Goldstaub - Frank Wells - E-Book

Goldstaub E-Book

Frank Wells

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Beschreibung

Der Autor steht für einen unverwechselbaren Schreibstil. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. Er scheut sich nicht detailliert zu berichten, wenn das Blut fließt und die Fehde um Recht und Gesetz eskaliert. Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Eigentlich hatte sich Daisy Allyson unter ihrem Ausflug in die große Welt etwas anderes vorgestellt. In ihren Träumen hatte sie sich umgaukeln lassen von strahlendem Lichterglanz, von elegant gekleideten Menschen und kostbarem Schmuck. Jahre hindurch hatte sie den Augenblick herbeigesehnt, dass die finsteren Wälder und zerklüfteten Felstäler der Miembre-Mounts hinter ihr zurückblieben und das Tor zur Welt sich auftat, die für sie erst am Schienenstrang der South-Pacific-Railway begann. Und nun war sie enttäuscht, denn Tucson konnte ihren Träumen wahrhaftig nicht gerecht werden. Dieses im Sonnenglanz schlummernde Städtchen sollte ein Schmuckstück der weiten Welt sein? Der Himmel mochte Tante Sarah verstehen, dass sie ihre Erdentage ausgerechnet in einer so kümmerlichen Town zubrachte. Überhaupt Tucson! Genügte nicht der Name allein, um eine alte Dame von längerem Aufenthalt abzuschrecken? Denn der Name dieser Stadt war weithin zu traurigem Ruhm gelangt. Ein Blick auf den Friedhof genügte, um das zu erkennen. Tante Sarah hatte vermutlich doch recht, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger vor dem brutalen anderen Geschlecht warnte. Daisy Allyson konnte das nicht aus eigener Anschauung beurteilen. Sie kannte kaum mehr als zehn Menschen. In die Einsamkeit der Berg-Ranch drang selten jemand vor … und wenn sie über die finsteren, wortkargen Gesellen nachdachte, die ihren Bekanntenkreis ausmachten, dann musste sie Tante Sarah recht geben. Ihr Vater und die beiden Brüder bildeten keine Ausnahme. Aber vielleicht mussten Männer so werden, die ihr Leben in der Wildnis und im Kampf mit Wölfen, Pumas und Grislys zubrachten. Es war ein hartes Brot, das sich die Allysons verdienen mussten. Welche Nerven man dazu brauchte, hatte Daisy selbst erfahren müssen, als sie einmal einem Rudel ausgehungerter Wölfe gegenüber gestanden hatte. Und nur deshalb fühlte sie sich jetzt so seltsam beschwingt, so leicht und frei von der drückenden Last der Einsamkeit. Sie war unter Menschen, sah fremde Gesichter und zog alles Neue in sich auf.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die großen Western – 390 –

Goldstaub

Frank Wells

Eigentlich hatte sich Daisy Allyson unter ihrem Ausflug in die große Welt etwas anderes vorgestellt. In ihren Träumen hatte sie sich umgaukeln lassen von strahlendem Lichterglanz, von elegant gekleideten Menschen und kostbarem Schmuck. Jahre hindurch hatte sie den Augenblick herbeigesehnt, dass die finsteren Wälder und zerklüfteten Felstäler der Miembre-Mounts hinter ihr zurückblieben und das Tor zur Welt sich auftat, die für sie erst am Schienenstrang der South-Pacific-Railway begann.

Und nun war sie enttäuscht, denn Tucson konnte ihren Träumen wahrhaftig nicht gerecht werden. Dieses im Sonnenglanz schlummernde Städtchen sollte ein Schmuckstück der weiten Welt sein? Der Himmel mochte Tante Sarah verstehen, dass sie ihre Erdentage ausgerechnet in einer so kümmerlichen Town zubrachte.

Überhaupt Tucson! Genügte nicht der Name allein, um eine alte Dame von längerem Aufenthalt abzuschrecken? Denn der Name dieser Stadt war weithin zu traurigem Ruhm gelangt.

Ein Blick auf den Friedhof genügte, um das zu erkennen. Tante Sarah hatte vermutlich doch recht, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger vor dem brutalen anderen Geschlecht warnte.

Daisy Allyson konnte das nicht aus eigener Anschauung beurteilen. Sie kannte kaum mehr als zehn Menschen. In die Einsamkeit der Berg-Ranch drang selten jemand vor … und wenn sie über die finsteren, wortkargen Gesellen nachdachte, die ihren Bekanntenkreis ausmachten, dann musste sie Tante Sarah recht geben. Ihr Vater und die beiden Brüder bildeten keine Ausnahme. Aber vielleicht mussten Männer so werden, die ihr Leben in der Wildnis und im Kampf mit Wölfen, Pumas und Grislys zubrachten. Es war ein hartes Brot, das sich die Allysons verdienen mussten. Welche Nerven man dazu brauchte, hatte Daisy selbst erfahren müssen, als sie einmal einem Rudel ausgehungerter Wölfe gegenüber gestanden hatte.

Und nur deshalb fühlte sie sich jetzt so seltsam beschwingt, so leicht und frei von der drückenden Last der Einsamkeit. Sie war unter Menschen, sah fremde Gesichter und zog alles Neue in sich auf. Mochte dieses Tucson auch ein trostloses Nest sein, es bot auf alle Fälle Abwechslung genug für ein lebenslustiges Girl. Heute Abend zum Beispiel war Tanz, wie sie an der großen Anschlagtafel vor dem Saloon gelesen hatte. Tanz! Ob sie es wagen konnte, hinzugehen, obwohl sie kaum wusste, wie man sich auf dem glatten Parkett zu bewegen hatte? Aber sie dachte sehnsüchtig an die schluchzenden Laute der Gitarren. Und sie dachte an das wunderbare Ballkleid, das drüben im General-Store im Fenster lag – ein Gedicht aus fließender Seide.

Unwillkürlich beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie hätte nicht eine Evastochter sein müssen, wenn diese elegante Modeschöpfung ihre Anziehungskraft verfehlt hätte.

Schwere Chinaseide floss in schimmernden Wellen auf den staubbedeckten Boden des Schaufensters. Der ganze Schnitt, die enge Taille, der schwungvolle Volant, dazu der diskrete Bolero – nein, man musste sich einfach verlieben in diesen Traum von einem Kleid. Es stach von seiner Umgebung ab wie ein Diamant von Bachkieseln, denn der Inhaber des Stores war geschmacklos genug gewesen, direkt neben der zarten Seide schwere Ledersättel und mörderische Colts zu hängen.

Daisy Allyson überschlug schnell den Inhalt ihrer Geldbörse und seufzte schwer. Dieses Kleid würde sie vermutlich ruinieren, denn was der Vater ihr an Dollars zugesteckt hatte, reichte gerade für die Hin- und Rückfahrt. Er konnte rechnen. Und doch – wenn sie auf alles verzichtete – und wenn vielleicht Tante Sarah ihrem Geiz einen Stoß gab …

Zwischen Hoffen und Bangen glitten Daisys Blicke immer wieder über die Auslage und blieben schließlich geistesabwesend an einem grellrot umrandeten Plakat hängen, das die Schaufensterscheibe zierte. Sie las es unbewusst und ohne zu ahnen, wie eng schon jetzt ihr Kontakt zu dieser öffentlichen Bekanntmachung war.

500 Dollar Belohnung!

Diese Prämie erhält jeder, der nähere Angaben machen kann über die Männer, die am 14. Juli dieses Jahres die Arizona-Bank in Tombstone überfallen haben. Es handelt sich um vier oder fünf Banditen, die unerkannt mit einem Raub von 10 000 Dollar entkommen konnten. Bei dem Überfall wurden der Portier und der Kassierer der Bank getötet. Nähere Angaben nimmt jeder Sheriff entgegen.

Daisy Allyson nahm, wie gesagt, den Sinn dieser Bekanntmachung kaum in sich auf. Etwas interessierter wurde sie erst, als eine raue Männerstimme hinter ihr erklang.

»500 Dollar ist ein bisschen wenig, was?«, lachte der Mann. »Damit locken die keinen Hund hinterm Ofen hervor.«

»Schätze so«, entgegnete eine andere, wesentlich klangvollere und beinahe weiche Stimme. »Und doch – ich kenne einen, der noch nicht mal zehn Pence nehmen würde.«

»Wen meinst du? Doch nicht diesen verdammten Mark Delano, den sie ›Blondy‹ nennen?«

»Natürlich meine ich den! Der Kassierer soll sein Bruder gewesen sein!«

»Pah! Blödes Geschwätz. Kalkuliere, wir machen uns rüber zur Bar. Diese blutige Hitze liegt einem wie Blei in den Knochen.«

Der andere schüttelte den Kopf.

»Moment noch, Emilio. Sehe gerade, dass Snap Alben rüberkommt. Schätze, er hat etwas auf dem Herzen.«

Schon längst hatte Daisy die Ohren gespitzt.

Der eine, der mit der rauen Stimme, der Emilio hieß, hatte den olivfarbenen Teint der Mexikaner. Er war mittelgroß und untersetzt und schien über ziemliche Kräfte zu verfügen. Der andere dagegen war langaufgeschossen und hager, glattrasiert und mit tausend Falten und Fältchen um Mund und Augen. Beide schienen Dutzendmenschen zu sein, die man nur sieht, um sie wieder zu vergessen. Schon eine Minute später würde Daisy sie kaum wiedererkannt haben.

Der Dritte kam auf tänzelndem Pferd quer über die Straße. Jetzt glitt er lässig aus dem Sattel, ließ den Zügel fallen und rauchte eine Zigarette an. Er war noch hagerer und fleischloser als sein Kollege. Aus den eingefallenen Backen stachen die Knochen spitz hervor – wie bei einem Totenkopf. Die tief liegenden Augen glitten nach links und rechts über die lange Straße.

»Hallo, Diario – hallo, Emilio«, sagte er. Seine Stimme klang hohl, als käme sie aus einem leeren Fass.

»Was ist, dammy!«, forschte Diario. »Wir stehen hier wie bestellt und nicht abgeholt. Möchte wissen, was …«

Er brach ab und blinzelte gegen die grelle Sonne die Straße hinauf. Dann zog er mit einem Ruck den breitrandigen Sombrero in die Stirn, wohl, um besser sehen zu können.

Ohne Zweifel waren es die beiden Reiter, die seine Aufmerksamkeit erregten. Sie kamen auf dampfenden Gäulen herangeprescht und wirbelten eine Wolke von Staub auf.

»Das ist doch«, murmelte Emilio Vigilante, »das sind doch …«

»Natürlich sind sie das!«, knurrte Snap Alben, der Mann mit dem Totenkopf. »Hell and damnation – da ist was schiefgegangen!«

Die Reiter waren heran. Und nun erst sah Daisy Allyson, die schon längst das zauberhafte Kleid im Schaufenster vergessen hatte, den dritten Reiter. Er kam in knapp hundert Schritt Abstand hinter den beiden Ersten und ritt mindestens doppelt so schnell. Die Hufe seines Pferdes – eines Schimmels – schienen kaum den Erdboden zu berühren. Aber nicht das war es, was an diesem heranfegenden Ungewitter so faszinierte, vielmehr die Haltung des Reiters war es.

Er stand aufrecht in den Steigbügeln. Sein Sombrero war ihm vom Haupt geflogen und hüpfte, nur vom Sturmband gehalten, auf dem Rücken auf und ab. So wurde die wehende Mähne des Haares freigegeben, die wie eine goldene Fahne im Fahrtwind flatterte. Noch nie hatte Daisy ein so wunderbar glänzendes Haar gesehen. Und noch nie einen solchen Reiter, der geradezu verwachsen schien mit seinem Tier.

»Alle Teufel!«, schrie Diario Mescalari. »›Blondy‹ Mark Delano!«

*

Nie in ihrem ganzen Leben konnte Daisy Allyson die Augenblicke vergessen, die nun folgten. Noch Jahre nachher standen sie deutlich vor ihren Augen und jagten den gleichen Schauder über ihren Rücken wie jetzt, da das Drama seinen Anfang nahm.

»›Blondy!‹ Mark Delano!«, hatte der hagere Diario Mescalari geschrien.

Es klang wie ein Signal. Und es hatte auch die Wirkung eines Signals, das Kampf bedeutete.

Denn kaum war der Ruf verklungen, als der blonde Reiter den Kopf herumwarf wie ein Adler, der seine Beute abschätzt. Und im gleichen Sekundenbruchteil schon war der Sattel des Schimmels leer.

Kein Muskel zuckte in seinem rotgebrannten Gesicht. Es sah unbeteiligt aus und ein wenig überheblich. Doch das konnte an diesen wasserhellen, durchdringenden Augen liegen, deren Ausdruck unbestimmbar war und von denen man nicht einmal sagen konnte, wohin sie eigentlich blickten. Sie flirrten wie Irrwische hin und her und übten doch eine zwingende Gewalt aus.

»Hallo, Snap Alben!«, sagte der Blonde. Es klang nicht anders, als wünsche er seinem besten Freund einen guten Tag.

Snap Alben, der Totenkopf, schien aus einer unerträglichen Spannung zu erwachen. Er stand weit vornübergebeugt, was bei seiner hageren Gestalt grotesk wirkte, und hielt die Finger beider Hände krallenartig gespreizt von sich ab.

Jetzt handelte er. Und an der Art dieses Handelns konnte man zweierlei ablesen: erstens, dass er ein heimtückischer und feiger Geselle war, und zweitens, dass er im Gegensatz zu seinen beiden Kumpanen diesen Gegner sehr gut kannte. So gut, dass er einem offenen Kampf aus dem Wege ging, obwohl drei gegen einen standen.

Und diesen beiden Umständen war es zuzuschreiben, dass Daisy in den Mittelpunkt des Geschehens rückte.

Sie hatte ganz instinktiv schon den Fuß heben wollen zur Flucht. Aber entweder ging dies alles viel zu rasch, oder es waren die harten, mitleidlosen Augen des blonden Mannes, die sie in ihren Bann zogen und nicht mehr freiließen – jedenfalls hatte sie lediglich dem Schaufenster den Rücken gekehrt und stand nun inmitten der drei Männer, die zum Äußersten entschlossen schienen. Zu ihrer Rechten duckten sich der lange Diario Mescalari und der schwarze, untersetzte Mexikaner Emilio Vigilante – dass er Vigilante hieß, erfuhr sie erst viel später. Und zur Linken trat jetzt Snap Alben in Tätigkeit.

Snap Alben hob seine dürren Finger empor wie ein Mann, der einsieht, dass ein Kampf zwecklos ist. Dadurch nahm er sich selbst die Chance auf einen guten Schuss, denn die schlanken Hände Blondys hingen dicht über den schweren Waffen an den Hüften.

Das Täuschungsmanöver gelang – wenigstens sein erster Teil. Kaum hatten nämlich Snap Albens Hände Schulterhöhe erreicht, als er mit einem mächtigen Satz zur Seite sprang und die einzige Deckung suchte, die sich bot – Daisy Allyson.

»Bleiben Sie stehen!«, hörte sie die hohle Stimme des heimtückischen Kerls an ihrem Ohr. »Bleiben Sie stehen, oder es ist aus …«

Auch ohne diese Drohung hätte Daisy sich nicht vom Fleck rühren können. Sie spürte, wie eiskalte Lähmung Besitz von ihr ergriff. Wie sie starr und steif wurde wie ein marmornes Standbild. Sie hätte dieses Gefühl nicht erklären können. War das Angst? Oder die Hilflosigkeit eines Lammes, das über sich die Pranke des Pumas schweben sieht? Der blitzschnelle Sprung Snaps löste auch bei seinen Kumpanen die Aktion aus.

Emilio Vigilante spähte mit irren Augen nach einem rettenden Schlupfwinkel aus. Er sah ›Blondy‹ zum ersten und letzten Mal in seinem Leben, aber dieser Anblick genügte ihm. Denn so viel wusste er: Wenn man vor einem Kampf Angst hat, ist er verloren, bevor er begonnen hat. Und er hatte Angst, hündische Angst sogar!

Greifbar nahe war die halbgeöffnete Tür des Stores. Sie musste ihn retten! Und dann, vom Store aus, konnte er diesen blonden Satan umpusten.

Er war wesentlich flinker und gewandter als Snap Alben, und doch glückte ihm der Sprung nicht mehr. Kaum hatte er den Fuß seitlich gehoben, als ›Blondys‹ Rechte den Colt aus dem Halfter schnellen ließ.

Der Schuss krachte.

Ein glühender Luftzug streifte Emilio Vigilantes Bein. Er war nicht getroffen – o nein! Dieser Schuss bedeutete nur eine Warnung.

Emilio stöhnte leise. Was nun kam, war unabwendbares Schicksal, dem man nicht mehr entgehen konnte.

Ein letztes Fünkchen Hoffnung blieb ihm noch. Stand nicht neben ihm noch Diario Mescalari, der auf zehn Schritte das As aus der Karte schoss? Konnte nicht ebenso gut den die Kugel treffen? Stand da nicht auch noch Snap Alben, dieser Feigling, der sich hinter einer Schürze verkroch? Wenn sie alle drei gleichzeitig zogen, musste dieser Blondy zur Hölle fahren!

Zum Teufel! Einer musste ihn treffen.

Blondy Mark Delano sah sie alle drei – oder besser vier. Denn da war noch dieses Mädchen, das ein teuflischer Zufall ausgerechnet hierher geweht hatte. Und da war hinter dieser anmutigen Gestalt ein heimtückischer Geselle, von dem er nichts erkennen konnte außer zerbeulten Hosenbeinen, einer dürren Pranke, die sich um den Arm des Girls krallte, und einem dreckigen Sombrero, der wie der Höcker eines Kamels über der linken Schulter des Mädchens hervorschaute.

Daneben stand Diario Mescalari. Er hatte ihn sofort erkannt, obwohl die Falten seines Gesichtes sich um einige vermehrt hatten. Steil aufgerichtet stand der Mann, äußerlich kalt – aber in seiner Miene spiegelte sich Furcht. Und doch würde dieser Diario keinen Fußbreit zurückweichen – der nicht.

Eine halbe Minute war vergangen, seit Blondy zu Boden gesprungen war. Aber jeder Bruchteil einer Sekunde dieser winzigen Zeitspanne wog zehnfach. Denn jeder Herzschlag konnte der Letzte sein. Trotz der glühenden Hitze wehte der eisige Atem des Todes über ihnen allen. Wen würde es treffen? Diario Mescalari? Snap Alben? Diesen anderen, der ohne Zweifel ein Mexikaner war? Oder ihn selbst? Oder gar … dieses Mädchen?

Einen Herzschlag lang schien selbst der stählerne blonde Mann unsicher zu werden. Und diese Schwäche erspähte Diario Mescalari mit der Hellsichtigkeit eines Mannes, dem nur die letzte Wahl bleibt. Leben oder Tod!

Mit der Präzision des geübten Revolvermannes zuckten seine Fäuste zu den Waffen – in der gleichen Sekunde, als auch Emilio Vigilante einsah, dass er kämpfen musste.

Vier Colts wirbelten empor. Nein – sechs! Denn schnell wie der Blitz ließ Mark Delano seine Eisen aus den Halftern fliegen.

Die Schüsse peitschten. Es konnten vier sein oder sechs, vielleicht auch zehn … niemand konnte das unterscheiden bei dem rasenden Stakkato.

Daisy Allyson, die keinen Blick von der geschmeidigen Gestalt Blondys gewandt hatte, sah trotzdem kaum die unglaublich schnelle Bewegung, mit der seine Hände in Aktion traten. Das Einzige, was sie erkennen konnte, waren die Feuerstrahlen, die aus den Mündungen der Colts sprangen. Sie schloss die Augen …

Der blonde Mann reckte seine biegsame Gestalt, die etwas Raubtierhaftes an sich hatte. Immer noch hielt er die Waffen in den Händen. Ein metallischer Glanz ging von ihnen aus.

Daisy Allyson wandte den Kopf. Ein leises Stöhnen war neben ihr erklungen.

Ihre Augen weiteten sich.

Da stand Diario Mescalari … steil aufgerichtet, den Blick gehoben. Noch umklammerten seine Fäuste die Colts. Aber er schwankte hin und her, ein Zittern durchlief seine hagere Gestalt von der Zehe bis zum Scheitel … so wie ein Baum zittert, den die Axt bis ins Mark getroffen hat und der stürzen muss, wenn er sich auch bis zur letzten Faser dagegen wehrt.

Jetzt öffnete sich die linke Hand, spreizte sich, als suche sie einen letzten Halt. Dumpf polterte die Waffe zu Boden. Einen schleifenden Schritt vorwärts tat Diario Mescalari noch … dann fiel er mit dem Gesicht vornüber in den Staub.

Daneben stand Emilio Vigilante … geduckt wie ein Raubtier auf dem Sprung. Zwei helle Schweißtropfen liefen über seine gelben Backen. Den Mund fest zusammengepresst, die Augen zu einem schmalen Schlitz geschlossen, den Hut hinten im Nacken und die schmutzigen Hände um die Kolben der Sechsschüssigen gekrampft. Doch die Mündungen der Schießeisen starrten zu Boden, in den Händen war nicht mehr die Kraft, sie auf den Gegner zu richten. Emilio Vigilante hatte die tödliche Kugel in der Brust … dicht neben dem Herzen …

In einer letzten verzweifelten Anstrengung riss er die Augen weit auf und tat ein paar hilflose Schritte vorwärts. Die Spitzen seiner hochhackigen Stiefel schleiften durch den Staub und hinterließen tiefe Rillen.

Seine Finger krümmten sich, unheimlich anzusehen, um die Abzugsbügel, rissen sie durch und lösten einen Schuss nach dem anderen … jetzt links … jetzt rechts … links … rechts …

Blondy rührte sich nicht. Er schenkte dem herantaumelnden, todgeweihten Mann keine Beachtung. Und doch konnte die nächste Kugel ihr Ziel erreichen, konnte auch ihn vernichten, in den Staub schleudern.

Emilio Vigilante torkelte. Er drehte sich halb um die eigene Achse, ehe er stürzte.

Daisy Allyson schien es, als sei sie schon längst gestorben, als hätte sie nichts mehr mit dieser grauenvollen Szene zu tun.

Doch jetzt kehrte Leben in ihre Gestalt zurück. Eine leise Bewegung des Mannes hinter ihr war es, die sie instinktiv als das erkannte, was sie auch bedeutete. Snap Alben ging zum Angriff über.

Sie reckte sich und breitete weit beide Arme.

»Aufhören!«, rief sie leidenschaftlich. »Es ist genug! Ich will …«

Eine blitzschnelle Schwenkung der rechten Hand Marks brachte sie zum Schweigen … jener Hand, in der der Tod lauerte.

»Stick em up, Snap Alben!«, sagte Mark Delano kalt. »Zieh nicht Unschuldige mit rein – oder du sollst mich kennenlernen!«

Snap Alben lachte heiser auf. Und noch war das Lachen nicht verklungen, als Daisy Allyson siedendheiß spürte, dass der Tod hinter ihr stand. Sie erschauerte. Sie hätte schreien können, doch kein Laut kam über ihre Lippen.

Eine kaum wahrnehmbare Berührung nur war es gewesen. Doch sie spürte, dass nicht die dürre Hand Snap Albens unter ihrem linken Arm hindurchschlüpfte, sondern der kalte glatte Lauf eines Revolvers.

Auch Blondy Mark Delano sah es. Und er handelte.

Mit zwei, drei gewaltigen Sätzen fegte er zur Seite und dann noch schneller vorwärts.

Snap Alben schrie auf … aus Furcht oder in plötzlich ausbrechender Wut.

Plötzlich fühlte Daisy sich emporgehoben, spürte den heißen Atem des Mannes in ihrem Nacken und sah sich schon als lebendes Geschoss dem Angreifer vor die Brust fliegen.

Doch es kam anders.

Mitten im Sprung erkannte Mark Delano die Gefahr für die Frau.

Snap Alben hatte das Mädchen etwa bis zur Schulterhöhe emporgerissen und gab sich dadurch eine winzige Blöße … seine Beine waren für Sekundenbruchteile ungedeckt.

Blondy Mark Delano erkannte seine Chance und schoss. Ein glühender Schlag durchrann Snap Alben und ein wahnsinniger Schmerz. Sein rechtes Bein knickte unter ihm weg.

Daisy Allyson fiel, plötzlich von den klammernden Fäusten freigegeben, herab, stolperte blindlings einige Schritte vorwärts und sank in die Knie.

Da stand Blondy aber schon neben ihr und half ihr aus dem Staub. Mehr tot als lebendig starrte sie ihn an. Als sie den grausamen Augen begegnete, musste sie die ihren schließen. Die ganze unerträgliche Spannung löste sich in einem harten stoßenden Schluchzen.

»Verzeihung!«, hörte sie aus weiter Ferne seine Stimme.

Sie schüttelte den Griff seiner Hand ab. Sie konnte seinen Anblick einfach nicht mehr ertragen.

Mark Delano machte hart kehrt, sein Blick glitt noch einmal kühl über ihre Gestalt – dann pfiff er seinem Schimmel, der sofort herbeigetrabt kam, und schwang sich federnd in den Sattel.