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War das wirklich der Buddha, der da auf einem riesigen weißen Elefanten mit sechs Stoßzähnen saß, oder doch nur ein böser Spuk? Und was ist das für ein Wahrsager, der jedes Schicksal kennt, nur sein eigenes nicht? Im Land der Samurai und Shinto-Priester waltet mancherlei Magie und böses Karma. Diese Geschichten und Legenden aus dem japanischen Kulturkreis erzählen vor exotischer Kulisse von schaurigen Dingen und verzauberten Wesen und sorgen für einen ganz speziellen Grusel.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Lafcadio Hearn
JapanischeGeistergeschichten
Herausgegeben und übertragenvon Gustav Meyrink
Anaconda
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Dieser Band erschien zuerst 1925 im Propyläen-Verlag in Berlin.
Orthografie und Interpunktion wurden den Regeln der neuen
deutschen Rechtschreibung angepasst. Die Umschrift der japanischen
Namen und Begriffe blieb unverändert.
© 2025 by Anaconda Verlag, einem Unternehmen
der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Alle Rechte vorbehalten.
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR)
Umschlaggestaltung: Katja Holst, Frankfurt am Main
Umschlagmotive: © Emilie Sarnel / Adobe Stock
Satz und Layout: InterMedia – Lemke e. K., Heiligenhaus
ISBN 978-3-641-33196-2V002
www.anacondaverlag.de
Inhalt
I. Ingwa-banashi
II. Der Tengu
III. Der Wahrsager
IV. Furisodé
V. Ein Leidenskarma
VI. Hundegeheul
VII. Die Legende vom Yurei-Daki
VIII. Das Bild in der Teetasse
IX. Nüchterner Verstand
X. Ikiryō
XI. Shiryō
XII. Die Fliege
XIII. Der Fasan
XIV. O-Kamé
XV. Der Fall Chūgōrō
XVI. Der Traumfresser
Quellennachweis
I. Ingwa-banashi
Wirkung eines bösen Karmas
Des Daimyos Weib lag im Sterben; sie wusste, dass es mit ihr zu Ende ging. Seit Frühherbst des zehnten Bunsei hatte sie das Krankenbett nicht mehr verlassen.
Es war der vierte Monat im zwölften Bunsei – was dem Jahr 1829 westlicher Zeitrechnung gleichkommt – und die Kirschbäume standen in voller Blüte.
Das Weib des Daimyos dachte an die Kirschbäume in ihrem Garten und an den herrlichen Frühling draußen. Sie dachte an ihre Kinder. Sie dachte an ihres Gatten zahlreiche Nebenfrauen und vor allem an die neunzehnjährige Yukiko.
»Mein geliebtes Weib«, sagte der Daimyo, »du hast viel, viel gelitten in diesen drei langen Jahren. Wir haben alles getan, was in unseren Kräften stand, haben bei dir gewacht Tag und Nacht, haben für dich gebetet und oft und oft gefastet um deinetwillen. Aber trotz unserer Liebe und Sorgfalt und der Bemühungen unserer besten Ärzte will es jetzt scheinen, als ob es mit deinem Leben zu Ende ginge. Wahrscheinlich ist unser Leid größer als das deinige, dass du die Stätte verlassen wirst, von der der Buddha sagte: ›Die Welt, sie ist ein brennendes Haus.‹
Ich werde anordnen, gleichgültig, was es auch kosten möge, dass die Priester alle religiösen Riten vollziehen sollen, die dir von Nutzen sein können für dein nächstes Dasein auf Erden; wir alle werden ohne Unterlass für dich beten, dass du nicht mögest wandern müssen in den lichtlosen Abgrund des Totenreiches, sondern sogleich nach dem Hinscheiden ins Paradies gelangst und die Buddhaschaft erringst.«
Der Daimyo hatte voll Liebe zu seinem Weib gesprochen und sie dabei zärtlich gestreichelt.
Die Augen geschlossen, antwortete sie ihm mit einer Stimme, so fein und leise wie das Schwirren zarter Insektenflügel:
»Ich danke dir, danke dir aus vollem Herzen für deine lieben Worte … Ja, es ist wahr, was du sagtest: Ich bin krank gewesen drei lange Jahre, und ihr habt mich gepflegt mit Sorgfalt und treuester Hingabe. Warum sollte ich jetzt straucheln auf dem einzigen wahren Pfad, jetzt im Angesicht des Todes? … Vielleicht ist es nicht recht, in dieser Stunde an irdische Dinge zu denken, aber … ich habe eine Bitte auf dem Herzen. Nur eine einzige! … Ruf mir Yukiko; du weißt, ich liebe sie wie eine Schwester. Ich will mit ihr über Dinge sprechen, die den Haushalt betreffen.«
Yukiko kam auf den Befehl des Daimyos herbei und kniete auf seinen Wink neben dem Bett nieder.
Die Sterbende schlug die Augen auf, blickte Yukiko an und sagte:
»Du bist hier, Yukiko? … Ich bin so froh, dass ich dich noch einmal sehen kann, Yukiko! … Komm näher zu mir, damit du mich hören kannst, ich bin nicht imstande, laut zu sprechen … Yukiko! Ich muss sterben. Ich hoffe, du wirst in allen Dingen unserem lieben Gatten treu ergeben sein … denn ich will, dass du meine Stelle einnimmst, wenn ich nicht mehr bin … Ich hoffe, er wird dich immer lieben, hundertmal mehr noch, als er mich geliebt hat – und dass er dich bald, bald in einen höheren Rang erheben wird – und dich zu seiner wirklichen Gattin machen. Und ich bitte dich, umgib ihn mit deiner ganzen Liebe; lass es nicht geschehen, dass eine andere dir sein Herz stiehlt … Das ist es, was ich dir sagen wollte, meine geliebte Yukiko … Hast du alle meine Worte verstanden?«
»O du meine liebe Herrin«, wehrte Yukiko ab, »ich bitte dich, sprich nicht so seltsam zu mir! Du weißt wie ich: ich bin arm und stehe tief im Range. Wie könnte es sein, dass ich jemals meine Augen zu ihm erheben dürfte in der Hoffnung, seine Gattin zu werden!«
»Nein, nein!«, widersprach die Sterbende; »es ist jetzt keine Zeit, Worte äußerlicher Höflichkeit zu tauschen, wir müssen zueinander wahrhaftig sein. Du wirst nach meinem Tod sicherlich meine Stelle einnehmen. Und ich versichere dir: ich wünsche, dass du sein Weib wirst. Ja, das wünsche ich, Yukiko. Wünsche es fast heißer noch, als die Buddhaschaft zu erringen … Ach, Yukiko, beinahe hätte ich vergessen: ich habe noch eine Bitte! Du weißt, im Garten steht ein Yae-Zakura, ein Kirschbaum mit doppelten gefüllten Blüten, den sie hergebracht haben vom Berg Yoshino in Yamato im vergangenen Jahr. – Er steht jetzt in voller Blüte. – So gerne möchte ich noch einmal seine Pracht sehen. – In einer kleinen Weile werde ich nicht mehr sein; ich muss ihn noch einmal sehen, ehe ich sterbe. – Ich möchte, dass du mich in den Garten trägst … jetzt, jetzt, Yukiko, … damit ihn meine Augen sehen … Ja, auf deinen Schultern, Yukiko, … nimm mich auf deine Schultern …«...Ende der Leseprobe
