Klarkraut - Anne Wanitschek - E-Book

Klarkraut E-Book

Anne Wanitschek

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Beschreibung

Träume lassen sich bewusst erleben und sogar steuern. Aber nur wenige Menschen träumen regelmäßig luzide. Alle anderen brauchen Hilfe, um in die Wunderwelt des Klartraums zu gelangen und so das volle Potenzial des luziden Traumerlebens zu nutzen. Und diese Hilfe kann grün sein. In diesem Ratgeber präsentieren die Heilpflanzenkundigen Anne Wanitschek und Sebastian Vigl ihr Klarkraut-Programm – eine Kombination aus modernen und traditionellen Klartraum- und Heilschlaf- Techniken und der kraftvollen Wirkung von Heilpflanzen. Die Übungen bauen aufeinander auf und führen Lesende schrittweise an die Techniken heran. Allseits bekannte, nicht psychedelische Heilpflanzen wie etwa Salbei, Lorbeer, Safran oder Damiana eröffnen mit ihren Wirkstoffen und ihrer Symbolkraft den Kosmos des Traums: für Selbsterkenntnis, Entfaltung und Heilung.

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Seitenzahl: 272

Veröffentlichungsjahr: 2025

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KlarKraut

Luzides Träumen mit Heilpflanzen –

eine Anleitung

Anne WanitschekSebastian Vigl

KlarKraut

Luzides Träumen mit Heilpflanzen –

eine Anleitung

INHALT

VORWORT

IM WUNDERLAND BLEIBEN: EINE KURZE GESCHICHTE DES KLARTRÄUMENS

Das Erwachen in der Heimat

Wer leben will, muss schlafen

Wer wach sein will, muss träumen

Das trojanische Pferd in einer kalifornischen Universität

Die drei Revolutionen der Klartraumforschung

SPIRITUELLE WURZELN UND MODERNE BLÜTEN: MIT PFLANZEN IN DEN KLARTRAUM

Antike Pfade zum kollektiven Wissensraum

Luzide Bewusstseinserweiterungen: Tag und Nacht vereint

Klarkräuter: luzide Pflanzenkraft für die zwei Körper der Nacht

Mit den Flügeln der Motivation in der luziden Traumwelt landen

HAND IN HAND MIT DEN KLARKRÄUTERN IN DIE NACHT

Mit den Klarkräutern arbeiten

Beziehungsaufbau zu den grünen Begleiterinnen

Warum wir abends einen Tee empfehlen

Warum wir Tinkturen empfehlen

Warum wir ätherische Öle empfehlen

Mit Pflanzenrauch den Raum durchdringen

Das Herzstück des Programms: die Trauminkubation

Trauminkubation: Hand in Hand mit den Pflanzen in die Nacht

Atmende Pinselstriche – in den Pflanzenporträts

Mit den Pflanzenbildern arbeiten

Schrittweise am schnellsten zum Ziel: den Trauminkubationen Zeit geben

Chakren für die Trauminkubation

Den Pfad kennenlernen, um den Pfad zu verlassen

Wir passieren den Schwellenbaum

DER ERSTE ZYKLUS: KONTAKT

Jenseits der Erlen: Männer werden zu Schweinen

Die Botin des Erwachens hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge

Homer werden – das Traumgedächtnis als Schlüssel zur Luzidität

Die Dunkelkammer der Nacht

Salbei und Lorbeer für demente Labormäuse und unser Traumgedächtnis

Das Moly in der Forschung: mit einem starken Gedächtnis in den Klartraum

Erholsamer Schlaf: die solide Grundlage für das luzide Träumen

Zusätzliche Booster für gesunden Schlaf, besseres Traumgedächtnis und ruhigere Vollmondnächte

Das 24-Stunden-Protokoll für den ersten Zyklus

Anregungen für den Lebensstil: das Gedächtnis stärken

Plenus venter non dormet libenter – ein voller Bauch schläft nicht gern

Vitalstoffe für das Traumgedächtnis

Binaural Beats

DER ZWEITE ZYKLUS: KLARHEIT

Odysseus, Lotosessende und Meta-Erleben

Traumzeichen: Spurensuche in der Traumarchitektur

Von den Traumzeichen zur alles entscheidenden Frage

Die kritische Frage mit Lorbeer stellen

Tholeys Methode mit Salbei und Ginkgo stärken

Beifuß und WBTB: Booster für lebendige und luzide Träume

Mit Traumstein oder Handzähler in den Klartraum

Das 24-Stunden-Protokoll für den zweiten Zyklus

Anregungen für den Lebensstil: Dopamin und Belohnung

EXTRA: DER KLARTRAUM-NAVIGATOR: WAS TUN IM KLARTRAUM?

Den Klartraum stabilisieren

Die Traumwelt respektieren, die Traumwelt beeinflussen

Ihr persönliches Klartraum-Instrumentarium aus Symbolen und Ritualen

Was tun bei Albträumen?

DER DRITTE ZYKLUS: KREATIVITÄT

Das Schlafmittel der Helena und der süße Schlaf

Serotonin und Klarträumen: REM-Rebound, Neuroplastizität und Kreativität

Die tagträumerische kritische Frage

MILD-Technik: Klar werden im Traum

Einschlummern wie ein Löwe

Das 24-Stunden-Protokoll für den dritten Zyklus

Anregungen für den Lebensstil: Kreativität willkommen heißen

DER VIERTE ZYKLUS: BEFREIUNG

Der Rat der Zauberin und eine Speichelanalyse bei Odysseus

Luzides Einschlafen: hypnagoge Erlebnisreise durch die Welt des Übergangs

Eine kleine Karte der hypnagogen Wahrnehmungen

Ins Wunderland fallen

Außerkörperliche Erfahrungen – Astralreisen

Schwere Muskeln und Schlafparalyse

Salvador Dalís Bilderwelten und der Tetris-Effekt

Synästhesien

Nächtliche Stimmungstiefs

Das leuchtende Dunkel: die Welt ohne Eigenschaften

WILD: von der hypnagogen Welt in den Klartraum

Auf der Cortisolwelle surfen mit Lavendel und Rose

Yoga Nidra – mit der »Totenstellung« in die Tiefenentspannung

Den schmalen Grat in den Klartraum finden

Immer der Nase nach: auf dem Duftpfad in den Klartraum

Das 24-Stunden-Protokoll für den vierten Zyklus

Anregungen für den Lebensstil: Entspannung und Mitgefühl

SALBEI (Salvia officinalis)DAS GRÜNE RÜCKGRAT DES KLARKRAUT-PROGRAMMS

Erinnerungsbrücken über die Lethe

Die verbindenden Eigenschaften des Salbeis – und warum spirituelles Erwachen Erinnern ist

LORBEER (Laurus nobilis)GEISTIGER UND KÖRPERLICHER WANDEL

Die Lektion eines übergriffigen Gottes

Lorbeer verleiht Flügel: von starren Mustern erwachen

Kontakt zur inneren Schlangenkraft: Heilschlaf im Tempel des Asklepios

LAVENDEL (Lavandula angustifolia)DER MUT DES HERZENS

Navigieren im Reich der Stürme

Die Resonanz von schwierigen Emotionen und Trauminhalten

Ein mutiger Schritt ins Ungewisse

Sich reinigen ist liebendes Verstehen

DAMASZENER-ROSE (Rosa × damascena)MIT MITGEFÜHL LUZIDES ERWACHEN BEFEUERN

Ein französischer Traumforscher und seine Nase

»Es gibt vielleicht ein Ding, das Erwachen im Traum und im Alltag beschleunigt«

GINKGO (Ginkgo biloba)DER EIGENEN WEISHEIT VERTRAUEN

Lang lebe die Polarität

Traumfiguren als Portale und Verbündete

Die weisen Wesen im Traum – die weisen Wesen in uns

BEIFUSS (Artemisia vulgaris)MIT DER FACKEL INS UNBEWUSSTE LEUCHTEN

Erhellende Kulte und heilige Traditionen

Das Licht des Geistes entzünden: Wahrträume und Treffen mit Verstorbenen

Licht für nicht-integrierte Wesensanteile: Schattenarbeit mit Beifuß

SAFRAN (Crocus sativus)DER KUSS DER VERWANDLUNG

Die »Konfabulationen« des Ovid

Seelische Jungbrunnen: Was unsere Träume mit einem alten kretischen Kult gemeinsam haben

Das Heilmittel des lachenden Philosophen und der unglaubliche Witz

DAMIANA (Turnera diffusa)UND DAS ERFÜLLENDE FEUER IM DIESSEITS

Paradise now!

Die Welt als kosmisches Liebesspiel

Heilende hedonistische Träume

Sinnliche Gewürze für erotische Träume

TEESTRAUCH (Camellia sinensis)WENN EINEM DIE GELASSENHEIT ZUFLIEGT

Das grüne Gegengift eines unerschrockenen Naturforschers

Entspannte Wachheit dank Koffein und L-Theanin

SCHLUSSWORT: DER FÜNFTE ZYKLUS – ANKOMMEN

ANHANG

Einkaufslisten

Was Sie sonst noch brauchen werden

Bezugsadressen für Klarkräuter

Apotheken für Heilpflanzen und Pflanzentinkturen

Apotheken mit Schwerpunkt Tinkturen

Hersteller für Urtinkturen

Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Gegenanzeigen

Buchtipps

Verzeichnis der Übungen

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Autoren

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser,

erinnern Sie sich an die Tagträume Ihrer Kindheit? Haben Sie sich ausgemalt, wie es wäre, unsichtbar zu sein oder wenn die Zeit für alle anderen still steht, während Sie genüsslich die Bäckerei leer naschen? Haben Sie sich Superkräfte erträumt und Monster bekämpft, mit Tieren gesprochen, ihre Oma geheilt oder unberührte Inseln umsegelt? Es ist an der Zeit, Ihre Träume wieder aus der Schublade zu holen. Sie werden sie brauchen. Denn wir begleiten Sie in die Wunderwelt des luziden Träumens, in der nur das Potenzial Ihrer Fantasie die Grenzen des Erlebbaren bestimmt.

Da Sie dieses Buch in Ihren Händen halten, bringen Sie schon eine Voraussetzung für das Klarträumen mit: Sie sind davon fasziniert. Wahrscheinlich suchen Sie noch nach einem zuverlässigen Pfad in diese Wunderwelt. Den zeigen wir Ihnen. Wir haben dafür das Rad nicht neu erfunden. Wir stellen Klartraumtechniken vor, die sich bei Klarträumenden und in der Forschung seit Jahrzehnten bewähren, einzelne Techniken seit Jahrhunderten. Auch die Verwendung von Pflanzen zum Klarträumen ist kein Novum. Das Neuartige in diesem Buch ist die Kombination von bewährten, alten und modernen Klartraumtechniken und luzider Pflanzenkraft: unser »Klarkraut-Programm«. Dabei stützen wir uns auf unsere Erfahrung, die stetig wachsende Klartraumforschung, den Austausch mit anderen Klarträumenden und unsere Kenntnis von Wirkstoffen und der Symbolkraft der Pflanzenwelt. Wir zeigen Ihnen, wie die Wirkstoffe Ihr Gehirn auf das luzide Erwachen vorbereiten, und wie die grüne Symbolkraft die dafür förderlichen geistigen und seelischen Qualitäten in Ihnen weckt.

Bei unserem Programm unterstützt uns ein altes Epos, die Odyssee. Wir begegnen im Werk des Autors Homer dem Zaubertrunk der Kirke, dem Gegenmittel der Athene, der Wunderblume der Lotophagen oder dem Schlafmittel der Helena – also pflanzlichen Mitteln und grünen Symbolen, die nicht nur im Epos neue Räume eröffnen, sondern auch uns ein Portal in das Wunderland des luziden Träumens und in das Mysterium unseres Lebens erschließen. Pflanzen bringen uns zudem dem wesentlichen Aspekt des Träumens näher: der körperlichen und seelischen Gesundung. Auch für die Heilträume aus diesem Programm diente das antike Griechenland als Inspiration – mit den Safran-Kulten aus Kreta oder dem Heilschlaf in den Tempeln des Asklepios.

In einem unserer Klarträume gab der tibetische Traumyogi Namkhai Norbu eine Botschaft für dieses Vorwort: »Wir üben in den kleinen Träumen der Nacht für den großen Traum unseres Lebens.« Wenn wir unsere Möglichkeiten in einem luziden Traum erleben, beginnen wir zu ahnen, was tagsüber möglich ist. Wir beginnen zu ahnen, dass wir nicht nur nachts, sondern auch am Tag erwachen könnten und dadurch authentisch und unbelastet handeln. Was das genau bedeutet, werden Sie im Laufe des Buches erfahren.

Das eigentliche Ziel dieses Buches ist nicht, dass Sie klarträumen. Es ist wundervoll, wenn Sie das tun. Das eigentliche Ziel des Buches ist ein liebevoller Umgang mit sich selbst und anderen. Wir werden automatisch bessere Freunde, bessere Chefinnen, bessere Partner, wenn wir im Traum und am Tage erwachen.

In unserer Praxis erleben wir immer wieder, wie Pflanzen Wege eröffnen, wo keine schienen. Wie sie Heilung, Einsicht und Vertrauen in die eigene Kraft stärken. Pflanzen sind für uns die großen Ermöglicherinnen, die weisen Lehrerinnen dieses Planeten. Treten wir mit ihnen in Kontakt, berühren wir eine antike Welt des Mysteriums, der Einsicht und der Transformation. Treten wir mit ihnen in Kontakt, sind wir nur noch einen Schritt von unserer luziden Traumwelt entfernt.

Diesen Schritt wollen wir mit Ihnen gemeinsam gehen.

Anne Wanitschek und Sebastian Vigl

IM WUNDERLAND BLEIBEN: EINE KURZE GESCHICHTE DES KLARTRÄUMENS

Das Erwachen in der Heimat

»Ein muskulöser Mann liegt im Sand. Das Meer, das ihn lange in seiner unbarmherzigen Faust hielt, hat ihn ausgespuckt – und der Schlaf. Wo ist er, wie kam er hierher, träumt er noch? Die Feier vom Vortag benebelt seinen Kopf. Er zürnt dem Himmel voller Gottheiten, deren Launen ihn seit Jahren von einem Abenteuer ins nächste werfen. Und er zürnt diesem Meer voller Ungeheuer, Unwetter und unheilvoller Magie, in dem er nicht nur seine Freunde, sondern auch die Kontrolle über sein Schicksal verlor – und schlussendlich auch über sich selbst. Das Einzige, was ihm bekannt vorkommt, ist diese Frau, die sich ihm nähert …«

Gut möglich, dass diese Szene am Strand ein beliebter Cliffhanger in der Antike gewesen sein könnte, als sich Menschen gespannt um die Erzählenden drängten. Die Irrfahrten des Odysseus, die Odyssee, gingen vor fast 3000 Jahren – wie wir heute sagen würden – viral, und ihr Erfolg dauert an. Sie erzählt die Abenteuer von Odysseus während der Heimkehr nach dem Trojanischen Krieg. Viele davon faszinieren Groß und Klein heute noch, wir Menschen finden uns in seinen Geschichten wieder: Wir kennen all die Gefühle, das Leid und viele der Katastrophen. Wir ziehen nicht in den Krieg wie er, doch wir alle haben zu kämpfen: Wir sind alleinerziehend, schwer krank, unglücklich verliebt oder versinken im Stress.

Wie Odysseus wandeln auch wir durch einen magischen Kosmos – jede Nacht. In unserer Traumwelt regieren die olympischen Gottheiten der Odyssee, beziehungsweise die Kräfte und Gefühle, die sie personifizieren. Wie Odysseus treffen wir auf archetypische Mächte, sexuelle Ekstase, Verfolgungsjagden und unwirkliche Orte. Wie Odysseus haben wir nachts auf unserer Traumreise wenig Einfluss auf deren Dramen. Wir treiben, wie Homer schreiben würde, in dunklen Gewässern.

Bis uns bewusst wird, dass wir träumen. Dann haben wir schlagartig das Ruder in der Hand, das Wasser wird klar. Der Traum wird zum Klartraum. Wir sind nicht mehr Statist oder Schauspielerin, wir führen Regie. Wir sind nicht mehr Geschöpfe im Meer des Schlafes, sondern aus dem klaren Ozean unserer Fantasie Schöpfende.

Wir haben für Sie nicht nur ein paar inspirierende Vergleiche aus der Odyssee gefischt. Wir haben auch einen echten Schatz geborgen. Einen Schatz, der noch heute meist übersehen wird und lange nur als fiktionales grünes Ornament des Epos galt: das Pflanzenreich der Odyssee. Die Gesänge der Odyssee unterhielten nicht nur, sie gaben das Wissen einer antiken Pflanzenmagie weiter. Rund 60 Pflanzen finden sich in den Werken Homers, oft mit Hinweisen auf ihre Wirkung. Auch wenn dieses Wissen uns erst fast drei Jahrtausende später erreicht hat – die Pflanzen selbst haben sich in dieser Zeit kaum verändert. Was sie uns heute riechen, schmecken oder erfahren lassen, ließen sie die Menschen zu Homers Zeiten erleben.

Die Frau, die Odysseus am Strand erblickt, ist die Göttin Athene. Sie verrät ihm, dass er nach fast zwei Jahrzehnten Abwesenheit in seiner Heimat erwacht ist. Athene hat ihn die ganze Zeit über begleitet – wie auch die vielen Pflanzen der Odyssee. Selbst am Strand: Dort berät er sich unter einem Olivenbaum mit Athene. Das ist sein Zufluchtsbaum, unter dem er immer wieder Schutz und Schlaf findet – selbst sein heimatliches Schlafzimmer hat er aus dem beständigen Olivenholz gezimmert.

So wie die Pflanzen Odysseus auf seiner Reise des Erwachens, des Heilens und der Heimkehr begleiten, so können auch wir sie als grüne Inspiration für unsere Heilung, für unsere nächtliche Reise nutzen. Wir werden mit ihnen nicht nur morgens in unseren Betten, sondern bereits nachts im weiten Meer unserer Träume erwachen. Und es wird uns wie Odysseus gehen, als er am heimatlichen Ufer dem Schlaf entsteigt. Wir werden uns jedes Mal auf eine sehr intensive Art zu Hause fühlen, wenn wir luzide im Traum erwachen.

Wer leben will, muss schlafen

Der Kaiserpinguin muss schlafen. Ebenso die Katze und die Fruchtfliegen in Ihrer Küche. Alles, was auf diesem Planeten kreucht und fleucht, schläft auch. Fledermäuse hängen rund zwanzig Stunden jeden Tag schlummernd ab, einem Pferd reichen schon drei. Wie der Delphin macht es der Spatz, er lässt jeweils nur eine Gehirnhälfte schlafen: Ein Auge ist geschlossen, die ihm gegenüberliegende Hirnhälfte gönnt sich gerade ein Nickerchen. Wer auf dem Speiseplan von Raubtieren steht, muss seinen Schlaf nämlich gut takten. Zu riskant wäre ein langer Dämmerzustand, der einen zu leichter Beute macht. Auf Schlaf zu verzichten, wäre aber noch riskanter. Ratten, die in grausamen Experimenten nicht schlafen durften, überlebten keinen Monat.

Wie wichtig Schlaf ist, merken wir erst, wenn er uns fehlt. Schlaf ist der unverzichtbare Hauswart des Körpers, er erledigt all das, was im Wachsein zu kurz kam. Er füllt die Energiespeicher, reinigt das Gehirn von Abfallstoffen, produziert Antikörper für die Infektabwehr, repariert verletzte Gewebe, sortiert die Erinnerungen des Tages. Allein die letztgenannte Arbeit ist zeitintensiv: Das Prüfen und Archivieren von zwei Stunden Tageserinnerungen dauert eine Stunde. Gönnen wir unserem nächtlichen Hauswart nicht die notwendige Zeit für seine vielfältigen Aufgaben, rächt sich das. Wir können nur noch einen Bruchteil leisten und riskieren ernsthafte Erkrankungen wie Diabetes, Übergewicht und Bluthochdruck.

Schlaf ist so essenziell, dass nicht nur wir Menschen ihn nachholen, wenn wir ihn versäumen. Auch die Fruchtfliegen in Ihrer Küche machen das. Wenn sie tagsüber regungslos auf der Obstschale verharren, füllen sie vielleicht ihr Schlafdefizit nach einer wilden Nacht auf.

Dass auf unserem Planeten viel geschlafen wird, ist begründet in der Tatsache, dass er sich dreht. Dadurch verändern sich alle 24 Stunden die Umweltbedingungen, es entstehen Tag und Nacht. Der rhythmische Wechsel von Licht und Temperatur wurde zum Taktgeber für Ruhe- und Aktivitätsphasen aller Lebewesen – das gilt für die Pflanzen des Gehsteigs, für die Bakterien unserer Hautflora und die Algen im Badesee.1 Tiere und Menschen fallen in den Ruhephasen in den Schlaf, einen besonderen Bewusstseinszustand. Wenn wir ihn morgens verlassen, haben wir meist keine Erinnerungen an ihn. Aber das heißt nicht, dass wir nichts erlebt haben.

Wer wach sein will, muss träumen

Einen großen Teil unseres Lebens verbringen wir in einer Simulation. Ohne es zu merken. Unser Gehirn gaukelt uns jeden Tag mindestens eine Stunde lang eine Welt vor, die sich real anfühlt, es aber nicht ist: den Traum. Wir Menschen sind nicht die einzigen Träumenden auf diesem Planeten. Die Halluzinationen im Schlaf teilen wir uns mit anderen Säugetieren und – wie eine 2023 veröffentlichte Studie zeigt – sogar mit Oktopussen. Vermutlich trainieren diese in geträumten Landschaften das Tarnen, denn während der Traumphasen ändert sich blitzschnell die Farbe ihrer Haut.2 Es ist denkbar, dass einem Gehirn, das das Tarnen in Traumlandschaften übt, das Tarnen tagsüber am Meeresboden besonders gut gelingt. Die Frage, ob Tiere träumen, umgehen die meisten Schlafforschenden meist noch geschickt. Ja, es sieht alles danach aus, dass Tiere träumen: ihr Verhalten, ihre Gehirnaktivität, ihre Physiologie. Doch leider konnten wir sie bis heute nicht fragen, ob sie im Schlaf ein mit uns vergleichbares bewusstes Erleben haben.

Wer wie der Oktopus nachts übt, ist tagsüber im Vorteil. Je entwickelter und größer das Gehirn von Tieren ist, desto länger sind die angenommenen Traumphasen. Wir Menschen sind die Vielträumer auf diesem Planeten – von 16 Lebensjahren verbringen wir jeweils ein ganzes im virtuellen Spielraum unserer Träume. – Doch warum tun wir das? In einer Umfrage der Zürcher Psychologin Inge Strauch gaben einzelne Kinder an, dass wir nachts träumen, damit uns im Schlaf nicht langweilig wird. Eine amüsante Erklärung. Warum wir träumen, wird nicht nur unter Kindern, sondern auch in der Wissenschaft angeregt diskutiert. Einzelne Aspekte scheinen klar: Träumen stärkt unser Gedächtnis und verknüpft Erlerntes. Wahrscheinlich üben wir in Träumen Lösungen für gefährliche Situationen und wichtige soziale Fähigkeiten. Vielleicht trainierten wir als Kleinkind im Traum unsere ersten Schritte, bevor wir am nächsten Tag den Stuhl losließen und unsere Beine mutig nach vorne schritten.

Träume bereichern uns mit Bildern und Geschichten, die uns unbekannte Facetten unserer Persönlichkeit offenbaren. Sie beschönigen dabei nichts, sie verheimlichen nichts. Sie sind wie die Odyssee: Sie zeichnen ein ehrliches Abbild all der Aspekte der menschlichen Existenz. Sie erzählen von höchster Glückseligkeit, aber auch von Missgunst, Gewalt, Isolation und Verrat. Wie die Irrfahrten viele unbekannte Wesensanteile in Odysseus wachriefen, so begegnen auch wir in unseren Träumen der ganzen Farbpalette unseres Daseins und den Gelegenheiten, all diese zu integrieren. Dazu zählen auch unsere Wunden, die angeblich die Zeit heilen soll. Ehre gebührt vor allem der in Träumen verbrachten Zeit. Träume erlauben unserem Gehirn, Belastendes wie Leid, Gewalt, Trauer und Ängste in einer symbolischen Weise zuzulassen, zu erleben und zu integrieren. Sie sind wie heilende Scheren, sie trennen Erinnerungen von belastenden Emotionen und verletzenden Details. Indem sie uns vom emotionalen Ballast befreien, geben sie uns unsere Leichtigkeit wieder, sie machen uns wach und lebendig.

Im virtuellen Spielraum der Träume finden wir Situationen und Gesetzmäßigkeiten unseres Alltags wieder. Unsere Wahrnehmung ist im Traum – im Vergleich zum Tagesbewusstsein – jedoch nicht von den Hormonen Noradrenalin oder Adrenalin bestimmt, die wie Scheuklappen unseren Fokus eng stellen. In unseren Träumen weitet sich unser Sichtfeld, wir schauen über den Tellerrand unserer alltäglichen Problemsuppe. Zudem ruht unser logisches Alltagsdenken, wir handeln im Traum weniger rational, sondern intuitiv. Das macht uns kreativ und umsichtig. Das sorgt dafür, dass wir, nachdem wir eine Nacht geschlafen haben, bei Problemen meist die besseren und umsichtigeren Entscheidungen treffen.

Wer träumt, ist klar im Vorteil. Die Evolution hat uns mit dem Traum eine erstaunliche Ressource geschenkt, deren Möglichkeiten noch nicht erschöpft sind. Was wäre, wenn wir diese Wunderwelt bei vollem Bewusstsein betreten und bewusst alle ihre Möglichkeiten nutzen? Wir wären nicht mehr die Passagiere im wundervollen Raumschiff des Traums, wir säßen am Steuer. Wie weit ginge unsere Reise im nächtlichen Raum des Wachsens und Heilens? Es ist gut möglich, dass wir Menschen uns dann auf eine neue, radikale Art entfalten. »Es ist möglich, dass Klarträumende die nächste Stufe der Evolution des Homo sapiens darstellen«, schreibt der Neurowissenschaftler Matthew Walker.3 Lassen Sie uns das gemeinsam herausfinden und einen Fuß auf diese Stufe setzen.

Das trojanische Pferd in einer kalifornischen Universität

Vor fünf Jahrzehnten hatte ein angehender Doktorand einen besonderen Traum. Den Bachelor-Abschluss in Mathematik in der Tasche, wollte er etwas erforschen, das wir alle mit ihm teilen und gerade erleben: das Bewusstsein, das große Mysterium unserer Existenz. Doch selbst die progressive Stanford-Universität hielt davon wenig. Wer das Bewusstsein erforschen wollte, war seiner Zeit noch voraus – trotz oder wegen der damals auch in den USA stattfindenden psychedelischen Revolution. Seinen Traum gab Stephen LaBerge nicht auf und bediente sich einer List, die von Odysseus inspiriert gewesen sein könnte. Dieser hatte die uneinnehmbare Stadt Troja mit einem hölzernen Pferd erobert, das als Geschenk getarnt griechische Truppen durch die Stadtmauern ins Innere der Stadt brachte. LaBerge fand sein eigenes trojanisches Pferd, mit der er seine Studien zum Bewusstsein getarnt in die dafür unüberwindbare Festung Stanford brachte. Das trojanische Pferd von LaBerge war die Schlafforschung, bei der er sich ungestört einem seltsamen Phänomen widmete, auf das er seit ein paar Jahren bisweilen nachts traf …

LaBerge und auch wir sind rhythmische Wesen, eingebunden in die großen Rhythmen des Kosmos wie Jahreszeiten oder Tag und Nacht. Rhythmen begegnen uns auch im Meer der Odyssee, das wir anfangs mit unserem Schlaf verglichen haben. Das Schiff des Odysseus gleitet selten über ruhiges Wasser, meist befindet es sich im Auf und Ab der Wellen – wie wir in unserem Schlaf, in dem wir auf den Wogen unserer Gehirnaktivität treiben. Abbildung 1 zeigt den nächtlichen Wellengang: Je tiefer das Wellental ist, desto intensiver ist die Ruhe des Gehirns. Zu Beginn der Nacht fallen wir in tiefe Wellentäler, den sogenannten Tiefschlaf. Im weiteren Verlauf unserer nächtlichen Reise flachen die Wellen ab und wir verbringen immer mehr Zeit in den – in der Abbildung als dunkelblaue Vollmonde dargestellten – REM-Phasen.

»REM« steht für »rapid eye movement« und bezeichnet das Offensichtliche: Während des REM-Schlafs bewegen sich die Augen schnell, die restliche willkürliche Muskulatur des Körpers ist mit Ausnahme der Atemmuskulatur gelähmt. Und das ist gut so. Während der REM-Phase träumen wir intensiv, wir kämpfen und laufen in unseren Träumen. Wären wir nicht gelähmt, schlügen wir im Bett wild um uns. Neben der REM-Phase gibt es noch andere Schlafphasen, die wir zusammengefasst als »Non-REM-Schlaf« bezeichnen.

ABBILDUNG

1

Unsere Reise durch die Schlafzyklen, die Wellen der Nacht.

Wir träumen auch im Non-REM-Schlaf, doch anders. Non-REM-Träume sind wenig lebhaft oder bizarr, meist emotionsarm. Da sie nicht sehr lebendig sind, erinnern wir uns selten an sie. Lebendig, bizarr und hoch emotional wird es im REM-Traum. Das ist auch die goldene Phase für ein Phänomen, das LaBerge bereits seit einigen Jahren faszinierte: das luzide Träumen. Ein Klartraum oder luzider Traum ist ein Traum, in dem wir uns bewusst sind, dass wir träumen. Fliegen wir in einem gewöhnlichen Traum (von manchen auch Trübtraum genannt), haben wir die Empfindung: Ich fliege! Werden wir luzide, entdecken wir: Ich fliege nicht nur, ich träume! Diese Einsicht erlaubt uns, den Traum zu beeinflussen.

Neben dem Bewusstsein waren Klarträume das zweite Herzensthema, für das LaBerge kein Gehör im wissenschaftlichen Diskurs fand. In diesem galt die Existenz von Klarträumen als absurd, ein luzides Erwachen sei nicht möglich. Klarträumende hätten nur geträumt, dass sie in ihrem Traum bewusst waren. Wer das Gegenteil belegen wollte, musste bewusstes Erleben im Schlafzustand erforschen und nachweisen. Indem er sich im Schlaflabor den Klarträumen widmete, widmete sich LaBerge also auch dem Bewusstsein. Doch wie sollte er den Beweis erbringen, dass Menschen im Klartraum bewusst waren? Er musste es schaffen, dass ein Klarträumender der Außenwelt während eines Klartraums Signale sendet. Doch leider ist die gesamte Muskulatur im REM-Traum gehemmt. Die ganze? Sie erinnern sich, die Augenmuskulatur nicht. Und so hatte er – und zeitgleich mit ihm der englische Forscher Keith Hearne – eine geniale Idee. Menschen gaben im Labor in einem Klartraum mithilfe einer vorher mit ihnen besprochenen Abfolge von Augenbewegungen den Forschenden zu verstehen, dass sie gerade bei vollem Bewusstsein waren. Dass sie zeitgleich träumten, ließ sich anhand ihrer Gehirnströme und Muskelaktivität bestimmen. In heutigen Studien ist sogar ein möglicher Dialog zwischen Forschenden und Klarträumenden beschrieben: Letztere bekommen durch Lichtsignale auf ihre Augen Fragen oder Aufgaben gestellt, auf die sie mit Augenbewegungen antworten.4 Der Forschungsgruppe um Michael Raduga von REMspace gelang es bereits, von Klarträumenden erträumte Musik und Sprache hörbar zu machen.5 Bald sollen auch entsprechende Tools für den Hausgebrauch erhältlich sein.

Die drei Revolutionen der Klartraumforschung

Die erste Revolution war geglückt: Das Klarträumen war bewiesen.

Revolutionen kommen bekanntlich selten allein. Sie legen den Grundstein für weitere bahnbrechende Ereignisse. Hatten Sie schon mal einen Klartraum? Wie wir noch sehen werden, ist es gut möglich, dass Sie einen hatten, sich aber nicht daran erinnern. Klarträume sind gar nicht so außergewöhnlich, wie angenommen wird. Die Hälfte der Erwachsenen hat mindestens einmal im Leben einen Klartraum (an den sie sich erinnern), wie Untersuchungen nahelegen. Einer von fünf hat sogar regelmäßig einen pro Monat. Einzig der Genuss von mehreren luziden Träumen pro Woche scheint bis jetzt einer kleinen Minderheit, einem Prozent der Bevölkerung, vorbehalten zu sein.6 Diese bis 2011 erhobenen Zahlen dürften mittlerweile schon viel höher sein – aufgrund der zweiten Revolution im Bereich der Klartraumforschung.

Auch bei dieser hatte LaBerge seine Finger im Spiel. Um Klarträume nachzuweisen, war es wichtig, dass solche zuverlässig auch unter Laborbedingungen auftreten. Aufgrund seiner eigenen Erlebnisse und den Erfahrungen im Labor entwickelte LaBerge Techniken, die luzides Erwachen im Traum ermöglichen. Dafür kamen ihm auch die Erkenntnisse des Buddhismus und Hinduismus gelegen, deren Anhänger Klarheit im Schlaf und Traum schon seit Jahrhunderten trainieren. Für seine Methoden stand LaBerge zudem im engen Austausch mit Klartraumforschenden wie dem deutschen Psychologen Paul Tholey, dem Sie später noch begegnen werden – zusammen mit den vielen Klartraumtechniken. Das Interesse an den Klartraumtechniken wuchs rasant, über 14 davon sind heute erforscht.7 Heute ist klar: Luzides Träumen ist nicht einer kleinen privilegierten Minderheit vorbehalten. Wer kontinuierlich und geduldig übt, kommt in den Genuss des luziden Träumens. Dies war die zweite Revolution der Klartraumforschung: Luzides Träumen lässt sich lernen.

Die zweite Revolution weckte die Neugier vieler Menschen, die im luziden Traum Wünsche ausleben wollten. Die dritte Revolution befeuerte das allgemeine Interesse zusätzlich: Eine wachsende Anzahl an Studien zeigte, dass sich Klarträume therapeutisch nutzen lassen. Klarträume beeinflussen in Studien die Häufigkeit und den Inhalt von Albträumen und wirken sich günstig auf Depressionen oder Ängste aus. Eine erste Studie lässt auch auf positive Effekte bei der Posttraumatischen Belastungsstörung schließen.8 Daneben spielt luzides Träumen im Spitzensport eine immer größere Rolle. Darts werfen, Ski fahren, skateboarden: Wer im Klartraum Bewegungsabläufe übt, scheint eine Sportart schneller und besser zu erlernen.9 Auch Studierende nutzen Klarträume, sie lassen sich nachts komplizierte Sachverhalte etwa von Nobelpreisträgern oder ihrer Lieblingsprofessorin erklären.

Wer nachts auf der Skipiste trainiert oder sich mit Einstein die Nächte auf der Parkbank um die Ohren schlägt, dürfte morgens ausgelaugt sein, oder? Klarträumende berichten immer wieder genau das Gegenteil: Wer klarträumt, wacht morgens meist erfrischter und erholter auf. Eine Untersuchung der Universität Heidelberg mit 149 Klarträumenden bestätigt dies. Nach einem Klartraum traten keine negativen Effekte wie Tagesmüdigkeit auf, die Erholsamkeit des REM-Schlafs war nicht gestört. Ein Klartraumerlebnis hat eher belebende und energetisierende Wirkungen.10 Es kann einen euphorisierenden Rausch erzeugen, ohne einen Kater zu hinterlassen. Regelmäßige Klarträume waren in Untersuchungen mit einem Gewinn an Vitalität, Selbstwertgefühl und Lebensqualität verbunden.

Wer sich im Klarträumen übt, läuft nicht Gefahr, seinen Sinn für die Realität zu verlieren, ganz im Gegenteil. Durch das Klartraumtraining werden uns die Unterschiede zwischen Traum und Wachzustand bewusster.11 Die Einzigen, die sich nicht im Klarträumen üben sollten, sind Menschen, die aufgrund von Psychosen oder anderen Erkrankungen nicht mehr klar zwischen Realität und Einbildung unterscheiden können.12

Klarträume eignen sich gut zur Persönlichkeitsentwicklung und Psychohygiene. Eine Selbsttherapie von ernsthaften Beschwerden und Erkrankungen wie einer Posttraumatischen Belastungsstörung sollte jedoch eine Psychotherapeutin oder ein Psychiater mitentscheiden.

Durch das Klartraumtraining entdecken wir nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten von Traum und Wachsein. Wir stellen fest, dass wir im Traum die gleichen Verhaltensmuster wiederholen, mit denen wir tagsüber reagieren. Wir fühlen uns vielleicht genauso unsicher, reagieren auf dieselben Trigger mit Wut oder Angst. Wenn wir entdecken, dass wir im Klartraum diese Muster ändern können, beginnt die eigentliche Magie: Uns wird dann bewusst, dass wir auch tagsüber mehr Handlungsspielraum haben und jeder Situation mit einem frischen Blick begegnen können. Wir beginnen zu ahnen, dass wir nicht nur im Traum, sondern auch tagsüber luzide sein können. So werden Klarträume die Bühne, auf der unser persönlicher Wandel beginnt. Wir blühen auf, unsere Entfaltung ist keine graue Theorie mehr, sondern bunte Wirklichkeit.

SPIRITUELLE WURZELN UND MODERNE BLÜTEN: MIT PFLANZEN IN DEN KLARTRAUM

Antike Pfade zum kollektiven Wissensraum

Wie wir die Welt sehen, bestimmt unser Gehirn. Vergrößern wir seinen Horizont, offenbart sich die Welt in größerer Fülle und Weisheit. Seit Tausenden von Jahren erweitern Menschen die Grenzen ihres Erlebens mit psychedelischen Substanzen, religiösen Praktiken oder dem luziden Träumen.

Wollen wir heute etwas wissen, klicken wir uns durch das Internet. Frühere Kulturen befragten eine andere Datenbank: die Traumwelt. Wer mit vollem Bewusstsein die Bibliothek der Traumwelt betrat, hatte Zugriff auf das Wissen und die Weisheit des Unbewussten. Die Antworten schienen nicht dem individuellen Horizont, sondern einem Wissensraum zu entstammen, der unserem heutigen Internet ähnelt: Das Reservoir der luziden Traumwelt war wohl gemeinschaftlich und global vernetzt. Die Träume erbrachten den Menschen nicht ständig neue Einsichten, sondern selbst Menschen voneinander getrennt lebender Kulturen verblüffend ähnliche Einsichten. Der Traum galt als ein Portal zu einer kollektiven Weisheit eines von einer gemeinsamen Seele und Intelligenz durchwobenen Kosmos’. Individuelle Träume erschienen wie Blüten ein und derselben Pflanze, die mit ihren Wurzeln die Schöpfung vernetzt.

Heilkundige auf verschiedenen Kontinenten erhielten in der Traumwelt ein jeweils vergleichbares Wissen über Heilpflanzen, heilige Erdmedizin oder die Selbstheilungskräfte des Geistes. Ähnlich erging es religiös-spirituell Suchenden. Die islamische, jüdische und christliche Mystik nutzte luzide Träume, um mit dem Höchsten zu kommunizieren, und erhielt vergleichbare Botschaften von Gott und dem Leben nach dem Tod. Die Unermesslichkeit des luziden Traums diente christlichen Theologen wie Augustinus von Hippo (354–430) als Gottesbeweis. Wer seine Träume durch Klarheit kontrollieren lerne, dem gelinge zudem leicht ein ethisches, gottgefälliges Handeln, so der islamische Sufi-Meister Ibn El-Arabi (1165–1240).

Klarträumende des Hinduismus und Buddhismus ergründen bis heute das eigene Bewusstsein, auch ihnen verschafft die Traumwelt vergleichbare Einsichten.13 Klarträume bereicherten auch das Weltbild der Aborigines Australiens, das des heute vor allem in Brasilien gepflegten Spiritismus’ oder das der asiatischen Bön-Tradition.

Wer luzide träumt, hat nicht nur Zugriff auf erstaunliche Einsichten. Luzides Träumen erlaubt, eine Weisheit nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern zu erleben. Das ist ein entscheidender Unterschied. Erst wenn wir eine Wahrheit unmittelbar erfahren, durchdringt sie jede unserer Fasern, sie wird eine transformierende Erfahrung. Wir bestaunen dann nicht mehr von außen das Wunder der Welt, sondern erkennen uns als organischen Teil des großen Mysteriums.

Luzide Bewusstseinserweiterungen: Tag und Nacht vereint

Der Gedanke, etwas aus der Traumwelt zurückzubringen, beflügelt schon lange die Fantasie der Menschen. Der romantische Dichter Samuel Taylor Coleridge (1772–1834) fragte sich und seine Mitmenschen:

»Was, wenn Du schliefest? Und was, wenn Du, in Deinem Schlafe, träumtest? Und was, wenn Du in deinem Traume, zum Himmel stiegest und dort eine seltsame und wunderschöne Blume pflücktest? Und was, wenn Du, nachdem Du erwachtest, die Blume in Deiner Hand hieltest? Ah, was dann?«14

Was für eine fantastische Idee, mit einer im Traum gepflückten Blume zu erwachen. Mit diesem Buch beschreiten wir den umgekehrten Weg: Wir nehmen unsere Pflanzen mit in den Traum. Damit sind wir nicht allein. Pflanzen waren häufige Begleiterinnen von Suchenden in der luziden Traumwelt. Die Aborigines griffen zum Nachtschattengewächs Pituri (Duboisia hopwoodii), die Indianer Mittelamerikas zum Traumkraut (Calea zacatechichi) oder Winter-Estragon (Tagetes lucida), afrikanische Stämme nutzten den Voacangastrauch (Voacanga africana) oder Kanna (Sceletium tortuosum), die Tibeter Kräutermischungen mit Muskatnuss (Myristica fragrans). In Südamerika gilt bis heute der Ayahuasca-Sud aus einer Liane (Banisteriopsis caapi) und einem Kaffeestrauchgewächs (Psychotria viridis) als Zugang zur heilsamen luziden Universität des Dschungels. All diese Pflanzen haben etwas gemein: Sie wirken psychedelisch und erweitern die Grenze des Erlebbaren, sie öffnen den Geist für Trance und Traumarbeit.

Natürlich begegnen wir psychedelischen Gewächsen in diesem Buch – doch nicht als Empfehlungen. Sie dienen uns als anschauliche Beispiele, so etwa beim Drogenrausch der Gefährten des Odysseus im ersten und zweiten Zyklus des Klarkraut-Programms. Denn Psychedelika vermitteln Zustände, denen wir auch nachts begegnen: Wie Psychedelika lassen uns Träume halluzinieren, unsere Orientierung bezüglich Zeit, Raum und Identität verlieren und uns Dinge glauben, die nicht wahr sein können. Wie Träume setzen uns Psychedelika auf eine Achterbahn der Gefühle und bizarrem Erleben und schränken unser Gedächtnis ein.15 Träume und Psychedelika schaffen ein subjektiv empfundenes erweitertes Bewusstsein: Die Grenzen von Wahrnehmung und Identität sind aufgelöst, eingefahrene Denkstrukturen durch assoziative Gedankenketten ersetzt. Das allein ist schon ein besonderes Erlebnis. Doch erst durch die Klarheit über unseren Bewusstseinszustand entsteht nach unserem Verständnis eine luzide Bewusstseinserweiterung: In ihr sind wir uns bewusst, dass wir uns gerade in einem Traum oder einem psychedelischen Rausch befinden. Ein wichtiges Detail! Wir fallen nicht mehr in einen Strudel aus Gedanken und Bildern, wir fliegen als Adler, behalten den Überblick. Wir erkennen die nichtreale Natur der Phänomene und können das erweiterte Bewusstsein für Weisheit, Transformation und Wachstum nutzen.

Für eine luzide Bewusstseinserweiterung brauchen wir demnach zwei Aspekte: ein erweitertes Bewusstsein und die Klarheit (Luzidität) darüber, dass wir uns in einem erweiterten Bewusstseinszustand befinden. Beide Aspekte können uns Pflanzen vermitteln. Sie sorgen für den psychedelischen Impuls und schaffen ein erweitertes, traumhaftes Bewusstsein. Oder sie bringen den luziden Impuls, der uns Klarheit verschafft. Für unser Programm brauchen wir Letzteres. Wir benötigen keine Pflanzen, die ein traumhaftes Erleben erzeugen – davon haben wir nachts genug. Für unsere Methoden brauchen wir Pflanzen, die den luziden Impuls der Klarheit in das erweiterte Bewusstsein des Traums bringen. Diese Pflanzen nennen wir »Klarkräuter«. Sie stärken unsere Orientierung. Mit ihnen wird uns klar, dass wir träumen. Wie wir im ersten Zyklus sehen, wirken einige unserer Klarkräuter in Studien sogar psychedelischen Zuständen entgegen.

In Abbildung 2 ordnen wir die zwei Aspekte einer luziden Bewusstseinserweiterung Tag und Nacht zu. Das Reich des Traums liefert das erweiterte Bewusstsein, der Tag die Luzidität. Mischen wir in unserem Beispiel Tag und Nacht, entsteht die luzide Bewusstseinserweiterung. Der psychedelische Impuls der Psychedelika bringt den Traum in den Tag. Der luzide Impuls unserer Klarkräuter die Tagesklarheit in den Traum. Tag und Nacht sind vereint.

ABBILDUNG

2

Klarkräuter und psychedelische Pflanzen: Unterschiedliche Impulse führen zu einer luziden Bewusstseinserweiterung.

Klarkräuter: luzide Pflanzenkraft für die zwei Körper der Nacht