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Existenzanalyse hat ihren Ursprung in der Logotherapie Viktor Frankls. Die Weiterentwicklung, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat, geht aber über das ursprüngliche logotherapeutische Konzept hinaus und stellt es auf eine breitere Basis. Dies erweiterte das Verständnis der Existenz, und es veränderte das Menschenbild und die praktische Vorgangsweise grundlegend. Das vorliegende Buch stellt in erweiterter, überarbeiteter Fassung ein aktuelles Standardwerk der modernen Existenzanalyse dar. Es bietet eine systematische Einführung in ihr Wesen und ihre Vorgehensweise. Dazu gibt es einen Überblick über Grundlagen, Zugänge und Hauptströmungen, führt in die Methoden und in die exis-tenzanalytische Therapie ein und widmet sich konkret existenzanalytischen Behandlungsmethoden.
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Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2025
Alfried Längle ExistenzanalyseExistentielle Zugänge der Psychotherapie
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2., korrigierte und überarbeitete Auflage 2026
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Umschlagbild: Regina Längle
Satz: Wandl Multimedia-Agentur, Groß Weikersdorf
Druck: Prime Rate, Budapest
Printed in Hungary
ISBN 978-3-7089-2496-0 (Print)
ISBN 978-3-99111-955-5 (E-Pub)
Geleitwort
Es ist ein Charakteristikum der Existenzanalyse, dass sie den Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern in einem dialogischen Eingebundensein in seine Welt. Daher ist diese Perspektive im Blick zu halten, wenn es darum geht, ihn zu verstehen. So soll einleitend ein Blick auf den Menschen aus der Perspektive seines Weltbezugs in Verbindung mit der Psychotherapie geworfen werden.
Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen aufgrund einer weitgehend als unfassbar erlebten Komplexität gesellschaftlicher Prozesse darum ringen, die „Welt“ auf eine für sie überschaubare Ordnung zu reduzieren. Dabei gerät aber allzu oft Essenzielles aus dem Fokus. In den großen, überbürokratisierten Institutionen, die ihrerseits den Auswirkungen der Globalisierung unterworfen sind, und in den kognitiv zerfaserten sozialen Netzwerken kann der Mensch immer weniger die Erfahrung machen, dass er mit dem, was er tut, auch etwas Sinnvolles und Wertvolles bewirken kann. Im Gegenteil: Zwischen dem eigenen Einwirken in komplexe Netze und einer erkennbaren Reaktion als „Antwort“ darauf wird nur noch selten ein Zusammenhang erfahren – eine Konstellation, die Martin Seligman als „erlernte Hilflosigkeit“ beschrieben hat. Zudem sollen Menschen allzu oft primär nur noch funktionieren – preiswert und reibungslos: Eine eigene Stellungnahme, die sinnvolle Entfaltung mit dem hierdurch eingepassten Tun, ist kaum gefragt oder wird sogar eher als störend gebrandmarkt.
Von dieser Entwicklung ist auch die Psychotherapie in zweierlei Hinsicht betroffen: Zum einen muss sie sich mit den in diesem Klima wuchernden Symptomen auseinandersetzen. Manche heutigen Formen und Dynamiken von Depression, Burn-out, Anpassungsstörungen oder Ängsten haben mit diesen skizzierten gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Zum anderen ist aber auch die Ausübung von Psychotherapie jenen Kräften unterworfen, welche aus einer globalisierten und ökonomisierten Welt erwachsen sind: Auch im Bereich von Medizin und Psychotherapie wird alles nur noch mit der Elle kurzfristig kalkulierbarer ökonomischer Effizienz gemessen. Und der Drang nach möglichst einfachen Antworten hat inzwischen die administrativen und bürokratischen Einrichtungen durchdrungen, welche die Psychotherapie und ihre Rahmenbedingungen verwalten, strukturieren und bestimmen.
Aus dieser Perspektive erscheint ein Programm, das nachweisbar in wenigen Sitzungen zunächst ein bestimmtes Ziel erreicht – etwa die Arbeitsfähigkeit eines Menschen momentan wiederherzustellen –, fraglos effizienter als andere Vorgehensweisen, die mehr Sitzungen benötigen würden, um damit ihre humanistischen Ziele zu erreichen. Besonders wenn diese Vorgehensweisen sich einfacher Operationalisierbarkeit dadurch entziehen, dass sie nachhaltiger angelegt und daher mit den komplexen weiteren Lebensgeschehnissen verwoben sind. Es ist nur allzu verlockend, dem schwierigen Diskurs über die Frage, was der Gesundung von kranken Menschen dient, auszuweichen und sich an leicht und kurzfristig beurteilbare „Fortschritte“ zu halten. Psychotherapie wird in dieser Logik mittels eines stark reduzierten Messsystems erfasst, abgebildet und hinsichtlich ihrer Effizienz beurteilt.
Für eine solche Beurteilung scheinen Forschungsdesigns, die dem „Goldstandard“ der „randomized controlled trials“ (RCT) genügen, der Königsweg zu sein: Unter sauberen Laborbedingungen lässt sich damit nämlich experimentell prüfen, ob klar definierbare Ursachen ebenso klar definierbare Wirkungen haben und bei der Bekämpfung klar definierbarer Störungen messbare Erfolge erbringen. „Objektiv“ erfasste Befunde lassen sich so zu „wissenschaftlich“ berechneten Zahlen verdichten. Eine solche Sicht suggeriert, dass man auf langwierige Diskurse über die „Wirksamkeit“ von Psychotherapie verzichten könne. Statt sich mit der Pluralität von Lebensvorstellungen und anthropologischen Theorien auseinanderzusetzen, die letztlich für die Beurteilung von Relevanz und Qualität einzelner Psychotherapieverfahren wesentlich sind, muss man nur noch auf „Fakten“ und „Ergebnis-Zahlen“ verweisen. Und die Auswahl dessen, was Therapeuten lernen sollen und tun dürfen, lässt sich mit einem solchen Ansatz wissenschaftlich scheinbar objektiv feststellen.
Dass auf einem solchen Weg bevorzugt – um nicht zu sagen: überwiegend – solche therapeutischen Ansätze als „wirksam“ erscheinen, die in ihrer klinischen Vorgehensweise diesem methodischen Forschungsmuster folgen (oder sich zumindest diesem für die Beurteilung unterwerfen), liegt auf der Hand. Durch die Brille und mit dem Werkzeug einer bestimmten Forschungsmethodologie lässt sich die vermeintliche Überlegenheit der so gemessenen Effizienz in der Anwendung operationalisierbarer, manualisierter Therapieprogramme unter Laborbedingungen fraglos wissenschaftlich nachweisen.
Aber Psychotherapie findet in der Praxis nicht unter Laborbedingungen statt. Und das Leben der Menschen, die eine Psychotherapie aufsuchen, lässt sich noch viel weniger aus einem so eingeengten Blickwinkel angemessen erfassen. Schon vom Zeit- und Entwicklungshorizont her kann man dem oben skizzierten Ansatz kritisch entgegenhalten, dass sich ein menschliches Leben über größere Zeiträume erstreckt, als dies in üblichen Katamnesestudien abgebildet wird – ja, es ist sogar bedeutend länger als die in der Arbeitswelt zugebrachten Jahre. Für solche Zeitrahmen gibt es praktisch keine Studien, die brauchbare wissenschaftliche Aussagen über die langfristige Wirksamkeit eines Psychotherapieverfahrens zulassen. Und wir wissen noch weniger darüber, welche Verfahren im Hinblick auf den gesamten Lebenslauf wirklich am effektivsten sind – ja, wir hätten nicht einmal seriöse Designs, um einen so isolierten Aspekt wie die Wirksamkeit einer durchgeführten Psychotherapie aus der Komplexität der Lebensdynamik und der Vielfalt der Einflüsse herausschälen zu können.
Anders als unter einer experimentell-wissenschaftlichen, darf unter einer psychotherapeutischen Perspektive viel grundsätzlicher problematisiert werden, ob wir menschliches Leben in der Psychotherapie überhaupt im Sinne wissenschaftlicher Forschung „erfassen“ wollen, das heißt, ob eine „erfassende“ Haltung und Vorgehensweise wirklich die einzige oder adäquateste oder hilfreichste ist, mit der Psychotherapeuten die Begegnung zu ihren Klienten gestalten. Oder aber ob die Entwicklung des Menschen – auch die Entwicklung hin zur Gesundung und Transformation von leidvollen Er-Lebensmustern – nicht vielleicht besser in einer Förderung der Antwortmöglichkeiten auf die allgemeinen und je spezifischen Fragen des Lebens bestehen könnte – einschließlich einer verantworteten Stellungnahme hierzu? Und ob es nicht anthropologisch begründete Grundmotivationen im Leben des Menschen gibt, die es für einen solchen Heilungsweg erfordern, dass sich der Mensch mit seiner Weise, „in der Welt zu sein“, auseinandersetzt? Bei einer solchen Auseinandersetzung steht dann nicht nur die Erwägung von Prinzipien und Erkenntnissen aus dem (ggf. über viele Generationen gewonnenen) Erfahrungsschatz anderer Menschen im Zentrum. Vielmehr geht es um eine Begegnung von Person zu Person, in welcher die wesentlichen eigenen Potenziale und aktualisierten Gewordenheiten erfahren und stimmig zur Sprache gebracht werden können.
Wenn man solchen Fragen nachgeht, kommt man zu anderen Antworten und Betrachtungsweisen dessen, was für die Psychotherapie bedeutsam ist, als wenn man sich primär an einer Laborwirksamkeit bestimmter Vorgehensweisen orientiert. Die menschliche Existenz kann nicht reduktionistisch gewogen, vermessen und unter Laborbedingungen analysiert werden, ohne ihr Wesen zu verlieren. Und hier setzt das vorliegende Werk von Alfried Längle an: In dem Spektrum psychotherapeutisch hilfreicher Ansätze mit ihren je spezifischen Verstehens- und Vorgehensweisen zeigt er einen an existentiellen Fragen ausgerichteten Zugang zur Psychotherapie auf: die Existenzanalyse.
Wie Längle in dem Buch deutlich herausarbeitet, hat Viktor Frankl mit seiner Logotherapie wichtige Beiträge für einen solchen existentiellen Zugang geleistet. Jedoch haben wir es Längle zu verdanken, zunächst von der Logotherapie ausgehend, durch eine Neupositionierung und Entwicklung seiner „Personalen Existenzanalyse“ eine phänomenologische Psychotherapie entwickelt zu haben, die international große Beachtung gefunden hat. Wie für heutige Psychotherapieansätze typisch, kann die Existenzanalyse dabei einerseits als eigenständiger Ansatz betrachtet werden, der zudem andere Ansätze zunehmend beeinflusst und angeregt hat. Andererseits lässt sie sich unter der Fragestellung der Zuordnung zu den vier großen psychotherapeutischen Grundorientierungen (psychodynamisch, verhaltenstherapeutisch, humanistisch und systemisch) dem Spektrum der humanistischen Psychotherapieansätze zurechnen. Wobei auch dies wiederum eher eine akademische und berufspolitische Frage ist, als dass damit dem Anliegen von Therapeuten oder Patienten irgendwie Rechnung getragen würde.
Vor diesem Hintergrund bietet das Buch einen Überblick über eine existentielle Psychotherapie, die die Person des Menschen in den Fokus stellt. Dies nun in überarbeiteter Form zu publizieren, kommt dem Wunsch vieler Studierender und Fachkollegen entgegen, sich mit diesem Ansatz in seiner aktuellen Form auseinandersetzen zu können. Denn gerade unter Psychotherapeuten wächst die Kritik an der oben skizzierten Dominanz einer rein an der Handlungslogik von RCT-Studien orientierten Psychotherapie. Bei aller Wertschätzung der gerade unter restringierten Bedingungen erfolgreichen Anwendung solcher Programme (sofern und soweit der damit verbundene Anspruch maßvoll und nicht mit Alleinvertretungsrhetorik vorgetragen wird) weist doch die Expertise vieler im alltäglichen Feld psychotherapeutischer Arbeit stehender Fachleute einen großen Bedarf an Vorgehensweisen auf, die den Menschen in seiner spezifisch humanen Seinsweise im Blick haben. In der psychosozialen Profession wächst der Wunsch, dem Bedürfnis vieler Patienten nachzukommen, ihnen bei der Erhellung der existentiellen Herausforderungen ihres Lebens fundierte Hilfe anbieten zu können.
Die in diesem Band vorgetragene phänomenologische Betrachtungsweise und die daraus resultierenden Vorgehensweisen der Existenzanalyse laden dazu ein, den Blick auf den Menschen mit seinen Potenzialen und seinem Leiden nicht generalisiert, sondern individualisiert zu richten und dabei das je Einmalige, Persönliche und Einzigartige zu betonen. Diese verstärkte Anwendung der Phänomenologie kennzeichnet auch die Existenzanalyse von Längle in besonderem Maße.
Es ist zu hoffen, dass diese Einführung in die Grundfragen und Vorgehensweisen der Existenzanalyse von Alfried Längle viele Professionelle und Interessierte im psychotherapeutischen Feld erreicht und vielleicht mit zur Korrektur gegenwärtiger Fehlentwicklungen in unserer Profession beitragen kann. Ich wünsche diesem Buch daher eine weite Verbreitung und die Anregung zu intensiven Diskursen über das Spektrum und die Voraussetzungen psychotherapeutischer Tätigkeit.
Osnabrück, März 2025
Univ.-Prof. Dr. Jürgen Kriz
Inhalt
Vorwort
ITheorie der Existenzanalyse
AWas ist Existenzanalyse (EA)?
1Hinführung zur Existenzanalyse
1.1Wie die Existenzanalyse arbeitet
1.2Das Spezifische der Existenzanalyse – leben mit innerer Zustimmung
1.3Existenz
1.4Existenzanalyse
1.5Existenzphilosophie
2Entstehungsgeschichte der Existenzanalyse
3Heutige Entwicklung der Existenzanalyse
4Existenzanalyse und die Hauptströmungen der Psychotherapie
5Existenzanalyse – eine existentielle Psychotherapie
6Forschung und Evaluation
BVoraussetzungen, um zur Existenz zu gelangen
1Die Grundhaltung für erfüllende Existenz: die phänomenologische Offenheit
1.1Dasein in dieser Welt – eine existentielle Herausforderung
1.2Die Suche nach dem Zugang zum Sein in der Welt
1.3Warum Phänomenologie? – Zur Begründung der Methode
1.4Die Dynamik des „Geworfen-Seins“
1.5Person-Sein in der Welt: die „doppelte Realität“ des Menschen
1.6Die dialogische Veranlagung des Menschen
1.7Menschsein heißt In-Frage-Stehen – die existentielle Wende
2Der existentielle Schritt: leben mit innerer Zustimmung
2.1Leben ist Antwort geben
2.2Antwort geben erschließt die Existenz
2.3Zustimmung – die Basis aller Antwort
2.4Zustimmung verschafft Präsenz
3Existenzanalytische Selbstreflexion: sich als gefragt erleben
3.1Existentielle Selbstverwirklichung
3.2Die Fragen, in denen der Mensch steht
3.3Spur zum Lebenssinn
CDie Systematik der Existenzanalyse
1Das Menschenbild der Existenzanalyse im Spannungsfeld der Existenz
1.1Das dimensionale Menschenbild
1.2Die anthropologischen Aufgaben der Existenz
2Die Struktur und Dynamik der Existenz
3Die existentiellen Grundmotivationen im Überblick
4Die erste Grundmotivation – Da-sein-Können als Grundbedingung der Existenz
4.1Was steht infrage?
4.2Was ist zu tun?
4.3Die Voraussetzungen für das Dasein
4.4Der Grund des Seins
4.5Der Umgang mit dem Sein
5Die zweite Grundmotivation – Leben-Mögen als Beziehungsfrage der Existenz
5.1Was steht infrage?
5.2Was ist zu tun?
5.3Die Voraussetzungen, um leben zu mögen
5.4Der Grund des Lebensgefühls
5.5Der Umgang mit dem Leben
6Die dritte Grundmotivation – Selbst-sein-Dürfen als Frage nach dem Person-Sein in der Existenz
6.1Was steht infrage?
6.2Was ist zu tun?
6.3Die Voraussetzungen, um „sich selbst sein zu können und zu dürfen“
6.4Der Grund des Selbst-Seins
6.5Der Umgang mit dem Selbst-Sein
7Die vierte Grundmotivation – die Sinnfindung
7.1Was steht infrage?
7.2Was ist zu tun?
7.3Die Voraussetzungen, um sinnvoll handeln zu können
7.4Der Grund des Sinns
7.5Der Umgang mit dem Sinn
8Das Resultat der Grundmotivationen – das Handeln als Vollzug der Existenz
8.1Was steht infrage?
8.2Was ist zu tun?
8.3Die Voraussetzungen für ganzheitliches Handeln
8.4Das Ergebnis ganzheitlichen Handelns
9Das Prozessmodell der EA – die Personale Existenzanalyse (PEA)
10Die phänomenologische Haltung
11Die Psychodynamik
II Praxis der Existenzanalyse
D Existenzanalyse als Therapie
1Existentielles Verständnis von psychischer Störung bzw. Krankheit
2Diagnostik
3Einteilung der psychischen Störungen bzw. Krankheiten nach Schweregrad
4Wirkung existenzanalytischer Psychotherapie
5Verhältnis von unspezifischer zu spezifischer Therapie
6Therapieerfolg aus der Sicht der Existenzanalyse
7Therapeutische Beziehung und Begegnung
8Existenzanalytische Tests
8.1Existenz-Skala (ESK)
8.2Test zur Existentiellen Motivation (TEM-R)
8.3Existentielle Lebensqualität (ELQ)
EDie behinderte Existenz – Verständnis und Behandlung psychischer Störungen
1Angststörungen
1.1Angst und Phobie
1.2Panik
1.3Zwang
1.4Vorklinische Ängstlichkeit
2Depression
3Hysterie
4Kontext-Störungen
4.1Sucht
4.2Suizidalität
4.3Beziehungsstörungen
4.4Sexualstörungen
4.5Trauma
5Persönlichkeitsstörungen
6Psychosomatik
7Psychosen
8Säuglings-, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie
9Anhang: Existentielle Pflege
FExistenzanalytische Behandlungsmethoden
1Umgang mit Aggression
2Biografische Methode
3Dereflexion (Frankl)
4Einstellungsänderung
5Existentielle Wende (Frankl)
6Paradoxe Intention (Frankl)
7Personale Existenzanalyse (PEA)
8Personale Positionsfindung (PP)
9Phänomenologische Dialogübung („Sesselmethode“)
10Perspektiven-Shifting
11Sinnerfassungsmethode (SEM)
12Willensstärkungsmethode (WSM)
13Trauerbegleitung
14Psychologische Schuldbearbeitung
15Verzeihen
16Bereuen
GOrganisatorisches
1Die Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE)
2Andere Vereinigungen
3Die Ausbildung in Existenzanalyse (GLE-International)
4Nützliche Adressen
5Literaturempfehlungen
Verwendete Literatur
Stichwortregister
Namensregister
Vorwort
Humanistische Psychotherapien haben ihren Namen deshalb, weil sie sich in ihrer Arbeit auf das spezifisch Menschliche im Menschen beziehen und das, was den Menschen ausmacht, im Blick behalten wollen. Diese Therapieformen setzen daher an den Fähigkeiten des Person-Seins an und arbeiten vor allem mit den Ressourcen des Person-Seins.
Existenzanalyse stellt in diesem Rahmen eine existentielle Akzentuierung dieses Zugangs zum Menschen dar. Als existentielle Vorgangsweise wird primär auf das Freisein des Menschen rekurriert. Das läuft in der konkreten Arbeit darauf hinaus, ihn in seinen Möglichkeiten, seinem Wählen, Entscheiden, etwas zu Seinem zu machen, und dabei in seinem Verantwortlichsein für sein Handeln zu unterstützen.
Über diesen Weg werden die wichtigen Inhalte der humanistischen Psychotherapie – natürlich Freiheit und Verantwortung, aber auch Beziehung und Kongruenz, Selbstentfaltung und Sinn, Dialog und Begegnung – aktiviert.
Dieses Buch gibt einen Einblick in den Aufbau und die Arbeitsweise einer existentiellen Psychotherapie. Existenzanalyse nahm ihren Anfang in der Logotherapie Viktor Frankls. Die Entwicklung, die in den letzten vierzig Jahren stattgefunden hat, integriert viel vom logotherapeutischen Konzept, das auf der Sinn-Orientierung aufgebaut ist.
Die moderne Existenzanalyse unterscheidet sich jedoch von der klassischen Logotherapie. Die heutige Existenzanalyse beruht auf einem phänomenologischen Paradigma, das den Menschen in seinem Erleben fokussiert, und ist daher nicht metaphysisch fundiert, wie es die Logotherapie ist. Diese Vorgangsweise erweitert das Verständnis der Existenz und es verändert das Menschenbild und die praktische Vorgangsweise grundlegend. Die Entwicklung umfasst v. a. die phänomenologische Fundierung der Arbeits- und Forschungsweise, aber auch den expliziten Einbezug der Psychodynamik und verstärkt auch des Körpers sowie die Entwicklung zahlreicher Methoden. Die bedeutendsten Merkmale der modernen Existenzanalyse sind das Strukturmodell mit den vier personal-existentiellen Grundmotivationen sowie das phänomenologisch begründete Prozessmodell, die Personale Existenzanalyse.
Das vorliegende Buch stellt in dieser erweiterten und überarbeiteten Fassung ein aktuelles Standardwerk der modernen Existenzanalyse dar, mit Bezug zu vielen Publikationen, die in diesem Rahmen erschienen sind. Die Existenzanalyse, die hier vorgestellt wird und in der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (Wien) organisatorisch beheimatet ist, ist national und international bereits so weit verbreitet, dass sie im Rahmen der existentiellen Psychotherapien weltweit die größte Gruppierung unter den existentiellen Therapien darstellt.
Mein Wunsch für dieses Buch ist, dass sich diese phänomenologische Sicht- und Behandlungsweise des Menschen in Psychotherapie, Beratung und Coaching zum Wohle der Menschen weiterverbreitet. Sie ist aus jahrzehntelanger Erfahrung und unzähligen, sehr persönlichen Gesprächen mit Patient:innen und Klient:innen entstanden. Das Herzensanliegen dieser Vorgangsweise ist es, Menschen in ihrem Person-Sein zu sehen und in ihrer Eigenständigkeit und Würde zu fördern.
Noch eine Anmerkung zur Überarbeitung des Buches: Es war mir die kritische Sicht meiner Frau Silvia von unschätzbarem Wert. Es ergaben sich zahlreiche grundlegende Diskussionen und Präzisierungen, die oft ihrem wissenschaftstheoretisch geschulten Geiste und ihrer psychotherapeutischen sowie forschungsbezogenen Praxis zu verdanken sind. Damit hat sie zu der vorliegenden Fassung auch Substanzielles beigetragen. Außerdem war es mir eine große Freude, so mit ihr zusammenarbeiten zu können. Sei ganz herzlich bedankt!
Wien, im November 2015 und April 2025
Alfried Längle
I Theorie der Existenzanalyse
A Was ist Existenzanalyse?
1 Hinführung zur Existenzanalyse
Die heutige Existenzanalyse (EA) ist eine existentielle Psychotherapierichtung, die auf dem Boden der Logotherapie Viktor Frankls erwachsen ist. Ab den 1980er-Jahren wurden diese Inhalte von Alfried Längle im Hinblick auf die praktische Anwendung methodisch adaptiert und praktisch zugänglicher gemacht. In einem weiteren Schritt wurden die Prozesse systematisch phänomenologisch beleuchtet und schließlich grundlegend erweitert und auf neue – phänomenologische – Grundlagen gestellt. So wurde die EA zu einer methodisch und theoretisch breiter angelegten, wissenschaftlich fundierten Psychotherapierichtung entwickelt.
Was Menschen bei der EA anspricht, ist ein offener, respektvoller, begegnender und dabei durchaus konfrontativer (be-„gegnender“) Stil. Der Charakter der menschlichen Begegnung durchzieht die Arbeit, die nicht durch Methoden, Techniken, Aufstellungen, Übertragungs- oder Lernarbeit bestimmt wird. Zu dem Schwerpunkt der offenen, auf Wesentliches und das interpersonale Geschehen konzentrierten Begegnungen in den Gesprächen kommt, dass die EA auch Inhalte vermittelt und zu Haltungen anregt, deren Ursprung über die akademische Psychologie hinausgeht und in der Reflexion des Lebens und seiner Inhalte liegt. Dies hat die EA mit anderen Richtungen der humanistischen Psychologie gemein.
Neben diesen eher allgemeinen Charakteristika wird das Einmalige der EA aber vor allem darin gesehen, dass sie – bei aller Offenheit, allem Freilassen und Respektieren des je Eigenen, was einen personalen Ansatz kennzeichnet – eine Struktur der Existenz (eine Landkarte ihres Aufbaus) und eine klare, schrittweise Abfolge von Verarbeitungsprozessen vorweist, die die Lebensführung und -gestaltung unterstützen. Diese Struktur bildet außerdem eine Basis für Verständnis und Behandlung von psychischen Störungen. Doch machen weder das Struktur- noch das Prozessmodell inhaltliche Vorgaben. Sie stecken einen formalen Rahmen ab und sind Anleitungen zur Selbstfindung durch die Patienten1 und Klienten, die auf ihrem Weg durch das persönliche Mitgehen der Therapeuten begleitet werden.
In diesem Abschnitt A wird ein Überblick gegeben über die EA, über den Namen und ihre Entwicklung, die Geschichte und ihre Einordnung in die Hauptströmungen der Psychotherapie.
1.1 Wie die Existenzanalyse arbeitet
Existenzanalyse wird heute definiert als eine phänomenologisch-personale Psychotherapie mit dem Ziel, dem Menschen
• zu einem (leiblich und geistig-emotional) freien Erleben,
• zu authentischen Stellungnahmen und
• zu einem eigenverantwortlichen Umgang mit sich selbst und seiner Welt
zu verhelfen (Längle, Tutsch 2000, 182f; Längle 2021).
Um dies zu erreichen, ist die Entfaltung des personalen Potentials zentral in der Arbeit der EA. Dies geschieht vor allem durch den Fokus auf die dialogische Auseinandersetzung mit sich und seiner Welt. In der EA wird primär auf das geschaut, was im Leben gerade aktuell ist. Es interessiert, wie sich der Mensch in seinen situativen Bezügen versteht und behauptet, darin geformt wird und sich selbst und seine Welt gestaltet. – Das heißt für die Praxis, dass die EA vorwiegend an dem ansetzt, was den Menschen jetzt gerade bewegt. Es wird darauf geschaut, was die Werte sind, die ihm wichtig sind und ihn berühren, weil sein Verhalten ja von diesen geleitet wird. So im Leben stehend trifft der Mensch auf vier Strukturen, die der Existenz zugrunde liegen – Welt, Leben, Selbst-Sein und Kontext/ Sinn (wir werden auf sie ausführlich zurückkommen). Ihre Inhalte bringen Orientierung und Stabilität in seine Existenz und fordern gleichzeitig zur Wahrnehmung und zum Handeln heraus. Sie sind Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Als Grundbedingungen der Existenz durchziehen sie das Leben und bewegen den Menschen unablässig. Darum werden sie als existentielle „Grund-Motivationen“ bezeichnet.
Die EA ist eine junge Psychotherapierichtung. Die Psychotherapie ist ihr Haupteinsatzgebiet. Sie wird aber auch als Lebens- und Sozialberatung und als Coaching angewendet und kommt darüber hinaus in Pädagogik, Seelsorge, Pflege, Leadership sowie in der Organisationsentwicklung zum Einsatz. Sie stößt unter Psychotherapeuten und angrenzenden Berufen sowohl in Europa als auch in Amerika auf ein erfreuliches und wachsendes Interesse. Ebenso wird ihr von Patienten- und Klientenseite immer wieder attestiert, dass sie sich von dieser Therapie- und Beratungsform menschlich sehr angesprochen und verstanden fühlen (vgl. Laireiter et al. 2000, 2013). – Was ist nun das Spezielle an der EA? Warum also EA?
1.2 Das Spezifische der Existenzanalyse – Leben mit innerer Zustimmung
Ziel der existenzanalytischen Arbeit
In der EA steht der praktische Zugang zur Existenz im Vordergrund. Die ihr zugrunde liegende Theorie nimmt Anleihe an der Philosophie. Die Forschung, kritische Prüfung und Weiterentwicklung rekurrieren auf die Erfahrung und Empirie. Der Fokus der EA liegt aber auf der konkreten psychotherapeutischen, beraterischen, pädagogischen etc. Hilfestellung. Ihr Schwerpunkt liegt also in der Praxis, ausgehend von einem praktischen Verständnis von Existenz, das nicht in der Philosophie bleibt. Damit geschieht theoriedynamisch etwas Wichtiges: Es wird ein Begriff aus der Philosophie in die praktische Psychologie übergeführt und in diesem Bereich anwendbar gemacht. Das lebenspraktische Verständnis von Existenz meint ein entschiedenes Leben und Handeln, das nicht automatisch und bloß in Reaktionen abläuft, sondern worin der Mensch Stellung bezieht und in Abstimmung mit sich und in Übereinstimmung zu den Anfragen bzw. Gegebenheiten der Situation zum Handeln kommt.
Für ein solches Existenz-Verständnis hat die EA einen eigenen Zugang, einen Schlüssel, in welchem die zugrunde liegende Anthropologie zusammengefasst ist. In der EA wird Existenz verstanden als „Leben mit innerer Zustimmung“. „Existenz-Analyse“ kann daher verstanden werden als eine psychologische Anleitung und Hilfestellung zur besseren Realisierung der Existenz, d. h. eines Lebens, das subjektiv und persönlich als lohnend, wertvoll und erfüllend erlebt wird (in Kap. B.2 wird mehr dazu ausgeführt). Die EA hat eine Vorgangsweise über die vier Grundmotivationen entwickelt, um die Zustimmung zum eigenen Sich-Verhalten finden zu können bzw. sein Verhalten so zu ändern, dass man die eigene Zustimmung (wieder) spürend finden kann. Der Weg zur Existenz braucht eine doppelte Auseinandersetzung, eine innere mit sich selbst und eine äußere mit der Welt. Über diesen Weg kommt es durch einen Integrationsprozess zur Ausbildung des eigenen Willens und der Entschiedenheit, wodurch der Mensch seine Handlungsbereitschaft in der Welt erlangt. So bedeutet das Existieren die Gestaltung beider Pole: der eigenen Welt ebenso wie der eigenen Person.
Existenz wird als Lebensvollzug mit innerer Zustimmung verstanden. Dadurch kann der Mensch sich selbst sein im atmenden Austausch mit sich und seiner Welt. Er hat offenen Zugang zu sich und zum anderen, ist berührbar, nimmt Stellung und antwortet so auf die Inhalte und Anfragen des Lebenskontextes.
Mit innerer Zustimmung leben – das Konzept der Lebensaffirmation
In der EA wird das Augenmerk besonders darauf gelenkt, dass der Mensch sein Leben selbst, eben „persönlich“ gestaltet und führt, sodass er in seinem Leben wirklich präsent ist und sein Leben als das Seinige empfinden kann. Durch diese Perspektive rückt das Person-Sein (siehe Kap. B.1.5) in den Vordergrund, d. h. das, was jeden Menschen einmalig und einzigartig macht. Das Person-Sein hat die Charakteristik, dass es nicht verschlossen und abgekapselt im Menschen ruht, sondern ein Potenzial darstellt, das ihn offen macht, sodass er gleichsam geistig „atmend in der Welt“ (Buber 1973, 41) ist, in ständigem dialogischem Austausch mit dem, worin er steht und worauf er bezogen ist. EA ist daher eine Therapierichtung, die sich für die Intentionalität des Menschen und des Menschseins interessiert.
Das bedeutet in psychologischer Sprache, dass die EA darauf aus ist, dem Menschen zu einem emotional freien Erleben zu verhelfen, auf dessen Grundlage er zu authentischen Stellungnahmen kommen kann. Das soll ihm, wie schon oben in der Definition beschrieben, zu eigenverantwortlichem, d. h. selbständigem, freiem Umgang mit sich selbst und seiner Welt verhelfen. Praktisch hat das für die existenzanalytische Psychotherapie und Beratung zur Folge, mit den Menschen daran zu arbeiten, dass sie den Dialog aufnehmen mit der Situation und mit sich selbst in jeder Situation, um so das eigene Handeln und Erleben in jeder Situation abzustimmen. Dies gibt somit das Ziel existenzanalytischer Arbeit vor: dem Menschen zu helfen, bei all dem, was das individuelle Leben mit sich bringt an Voraussetzungen, Einschränkungen, Möglichkeiten und Chancen, auf einen Umgang zu achten, der für einen persönlich „stimmig“ ist – was identisch ist mit einem gespürten inneren „Ja“ (Längle 1993b; 1999a). Solche innere Zustimmung heißt nicht optimistisches Einverständnis oder resignatives „Alles-einfach-Hinnehmen“, sondern bedeutet echte Auseinandersetzung in Form eines inneren und äußeren Dialogs2, ein Sich-Stellen der jeweiligen Situation, ein Sie-Gestalten und Sich-selbst-Gestalten. In einem solcherart gewachsenen „Ja“ zu den eigenen Handlungen (das auch begleitet ist vom „Nein“ gegenüber dem, wovon man sich abgrenzt) findet der Mensch seinen ganz persönlichen Zugang zu „seiner Welt“, zu seinen Beziehungen und Werten, zu sich selbst und zu dem, was er als „Sinn“ im Leben finden kann (siehe Kap. B.2). Dieses gespürte „Ja“, das aus freien Stücken und der Kontrolle enthoben im Menschen spontan aufkommt, ist letztlich Lebensaffirmation, Bejahung und Bestärkung („firmis“) des Lebensbezugs. Der Begriff (erstmals Längle 1999b) umspannt zwei grundlegende Konzepte der EA:
• das doppelte Bezogen-Sein des Menschen (siehe Kap. B.1.5), das durch die aktive Beziehungsaufnahme zu sich und zum Leben einerseits und zur Situation andererseits realisiert wird; und noch basaler
• die grunddialogische Veranlagung des Menschen, die in den einzelnen Akten des Antwortens zum Vollzug kommt (siehe Kap. B.1.6).
In beiden ist die Offenheit des Person-Seins grundlegend.
Lebensaffirmation bezeichnet in der Existenzanalyse die bejahend-akzeptierende Haltung zum Leben, die mit der gespürten inneren Zustimmung zu dem, was der Mensch macht, realisiert wird. Sie hebt den Menschen in die Existenz. Mit dem Begriff „mit Zustimmung leben“ kann die EA nachgerade definiert werden.
Respekt für das Freisein des Menschen
Es liefe dem Menschenbild und der Theorie der EA zuwider, wenn man versuchte, dem Menschen Inhalte oder Verhaltensweisen vorzugeben. Jeder Mensch lebt sein Leben, soll in persönlichem Dialog seinen Weg, seine Werte ebenso wie sich selbst darin finden (wenn er einfach Vorgegebenem, Traditionen oder andere kopierend lebt, so ist dies auch sein Leben – die Frage der EA wäre nur, ob er sich dafür entschieden hat oder ob es ihm einfach „passiert“). Sich selbst zu sein in seinem Leben, darum geht es in einer EA. Darin besteht ein wichtiger Bereich seines Freiseins – frei-sein für sich selbst. Und natürlich im Umgang mit dem anderen und der Welt seine Entscheidungen treffen zu können. Um das erreichen zu können, bedarf es einer freilassenden, Raum gebenden, möglichst offenen Zugangsweise durch den Therapeuten/Berater, deren Präsenz für die Patienten fühlbar sein soll. So wird in der EA vorwiegend phänomenologisch vorgegangen, um den Menschen in der Begleitung und Unterstützung möglichst gut in Seinem zu verstehen und auf dieser Basis mit ihm in Dialog zu treten.
EA als personale Psychotherapie
Mit ihrem spezifischen Ausgangspunkt, dem Person-Sein in der Welt, kann die EA als eine personale Psychotherapie bezeichnet werden. Das heißt, dass die EA den Fokus auf die persönliche Stimmigkeit im Verhalten und Erleben legt, ein ganz subjektives Kriterium, das im Menschen situativ „erwacht“ und im Innersten in Form eines Gespürs „zu sprechen“ anhebt. Damit wird in der EA versucht, zu helfen, gegen Indoktrinationen und Führungsansprüche von außen wie innen (rationale, traditionelle, anerzogene, den Erwartungen entsprechende) anzutreten und sich abzugrenzen, um so seine eigene Freiheit (Selbst-Bestimmtheit) zu wahren und in existentiell lohnender Weise umzusetzen.
Das bringt die Frage mit sich, wie der Mensch „aufgebaut“ ist, dass ihm dies möglich ist. Welche Intentionen sind in ihm angelegt? Wonach strebt er und mit welchen Mitteln macht er das? Der EA liegt in der Weiterführung von Frankls dreidimensionalem Menschenbild (z. B. 1959) ein vierdimensionales Menschenbild zugrunde (Abb. 1). Demnach hat der Mensch gleichermaßen Anteil am physischen, psychischen, personalen (geistigen) und existentiellen Sein (ausführlicher in Kap. C.1):
Abb. 1: Das vierdimensionale Menschenbild (in Anlehnung an Frankl) beschreibt die Einheit Mensch als Ausgestaltung der vier Erscheinungsweisen des Menschen (Körper, Psyche, Person-Sein (Geistiges) und unaufhebbare Verbundenheit mit Andersheit)
Dieses Schema verdeutlicht, dass im Menschen vier miteinander verwobene, aber auch voneinander verschiedene Kräfte stets und gleichzeitig wirksam sind und das Menschsein charakterisieren. Diese vier Dimensionen spannen gleichsam einen Raum auf, in welchem die Existenz in der Wechselwirkung mit der Welt vollzogen werden kann (vgl. die vertiefte Darstellung in Kap. C.1). Jede der Kräfte ist dafür gleich wichtig, doch haben sie unterschiedliche Zuständigkeiten. Während der Körper/Leib das physische Sein in der Welt darstellt und als physische Ausstattung des Menschen sein Dasein in der physischen Welt ermöglicht (Bauer E-J 2009; Angermayr 2022), achtet die Psyche auf die vitale Erhaltung des Daseins, auf das Überleben. Die personale Dimension spielt für die Existenz eine andere Rolle. Als Person spürt der Mensch, was das jeweils Richtige und Wichtige ist, trägt er die Verantwortung für sein Handeln, sucht er nach Sinn, hat er ein Gespür für das ethisch Geforderte usw. Die Eindrücke aus der äußeren und inneren Welt werden auf der personalen Ebene auf ihre Wichtigkeit für die Lebens- und Weltgestaltung hin durchleuchtet und erfasst. Als personales Wesen findet der Mensch sein Verständnis des Wesentlichen der jeweiligen Situation und seiner selbst darin. Auf der Basis dieser drei Dimensionen ist der Mensch stets angewiesen und ausgerichtet auf „Andersheit“, andere Menschen, Tiere, Dinge, Gedanken, Begegnungen usw., auf die er sich einlässt, mit ihnen verbunden ist, die ihm seine „Welt“ darstellen, in der er lebt. Solcherart „in seiner Welt stehend“ vollzieht der Mensch seine Existenz, macht sich präsent in dieser dialogischen Verwobenheit mit anderem, ist wirkend und so ver-wirklicht er auch sich selbst.
Unter Person-Sein wird in der EA eine intuitive Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen verstanden, dank derer er wesentlich sein kann und worin die Echtheit (Authentizität) des Menschen und seine Würde begründet ist. Das Person-Sein wird subjektiv erlebt als innere (Un-)Stimmigkeit, die bei Wertbezügen, Entscheidungen und dem eigenen Verhalten oder dem Beobachten des Verhaltens anderer aufkommt. Nach außen manifestiert sich das Person-Sein in der Begegnung, wenn Ich und Du in Dialog miteinander treten. Der Person erweisen wir Respekt, weil sie Würde hat. Auf das Person-Sein wird in diesem Buch noch mehrfach und ausführlicher eingegangen (vgl. v.a. Kap. B.1.5 und B.1.6); hier soll dieser kurze Steckbrief genügen.
1.3 Existenz
Existieren bedeutet, auf Dialog und Auseinandersetzung mit Andersheit und mit sich selbst ausgerichtet zu sein. Es bedarf der anderen Menschen und der Dinge, um sich entwickeln und ein Ich bilden zu können. So ist der Mensch den äußeren Gegebenheiten oder inneren Trieben und Dynamiken sowie den körperlichen Bedürfnissen nicht einfach ausgeliefert, sondern kann sich zu den Dingen, zu anderen Menschen ebenso wie zu sich selbst verhalten, d. h. in einen Umgang mit ihnen kommen.
Neben den oben genannten vier anthropologischen Dimensionen werden in der EA vier existentielle Strukturen beschrieben, auf die der Mensch dialogisch abgestimmt ist und mit denen er sich stets auseinandersetzen muss: nämlich mit der Welt, dem Leben, dem Person-Sein und den zeitlichen (Zukunft) und räumlichen Kontexten (sozialen und physischen Zugehörigkeiten wie Familie, Arbeitsplatz, Land usw.). In Kapitel C.2 wird ein Überblick über diese existentiellen Grundmotivationen gegeben. So wird Existenz in der EA definiert als ein sinnvolles, in Freiheit und Verantwortung gestaltetes Leben, das der Mensch als das seinige erlebt und worin er sich als Mitgestalter versteht (vgl. auch Längle 2014a, 18). Den praktischen Zugang erhält der Mensch durch ein Leben, das sich an der inneren Zustimmung ausrichtet, wie oben beschrieben.
Neben dieser ganzheitlichen Existenz gibt es auch defiziente Formen der Existenz, nämlich wenn der Mensch ohne personale Abstimmung mit seinem Inneren (ohne innere Zu-Stimmung) und Berücksichtigung der Werte im Außen Entscheidungen trifft und damit nicht wirklich die Verantwortung für seine Entscheidungen auf sich nimmt. Hier handelt es sich um eine „verfallene“ Form der Existenz (Heidegger). Noch mehr geht der Mensch seiner Existenz verlustig, wenn er sich bloß auf reaktivem Niveau verhält (z. B. getrieben von der Psychopathologie oder verhaftet in Coping-Reaktionen – vgl. S. 100 und Kap. C.10). Dann ist er diesem Verständnis zufolge nicht zur Existenz gelangt.
Existenz-Analyse
Mit den Begriffen „Existenz“ und „Person“ ist die Basis für das Verständnis dessen geschaffen, worum es in der EA geht: nämlich um Existenz (um „wirkliches Dasein“), zu dessen Vollzug es das Person-Sein braucht. Das Person-Sein wird in seiner Verbundenheit mit den anderen Dimensionen als zentraler Zugang zur Behandlung gewählt. Anders gesagt interessiert in der EA die Frage: Wie vollzieht ein Mensch seine Existenz? Wie bringt er sein Person-Sein zum Vollzug? Was kann ihm helfen, mehr er selbst zu sein in seinem Leben, sein Leben mehr zu „personieren“? Dem nähern wir uns an mit Fragen wie: Wie geht er mit seinen Gegebenheiten um, was ist ihm wichtig, worauf lebt er hin? Um dies zu verstehen, rückt das Person-Sein mit seinem subjektiven Erleben und Entscheiden in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Praktisch gesehen geht es dabei um den zentralen Fokus, wie und wofür der Mensch die innere Zustimmung zu dem, was er tut oder lässt, findet und ob er nach ihr leben kann.
Den Fokus auf die Existenz und ihren Vollzug gerichtet, rücken in der praktischen Tätigkeit die inneren und äußeren Bedingungen und Voraussetzungen für den Existenz-Vollzug in den Blickpunkt. EA ist daher Analyse der Bedingungen, um zu einer erfüllenden, d. h. mit Zustimmung gelebten Existenz zu kommen. Existenz resultiert aus der dialogischen Auseinandersetzung mit den Voraussetzungen gelingender Existenz, sie kann nicht direkt hergestellt werden.
Im Verlaufe einer EA wird die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, wie und aufgrund wessen sich ein Mensch entscheidet, worauf er sich einlässt und was er so zu „seiner Welt“ macht. Es interessiert, wo er widrigenfalls sich und andere Werte verliert, weil er nicht in dialogischen Austausch und somit in Abstimmung mit sich selbst treten kann. Es interessiert, wofür er leben will und wie sehr es ihm gelingt, dabei er selbst zu sein (Authentizität) und für Wertvolles zu leben. Es interessiert nicht in erster Linie, welche unbewusste (Trieb-)Dynamik nach einer Befriedigung sucht oder was ein Symptom symbolisch zu bedeuten hat. Vielmehr wird das Finden innerer Zustimmung zum eigenen Verhalten als oberstes Ziel existentieller Lebensgestaltung angesehen. Hat der Mensch Zustimmung zu dem, was er tut und erlebt, so hat er der EA zufolge die beste Chance, zu einem persönlich erfüllten Leben zu kommen, weil die eigene Existenz so vollzogen wird, wie sie in ihrem Wesen strukturell angelegt ist.3
Daraus ergibt sich, dass aus der Sicht der EA die Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Existenz an erster Stelle steht, wenn es um ein seelisch gesundes und subjektiv erfülltes Leben gehen soll. Damit erhalten die personalen (geistig-intentionalen) Fähigkeiten einen vorrangigen Stellenwert für die Gestaltung der Existenz. Durch die personale (d. i. phänomenologische, siehe später) Wahrnehmung des Wesentlichen steht dem Menschen eine Leitlinie für sein Leben zur Verfügung, die in der EA aufgegriffen und in der therapeutischen und beraterischen Begegnung unterstützt wird. Das beschreibt sowohl den primären Zugang wie auch den Gesamtrahmen der Methode.
Andere Disziplinen und Methoden, die an der körperlichen und psychischen Dimension ansetzen, wie Medizin, Körpertherapie, lernpsychologische oder psychodynamische Verfahren der Psychotherapie etc., haben auch für die EA große Bedeutung. Die Behandlung von Körper oder Psyche steht in einer EA bisweilen im Vordergrund, weil auch sie einen Zugang zum Person-Sein ermöglicht. Nicht immer geht es um existentielle Erfüllung, nicht jedes Problem hat in erster Linie mit dieser Grundausrichtung der Lebensgestaltung zu tun (wenngleich sie sogar bei einem Beinbruch oder „rein organischen Krankheiten“ im Blickfeld zu behalten ist und die letztlich entscheidende Rolle spielt). Auch wenn körpertherapeutische, psychodynamische oder systemische Zugänge in der EA eingebunden werden, die existenzanalytische Behandlung bleibt immer auf das Person-sein-Können als letzte Ausrichtung der Arbeit fokussiert.
Der Begriff „Existenzanalyse“ wird vielleicht von manchen formal in freier Assoziation mit „Psychoanalyse“ in Verbindung gebracht. Tatsächlich hat Viktor Frankl den Begriff Existenzanalyse (ab 1933, publiziert 1938) als paradigmatischen Gegenbegriff zur Psychoanalyse gedacht. EA hat somit einen Bezug zur klassischen „Psycho-Analyse“, wenngleich in einem oppositionellen und ergänzenden Sinn.
Existenzanalyse und Unbewusstes
Die therapeutischen Prozesse in der EA können nicht ohne das Unbewusste und die ständige Erfahrung von Begrenzungen in Erinnerung, Wissen, Fähigkeiten usw. durchgeführt werden. Doch geht es in der EA nicht primär darum, Unbewusstes möglichst bewusst zu machen oder Begrenzungen zu überwinden. Das Unbewusste wird nicht als etwas angesehen, das möglichst dem Bewusstsein zugänglich oder ihm vielleicht untergeordnet werden soll, sondern es gilt im Regelfall als Entlastung für den Lebensvollzug und ist darüber hinaus oft auch ein (vorübergehender) Schutz. Das Unbewusste wird in der EA also nicht als Kontrahent oder gar gefährliche Kraft angesehen, sondern als eine primär intuitive Fähigkeit des Menschen, sein Leben ganzheitlich zu gestalten und Bereiche, die nicht im Blickpunkt des (sozial erwünschten oder rational geleiteten) bewussten Verhaltens liegen, in sein Leben einzubinden. Es ermöglicht eine Spontaneität und Unmittelbarkeit des Lebensvollzugs und hilft in der Verarbeitung der Komplexität, deren vollständige Bewusstheit zur Belastung werden könnte.
So markiert der Begriff „Existenz-Analyse“ neben dem Gemeinsamen (Analyse, Tiefe des subjektiven Erlebens) auch gleichzeitig den zentralen Unterschied zur Tiefenpsychologie wie auch zu anderen Richtungen der Psychotherapie. Der Begriff ist daher Programm: Es geht um die gelebte und vollzogene Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Existenz, auch in ihren unbewussten Vollzügen. Wichtiger als die Bewusstheit von Handlungsgrundlagen und Hintergründen ist in der EA die Stimmigkeit als (zumeist) bewusst wahrnehmbares „Barometer“ auch unbewusster Prozesse.
Existenz-Analyse impliziert ein Menschenbild
Da EA eine Behandlungsform darstellt, braucht sie als Grundlage eine Theorie, die erklärt, was gesundes Leben und Verhalten ist, worauf es beruht und wie es erreicht werden kann. Dazu und zur wissenschaftlichen Begründung ihrer Vorgangsweise ist ein Menschenbild und eine Reflexion fundamentaler Lebensbezüge (der „Strukturen der Existenz“) vorzulegen. Diese sind in Verbindung mit den einzelnen Strebungen des Menschen – seinen Motivationen – und den Leidenszuständen zu bringen. Aus diesen Grundannahmen der menschlichen Existenz und der Bedeutung des Person-Seins wird die methodische Vorgehensweise abgeleitet. Die EA enthält damit nicht nur das, was in ihrer Sicht als „gesund“ angesehen wird, sondern auch was als „wichtig“ für eine erfüllende Existenz gilt; auch diese positive Orientierung wird in der Behandlung im Blick behalten, nicht nur die Überwindung der Hindernisse und Defizite.
In der EA wird davon ausgegangen, dass das Wesentliche der Existenz des Menschen in seinen eigenen Händen liegt, das heißt, ob, wie und wofür er die immer vorhandene Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, erkennt, ergreift und ausführt. Aus dieser Sicht hängt das Wesentliche der Existenz vom Menschen selbst ab. Existenz kommt nur zur Erfüllung, wenn sie in diesem Sinne frei und von innen heraus gelebt werden kann. Darin wird die Grundlage für eine persönliche Erfüllung im Dasein gesehen, weil es die Erfüllung des „Wesens der Existenz“ darstellt (vgl. Kap. B.2.3). Die dafür adäquate Vorgehensweise hat diesem persönlichen Freiraum und der dialogischen Struktur der Existenz zu entsprechen. Um dies zu erreichen, braucht es eine phänomenologische Haltung und Vorgangsweise (vgl. Kap. C.10).
Konkret leitet sich daraus ab: Sofern ein Mensch nach Erfüllung im Leben sucht (was in seiner Wahl liegt und nicht etwa durch Veranlagung voll determiniert ist), so geht das der EA zufolge nur über eine Auseinandersetzung mit den vier Grundstrukturen der Existenz (oder Grundmotivationen, GM, vgl. Kap. C.3). Um auf der Basis dieser Grundstrukturen zu einem guten Leben, „zur ganzheitlichen Existenz“ zu gelangen, setzt der Mensch folgende Fähigkeiten ein:
•Halt-Finden und mit den Gegebenheiten zurechtkommen (1. GM),
•Wert-Fühlen und sich auf Beziehungen einlassen können (2. GM),
•mit Entschiedenheit und Authentizität leben (3. GM) und
•sich mit den größeren Zusammenhängen abstimmen, wodurch das Leben in Verantwortung vor sich selbst und vor anderen handelnd vollzogen wird (4. GM).
Es geht in diesem Konzept um ein Leben, das situativ immer wieder als geschützt, beziehungsvoll und gut, als personal und sinnvoll erfahren werden kann und sich letztlich auf den umfassenden spirituellen Grund des Lebens implizit bezieht. Diese Elemente, die der existentiellen Erfüllung zugrunde liegen, werden als Grundlage für seelische Gesundheit angesehen. Auf dieser Grundlage kann der Mensch seine persönliche Erfüllung und sein Glück finden.
Existenz und Krankheit
In der EA ist man mehr an der Gesundheit interessiert als an der Krankheit. Für die seelische Gesundheit ist es wichtig, dass der Mensch mit sich selbst und mit seiner Umgebung in Über-ein-stimmung steht bei dem, was er tut oder lässt. Dafür ist der dialogische Austausch (mit anderen, mit der Welt, mit sich selbst) grundlegend. In dialogischer Offenheit stehen und in stimmiger Beziehung zu sich selbst leben zu können, ist in diesem Verständnis von Existenz sogar wichtiger, als körperlich gesund und psychisch konfliktfrei zu sein.4 Natürlich ist diese dialogische Abstimmung mit sich und anderen/anderem in psychischer Gesundheit leichter zu finden und durchzuhalten, als wenn Störungen das Erleben und Verhalten partiell fixieren. Man kann es so zusammenfassen: Mit Störungen ein existentiell erfülltes Leben zu führen, ist wohl immer wieder möglich, aber anstrengender, komplizierter und schwieriger durchzuhalten.
Die Über-ein-stimmung mit sich und der Umgebung ist wichtig für ein erfüllendes Leben und hat darum weitreichende praktische Bedeutung. Das Person-Sein „hebt“ den Menschen mit dem Körperlichen und Psychischen in die Existenz (die Dimensionen sind untrennbar verbunden). Und trotzdem sind die Dimensionen voneinander auch verschieden. Darum kann der Mensch trotz aller Begrenzung dank seines „Spaltes von Freiheit“ in seinem Wesen intakt sein, auch wenn er körperlich krank oder gelähmt ist oder gar im Sterben liegt. Er kann seine personale Integrität bewahren, „Ich“ bleiben in seinem Kern, in seinem Wesen, das den vollen menschlichen Respekt verdient, auch wenn da viele Probleme sind oder der Mensch leidet, wie z. B. unter Beziehungsstörungen, wirtschaftlicher Not, Schlafstörungen, körperlicher Verstümmelung und Gebrechen, Neurosen, Persönlichkeitsstörungen oder einer Psychose (vgl. Frankl 1975, 242 f.). Denn zu seiner vollen Existenz gelangt der Mensch nicht durch das Freisein von allem Behindernden, sondern durch das Ausschöpfen seines personalen, gestalterischen Freiraums, wodurch er das jeweils Bestmögliche – das Beste, das ihm unter den gegebenen Umständen möglich ist und das er als solches ansieht – in der konkreten Situation verwirklichen kann. Der Mensch ist nicht einfach, was er ist. Er ist mehr als das. Er ist, was er durch seine Entscheidungen und Handlungen aus sich macht – er wird also ständig und immer aufs Neue das, was er sein kann. Er ist in seinem Wesen ein Potenzial, ein „noch nicht ganz“, ein Unfertiger, ein Werdender; einer, der sich selbst sein kann aber nicht muss (Heidegger 1927b, 12; Jaspers 1956b, 2; Spaemann 1996, 19–24, 262; Frankl 1975, 41 ff.). Darin verwirklicht das Ich die personale Freiheit. Durch kontinuierlichen inneren Dialog, durch stets neue eigene Positionierung, durch Übung und Lebenspraxis werden die Freiräume erhalten und sogar erweitert. Es ist dieses innere Freisein, dieses Potenzial zur Autodetermination, das Respekt verdient, denn es lässt den Menschen letztlich aus sich heraus bestimmt sein.
Mit dieser Veranlagung verbunden ist die Würde des Menschseins, die jedem körperlichen oder psychischen Status vorgeordnet bleibt (vgl. Scheler 1978, 11, 38, 70 f.; 1980, 372; Frankl 1975, 277; Jaspers 1962, 474; Spaemann 1996, 181; Plessner 1928, bes. 289).
Im Leiden stellen sich die Fragen der Existenz manchmal noch schmerzlicher als man sie ohnehin kennt. Sie stellen sich jedem Menschen in der täglichen Auseinandersetzung mit dem Dasein manchmal mehr, manchmal weniger bewusst. Kann der Mensch ihnen nicht entsprechen, seinen Umgang und seine Antworten finden, beginnt er zu leiden. Hält dies an oder sind die Belastungen zu stark, werden die Divergenzen zu groß, die Konflikte zu tief, entstehen in der Folge psychische Krankheiten (vgl. Ofman 1988, bes. 261–266; Längle 1992c). Aus diesem Verständnis leitet sich die Indikation der EA ab.
1.4 Existenzanalyse
In der EA ist der Fokus primär auf das Person-Sein (d. i. die geistige Dimension) gerichtet. Die Arbeit setzt an ihrer Fähigkeit, zu erleben und zu beurteilen, an. Praktisch wird das in der beraterischen oder therapeutischen Arbeit durch das Erhellen der inneren Zustimmung zu dem, was man tut oder lässt, gefunden.
Dieses Konzept kann im therapeutischen und beraterischen Kontext vielfältig zum Einsatz kommen.5 Das Arbeiten mit der personalen Stimmigkeit leitet sowohl das methodische Vorgehen als auch die Ausrichtung der Inhalte in den Gesprächen an und beeinflusst die Atmosphäre nachhaltig. Durch den Fokus auf die innere Zustimmung wird die Bildung von authentischen, gespürten Entscheidungen bei den Klienten gefördert und geübt. Das stärkt das selbstbestimmte und eigenverantwortliche Leben.
Mit dieser Vorgehensweise wird der Mensch als personal-geistiges6 Wesen angesprochen. Sein zentrales Charakteristikum, das spürende Wahrnehmen des Wesentlichen, wird dadurch in den Mittelpunkt gerückt (Bauer 2012 reflektiert diesen Umstand philosophisch). Methodisch wirkt sich das so aus, dass hauptsächlich in Frageform vorgegangen wird, wodurch die Patienten/Klienten in die Position von „Entscheidenden“ rücken. Sie sollen klären und festlegen, was, wie viel und wie sie sprechen wollen. Sie sollen sich und ihre Situation dadurch selbst aktiv gestalten.
In den existenzanalytischen Gesprächen geht es nicht darum, alles sagen zu müssen, was einem einfällt, und so das Innerste nach außen zu kehren. Denn hier geht es nicht um die Aktivierung des Unbewussten, sondern um die Aktivierung des Selbstseins als Person. Darum sollen die Klienten/Patienten nur das sagen, was sie auch sagen wollen, was ihnen aktuell wichtig ist, sie beschäftigt und was sie tragen können. Sie entscheiden daher immer wieder neu, aktualisieren sich neu dank ihrer personalen Ressourcen. Sie sollen nicht nur darum wissen, sondern durch die Gesprächsatmosphäre spüren, dass sie selbstbestimmt wählen und entscheiden. Die Therapie bzw. Beratung unterstützt sie darin. So wird z. B. üblicherweise der Klient am Beginn eines Gespräches gefragt, was ihm heute wichtig ist, worüber er heute sprechen möchte. – Da es sich aber um einen Dialog handelt, hat auch die Ansicht des Therapeuten ihren Platz. Die Existenzanalytiker geben, um bei dem Beispiel der Anfangssituation zu bleiben, den Klienten auch ihre Sichtweise kund, können die Aussage der Patienten bestätigen (und sprechen es aus: „Ich finde auch, dass das ein wichtiges Thema für heute ist“) oder stellen ihnen andernfalls die Frage, ob es nicht besser wäre, z. B. mit dem Thema der letzten Stunde fortzufahren. Wenn Existenzanalytiker Vorschläge machen, verstehen sie sich als dialogisches Gegenüber. Man geht nie ohne das Einverständnis des Klienten vor – eine Haltung, die heute in vielen Therapieformen ähnlich praktiziert wird und oft unter dem Begriff der Einholung und Arbeit an der Bereitschaft und der Schaffung einer therapeutischen Allianz beschrieben wird (vgl. z. B. Reimer et al. 1996; Parfy et al. 2003).
Dadurch, dass sich die Therapeuten ebenfalls in das Gespräch einbringen, kommt auch ihre innere („phänomenologische“) Resonanz der offenen Wahrnehmung und Stellungnahme dazu. Ihre Rede ist persönlich, folgt nicht einem Schema, ist nicht an Methoden gebunden, sondern ist dialogisch-empathisch und in jedem Gespräch frei und neu aus der Situation geschöpft. Es wird jeweils neu entschieden, was zu tun ist, um möglichst individuell vorgehen und der Person und Situation entsprechen zu können. Jede Therapie ist einmalig, ist nicht wiederholbar. Diesen Umstand hat der Schweizer Arzt Dubois angeblich einmal so trefflich mit dem Satz illustriert: „Wer zwei Patienten in der gleichen Art behandelt, hat zumindest einen falsch behandelt!“
Neben den Anlagen und Erfahrungen ist es insbesondere das Freisein, das jeden Menschen und jede Gesprächskonstellation einzigartig macht. Alle Methodik und Technik, die das nicht berücksichtigt, geht am Menschen vorbei. Das kann leicht zum Schaden der Patienten gereichen, weil sie nicht den entsprechenden Raum und die nötige Förderung für das Ihre erhalten. Es hat aber auch für die Therapeuten und Berater einen guten Nebeneffekt: Es wird nie langweilig, weil ja beim Operieren mit dem Freisein immer wieder Neues hereinkommt.
Analyse der Bedingungen der Existenz
Existieren hat Voraussetzungen und Bedingungen. Existenzanalytische Arbeit ist daher notwendigerweise Analyse der Bedingungen für eine erfüllende, dem Wesen des Menschen gerecht werdende Existenz. Dabei gibt es allgemeine und konkrete Voraussetzungen. Die Analyse dieser Bedingungen erfolgt auf zwei Ebenen: anthropologisch-empirisch („Was braucht es allgemein für eine gute Existenz?“) und ideographisch („Was braucht dieser Mensch konkret unter seinen aktuellen Lebensbedingungen, um innere Erfüllung zu erlangen und seinem Dasein in der Welt gerecht werden zu können?“). Auf beiden Frageebenen, theoretisch wie praktisch, beleuchtet die EA zugleich den Aspekt des zu akzeptierenden, unveränderbaren Notwendigen, Festgelegten (wie z. B. nicht rückgängig zu machende Verluste), als auch die Seite des Freien, der Gestaltungsmöglichkeiten: Was braucht dieser Mensch dafür und welchen Spielraum hat er, um die Bedingungen verändern bzw. in ihnen und mit ihnen das Wichtige umsetzen zu können?
Existenz ist ein Ergebnis von Entscheidungen, die auf der Grundlage der inneren und äußeren Gegebenheit und Bedingungen getroffen werden. Darum ist die Arbeit an den Voraussetzungen, Bedingungen und Möglichkeiten für Existenz erforderlich. Existenz ist eine individuelle Leistung, die von der Freiheit des Einzelnen nicht losgelöst werden kann. Darum lässt sie sich nicht prognostizieren und nicht in allgemeingültigen Gesetzen festlegen. Existenz ist indeterminiert. Man kann sich nur für sie entscheiden und sie durch die Haltung der Offenheit und die Bereitschaft, sich einzusetzen, „eintreten“ lassen. Das Resultat eines solchen Engagements, die Erfüllung im Dasein, die Liebe zum Leben, die Sinnhaftigkeit und das Glück des Lebens können nicht auf direktem Wege erzeugt werden. Ebenso wenig können die Kraft, die Überzeugung oder Hoffnung, der Mut, die Lebenslust, ein Sinn einer Situation usw. – die Voraussetzungen also, die den Menschen in die Lage versetzen, schwierige Lebenssituationen durchzustehen – von ihm selbst „gemacht“ werden. Hier ist das Wollen des Menschen mit dem anderen Aspekt der Freiheit zu paaren, nämlich mit dem Lassen – sonst wird das Leben ein „Krampf“ (Längle 2012).
Indikation der EA
Indiziert ist die EA bei allen Formen psychisch, psychosozial oder psychosomatisch bedingter Leidenszustände und Verhaltensstörungen. Für diese Indikationen wurde sie im deutschsprachigen Raum vom Österreichischen Bundesministerium für Gesundheit (1982) und vom Schweizerischen Eidgenössischen Departement des Innern (EDI) 2022 als eigenständiges Psychotherapie-Verfahren anerkannt.
Die EA kommt nicht nur als Psychotherapie zur Anwendung, sondern auch als Lebens- und Sozialberatung, Coaching, Pädagogik, Seelsorge, in der Pflege und in der Leadership- und Organisationsentwicklung.
Grenzen der Behandlung
Das führt die Grenzen der Vorgehensweise vor Augen. Wissenschaftlichkeit und Methodik der Psychotherapie ersparen uns nicht die persönliche Arbeit an den Strukturen der Existenz und der eigenen Persönlichkeit. Man kann durch Fühlen, Erkennen, Lernen, Stellungnahmen einen gewissen Einfluss nehmen auf Erleben, Überzeugungen, Erwartungen und Haltungen, sowohl bei sich selbst als auch bei den Patienten, und man kann manche Bedingungen der Umwelt und Mitwelt gestalten. Doch bleibt jede Therapie den entsprechenden Eigengesetzlichkeiten und Bedingungen der Außen- und Innenwelt sowie den äußeren und inneren Ressourcen unterworfen. Psychotherapie ist kein Allheilmittel und kann nicht alles. Es ist oft schon viel getan, wenn eine schwierige Lebenssituation mit einem Menschen in einer offenen und annehmenden Haltung begleitet wird. Das Wichtige einer phänomenologischen Haltung in der Psychotherapie ist, ohne Erwartungen zu schauen, worum es eigentlich geht und was überhaupt verändert werden kann, und sei es auch noch so bescheiden. Die Patienten sollen nicht irgendwelchen Therapiezielen (auch nicht ihren eigenen, vielleicht unrealistischen Zielen oder Wünschen) untergeordnet werden, sondern es ist an ihnen selbst, an ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten Maß zu nehmen und sich gemäß ihrem Potenzial zu entwickeln.
Das bedeutet Zurücknahme und Bescheidenheit des existenzanalytischen Therapeuten, und es bedeutet, zu sehen, was diese Person in ihren aktuellen Umständen derzeit zu erkennen, zu erleben, zu entscheiden, zu tun imstande ist. Damit ist keinem therapeutischen Nihilismus das Wort geredet, im Gegenteil. Immer kann der Therapeut sich in Beziehung setzen, Anteil nehmen und mitgehen. Das hilft, verhilft den Menschen zu ihrer aktuell möglichen Existenz: zu einem Leben, das in der Offenheit eines inneren und äußeren Dialogs steht und sich daher auf das eigene Wesen ebenso bezieht, wie es sich mit dem Wesentlichen der Lebensumstände abstimmt.7 In einem solchen atmenden Austausch und handelnden Wirken in der Welt wird Existenz von ihrer Wurzel her realisiert. Denn wir sind in eine Welt gestellt, und nun gilt es, sich selbst zu finden (und zu werden) und mit den vorhandenen Gegebenheiten so umzugehen, dass möglichst etwas Gutes entsteht.
Doch muss der Mensch das nicht tun – er ist auch diesbezüglich frei. Er muss sich nicht finden, sich nicht treu sein und mit den Dingen der Welt sorgsam umgehen, muss sich nicht auf die Werte und die anderen Menschen oder auf sich selbst einlassen. Die EA macht keine Vorgaben, fordert nicht. Sie ist keine Ideologie, sondern ein „Erhellungsinstrument“ (Bauer E-J 2012). In ihr geht es darum, diese Möglichkeit bewusst und zugänglich zu machen und aufzuzeigen, was die Konsequenzen sind, damit jeder nach seinem Gutdünken, nach seiner inneren Stimmigkeit und nach Maßgabe seiner Möglichkeiten entscheidet.
1.5 Existenzphilosophie
Das Existenzverständnis der EA steht in der Tradition der Existenzphilosophie (z. B. Kierkegaard 1844; Heidegger 1927b; Jaspers 1956a, 1974; Levinas 1947, 1961; Merleau-Ponty 1945; Nietzsche 1886; Sartre 1946; Bollnow 1965; Müller 1964; Arendt 1990; Zimmermann 1992; Espinosa 1998), ohne sich auf einen der Philosophen explizit zu beziehen. In der philosophischen Tradition wird der Mensch grundsätzlich als eingebettet in eine Welt angesehen, mit der er wesensmäßig verbunden ist. Dasein ist „In-der-Welt-Sein“, wie es Heidegger (1927) formuliert (für die Psychotherapie ausgeführt z. B. von Holzhey-Kunz 2008, 203 ff.). Es ist gerade dieses Wechselverhältnis des Menschen mit „seiner Welt“, was das Mensch-Sein prägt. Weil diese Sicht des Menschen so grundsätzlich ist, wird ihr in der existenzanalytischen Anthropologie mit der vierten Dimension (der „existentiellen Dimension“) entsprochen (s. Abb. 1, S. 22). Der Mensch ist von seinem Wesen her nicht isoliert und soll daher nicht für sich allein als „Monade“ (Leibniz) behandelt werden. Alles Wachsen und Dasein sind vielmehr von vornherein und grundsätzlich in „atmendem Austausch“ (Buber) mit anderem, in einer Wechselbeziehung zu etwas oder jemandem. Sich selbst sein – mehr noch: sich selbst werden – erfolgt nur als Partizipation und in dialogischem Wechselverhältnis mit anderen und anderem. Damit deckt sich die EA mit dem Grundverständnis der Existenzphilosophie.
Doch soll dieser Außenbezug nicht zu weit gezogen werden. Das, was die Person als „das Eigene“ empfindet, ist nicht nur Internalisierung von äußeren Erfahrungen, sondern hat immer auch einen genuinen, unverwechselbaren Ursprung in der Person selbst.8 – Es charakterisiert die existenzanalytische Arbeit und Denkweise, den Menschen in „seiner Situation“ zu sehen, also in Verbund und Dialog mit den konkreten Umständen, die ihn als Person angehen bzw. ansprechen und so den „Dialog“ mit ihm beginnen (auf die Wichtigkeit des Verstehens in dem Zusammenhang geht Bauer E-J 2016 ein). Sich auf dieses grundlegende, tiefste Angesprochen-Sein auszurichten, bezeichnen wir als die „Ur-Intentionalität“ des Menschen, als den Beginn allen Motiviert-Seins (Längle 2022a). Wenn wir im Gespräch mit Patienten diese Ur-Intentionalität streifen, springt „der Funke“ über und hat veränderndes Potenzial.
2 Entstehungsgeschichte der Existenzanalyse
Der Gründer der Logotherapie, der Wiener Psychiater und Neurologe Viktor Frankl (1905–1997), kannte die Psychoanalyse Sigmund Freuds der 1920er-Jahre und hatte großes Interesse an ihr. Doch wechselte er bald zu Alfred Adler über und durchlief in der Individualpsychologie eine Ausbildung. Durch seine dortigen Lehrer Oswald Schwarz und Rudolf Allers befasste er sich vermehrt mit der Psychosomatik und kam durch Rudolf Allers mit der philosophischen Anthropologie und Phänomenologie von Max Scheler in Kontakt, was den Grundstein zur Entwicklung der Logotherapie legte.
Psychologismuskritik
Unter diesem Einfluss schloss sich Frankl der Husserl’schen und Scheler’schen Psychologismuskritik an und trat für eine Erweiterung der individualpsychologischen Anthropologie und Neurosenlehre ein. Adlers damalige Lehre, die die Neurose als Arrangement und damit als Mittel zum Zweck (sekundärer Krankheitsgewinn) ansah, beruhte psychodynamisch auf dem Minderwertigkeitsgefühl. Dies erschien ihm als Reduktionismus in der Form des Psychologismus, dem er eine Auffassung gegenüberstellte, in der die Neurose auch durch eine existentielle Desorientierung und durch ein Leiden an Sinnlosigkeit mitverursacht sein könne. Er vertrat die Ansicht, die Psychotherapie müsse durch die Einführung der „geistigen Dimension“ ergänzt und erweitert werden. Dem Reduktionismus Freud’scher und Adler’scher Prägung würde das spezifisch Humane (insbesondere die Sinnsuche) fehlen und bedürfe einer Erweiterung. Die öffentliche Bekundung dieser Ansicht führte 1927 zum Ausschluss Frankls aus der individualpsychologischen Vereinigung.
Gegen den Reduktionismus in der Psychotherapie
Reduktionismus bedeutet Vereinfachung durch Verringerung der Zahl der Dimensionen in der Betrachtung. Wenn komplexe Phänomene nur noch als Erscheinung psychischer Kräfte angesehen werden, wird eine Liebesbeziehung z. B. zum Versuch, ein Minderwertigkeitsgefühl zu überwinden. Die Attraktivität des Partners kann jedoch nicht nur in der Befriedigung des Minderwertigkeitsgefühls bestehen, sondern auch mit seiner Liebenswürdigkeit selbst zu tun haben, also mit einer Eigenschaft, die nicht von der Psyche des Verliebten allein hervorgebracht wird. Der geistigen Dimension des Menschen mit Freiheit, Wille und Würde des Menschen wird im Psychologismus ihre Eigenständigkeit aberkannt, sie wird dadurch ausgeblendet und allein auf psychische Vorgänge zurückgeführt. In weiterer Folge wird z. B. der Wert einer Handlung oder einer Aussage allein an der psychologischen Absicht und nicht an ihrem Inhalt oder ihrer Wirkung beurteilt.
Die auch von anderen Existenzphilosophen und Psychiatern (z. B. von Karl Jaspers, Ludwig Binswanger, Viktor v. Gebsattel) geführte Psychologismuskritik, nämlich alle geistigen Phänomene allein auf psychische Ursachen zurückzuführen, brachte Frankl (1959, 700) auf die plakative Formel: „zwei mal zwei ist vier, auch wenn ein Paranoiker es sagt“.
Umgelegt auf die Psychotherapierichtungen meinte Frankl: Während es in der Psychoanalyse um den „Willen zur Lust“ gehe und in der Individualpsychologie Alfred Adlers um den „Willen zur Macht“ (Nietzsche), ginge es in der „dritten Wiener Richtung für Psychotherapie“ (der Logotherapie) um den „Willen zum Sinn“. Dieses tiefe Streben des Menschen nach Sinn sei umfassender und keine partikuläre Motivation. Als solche verstand Frankl den Willen zum Sinn nicht nur als Ergänzung der beiden tiefenpsychologischen (psychodynamischen) Motivationskräfte, sondern als die primäre Motivationskraft des Menschen. Darum soll die Psychotherapie nicht nur unbewusste Triebhaftigkeit bewusst machen, sondern es müsse vielmehr in jedem Fall (auch und in erster Linie) um die Bewusstmachung des (unbewussten) Geistigen gehen (Frankl 1982a, 39), um der Ganzheitlichkeit des Menschen zu entsprechen. Darin liege der Fehler des Psychologismus: dass nämlich der Mensch auf die psychische Dimension reduziert werde und der Einfluss der somatischen und der personal-geistigen Dimension nicht integrativ und substanziell dazukomme.
