Kundschafterin des Friedens - Gabriele Gast - E-Book

Kundschafterin des Friedens E-Book

Gabriele Gast

3,8

Beschreibung

Am Anfang sprach nichts dafür, dass die sozial engagierte Politikstudentin Gabriele Gast, Mitglied der CDU, zur wichtigsten Agentin von Markus Wolf aufsteigen würde. Doch die Schrecken des Kalten Krieges und das politische Klima Ende der 1960er Jahre machten die Studentin empfänglich für die Argumente des östlichen Geheimdienstes. Angeworben während eines DDR-Aufenthaltes lernt die junge Frau das Handwerk der Konspiration von der Pike auf, sie wird zu einer "Kundschafterin des Friedens", wie die HV A ihre Agentinnen nannte. Und als sie schließlich Anfang der 1970er Jahre eine Stelle beim BND in Pullach bekommt, wird sie zu einer entscheidenden und Markus Wolf direkt unterstellten Quelle.

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Seitenzahl: 584

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gabriele Gast

Kundschafterin des Friedens

17 Jahre Topspionin der DDR beim BND

Die Namen der in diesem Buch vorkommenden Personen sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes frei erfunden, soweit es sich nicht um Personen der Zeitgeschichte handelt.

Meiner Mutter

1 Festnahme

Das plötzliche Verstummen des monotonen Motorenlaufs, das leise Surren sich aufrollender Gurte, das dumpfe Schlagen von Autotüren zerriss den Schleier bleierner Müdigkeit, der sich während der Fahrt auf mich gesenkt hatte und den Aufruhr meiner Gedanken für kurze Zeit in dämmerndem Halbschlaf vergrub. Es war schon fast Mitternacht, als der Wagen zum Stillstand kam.

Ich öffnete die Augen erst, als die Tür des Fonds von außen aufgemacht wurde. Zwar befand sich auch im Wageninneren, dicht neben meinem Arm, ein Türhebel. Ich hätte die Hand nur ein wenig ausstrecken müssen. Aber ich hatte es nicht getan, weil ich wusste, dass ich die Tür von innen nicht öffnen konnte, weil eine Sicherung das Schloss sperrte. Diese Erfahrung war neu für mich, nicht einmal zwei Tage alt. Dennoch war sie mir schon so sehr ins Unterbewusstsein gedrungen, dass selbst ein reflexhafter Griff zum Türhebel unterblieb.

Der Wagen, in dessen Fond ich saß, war ein Polizeifahrzeug, dessen gewöhnliches Aussehen nicht darauf schließen ließ. Ich entstieg ihm langsam, gleichsam beiläufig bemerkte ich bei den beiden Männern, die mich den ganzen Tag über begleitet hatten, eine unwillkürlich gespannte Haltung, die eine Bereitschaft verriet, sich jeden Moment auf mich zu stürzen, sollten meine zögernden Bewegungen unvermittelt in hektische Eile umschlagen. Ich war nicht gefesselt und hätte darin eine Chance sehen können. Die schmale Straße war menschenleer. Gegenüber dem Haus, vor dem der Wagen stand, erstreckte sich ein baumbestandener Hang. Nur wenige Schritte trennten mich davon. Ich hätte hinaufhasten können, in die Dunkelheit der Bäume eintauchen und rennen, rennen – weg von dem Auto, den Männern und dem Haus, das in einen hellen Lichtkegel eingehüllt lag. Aber ich bewegte mich nicht, stand starr neben dem Wagen, wie ich zuvor darin gesessen hatte, wartete ab, was nun geschah, was mit mir geschah. Ich wollte nicht davonlaufen, weil ich keinen Sinn darin sah. Schon im allerersten Moment, als das Unvorstellbare passierte, als jemand zu mir sagte »Es liegt ein Haftbefehl gegen Sie vor«, hatte ich gewusst, dass es kein Davonrennen gab, nur ein Mit-mir-geschehen-Lassen.

Ich erkannte eine mächtige, lang gezogene Fassade, die auf eine länger zurückliegende Entstehungszeit des Gebäudes hindeutete. Eigentlich nicht unfreundlich, dachte ich, denn ich mochte Bauten, deren Patina die nüchterne Sachlichkeit moderner Gebäude kontrastierte. Der Gedanke befremdete mich; es haftete ihm etwas Verzerrtes an, wusste ich doch, dass sich hinter dieser alten Fassade ein Gefängnis verbarg. »Justizvollzugsanstalt München / Frauenabteilung« besagte eine Schnörkelschrift über der Pforte. Aber trotz des Lichtstrahls, den eine schmiedeeiserne Laterne darauf warf, nahm ich sie in diesem Augenblick nicht wahr. Erst ein halbes Jahr später, als ich erneut die Pforte passierte, fiel mir die Schrifttafel auf. Doch auch ohne diesen Hinweis wusste ich, wo ich mich befand: in Neudeck, dem Frauengefängnis von München. Beim Ermittlungsrichter in Karlsruhe hatten die Polizeibeamten gesagt, man würde mich nun dorthin bringen – zur Untersuchungshaft.

Das war am Nachmittag gewesen. Ich war dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof vorgeführt worden, damit er über die Haftfrage entscheide. Es war nicht gut für mich gelaufen, aber das hatte ich vorhergesehen. Was hätte ich auch zu meiner Entlastung vorbringen sollen, da es gegen die Beweise, auf die der Bundesanwalt seine Beschuldigungen stützte, keine überzeugende Einrede gab?

So hatte ich es vorgezogen, von meinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch zu machen. »Ich möchte einen Anwalt sprechen«, hatte ich nur kurz gesagt und die Ausführungen des Richters reglos zur Kenntnis genommen. Als er jedoch den Erlass eines Haftbefehls mit dem Verdacht auf Fluchtgefahr begründete, hatte ich aufbegehrt: »Nein, keine Fluchtgefahr, das ist Unsinn. Mein Sohn und meine Mutter leben hier, die würde ich nie und nimmer im Stich lassen. Sie meinen, ich könnte vom Ausland her für mein Kind sorgen? Wie stellen Sie sich das praktisch vor? Mit Geld kann man sicher viel machen, aber kein Kind erziehen und ihm ein Zuhause und Zuwendung geben. Außerdem muss mein Sohn ständig krankengymnastisch betreut werden, er ist behindert.« Aber meine Einwendungen hatten den Richter nicht beeindruckt, und so unterschrieb er den Haftbefehl.

Dieses Papier, das so unvermittelt und radikal in mein Leben einschnitt, es in eine Zeit davor und eine danach schied, lag auch neben mir, als die Kripobeamten vor der Rückfahrt nach München und ins Gefängnis zum Abendessen ein Restaurant ansteuerten. »Auf eine Stunde früher oder später kommt es uns nicht an«, meinten sie gelassen, »und Ihnen wird es wohl erst recht nichts ausmachen. Genießen Sie das Essen! In nächster Zeit wird es nicht mehr so angenehm sein, obwohl die Verpflegung in Neudeck gar nicht so schlecht sein soll.« Ich hatte darauf verzichtet, dies zum Anlass für Fragen zu nehmen. Ich würde schon noch schnell genug Genaueres über das Münchner Frauengefängnis erfahren, und in meinem Kopf hämmerten ohnehin ganz andere Fragen, auf die ich brennend eine Antwort herbeisehnte.

Wer war dieser »Gewährsmann des Bundesnachrichtendienstes«, auf dessen Aussagen der Haftbefehl zurückging? Aussagen, die keinen Zweifel aufwerfen konnten, dass ich mit der »MfS-Innenquelle im Bundesnachrichtendienst« gemeint war und dass irgendjemand in der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (HV A) schon seit langem von mir wie auch von anderen Kundschaftern gewusst und mich nun, wenige Tage vor dem Untergang der DDR, dem Geheimdienst der heraufziehenden neuen Staatsmacht preisgegeben hatte. Beim Ermittlungsrichter hatte der Bundesanwalt seine Beschuldigung, ich sei für die HV A nachrichtendienstlich tätig gewesen, auf ein Fernschreiben des BND gestützt. Darin war ich derart kenntnisreich und detailliert beschrieben, dass ich insgeheim meinte, ich würde mich aufgrund dieser Aussagen gleich selber verhaften: »Alter ca. 40–45 Jahre, ledig, Brillenträgerin, promovierte Akademikerin, etwas zickig, überdreht und mit einem sozialen Tick, hat ein körperbehindertes Kind adoptiert, arbeitet in der Abteilung Auswertung des BND, hat Zugang zu Material aus dem Bereich der Ost-West-Politik und der Drittweltpolitik.« Weitere Angaben betrafen meine Kontakte zur HV A und die Dauer meiner Kundschaftertätigkeit.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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