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Karel Čapeks "Kreuzwege" ist ein eindringlicher Roman, der die existenziellen Fragen des Menschen im Kontext gesellschaftlicher Umwälzungen und moralischer Dilemmata untersucht. Der literarische Stil des Werkes ist geprägt von einer klaren, präzisen Sprache und zeitgemäßen Dialogen, die den Leser in die komplexe Welt der Entscheidungen und deren Konsequenzen einführen. Vor dem Hintergrund der politischen Turbulenzen der Zwischenkriegszeit liefert Čapek eine tiefgehende Analyse der menschlichen Natur und der oft widersprüchlichen Werte, die das individuelle und kollektive Handeln prägen. Karel Čapek, ein bedeutender tschechischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, war ein Meister des kritischen Denkens und der gesellschaftlichen Reflexion. Seine Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus und der kommunistischen Herrschaft in seiner Heimat trugen dazu bei, seine Skepsis gegenüber autoritären Regimen und seine Leidenschaft für humanistische Prinzipien zu formen. Diese Einflüsse sind in "Kreuzwege" deutlich spürbar, wo der Autor die Leser dazu anregt, über Verantwortung und die moralischen Implikationen ihrer Entscheidungen nachzudenken. Eine Lektüre von "Kreuzwege" ist nicht nur eine intellektuelle Herausforderung; sie ist auch eine zeitgenössische Reise in die menschliche Psyche und die gesellschaftlichen Strukturen. Für jeden Leser, der sich mit den Abgründen und Höhen des menschlichen Daseins auseinandersetzen möchte, stellt dieses Werk eine unverzichtbare Bereicherung dar. Čapeks Meisterschaft in der Schilderung von menschlicher Ambivalenz und ethischen Konflikten macht dieses Buch zu einem zeitlosen Klassiker, der zum Nachdenken anregt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Warum ist jener, an den ich denke, welcher sich über den Schreibtisch beugt, warum ist er so unbewegt, warum wartet er und horcht, daß etwas außer ihm geschehe; als ob ihm irgendein Ding einen Wink im Kummer geben könnte und einen Abschluß dieser unendlichen Reihe von Unsicherheiten, die ihn durchwallt. Alle Dinge um ihn herum sind nur melancholieverhangene Gewohnheiten; nur die gegenüberstehende Wand der Gasse hat in der formlosen Stille einen ungewöhnlich dummen und so unangenehmen Ausdruck, daß der Mensch, leidend, sich dankbar an das Rasseln einer Droschke auf dem Pflaster hält, als einem Ausgangspunkt von dieser Sekunde zur nächsten.
Klapp-klapp der Hufe im Räderknarren, langes rhythmisches Kettchen und Poltern hinter der Ecke, rasches Rasseln auf den Steinen; das ist etwas, was sich aufrollt in die Ferne wie ein Knäuel, jetzt schon von weitem immer schwächeres Klappern, ein Ticken so lang wie ein dünner gespannter Faden, so dünn, daß er fast nicht mehr ist, schon nichts mehr ist als angespannte Entfernung, unmögliche Länge, und Stille.
Die Stille von innen und außen flossen zusammen wie zwei von nichts gekräuselte und durchaus gleichartige Wasserflächen. Alles ist durchaus gleichartig wie eine Fläche, unbewegt und gespannt. Der Mensch beim Tisch hält den Atem an und sein Herz steht wie eine Fläche. Die Stille ist gespannt wie ein Tuch, und alles ist still, alle Dinge sind Stücke der Stille, hineingeplättet in die glatte Ebene ohne Regung Tisch und Wände, alle Dinge zusammen sind wie eine Zeichnung auf geglätteter Fläche, klar, ohne Verkürzung und Schatten. Sie sind eine gespannte Oberfläche, die ohne Falten und Rauheit ist; alle sind in dieser unstofflichen Ebene enthalten wie in Eis festgefrorene Halme. Nicht einmal der Mensch beim Tisch ist außerhalb ihrer: er ist dort, ohne Regung, in der unendlichen Ebene der Dinge, und kann sich ihr nicht entraffen; wenn er sich rührte, fühlt er, würde eine Entgleisung und ein Zusammensturz aller Teile erfolgen, ein furchtbares Zusammenschrumpfen der gespannten Oberflächen. Ohne Erstaunen, ohne Inneres, ohne Zeit. Angst, daß dies vielleicht der Tod sei, ein Abgang, Vernichtung. Nicht fühlen, das ist das positive Gefühl des Nichtseins und ein starkes Leiden am Nichtsein; unbewegter Kampf des Unbewußten um den Gedanken und Beklemmung in den Grenzen der Leere. Überall Ebene mit trauriger toter Oberfläche. Und dieses, was steht, ist die Zeit; wäre es möglich, sie zu bewegen, so zerfiele sie sogleich in tausende Sekunden, die, tot, wie Staub zerflatterten. Doch der Mensch beim Tisch fürchtet sich zu rühren; mit all seiner Bangheit und Machtlosigkeit ist er in der Stille festgelegt wie ein Insekt in durchsichtigem Bernstein; er ist einfach eingestellt.
Und da Schritte auf dem Gehsteig, schöne, laute und ordentliche. Die Welt in der reglosen Fläche ist in lautloser Explosion auseinandergefallen; die eckigen und massiven Dinge reckten sich krachend auf, der Mensch an seinem Tische breitet sich aus in alle Richtungen des Raums im Gefühl seiner reichen Verzweigung und seiner in die Welt getauchten Bewegungen. Die Kanten und Winkel aller Dinge kündeten sich in rauhem Rauschen des Raums: so rasch liefen sie in ihren Richtungen, mit Selbstgewißheit und Härte. Das Herz des Menschen ergriff seinen alten Schmerz, mit starken, starken Schlägen; jener, an den ich denke, erhob sich, um seiner Trauer Gewicht zu ertragen, und das große Rad des Seins dreht sich in immer weiteren und schnelleren Kreisen.
Tief sind die Wälder in der Nacht wie ein grundloser See, und du blickst schweigend auf einen Stern über Melatín, denkst an das Wild, das in der Tiefe das Waldes schläft, an den tiefen Schlummer aller und an alles, was niemals in dir entschlafen wird. Lang, endlos lang sind dämmrige Tage; wie oft durchschrittest du die Wälder an solchen Tagen, o Schritte und Erinnerungen ohne Zahl, und nie bist du an das Ende der Schritte und Erinnerungen gelangt: so lang und tief sind die Wälder über Melatín.
Aber daß heut ein flammender Augustmittag ist — brennende Lücken in den Baumkronen und des Lichtes Sichel die Forste durchfahrend; daß ein so klarer Tag ist, wie wenn ihr schütterer würdet, tiefe Wälder, und vor der Sonne auseinanderträtet. Die Glut hat meine Erinnerungen ausgetrunken und fast schlief ich ein, ich weiß nicht ob vor Lust oder Ermattung, eingewiegt von den weißen Dolden, die über meinem Haupte schwanken. —
An einem solchen Tage ging Ježek durch den Wald, zufrieden, daß er an nichts dachte und denken konnte. Breit atmete die Wärme zwischen den Bäumen. Ein Tannenzapfen riß sich los, — er hatte sich festzuhalten vergessen, weil es so windstill war; die Kronen kräuselten sich und überall zitterte Licht. Oh, welch schöner, herrlicher Tag! Wie schimmern silbern die schwanken Ährchen des Windhalms! Eingewiegt von Freude oder Langweile lauschte Ježek dem warmen Summen des Waldes.
Geblendet stand er am Rande der Lichtung, wo unhörbar die Glut zitterte. Wer liegt da? Es ist ein Mensch. Er liegt mit dem Gesicht auf der Erde und ohne Regung. Fliegen weiden auf der ausgestreckten Hand, die sie nicht verscheucht. Ist er etwa tot?
Andächtig und mit Grauen bückte sich Ježek über die gereckte Hand, welche noch den alten Schlapphut hielt. Die Fliegen entflohen nicht einmal. An dem verblaßten Futter waren noch einige Buchstaben leserlich: ..ERTA. EL SOL. Puerta del Sol, erriet Ježek erstaunt und neigte sich über das Antlitz des Toten. Aber da öffnete dieser die Augen und sagte: „Möchten Sie mir nicht eine Zigarette geben?“
„Recht gern,“ atmete Ježek in nicht geringer Erleichterung eifrig auf. Der Mensch nahm die Zigarette, knetete sie sorgfältig, wälzte sich auf die Seite und ließ sich Feuer geben. „Danke,“ sagte er und begann nachzusinnen.
Er war nicht jung, durchgraut, mit breitem und unbestimmtem Gesicht; er war irgendwie sehr abgemagert in seinen Kleidern, so daß sie in seltsamen, leblosen Falten an ihm lagen. So war er ausgestreckt auf der Seite und rauchte, unbewegt irgendwohin zu Boden blickend.
Puerta del Sol, überlegte Ježek, Tor der Sonne; was hat er nur in Spanien gemacht? Nach einem Touristen sieht er nicht aus. Vielleicht ist er nicht gesund, daß er so heilige Augen hat. Puerta del Sol in Madrid.
„Sie waren in Madrid?“ sprach er unversehens aus.
Der Mensch atmete zustimmend durch die Nase und schwieg.
Er könnte sagen, wer er ist, überlegte Ježek; ein Wort gibt das andere, und das Übrige errätst du. — Er könnte übrigens sagen: Ja, ich war in Madrid; aber es ist nicht der entfernteste Ort, wo ich gewesen, und es gibt noch schönere Orte und ein wunderbareres Leben. Allerlei könnte er lügen. Siehe, jetzt besinnt er sich.
Der Mensch winkte leicht mit der Hand, unbestimmt und versonnen nirgendwohin blickend.