Hell Followed with us – Das Monster in uns: Eine düstere postapokalyptische Fantasy – Auf Goodreads gefeiert! Erstauflage mit gestaltetem Farbschnitt - Andrew Joseph White - E-Book

Hell Followed with us – Das Monster in uns: Eine düstere postapokalyptische Fantasy – Auf Goodreads gefeiert! Erstauflage mit gestaltetem Farbschnitt E-Book

Andrew Joseph White

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Beschreibung

Mach dich bereit zu sterben. Sein Reich ist nah. Der sechzehnjährige Transjunge Benji ist auf der Flucht vor den Menschen, die ihn großgezogen haben – einer fundamentalistischen Sekte, die ein Armageddon verursacht und fast die ganze Weltbevölkerung ausgelöscht hat. Verzweifelt sucht er nach einem Ort, an dem die Sekte ihn, oder noch viel wichtiger die Biowaffe, mit der sie ihn infiziert hat, nicht in die Finger bekommen kann. Als ihn Monster in die Enge treiben, wird Benji von einer Gruppe Jugendlicher aus dem örtlichen Acheson LGBTQ+ Center, ALZ genannt, gerettet. Ihr Anführer Nick, ist wunderschön, autistisch und ein tödlicher Scharfschütze. Er kennt Benjis dunkles Geheimnis: Die Biowaffe der Sekte lässt ihn zu einem Monster mutieren, das tödlich genug ist, um die Menschheit endgültig zu vernichten. Dennoch bietet Nick Benji Unterschlupf in seiner Gruppe queerer Teenager, solange er das Monster kontrollieren und seine Kraft zur Verteidigung des ALZ einsetzen kann. Benji will unbedingt dazugehören und akzeptiert Nicks Bedingungen … bis er herausfindet, dass der mysteriöse Anführer des ALZ einen ganz eigenen Plan verfolgt und mehr als nur ein paar Geheimnisse hat. Ein queerer Roman voller Wut, in dem es darum geht, das Monster in einem selbst anzunehmen und mit seiner Hilfe gegen Unterdrückung anzugehen. Perfekt für Fans von "Ich bin Gideon" und "Auslöschung".

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für alle Kids, die ihre Zähne wetzenund beißen

– A. J. W.

Inhalt

EIN BRIEF DES AUTORS

BENJAMIN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

NICHOLAS

Kapitel 9

BENJAMIN

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

NICHOLAS

Kapitel 23

BENJAMIN

Kapitel 24

Kapitel 25

THEODORE

Kapitel 26

BENJAMIN

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

NICHOLAS

Kapitel 34

BENJAMIN

Kapitel 35

Kapitel 36

DANKSAGUNGEN

EIN BRIEF DES AUTORS

Wenn man ein Feuer legt, atmet man zwangsläufig Rauch ein. Ich bin immer dafür, Feuer zu legen und alles anzuzünden, was brennbar ist, aber ich warne euch, vorsichtig zu sein, wenn ihr das Kerosin in die Flammen gießt.

Dieses Buch enthält Gewaltszenen, behandelt Transphobie, häuslichen und religiösen Missbrauch, Selbstverletzung und versuchten Selbstmord.

Hell Followed with Us ist eine Geschichte übers Überleben. Eine Geschichte über queere Kids, die während des Weltuntergangs versuchen, lange genug am Leben zu bleiben, um erwachsen zu werden. Eine Geschichte über die schrecklichen Dinge, die Menschen im Namen des Glaubens tun und weil sie glauben, das Recht dazu zu haben. Sollten euch einige der oben genannten Themen also verbrennen, respektiere ich eure Entscheidung, euch davon zu distanzieren. Ich bewundere euch sogar dafür – ich war nie so umsichtig.

Aber wenn ihr sogar noch näher getreten seid, so nahe, dass ihr die Hitze an euren Wangen spüren könnt …

Ich hatte verschiedene Gründe, dieses Buch zu schreiben: Weil ich mehr Geschichten über Jungs wie mich lesen wollte. Weil ich wütend war. Weil ich es nach wie vor bin. Aber hauptsächlich, weil ich queeren Kids zeigen wollte, dass sie die Hölle durchmachen und das überleben können. Vielleicht nicht in einem Stück, vielleicht für immer verändert, aber am Leben und dennoch wert, geliebt zu werden.

Genau das werdet ihr hier finden. Schreckliche Dinge, Überleben, Liebe und eine Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Wetzt eure Zähne, nehmt eure Fackeln und los geht’s.

Euer

ANDREW

Also sprach der HERR zu uns – weilwir Ihn einmal mehr enttäuscht haben,weil Er einmal mehr Seine Schöpfungbereut, und so muss erneut die Erdegeflutet werden! Und wir haben Seinheiliges Werk getan, Amen!

– DER HÖCHSTEHRWÜRDIGE VATERIAN CLEVENGER, BEVOR ER DASFLUTVIRUS AUF DEN TIMES SQUARELOSLIESS

Sei getrost und unverzagt.

– JOSUA 1:9, LUTHERBIBEL

BENJAMIN

Du wirst wieder zu Erde, davon du genommen bist.Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück.

– ENGELSGEBET

Das Problem, wenn man als Engel aufgezogen wird: Man lernt nicht, Trauer zu verarbeiten.

Trauer ist eine Sünde. Verlust gehört zu Gottes Plan, und die Toten zu betrauern, ist eine Lästerung Seiner Vision. Über Seinem Willen zu verzagen, ist ein Sakrileg. Wie kannst du es wagen, Seinen Plan zu hinterfragen, indem du ein Leben betrauerst, das stets in Seiner Hand lag? Ungläubiger, widerlicher Ketzer, du solltest an die Wand genagelt werden, damit alle Ungläubigen wissen, was ihnen blüht. Römer 6:23 – denn der Sünde Sold ist der Tod.

Daher brennt sich das Bild von Dads Leiche in die Windungen meines Gehirns ein, frisst sich in die Rillen meiner Fingerabdrücke, und ich würge es hinunter, bis ich daran ersticke. Die Teile von uns, die sich erinnern, wie man weint, reißen die Engel heraus, bis wir es verlernt haben. Wir lernen, unsere Trauer zu verbergen, sie wegzusperren bis später, später, später, bis wir schließlich einfach sterben.

So wie ich es sehe, muss ich mir keine Sorgen machen. Wenn es nach den Engeln geht, wird all diese Trauer schon sehr bald Sein Problem sein. Und wenn nicht …

Gott, bitte nicht …

Ich renne. Habe Dads Blut im Mund. Bruder Hutch hat ihm eine Kugel in die Brust verpasst, um ihn aufzuhalten, und eine in den Kopf, um ihn zu töten. Bruder Hutch ruft nach mir. »Wir können das auf die einfache Tour regeln, versprochen!« Die anderen Engel suchen das Flussufer ab. In der gleißenden Februarsonne erstrahlen sie weiß, während sie sich langsam und selbstsicher durch die Straßen bewegen. Sie haben keine Eile. Sie wissen, früher oder später erwischen sie mich.

Ein Sechzehnjähriger gegen eine Engelstodesschwadron? Ich bin verloren.

Hinter einer Steinsäule am Fluss bleibe ich stehen und stütze mich auf den Oberschenkeln ab, um zu Atem zu kommen. Mein Haar klebt in einer Mischung aus Schweiß und Blut – Dads Blut – an meiner Stirn. Der klebrige Film, der mein Gesicht und meine Hände überzieht, trocknet nur langsam. Meine Lungen brennen. Ich kann nicht sagen, ob das Rauschen in meinen Ohren mein Herzschlag oder der Fluss ist.

Dad ist nicht mehr da. Er ist tot, tot, tot.

»Bitte, Gott«, flüstere ich, bevor ich weiß, was ich tue. Was lässt mich glauben, dass Er mir ausgerechnet jetzt antworten wird? »Bitte gib mir etwas, irgendwas …«

»Schwester Woodside!«, ruft Bruder Hutch. »Deine Mutter macht sich Sorgen um dich! Sie wünscht sich, dass ihre Tochter nach Hause kommt.«

Dad hat mir als Erstes eingeschärft – als Mom meinte, irgendwann würde ich Gottes Plan hinter meinem Frausein einsehen, und wenn sie es mir einbläuen müsste –, dass ich ein Mann bin, dass ich dafür gekämpft habe und mir das keiner nehmen kann.

Mach die Augen auf. Atme. Reiß dich zusammen, Benji, reiß dich zusammen.

Die Todesschwadronen haben mich noch nicht erwischt.

Ich kann beenden, was Dad begonnen hat.

Ich kann Acheson in Pennsylvania verlassen.

Ich spähe hinter der Säule hervor die Straße hinunter. Vor dem Jüngsten Gericht war das Viertel am Flussufer wahrscheinlich mal wunderschön. Vor der Flut. Jetzt windet sich Efeu an den Glaswolkenkratzern empor und Autos verrosten auf Parkplatzfriedhöfen. Rasenflächen und Gärten sind überwuchert und haben sich alles in ihrer Nähe einverleibt. Blumen blühen im Februar, einem der wenigen guten Monate für Blumen. Im April werden sie verdursten.

Aber ich sehe keine Engel. Noch nicht.

Bruder Hutch brüllt dem Himmel entgegen: »Wir wollen dir nicht wehtun, versprochen.«

Der einzige Weg aus Südacheson führt über die Brücke – die einzige, die die Engel am Tag des Jüngsten Gerichts nicht zerstört haben. Sie ist nur einen halben Block entfernt. Da die Todesschwadronen sich nähern und die Brückenwache abgezogen wurde, um sich der Jagd anzuschließen, ist das meine einzige Chance.

Dad sollte bei mir sein. Wir sollten Acheson gemeinsam verlassen. Wir sollten Acresfield County gemeinsam erreichen. Jetzt liegt seine Leiche auf dem Rasen eines verfallenen Hotels, und seine Hirnmasse versickert in der Erde, aus der sie gekommen ist.

Ich kann nicht beenden, was wir angefangen haben, wenn ich hier rumstehe und Gott anflehe, dass die Dinge anders laufen sollen. Das bringt ihn auch nicht zurück.

Atme.

Lauf.

Ich bin tagelang gerannt, aber nicht so. Nicht mit protestierenden Beinen und Schritten, die dem Rhythmus meines Herzschlags folgen. Ich stelle mir vor, dass Dad direkt neben mir ist, dass ich ihn nur nicht hören kann, weil ich zu laut atme, dass ich ihn in einer verschwommenen Spiegelung in den Fenstern auf der anderen Straßenseite ausmachen kann.

Ich erreiche die Brücke. Ich bleibe nicht stehen, sondern schlängle mich zwischen den Autowracks durch, die die Zufahrt blockieren. Die Brücke schimmert silbern, von Tragmasten hängen dicke Metallkabel, die sich von einem Ufer zum anderen erstrecken. Sie gehört jetzt den Engeln. Ein Banner flattert über mir: GOTT LIEBT DICH. Leichen baumeln von den Kabeln, gelb-rosa Organe hängen aus ihren Bäuchen und verdecken ihre Nacktheit wie bei Adam und Eva, nachdem sie Scham für ihre Körper entwickelt hatten.

Eine der Leichen ist völlig verdreht, ein Bein steht in einem unnatürlichen Winkel ab, und ich könnte nicht sagen, ob die Engel dafür verantwortlich sind oder die Flut. Die Flut ist grausam. Sie kann einem Körper fürchterliche Dinge antun.

Nicht dass ich daran erinnert werden müsste.

Die Brücke ist lang. Fast kann ich mir einreden, dass Dad mit unseren Rucksäcken auf der anderen Seite wartet und fragt: Wo warst du denn so lange? Ich renne ihm in die Arme, und wir laufen weiter, bis wir weit weg von Acheson sind, so weit weg von jedem Lager und jeder Kolonie der Engel, dass sie uns niemals finden werden. Dad und ich haben die Karte aller Außenposten in den umliegenden Staaten und aller größeren Hochburgen in Nordamerika auswendig gelernt. Wir schaffen das. Wir schaffen das.

»Da!«

Ich sollte nicht hinsehen, ich sollte nicht.

Ich tue es trotzdem.

Ich weiß, dass der Engel hinter mir Bruder Hutch ist, weil seine Kutte mit Dads Blut besudelt ist. Er hat sein Gewehr geschultert. Er ist nahe genug, dass ich die Blutergüsse an seinen Fingerknöcheln erkennen kann, die Flecken auf seiner Maske.

Masken halten die Flut ab, aber ich habe schon länger keine mehr getragen. Ich kann mich ja nicht zweimal infizieren.

»Schwester Woodside«, sagt Bruder Hutch, und die anderen Engel treten aus den Schatten, den Ruinen, den Gassen. Ich zögere keine weitere Sekunde.

Als Zweites hat mir Dad eingeschärft – als wir endlich entkommen waren und auf die Schreie von Monstern und das Hämmern von Stiefeln auf dem Boden gelauscht haben –, dass, wenn die Engel mich in die Finger kriegen wollen, ich sie dafür leiden lassen soll.

Ich kann immer noch sein Blut schmecken.

Ich hechte über die Verkehrsbarriere am Checkpoint der Engel und lande unsanft auf der anderen Seite. Hier sind Gartenstühle, eine Bibel und liegen ein paar Wasserflaschen verstreut. Die Straße ist von Glasscherben übersät. Die Leichen schwanken.

Lauf.

Ich habe davon geträumt, wie es auf der anderen Seite der Brücke sein würde. Dad und ich würden nach Norden gehen und uns einen Ort suchen, um den Sommer zu überstehen. Klar würde es Engel geben, es wird immer Engel geben, bis der letzte Ungläubige tot ist, aber uns stünde die ganze Welt offen, um ihnen zu entgehen. Vielleicht würden wir jemandem begegnen: einem gut aussehenden Ungläubigen, der sich in mich verlieben würde, während ich seine Hände in warmem Wasser bade und seine Wunden versorge. Er wäre süß und ein bisschen dreist und höllisch queer, und er würde nicht das falsche Pronomen benutzen, wenn er das erste Mal meine Brust sehen würde. Manchmal ist er blond, wie mein Verlobter. Meistens allerdings nicht.

Halt. Denk nicht an ihn. Denk nicht an Theo. Das spielt alles ohnehin keine Rolle, weil nichts davon jemals geschehen wird. Die Flut wird mich zerstören, wie sie alles andere zerstört, und ich muss das Monster von den Engeln fernhalten. Ich muss hier rauskommen, ich muss entkommen, ich muss …

Ein Engel stößt einen Pfiff aus, auf den ein Ruf antwortet.

Zwischen den Autos vor mir entfaltet sich ein Gewirr aus Gliedmaßen, und es kreischt und brüllt, als litte es höllische Schmerzen, während es heult und mit den Zähnen knirscht. Eine Kreatur geschaffen aus Leichen und der Flut – scharfkantige Rippen überziehen seinen Rücken in einer Reihe von Wirbelsäulen, zwischen Sehnen blitzen Augen hervor, und die Muskeln sind so dick, dass die Haut zerreißt – erhebt sich aus den Wracks. Klauen groß wie Armknochen legen sich um die Fahrerkabine eines Lkws und zerquetschen sie.

Ich bleibe stehen. Nein. Nein, nein, nein. NEIN.

Keine Gnade. Nicht wenn ich so dicht dran bin.

An seinem Unterkiefer öffnet sich das einstige Gesicht eines Menschen, klafft von den Augen bis zum Nacken auf und entblößt eine Reihe von Flutfäule geschwärzter Zähne. Vage nehme ich Schritte und Rufe wahr, aber das spielt keine Rolle. Alles, was jetzt noch zählt, ist das Monster, das vor Verwesung triefend über mir aufragt und mir den einzigen Ausweg versperrt.

Als Drittes hat mir Dad eingeschärft – als ihm klar wurde, wozu ich fähig war, als ich Verbindung zu einem Gnade aufnahm und ihn anflehte, jeden Engel zu töten, den es finden konnte, als ich in einem Meer aus Blut und Eingeweiden stand und sich eine Bestie um mich wand …

Er sagte, ich soll gut sein.

Nie zu dem Monster zu werden, das die Engel in mir sehen wollen, denn Böses gebiert Böses gebiert Böses.

Die Schritte werden langsamer und halten dann an. Meine Beine geben nach. Ich sinke zu Boden und lege meine Handflächen auf die sengende Straße.

Sei gut. Lass sie leiden. Gut zu sein, bedeutet, still zu sein, gefügig, sich von der Macht des Virus abzuwenden, genau wie Eva sich vom Apfel hätte abwenden sollen. Sie leiden zu lassen, bedeutet, das Gnade zu kontrollieren und die Engel in einem wütenden Sturm aus Fleisch mit mir ins Verderben zu reißen.

Ich könnte das beenden. Ich könnte über diese Straße flüstern und die Engel bereuen lassen, dass sie je Hand an mich gelegt haben.

Fast beschwöre ich das Gnade.

Aber.

Als Dad starb, umklammerte er mein Gesicht – sein Blut verteilte sich auf meiner Zunge, über meine Wangen und verklebte mein Haar – und beschwor mich, gut zu sein.

Er wartet nicht auf mich. Ich kann nicht einfach immer weiterlaufen. Ich bin so müde.

Das Gute siegt.

»Ich werde gut sein. Ich werde gut sein. Ich werde gut sein.« Ich spreche es laut aus, als würde mein Versagen dadurch leichter zu ertragen, als würde nicht alles in mir danach schreien, die Engel in einem Höllenfeuer zu verbrennen, als gäbe es irgendeine Möglichkeit, all den Geboten meines Dads auf einmal gerecht zu werden. »Ich werde gut sein. O Herr, gib mir Kraft, leite und führe mich …«

Heiße Flüssigkeit rinnt über mein Kinn und ich wische mir über den Mund. Als ich die Finger wegnehme, sind sie schwarz-rot verschmiert.

Ein Paar schwerer Stiefel tritt in mein Gesichtsfeld, eingerahmt von einer befleckten weißen Kutte. Ich starre meine Hand an, den Horizont, die aufgehende Sonne.

Ist das wirklich das, was Er will? Ist das wirklich Sein Plan?

»Es tut mir leid«, sagt Bruder Hutch, und fast klingt es so, als ob er es aufrichtig meint.

Ein schreckliches Heulen entringt sich meiner Kehle. Seit Jahren war ich nicht mehr so kurz davor zu weinen. Hinter Bruder Hutch und dem Gnade rauscht der Fluss vorbei, ein vollkommenes Blau, klar und sauber, die Berge von Acresfield County erstrahlen in Gold und Grün, und die schwarzen Flügel eines Aasvogels schimmern in der Morgensonne.

Ich stelle mir vor, dass Dad da draußen ist. Ich sage ihm, dass ich gut war und er ohne mich weitergehen soll. Ich sage ihm, dass ich eines Tages nachkommen werde, irgendwann vielleicht, versprochen.

»Zeit, nach Hause zu kommen«, sagt Bruder Hutch.

Woran glauben Engel? Als wahre Gläubige ist es unsere oberste Pflicht, dem HERRN zu dienen. Wir wissen, Erlösung erlangt man, indem man Gott dient und Sein letztes Gebot ausführt. Wir nennen uns ENGEL, um unsere treue Ergebenheit zu verkünden.

– OFFIZIELLE WEBSITE DER ENGELSBEWEGUNG

»Zeit, nach Hause zu kommen.«

Bruder Hutch hält mir die Hand hin. Die Hand, die Moms im Gebet gehalten hat, die Hand, die Dad erschossen hat.

Nach Hause zu gehen, bedeutet, zurück nach Neu-Nazareth zu gehen. Zurück zu Theo, zurück zu Mom. Jeder Engel in Neu-Nazareth wird auf die Knie sinken und um meinen Segen bitten. Theo wird mich wieder als seinen Verlobten annehmen, als hätte er mich nicht angespuckt und mich eine verlogene, undankbare Schlampe genannt. Mom wird mich auf die Wangen küssen, so tun, als würde sie die Jungsklamotten und das kurze Haar nicht bemerken, und dann wird sie mich in eine Isolationszelle werfen, bis die Flut mich in ein Monster verwandelt hat.

In den Seraph. Eine sechsflügelige Bestie, die heiliges Feuer speit und die Gnaden und die Flut in den Krieg führt, um über die Leichen der Ungläubigen den Weg ins Himmelreich zu ebnen.

Ich ergreife die Hand nicht.

Ich will nicht nach Hause.

Mein Magen zieht sich zusammen und ich erbreche mich auf die Straße. Es ist gelb, rot und schwarz und brennt sauer und heiß in meiner Kehle. Um mich herum – klick, klick, klack – werden Waffen entsichert. Aber die Engel werden nicht schießen. Sie werden mich nicht töten. Nicht auszudenken, was die Gläubigen dem Soldaten antun würden, der das wagen würde. Er würde gekreuzigt werden. Er würde aufgeschnitten werden und müsste im Sterben zusehen, wie Maden über seine Innereien krabbeln.

»Hey!«, blafft Bruder Hutch die Soldaten an. »Waffen runter, sofort!«

Erneut würge ich. Es kommt nur noch Galle. Bruder Hutch summt leise. Es ist ein so lieblicher Klang, dass er mich zu Tode ängstigt.

»Immer raus damit«, flüstert er und reibt mir über den Rücken. »Alles ist gut.«

Als ich sprechen will, ist es nur ein unsicheres, feuchtes Röcheln. »Fass mich nicht an.«

»Schon gut«, entgegnet Bruder Hutch. »Ich versteh schon. Ich habe gehört, wie dein Vater dich genannt hat. Ben, richtig? Ich werde dich Ben nennen, wenn du das willst. Deine Mom macht sich Sorgen um dich, Ben. Sie will sichergehen, dass du nach Hause kommst.«

Mom ist nicht um mich besorgt, sondern um ihre Erlösung.

»Fahr zur Hölle«, sage ich.

Das war zu viel. Bruder Hutch knurrt und zerrt mich hoch – nicht so weit, dass ich auf die Füße oder auch nur auf die Knie käme, gerade so weit, dass ich ihm in die Augen sehen kann. Seine blutunterlaufenen Schweinsäuglein.

»Wie wär’s mit einem Deal?«, schlägt er vor. Ich versuche zurückzuweichen, doch er hält mich fest. »Ich lasse dir die Wahl. Du kannst auf die sanfte Tour mit uns kommen oder wir schleppen dich gewaltsam zurück. Du kannst zur Besinnung kommen oder ich breche dir die Beine.« Er lächelt. Es verleiht seinem Gesicht ein hässliches Strahlen, das nicht mal eine Maske verbergen kann. »Es liegt bei dir. Wie willst du’s haben?«

Da ist etwas auf seiner Wange. Ein Spritzer, seltsam weich und rosig. Ein kleines Stück Fleisch.

Ein kleines Stück von Dad.

Ich spucke ihm ins Gesicht.

Bruder Hutch brüllt. Wässrige Flutfäule – Speichel vermischt mit meinen eigenen verwesenden Innereien – tropft in seine Augen, bevor er sie wegwischen kann, und er versetzt mir eine so heftige Ohrfeige, dass ich Sterne sehe. Meine Ohren sind von einem schrillen Kreischen erfüllt. Ich kann mich gerade noch abfangen, bevor mein Kopf auf der Straße aufschlägt.

»Es ist nicht ansteckend«, sagt eine Brückenwache und reißt Bruder Hutchs Hand von seinem Gesicht weg. »Es ist nicht ansteckend, Bruder. Schwester Kipling hat gesagt …«

Ein Tritt befördert mich auf den Rücken. Der heiße Asphalt brennt sich durch mein Shirt. Kieselsteine graben sich in meine Schulterblätter. Ein Stiefelabsatz hält mich am Boden und bohrt sich in meinen Bauch, als wollte er eine Zigarette austreten.

Ich kenne den Mann, der über mir steht. Die Narbe, die über seine Nase verläuft, die kleinen Augen, die Furchen in seiner Stirn.

»Steve«, raune ich, als würde es einen der heiligen Mörder Gottes nachsichtiger machen, ihn bei seinem richtigen Namen anzusprechen, statt ihn »Bruder Collins« zu nennen. »Steven. Ich bin’s. Du kennst mich.«

Wir lernten uns kennen, als ich elf und er einundzwanzig war, weil wir etwa zur selben Zeit nach Neu-Nazareth zogen. Ich erinnere mich, wie er sein Todesschwadronabzeichen bekommen hat: Flügel, die in seinen Rücken geritzt wurden, Federn, die sich von seinen Schultern bis zu den unteren Rippen erstrecken. Theo starrte das blutende Tattoo an wie ein kleiner Junge, der aus dem Krieg zurückkehrende Soldaten bewundert. Ich starrte es an wie ein kleines Mädchen diesen einen Onkel, vor dem ihre Schwestern sie gewarnt haben.

Der Druck lässt ein wenig nach, und ich denke schon, es könnte tatsächlich funktioniert haben, doch dann zerrt Steven mich hoch und presst meinen Kopf an seine Brust. Er stinkt so sehr nach Schweiß, dass ich ihn praktisch schmecken kann.

Etwas raschelt und plötzlich habe ich ein Messer an der Kehle. Ein breites, dessen schwarze Klinge in der Sonne funkelt.

»Wenn du unbedingt ein Junge sein willst«, sagt Steven, »können wir dir ja ein paar Teile abschneiden. So funktioniert das doch, oder?«

Ich kriege kein Wort raus. Stattdessen schüttle ich den Kopf. Nein.

»Dachte ich mir. Also sei ein braves Mädchen und tu, was er sagt.«

Es tut mir leid, Dad. Es tut mir so leid.

»Okay«, bringe ich hervor.

Bruder Hutch holt die Bibel aus dem Checkpoint der Brücke, während Steven mir eine weiße Kutte verpasst und mir eine Maske aufsetzt – eine dünne Stoffmaske, die wir nur außerhalb der Mauern Neu-Nazareths tragen, wo wir nicht mehr unter dem Schutz Gottes stehen. »Hure«, zischt Steven und mustert abschätzig die weiten Jeansshorts, bevor sie von der Kutte verborgen werden. Die Brückenwache bezieht wieder an der Verkehrsbarriere Posten und wartet auf Ungläubige, die sie verhaftet, und Engelsboten aus fernen Lagern, die sie passieren lässt. Der Soldat in der Nähe des Gnades lockt ihn vorsichtig zwischen den Autos hervor. Sein vom Virus zersetzter Körper zittert in der feuchten Brise, die vom Wasser aufsteigt.

»Herr«, ruft Bruder Hutch und reckt die freie Hand nach oben, als wollte er nach den Leichen greifen, die über uns schwingen. Alle außer mir schließen sich ihm an. »Herr, gepriesen seist Du. In Deiner unendlichen Gnade bringst Du uns unseren gesegneten Seraph zurück!«

Ich werde gut sein. Ich werde gut sein. Ich werde gut sein. Ich werde den Seraph zurückhalten, eingesperrt in meiner Brust. Koste es, was es wolle, ich werde alles tun, damit die Engel die Waffe nicht bekommen, die sie aus mir gemacht haben.

Aber ich bin es so leid zu fliehen.

Die Todesschwadron bringt mich von der Brücke weg, weg von Acresfield County, und führt mich durch die Straßen von Acheson nach Neu-Nazareth. Ich frage, ob ich mich waschen darf, aber sie verweigern es mir, also klebt Dads Blut weiterhin in meinem Gesicht, meinem Haar und an meinen Händen. Geh ab. Ich will es an meinen Ärmeln abwischen, aber es hat sich in den Rillen meiner Finger und den Linien meiner Handflächen festgesetzt. Ich will meine Hände in kochendes Wasser tauchen. Geh ab, geh ab, geh ab.

Steven packt mich an den Schultern und schüttelt mich. »Halt deine Scheißfresse.«

Ich zucke zusammen. Innerhalb der Mauern Neu-Nazareths wäre eine solche Ausdrucksweise niemals gestattet. Nicht mal, wenn man es nicht laut ausspricht. Mom meinte, Gott würde es trotzdem wissen.

Abgesehen von den Soldaten und dem Gnade, das sich neben uns herschleppt, sehen wir den ganzen Morgen nur zurückgelassene Autos und verlassene Gebäude. Die Welt ist erst vor zwei Jahren untergegangen, alles ist also noch fast genauso wie einst: Bushaltestellen sind mit Stickern zugepflastert, Unkraut sprießt aus den Rissen in den Bürgersteigen, Bäume sind ihren quadratischen Beeten entwachsen und haben den Beton aufgerissen. Eine Leiche hängt an einem Fahnenmast, und auf dem Gebäude dahinter prangt in riesigen Buchstaben: BÜSSE, SÜNDER.

So läuft das jetzt. Alle sterben, die Frage ist nur, was einen umbringt. Ob es die Engel sind oder die Flut, ein Hitzschlag oder die gute alte Sepsis.

Bei einem Großteil der Menschheit war es die Flut. Theos Mom starb am Tag des Jüngsten Gerichts als Märtyrerin und er hat sie auf die einzige Art betrauert, die ihm gestattet war: indem er alles darüber gelernt hat. Wie sich das Virus durch Milliarden fraß, nachdem Missionare wie seine Mom ihn in alle großen Städte der Welt getragen hatten. Dass er einen umbringt, wenn einem ein neues Paar Rippen wächst und die Lunge durchstößt, oder dass ein paar Unglückliche lange genug überleben, um Erlösung als Gnade zu finden. Wie die Todesschwadronen sich bei ihrem Initiationsritus selbst mit einer kleinen Dosis der Flut infizieren und so auf dem schmalen Grat wandeln, entweder Gott einen Schritt näher zu kommen oder der Krankheit zu erliegen …

Dass der Seraph ein Balanceakt ist zwischen dem Drang der Flut, alles zu verschlingen, und ihrem Überlebensdrang – gierig genug, mich in ein Monster zu verwandeln, aber geduldig genug, es richtig zu machen. Weil Schwester Kipling die Flut mächtig und den Seraph perfekt gemacht hat.

Sie hat mich perfekt gemacht.

Das Gnade knurrt und schüttelt sich wie ein Pferd, das Fliegen vertreibt. Ich reiche ihm vielleicht bis zu seiner vornübergebeugten Brust. Wenn es den Mund geschlossen hat, kann ich Spuren des Menschen … der Menschen erkennen, die es einst war. Menschliche Zähne zwischen scharfen Fangzähnen. Die Überreste einer Stupsnase.

Bruder Hutch ertappt mich beim Starren. Ich wende den Blick ab, doch das reicht nicht. Er verlangsamt sein Tempo, um sich meinem anzupassen. Vor uns studieren zwei Soldaten eine Karte und murmeln etwas über frühere Hinterhalte und neue Routen durch die Stadt.

Acheson verschlingt in letzter Zeit Engel.

»Ist es nicht erstaunlich?«, jauchzt Bruder Hutch und deutet auf das Gnade. »Das neue Leben, das ihnen geschenkt wurde. Wie gütig von unserem Herrn, ihnen zu gestatten, wiedergeboren zu werden, Krieger in unserem Kampf zur Verwirklichung Seines Plans zu werden. Genau wie du.«

Genau wie ich. Ich wurde auserwählt, damit das Virus mich in ein Monster verwandelt, das die Engel ins Himmelreich führen wird.

Das die Menschheit ein für alle Mal vom Angesicht der Erde tilgen wird, wie Gott es verlangt.

Kurz nach Mittag bittet der Jüngste der Einheit um eine Pause. Wir sind auf einer breiten Straße gesäumt von Restaurants und Hipster-Büros mit seltsamen Logos. Einige wurden dank des sprunghaften Anstiegs der Inflation, der Mietpreise und allem eigentlich schon lange vor dem Jüngsten Gericht aufgegeben. Plakate mit Aufrufen zum Wassersparen und zu Protestmärschen schälen sich neben Räumungsbescheiden und Geschäftsaufgabeschildern von den Ziegelwänden. Ich habe schon seit ein paar Blocks keine Leichen oder Engelspropaganda mehr gesehen. Das muss eine neue Route sein.

»Ich brauch was zu trinken«, jammert der jüngste Soldat. Ich versuche schon die ganze Zeit, ihn zuzuordnen, aber ich komme einfach nicht drauf. Wessen Bruder ist er, wessen Sohn? »Meine Füße tun weh.«

Steven rammt ihm eine Wasserflasche vor die Brust. »Dann trink. Hör auf zu jammern.«

Ich würde auch keine Pause machen wollen, würde ich meine einzige sichere Hoffnung auf ein ewiges Leben eskortieren. Doch Bruder Hutch erklärt: »Er hat recht.« Stevens Auge zuckt über seiner Maske. »Es hat keinen Sinn, uns zu verausgaben. Wir sind noch eine Stunde von der Reformation entfernt.«

Reformation? Er meint die Reformationsevangelikale Kirche. Erinnerungen an diesen Ort steigen in mir auf, und mit ihnen die Übelkeit. Ich hätte es kommen sehen sollen. Die Reformation liegt auf halber Strecke zwischen der Brücke und Neu-Nazareth. Es ist der perfekte Ort, um in dieser gewaltigen Stadt eine Pause zu machen, und wenn ich dieses Gebäude betrete, werde ich durchdrehen. Wenn ich je wieder irgendeine Kirche betreten muss …

»Setzt euch«, sagt Bruder Hutch. »Esst, ruht euch aus. Das gilt für euch alle.«

»Gott sei Dank«, stöhnt der Jüngste und sinkt augenblicklich gegen die Motorhaube eines von Kugeln durchlöcherten Autos. Die anderen verdrehen die Augen. Er ist dürr und seltsam, nicht viel älter als ich. Wahrscheinlich hat er gerade erst sein Training abgeschlossen, seine Flügel schmerzen noch und er wurde ausgerechnet der Einheit zugeteilt, der die wichtigste Aufgabe der Welt zufällt. Wenn er allerdings wirklich so frisch dabei ist, wie ich denke, wundert mich, dass ihm noch keiner einen kräftigen Schlag auf den Rücken verpasst hat, genau da, wo das Tattoo noch nicht verheilt ist. Theo hat sich ständig darüber beklagt, damals, als er noch Kameraden hatte, über die er sich beklagen konnte. Doch ich bin zugegebenermaßen wohl zu wichtig, als dass sich irgendwer zu solchen Schikanen hinreißen lässt.

Wäre Theo nicht aus den Todesschwadronen verbannt worden, könnte das jetzt er sein. Mein Verlobter, der mich mit Maske und Waffe anstarrt.

Einer der Soldaten deutet die Straße hinunter. Das Gnade faltet sich zusammen, setzt sich und erbebt dabei am ganzen Körper. Die Gnaden haben noch genug Grips, um einfache Befehle befolgen zu können – sitz, bleib, töte. Steven lässt mir nicht mal so viel Würde, seinen Befehlen folgen zu müssen. Er stößt mich einfach zu Boden. Die anderen reichen Essenspakete und ihre Karte herum, beten vor dem Essen und kauern sich in den Schatten. Der Neuling kämpft um die Karte und entreißt sie jemandem mit einem triumphierenden Schnauben.

Ich verschränke meine blutigen Finger und lege die Lippen an meine Fingerknöchel, als würde ich ebenfalls beten. Wenn wir schon anhalten, werde ich die Gelegenheit auch nutzen. Es muss einen Ausweg geben. Wenn ich etwas Abstand zwischen mich und die Engel bringen kann, nur ein paar Meter, kann ich sie abschütteln. Hinter uns ist ein altes Café. Die Glastür ist zerbrochen und offenbart einen Weg vorbei an schicken kleinen Tischen zu einer Hintertür mit der Aufschrift Notausgang.

Wenn ich sie lange genug ablenken kann, könnte ich es schaffen.

Der Neuling am Auto meint: »Wir sind ganz nah an der Stelle, an der Erlösung verschwunden ist.«

Alle halten inne. Nervosität legt sich wie ein Nebel über sie.

Ich habe vor einer Weile davon gehört. Die Einheit Erlösung ist letzten Monat ausgezogen, um ein mögliches Lager von Ungläubigen auszuheben, und nie zurückgekehrt. Mom hat auf der Wiese der Kapelle einen Trauergottesdienst für sie abgehalten und die Hände in die Höhe gereckt, um sie zu ihrem vorherbestimmten Platz an Jesu Seite zu geleiten, das Geschenk ewigen Lebens, jetzt und im Himmel immerdar. Allerdings keine Beerdigung. Engel halten keine Beerdigungen ab.

Bruder Hutch nimmt die Karte an sich. »Sollten wir aber nicht«, sagt er. »Wir sind nicht mal in der Nähe des nordöstlichen Bezirks, wir sollten also auf der sicheren Seite sein. Wir sollten …«

Das Gnade schnüffelt.

»Sind wir doch«, sagt Bruder Hutch. »Oder?«

Ein weiterer Soldat schaltet sich ein. »Ich dachte, wir machen einen großen Bogen darum.«

»Dachte ich auch«, bestätigt Bruder Hutch. »Vielleicht haben wir uns in der Nähe des Gerichts verlaufen.«

KRACK.

Eine Wunde reißt in Stevens Kehle auf, als hätte jemand auf den Oberkörper gezielt und verfehlt. Sein Hals ist nur noch eine blutige Masse aus Fleisch und durchtrennten Arterien. Er bleibt noch eine Sekunde gurgelnd stehen, bevor er zusammenbricht.

Wir sind blindlings in einen Hinterhalt gelaufen.

Das Gnade brüllt, lang gezogen, laut und schrill. Es kommt auf die Füße und sein Mund öffnet sich zu einem Loch aus Zähnen und Speichel, während es auf das Bürogebäude auf der anderen Straßenseite zuwankt. Ich suche Schutz hinter dem Auto. Bruder Hutch schiebt sich neben mich und drückt das Gewehr an seine Brust.

KRACK. Der Neuling stolpert stumm vorwärts und seine Augen treten hervor. KRACK. Er ist tot.

Die Engel verteilen sich. Einige springen durch das zerbrochene Schaufenster des Ladens nebenan, andere ducken sich hinter einen Pick-up, der vor dem Auto steht. Stevens Leiche starrt mich mit offenem Mund an und um seinen Kopf bildet sich ein Heiligenschein aus Blut.

»Wo sind sie?«, keift Bruder Hutch.

»Da!«, antwortet jemand und deutet auf das Dach des Bürogebäudes.

Dort oben zeichnet sich vor dem Sonnenlicht ein schwarzer Fleck ab – dann ist er verschwunden. Bruder Hutch drückt mich nach unten und zischt: »Bleib.«

Er bricht zusammen.

Es war kein sauberer Schuss. Die Kugel hat sein Auge getroffen und ein Stück aus seinem Schädel gerissen. Ich zucke zurück und pralle gegen den Bordstein. Bruder Hutch ist tot. Der Mann, der mit einem milden Lächeln zugesehen hat, wie Mom mein aufgeschürftes Knie versorgt hat, der Mann, der Theo und mir zu unserer Verlobung gratuliert und uns eine glückliche Ehe im heiligen Krieg gewünscht hat, ist tot. Sein Körper sackt zusammen. Am Auto klebt Hirnmasse. An mir klebt Hirnmasse.

Dads zertrümmerter Schädel. Sein Blut in meinem Mund.

Wenn sie ihr Monster haben wollen, lass sie dafür leiden.

Ich komme auf die Füße. Entferne mich vom Auto, die Stufen des Cafés hoch, durch die zerbrochene Glastür. Ich reiße mir die Kutte und die Maske runter. Ich muss es nur durch die Hintertür schaffen. Ich kann sie abschütteln. Ich kann es schaffen, wenn ich nur …

Hinter dem Tresen bewegt sich etwas.

Ein Junge in Schwarz richtet ein Gewehr auf meine Brust.

Die Engel beschreiben sich selbst als konfessionsübergreifende protestantische Bewegung, die 2025 von Ian Clevenger, Pastor und konservativer Senator des Staates Virginia, begründet wurde. Kritiker dagegen beschreiben sie als »evangelikale Ökofaschisten« und christliche Terrorvereinigung.

– WAS IST ÜBERHAUPT» ÖKOFASCHISMUS«? DIE ENGELSBEWEGUNG ERKLÄRT

Wenn der Junge in Schwarz abdrückt, wird er mich töten.

Ich stelle es mir bildlich vor, übertrage jedes Detail von Dads Leiche auf mich. Ein Schuss in die Brust, um mich aufzuhalten, ein zweiter in den Kopf, um die Sache zu beenden. Sein Gesicht, mein Gesicht, fällt um die Kugel herum ein, wird vom schwarzen Loch unserer Augen eingesogen.

Die Engel könnten den Seraph nicht in die Finger bekommen, wenn ich tot wäre.

Oder?

»Warte! Ich gehöre nicht zu denen!« Bevor ich weiß, was ich tue, flehe ich ihn auf die gleiche Art an, auf die ich auch beten würde. »Bitte, nicht schießen. Bitte.«

Der Junge deutet mit dem Lauf seiner Waffe auf meine Kleidung. »Wieso dann die weiße Kutte?«

Die weiße Kutte, meine Kutte. Die, die ich in der Hand halte. »Es ist nicht so, wie es aussieht. Sie … Sie haben mich entführt. Sie haben mich gezwungen, sie zu tragen.«

Engel entführen keine Leute. Sie töten sie einfach.

Keiner von uns rührt sich. Jeder Zentimeter des Jungen ist in Schwarz gehüllt: die Handschuhe, der Gürtel, die schweren Schnürstiefel. Selbst seine Maske ist schwarz und aus einem dicken Stoff gefertigt, der alles unterhalb seiner Augen verbirgt. Das Negativ eines Engels, eine perfekte Kopie des Schattens auf dem Dach des Bürogebäudes auf der anderen Straßenseite.

Wird er mich erschießen?

Ein Herzschlag vergeht.

Ein zweiter. Ein dritter.

Er feuert.

Diesmal wird der Himmel nicht zerrissen, da ist nur ein Kreischen, ehe die Welt in einem Klingeln untergeht. Etwas Heißes versengt mein Ohr und Blut rinnt an meinem Kiefer herab. Er hat mich erschossen, oh Gott, er hat mich ERSCHOSSEN.

Etwas Schweres schlägt auf dem Boden auf. Der Junge packt mich am Arm – ich glaube, er sagt: »Runter!«, aber ich kann ihn nicht hören – und zieht mich hinter den Tresen.

Wir landen auf Mülleimern, Plastiktüten und Waschschüsseln. Es riecht nach Staub und toten Kakerlaken. Ich weiche zurück, bis ich mit dem Rücken gegen die Schränke stoße. Das Klingeln lässt nach.

»Himmel«, entfährt es mir und ich kauere mich zusammen, als würde jeden Moment die Hand meiner Mom auf meiner Wange landen. Aber das tut sie nicht. Nur der Junge starrt mich an. Unter seiner schwarzen Kleidung ist er weiß wie ein Engel und seine Augenbrauen sind in einem halb verwirrten Ausdruck zusammengezogen, als würde er seinen Augen nicht trauen.

»Du blutest«, sagt er.

Ich berühre mein Ohr. Als ich die Finger zurückziehe, sind sie rot.

»Das hatte ich heute schon öfter«, erwidere ich, weil ich sonst hinter diesem Schaukasten mit schimmligen Kuchenresten losschreien werde.

Er reißt eine Packung Servietten auf. »Hier.« Er streckt mir eine Handvoll hin. Ich presse sie an mein Ohr. Es brennt, aber nur ein bisschen. »Das wird wieder.«

»Du hast auf mich geschossen.«

»Da war ein Engel«, kontert er.

Ich luge hinter dem Tresen hervor. Auf dem Boden liegt mit weit offenen Augen, als wäre das alles nur irgendeine seltsame Überraschung, ein Soldat. Einer von denen, die ich nicht erkannt habe. Er hat einen schlichten Ehering an der linken Hand. Und da ist auch Bruder Hutch, der an dem Auto zusammengebrochen ist. Die Schlusslinie passt perfekt.

Ich weiche zurück. »Wer bist du?«

»Nick.«

Und damit stößt Nick mich zur Seite, stützt sein Gewehr auf den Tresen und versucht, einen guten Schusswinkel zu finden. Aber es ist hoffnungslos. Sein Sichtfeld ist beschissen, egal wo er sich positioniert. Durch das Auto und die zugeklebten Fenster hat er keine freie Sicht auf die Straße.

Er kann sich diese Position unmöglich freiwillig ausgesucht haben. Ich bin das verwöhnte Kind eines Kirchenoberhaupts und selbst ich weiß, dass man eine Position nicht allein hält. Vor allem keine schlechte.

»Äh«, sage ich. »Ich bin Benji.«

Er antwortet nicht so was wie: Ist das ein Mädchenname?, oder: Wie der Hund in dem alten Film? Sein Finger tippt nur gegen den Abzug. Tipp, tipp, tipp. Ein Herzschlag vergeht.

»Wie viele sind es?«, fragt er.

Ich rechne schnell nach: Bruder Hutch, Steven, der Neuling, Ehering. »Noch drei. Plus das Gnade.«

»Drei«, erwidert Nick. Was ist da draußen los? Alle Geräusche gehen in einem Brüllen unter. »Nur Engel nennen sie Gnaden.«

Oh. Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben. Aber durch Gottes Gnade bin ich. Seine Gnade ist ein Geschenk. Gnade um Gnade.

Ich bringe ein unsicheres »Ach ja?« zustande.

Tipp, tipp, tipp. »Ja.«

»Das …« Ich schlucke schwer. »Das wusste ich nicht.«

Das war’s. Ich bin tot. Er wird seine Waffe auf mich richten und …

»Steh auf«, sagt er.

»Was?«

Er zieht mich mit sich hoch. Ich lasse die Servietten fallen. Der Tresen reicht mir bis zur Nase und ich kann nur Leichen und das Auto sehen. Vielleicht noch einen Streifen des Bürogebäudes.

»Weißt du, wo sie sich verstecken?«, fragt Nick. Tipp, tipp, tipp. »Du musst es mir sagen.«

»Ein, äh, ein paar sind im Laden nebenan. Und am Pick-up, aber das ist, du weißt schon …« Ich gestikuliere kraftlos zur Seite. »Ganz da drüben.«

»Könnten wir sie vom Fensterplatz aus sehen?«

Der Fensterplatz – auf der anderen Seite des Cafés. »Schätze schon? Ich weiß nicht …«

Bevor ich den Satz beenden kann, bricht das Gnade mit einem Bersten von Metall und Glas aus dem Bürogebäude hervor und windet seinen Körper wie eine Spinne durch die Tür.

Es hat einen Menschen im Mund. Einen Jungen. Er wehrt sich, während er die Treppe hinuntergeschleift wird.

Nick hört auf zu tippen.

Diese Szene ist nichts Neues für mich. Ich habe das alles schon gesehen. Habe es getan. Ich habe einem Gnade zugeflüstert und die Flut gegen die Engel gerichtet, dennoch steigt mir die Galle in die Kehle. So sieht meine Macht aus. Deshalb haben mich die Engel zu einem Monster gemacht.

Kugeln schlagen in den Rücken des Gnades ein, zerfetzen, was von seinem Gesicht noch übrig ist, doch es geht weiter. Es schleppt den Jungen auf die Straße, hebt ihn hoch, als wollte es seine Beute präsentieren, und beißt kräftig zu.

Das Geräusch ist laut und schmatzend. Wie ein nasser Zweig, der beim Drauftreten zerbricht. Knochenfragmente blitzen in der Sonne auf. Der Junge gibt überhaupt keinen Laut von sich, als er auf dem Boden landet, während sein abgetrenntes Bein aus dem Mund des Gnades hängt.

Ein Engel ruft: »Der Herr ist gütig!«, und Nick meint: »Halt dir die Ohren zu.«

Ich zögere nicht und schlage mir die Hände über die Ohren. Trotzdem ist es so laut. Eine Salve aus drei Schüssen: Der erste trifft das Auto, der zweite streift die Schulter des Gnades und der dritte trifft es mitten in das, was mal sein Kiefer war. Keiner zeigt irgendeine Wirkung. Blut spritzt auf die Straße, doch das Gnade stampft einfach nur mit seinem riesigen, klauenbesetzten Fuß auf.

Auf die Brust des Jungen.

Sein Körper gibt sofort nach. Dutzende Knochen brechen gleichzeitig. Durch das Klingeln in meinen Ohren höre ich Stimmen – die Todesschwadron jault Lobeshymnen und heilige Phrasen wie ein Rudel Hunde.

Das Gnade wird jeden von Nicks Leuten jagen und abschlachten. Niemand hat eine Chance gegen ein Gnade, das als perfekter Segen des Krieges geschaffen wurde. Wenn man es nicht schafft, ihm eine Kugel in die Überreste seines Hirns zu jagen oder ihm genügend Gliedmaßen wegzuschießen, dass es einem nicht mehr folgen kann, hat niemand eine Chance gegen es.

Außer dem Seraph. Außer mir.

Nein. Nein, nein. Ich habe versprochen, dass ich das nicht tun würde. Böses gebiert Böses gebiert Böses. Dass ich dem Seraph nachgebe, ist genau das, was die Engel wollen. Ich habe versprochen, gut zu sein. Ich kann das nicht tun.

Dad hat mir eingeschärft, das Monster so lange wie möglich verborgen zu halten – es zwischen meinen Rippen anzuketten, niemals zu akzeptieren, was die Engel mir angetan haben. Aber wenn ich einfach nur zusehe, wie sie sterben, wie kann ich mich dann überhaupt als gut bezeichnen? Ich würde keine Leben auslöschen, ich würde sie retten. Sich vom Seraph abzuwenden, ist nicht gut, wenn es bedeutet, dass Leute gefressen werden.

Und ich werde nicht zulassen, dass die Engel mich in die Finger kriegen.

»Halt«, flüstere ich.

Ich muss es nicht laut sagen, aber wenn ich es nicht wenigstens zu mir selbst sage, habe ich das Gefühl, meinen Geist in den Äther zu schleudern und dem freien Fall zu überlassen. Mom hat immer gesagt, ich solle laut beten, damit Gott weiß, dass ich mich nicht für meine Liebe zu Ihm schäme.

Ich wiederhole es, leiser, so leise, dass kein Laut zu hören ist, aber es ist da. »Halt.«

Halt.

HALT.

Das Gnade hält an.

Das Bein des Jungen fällt ihm aus dem Mund. Berge aus Haut und knorrigen Muskeln zucken vor Angst. Vor Verwirrung. Vor Schmerz.

Wenn ich nur noch ein weiteres Wort flüstere, wird sich das Gnade mit dem Brüllen brennender Sünder, einem Chor von der Flut verschlungener Stimmen, gegen die Engel wenden. Es wird ihnen das Rückgrat brechen und den Schädel einschlagen, genau wie dem Jungen.

Es wäre so einfach.

»Was …?«, setzt Nick an.

»Schieß«, sage ich.

Mehr braucht Nick nicht. Er reißt das Gewehr an die Schulter und zielt – zwischen zwei Glasscherben hindurch, die noch im Fensterrahmen hängen, über das Auto und ins offen stehende Maul des Gnades, wo die Kugel das Gehirn treffen und es ausschalten wird, als wäre ein Schalter umgelegt worden.

Eines Tages wird jemand dasselbe über mich denken.

In der halben Sekunde, die vergeht, während Nick zielt und abdrückt, dämmert es mir. So sieht meine Zukunft aus. Ich habe die gescheiterten Seraph-Versuche gesehen. Ich habe gesehen, wie Märtyrer sich verzweifelt, verängstigt und bei vollem Bewusstsein die Haut abgezogen haben.

So werde ich auch enden, und ich kann nichts dagegen tun.

KRACK.

Ein perfekter Schuss. Eine Kugel. Sofort tot. Nicht wie bei Dad, bei dem ich zusehen musste, wie er aus einer klaffenden Wunde verblutet ist, während ich meine Hände auf das zerfetzte Fleisch seiner Brust gedrückt habe, als hätte ich damit irgendwas bewirken können. Dieser Tod ist fast schon gnädig. Das Gnade stolpert, als hätte man ihm ein Bein gestellt, und geht in einem Durcheinander aus Gliedmaßen zu Boden.

Ich hab’s geschafft. Ich hab’s wirklich geschafft. Es hat funktioniert.

Es tut weh.

Ich stürze und pralle gegen den Schrank. Es brennt, als hätte ich Höllenfeuer geschluckt, und meine schwarzen, aufgelösten Eingeweide ergießen sich aus meinem Mund und tropfen über meine Lippen. Ich schlage mir die Hände vor den Mund, immerhin sind das meine Eingeweide, die da rauskommen, und vielleicht, wenn ich sie drinbehalte, werden sie wieder normal, wenn ich nur …

Ich höre ein Geräusch. Mein Gesichtsfeld ist auf einen kleinen, verschwommenen Punkt beschränkt oder vielleicht habe ich auch nur die Augen zugekniffen. Etwas berührt mich und ich will, dass es aufhört. Noch ein Geräusch. Ich glaube, es ist eine Stimme. Die Flutfäule ist bitter und viel zu süß, wie der süßliche Geruch einer Leiche, die in der Sommersonne verwest. Jemand sagt meinen Namen. Herr, ich knie vor Dir als Sünder. Hab Gnade, hab Gnade.

»Hier oben«, sagt Nick. »Benji. Hier oben. Konzentrier dich auf mich.«

Benji. Das ist mein Name, der Name, den ich für mich ausgewählt habe. Nick stützt mich an den Schultern und wischt mir mit einer Serviette übers Gesicht, wie man es bei einem quengelnden Baby tun würde.

»Sieh mich an.« Als er fertig ist, zieht er mir meine Maske über die Nase. »Behalt die auf, egal was passiert. Verstanden?«

Der Schmerz hat sich zu einem Pochen beruhigt, ähnlich wie schlimme Menstruationskrämpfe. Schlimm, wirklich schlimm, aber nichts, was ich nicht kennen würde. Nichts, was ich nicht überleben würde.

»Verstanden«, bestätige ich.

»Nick!«, ruft jemand.

»Egal was passiert«, wiederholt Nick und steht auf. »Aisha! Hier!«

Einen Moment lang ist die Welt vollkommen still. Keine Schüsse. Keine Schreie. Nur Schritte auf dem Beton. Das zaghafte Zwitschern von Vögeln.

Ein schwarzes Mädchen mit Tränenspuren im Gesicht betritt das Café. Ich sehe sie durch den Kuchenschaukasten. Ihr schwarzes Outfit ist an den Knien verdreckt und ihre Fingerknöchel sind aufgeschürft. Sie erblickt Nick, hält inne und zeigt mit einem zitternden Finger auf ihn.

»Du«, schluchzt sie, »du solltest bei uns bleiben.«

Es ist so lange her, dass ich zuletzt jemanden weinen gesehen habe. Ihre Stimme bricht und die Tränen verharren in ihren Augenwinkeln, bevor sie schließlich fallen und den Rand ihrer Maske durchnässen.

»Du hast gesagt, du bist direkt hinter uns«, sagt sie. »Das hast du gesagt.«

»Mir geht’s gut«, erwidert Nick unfassbar gelassen. »Du und Faith habt es auch ohne mich geschafft.«

»Fick dich!« Das Mädchen – Aisha – stampft mit dem Fuß auf. »Wir dachten, dich hätte es auch erwischt!«

Nick schweigt. Aishas Wimpern zittern herzerweichend, während die Tränen noch heftiger fließen.

»Es tut mir leid«, schluchzt sie. Sie kann nicht älter als ich sein. An ihren Fingern zeichnet sich um die Knöchel noch ein bisschen Babyspeck ab. »Es tut mir leid, ich … Ich muss die anderen finden.«

»Die kommen allein klar.«

»Nein, ich muss sie finden.«

»Okay. Wenn du Faith findest, bring sie her.«

Aishas gerötete Augen werden groß. »Was ist los? Ich verkrafte es nicht, wenn noch irgendwas passiert ist, auf keinen Fall.«

»Nichts ist passiert. Bring sie einfach nur her.«

Aisha schnieft und geht. Sobald sie weg ist, kniet Nick wieder bei mir am Boden und hält mich aufrecht.

»Hör mir gut zu«, mahnt er. »Nenn sie nicht Gnaden. Nenn es nicht das Jüngste Gericht. Und nimm nicht die Maske ab. Okay?«

»Okay«, antworte ich.

»Atme«, sagt Nick.

Ein paar Minuten später kommt Aisha mit einem anderen Mädchen im Schlepptau zurück. Faith. Sie ist eine weiße Butch-Lesbe mit kahl rasiertem Schädel, größer als wir alle und ein paar Jahre älter. Aisha hat sich mit dem kleinen Finger bei ihr untergehakt.

»Hab gehört, du suchst mich«, sagt Faith mit heiserer Stimme.

»Alles okay?«, fragt Nick.

»Oh«, antwortet sie. »Natürlich nicht.«

Als sie um den Tresen kommen, erstarren sie.

Faith trifft den Nagel auf den Kopf: »Scheiße.« Sie hockt sich hin und legt den Kopf schief. »Hey, Kumpel. Wie heißt du?«

Da ich nicht antworten kann, schaltet sich Nick ein: »Das ist Benji.« Nicht mein Deadname. Nicht Schwester Woodside. Mein richtiger Name. »Helft mir mal.«

Die Mädchen stellen mich auf die Füße, während Nick geschickt meine Jacke zurechtrückt, um die schwarzen Flecken auf meinem Shirt zu verbergen. Eins meiner Knie gibt nach und ich sacke gegen Faiths Brust.

Aishas Stimme bricht, als sie spricht. »Schon gut, wir haben dich.«

Ich bringe ein »’tschuldigung« hervor.

»Kein Grund, sich zu entschuldigen«, versichert Faith. »Schon in Ordnung.«

»Die Engel sind weg«, sagt Nick. Er ist so nahe, dass ich meinen Kopf bei ihm anlehnen könnte, wenn ich wollte. Und ich will. Ich bin so müde. »Du bist jetzt in Sicherheit. Versprochen.«

In seinen Augen steht ein Ausdruck, der ganz anders ist als der der Mädchen. Als hätte er etwas gefunden, das er vor Jahren verloren hat.

Als wäre ich das letzte Teil eines schrecklichen Puzzles.

ENTSAGE ANGST UND HEUCHELEI. FINDE AUF DEM WEG ZUM HERRN DEINE BESTIMMUNG UND LIEBE – SCHLIESS DICH IHM IN SEINER GNADE AN UND BESCHREITE DEN PFAD EWIGEN LEBENS. FINDE ERLÖSUNG IN SEINEM PLAN!

– REKRUTIERUNGSPOSTER DER ENGELSBEWEGUNG

Woran ich mich erinnere:

Aisha und Faith halten mich aufrecht. Eine fragt Nick, ob es sein kann, dass ich infiziert bin. Er schüttelt den Kopf, obwohl er einen Fleck Flutfäule am Ärmel hat.

Ein sonnenverbrannter Junge balanciert Bruder Hutchs Kopf in den Händen und schneidet ihm mit einem Messer das linke Ohr ab. Er macht dasselbe bei Steven, kann aber nicht an dem Jungen vorbei, dessen Überreste auf der Straße verschmiert sind. Knochen staksen aus ihm heraus wie Mahnmale.

Nick steht schweigend neben dem Gnade. Schließlich bricht er ihm mit seinem eigenen Messer einen Zahn aus. Ich fahre mir mit der Zunge über die Eckzähne und frage mich, wie lange es wohl noch dauern wird, bis ich auch so aussehe.

Wir stehen alle zusammen, vollkommen Fremde auf dem Schlachtfeld, und fast scheint es, als wären meine Gebete erhört worden, amen – aber das glaube ich keine Sekunde.

Ich wache auf dem Boden auf. Was ich auf Anhieb wahrnehme: die Verspannung in meinem Nacken und dass der Teppich nicht dick genug ist, um über den Beton darunter hinwegzutäuschen. Ich vergrabe mein Gesicht in den Armen und stöhne.

»Endlich ein Lebenszeichen«, sagt jemand neben mir. »Bist du wach?«

»Nein.« Ich will fragen, wo ich bin, aber es spielt eigentlich keine Rolle. Alles ist besser als Neu-Nazareth. Ich könnte in einer Zelle aufwachen, und solange auf der anderen Seite der Gitterstäbe keine Engel stünden, wäre ich immer noch besser dran als zuvor.

»Nein?«, entgegnet die Stimme. »Mist. Na gut.«

Nach einer Minute setze ich mich auf und lehne mich gegen den Schreibtisch hinter mir. Der Raum wirkt wie ein Büro. Bücherstapel verteilen sich über chaotische Regale. Auf jeder Oberfläche sind Papiere verstreut. Zertifikate, Zeitungsausschnitte und Fotos hängen an den Wänden, das Glas der Bilderrahmen ist trüb, als ob es seit dem Jüngsten Gericht nicht mehr sauber gemacht wurde.

Aber so spannend das alles auch ist, ich fühle mich beschissen. Genauso wie die Person auf dem Stuhl auf der anderen Seite des Raums, wenn man nach den Narben und den von Trauer geröteten Augen geht. Ihre rechte Gesichtshälfte ist von Pockennarben verunstaltet. Ein Auge öffnet sich nicht ganz. Latinx, ein vernarbtes Gesicht und lackierte Nägel fügen sich nicht zu jemandem zusammen, den ich kenne. »Wer …?«

»Mist, wir müssen uns vorstellen.« Mein unbekanntes Gegenüber lehnt sich zurück und verschränkt die Finger, wie in einem Versuch, von den offensichtlichen Tränen abzulenken. »Mein Name ist Salvador. Ich war bei der Gruppe, die dich gefunden hat, konnte allerdings nicht mehr Hallo sagen, bevor du das Bewusstsein verloren hast. Ich wurde zum Babysitten – soll keine Beleidigung sein – verdonnert, um sicherzugehen, dass du nicht durchdrehst, wenn du aufwachst.« Dafür bin ich zu müde. Für einen Tag bin ich schon zu oft durchgedreht. »Also ja, schön, dich endlich kennenzulernen. Meine Pronomen sind xier/xiem.«

Richtig, Salvador hat den sonnenverbrannten Jungen von der Leiche weggezerrt. Die Erinnerung ist allerdings verschwommen. Mein Gehirn ist von einem Nebel eingehüllt und ich bin zu müde, um mich hindurchzuwühlen. Ich sehe alles, was heute passiert ist, wie aus weiter Ferne, als hätte die Sonne jegliche Farbe ausgebleicht. Dads Blut unter meinen Nägeln ist der einzige Beweis, dass er heute gestorben ist. Dass er erst vor ein paar Stunden gestorben ist.

Salvador mustert mich wachsam.

»Ja«, sage ich. »Cool. Xier/xiem.« Ich gehe die gesamte Deklination durch: xier, xien, xiem, xieser. In einem Buch, das Dad aus einem Scheiterhaufen konfiszierter Gegenstände in Neu-Nazareth gerettet hat, habe ich von Neopronomen gelesen. In unserer zweiten Nacht in der Stadt, erst vor ein paar Tagen, erwähnte er das Buch wieder, während wir im Schlafzimmer eines fremden Toten saßen und er mir mit einer Stoffschere sechzig Zentimeter Haar abschnitt. Bei jedem Schnitt entschuldigte er sich, sicher, dass er es versauen würde. Letztlich saß ich in einem Haufen rotbrauner Strähnen und fuhr mir mit den Händen durch meine kurze, strubbelige, ungewohnte Jungenfrisur.

Ich muss aufhören, ständig an Dad zu denken. Also sage ich: »Bist du trans?«

Salvador blinzelt. »Äh.«

»Warte, nein.« Ich kann Leute nicht einfach so fragen, ob sie trans sind. »Das hätte ich nicht …«

»Nein, schon gut«, versichert Salvador. »Ich mein, ja, natürlich. Ich bin supertrans. Geradezu ketzerisch trans. Warum?«

Ich habe noch nie einen anderen trans Menschen getroffen. Kann ich das sagen? Würde mich das als Engel enttarnen?

Stattdessen sage ich: »Hab länger keinen gesehen.«

»Dann wirst du durchdrehen, wenn ich dir sage, dass das hier ein LGBTQ+-Jugendzentrum ist.«

Xier hat recht. »Ein was?«

Salvador deutet auf das Büro. »Das ist das Acheson-LGBTQ+-Zentrum. Quasi so was wie das YMCA, nur noch schwuler. Wir kennen es kurz ALZ.« Alz, das klingt wie eine Abkürzung für Alzheimer oder so. Ein ganzes Gebäude nur für Menschen wie uns? »Es ist nicht viel und wir mussten ein paar Anpassungen vornehmen«, sagt xier und deutet mit dem Kopf auf das zugenagelte Fenster neben xiesem Kopf, »aber es ist unser Zuhause.«

Xier unterbricht sich.

»Zugegeben«, murmelt xier, »heute war ein beschissener Tag.«

»Das mit deinem Freund tut mir so leid.«

»Ja. Mir auch.« Xier spielt mit einer langen, gelockten Strähne, die sich aus xiesem Stirnband gelöst hat, und wechselt das Thema. »Nick sagt, du wurdest entführt.«

»Das, äh, ist ’ne lange Geschichte.«

»Na ja, dachte ich mir schon«, entgegnet Salvador. »Engel entführen keine Leute.«

Tun sie nicht. Sie hängen die Ketzer auf und schlitzen sie auf. Vielleicht töten sie sie schmerzlos, wenn die Ungläubigen freiwillig mitkommen. Scheiße, ich erinnere mich an einen Pastor, der für ein Neugeborenes gebetet hat, bevor seine Eltern es im Fluss ertränkt haben, um dafür zu büßen, ohne den Segen der Kirche einen Sünder in diese Welt gesetzt zu haben. Schließlich gibt es keinen Bedarf an neuem Fleisch.

Nicht dank der Flut. Nicht dank des Seraphs.

»Das dachte ich auch«, sage ich.

»Tja, ich schätze, so sind Terroristen einfach. Was ich eigentlich sagen will: Nick will mit dir reden. Er hat irgendwas gewittert und wird nicht lockerlassen, bis er es entschlüsselt hat, also kannst du’s auch gleich hinter dich bringen. Glaubst du, du schaffst das?«

Schaffen? Ich kann eine ganze Menge schaffen – ob es allerdings eine gute Idee ist, ist eine andere Frage. »Bringen wir’s hinter uns.«

»Dacht ich mir.« Salvador steht auf und streckt sich. »Bin gleich zurück. Und mach keine Dummheiten. Cormac steht draußen, und er hat einen nervösen Zeigefinger.«

Das klingt beinahe wie eine Drohung, doch ehe ich etwas erwidern kann, ist Salvador gegangen.

Also. Ein LGBTQ+-Zentrum. Ich stemme mich am Schreibtisch hoch. In den vergangenen Monaten habe ich viel Zeit in Schwester Kiplings Büro verbracht und die spärliche Deko angestarrt, um nicht die Prophetin des Armageddon, die Frau, die die Flut geschaffen hat, ansehen zu müssen. Schwester Kipling hatte ein Kruzifix über der Tür hängen, gerahmte Diplome über dem Schreibtisch und hinten war quer über die Wand geschrieben: BESCHREITE SEINEN PFAD, FINDE ERLÖSUNG, WERDE WIEDER ZU ERDE.

Dieses Büro ist ganz anders. Hinter dem Bürostuhl hängt eine Regenbogenflagge, im Bücherregal steht die Biografie einer bedeutenden Persönlichkeit der Bewegung für Transrechte. Einer der Zeitungsartikel ist von 2015 und feiert die Legalisierung der Ehe für alle in den USA. Ich kann mir 2015 nicht mal vorstellen. Ich glaube, Mom und Dad kannten sich damals noch nicht mal.

Jedes Bild zeigt eine Welt, die ich hinter mir gelassen habe, als ich elf war. Eine Welt, die die Engel zerstört haben, als ich vierzehn war. Eine Welt, die mir völlig fremd ist.

Ich starre gerade ein Foto an – Leute, die die Faust erhoben haben und wütend und energisch Parolen brüllen –, als sich die Tür erneut öffnet. Ich schiebe meine Hände in die Taschen. Den Rücken durchgedrückt, das Kinn erhoben, als würde Mom meine Haltung in der Kirche kontrollieren.

Salvador tritt mit zwei Leuten ein: Nick und einer Fremden. Nick bezieht wie ein Wachhund Posten an der Tür und verschränkt die Arme. Er hat seine Kapuze abgenommen und seine Kampfmaske gegen eine hellgraue eingetauscht, die gut zu seinem rausgewachsenen schwarzen Haar passt. Haarnadeln an den Schläfen und der Stirn verhindern, dass ihm lose Strähnen ins Gesicht fallen.

Er ist … Er ist niedlich. Seine dunklen Augen, die markanten Augenbrauen, der gleichgültig, aber doch neugierig schräg gelegte Kopf …