten. Im Dezember 2019 wurde dort ein erster Test zur Trennung vom World Wide Web erfolgreich abgeschlossen.[31]

Es kann allerdings vorkommen, dass beim Versuch, den Internetzugang zu sperren, etwas schiefläuft. Am Sonntag, den 24. Februar 2008 mussten Nutzer auf der ganzen Welt mehr als zwei Stunden lang ohne YouTube auskommen. Schuld daran war ein fehlerhafter Versuch Pakistans, den Zugang für Internetnutzer in diesem Land auf Anordnung der Regierung zu sperren. Ungewollt war von dieser Zensur dann jedoch der gesamte Planet betroffen. Aufgrund der Funktionsweise von Internetprotokollen führte die Aktion dazu, dass der YouTube-Datenverkehr weltweit konfisziert wurde. Das ist der Typ von Absturz, zu dem es durch den »Schmetterlingseffekt« im Internet heutzutage jederzeit kommen kann. In diesem Fall war es ein Versehen, aber man könnte diese Wirkung auch absichtlich erzielen.

Eher hypothetisch ist die Möglichkeit, dass eine einzelne Regierung vorsätzlich das gesamte Netz zum Erliegen bringt. Die Vorstellung, dass so etwas passieren könnte, wird – insbesondere von den Vereinigten Staaten – als Argument gegen Chinas 5G-Initiative verwendet, weil es hierbei um den neuen globalen Standard für drahtlose Kommunikation geht. Diejenigen, die vor dieser Bedrohung warnen, gehen davon aus, dass das asiatische Land die Kontrolle über die gesamte Infrastruktur der Telekommunikation erhalten würde, wenn sich das 5G-System des chinesischen Herstellers Huawei durchsetzen würde. Die Regierung von Xi Jinping könnte aufgrund dieser technisch dominanten Position zumindest bestimmte Teile des Internets aus der Ferne abschalten oder sie (durch das Abstoßen von Huawei) an den Meistbietenden verkaufen. Die Frage lautet jedoch: Warum zum Teufel sollten die Chinesen das tun? Sie könnten dieses Szenario allenfalls als Drohung benutzen, aber es würde keinen Sinn ergeben, es zu verwirklichen. China ist vom Welthandel abhängig. Das komplette Internet zu sabotieren würde bedeuten, sich in den eigenen Fuß zu schießen.

Die Abschaltung des Internets hat immer finanzielle Verluste zur Folge. Aus einem Bericht des Bewertungsportals Top10VPN.com geht hervor, dass es zwischen 2019 und April 2021 in 40 Ländern zu 226 »schwerwiegenden« Ausfällen kam, die »von oben angeordnet« worden waren.[32] Diese kosteten die Weltwirtschaft insgesamt 14,4 Milliarden US-Dollar, wobei die größten Auswirkungen im Nahen Osten, in Afrika, Asien, Irak, Sudan und Indien zu verzeichnen waren.

Weg Nr. 4: Behälter ohne Inhalt

In seinen Anfängen, als das Internet noch ein Kommunikationsnetz unter Gleichgestellten war (das heißt zwischen zwei beliebigen Netzwerkknoten), war es widerstandsfähiger, weil es dezentralisiert war. Obwohl die Internetprotokolle auch heute noch verteilt sind, sind wir zunehmend von zentralisierten Ressourcen abhängig. Dies wird als »Konsolidierung« bezeichnet. Gemeint ist damit die Verringerung der Zahl der Akteure auf dem Markt und die Konzentration auf einige wenige, aber sehr große unter ihnen, die die Anwendungsmöglichkeiten des Internets, die Bereitstellung des Zugangs zu diesem und die Infrastruktur der Serviceleistungen kontrollieren. In früheren Zeiten kommunizierte beispielsweise eine Zeitung direkt mit dem Computer einer anderen Person, eines Unternehmens oder einer Universität, wobei das Hosting von einem lokalen Serviceanbieter übernommen wurde, der sich in unmittelbarer Nähe der beiden Enden der Netzwerkverbindung befand, das heißt in diesem Fall der Zeitung und ihrer Leserschaft. Heutzutage erfolgt das Hosting jedoch auf einer der großen Plattformen für die Verbreitung von Inhalten – als da wären: Akamai, AWS (Amazon Web Services), Fastly und Google –, die den Markt beherrschen und in der Regel sehr weit von den beiden Enden der Kommunikation entfernt sind. Eine der schwerwiegendsten Konsequenzen dieser Situation ist, dass im Falle eines Angriffs auf eine dieser Plattformen alles, was mit ihnen verbunden ist, ausfallen wird: Zeitungen, die ganze Bandbreite von Websites, Streaming-Plattformen … Nur sehr wenige Angebote sind davon nicht betroffen, wie wir beim massiven Absturz von Websites nach einem Computerfehler bei Fastly gesehen haben.

Während früher mehrere Suchmaschinen benutzt wurden, existiert heute das Verb »googeln«. Wenn derartig zentrale Anlaufstellen des Internets sabotiert werden, kann man sehr leicht bestimmte Dienste unterbrechen oder blockieren. Weil wir rasch und bequem Informationen in Echtzeit erhalten möchten, setzen wir alles auf eine Karte, statt das Risiko zu streuen.

Ein Angriff auf Google oder auf eine der Plattformen für die Verbreitung von Inhalten wie AWS hätte erhebliche Auswirkungen, wie oben bereits angedeutet wurde.

Wie es der Bericht des Thinktanks des Europäischen Parlaments ausdrückt: »Trotz seiner ursprünglich belastbaren dezentralen Struktur haben die wachsende Bedeutung einiger weniger zentraler Akteure und die Entwicklung hin zu einer größeren Zentralisierung das Internet anfälliger für Zusammenbrüche gemacht.«[33]

Weg Nr. 5: 20000 Meilen Unterseekabel

Das Internet ist ein Wirrwarr von Kabeln. Genauer gesagt: Es gibt 487 Unterseekabel mit einer Gesamtlänge von 1,3 Millionen Kilometern.[34] Viel mehr als die 20000 Seemeilen, die Jules Vernes U-Boot Nautilus zurücklegt. Wer heutzutage am meisten in neue Kabel investiert, sind nicht die Telekommunikationsunternehmen, sondern die privaten Netzbetreiber, vor allem Google, Meta, Microsoft und Amazon. Dies ist ein weiteres Beispiel für die Zentralisierung des Internets in wenigen Händen.

Was würde passieren, wenn es einen Angriff auf diese Kabel gäbe? Das ist keineswegs unwahrscheinlich. Wie mir Ángel Gómez de Ágreda, Oberst der spanischen Luftwaffe und ehemaliger Leiter der Zusammenarbeit im Gemeinsamen Kommando für Cyberverteidigung der spanischen Regierung, erklärte, gibt es U-Boote, die speziell dafür ausgelegt sind, diese Art von Verkabelung zu durchtrennen.[35] Wie sorgen die Unternehmen, denen die Kabel gehören, für ihre Sicherheit? Die Antwort von Gómez de Ágreda lautet: »Google ist sehr klar in Bezug auf die Aneignung der intimen Daten seiner Nutzer, aber Sicherheitsvorkehrungen sind nirgendwo festgelegt. Es gibt keine rechtliche Garantie dafür, dass dies Berücksichtigung findet. Diese Art von Verantwortung wird normalerweise dem Staat zugeschrieben, den das Unternehmen immer dann vorschiebt, wenn es in seinem Interesse ist, und an dessen Stelle es zu treten versucht, wenn es ihm gerade passt.«

Es kann zu einem physischen Angriff kommen, aber auch zu einem Ausfall der Infrastruktur oder zu Beschädigungen durch Naturereignisse. Im Januar 2022 wurde die kleine Inselgruppe Tonga durch den Ausbruch eines Unterwasservulkans vom Internet abgeschnitten.[36] Dadurch wurden die Rettungsmaßnahmen nach dieser Naturkatastrophe natürlich erheblich erschwert. Es gab sozusagen zwei Katastrophen zum Preis von einer. Es war nicht das erste Mal, dass dies dort geschah, denn bereits 2019 hatte ein Schiffsanker ein Unterseekabel durchtrennt, sodass das Land gezwungen war, sich per Satellit mit dem World Wide Web zu verbinden. Dieser Behelf war beim diesjährigen Vorfall aber nicht möglich, wahrscheinlich wegen der durch die Vulkanexplosion verursachten Schäden am Satelliten.

Im Jahr 2020 war auch der gesamte Jemen (30 Millionen Einwohner) durch ein abgetrenntes Unterseekabel von der Verbindung mit dem Internet abgeschnitten. In diesem Fall war es so, dass das Land zwar über andere Leitungen verfügte, diese aber nicht in der Lage waren, den gesamten Internetverkehr auf einmal zu bewältigen. Der Ausfall blockierte Banken und essenzielle Geschäftsabläufe im ganzen Land.[37] Und im Jahr 2012 zerstörte der Hurrikan »Sandy«, der die Ostküste der USA heimsuchte, mehrere wichtige Verbindungsstellen von Unterseekabeln zwischen Nordamerika und Europa.[38] Das gesamte Netz im Bereich des Atlantiks war mehrere Stunden lang isoliert.

Warum passiert das alles? Jährlich kommt es zu etwa 200 Störungen dieser Art, von denen die meisten durch von Menschen verursachte Zwischenfälle (Kabelbrüche durch Anker oder Fischer- und Schleppnetze) ausgelöst werden. Das Problem ist, dass es nicht genügend »Redundanz« (also »Ersatz-Systeme«) gibt, um sicherzustellen, dass ein örtlich begrenzter Schaden nicht mehrere Internetleitungen betrifft und ein ganzes Land oder einen großen Teil desselben vom World Wide Web abschneidet. Die Lösung besteht darin, mehrere Unterwasserverbindungen mit unterschiedlichen Routen einzurichten, was jedoch eine große finanzielle Investition erfordert. Länder wie Deutschland und Spanien sind auf Verbindungen zu anderen Ländern wie Frankreich angewiesen.

Extra-Bonus: Angriff auf die Mobiltelefone

Auf der Liste der Wege zu einem massiven Internet-Crash darf ein möglicher Angriff auf die Konnektivität unserer unverzichtbaren Smartphones nicht fehlen. Eine derartige Attacke ist keineswegs vernachlässigenswert, da die Mobiltelefone gerade dabei sind, den Computer als Hauptgerät für den Internetzugang zu ersetzen. Bereits im Jahr 2018 wurden 58 Prozent der weltweiten Webbesuche von Smartphones aus getätigt.[39]

Es ist leicht, die Kommunikation mit dem Handy zu stören, weil das Medium, in dem sie sich bewegt, die Luft, gemeinsam genutzt wird. Jeder kann mit einem einfachen Sender in die Frequenz der Mobiltelefone gelangen und so viel Störgeräusche und Interferenzen aussenden, dass das gesamte System, beispielsweise in einer Stadt, nicht mehr funktioniert. Schwieriger wäre es, auf diese Weise weitreichendere Ausfälle zu verursachen, denn dafür wären mehrere koordinierte Angriffe über einen längeren Zeitraum nötig. Im Falle einer derartigen Störung würden die Netzbetreiber dies jedoch schnell bemerken und in der Lage sein, das Problem zu beheben, bevor eine Panik unter der Bevölkerung ausbrechen könnte.

Von der Supernova zur Superintelligenz

Bisher haben wir uns eine Reihe praktizierbarer Methoden zur Abschaltung des Internets angesehen. Ich wollte zunächst einige sehr reale Möglichkeiten aufzeigen, wie das Internet abstürzen oder zu Fall gebracht werden kann. Jedoch möchte ich den Leserinnen und Lesern nicht das Vergnügen vorenthalten, noch andere, ausgefallenere Ideen kennenzulernen. Begeben wir uns ein wenig in das Reich der spekulativen Science-Fiction.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Vorhersagen über Internetausfälle. Eine der berühmtesten ist die von Robert Metcalfe, dem Erfinder des Ethernets (jener Netzwerktechnologie, die Computer über Kabel untereinander und mit dem Internet verbindet). Metcalfe hatte eine Kolumne mit dem Titel »From the Ether« (»Aus dem Äther«) in der Zeitschrift InfoWorld, deren Herausgeber er war. In der Ausgabe vom 4. Dezember 1995 behauptete er: »Das Internet wird sich bald zu einer spektakulären Supernova entwickeln, und 1996 wird es katastrophal zusammenbrechen.«[40] Er nannte außerdem eine Reihe von Faktoren, die seiner Meinung nach zum Zusammenbruch des Internets führen würden, darunter Sicherheitslücken, Kapazitätsüberlastungen und die Nachfrage nach Online-Videos.

Wie wir mittlerweile wissen, hat sich seine Vorhersage nicht bewahrheitet. Offenbar bereute Metcalfe, dass er damals überhaupt den Mund aufgemacht hatte, jedenfalls beschloss er jetzt, seine Worte gewissermaßen wieder »hinunterzuschlucken«. In einer Aktion, die er als seinen »größten Publicity-Stunt aller Zeiten« bezeichnete, riss er die Seite mit seiner InfoWorld-Kolumne aus einem Expemplar der Zeitschrift, zerfetzte sie in kleine Stücke und füllte diese zusammen mit Wasser in einen elektrischen Mixer. Dann goss er den verquirlten Inhalt in eine Tasse und trank ihn aus.

Einige Jahre vor Metcalfe, genauer gesagt 1991, hatte der Experte für Cybersicherheit Winn Schwartau in seiner Aussage vor dem US-Kongress bereits von einem bevorstehenden »elektronischen Pearl Harbor« gesprochen. Schwartau beschrieb einen »verheerenden« Angriff, der die ganze Bevölkerung in Mitleidenschaft ziehen würde, ein »lähmendes« Ereignis, das »massive Schäden« verursachen und die Ordnung und das Funktionieren unserer Gesellschaft erschüttern würde. Die Schreckensvision machte Eindruck, denn sie wurde im Kongress der Vereinigten Staaten von verschiedenen Rednern wieder aufgegriffen. Richard Clarke, damals Nationaler Koordinator der USA für Sicherheit, Infrastrukturschutz und Terrorismusabwehr, wies auf der Konferenz Safenet 2000 am 8. Dezember jenes Jahres ebenfalls auf diese Gefahr hin. Im Jahr 2011 warnte der damalige US-Verteidigungsminister Leon Panetta den Senat in Washington vor der »realen Möglichkeit« eines neuen Pearl Harbor in Form eines Cyberangriffs, der das Stromnetz, das Internet, die Telekommunikation, die Sicherheits- und Finanzsysteme und so weiter lahmlegen könnte. Im Jahr 2012 wiederholte er seine Prognose und erklärte, ein derartiger Vorfall könne genauso verheerend sein wie der Terroranschlag vom 11. September 2001. Er könne Panik, Sachschäden und sogar Tote zur Folge haben. Der Alltag würde zum Stillstand kommen und die ganze Nation erschüttert werden, was ein tiefgreifendes Gefühl der Verwundbarkeit erzeugen würde.

Daneben gibt es aber auch Szenarien, die nicht sonderlich plausibel wirken. Einige von ihnen sind nicht völlig auszuschließen, aber viele grenzen an Wahnvorstellungen. Von absichtlichen Abschaltungen des Internets war bereits die Rede, bei denen autokratische Regierungen den Zugang zu Online-Plattformen für den Austausch von Informationen und die freie Meinungsäußerung dauerhaft oder vorübergehend verhindern wollten. Ebenfalls auf Initiative von Regierungen, aber aus ganz anderen Gründen, könnte es zu einer Art präventiver Abschaltung kommen, wenn die Gefahr bestünde, dass die eigene nationale Infrastruktur in die Hand von einem Angreifer gelangen könnte, oder wenn ein über das Internet geführter Krieg bestimmte Länder zu diesem Schritt zwingen würde. Hypothetisch könnte es passieren, dass eine Gruppe weltweit operierender krimineller Hacker beschließen würde, das Internet »zum Wohle der Menschheit« zum Absturz zu bringen; oder dass ein Computervirus Nutzer auf der ganzen Welt dazu zwingen würde, die Verbindung zum Internet aufgrund der Infektionsgefahr zu unterbrechen; oder dass die engagierte Zivilgesellschaft, genervt von der Überwachung, der Manipulation und der Kontrolle des Internets in Verbindung mit der zunehmenden Ungleichheit und den zunehmend prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse, in einer Art modernem Sturm auf die Bastille gegen das World Wide Web rebellieren würde; oder dass eine Verkettung von unerwarteten und unerwünschten Auswirkungen bei der Nutzung intelligenter Systeme den Blackout verursachen würde; oder dass ein elektromagnetischer Impuls oder ein gewaltiger Sonnensturm wie jener vor 160 Jahren uns treffen und dabei unsere Stromnetze, die Satellitenkommunikation und das Internet zerstören könnte; oder, wie die Apostel der technologischen Einzigartigkeit vorhersagen, dass eine uns überlegene Superintelligenz beschließen würde, unser Internet zu vernichten, damit wir es nicht als Waffe gegen sie einsetzen können; oder dass diese Superintelligenz das World Wide Web mit den besten moralischen Absichten beseitigt, weil sie der Meinung ist, dass das Internet schlecht für uns sei und dass es ihre philanthropische Pflicht sei, uns davor zu schützen durch die Schaffung eines neuen Netzwerks ohne solch negative Eigenschaften.

Wie irreal die Vorstellung einer »Superintelligenz« auch wirken mag, so gibt es doch Menschen, die es sehr wohl für möglich halten, dass eine solche dem Internet ein Ende bereiten könnte, und dass der Regisseur James Cameron mit dem sogenannten Skynet aus seinem Film Terminator der Wirklichkeit gefährlich nahegekommen sein könnte, dass wir es also mit einer Technologie zu tun bekommen könnten, die ein Bewusstsein ihrer selbst erlangt und aus Angst vor ihrer Deaktivierung beschließt, die menschliche Zivilisation anzugreifen. Die apokalyptischen »Singularitäts-Verfechter« glauben, dass die künstliche Intelligenz (KI) früher oder später hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit die menschliche Intelligenz übertreffen wird. Mo Gawdat gehört zu diesem Club, und neben ihm bekannte Unternehmer wie Elon Musk (der Gründer von Tesla) oder Experten wie Nick Bostrom (ein renommierter Philosoph, der das Future of Humanity Institute, FHI, an der Universität Oxford leitet). Sogar ein Wissenschaftler wie Stuart Russell, der Hohepriester der künstlichen Intelligenz, ist mit seinem Kurzfilm Slaughterbots auf diesen Zug aufgesprungen.[41] Darin präsentiert er durchaus plausibel eine nicht allzu ferne Zukunft, in der Armeen autonomer Mikrodrohnen die Bevölkerung durch mörderische Angriffe auf Einzelpersonen oder bestimmte Gruppen terrorisieren. Alle diese Persönlichkeiten warnen in irgendeiner Form vor dem Risiko der Vernichtung der Menschheit durch autonome Maschinen, die über eine hochentwickelte technische Intelligenz verfügen. Sie behaupten, dass »alles, was wir in Science-Fiction-Filmen sehen, tatsächlich passieren wird«.[42]

Die Realität ist in der Tat oft verblüffender als die Fiktion, und wenn es wirklich zu einem Absturz des Internets kommen sollte, könnte dies schlimme Folgen haben. Das werden wir im folgenden Kapitel sehen.

2Nur vier Mahlzeiten vom Chaos entfernt

»Am dunkelsten ist die Nacht vor der Dämmerung.

Und ich verspreche Ihnen, die Dämmerung bricht an.«

The Dark Knight

Am 1. September 1859 wurde die Erde von einem gewaltigen, in dieser Form noch nie beobachteten Sonnensturm erschüttert, was seitdem als »Carrington-Ereignis« bekannt ist. Die gewaltige Sonneneruption traf den Planeten auf dem Höhepunkt einer weltweiten Telegraphie-Begeisterung. Sie legte den gesamten Telegraphendienst vorübergehend lahm, ohne jedoch größere Schäden zu verursachen. Heute, mehr als 160 Jahre danach, würde ein solcher Sonnensturm dagegen eine verheerende Wirkung haben. Das Magnetfeld der Sonne könnte paradoxerweise dafür sorgen, dass wir ohne elektrisches Licht dastehen, und natürlich auch das Internet zum Erliegen bringen. Mit anderen Worten: Ein derartiges Ereignis könnte alles zerstören, worauf die heutige Zivilisation beruht und wovon sie abhängt.

Die Eruption auf der Sonne im Jahr 1859 war ein bemerkenswertes Ereignis, aber doch nicht so außergewöhnlich, als dass sie sich nicht wiederholen könnte. Bis vor kurzem glaubte man noch, eine solche Eruption habe noch nie zuvor stattgefunden, aber dann fand man Belege für eine ebenfalls sehr starke Sonneneruption, die im Jahr 1770 in Ostasien beobachtet worden war.[43] Mittels staatlicher Dokumente und persönlicher Tagebücher damaliger Einwohner von Korea, China und Japan konnte das Geschehen rekonstruiert werden. Soweit bekannt ist, war es der längste geomagnetische Sturm in der Geschichte der Menschheit. Er dauerte mindestens neun Nächte, nicht nur zwei wie beim Carrington-Ereignis. Und das ist noch nicht alles. Noch nicht ausgewertete historische Dokumente könnten zur Entdeckung von noch länger währenden erdmagnetischen Vorkommnissen führen. In der Tat lassen die historischen Befunde darauf schließen, dass derartige Phänomene häufiger auftreten als bislang angenommen (alle paar Jahrzehnte). Sie könnten daher eine unmittelbare Bedrohung für unsere Zivilisation darstellen. Mit anderen Worten: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir Zeuge eines dieser Sonnenspektakel werden. Bislang stand Fortuna uns bei. Im Jahr 2012 durchquerte ein starker Sonnensturm die Erdumlaufbahn, glücklicherweise aber an einer anderen Stelle als der, an der sich die Erde zu diesem Zeitpunkt befand. Wäre es eine Woche früher passiert, wären wir getroffen worden. Die Folgen wären vergleichbar gewesen mit denen des Einschlags eines riesigen Asteroiden, was uns, technologisch gesprochen, zurück ins 18. Jahrhundert katapultiert hätte. Ein geomagnetisches »Feuerwerk« dieser Größenordnung führt zu einem raschen Leistungsabfall des Erdmagnetfelds, was heutzutage weitreichende technische Probleme verursachen würde, darunter den Ausfall der Stromnetze, die Unterbrechung der Kommunikation sowie Störungen der Satellitennavigation per GPS.

In einem Bericht des US-amerikanischen National Research Council (NRC) aus dem Jahr 2008 werden die wirtschaftlichen Auswirkungen eines dem Carrington-Ereignis vergleichbaren Vorfalls im 21. Jahrhundert auf bis zu zwei Billionen Dollar innerhalb des ersten Jahres geschätzt, mit Wiederherstellungszeiten von bis zu zehn Jahren.[44] Das heißt, mehr als die Hälfte des deutschen BIP.

Zum jetzigen Zeitpunkt wären angesichts der Auswirkungen des Coronavirus die wirtschaftlichen Schäden sogar noch größer und würden jedes BIP bei weitem übertreffen. Was Covid-19 betrifft, so schätzt man, dass das BIP in der Eurozone im Jahr 2020 um 6,8 Prozent und in der Europäischen Union um 6,4 Prozent zurückging.[45] In den Vereinigten Staaten schrumpfte die Wirtschaft im Jahr 2020 um durchschnittlich 3,5 Prozent, die größte Rezession seit der Demobilisierung nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1946.[46] All dies ist sehr viel weniger als der zu erwartende Rückgang des BIP um etwa 14 Prozent nach einem heftigen geomagnetischen Sonnensturm.[47]

Weniger extrem, aber mit nicht unerheblichen Folgen, waren andere erdmagnetische Stürme der jüngeren Vergangenheit. Einer davon war das sogenannte Halloween-Ereignis. Es war von Ende Oktober bis Anfang November 2003 zu beobachten. Laut den Messdaten war es deutlich schwächer als das Carrington-Ereignis, dennoch verursachte es Probleme in nordeuropäischen Stromtransformatoren. Es kam zu Stromausfällen und in der Folge zu erheblichen Beeinträchtigungen beim Flugverkehr sowie in anderen vom Weltraumwetter abhängigen Industrien. Aufsehen erregte auch das Sonnenereignis, das 1989 das Stromnetz in Québec zusammenbrechen ließ. Der vollständige Stromausfall dauerte mehr als neun Stunden. Mehr als sechs Millionen Menschen waren von ihm betroffen.

Die Experten räumen ein, dass sie kaum in der Lage sind, solche außergewöhnlichen Begebenheiten vorherzusagen. Bislang kann der Zeitpunkt einer Sonneneruption nur mit einer Genauigkeit von sechs bis zwölf Stunden vorhergesagt werden.[48] Wenn man bedenkt, dass die Plasmawolke auf der Erde innerhalb von etwa fünfzehn Stunden eintreffen könnte, ist die verbleibende Zeitspanne, Maßnahmen zu ergreifen, minimal.

Auch die möglichen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Versagens wichtiger technischer Systeme, das durch solch einen Vorfall ausgelöst würde, sind bisher nur unzureichend dokumentiert und analysiert worden.

Die 48-Stunden-Gnadenfrist

Bleiben wir noch bei den Folgen eines möglichen Sonnensturms. Betrachten wir vor allem den Aspekt des Stromausfalls einmal genauer. Wie schlimm können die Auswirkungen sein? Sehr schlimm! Und dies auch, wenn die Schäden zunächst noch begrenzt wären, denn es würde in jedem Fall zu einem Dominoeffekt kommen. Es beginnt als Ärgernis und wird zum Chaos, wenn Panik ausbricht.[49] Die Menschen beginnen dann, untereinander um Lebensmittel, um Medikamente und um Benzin zu kämpfen. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, Plünderungen, bewaffneten Auseinandersetzungen und Morden unter den Betroffenen, weil das Überleben auf dem Spiel steht. Wäre der Vorfall örtlich begrenzt, könnten sofort Mittel zur Verfügung gestellt werden, um Ressourcen aus anderen Teilen des Landes heranzuziehen. Wirklich schwierig wäre es, wenn es auf nationaler Ebene passieren würde oder wenn die Auswirkungen in ganz Europa spürbar wären, da heutzutage alle Systeme miteinander verbunden sind.

Als Beispiel sei der Stromausfall in Europa von 2006 genannt. Auslöser dafür war die absichtliche Unterbrechung einer Hochspannungsleitung in Norddeutschland, um ein Schiff darunter durchfahren zu lassen. Dies führte zu überlasteten Leitungen, wodurch das Stromnetz in bestimmten Zonen zusammenbrach. Am Ende waren Millionen Menschen in Deutschland und Frankreich sowie Hunderttausende in Belgien, den Niederlanden, Italien und Spanien vom Netz getrennt und hatten keinen Strom mehr.

Was geschieht bei einem derartigen Vorfall? Wie Fernando Sánchez, Direktor des spanischen Nationalen Zentrums für Infrastrukturschutz und Cybersicherheit (CNPIC), erklärt, ist bei einem Vorfall dieser Art die Koordinierung auf nationaler und internationaler Ebene von entscheidender Bedeutung. Aber es sind die Betreiber, die die Krise bewältigen müssen. Je länger ein Dienst ausfällt, desto länger dauert es, ihn wieder in Betrieb zu nehmen. Mit anderen Worten: Je länger die Unterbrechung, desto größer die Folgen. Wenn ein System ausfällt, ist es nicht einfach, es wiederherzustellen. Wenn ein elektrischer Transformator durchgebrannt ist, kann es Monate dauern, bis ein neuer geliefert wird, aus einem Werk, das sich möglicherweise in einem anderen Land befindet. Wenn ein Kernkraftwerk abgeschaltet wird, dauert es mehrere Tage, bis es wieder Strom produziert. Für den Neustart legt man nicht nur einfach einen Schalter um, sondern man hat es mit zeitaufwendigen Prozeduren zu tun.

Von da an wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt. Denn wenn der Strom ausgeht, geht der Brennstoff aus, und ohne Brennstoff kann man kein Kraftwerk betreiben. Das Thema ist komplex, weil unser Organisationssystem komplex ist. Wie in einem Präzisionsuhrwerk hat jeder Teil unserer Gesellschaft eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen. Wenn einer dieser Teile ausfällt, haben wir ein ernsthaftes Problem. Wenn der Strom ausfällt, führt dies im Metabolismus der Gesellschaft zu einem Multiorganversagen.

Man geht davon aus, dass bei einem Übergang von einem Zustand der Normalität zu einem Zustand der Krise nach einer Frist von 48 Stunden das Chaos ausbricht. In England pflegt man zu sagen: »Wir sind nur vier Mahlzeiten von der Anarchie entfernt.« Nicht mehr als vier fehlende Mahlzeiten braucht es, bis das Chaos ausbricht. Wir können durchaus auf bestimmte Annehmlichkeiten verzichten, aber sobald wir keinen Zugang zu Nahrungsmitteln, Medikamenten oder Wasser mehr haben, geht es nur noch darum, um jeden Preis am Leben zu bleiben.

Die Plünderungen nehmen zu, je länger der Stromausfall andauert und je verzweifelter die Menschen werden, weil ihnen die grundlegenden Güter fehlen. Immer häufiger kommt es zu Diebstählen, wobei die Kriminellen den Ausfall der Beleuchtung und Alarmanlagen sowie die Überlastung der Polizeikräfte ausnutzen.

Der fehlende Zugang zu elementaren Versorgungseinrichtungen verschlechtert das soziale und physische Wohlbefinden. Zu den Problemen des kontaminierten Wassers und der eingeschränkten Lebensmittelversorgung kommen Schwierigkeiten bei der Verwendung von Geräten für die häusliche Krankenpflege, zunehmende Lärmbelästigung, Umweltverschmutzung und andere Faktoren hinzu, die die Zahl der Todesfälle erhöhen.