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Greta Garbööchen und Oma Liesl, die beiden Protagonistinnen dieses Lese- und Vorlesebuches, tauschen sich fast täglich über die unterschiedlichsten Ereignisse aus. Beide lieben es, miteinander ins Gespräch zu kommen; egal, ob über Schule, Freundschaften, Streitigkeiten oder Hobbys etc. Greta Garbööchen: 9 Jahre alt, aufgeweckt, wissbegierig und temperamentvoll, mit einer Vorliebe für Wörter mit langem „ööö“ und selbst erfundene Wörter. Oma Liesl: zehnmal so alt wie Greta, noch sehr rüstig und lebensbejahend; mit einem reichen Zitaten-, Erfahrungs- und Wissensschatz gesegnet, den sie gerne an ihre Enkelin weitergibt. Gedanken aus dem Volksmund, Sprichwörter, Redewendungen und Lebensweisheiten werden in diesem Buch mit humorvollen, nachdenklichen und Mut machenden Kurzgeschichten kombiniert. Es richtet sich an junge und junggebliebene LeserInnen; an alle, die gerne vorlesen, sich im Gespräch austauschen und voneinander lernen möchten!
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2021
Anne Heesen
Greta Garbööchen und Oma Liesl - zwei mit Herz und Verstand!
SprichwortGeschichten
Ein Lese- und Vorlesebuch für Junge und … Junggebliebene
© 2021 Anne Heesen, 2022 überarbeitete und illustrierte Fassung
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-25158-8
Hardcover:
978-3-347-25159-5
e-Book:
978-3-347-25160-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Weitere Bücher von Anne Heesen, Verlag tredition:
„Greta Garbööchen und Oma Liesl – erleben aufregende Feste!“
Band 2 der „SprichwortGeschichten für Junge und Junggebliebene“, illustriert von Carlotta Reinders
„Erpicht aufs Gedicht? Für zarte Gemüter – besser nicht!“
Gereimte Ungereimtheiten und freche Wortspielereien, unterhaltsame Lyrik, illustriert von Carlotta Reinders
Für
Friederike und Maximilian
VORWORT
Wie es zu diesem Lese- und Vorlesebuch für Kinder, Eltern und … Junggebliebene kam:
Sprichwörter und Lebensweisheiten haben mich seit jeher fasziniert und begleitet. Viele berühmte und weniger berühmte Geister der Geschichte, von der Antike bis in die Neuzeit, inspirieren und motivieren mich bis heute durch ihre Gedanken, u.a. in Aphorismen, Zitaten und Redewendungen.
‚Ein guter Aphorismus ist die Weisheit eines ganzen Buches in einem einzigen Satz‘! So formulierte es seinerzeit der Schriftsteller und Journalist Theodor Fontane.
Manche dieser Sprichwörter und Redewendungen klingen mir seitens meiner Mutter und Großmütter in den Ohren; nur teilweise begriff ich als junger Mensch ihren tieferen Sinn. Im Laufe der Jahre jedoch erschlossen sich mir viele der Lebensweisheiten, und ich konnte in guten, wie in weniger guten Zeiten, von dem Kern ihrer Wahrheiten profitieren.
In Quizsendungen werden ab und zu Sprichwörter abgefragt, die uns der Volksmund überliefert hat; manches Mal wird zögerlich oder fehlerhaft geantwortet. Einerseits ist es der verständlichen Aufregung geschuldet, andererseits ist dieses Sprichwort entweder vergessen oder gänzlich unbekannt. Das finde ich schade!
Von dem griechischen Philosophen Epiktet, der vor immerhin fast 2000 Jahren lebte, ist überliefert: ‚Nicht Sprüche sind es, woran es fehlt; die Bücher sind voll davon. Woran es fehlt, sind Menschen, die sie anwenden‘ – und kennen, möchte ich ergänzen.
Im Laufe meiner Ausbildungen und beruflichen Tätigkeit habe ich mit vielen Menschen, unterschiedlichen Alters und Bildung zusammengearbeitet. Wenn es die Situation erfordert, versuche ich, durch bildhafte Sprache, Analogien und Lebensweisheiten etc., individuelle Lösungsansätze zu erarbeiten. Mit ihnen lassen sich Argumente untermauern, Einstellungen und Verhaltensweisen hinterfragen bzw. verdeutlichen. Die positiven Rückmeldungen sprechen zu meiner Freude für sich.
Das Lesealter für dieses Buch ist meines Erachtens unabhängig vom Lebensalter; entscheidend ist eher die Neugier auf anregende und mutmachende Geschichten.
Zudem wünsche ich mir, dass Ältere den Jüngeren diese Geschichten vorlesen und mit ihnen darüber nachdenken oder auch diskutieren. Ob jung oder alt: Vorlesen motiviert und schenkt Freude; es fördert zudem den gegenseitigen Austausch an Meinungen, Denkweisen, Wissen und Erfahrungen unterschiedlicher Alters- und Personengruppen!
In den Gesprächen zwischen Greta Garbööchen und Oma Liesl entwickeln sich durch Erzählungen, Geschichten sowie durch Sprichwörter und Redewendungen teils neue, teils unerwartete Perspektiven und lebensbejahende Lösungen.
Viel Freude beim (Vor-)lesen der SprichwortGeschichten von:
Greta Garbööchen und Oma Liesl –
zwei mit Herz und Verstand!
Inhalt
Vorwort
‚Sich regen bringt Segen‘oder
‚Ohne Fleiß - kein´ Preis‘
‚Wie du mir, so ich dir‘ oder
‚Was du nicht willst, das man dir tu´,
das füg´ auch keinem anderen zu‘
‚Jedes Unglück beginnt mit einem Vergleich‘
oder ‚Jedes Ding hat zwei Seiten‘
‚Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
und wenn er auch die Wahrheit spricht‘
oder ‚Lügen haben kurze Beine‘
‚Was du heute kannst besorgen, das verschiebe
nicht auf morgen‘oder‚Carpe Diem‘
‚Wie man in den Wald hineinruft, so schallt
es heraus‘oder‚Der Ton macht die Musik‘
‚Nur sprechenden Menschen kann geholfen
werden‘oder
‚Hilf´ dir selbst, so hilft dir Gott‘
‚Schrift macht die Gedanken sichtbar‘oder
‚Wer schreibt, der bleibt‘
‚Wie du kommst gegangen, so wirst du auch
empfangen‘oder‚Kleider machen Leute‘
Nachwort
Anmerkungen
‚Sich regen bringt Segen‘ oder ‚Ohne Fleiß - kein Preis‘
Es war ein kalter Wintertag; sicher würde es am Nachmittag anfangen zu schneien. Trotzdem schnappte sich Greta ihr Fahrrad und fuhr los, dick in eine warme Winterjacke verpackt. Durch eine bunte Wollmütze, die sie sich noch rasch über ihre kurzen, dunkelbraunen Haare gestülpt hatte, sowie durch einen langen Schal und gefütterte Fäustlinge an ihren Händen geschützt, konnte der scharfe Wind ihr wenig anhaben. Kräftig trat sie in die Pedale und schon bald wurde ihr warm.
Wenn die Erwachsenen nach der 9-jährigen Greta gefragt wurden, antworteten die meisten: „Sie ist ein freches und vorlautes Mädchen!“ Greta selbst vertrat in keiner Weise diese Ansicht. Im Gegenteil: Sie fand sich genau richtig!
Vor allen Dingen war sie weniger zickig und wehleidig als manch andere Mädchen in ihrem Alter. Bei diesem Gedanken musste sie grinsen, während ihr der kalte Wind um die triefende Nase fegte.
Einige Zeit später erreichte Greta ihr Ziel, ein kleines Fachwerkhaus mit einem hübsch gestalteten Vorgarten. Sie öffnete das leicht quietschende Gartentor, stellte ihr Fahrrad ab, ging den geschwungenen Weg bis zum überdachten Eingang und klingelte ungeduldig an der Haustür ihrer Großmutter.
Es gab einen Menschen in Gretas Leben, den sie von ganzem Herzen liebte; und von dem Greta glaubte, dass es die einzige Person auf der Welt sei, die sie so, wie sie war, vorbehaltlos akzeptierte: Ihre Oma Liesl!
Oma Liesl krittelte so gut wie nie an ihr herum, sagte nicht andauernd „tu dies, tu das“, nahm sich immer Zeit für sie und hörte bei jedem ihrer Probleme geduldig und mit großer Anteilnahme zu.
Ja – für Greta war ihre Oma Liesl ein ganz besonderer Mensch!
„Immer hereinspaziert, junges Fräulein! Ein leckerer, warmer Kakao zum Aufwärmen steht schon für dich bereit.“
Freundlich lächelnd öffnete eine betagte Dame die Haustür. Greta flitzte rasch an ihr vorbei, zog ihre dicken Schuhe und die verschwitzte Winterkleidung aus und umarmte dann stürmisch ihre Großmutter.
Oma Liesl war klein, allenfalls zwei Köpfe größer als Greta und ein wenig rundlich um die Hüften. Die weißen Haare auf ihrem Kopf waren zu einem kleinen Knoten, einem Dutt hochgebunden. Der wackelte bei jeder heftigen Bewegung von Oma Liesl, was Greta immer sehr lustig fand. Durch die runden Brillengläser auf ihrer Knollennase blitzten zwei kleine, wache und durchdringende Augen.
„Gut, dass du vor deinem Besuch angerufen hast“, bekräftigte Oma Liesl. „Ich wollte mich schon mit einer Freundin zu einem Spaziergang verabreden. Allerdings: Wenn ich das Wetter draußen sehe und dann dich anschaue, bin ich froh, dass du gekommen bist!“, lachte die Großmutter gutmütig und rollte mit ihren Augen.
Oma Liesl lachte gerne! Das bewiesen die vielen kleinen Lachfalten um ihre Augen und die tiefen Grübchen in ihrem runzligen Gesicht. Für ihr hohes Alter, nämlich gigantöse zehn Mal so alt wie ihre Enkelin, fühlte sie sich ausgesprochen rüstig und mobil.
„Gigantös“ war eines von Gretas Lieblingswörtern. Sie liebte den Buchstaben ö, weil er in ihrem Nachnamen zwei Mal vorkam. Darüber hinaus konnte sie jedes Wort mit ö nach Lust und Laune herrlich in die Länge ziehen. Und das kam bei Greta öfter vor!
Die Erwachsenen hingegen schüttelten verständnislos den Kopf über so viel Unsinn und meinten, das Wort „gigantös“ gäbe es nicht. Gab es aber wohl: Denn da Greta es erfunden hatte, existierte das Wort für sie auch – basta!
„Na, was gibt es Neues zu berichten?“
Oma Liesls Frage rüttelte Greta aus ihren Gedanken auf. Beide hatten es sich auf dem Wohnzimmersofa bequem gemacht, eingehüllt in eine herrlich weiche Decke. Vor dem Sofa stand ein kleiner Fußhocker, auf den die Großmutter gerne ihre Füße ablegte. Genussvoll löffelten sie den wunderbar duftenden warmen Kakao mit einem Krönchen Schlagsahne obendrauf.
Greta liebte diese gemeinsamen Augenblicke mit ihrer Oma Liesl. Sie kuschelte sich enger an den rundlichen Körper der alten Dame und überlegte, wie und wo sie am besten anfangen sollte.
Es fiel Greta generell schwer, auf eine an sie gerichtete Frage sofort eine passende Antwort zu finden. Für dieses Problem, und es war ein Problem für sie, fehlte vielen Erwachsenen das Verständnis, grollte Greta.
Entweder, so fand sie, waren die Großen zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt oder, was noch häufiger der Grund war, sie nahmen sich erst überhaupt nicht die Zeit, um auf eine passende Antwort von ihr zu warten.
„Die Erwachsenen sagen immer, ich wäre faul!“, nörgelte Greta nach einiger Zeit und stieß einen heftigen Seufzer aus. Mit ihrem Zeigefinger drehte sie sich dabei eine dünne Wurst in ihre kurzen Haare. Das machte Greta immer, wenn sie unsicher war. Sie verzog das Gesicht und rümpfte ihre kleine Stupsnase, sodass die vielen Sommersprossen in ihrem Gesicht lustig auf und nieder tanzten.
„Ach ja? Wie kommen die Erwachsenen denn darauf?“, wunderte sich Oma Liesl. „Wenn du faul wärst, hättest du dich doch bei diesem Wetter keinesfalls auf den Weg zu mir gemacht.“ Die alte Dame schüttelte verständnislos den Kopf. „Was meinst du denn selbst? Findest du dich auch faul?“
„Nööö!“ Dabei dehnte Greta das ö entrüstetet, gleichwohl mit einigem Vergnügen. „Die Erwachsenen sind selbst oft faul und machen es sich gerne bequem!“, kritisierte sie mit einem scharfen Tonfall in ihrer Stimme.
„Zwar sprechen sie immer davon, was sie alles noch tun und erledigen wollen; aber dann verschieben sie entweder ihre Angelegenheiten auf später oder lassen die Dinge einfach laufen, bis sie sich von selbst erledigt haben“, ereiferte sich Greta und klopfte vehement auf das Kissen neben sich.
Es staubte ein bisschen und Oma Liesl musste leicht hüsteln.
„Tja, mein Kind, da muss ich dir zustimmen!“ Die Großmutter stellte ihren Becher auf den Tisch neben sich. „Der innere Schweinehund steckt leider in uns allen und meldet sich viel zu oft. Es bedarf einer starken inneren Überzeugung und eines überaus motivierenden Ziels, um diesen gemeinen und hinterlistigen Kerl erfolgreich zu überwinden!“
Von diesem Tier hatte Greta die Erwachsenen schon häufiger reden gehört. War dieser Hund gefährlich? Und beherbergte sie ebenfalls diesen Schweinehund in sich? Und wenn ja – wo?
Beide schwiegen eine Weile; jede von ihnen schien in ihre eigene Gedankenwelt versunken zu sein. Nur die alte Standuhr im Wohnzimmer tickte leise im Sekundentakt vor sich hin.
Plötzlich richtete sich Oma Liesl kerzengerade auf, nahm ihre Brille von der Nase und sagte: „Weißt du, was mir gerade in den Sinn kommt? ‚Sich regen bringt Segen‘!“
Und so unerwartet, wie die alte Dame sich aufgerichtet und gesprochen hatte, so schnell verstummte sie und lehnte sich entspannt wieder zurück.
Greta atmete heftig ein, hielt kurz die Luft an – und atmete kopfschüttelnd wieder aus. Gigantös, einfach gi-gan-töös, konstatierte sie. Jedes Mal, wenn sie eine scheinbar unlösbare Frage oder ein kniffliges Problem quälte und sich damit an ihre Großmutter wandte, hielt Oma Liesl dazu passende Sätze bereit.
Die Großmutter nannte sie „Sprichwörter“ und „Lebensweisheiten“. Greta liebte diese Sprüche, denn anschließend erzählte Oma Liesl meist spannende und interessante Geschichten.
Da sie alles Neue interessierte, so wollte Greta natürlich auch jetzt wissen, was es mit diesem Spruch auf sich hatte.
„Was bedeutet der Satz ‚Sich regen bringt Segen‘?“ Greta richtete ihren Blick erwartungsvoll auf die Großmutter. Anstatt jedoch sofort zu antworten, zögerte Oma Liesl und schaute ihre Enkelin nachdenklich an.
„Hm…du magst doch gerne Kuchen, stimmt´s?“
„Ja klar!“, antwortete Greta irritiert. Was sollte diese Frage? Überhaupt: Hatte sie nicht zuerst gefragt? Oder hörte ihre Großmutter neuerdings schlecht?
Schon wollte sie aufbrausen, da legte die alte Dame besänftigend ihre Hand auf Gretas Arm. „Warte ab und pass´ auf. Du erhältst von mir sogar zwei Antworten auf deine Frage!“ Oma Liesl schmunzelte vergnügt. Sie hatte einen Plan.
„Schließe einmal deine Augen! – Hör´ auf zu schummeln! – Erstens: Wie hast du dich gefühlt, als du mit deinem Fahrrad vor meinem Haus ankamst?“
„Ausgezeichnet!“, erwiderte Greta fröhlich. „Gut vom Fahrwind durchgepustet, war ich sogar viel besser gelaunt als vorher.“
Greta wurde immer neugieriger und es fiel ihr schwer, die Augen geschlossen zu halten. Was hatte Oma Liesl bloß vor?
Die alte Dame klatschte erfreut in die Hände. „Sehr gut!“, sagte sie, „Das ist meine erste Antwort auf deine Frage. Du hast dich geregt, hast dich also in Bewegung gesetzt, um mich zu besuchen. Am Ende bringt es dir einen Segen, denn du trinkst hier gerade in bester Laune einen leckeren warmen Kakao. Stimmt´s?“
Greta nickte nachdenklich. Okay, wenn man es so betrachtete, hatte ihre Großmutter wahrhaftig nicht unrecht.
Oma Liesl fuhr munter fort. „Halte deine Augen weiterhin geschlossen und stelle dir nun deinen Lieblingskuchen vor.“
Na ja, das war einfach für Greta. Sie liebte fast jeden Kuchen, am meisten aber schätzte sie Marmorkuchen. Und der von Oma Liesl war einfach köstlich, keiner backte ihn besser!
„Möchtest du denn jetzt gerne ein Stück Marmorkuchen essen?“, fragte die Großmutter. Ihre Augen blitzten und um ihre Mundwinkel zuckte es verdächtig.
„Au ja, wundervoll!“ Greta riss die Augen auf und strahlte. „Du hast einen Marmorkuchen gebacken, liebste Oma?“ Bei dem Gedanken an ein großes Stück mit viel Schokolade obendrauf lief Greta schon das Wasser im Mund zusammen.
„Mein liebes Kind, ich muss dich leider enttäuschen. Nein – ich habe keinen Marmorkuchen gebacken“, erwiderte Oma Liesl achselzuckend. Nach diesen Worten lehnte sie sich entspannt zurück und strich sanft über das Kissen neben sich.
Wie bitte? Was hatte sie da gehört? Greta schaute ihre Großmutter erst überrascht, dann verärgert an. Außerdem war sie zutiefst enttäuscht: Da lockte Oma Liesl sie mit einer herrlichen Versprechung – und dann kam diese gänzlich deprimierende Antwort!
„Das ist gemein!“, brach es aus Greta heraus. „Ich habe mich schon so auf ein leckeres Stück Kuchen von dir gefreut. Ach nöööö!“
Neben diesem empörten Aufschrei traten jetzt auch noch große Krokodilstränen in Gretas Augen und die Unterlippe schob sich verdächtig weit nach vorne; immer ein sichtbares Zeichen dafür, dass Greta heftig schmollte.
Oma Liesl jedoch ließ sich von dem heftigen Gefühlsausbruch ihrer Enkelin wenig beeindrucken. „Bleib´ gelassen, mein Kind“, erwiderte sie ruhig und drehte sich mit einem bedeutungsvollen Blick zu Greta hin. „Das ist meine zweite Antwort auf deine Frage!“
Bevor Greta erneut aufbrausen konnte, sprach ihre Großmutter schnell weiter.
„Schau, mein Liebes: Der Wortgebrauch ‚sich regen‘ ist schon etwas älter und bedeutet: Wenn man etwas bekommen will oder selbst gesteckte Ziele erreichen möchte, muss man dafür auch selbst aktiv werden und sich bewegen, also sich regen.
Auch wenn uns das natürlich oft viel lieber wäre: In den allermeisten Fällen jedoch wird mir niemand anderes die Arbeit für meine Vorhaben abnehmen, ich muss es schon selbst erledigen! – Verstehst du, was ich meine?“, hakte die Großmutter mit einem fragenden Blick über ihre Nickelbrille nach.
Greta schniefte einmal laut auf und nickte. Sie hatte sich jetzt ein wenig besonnen und hörte aufmerksam zu.
„Fein!“ Oma Liesl strich sich eine unsichtbare Fluse von ihrem Wollkleid und fuhr dann fort.
„Mit den Worten ‚bringt Segen‘ ist folglich das Ergebnis gemeint, welches ich durch meine eigenen Bemühungen erreichen kann. Das beste Beispiel kennst du aus dem Sport. Geht es ums Gewinnen, heißt es dort auch: ‚Ohne Fleiß – kein Preis‘!“
Oma Liesl atmete tief durch und musste nach den vielen Worten erst einmal kurz verschnaufen.
Greta dachte jetzt unwillkürlich an ihre Schule und überlegte. Im Grunde genommen ging sie gerne dorthin, um neue und interessante Dinge zu lernen. Und obwohl sie viel forderten, waren ihre Lehrer im Großen und Ganzen ebenfalls in Ordnung.
Klar, die Pausen waren für sie immer eine willkommene Unterbrechung des Unterrichts, denn auf dem Schulhof ausgelassen zu spielen und fröhlich herumtoben zu können, fühlte sich auf jeden Fall wesentlich besser an als das lange Stillsitzen im Klassenraum.
Das Unangenehme an der Schule, fand Greta, waren einzig und allein die überaus lästigen Hausaufgaben! Wie viel Zeit dafür jeden Tag draufging; und was könnte man stattdessen nicht alles in seiner Freizeit an lustigen und spannenden Abenteuern erleben. Allein der Gedanke an diese Möglichkeiten entlockte Greta einen erneuten Stoßseufzer.
Aber jetzt, so hatte sie von Oma Liesl gehört, kam der springende Punkt: ‚Ohne Fleiß – kein Preis‘! Das bedeutete ja dann – bei dieser sich unangenehm aufdrängenden Schlussfolgerung bogen sich Gretas Mundwinkel ein wenig weiter nach unten –, dass sie sich zwecks besserer Schulnoten wohl etwas fleißiger um ihre Hausaufgaben kümmern sollte?!
Tiefe Sorgenfalten bildeten sich auf Gretas Stirn und sie seufzte schon wieder genervt auf.
„Nun, meine Liebe?“ Oma Liesls gut gelaunte Stimme verscheuchte Gretas düstere Gedanken. „Was schließen wir aus den vielen klugen Worten? – Richtig! Erstens stehen wir jetzt geschwind auf und bringen unsere Arme und Beine in Bewegung. Das macht uns frisch und munter; gleichzeitig kommen wir auf andere Gedanken.“
Flugs schlug Oma Liesl die Decke beiseite, nahm ihren Fuß vom Hocker, drückte sich von der Couch hoch und schaute ihre völlig überraschte Enkelin amüsiert an.
„Na los, worauf wartest du? Zack, zack!“ Mit einer energischen Handbewegung zeigte die Großmutter in Richtung Küche.
„Und zweitens: Wir backen jetzt sofort selbst unseren Preis – einen leckeren Marmorkuchen! Ich sehe hier nämlich niemanden, der uns diese Arbeit abnehmen wird.“
Greta grinste und sprang erleichtert auf. Oma Liesl hatte vollkommen recht und die ganze Angelegenheit auf den Punkt gebracht. Arm in Arm, lachend und voller Vorfreude auf einen schmackhaften Kuchen machten sich die beiden an die Arbeit.
Für so einen Preis, dachte Greta, war sie gerne fleißig!
‚Wie du mir, so ich dir‘ oder ‚Was du nicht willst, dass man dir tu´, dass füg´ auch keinem andern zu‘
Wütend knallte Greta die Wohnungstür hinter sich zu. Ihre Schultasche flog in die nächstbeste Ecke, die Jacke landete ebenfalls auf dem Boden. Ihre schmutzigen Schuhe streifte sie sich noch hastig von den Füßen, dann lief sie in die Küche. Dort saß ihre Großmutter am Küchentisch bei einer Tasse Kaffee und einem Brötchen und las in einer Zeitschrift.
„Stell´ dir vor Oma Liesl, was mir heute passiert ist!“, keuchte Greta und ließ sich mit viel Schwung auf den hölzernen Küchenschemel fallen, der daraufhin bedenklich knarrte.
„Es ist echt empööörend!“ Sie haute kräftig mit der Faust auf den Tisch. Oma Liesls Kaffeetasse schepperte entrüstet.
„So, so mein Kind“, entgegnete Gretas Großmutter ungerührt und biss ein kleines Stück von ihrem Käsebrötchen ab. „Dann erzähl´ mir mal, was so fürchterlich empörend ist“, forderte sie Greta kauend auf.
„Oma Liesl, stell dir vor: Die Ina war so gemein zu mir, – ja wirklich!“ Greta kam vor lauter Aufregung ins Stottern. „In der großen Pause habe ich mir am Bäckerstand auf dem Schulhof ein Stück Streuselkuchen gekauft. Plötzlich kamen Ina und ihre neue Freundin Kerstin auf mich zu. Du weißt, Oma, eigentlich ist Ina ja meine beste Schulfreundin.“
Greta holte tief Luft, bevor sie aufgebracht weitersprach. „Gerade, als ich ein Stück abbeißen wollte, fielen mir ein paar Streusel auf den Boden. Und weißt du was? Die beiden lachten mich einfach aus. Kannst du dir das vorstellen? Bloß, weil mir ein paar Streusel heruntergefallen sind!“
Jetzt blickte Greta ihre Großmutter provozierend an. „Kennst du vielleicht jemanden, dem beim Streuselkuchenessen niemals Streusel auf den Boden gefallen sind? – Na?“
Oma Liesl schüttelte heftig den Kopf. Nein, sie kannte wahrhaftig auch niemanden, und auch ihr kleiner Dutt auf dem Kopf wackelte zustimmend.
„Siehst du, sag´ ich ja!“ Triumphierend reckte Greta beide Daumen in die Höhe. Aufgeregt fuhr sie fort. „Weißt du, was diese beiden Dödels dann zu mir sagten?“ Oma Liesl schaute erwartungsvoll und biss in ihr Brötchen. Dabei fielen kleine Brotkrumen auf ihren Teller.
„Sie verspotteten mich und sagten, ich… ich … ich könne ja nicht einmal vernünftig essen!“ Tränen vor Wut, Frust und Empörung schossen in Gretas Augen. Schluchzend warf sie den Kopf auf den Tisch und legte ihre Arme darüber.
Oma Liesl hörte auf zu kauen und schaute besorgt zu ihrer Enkelin. „Tatsächlich, das ist entschieden unfreundlich von den beiden gewesen! Was hast du ihnen daraufhin geantwortet?“, fragte die Großmutter voller Mitgefühl.
Schniefend hob Greta ihren Kopf. „Keine Ahnung, was ich sagen sollte. Ich habe Ina angeguckt und gesehen, wie sie mich abfällig musterte. Dann ist sie mit Kerstin einfach weggegangen und hat mich stehengelassen. Einfach so, unmöööglich!“
Abermals jaulte Greta auf und stampfte wütend mit dem Fuß auf den Boden, dass der Tisch nur so wackelte.
„Und, was willst du nun unternehmen?“, erkundigte sich die Großmutter interessiert, während sie sich den Mund mit ihrer weißen Stoffserviette abputzte.
„Oh, die Ina soll bereuen, dass sie mich so gemein behandelt hat. Rache ist Blutwurst, so geht man nicht mit Greta Garböööchen um!“ An der Länge der ös ließ sich ohne jeden Zweifel ihre schlechte Stimmung ableiten.
Greta sprang auf und mit hochrotem Gesicht reckte sie eine Faust in die Höhe, bereit, es allen zu zeigen.
„So, so“, entgegnete Oma Liesl ungerührt und stand auf, um den Tisch abzuräumen. Greta hingegen lief wie ein aufgebrachter Tiger im Käfig auf und ab. Sie überlegte … und überlegte … und überlegte.
Plötzlich hielt sie inne und blieb abrupt stehen. Ihr Gesicht bekam auf einmal einen tückischen, wenn nicht sogar einen hinterhältigen Ausdruck.
„Haha!“ Frech grinsend schlug Greta erneut mit der Faust auf den Tisch. Beunruhigt schaute Oma Liesl in das gerötete Gesicht vor ihr. War das ihre sonst so freundliche, liebe und wissbegierige Enkelin?
„So wirds gemacht!“ Greta nickte heftig und stampfte nochmals mit dem Fuß auf. „Ich kenne ein paar Jungs aus meiner Clique. Denen werde ich die Geschichte mal erzählen und sie auffordern, Ina morgen auf dem Nachhauseweg zu verkloppen. Dann wird sie ihr blaues Wunder erleben und sehen, wer hier die Stärkere ist!“
Ein bisschen wirkte Greta in diesem Moment auf Oma Liesl wie ‚Rumpelstilzchen‘.
„Und dann?“, forschte ihre Großmutter unerbittlich nach, während sie das schmutzige Geschirr in die Spüle stellte.
„Was soll denn dann sein?“, fragte Greta schroff zurück. Oma Liesl schien ihren genialen Plan in keiner Weise zu begreifen.
„Ich meine“, die alte Dame räusperte sich kurz. „was passiert, nachdem deine Freunde die Ina verhauen haben?“ Die Großmutter runzelte nachdenklich ihre Stirn, während sie heißes Wasser ins Spülbecken laufen ließ.
Greta wurde unsicher und kam ins Schwanken. „Tja, dann … dann …“, stotterte sie, „…dann weiß ich auch nicht!“, vollendete Greta trotzig ihren Satz. Was meinte die Oma Liesl mit ihrer Fragerei? Ihr schwante nichts Gutes.
Die Großmutter setzte sich jetzt wieder auf ihren Stuhl und musterte Greta mit einem forschenden Blick. Währenddessen faltete sie sorgsam die beiden Stoffservietten zusammen, die auf dem Tisch lagen.
„Was ich mich frage, ist lediglich, ob du dein Vorhaben zu Ende gedacht hast?“ Die alte Dame betrachtete ihre Enkelin erwartungsvoll. „Welche Konsequenzen, welche Folgen wird dein Plan haben?“
Greta wurde plötzlich abwechselnd heiß und kalt. Wo und wie die Jungs Ina bedrohlich umringen würden, das war ihr bis zu diesem Moment glasklar gewesen. Doch jetzt? Kein Zweifel, erkannte Greta bestürzt: Die Folgen des Plans hatte sie in ihrem Zorn tatsächlich nicht im Entferntesten bedacht!
„Mir fällt zu deinem Plan eine passende Lebensweisheit ein“, unterbrach Oma Liesl die Stille. „Willst du sie hören?“ Ohne allerdings eine Antwort abzuwarten, sprach sie direkt weiter.
„Sie heißt: ‚Was du nicht willst, das man dir tu´, das füg´ auch keinem anderen zu‘!“
Eindringlich schaute die Großmutter in Gretas blass gewordenes Gesicht. Ihre dunklen Augen hinter den runden Brillengläsern funkelten streng. Dann ergänzte sie: „Oder möchtest du lieber nach diesem Motto handeln: ‚Wie du mir, so ich dir´?!“
Greta schwieg betroffen. Unangenehme Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Zum einen spürte sie, dass ihr Plan wohl keine gute Idee gewesen sein könnte. Greta war klug; sie konnte sich jetzt, wo sie sich etwas beruhigt hatte, nur zu gut die Auswirkungen ihres Vorhabens vorstellen. ‚Klar wie Kloßbrühe‘: Umgekehrt hätte sie auf gar keinen Fall in Inas Lage stecken wollen!
Ihre Freundin wäre sicherlich chancenlos gewesen, vielleicht wäre sie sogar verletzt worden. Oder noch schlimmer, dachte Greta mit zunehmend schlechtem Gewissen: Ina hätte in ein Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Bei diesem Gedanken wurde es Greta übel. Sie hasste Krankenhäuser wie die Pest!
Wie oft hatte Greta das Hospital in ihrer Stadt schon aufsuchen müssen. Von der Behandlung ihrer zahlreichen Schürf- und Platzwunden abgesehen, hatte sie sich zuletzt ein Loch im Kopf zugezogen, weil sie in der Pause auf dem Schulhof bei einem Balanceakt mit dem Hinterkopf auf eine Mauerkante geknallt war. Ein paar Monate davor musste sie ebenfalls ins Krankenhaus. Auf dem Spielplatz hatte sie sich bei einem Sturz von der Schaukel ausgerechnet das rechte Handgelenk gebrochen.
Greta schüttelte sich heftig bei der Erinnerung an Spritzen, Blutabnahmen und die grässlichen Pflaster. Gott, tat das immer weh, wenn diese verflixten Klebedinger wieder von der Haut abgerissen wurden – brrr!
Eine geraume Weile überlegte sie hin und her, dann fasste Greta für sich einen Entschluss: Ina war ab heute nicht mehr ihre beste Freundin, soviel Selbstachtung war sie sich trotz allem schuldig. Doch darüber hinaus aber wollte sie keinem Menschen mehr Dinge antun, die sie für sich selbst hasste und verabscheute!
Spontan nahm Greta ihre überraschte Großmutter in den Arm und drückte sie innig. „Ich danke dir!“, flüsterte sie Oma Liesl leise ins Ohr.