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Die romantische Fantasy Serie über eine verbotene Liebe zwischen Magiern geht weiter! Ihre Freunde raten Lizzy, sich von Elias fernzuhalten. Leichter gesagt als getan, als er plötzlich vor ihrer Tür steht und sie in ein Schloss nach Schottland bringen will - angeblich, um sie zu beschützen. Doch in den Highlands soll es auch magische Schwerter geben, die den Kampf zwischen Aydin und Karan entscheiden können. Und langsam werden Zweifel in Lizzy wach. Liebt Elias sie oder benutzt er sie nur, um den drohenden Kampf zwischen Aydin und Karan zu gewinnen? Verbotene Liebe, magische Kämpfe und unvorhersehbare Wendungen – die rasante Fantasy Liebesgeschichte um Lizzy und Elias hat Leserherzen im Sturm erobert! Für alle, die Romantasy mit Spice lieben.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2025
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ANNA HEART
Magier von London
Buch zwei
Titel: Magier von London – Buch zwei
Autorin: Anna Heart
Verlag: Von Morgen Verlag
Stettiner Straße 20 13357 Berlin
Cover: Jenny-Mai Nuyen
Deutsche Erstveröffentlichung: Berlin 2022
© 2022 Von Morgen Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Nachwort
Ich rannte.
Meine Füße flogen über den Boden. Ich hielt mich nicht mit dem Fahrstuhl auf, sondern nahm die Treppe. Im Foyer erinnerte ich mich kurz daran, mein Tempo zu zügeln. Trotzdem sah mich der Wachmann erstaunt an, als ich an ihm vorbeieilte.
Keuchend lief ich in die kalte Nachtluft heraus, bevor ich mich erinnerte, dass es keinen Grund gab, außer Atem zu sein. Glas knirschte unter meinen Füßen, und ich richtete meinen Blick nach oben.
Schatten tanzten in der leeren Höhle, die einst Elias‘ Fensterfront gewesen war.
Karan.
Eine dunkle Macht schien mich wegzudrücken, weg von diesem Ort. Ich spürte die Magie der Karan, die dort oben kämpften und wie zwei Magnete gegeneinander wirkten.
Dann wieder kamen mir Elias‘ Worte in den Kopf und ich fröstelte. Was, wenn ich wirklich halb Aydin, halb Karan war?
Ohne mich noch einmal umzudrehen, rannte ich weiter.
Was sollte ich jetzt tun? Mein erster Impuls war, Jassy anzurufen, aber ich wusste nicht, was ich ihr erzählen sollte. Unter keinen Umständen durfte ich ihr verraten, dass ich wieder bei Elias gewesen war und wir uns sogar geküsst hatten. Trotz der Kälte lief bei der Erinnerung eine wohlige Wärme durch meinen Körper. Seine Lippen auf meinen …
Aber ich durfte mich jetzt nicht in solchen Gedanken verlieren. Ich stellte sicher, dass meine mentale Abwehr bereit war, bevor ich Jassy anrief.
Sie ging sofort ran.
„Lizzy, wo bist du?“, fragte sie atemlos. „Du bist einfach aus dem Club verschwunden! Wir haben Spuren eines Kampfes gesehen. Ich habe schon das Schlimmste befürchtet!“
„Mir geht es gut“, sagte ich. „Ich bin mir nicht sicher, wo ich bin, irgendwo in Kensington. Ich schicke dir meinen Standort, kommt ihr mich abholen?“
„Auf jeden Fall!“
Ich hörte Liams Stimme aus dem Hintergrund und war erleichtert, dass er noch bei Jassy war – nur zur Sicherheit, sollten weitere Karan in der Nähe sein.
Ich schickte ihr meinen Standort und wartete ungeduldig darauf, Liams Wagen auftauchen zu sehen. Mit einem Mal fühlte ich mich unsicher. Ich zog die Schultern gegen die Kälte hoch und vergrub die Hände in den Taschen. Durch mein Training wusste ich, dass ich ruhig bleiben musste, dennoch wünschte ich mir nichts sehnlicher, als Patricia, Jassy und Liam bei mir zu haben. Oder Elias.
Wieder seufzte ich und erlaubte mir einen kurzen Gedanken an das Gefühl, als wir uns geküsst hatten, die Wärme seiner Haut auf meiner. Hitze stieg mir in die Wangen, und unwillkürlich fragte ich mich, wann ich ihn wiedersehen würde. Ob überhaupt.
Meine Überlegungen wurden unterbrochen von Liams Wagen, der mit quietschenden Reifen vor mir hielt. Jassy sprang aus dem Auto und fiel mir um den Hals. „Es geht dir gut! Ich bin so erleichtert!“ Ich drückte sie fest an mich und hoffte, dass sie Elias‘ Geruch an mir nicht riechen konnte.
Auch Liam stieg aus und umarmte mich. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht“, flüsterte er an meinem Ohr.
„Es ist alles in Ordnung“, sagte ich, unsicher, ob es stimmte. „Aber jetzt ist es wichtig, dass wir von hier abhauen.“
Jassy nickte. „Du kannst uns auf dem Weg erzählen, was passiert ist.“
Mit flauem Magen setzte ich mich auf die Rückbank. Was genau sollte ich ihnen erzählen? Sollte ich ihnen verraten, was Elias über mich gesagt hatte? Etwas in mir sträubte sich dagegen, weil sie es als weiteren Versuch abtun würden, mich auf seine Seite zu ziehen.
Nein, ich brauchte Klarheit, und es gab nur eine Person, die mir diese Klarheit verschaffen konnte: meine Mutter.
„Also, was ist passiert?“, fragte Liam, während er den Motor startete. Jassy hatte sich neben mir auf die Rückbank gesetzt und Liam beobachtete uns im Rückspiegel.
„Ein Karan, Elias‘ Bruder, hat mich angegriffen. Und dann ist Elias gekommen und hat mich gerettet“, sagte ich zögerlich. Nun musste ich mir gut überlegen, wie ich nach Kensington gekommen war. „Und dann hat er mich hierhergebracht, weil er meinte, hier sei es sicherer. Offenbar leben nicht viele Karan in Kensington“, sagte ich lahm.
Liam betrachtete mich mit einem prüfenden Blick. „Hierher …? Ich kann seine Aussage leider nicht bestätigen.“
Auch Jassy sah mich schief an. Gern wäre ich jetzt mit ihr allein gewesen, doch vor Liam konnten wir nicht frei reden. Also zuckte ich nur mit den Schultern. „Das ist zumindest das, was er gesagt hat.“
Leider war ich eine gottverdammt schlechte Lügnerin, und man musste mir ansehen, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Zu meinem Glück gingen weder Jassy noch Liam darauf ein.
„Wir fahren zum Lagerhaus“, sagte Liam. „Patricia wartete dort auf uns.“
Ich musste ein Stöhnen unterdrücken. Patricia würde auf jeden Fall meine Lüge durchschauen.
„Wie hat der Karan dich gefunden?“, fragte Jassy.
„Ich glaube nicht, dass der Karan nach mir gesucht hat … Er schien selbst überrascht zu sein, mich in dem Club getroffen zu haben.“ Ich holte tief Luft. „Und dann hat er die Zeit angehalten.“
„Er hat was?!“ Liam drehte sich zu mir um, und auch Jassy sah mich entgeistert an. Das Auto brach kurz zur Seite aus, bis Liam es wieder unter Kontrolle bekam.
„Er hat die Zeit angehalten“, sagte ich zögerlich. „Alles stand plötzlich still, ich habe euch gesehen, ihr wart mitten in der Bewegung eingefroren.“
„Das ist … nahezu unmöglich“, sagte Jassy, noch immer ungläubig. „Wie mächtig ist dieser Karan? Und er ist Elias‘ Bruder?“
Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken. Bisher hatte ich noch nicht darüber nachgedacht, was es bedeutete, aber es gab mir einen Hinweis darauf, wie mächtig Elias sein musste. Hatte er nicht gesagt, dass seine Kräfte die von seinem Bruder noch überstiegen?
„Wir müssen uns wirklich etwas überlegen, wenn unsere Gegner so mächtig sind“, meinte Liam. „Wie sollen wir denn dagegen ankommen?“
Ich spürte die Blicke der anderen auf mir und konnte nur mit den Schultern zucken. Ich wusste gerade einmal seit ein paar Wochen, dass ich eine Magierin war, aber die Größe meiner Aufgabe wurde mir immer mehr bewusst. Noch dazu wollte ich natürlich nicht gegen Elias kämpfen – und ich konnte nicht sicher sagen, ob er genauso dachte. Jassys Verdacht von einem Liebeszauber kam mir wieder in den Sinn. War es wirklich nur das? Oder stand noch mehr dahinter?
Wir kamen bei der Lagerhalle an. Ich sah Patricias Wagen im Licht der Scheinwerfer und mein Herz schlug schneller. Was sollte ich Patricia erzählen? Würde sie mir glauben?
Patricia erwartete uns bereits in der Lagerhalle. Eine Leuchtkugel schwebte neben ihr und riss Schatten in die fernen Konturen der abgestellten Maschinen.
Ich spürte, wie ich meine Schultern nach oben zog, und zwang mich dazu, sie wieder sinken zu lassen. Auch wenn es sich so anfühlte, ich hatte nichts Schlechtes getan. Zweifel schrien in mir auf, und ich unterdrückte sie mit all meiner Kraft.
Im Gegensatz zu Jassy und Liam fiel mir Patricia nicht um den Hals, sondern nickte mir nur mit einem Lächeln zu. „Es geht dir gut. Das ist schön.“ Etwas Kaltes lag in ihrer Stimme, und ich fühlte mich wie eine Schülerin, die von einem Lehrer bei etwas Verbotenem erwischt worden war.
Ihre Hände hatte sie hinter ihrem Rücken verschränkt, jetzt hob sie sie und kam langsam auf mich zu. Das Lächeln in ihrem Gesicht war erloschen, und ich musste schluckten.
„Erzähl mir, was passiert ist“, bat sie und fügte wenig sanft hinzu: „Und keine Lügen.“
Sie wusste es. Ihr Ausdruck verriet es mir auf der Stelle. Jassy hatte ihr von der Nacht in Boston erzählt, als ich mit Elias geschlafen hatte.
Wieder musste ich schlucken, doch neben dem Schuldgefühl war da noch ein anderes. Wut. Ich schoss Jassy einen Blick zu, die hilflos die Schultern hochzog.
„Ich hatte keine andere Wahl“, sagte sie, und das Bedauern in ihrer Stimme klang echt. „Wir wussten nicht, wo du warst, da war nur die Spur eines Karan, und …“
„Was ist los?“, mischte Liam sich ein, der verwundert von Patricia zu Jassy und zu mir schaute.
„Ich hatte ein Geheimnis, und Jassy hat es verraten“, knurrte ich, selbst überrascht über die Wut, die in mir aufbrodelte. „Ich dachte, ich könnte meiner Freundin vertrauen, aber wie es aussieht, hat sie mich verraten. Das ist los.“
„Es war richtig, dass Jasmin mir erzählt hat, was in Boston passiert ist“, sagte Patricia kühl. „Im Anbetracht der Umstände frage ich mich, warum du nicht ehrlich mit uns warst. Du hast dich und uns in große Gefahr gebracht. Dass du ausgerechnet einem Karan nachgegeben hast …“
Erkenntnis trat in Liams Gesicht. „Du hast …“
Ich biss die Zähne zusammen. „Es stimmt, ich habe mit Elias geschlafen. Aber ich wusste nicht, dass er ein Karan war, ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht einmal, was Karan sind! Weil ihr mir nicht von Anfang an gesagt habt, was Sache ist! Sonst hätte ich mich von ihm ferngehalten. Oder auch nicht.“ In Rage redete ich weiter. „Elias scheint nicht so schlecht zu sein, wie ihr immer behauptet. Immerhin hat er mir verraten, was vor sich geht, und er hat mich gerettet, als ihr nicht da wart.“ Ich wusste, dass meine letzten Worte Patricia verletzen würden, aber genau das war in diesem Augenblick meine Absicht.
„Du hattest Sex mit einem Karan?“, wiederholte Liam verblüfft. „Was … warum … Ich meine, sicher, du wusstest nicht, wer er war, aber …“
„Du hast mehr Grenzen überschritten, als ich sogar dir zugetraut hätte“, sagte Patricia, und eine brutale Ruhe lag in ihren Worten. „Wir tun alles, um dich zu beschützen, und du wirfst dich der Gefahr in die Arme, im wahrsten Sinne des Wortes.“
„Elias will mich nicht umbringen, sonst hätte er es längst getan!“, gab ich sicherer zurück, als ich mich fühlte. Was, wenn Patricia recht hatte, und er mich nur auf ihre Seite ziehen wollte? Der Gedanke drang kaum durch meine Wut hindurch.
„Ich glaube, Elias hat einen Liebeszauber gewirkt, Lizzy hatte also keine andere Wahl“, merkte Jassy leise an, aber Patricia schüttelte den Kopf.
„Wenn sie ihre Schutzzauber aufrecht erhalten hätte … Und jetzt erzähl mir, was heute Abend passiert ist. Ich muss es wissen, damit ich die Situation besser einschätzen kann.“
Ich holte tief Luft. „Elias‘ Bruder hat mich angegriffen, und Elias hat mich gerettet. Dann hat er mich mit zu sich nach Hause genommen, damit wir in Ruhe reden können. Immerhin redet er mit mir.“
Ich spürte, wie sich meine Hände zu Fäusten ballten. Ich konnte es noch immer nicht fassen. Jassy, die in den letzten Jahren zu meiner besten Freundin geworden war, hatte mich verraten. Nun sah ich endlich klar. Natürlich war Jassy nicht meine Freundin, sie war lediglich von Patricia beauftragt worden, die Prinzessin der Aydin zu finden und zu beschützen. Allein deshalb hatte sie mir Freundschaft vorgegaukelt.
„Aber bevor wir irgendetwas besprechen konnten, haben Karan uns angegriffen. Ich bin weggelaufen, und Elias ist zurückgeblieben, um sie zu bekämpfen. Er will mich nicht töten“, wiederholte ich stur.
„Glaub bloß nicht, dass er das aus reiner Zuneigung tut“, sagte Patricia. „Er führt etwas im Schilde. Karan führen immer etwas im Schilde, und du tust dir und uns allen einen großen Gefallen, wenn du dich nicht in irgendwelchen Gefühlsduseleien verlierst.“
Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte nicht glauben, dass es sich bei dem, was ich Elias gegenüber empfand, lediglich um Gefühlsduseleien handelte. Oder einen Liebeszauber.
„Lizzy, bitte sei vernünftig“, schaltete sich Jassy jetzt ein. In ihrem Ausdruck lag echtes Mitleid, und das war das Letzte, was ich sehen wollte. „Ein Karan kann keine positiven Gefühle wie Liebe entwickeln, dafür ist seine Magie zu dunkel.“
„Das sagt ihr“, erwiderte ich, aber ich spürte, wie ich unsicher wurde. Alles, was ich über Aydin und Karan wusste, wusste ich von Patricia und Jassy. Sie konnte mir erzählen, was sie wollten.
Wieder schüttelte ich den Kopf. „Es tut mir leid. Ich brauche Zeit zum Nachdenken.“
„Ja, schlafen wir eine Nacht darüber, und morgen wird alles klarer sein“, meinte Jassy und griff nach meinem Arm, aber ich schüttelte sie ab.
„Nein. Ich muss mit meiner Mutter reden“, antwortete ich, und hoffte, damit nicht schon zu viel gesagt zu haben. Auf keinen Fall wollte ich Patricia verraten, was Elias mir anvertraut hatte.
„Morgen früh breche ich auf“, sagte ich trotzig und fügte dann hinzu: „Allein.“
„Du kannst nicht allein durch die Gegend fahren, nicht, wenn die Hälfte der Karan von London dir auf den Fersen sind“, sagte Patricia dunkel.
„Doch. Keine Sorge, ich werde keine weiteren Risiken eingehen“, erwiderte ich, und ich konnte mir einen spöttischen Unterton nicht verkneifen. „Ich werde mich von Elias Jordans fernhalten, und wo geht das besser als außerhalb Londons?“
Liam fuhr uns nach Hause. Jassy saß neben mir auf der Rückbank und versuchte immer wieder, Blickkontakt mit mir aufzunehmen, doch ich starrte aus dem Fenster. Einerseits verstand ich, warum sie Patricia von der Nacht in Boston erzählt hatte, als ich plötzlich aus dem Club verschwunden war. Aber auf der anderen Seite hatte ich mir auch so sehr gewünscht, dass es ein Geheimnis zwischen uns bleiben würden. So wie früher.
Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf, während ich die Lichter Londons an mir vorbeiziehen sah. Am Morgen, hatte ich beschlossen, würde ich nach Cornwall aufbrechen, um meine Mutter zu treffen und ihr all die Fragen zu stellen, die die letzten Wochen aufgeworfen hatten. Ich hätte es schon viel früher tun sollen, aber die Ereignisse hatten sich überschlagen. Die Magie, Karan und Aydin … sie hatte all das vor mir geheim gehalten. Mein Leben bisher war eine reine Lüge gewesen, auf mehr als einer Ebene.
Ich warf einen Seitenblick zu Jassy, die ihn stumm auffing und mich bittend ansah. Ohne darauf zu reagieren, drehte ich den Kopf zur Seite. Nicht nur meine Mutter hatte mich angelogen, sondern auch Jassy. Ich hatte niemanden, auf den ich mich verlassen konnte.
„Versprich mir, dass du es nicht noch einmal tust“, sagte Liam plötzlich. Er beobachtete meine Reaktion im Rückspiegel, und ich war so in meinen eigenen Gedanken versunken, dass ich eine Weile brauchte, um zu verstehen, was er meinte.
Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann es nicht. Ich würde es gern, aber … ich habe genug von Lügen und falschen Versprechungen.“
Mehr konnte ich ihm im Augenblick nicht anbieten, und sein enttäuschtes Nicken schickte ein Ziehen in meinen Magen. Mit einem Mal tat er mir leid. Liam hatte immer nur mein Bestes im Sinn gehabt. Wahrscheinlich traf das auch auf Jassy zu und ich war unnötig hart zu ihr. Trotzdem konnte ich ihr keineswegs mit meinen Geheimnissen vertrauen, wenn ich nicht wollte, dass Patricia davon erfuhr.
Noch immer schwiegen wir, als uns Liam vor unserer Wohnung absetzte. Zum Abschied drückte er mich fest an sich und flüsterte: „Trotz allem bin ich froh, dass dir nichts passiert ist.“
Ein warmes Gefühl stieg in mir auf, und ich musste gegen meinen Willen lächeln. „Danke, das ist lieb von dir“, sagte ich und meinte es auch so.
Dann lief ich vor Jassy die Stufen zu unserer Wohnung hinauf, und ohne ein weiteres Wort mit ihr zu wechseln, ging ich ins Bett.
Ich schlief schlecht in dieser Nacht, hin- und hergerissen zwischen Wut und Trauer über Jassys Verrat und der Erinnerung an die kurze Zeit, die ich mit Elias in seinem Apartment gehabt hatte.
Wenn ich die Augen schloss, spürte ich wieder seinen Atem auf meiner Haut, seine Lippen auf meinen. Für einen kurzen Augenblick erlaubte ich mir, mich ganz der Erinnerung hinzugeben, bevor ich die Augen wieder in der kalten Realität öffnete.
Mir wurde klar, dass ich Elias vielleicht niemals wiedersehen würde. Und wenn doch, standen wir uns womöglich als Gegner auf einem Schlachtfeld gegenüber.
Mein Wecker verriet mir, dass es noch sehr früh war, und ich lauschte in die Stille in der Wohnung. Wenn Jassy wach war, deutete nichts darauf hin.
Bemüht, kein Geräusch zu machen, zog ich mich an. Dann warf ich hastig einige Klamotten in meinen Rucksack und brach auf. Sechs Stunden Zugfahrt lagen vor mir, und ich kaufte mir einen Kaffee am Bahnhof, aber nichts zu essen. Noch immer hatte ich keinen Appetit, zu sehr schlugen mir die Ereignisse des letzten Tages auf den Magen.
Im Zug holte ich den Liebesroman heraus, den ich gerade las, aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Buchstaben und Wörter verschwammen vor meinen Augen, und bei jedem Satz musste ich an Elias denken. Suchte er mich? Vermisste er mich? Oder freute er sich darüber, dass sein Plan aufging?
Eine Weile starrte ich aus dem Fenster. Nebel schwebte über den abgemähten Feldern und tauchte sie in ein undurchsichtiges Grau. Menschen stiegen aus und ein, aber niemand setzte sich neben mich, worüber ich mich freute. Nur ungern hätte ich mich mit einem Fremden unterhalten müssen, der nicht verstand, nicht verstehen konnte, was in mir vorging. Wieder beobachtete ich die Leute, die auf den Sitzen vor mir saßen. Ob jemand ein Aydin oder ein Karan war? Mir wurde bewusst, wie klein meine Welt geworden war, seit ich die Wahrheit kannte. Jassy, Patricia, Liam und natürlich Elias waren die Einzigen, die wirklich wussten, wer ich war.
Und meine Mutter. Seit ich nach London gezogen war, hatte ich kaum an sie gedacht. Was sie wohl dazu sagen würde, dass ich mich mit einem Karan eingelassen hatte? Ich beschloss, es ihr nicht zu verraten, denn auch wenn sie nie etwas gegen meine Ex-Freunde gehabt hatte, so konnte ich das bei Elias kaum erwarten. Nicht, dass er mein Freund war. Ich fragte mich unwillkürlich, wie es wäre, mit Elias zusammen zu sein. Er schien nicht der Typ für gemütliche Abende auf dem Sofa zu sein, und mir wurde bewusst, wie wenig ich eigentlich über ihn wusste.
König der Karan.
Vielleicht würde sie es trotzdem verstehen, wenn es stimmte, was Elias mir erzählt hatte. Wenn ich wirklich halb Karan, halb Aydin war, musste sie selbst einmal einen Karan geliebt haben. Ich musste sie fragen. Patricias Reaktion auf mein Geständnis, dass ich mit Elias geschlafen hatte, kam mir wieder in den Sinn. Erst jetzt verstand ich, wie schwierig es für meine Mutter gewesen sein musste. Sie hatte meinen Vater nie erwähnt. Hatte er sie verlassen oder sie ihn? Ich wusste so wenig über ihre Beziehung. Natürlich hatte es eine Phase in meinem Leben gegeben, in der ich wissen wollte, wer mein Vater war, doch meine Mutter hatte sich mit Halbantworten bedeckt und die Fragen mit einem Lächeln abgewehrt.
Irgendwann hatte ich aufgehört, sie zu stellen.
Ich freute mich darauf, meine Mutter zu sehen, trotz allem. Sicher, sie hatte mehr als ein Geheimnis vor mir gehabt, aber sie hatte ihre Gründe. Mich zu beschützen, zum Beispiel. Ein warmes Gefühl stieg in mir auf, und ich konnte es kaum erwarten, sie zu umarmen.
Sicherlich hätte ich auch vorher anrufen können, aber etwas sagte mir, dass es keine gute Idee gewesen wäre. Meine Mutter hätte sofort wissen wollen, was ich mit ihr besprechen wollte, und ich musste ihr Gesicht sehen, wenn ich sie mit all dem konfrontierte, was in den letzten Wochen passiert war.
Müde lehnte ich mich in den Sitz zurück und schloss die Augen.
Bilder von Elias flackerten durch mein Bewusstsein, wie er vor mir stand, die Hand an meine Wange legte, doch es waren nur Erinnerungen. Es fühlte sich an, als wäre eine Verbindung zwischen uns gerissen, weil ich nicht mehr von ihm träumte, aber er hatte es als eine Spielerei abgetan. Vielleicht bedeutete es, dass es ihm ernst mit mir war … Ich zwang mich, nicht mehr an ihn zu denken. Andere Fragen waren drängender.
Ich kam mit einer halben Stunde Verspätung an dem kleinen, mir so vertrauten Bahnhof an. Während meiner Studienzeit war ich öfters nach Hause gefahren, doch nun erschien es mir, als wäre mein letzter Besuch Jahre her.
Da mein Magen knurrte, kaufte ich mir ein Sandwich und aß es langsam, während ich auf den Bus wartete.
Ich war mir noch unsicher, was ich sie zuerst fragen sollte. Ist mein Vater ein Karan? Das erschien mir zu direkt, aber letztendlich wollte ich genau das wissen. Ob Patricia sie darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass ich nun darüber Bescheid wusste, eine Aydin zu sein.
Ich seufzte, während ich in den Bus einstieg und mich setzte. Es würde in jedem Fall ein langes Gespräch werden.
Während der Fahrt sah ich aus dem Fenster. Als ich noch in meinem kleinen Dorf gelebt hatte, war mir die zerklüftete Landschaft Cornwalls leer und einsam vorgekommen. Jetzt entdeckte ich eine neue Romantik in den grünen Hügeln, durch die sich hier und dort grau das Gestein zog. In der Ferne blitzte das Meer auf, eine graublaue Masse, die am Horizont mit den schweren Wolken verschmolz. Kurz erlaubte ich mir den Tagtraum, mit Elias an die See zu fahren und Hand in Hand am Strand spazieren zu gehen … Aber mir war schmerzlich bewusst, wie unrealistisch diese Fantasie war.
Der Bus hielt an meiner Haltestelle und ich stieg aus. Eine Weile stand ich nur da und sog die frische Luft ein. Hier war es kälter als in London, aber es duftete nach Meer und Salz, ein Geruch, der mich wieder an Elias erinnerte.
Die aus grauen, groben Steinen behauenen Cottages erschienen mir wie der Rest der Landschaft in neuem Licht. Als Teenagerin hatte ich sie bedrückend und dunkel empfunden, jetzt dachte ich an Abende vor dem Kamin und warmen Kakao, wie meine Mutter ihn früher für mich gemacht hatte, wenn ich nicht schlafen konnte.
Enge Bürgersteige führten an der Straße entlang, auf der zu dieser Zeit kaum ein Auto unterwegs war. Ich kam an einem kleinen Gemischtwarenladen vorbei, in dem ich mir als Kind immer Süßigkeiten von meinem Taschengeld gekauft hatte, und an der Kirche, die ich mit meiner Mutter nur zu Weihnachten besucht hatte. Der rote Turm erhob sich nur wenig über die grauen Mauern der umliegenden Häuser. Verwitterte Grabsteine ragten wie schiefe Zähne aus der Wiese des Friedhofs, auf dem zuletzt vor hundert Jahren Leute begraben worden waren.
Das Haus meiner Mutter stand am Rand des Dorfes. Ich trat auf die Holztür zu. Der Wind, der hier ständig vom Meer aus über die Dächer strich, zerzauste mir das Haar und ließ mich frösteln. Bald wäre Herbst, und dann schon Weihnachten, und die Temperaturen sanken hier schneller als in der großen Stadt. Ich klopfte an.
Ich hörte den Widerhall des Klopfens von drinnen, doch keine Schritte, nichts, was auf ein Lebenszeichen hindeutete. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Vielleicht war meine Mutter nur zu Peggy gegangen, der Nachbarin, um bei einem Tee den neusten Dorfklatsch durchzusprechen. Oder sie war einkaufen, doch dann hätte ich sie auf meinem Weg am Eckladen treffen müssen. Auf jeden Fall, sagte ich mir, gab es eine ganz normale und rationale Erklärung dafür, dass sie nicht zu Hause war.
Ich klopfte noch einmal an, aber als ich nichts aus dem Inneren hörte, beschloss ich, meinen Schlüssel zu benutzen und drinnen auf meine Mutter zu warten.
Die Tür war nicht abgeschlossen, sondern nur zugezogen, was ich als ein gutes Zeichen deutete. Niemand hier schloss seine Tür ab, wenn er nur mal schnell zum Einkaufen oder nach nebenan ging, dafür war das Dorf zu klein und die Blicke der Nachbarn zu aufmerksam.
„Mom? Ich bin’s!“ Keine Antwort. Ich trat in den Hausflur ein und sog den bekannten Duft aus Putzmitteln und Mittagessen ein. Die Tür zum Wohnzimmer war nur angelehnt, und ich warf einen Blick hinein. Alles war, wie ich es kannte, das abgenutzte beige Sofa, der Fernseher auf dem Sideboard und die Bücherregale, in denen sich abgegriffene Lexika und meine Kinderbücher aneinanderreihten. Der Kamin in der Ecke wirkte noch immer wie der Bau eines Monsters. Erst spät hatten wir eine Zentralheizung bekommen, und Bilder vom Feuer in der kleinen Aussparung stiegen in mir auf. Jetzt erinnerten nur noch ein Schürhaken und eine Schaufel für die Asche daran, dass früher offenes Feuer in der vom Ruß schwarz gefärbten Höhle gelodert hatte.
Auf dem hölzernen Couchtisch stand eine Kaffeetasse, ungewöhnlich für meine Mutter, die sonst immer gleich abspülte. Ich runzelte die Stirn, beschloss aber, mir nichts weiter dabei zu denken.
Durch ein Esszimmer, das wir nie benutzt hatten, außer, um Kleidung zu trocknen, ging ich in die Küche. Die schwarzen Schieferfliesen waren wie immer sauber geputzt und reflektierten das Licht der Küchenlampe.
Auch hier sah alles aus wie immer, die dunkle Anrichte, die weiß getünchten Küchenschränke, und ich fühlte, wie eine vertraute Ruhe mich durchströmte. Durch die Terrassentür, die in den kleinen Garten führte, sah ich nach draußen und erlaubte mir kurz, ein Eichhörnchen zu beobachten, das bereits Nüsse für den Winter versteckte.
Ich beschloss, mir einen Tee zu machen, während ich auf meine Mutter wartete.
Während der Wasserkocher vor sich hinbrodelte, ging ich die schmale Treppe nach oben. Auch hier herrschte Stille, und ich warf einen Blick in mein altes Kinderzimmer. Alles war, wie ich es zuletzt verlassen hatte, selbst das Bett hatte meine Mutter vorbereitet und gemacht, als wäre ich nie ausgezogen. Die Holzdielen des Fußbodens knarzten, als ich einen Blick durch die geöffnete Tür in ihr Schlafzimmer warf. Mir blieb die Luft weg.
Kleidung lag verstreut auf dem Boden. Jemand hatte den Tisch neben ihrem Bett umgeworfen und dabei das Kabel der Nachttischlampe aus der Wand gerissen. Die Türen des Schranks standen offen, und der Inhalt war über den Boden verteilt.
Schwindel überkam mich, und ich hielt mich am Türrahmen fest.
Was war passiert?
Hastig lief ich über den Kiesweg zum Nachbarhaus. Eine alte Witwe namens Peggy wohnte hier, der meine Mutter manchmal bei der Gartenarbeit half. Ich ließ jegliche Höflichkeit hinter mir und klopfte stürmisch an die Tür. Zu meiner Erleichterung hörte ich Schritte im Inneren und ein gebrummtes: „Ich komme ja schon!“
Als Peggy die Tür öffnete, hätte ich sie beinahe am Kragen ihrer spitzenbesetzten Bluse gepackt. „Wo ist meine Mutter?“, stieß ich ohne Gruß hervor.
„Elisabeth!“, antwortete Peggy verblüfft. „Was machst du denn hier?“
„Ich wollte meine Mutter besuchen, aber sie ist nicht da, und ihr Zimmer ist verwüstet“, brachte ich hervor. „Hast du sie gesehen?“
„Komm doch erst mal rein, ich mache dir einen Tee“, sagte Peggy mit einem freundlichen Lächeln auf dem von Falten zerfurchten Gesicht.
Ich schüttelte den Kopf. „Nicht jetzt. Wann hast du meine Mutter zum letzten Mal gesehen?“
Sie hob verblüfft die weißen Augenbrauen, die in einem starken Kontrast zu den dunklen Locken standen, die sie sich färbte, solange ich sie kannte.
„Ich weiß nicht. Vor drei Tagen war sie zum Tee hier. Danach habe ich sie nicht mehr gesehen, aber ich dachte, sie wäre einfach beschäftigt.“ Sie überlegte. „Es ist schon ein bisschen komisch, normalerweise sehe ich sie fast jeden Tag, aber jetzt, wo du es sagst …“
„Du hast nichts Sonderbares mitbekommen?“, fragte ich.
„Nichts Sonderbares, aber … gestern war ein junger Mann hier. Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen, also kann er nicht von hier gewesen sein. Er trug eine Lederjacke.“Wieder überkam mich Schwindel, und ich musste mich am Türrahmen abstützen. Liyan. Elias‘ Bruder war hier gewesen, und jetzt war meine Mutter verschwunden. Vor Sorge wurde mir übel.
„Weißt du, wer das gewesen sein könnte?“, fragte Peggy besorgt.
Ich schüttelte den Kopf, dann nickte ich, weil ich nicht wusste, wie ich es erklären sollte. „Nur … flüchtig. Aus London. Aber er ist kein netter … Mensch.“ Die kleine Pause, die ich vor dem Wort ‚Mensch‘ machte, ließ Peggy die Stirn runzeln.
„Danke für die Auskunft“, sagte ich hastig. „Ich will dich nicht weiter stören.“
„Aber nein, du störst überhaupt nicht! Willst du wirklich nicht reinkommen?“
„Tut mir leid, ein anderes Mal vielleicht“, antwortete ich. „Ich muss erstmal rausfinden, wo meine Mutter ist.“