Evermore - Anna Heart - E-Book

Evermore E-Book

Anna Heart

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Beschreibung

Willkommen auf der Akademie der Schattenjäger in London! Hier lernen Schüler, wie man Dämonen bekämpft. Einen Pakt mit einem Dämon eingehen ist strengstens untersagt. Und erst recht, sich in einen zu verlieben. Remedy und ihre Freunde haben die Aufnahme an die Akademie geschafft. Doch eine Gefahr droht London, auf die sie nicht vorbereitet sind. Um London zu retten, müssen sie in die Unterwelt reisen, doch das erweist sich als schwieriger als angenommen. Wird ihnen ausgerechnet ein Dämon helfen? Lest jetzt Band zwei der beliebten Fantasy Serie Akademie der Schattenjäger!

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Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2025

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EverMore

Die Akademie der Schattenjäger

Band 2

Anna Heart

Titel: Evermore – Die Akademie der Schattenjäger Band 2

Autorin: Anna Heart

Cover: Ria Raven

Deutsche Erstveröffentlichung: Berlin 2023

© 2023 Von Morgen Verlag

Alle Rechte vorbehalten.

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Nachwort der Autorin

Prolog

Nathan fiel.

Er streckte die Arme aus, aber da war nichts, das er greifen konnte. Nur die Schwärze, die ihn umhüllte.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich etwas in der Dunkelheit regte. Krallen, Klauen, ein Auge, das in der Finsternis aufblitzte.

Die Dämonen.

Fast freute er sich, auf dem Weg nach Hause zu sein.

Kapitel 1

Ich starrte in die Dunkelheit, in der Nathan verschwunden war. Tausend Gedanken rasten mir durch den Kopf. Ich wollte ihn retten, wollte fliehen, wollte kämpfen, alles zugleich.

Jemand riss mich auf die Füße. Jakub. „Remy, wir müssen hier weg!“

„Warum dürfen dich alle Remy nennen, nur weil sie gut aussehen?“, hörte ich Neil, doch seine Stimme zitterte.

„Keine Zeit“, keuchte Summer. „Die Dämonen kommen.“ Sie deutete auf die entfernte Seite des Kraters, wo sich bereits Krallen in die Kante des Bodens schlugen.

Chris‘ Gesicht war bleich, die Augen weit geöffnet. Er stolperte rückwärts, dann drehte er sich um und rannte.

Wir folgten ihm. Immer wieder warf ich einen Blick über die Schulter zurück, unfähig, mich von dem abzuwenden, was dort geschah. Auch auf unserer Seite hatten die Dämonen inzwischen den Rand erreicht. Einer nach dem anderen zog sich über die Grenze. Krallen wurden zu Händen, Schuppen zu Haaren, Tatzen zu Füßen, als sie sich innerhalb von Sekunden in menschliche Gestalten verwandelten.

Von irgendwoher hörte ich Schreie und Sirenen. Ich blieb nicht stehen, um zu sehen, was passierte.

Die Dämonen nahmen die Verfolgung auf. Sie mussten gespürt haben, dass wir Magie in unserem Blut hatten, denn ich hörte geknurrte Laute, die klangen wie „Schattenjäger“. Dann wurden sie deutlicher und deutlicher, bis es als ein Chor hinter uns ertönte: „Schattenjäger! Schattenjäger!“

„Wir müssen kämpfen!“, rief ich den anderen zu.

„Nein. Nein, oh nein, oh nein.“ Neil machte keine Anstalten, stehen zu bleiben, während Summer, Jakub und Chris stoppten. Das Entsetzen auf ihren Gesichtern war deutlich im Licht der aufgehenden Sonne zu erkennen.

Meine Hände fühlten sich kalt und feucht an, aber ich hob sie und wandte mich den heranstürmenden Dämonen zu. Alles in mir zitterte vor Angst, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich musste das Tor der Magie in mir öffnen, musste sie durch mich hindurchströmen lassen, das wusste ich. Aber ich schaffte es nicht, sie zu greifen.

Neben mir standen Summer und Jakub, ebenfalls die Hände erhoben. Ich sah bereits das orangene Glühen der Magie zwischen ihren Fingern.

Dann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich zuckte zurück, doch im nächsten Moment sah ich Chris neben mir stehen.

„Ich kann nichts gegen sie ausrichten“, sagte er grimmig. „Aber du. Nutz meine Magie. Tu es!“

Dankbar nickte ich. Ein Gefühl von Wärme, ausgehend von Chris‘ Hand, durchströmte mich. Ich öffnete die Tore, die die Magie in mir versperrten, und hatte nur noch ein Bild im Kopf: eine Feuersäule, die nach vorne schoss.

Inzwischen hatten die Dämonen uns beinahe erreicht. Sie wirkten so sehr wie Menschen, dass ich kurz innehielt. Doch dann nahm ich ein bläuliches Glänzen wahr, das sie umgab. Bei Nathan und auch bei dem anderen Dämon hatte ich es nicht gesehen. Ich konzentrierte mich ganz auf dieses Schimmern, das mir verriet, dass sie keine Menschen waren.

Neben mir hatte Summer den gleichen Gedanken gehabt wie ich. Eine Feuersäule schoss auf die herannahenden Dämonen zu. Blaues Licht strahlte auf, als sie auf einen Schutzschild traf. Kurz pressten die Flammen gegen den Schild, versuchten, sich hindurchzubohren. Ich spürte die Hitze auf meinem Gesicht, roch die versengten Haare auf meinen Armen. Mit zusammengebissenen Zähnen murmelte ich Worte, die Summer antreiben sollten. Sie erloschen ungehört in dem Chaos aus Rufen und Schreien und Sirenen.

Dann flackerte der Schutzschild ein letztes Mal auf – und zerbrach. Auch die Feuersäule verschwand im Nichts.

Bunte Flecken tanzten vor meinen Augen. Ich konnte kaum mehr Schemen in der plötzlichen Dunkelheit ausmachen.

„Jetzt!“, brüllte Summer, und ich verstand.

Keine Sekunde später ließ ich meine Feuersäule auf die Dämonen zurasen, und Jakub tat es mir gleich. Dieses Mal stoppte kein Schutzschild sie, und sie fraß sich durch die Menge der herannahenden Dämonen wie ein Monster aus Feuer. Diejenigen, die zur Seite sprangen, um meinem Zauber auszuweichen, wurden von Jakubs zweiten, stärkeren Säule getroffen. Bald war es weniger ein Strom als eine breite Decke aus Feuer, die jeden verbrannte, der in ihrem Weg stand.

Doch wo auch immer wir eine Schneise in die Menge der heranströmenden Dämonen schlugen, kamen weitere nach. Sie bewegten sich jetzt vorsichtiger, als hätte unser Angriff ihnen zumindest Respekt eingeflößt. Aber es reichte nicht, um sie aufzuhalten.

„Rennt!“, brüllte ich den anderen zu, und sie stürmten los. Zu meiner Überraschung sah ich aus den Augenwinkeln auch Neil. Er musste irgendwann zurückgekehrt sein.

„Wohin?“, rief mir Chris zu.

In diesem Moment bemerkte ich die Schattenjäger. Wir rannten auf die Straße zu, die ehemals zur Westminster Abbey geführt hatte, und Menschen kamen uns entgegen. Zuerst fragte ich mich, was sie taten. Doch dann sah ich die Mischung aus bunten Gewändern und verstand.

Jakub bestätigte meine Vermutung. „Ich habe meinem Team Bescheid gesagt!“ Dabei hielt er sein Handy in die Luft. „Sie haben die anderen auf dem Fest alarmiert.“

Zuerst strömten die Schattenjäger nur vereinzelt auf uns zu, dann wurden es mehr und mehr.

Aber sie waren nicht allein. Feuerwehr und Polizei hatten einen Ring um das Loch gebildet, bemüht, die Schattenjäger zurückzuhalten.

Wir brachen durch die Kette an Polizisten hindurch, die nicht damit gerechnet hatten, von hinten angegriffen zu werden. Noch weniger rechneten sie mit Dämonen.

Einer, der eine Uniform mit mehreren Abzeichen trug, brüllte den anderen zu: „Lasst die Menschen durch!“

Er deutete auf die Dämonen, die uns folgten.

„Das sind keine Menschen!“, brüllte ich entgegen jeder Vernunft. Mein Herz schlug schneller, als mir klar wurde, was ich gerade getan hatte. Regel eins der Schattenjäger.

Verwirrt sahen mich die Polizisten an.

In diesem Augenblick brach hinter uns die Hölle los. Ranken schossen aus dem Boden und streckten sich wie Arme nach uns aus. Feuer loderte in der Luft, angetrieben durch einen unwirklichen Wind. Und zwischen all dem eine Dunkelheit, die sich ausbreitete. Sie brachte den gleichen Geruch mit sich, den ich schon aus dem Krater hatte riechen können, eine Mischung aus Verbranntem und dem Duft nach frisch gemähtem Gras.

„Was zum …“, begann der Polizist, aber ich zerrte ihn zur Seite. „Aus dem Weg! Lassen Sie die durch.“ Ich zeigte auf die Schattenjäger, die sich gegen die Polizisten stemmten. „Nur sie können diese Monster aufhalten!“

Zu meiner Überraschung machte der Mann einen Schritt zur Seite und ließ einen der Schattenjäger passieren. Er hielt einen Speer in der Hand, den er nun in die Menge der Dämonen warf. Dort, wo er die Körper berührte, zerfielen sie zu Asche.

Ein magischer Speer. Ich erinnerte mich dunkel daran, ihn in der Waffenkammer der Akademie gesehen zu haben.

Auch brennende Pfeile regneten nun auf die Dämonen herab, die versuchten, sich mit Wasserzaubern zu schützen. Dampf stieg auf und wirkte wie Rauch, der aus den Mündern der Dämonen zu kommen schien.

Einer von ihnen packte den Polizisten, der neben mir stand. Dieser verstand nicht, was mit ihm passierte. Im nächsten Augenblick wurde sein Mund aufgezwungen, und der Dämon saugte die glühende Lebensenergie des Mannes in sich auf.

Ich stolperte rückwärts. Jemand griff meine Hand. Ich sah Jakub neben mir stehen, der mich nun grimmig hinter die Reihen der Schattenjäger zerrte.

Doch ich konnte mich nicht von dem Kampf abwenden.

Überall leuchtete Magie auf, als sich die Schattenjäger gegen die Dämonen warfen. Explosionen hallten durch die Luft, und hier und da ertönte ein Schmerzensschrei, den ich keiner Seite zuordnen konnte.

„Chris!“

Ich fuhr herum, als ich jemanden den Namen rufen hörte.

Reginald schob sich durch die Menge. Er packte seinen Sohn an den Schultern und zog ihn in seine Arme. „Es geht dir gut!“, keuchte er, und die Sorge in seinem Gesicht ging tiefer, als ich es je bei jemandem gesehen hatte.

Wir versammelten uns um Chris. Jakub hielt noch immer meine Hand, aber ließ sie los, als er die drei Mitglieder seines Teams auf sich zu rennen sah.

„Was ist passiert?“, wollte die junge Frau mit dem langen Zopf wissen.

„Ein Zauber hat einen Durchgang zur Unterwelt geöffnet“, erklärte Jakub knapp. „London wird von Dämonen überrannt.“

Sie nickte nur, als hätte sie so etwas bereits erwartet.

Jakub drehte sich zu mir um. „Ich muss weg. In den Kampf. Geht ihr zurück zur Akademie, oder noch besser, zum Ort des Festes. Dort können sich andere Schattenjäger um eure Verletzungen kümmern.“

Ich sah ihn verwirrt an. Durch die Aufregung hatte ich den pochenden Schmerz in meinem Arm nicht bemerkt, doch als ich nach unten sah, klaffte dort eine lange Wunde. Blut tränkte meinen Ärmel rot.

„Ich werde nicht …“, begann ich, doch dann spürte ich Chris‘ Hand auf meinem Rücken.

„Sei bitte vernünftig, Remedy, nur dieses eine Mal.“ Er sah mich flehend an.

Mein Blick ging zu Summer, die grimmig nickte. Ihr Atem ging schnell, und ich sah wieder Blut aus ihrer Nase tropfen. Sie schien nur noch von Neil aufrecht gehalten zu werden, der einen Arm um sie gelegt hatte. Auch er schien nur zu gewillt, sich Jakubs Rat anzuschließen.

Jakub drückte meine Hand. „Bis später.“

Es klang wie ein Versprechen.

Kapitel 2

Wie wir zurück zur Akademie gekommen waren, konnte ich im Nachhinein nicht sagen. Alles verschwamm hinter einem Schleier. Bevor ich wusste, was passierte, stand ich auf der Windrose in der Bibliothek und spürte das Zerren, das mich in jede Richtung gleichzeitig zu reißen schien. Dann fiel ich, aber ich nahm es kaum wahr. Keine Sekunde später spürte ich festen Boden unter den Füßen und fand mich in der Nähe der Lichtung wieder, auf der das Sommersonnenwendefest gefeiert wurde.

Die Stille übermannte mich. Auch die anderen spürten es, als sie neben mir auftauchten. Wo vor wenigen Stunden noch lautes Lachen, ausgelassene Gespräche und eine feine Melodie im Hintergrund geherrscht hatten, war nun kein Laut mehr zu hören. Hin und wieder schien es, als würde der Wind ein Wispern zu uns hinübertragen, aber es war zu leise, um es menschlichen Stimmen zuzuordnen.

Langsam, fast vorsichtig traten wir auf die Lichtung.

Die Bühne stand verlassen in der Mitte, und es wirkte, als hätte ein rascher Verfall von ihr Besitz ergriffen. Hier und da sah ich Menschen in kleinen Gruppen zusammenstehen, meist ältere Frauen und Männer, die Gesichter besorgt. Irgendwo in der Menge entdeckte ich auch Mrs. Long. Sie hatte die Hände vor der Brust gefaltet und sah besorgt in unsere Richtung. Mr. Bandru war nicht an ihrer Seite, vermutlich hatte er sich mit den anderen Schattenjägern in den Kampf gestürzt.

Es war Summers Stimme, die mich aus meiner Trance riss. „Wir brauchen einen Heiler!“, verkündete sie laut.

Alle Köpfe flogen zu uns herum, und erst jetzt wurde mir bewusst, wie wir aussehen mussten: Unsere Kleider waren vom Kampf zerrissen und schmutzig, Blut klebte an unseren Ärmeln und in unseren Gesichtern, wo uns die Klauen der Dämonen getroffen hatten.

Mrs. Long eilte auf uns zu. „Was ist passiert?“, fragte sie. „Ihr seid Erstklässler. Wie seid ihr in den Kampf hineingeraten?“

„Wir waren dort, als es alles passiert ist“, brachte ich heraus. Es fühlte sich immer noch merkwürdig an, über die Geschehnisse in der Vergangenheit zu sprechen, so lebendig sah ich die Bilder vor meinem inneren Auge. Das Loch, das sich auftat. Nathan, der von Jakub hineingestoßen wurde. Und die Dämonen, die unerbittlich auf uns zukamen, deren „Schattenjäger! Schattenjäger!“-Rufe noch immer in meinen Ohren nachhallte.

Mrs. Long führte uns zu einer Bank, auf die wir uns bereitwillig niederließen. Uns allen stand der Schock noch ins Gesicht geschrieben.

„Ich glaube, ich muss mich übergeben“, meinte Neil, aber tat es dann glücklicher Weise nicht.

Mrs. Long atmete tief durch, dann ließ sie ein orangenes Licht zwischen ihren Fingern erstrahlen. Damit wandte sie sich Neil zu. Er hatte eine Wunde am Kopf. Es sah so aus, als hätte eine riesige Kralle seine Haut aufgeschlitzt, und vermutlich war auch genau das passiert. Er zuckte zusammen, als Mrs. Long die Hand darauf legte. „Eine kleine Narbe wird zurückbleiben“, warnte sie ihn, und er verzog das Gesicht.

„Mein wunderschönes Antlitz!“

Ich konnte nicht anders, als in Lachen auszubrechen. Es waren verzweifelte, kleine Stöße, aber es tat gut, so gut, ein wenig von dem Druck loszuwerden.

Summer sah mich nur stumm an, während Chris in die Ferne starrte.

Dann kam Summer an die Reihe. Sie hatte sich bei ihrem Feuerzauber einige Verbrennungen zugezogen, die schnell geheilt waren. Misstrauisch beäugte sie die Haut, die sich unter den heilenden Händen von Mrs. Long schloss.

Dann wurde ich geheilt. Die Wunde an meinem Arm verschwand, zurück blieb ein feiner, erst roter Strich, der dann zu einer weißen Linie wurde. Nur noch das Blut an dem zerrissenen Ärmel meiner Bluse zeugte von der Verletzung.

Chris hatte es schwerer erwischt, vermutlich, weil er sich ohne Waffen und Magie auf die Dämonen gestürzt hatte. Auch seine Wunden heilte Mrs. Long, trotzdem ächzte er vor Schmerzen, als er sich erhob.

Mrs. Long trat zurück, doch sie schwankte. Schnell stürzten Chris und Neil vor und fingen sie auf, bevor sie hinfallen konnte. Ich stand auf, um ihr auf der Bank Platz zu machen. Sie sah bleich aus, ein feiner Schweißfilm überzog ihre Stirn.

„Gut“, murmelte sie. „Alles gut.“

Aber ihr war deutlich anzusehen, dass sie sich für die Heilzauber verausgabt hatte.

Ich drückte ihre Hand. Sie war eiskalt. „Danke“, murmelte ich. Dann sah ich Summer, Neil und Chris an. „Was machen wir jetzt? Braucht sie Hilfe?“

Als hätte er uns gehört, trat Rektor Brook in diesem Augenblick durch die Bäume, die die Lichtung umsäumten, schwer auf seinen Stock gestützt. Ihm folgten Reginald, der sofort auf Chris zulief und seinen Sohn in die Arme schloss, und Neils Eltern. Die beiden machten allerdings keine Anstalten, ebenfalls auf Neil zuzustürzen, sondern musterten ihn nur von oben bis unten, wie um sicherzugehen, dass er noch all seine Gliedmaßen hatte. Als sie sich davon überzeugt hatten, nickten sie uns zu.

„Mir geht es gut, wirklich“, bekräftigte Mrs. Long und räusperte sich. Sie schaffte es aber nicht ganz, sich aufzusetzen, und lehnte sich erschöpft auf der Bank zurück.

Ich schloss beide Hände um ihre Hand. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Rektor Brook musterte sie mit besorgter Miene, doch er sagte nichts. Das gab mir immerhin Hoffnung, dass sie sich erholen würde und keine Hilfe brauchte.

„Der Durchgang zwischen den Welten konnte nicht geschlossen werden“, informierte uns Rektor Brook knapp. „Aber ein temporärer Zauber verhindert zumindest, dass die Dämonen ungehindert ihr Unwesen treiben können.“

„Was wird jetzt aus uns?“, fragte ich.

Er sah mich ernst an. „Bevor ich die Frage beantworten kann, möchte ich wissen, warum ihr überhaupt dort wart.“

Mein Magen sank. Wenn wir die Wahrheit sagten …

„Wir haben lediglich einen Spaziergang gemacht“, meinte Neil mit einer überzeugenden Leichtigkeit. „Remedy ist noch neu in London, deswegen wollten wir ihr die Wahrzeichen unserer Stadt zeigen. Und danach ein bisschen feiern gehen.“ Er grinste gewinnend.

Der Rektor wirkte nicht vollständig überzeugt. Wenn Neils Eltern wussten, dass ihr Sohn log, ließen sie es sich zumindest nicht anmerken.

Jetzt mischte sich auch Reginald ein. „Mein Sohn würde niemals etwas tun, das gegen die Regeln der Schattenjäger geht.“ Die Überzeugung in seiner Stimme wärmte etwas in mir.

Das schien Rektor Brook immerhin etwas milder zu stimmen. Er sah uns der Reihe nach an. „Nun gut. Es ist, wie es ist. Eins steht fest: Es ist nicht mehr sicher in London. Ihr werdet evakuiert.“ Mit einem Nicken deutete er auf Neils Eltern. „Mr. und Mrs. Wright waren so freundlich, ihr Landhaus in Nordengland zur Verfügung zu stellen. Sie selbst werden in London bleiben, um uns bei der Bekämpfung der entflohenen Dämonen zu helfen.“

Ich atmete erleichtert aus. Kein Wort, das uns unwiderruflich von der Akademie verbannte für das, was wir getan hatten.

„Nicht das Landhaus!“, stöhnte Neil neben mir auf. „Es hat hunderte von Zimmern, aber keinen einzigen Fernseher oder Computer.“

„Genau der richtige Ort, um euch in Sicherheit zu wissen“, antwortete sein Vater ohne eine Spur von Humor. „Die Dämonen haben euch gesehen, und sie sind auf der Suche nach Schattenjägern, weil unsere Magie ein Festmahl für sie ist. Besser, ihr vermeidet London erst einmal.“

„Und was ist mit unserer Ausbildung?“ Summer hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah den Rektor herausfordernd an. „Ich habe nicht …“

Er schnitt ihr das Wort ab. „Eure Ausbildung sowie die Ausbildung der anderen Anwärter wird für den Moment unterbrochen. Wir haben größere Probleme, um die wir uns zuerst kümmern müssen.“ Er biss die Zähne zusammen. „Durch den Bruch zwischen den Welten sind jegliche Bemühungen, im Verborgenen zu wirken, zunichte gemacht worden. Wir kämpfen nun Seite an Seite mit den Behörden gegen die Gefahr. Um euch und die anderen Anwärter kümmern wir uns später.“

Damit schien für ihn alles gesagt zu sein. Summer und ich wechselten einen Blick, in dem wir unsere Unzufriedenheit deutlich machten.

„Aber …“, begann sie, doch Rektor Brook sah sie streng an.

„Ich weiß, was du aufs Spiel gesetzt hast, damit du die Ausbildung überhaupt antreten kannst. Ich weiß besser als jeder andere um deinen Gesundheitszustand, schließlich habe ich dich nach jeder Magiestunde geheilt, so gut es mir möglich war.“

Deswegen war Summer in der Mittagspause also immer verschwunden. Ich schaute zwischen ihr und dem Rektor hin und her, aber keiner von beiden machte Anstalten, die Situation weiter zu erklären.

„Wir werden keine Ausnahme für euch machen“, sagte Rektor Brook mit Nachdruck.

„Das ist unser letztes Wort“, sagte Mrs. Long leise. Ächzend erhob sie sich. Der Rektor stütze sie, und langsam machte sie sich auf den Weg zur Windrose.

Niemand traute sich mehr zu widersprechen.

„Das klingt fast so, als würden sie uns dafür verantwortlich machen, dass das alles passiert ist“, murmelte Summer, während wir darauf warteten, dass der Rektor, Mrs. Long und Neils Eltern durch die Windrose verschwanden.

„Nun, Everglow ist ja tatsächlich der Name für…“, begann Neil, doch stoppte sich dann, als er sich an Reginald an unserer Seite erinnerte. Der Mann legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. „Das Wichtigste ist doch, dass euch nichts passiert ist.“ Dann fügte er mit einem Seitenblick auf das Blut an unserer Kleidung hinzu: „Oder zumindest nichts Schlimmes.“ Er drückte seinen Sohn noch einmal fest an sich, dann schüttelte er jedem von uns die Hand. „Passt gut auf euch auf. Ich muss jetzt zurück, um den Schattenjägern in London zu helfen.“

Chris starrte unglücklich auf die Windrose, als sein Vater vor unseren Augen verschwand.

„Es wird alles in Ordnung kommen“, versuchte ich, ihn zu beruhigen, aber die Sorge in seinem Ausdruck berührte auch mich.

„Mist!“, fluchte Summer neben mir. „Verdammter Mist! Nach allem, was ich getan habe, um endlich an der Akademie lernen zu können, jetzt das.“

Es schien mir der richtige Moment zu sein, es anzusprechen. „Was ist überhaupt mit dir los? Warum geht es dir so schlecht?“

Sie warf mir einen vernichtenden Blick zu, der die Neugier in mir erstickte. „Das erzähle ich euch später. Wenn wir in diesem Landhaus sind. Und glaubt ja nicht, dass wir dort aufhören werden zu trainieren.“

Ich stimmte Summer zu. „Wir müssen stärker werden. Wer weiß, wie sich alles entwickelt.“

Trotzdem konnte ich nicht vermeiden, im Stillen an Nathan zu denken. Ich hatte vergeblich versucht, ihn in der Flut der Dämonen zu erspähen, immer in der Hoffnung, dass er seinen Weg aus dem Bruch zwischen den Welten wieder in unsere zurückgefunden hatte.

Der Everglow. Ich dachte an das magische Glühen, das Westminster Abbey umgeben hatte, bevor alles zerstört worden war, und fand den Namen passend. Auch wenn es mir ein ungutes Gefühl gab, dass er dem Namen unseres Teams entsprach.

„Wie kommen wir zu diesem Landhaus?“, wollte ich von Neil wissen, auch bemüht, den Gedanken an Nathan zu verdrängen.

„Mit dem Zug, befürchte ich.“ Er sah düster aus. „Das haben sich doch meine Eltern ausgedacht. Klar, es ist sicher, aber kein Fernseher? Kein Computer?“ Er fluchte.

„Tja, dann wirst du dich wohl mit uns beschäftigen müssen. Es tut dir auch gut, mal ein Buch in die Hand zu nehmen“, gab Summer trocken zurück.

Ich nickte mit einem Grinsen. „Also los!“

Wir reisten durch die Windrose zurück in die Akademie und nach London. Es fühlte sich merkwürdig an, unsere Wohnung zu betreten, wo der Fernseher noch immer zerstört auf dem Boden lag. Ich packte meine beiden Koffer mit all meinen Habseligkeiten, aber entschied mich dann dagegen, mehr Kleidung als für eine Woche mitzunehmen. Stattdessen stopfte ich die Bücher, die wir im Unterricht erhalten hatten, hinein. Summer hatte recht, wir mussten unsere Ausbildung nun eben auf eigene Faust weiterführen.

Wir schwiegen auf dem Weg zum Bahnhof, und schwiegen, als wir im Zug saßen. Es war vollkommen überfüllt, und wir schienen nicht die einzigen zu sein, die London verlassen wollten. Familien mit schweren Koffern blockierten die Abteile, überall saßen Kinder und unzufriedene Eltern auf dem Boden. Irgendwo weinte ein Kleinkind.

Unterhaltungen wurden nur geflüstert geführt, als könnte jede laute Erwähnung dessen, was passiert war, die Dämonen rufen.

Noch immer konnten die Leute es nicht fassen, dass es Dämonen gab. Die meisten starrten angestrengt auf ihre Handys und verkündeten Neuigkeiten, wann immer es ein Update gab.

„Der Premierminister hat sich mit dem Londoner Anführer der Schattenjäger getroffen“, meinte ein älterer Mann, der seine Frau im Arm hielt. Er zeigte ihr das Bild, und ich reckte meinen Hals, um es ebenfalls sehen zu können.

Es stimmte, Rektor Brook hatte sich mit dem Premierminister getroffen. Er schaute grimmig in die Kamera, die Hände auf seinen Stock gestützt.

Ein merkwürdiges Kribbeln ging durch meinen Bauch, und ich war kurz versucht, etwas zu sagen, dass uns als Schattenjäger zu erkennen gab. Doch dann meinte die Frau: „Also, ich weiß ja nicht, was ich von diesen Schattenjägern halten soll. Es ist, als hätten sie nur auf diese Gelegenheit gewartet. Ich meine, es ist doch komisch, erst weiß man überhaupt nichts über sie, und dann passiert eine Katastrophe und plötzlich stehen sie auf dem Plan? Da steckt doch etwas dahinter.“

Ich verdrehte die Augen, als der Mann seiner Frau zustimmte.

Chris warf mir einen warnenden Blick zu und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich konnte man mir ansehen, dass mir einige scharfe Worte auf der Zunge brannten.

Wir mussten mehrfach umsteigen und zum Schluss in einem alten Bus über holperige Landstraßen fahren, bis wir unser Ziel erreichten. Die Sonne schien und es war ein angenehmer Tag. Langsam beruhigten sich meine Sinne und die Müdigkeit drang durch. Wir alle sahen abgekämpft aus, die Gesichter grau vom Schlafmangel. Keiner von uns hatte daran gedacht zu duschen, als wir kurz in unserer Wohnung gewesen waren. Meine Kleidung hatte ich in den Müll geworfen, zu zerrissen, zu blutbefleckt war der Stoff gewesen.

Schließlich erreichten wir eine Einfahrt, versperrt durch ein riesiges schmiedeeisernes Tor. Hecken verhinderten, dass ich einen Blick auf das Anwesen werfen konnte. Durch die Gitterstäbe konnte ich nur einen Kiesweg sehen, der sich durch akkurat geschnittene Wiesen zog, unterbrochen von Obstbäumen, an denen noch grüne Äpfel und rot leuchtende Kirschen hingen.

„Willkommen auf dem Landsitz der Familie Wright“, meinte Neil, während er einen großen, eisernen Schlüssel aus der Hosentasche zog. Etwas Grimmiges lag in seinem Blick, und ich ahnte bereits, dass es nicht nur mit dem Mangel an Fernsehern und Computern zu tun hatte. Als ob er meine Gedanken gelesen hatte, fügte er hinzu: „Hierhin haben mich meine Eltern immer abgeschoben, wenn sie keine Lust hatten, sich um mich zu kümmern.“

„Armer reicher Junge“, meinte Summer, doch hinter ihrem Tiefschlag steckte keine echte Häme.

Wir mussten unsere Koffer tragen, da sie sich über den Kiesweg nicht ziehen ließen. Die einzigen Geräusche waren Vogelzwitschern und der Wind, der durch die Bäume strich. Der warme Geruch von frisch gemähtem Gras hing in der Luft, und kurz schloss ich die Augen und erlaubte mir, von Erholung und Frieden zu träumen.

Nach und nach wurde das Herrenhaus sichtbar. Ich konnte nicht anders als zu staunen.

„Hier bist du aufgewachsen?“ Ich sah Neil mit großen Augen an.

Er zuckte nur mit der Schulter. „Natürlich. Hier und in unserer Villa in London und auf dem Anwesen in Wales.“

Ich musste an unser kleines Reihenhaus denken. Wenigstens hatte meine Mutter nie das Bedürfnis verspürt, mich irgendwohin wegzuschicken, oder hatte es zumindest nicht offen gesagt. Natürlich hatte ich ab und zu das Wochenende bei meinen Großeltern verbracht, aber meine Mutter schien immer froh gewesen zu sein, mich danach in ihre Arme schließen zu können.

Das Haus ragte wie ein Klotz aus weißem Sandstein in die Höhe, abgeschlossen von einem mit dunklen Schindeln bedeckten Dach. Ein Rosenstrauch zog sich hier und da am Gemäuer entlang, rote Farbklekse auf der sonst so bieder wirkenden Mauer.

Das Haus unterteilte sich in drei Abschnitte, zwei Flügel rechts und links von dem Eingang, zu dem sich helle Stufen emporzogen. Sie umrahmten einen Innenhof, auf dem ein Lieferwagen parkte.

„Ah, immerhin haben sie sich darum gekümmert, dass jemand da ist. Ich hatte schon befürchtet, wir müssen für unser Essen auf die Jagd gehen“, brummte Neil.

Ich schenkte ihm ein schiefes Lächeln.

Fast ehrfürchtig blieben Summer, Chris und ich im Innenhof stehen. Die roten Ziegelsteine, mit denen er ausgekleidet war, glänzten feucht in der Sonne, benetzt mit dem Wasser von Rasensprengern, die die Beete an den Seiten bewässerten.

Neil hatte wieder seinen Schlüssel in der Hand und ging auf die Haustür zu, durch deren Milchglasscheiben ich nur eine Ahnung auf das Innere erhaschen konnte.

„Herzlich Willkommen.“ Neil hielt uns die Tür auf, und wir traten ein.

Das Innere wirkte weniger prunkvoll, als ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich hing auch hier ein riesiger Kronenleuchter von der Decke, doch die Gemälde von Urahnen, die roten Samtteppiche und kunstvollen Mosaike, die ich erwartet hatte, gab es nicht.

Eine Treppe führte an der Seite ins Obergeschoss, und dorthin lotste Neil uns nun.

„Ihr könnt euch ein Zimmer aussuchen, es gibt mehr als genug.“

Ich öffnete die weiß getünchte Tür zum ersten Raum und blieb stehen. Das Zimmer schien einer Jane-Austen-Verfilmung entsprungen zu sein, mit zwei großen Himmelbetten, einem mit Schnitzereien verzierten, dunklen Holzschreibtisch und schweren Samtvorhängen, die die fast bis zum Boden reichenden Bogenfenster einhüllten.

Einen solchen Luxus hatte ich höchstens gesehen, wenn wir ein altes Schloss auf einem Schulausflug besucht hatten.

Summer trat nach mir in den Raum und steuerte auf das Bett auf der rechten Seite zu. „Ich nehme das hier.“ Die Vorhänge, die es umgaben, waren aus einem dunklen Stoff, und es passte zu ihrer schwarzen Kleidung.

Dass sie immer noch ein Zimmer mit mir teilen wollte, obwohl sie ebenso gut ihr eigenes hätte haben können, rührte mich. Es war wohl das größte Bekenntnis von Zuneigung, das man von Summer erwarten konnte. Einen Moment lang sah ich sie an, doch als sie sich zu mir umdrehte, ging ich auf das andere Bett zu, das mit grünem Stoff verhangen war, und legte meine Koffer darauf ab.

Zwei riesige Eichenschränke zogen sich an der Wand entlang.

Chris‘ und Neils Schritte entfernten sich auf dem Gang, wohl auf der Suche nach einem geeigneten Zimmer für sie beide.

Schweigend packten wir unsere Koffer aus. Ich legte meine Bücher auf die linke Seite des Schreibtisches und musste fast lachen, als ich sah, wie verloren meine wenigen Klamotten in dem riesigen Schrank wirkten.

Ein Badezimmer schloss sich an den Raum an. Es wirkte modern und hell mit einer Dusche, die ohne Wanne bis zum Boden reichte, und einer Badewanne in der Ecke.

„Ich dusche zuerst“, verkündete Summer, als sie das Bad sah. Bevor ich etwas erwidern konnte, war sie verschwunden.

Erst, als ich mich auf dem weichen Bett niederließ und ins Leere starrte, wurde mir bewusst, wie froh ich war, ein Zimmer mit Summer zu teilen. Offenbar wollte keiner von uns jetzt allein sein.

Kapitel 3

Wir trafen uns im Speisesaal, ohne uns abgesprochen zu haben.

Ein langer Holztisch zog sich durch den Raum, dessen Wände mit Kerzenhaltern, Schwertern und langen Seidengardinen geschmückt waren. Von der Decke strahlte ein helles Licht aus rechteckigen Lampen, die modern und unpassend in dem altertümlichen Saal wirkten.

Eine Frage hing im Raum, und wir stellten sie gleichzeitig: „Was jetzt?“

„Wir werden unser Training fortführen“, ergriff ich als Erste das Wort.

Summer nickte zufrieden, aber auf Neil sah mich ungläubig an. „Wir? Allein? Wie soll das gehen?“

„Jeder von uns wird ein Fach übernehmen.“ Summer zeigte auf Neil. „Du Geschichte und Klingenkampf.“

„Das sind zwei.“

Sie funkelte ihn böse an, und er verstummte.

„Ich werde Magie übernehmen“, erklärte ich. „Mehr kann ich leider nicht bieten.“

„Ich Bannzauber und Regelkunde.“ Summer zeigte auf Chris. „Das heißt …“

„Körperkampf.“ Er nickte. „Und Tanz.“

„Tanz?!“

Chris verschränkte die Hände vor der Brust, als würde er uns anflehen. „Ich weiß, es ist furchtbar, aber es hat uns wirklich geholfen, als Team zusammenzuarbeiten. Was wir da geschafft haben …“

Summer verdrehte die Augen. „Ja, aber Tanz? Können wir nicht lieber …“

„…damit anfangen, endlich all unsere Geheimnisse zu besprechen? Es macht mich wahnsinnig, dass ich nicht weiß, was mit dir los ist.“ Ich nickte in Summers Richtung, dann wandte ich mich an Chris. „Und du auch. Da ist doch irgendetwas, was du uns verschweigst.“

Alle Augen waren auf Chris gerichtet.

„Ich will nicht drüber reden“, murmelte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Du musst. Wir müssen alles übereinander wissen, sonst können wir nicht unsere nächsten Schritte planen. Ich muss verstehen, wann Summer kurz davor ist, zusammenzubrechen, und warum du mit einem Ausdruck durch die Gegend läufst, als hättest du gerade ein Gespenst gesehen.“

Chris sah mich flehend an, Summers Mund dagegen war ein Strich. „Wie wäre es denn, wenn du mit deinem Geheimnis anfängst?“

Ich wusste zuerst nicht, was sie meinte, doch dann verstand ich. „Na gut. Also. Ich habe in meiner alten Schule an meinem letzten Tag Magie eingesetzt, um Hühner in die Schließfächer meiner Mitschüler zu zaubern.“

Zu meiner Überraschung brachen die drei in Lachen aus. Neil hob seine Hand und wartete, bis ich abklatschte.

„Starke Leistung“, meinte er mit einem Grinsen.

Doch Summer schüttelte den Kopf. „Aber das ist nicht alles. Ja, es ist eine starke Leistung für jemanden, der untrainiert ist, aber es geht auch gegen die Regeln der Elementarmagie. Feuer, Wasser, Erde, Luft. Keines davon kann so etwas Komplexes wie ein Huhn hervorbringen.“

Ich sah sie verständnislos an. „Was willst du damit sagen?“

„Ich will damit sagen, dass irgendetwas an dir … anders ist.“

Aus einem Grund, den ich selbst nicht ganz verstand, fühlten sich ihre Worte wie ein kalter Schauer an.

„Ich bin nicht anders. Nicht anders als ihr.“ Ich hätte nur allzu gern den bittenden Unterton aus meiner Stimme verbannt, doch es gelang mir nicht.

Die drei musterten mich nachdenklich.

„Was ist mit deinem Vater?“, fragte Neil schließlich in die Stille hinein.

Ich zuckte hilflos mit den Schultern. „Er ist gegangen, als ich drei war. Ihr wisst mehr über ihn als ich.“

Chris schien nachzudenken. „Meine Eltern haben mir nie gesagt, was er angestellt hat, aber soweit ich weiß, ist er aus der Gemeinschaft der Schattenjäger ausgestoßen worden.“

Etwas in seinen Worten rief eine Erinnerung in mir wach. Ich runzelte die Stirn und versuchte, mich auf die Bilder zu konzentrieren, doch es fiel mir schwer. Da war nur ein Gefühl, das mir das Herz zerriss, das Wissen, etwas Wichtiges und Unersetzliches zu verlieren. Eine ausgestreckte Hand, die meine losließ. Lippen, die mich auf die Stirn küssten. Und dann Dunkelheit.

„Ich weiß nicht, was er getan hat“, meinte Summer, und auch Neil zuckte nur entschuldigend mit den Schultern. „Aber vielleicht hat er dir etwas hinterlassen. Kräfte, die die eines normalen Schattenjägers übersteigen.“

Ich wollte nicht weiter darüber reden, wollte nicht weiter darüber nachdenken. „Das war also mein Geheimnis“, schloss ich das Thema ab. „Jetzt musst du sagen, was nicht mit dir stimmt.“

Summer knirschte mit den Zähnen, doch dann zwang sie einen gleichgültigen Ausdruck auf ihr Gesicht. „Ich bin von einem Dämon angegriffen worden, als ich zwölf war.“

Meine Augen wurden groß. „Was? Aber … wie …?“

„Ich bin meiner älteren Schwester auf einem ihrer ersten Einsätze hinterher geschlichen. Ich dachte, ich könnte beweisen, wie mutig und stark ich bin, aber es war einfach nur dumm.“

Bedauern flackerte über ihre Züge.

„Sie und ihr Team hatten den Dämon schon in eine Ecke gezwungen. In dem Moment ist er auf mich aufmerksam geworden. Ich weiß nicht, was genau passiert ist, dazu ging es zu schnell. In einem Augenblick hatte ich mich hinter einer Kiste in dem Lagerhaus versteckt, im nächsten habe ich schon seine kalten Hände auf meiner Schulter gespürt. Aber er hat mir nicht die Lebensenergie geraubt, oh nein.“ Sie lachte trocken auf. „Er muss einen Zauber gewirkt haben. Ich habe die Magie gespürt, wie sie aus meinem Körper herausgeströmt ist. Etwas hat sich damit vermischt, etwas Dunkles, Kaltes, und als ich wieder zu mir kam, hielt meine Schwester mich in den Armen und weinte.“ Sie hob bedeutungsvoll ihre Augenbrauen. „Ihr habt meine Schwester gesehen. Sie weint nicht. In dem Moment wusste ich, dass etwas Schreckliches geschehen ist.“ Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie das Mitleid auf meinem Gesicht sah. „Es ist meine eigene Schuld“, zischte sie. „Weil ich dumm und überheblich war.“

Fast hätte ich eingeworfen, dass sich daran nichts geändert hatte, aber ich verkniff es mir.

„Auf jeden Fall war danach etwas anders. Natürlich habe ich auch heimlich mit Magie experimentiert, doch jedes Mal, wenn ich versucht habe, einen Zauber zu wirken, war es, wie gegen eine Wand zu rennen. Sie baute sich auf, und dann verschwand sie einfach. Meine Schwester hat später herausgefunden, dass der Dämon sich mit meiner Magie verbunden hat. Wann immer ich Magie wirke, wird sie von ihm … abgeschöpft. Eine noch bessere Quelle, als jemandem einfach die Lebensenergie auszusaugen.“ Sie knirschte mit den Zähnen. „Ich kann dagegen ankämpfen, kann die Magie in mir aufbauen, doch ihr habt gesehen, was dann passiert. Es … zerstört meinen Körper. Langsam, aber sicher. Sämtliche Heiler, mit denen ich gesprochen habe, geben mir noch etwa drei Jahre.“

Betroffenes Schweigen trat ein.

„Es tut mir leid, Summer …“, begann Chris.

Summer stoppte ihn mit einer erhobenen Hand. „Ich will euer Mitleid nicht.“

„Aber …“

„Noch ein Wort, und ich werde es bitter bereuen, euch das alles erzählt zu haben. Und ihr auch.“

Ich dachte nach, bemüht, die richtigen Worte zu finden. „Gibt es keine Heilung?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste. Und ich habe nach einer Lösung gesucht, das kannst du mir glauben.“

Wir schwiegen, bis Summer die Geduld verlor. „Aber genug von mir. Was ist mit dir?“ Ihr Blick bohrte sich in Chris‘, der ihm sofort auswich. Aber nun waren die Augen von uns allen auf ihn gerichtet, und er seufzte schließlich.

„Meine Mutter ist von einem Dämon getötet worden.“

Die Worte klangen hohl und zeigten nur wenig von der Trauer, die auf seinem Gesicht zu sehen war. Es war, als hätte er sie schon viel zu oft aussprechen müssen.

Ich sog die Luft durch die Zähne ein. „Was ist passiert?“

Er zuckte mit den Schultern. „Nun, sie ist … sie war eine Schattenjägerin, genau wie mein Vater. Wir dachten, wir wären sicher in unserem Haus, aber eines Tages ist ihr ein Dämon gefolgt, nachdem sie dachte, er sei ihr entkommen. Wir saßen gerade beim Abendessen …“

Seine Stimme versagte, und es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte.

„Mein Vater und meine Schwestern haben versucht, ihn zu bekämpfen, doch er war zu schnell. Wir haben ihn einfach nicht kommen sehen. Und im nächsten Moment …“ Seine Augen wurden glasig, und es dauerte einen Augenblick, bis er sich wieder gefangen hatte. „Ich konnte nichts tun. Sie hat noch gerufen, dass ich mich verstecken soll. Und wie ein Idiot habe ich es getan, ich habe zitternd in der Vorratskammer gehockt, während dieser Dämon …“ Seine Stimme war dünn, und ich verstand, dass es das war, was ihn neben dem Verlust seiner Mutter am meisten belastete. „Ich habe durch einen Spalt in der Tür alles beobachtet, doch ich hatte zu viel Angst, um mein Versteck zu verlassen. Wenn ich nur … irgendetwas getan hätte. Vielleicht … vielleicht …“ Er schaffte es nicht, seinen Satz zu beenden.

Ein Moment der Stille trat ein, dann zog ich Chris in meine Arme. Sein Rücken bebte, aber kein Schluchzer kam aus seiner Kehle. Ich drückte ihn fester, bis ich spürte, wie er sich langsam wieder entspannte. Er befreite sich aus der Umarmung und wischte sich hastig über das Gesicht. Dann räusperte er sich. „Nun, das ist meine Geschichte. Was ist mit dir?“

Wir sahen Neil erwartungsvoll an, der nur mit den Schultern zuckte. „Ich habe keine Geheimnisse, nicht auf diese Art und Weise.“ Er schien einen Augenblick zu überlegen. „Ich habe ins Bett gemacht, bis ich sieben war.“

Wir sahen ihn ungläubig an, aber er zuckte nur mit den Schultern. „Es hat dann irgendwann aufgehört.“ Er starrte uns an, bereit, sich mit Worten zu verteidigen, wenn einer von uns einen Witz machte. Fast schien es, als wollte er, dass wir etwas sagten, um die Peinlichkeit des Moments überspielen zu können.

„Tja, nun. Ähm. Ich denke, wir sollten etwas essen und uns dann ausruhen. Ich bin hundemüde“, versuchte ich, das Thema zu wechseln.

Chris sah mich dankbar an. „Ja, genau. Ich kann kochen, wo ist denn …“

Neil hob abwehrend die Hände. „Es wäre kein richtiges Herrenhaus ohne Bedienstete. Ich sage in der Küche Bescheid. Worauf habt ihr denn Lust?“

„Steak.“

„Nudeln mit Pesto.“

„Ein großer Salat mit Hähnchenbrust.“

Neil schüttelte den Kopf. „Na gut. Ich sage Bescheid.“

Kapitel 4

Ich erwachte am nächsten Morgen aus wirren Albträumen und mit dem Gefühl, kaum geschlafen zu haben.

Ein Blick zu Summers Bett hinüber verriet mir, dass sie natürlich schon aufgestanden war. Die Dusche rauschte im Bad, und ich drehte mich noch einmal um. Ich sah auf mein Handy und erstarrte. Ich hatte siebenundzwanzig verpasste Anrufe von meiner Mutter, dazu mehrere Nachrichten in verschiedenen Stadien der Besorgnis. Die letzte lautete: Ich fahre jetzt nach London.

Nachdem sie in den Nachrichten von dem Dämonenangriff gehört hatte, musste sie vor Sorge umgekommen sein.

Hastig rief ich sie zurück. Sie ging bereits nach dem ersten Klingeln dran.

„Remedy! Wo bist du? Geht es dir gut? Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“

„Es geht mir gut“, beeilte ich mich zu sagen. „Ich bin in Nordengland, wir sind evakuiert worden. Tut mir leid, dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe.“

„Das Wichtigste ist, dass es dir gut geht! Was ist passiert?“

In knappen Sätzen erzählte ich ihr, was in den letzten zwei Tagen alles geschehen war, ohne Nathan zu erwähnen oder die Tatsache, dass wir ihn in unserem Badezimmer eingesperrt hatten. Es überwältigte mich noch immer, darüber nachzudenken, wie wir vor achtundvierzig Stunden zum Sommersonnenwendefest aufgebrochen waren, und welchen Gang es alles genommen hatte.

„Gut. Bleib, wo du bist, und mach keine Dummheiten!“ Sie klang etwas beruhigter, als sie auflegte.

Nun, Dummheiten würde ich hier, am Ende der Welt, sicher nicht anstellen können.

„Du bist zu spät.“ Summer sah betont zu der Uhr im Speisesaal, die zwei Minuten nach acht anzeigte.

„Echt jetzt?“ Ich warf ihr einen scharfen Blick zu, den sie mit einer gleichgültigen Miene erwiderte.

„Wir fangen um acht an. Routine ist wichtig in der Ausbildung.“

„Wer hat dich zur neuen Rektorin gewählt?“, brummte ich, aber nicht laut genug, dass sie es hören konnte.

Kaffee stand auf dem langen Tisch, dazu ein Frühstück, das mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Ich lud mir meinen Teller mit Obstsalat, Rührei, Toast und Erdnussbutter voll und ließ mich von Summers missbilligendem Blick nicht aus der Ruhe bringen.

„Was ist der Stundenplan für heute?“, fragte ich zwischen zwei Bissen.

„Doppelstunde Dämonenkunde, unterrichtet von Summer. Dann Körperkampf, Magie und schließlich Klingenkampf unterrichtet von mir höchstpersönlich“, antwortete Neil, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken.

Der Plan kam mir vage bekannt vor. „Du kannst unseren Stundenplan auswendig?“, fragte ich verblüfft.

Neil zuckte mit einer Schulter, aber ein triumphierendes Lächeln stand auf seinem Gesicht. „Natürlich. Ich habe ein phänomenales Gedächtnis.“

Summer hob eine Augenbraue. „Wenn du es nur für nützliche Dinge benutzen würdest …“

„Hacks in Computerspielen sind nützlich.“

Die beiden tauschten noch ein paar schnelle Worte aus, aber ich hörte nicht weiter zu. Ein aufgeregtes Kribbeln breitete sich in meinem Magen aus bei dem Gedanken, dass ich Magie unterrichten würde. Was sollte ich den anderen nur beibringen?

Zum Glück hatte ich noch etwas Zeit, bis ich diese Frage beantworten musste.

Nach dem Essen schoben wir den Tisch zur Seite, um Platz für unser Training zu schaffen. Dann setzten wir uns auf den Boden, während Summer sich vor uns stellte, die Hände hinter dem Rücken verschränkte. Vor ihr lag „Einführung in die Dämonenkunde“, aber sie begann mit einer einfachen Frage: „Nun, was haben wir in den letzten Tagen über Dämonen gelernt?“

„Sie lassen sich nicht gern in Badezimmern einsperren?“

„In ihrer Unterweltform sind sie furchterregend?“

„Ihre Krallen sind ziemlich scharf?“

Ich musste unwillkürlich an Nathan denken. Ob er den Sturz überlebt hatte? Ein schmerzhaftes Ziehen schoss durch meinen Magen bei der Vorstellung, dass er tot sein könnte. Ich verdrängte den Gedanken und konzentrierte mich auf die Stunde.

Summer schaffte es tatsächlich, Dämonenkunde unterhaltsam zu gestalten. Immer wieder konnten wir Beispiele aus den letzten zwei Tagen mit einbringen, und es kam mir beinahe überflüssig vor, jetzt noch theoretisches Wissen zu wälzen. Zumal vieles von dem, was wir gesehen hatten, nicht mit der Meinung der Lehrbücher übereinstimmte.

In Körperkampf scheuchte uns Chris erst einmal um das Haus herum. Es tat gut, sich in der warmen Sommerluft zu bewegen, und schon bald rann uns der Schweiß die Schläfen hinunter. Auch unser weiteres Training fand draußen statt, schließlich bestand hier nicht die Gefahr, von anderen Menschen beobachtet zu werden.

„Nein, nein, ihr müsst den anderen Körper und seine Kraft fühlen, damit ihr sie umlenken könnt“, ermahnte Chris uns immer und immer wieder.

„Sicher, dass du über Körperkampf redest und nicht über etwas anderes?“, meinte Neil mit einem anzüglichen Grinsen. Chris‘ Wangen verfärbten sich rot, aber er ging nicht darauf ein.

Schließlich war ich an der Reihe, unseren Unterricht zu übernehmen. Wir verlagerten ihn wieder in den Speisesaal, und mir tat es jetzt schon leid um die schönen Verzierungen, die unter Umständen gleich in Flammen aufgehen würden.

Chris wob einen Schutzzauber, um die Einrichtung vor uns zu bewahren, dann übergab er mir das Wort.