Missy und das undurchsichtige Cape - Holly Birtwell - E-Book

Missy und das undurchsichtige Cape E-Book

Holly Birtwell

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Beschreibung

Mord à la Mode.

Ein neuer Todesfall erschüttert Missys Vintage-Boutique an der Englischen Riviera. Ihre Stammkundin Liv, bekannt für ihre Postkarten mit nachgestellten Modegeschichten, stirbt in einem historischen Charabanc – genau wie die frühere Besitzerin ihres Capes. Zufall? Missy glaubt nicht daran. Entschlossen, den Mord aufzuklären, taucht sie tief in die Vergangenheit ein – und stößt dabei auf Geheimnisse, die auch ihre eigene Familie betreffen …

Der dritte Fall von „Missy Marple“, die in der Heimat von Agatha Christie mit Charme, Schirm und britischem Humor ermittelt.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Mord à la Mode.

Ein neuer Todesfall erschüttert Missys Vintage-Boutique an der Englischen Riviera. Ihre Stammkundin Liv, bekannt für ihre Postkarten mit nachgestellten Modegeschichten, stirbt in einem historischen Charabanc – genau wie die frühere Besitzerin ihres Capes. Zufall? Missy glaubt nicht daran. Entschlossen, den Mord aufzuklären, taucht sie tief in die Vergangenheit ein – und stößt dabei auf Geheimnisse, die auch ihre eigene Familie betreffen …

Der dritte Fall von „Missy Marple“, die in der Heimat von Agatha Christie mit Charme, Schirm und britischem Humor ermittelt.

Über Holly Birtwell

Holly Birtwell ist das Pseudonym von Antje Wenzel, die 1984 in Berlin geboren wurde. Nach einem Bibliotheksstudium in Potsdam arbeitete sie als Texterin und schrieb Geschichten für Kinder. Längere Zeit lebte sie in Hawaii, wo sie surfen lernte und an einer alten Schreibmaschine tippte. Seit den Britpop-Zeiten hat sie ein Faible für England und mag den britischen Humor in Büchern und Serien. Ihr Kinderbuch „RockeTim – Mein Hund legt los und ich zieh‘ Leine“ (Oetinger, 2017) spielt in Cornwall. Im Rahmen einer Autorenausbildung im Schreibhain Berlin entstand der Stoff für ihre Cozy Crime-Reihe, die an der Englischen Riviera, der Heimat von Agatha Christie, spielt. Seitdem verlässt sie während des Schreibens für kurze Ausflüge ihr Leben als Bibliothekarin und Mutter in Berlin, um sich in die Gegend zu träumen

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Holly Birtwell

Missy und das undurchsichtige Cape

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Impressum

Kapitel 1

Der klare Himmel warf Sonnenstrahlen auf Missy und die Topfpalme, die sie aus dem Vintage Mission trug und auf dem Bürgersteig vor dem Schaufenster ihrer Boutique abstellte. Für einige Sekunden schloss sie die Augen. Sie spürte Wärme auf ihrem Gesicht und sog den Duft der Rosen vom Nachbargrundstück in sich auf. Er vermischte sich mit einer leichten Meeresbrise, die durch die Straßen von Torquay wehte, zusammen mit ein paar kreischenden Möwen. Für einen Augenblick vergaß Missy, dass sie sich in Großbritannien befand, auch weil die Englische Riviera mit den Buchten, Sandstränden und Hügeln, auf denen sich alte Villen reihten, mehr an die Côte d’Azur erinnerte. Lächelnd atmete sie noch einmal ein und nahm nun auch einen Hauch der Scones aus Barbara’s Bakery von gegenüber wahr. Was für ein herrlicher Frühlingstag!

Bevor Missy weitere Pflanzen nach draußen brachte, ging sie zu dem Briefkasten neben ihrer Vintage-Boutique. Normalerweise begnügte sie sich damit, den antiken Messingkasten mit Blumenornamenten vom Flohmarkt nur aus der Ferne zu bewundern und die lästigen Rechnungen und Werbeflyer Zoe zu überlassen. Seit ein paar Wochen war jedoch zwischen den unliebsamen Einwürfen immer mal wieder eine Postkarte verborgen, die ihr jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Liv, eine ihrer treuesten Kundinnen, trug auf jeder Postkarte ein Kleidungsstück aus dem Vintage Mission. Das Besondere war, dass sie darauf die Geschichte nachahmte, die Missy ihr beim Verkauf erzählt hatte, in allen bunten Details.

Erwartungsvoll öffnete Missy die Messingklappe und entdeckte tatsächlich eine Karte, die sie aus dem Meer aus Flyern und Briefen herausfischte. Amüsiert betrachtete sie das Foto auf der Vorderseite, auf dem Liv einen roten Regenmantel aus PVC aus den 60er Jahren mit entsprechendem Regenhut mitten in einer Autowaschanlage trug und sich von allen Seiten mit Wasser vollspritzen ließ. Im Hintergrund stand ein Mann mit aufgerissenem Mund, der Liv wahrscheinlich anbrüllte. Was für ein verrücktes Foto! Missy erinnerte sich dunkel daran, ihr so eine ähnliche Geschichte erzählt zu haben, da sie durch das Plastikmaterial hindurch den Geruch von Benzin und Spülmittel wahrgenommen hatte. Hoffentlich war der Mantel bei dem starken Wasserstrahl nicht beschädigt worden, und hoffentlich hatte Liv sich nicht verletzt oder Ärger bekommen. Missy musste wirklich aufpassen, welche Art von Geschichten sie ihren Kundinnen erzählte!

Mit der Postkarte in der Hand lief sie durch ihr Vintage-Geschäft, bei dem der Großteil der Kleidungsstücke nach Jahrzehnten sortiert war, so dass ihre Kunden das Gefühl bekamen, eine Zeitreise zu durchleben. In der 60er-Jahre-Abteilung machte sie vor einem runden Spiegel mit strahlend gelbem Rahmen in Blumenform halt und klemmte die Fotopostkarte in den Rand, wo bereits eine andere von Liv hing. Darauf posierte sie in einem schwarzen Mantelkleid aus den 60ern in einer typisch englischen roten Telefonzelle.

Missy legte eine Platte von Diana Ross & The Supremes auf den alten Schallplattenspieler und sang die fröhlich-tragischen Lieder mit, während sie durch die Abteilungen tänzelte und die Kleidungsstücke ordnete, in das richtige Jahrzehnt hing und sich an die Geschichten erinnerte, die sie sich zu ihnen ausgedacht hatte. Sie fühlte sich wie in einer Bibliothek, mit dem Unterschied, dass die Geschichten nicht zwischen den Buchdeckeln standen, sondern wie Rätsel auf den Kleidungsstücken und meist nur für sie lesbar und riechbar. In der 20er-Jahre-Abteilung nahm sie ein Hemd heraus, das mit seinem Matrosenkragen und der Schluppe eindeutig zu den 70er Jahren gehörte, und roch daran. Leicht verbranntes Holz, Salz, Popcorn. Sofort spielte sich eine Geschichte in Missys Kopf ab: Der frühere Besitzer hatte das Hemd bei einem Lagerfeuer am Strand getragen, wo jemand Mais in einer Popcornpfanne über den Grill hielt. Der Deckel war abgefallen, so dass das Popcorn durch die Gegend flog und auf dem Hemd des Vorbesitzers landete. So war es gewesen. So und nicht anders.

Nachdem Missy die Ordnung in den Jahrzehnten wiederhergestellt hatte, holte sie die Kasse aus dem Tresor und brachte sie zum Tresen. In dem Moment hörte sie die Ladenglocke läuten, und Zoe trat herein, wie immer in lockerer schwarzer Kleidung mit einer Kameratasche auf der Schulter. Wenn sie wenigstens eine schwarze Caprihose tragen würde wie Audrey Hepburn, um ein paar Vintage-Vibes zu versprühen!

Missy seufzte leicht. Sie konnte ihrer Mitarbeiterin und Freundin unmöglich vorschreiben, welche Kleidung sie zu tragen hatte, oder doch? »Guten Morgen! Willst du heute mit Betty wieder Fotos für unsere Webseite machen?«

»Nein, aber bei dem Wetter will ich das Treffen vom VSCT fotografieren.« Zoe lief durch die Jahrzehnte und stellte die Tasche am Tresen ab.

»Eine phantastische Idee! Bei dem Wetter trauen sich sicher ein paar mehr Leute ins Wasser als in den letzten Monaten.« Missy dachte daran, wie Zoe und Betty im letzten Herbst die Idee für den VSCT gehabt hatten. Die beiden hatten sich vorgenommen, den flauen Verkauf im Winter, wenn nur noch wenige Touristen in der Gegend waren, etwas anzukurbeln. Kurzerhand eröffneten sie eine Webseite und ein Profil auf einer Social-Media-Plattform, um die Kleidungsstücke in ganz Großbritannien und darüber hinaus anzubieten. Mitten im November hatten ihre beiden Marketingprofis eine neue Idee gehabt. Sie hatten die gesamte Bademode aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, die einen besonderen Strandauftritt garantierten, wieder aus der Kammer geholt, wo sie für gewöhnlich bis zum Frühling einen Winterschlaf machten, und sie in der Ecke für Saisonware drapiert. Neben Fellmänteln und Capes hatten nun Einteiler sowie hochgeschnittene Zweiteiler aus Baumwolle, Sonnenhüte, Schirme, Sonnenbrillen und andere Sachen aus dem letzten Jahrhundert gehangen.

»Was soll das werden?«, hatte Missy verwundert gefragt.

»Wir gründen einen Club: Den VSCT, den Vintage Swimming Club Torquay«, hatte Betty aufgeregt erzählt.

»Bei den Treffen baden die Mitglieder in originaler Bademode aus dem letzten Jahrhundert im Meer«, hatte Zoe eher trocken ergänzt.

Missy fand die Idee so verrückt und gleichzeitig genial, dass sie fast von ihr hätte stammen können. Wenn es da nicht einen kleinen Haken gegeben hätte. »Aber es ist doch Winter!«

»Deswegen ja!«, hatte Betty geantwortet und ihr zugezwinkert. »So schaffen wir es, auch im Winter Bademode zu verkaufen.«

Missy hatte den Enthusiasmus ihrer Mitarbeiterinnen nicht bremsen wollen, also hatte sie nichts dazu gesagt und war mit zitternden Zähnen zu den Treffen gegangen, bei denen sich in den letzten Monaten ein harter Kern aus Vintage-Enthusiasten gebildet hatte. Zwar war der Winter an der Englischen Riviera nicht so extrem wie in ihrer Heimat Deutschland – die Temperaturen waren selten unter null Grad Celsius und von Schnee war gar nicht die Rede–, dennoch war alles andere als Badewetter gewesen. Tatsächlich hatten sie ein paar Badeanzüge und Strandpyjamas mehr als sonst verkauft, aber sie war sich nicht sicher gewesen, ob die Einnahmen zwei Erkältungen wert waren. Eine gute Sache hatten die Clubtreffen: Ein Redakteur des Torquay Star, der an einem Tag eingehüllt in einen warmen Mantel gekommen war, hatte einen kurzen Artikel über den Club geschrieben und sogar das Vintage Mission erwähnt. Auch wenn er sie »die Verrückten« genannt hatte, war schlechte Presse besser als keine.

Jetzt, da es wärmer wurde und es auch die Touristen wieder vermehrt in die Stadt zog, würde ihr Club vielleicht doch noch weiter wachsen. Seit einer Woche zeigte sich der Frühling schon von seiner sonnigen Seite – perfektes Wetter für ein Treffen des VSCT! Missy warf einen Blick auf das Plakat im Schaufenster, auf dem in großer Schrift »Vintage Swimming Club Torquay« stand, darunter ein Foto aus den 30er Jahren, auf dem Männer und Frauen in typischer Bademode am Bacon Beach in Torquay posierten – genau dort, wo sie sich trafen. Missy war froh, dass das Archiv des Torquay Museum ihr dieses Bild zur Verfügung gestellt hatte.

»Wer weiß, vielleicht kauft heute noch jemand den wunderschönen rückenfreien Badeanzug von Brettles aus den 30ern oder den Baumwolleinteiler mit den Karos«, sagte Missy. In diesem Moment läutete die Ladenglocke erneut. »Vielleicht sogar jetzt gleich!«

Mit ihrem strahlenden Verkaufslächeln drehte sie sich Richtung Tür, doch ihre Mundwinkel fielen automatisch nach unten, sobald sie sah, wer gerade hindurchgetreten war: Detective Chief Inspector Corning. Von ihm hatte sie seit Wochen nichts gehört – und war auch heilfroh darüber gewesen. Wahrscheinlich nannte er sie gleich wieder »Kleidermärchentante« und regte sich über den Laden auf, den er nicht nur einmal als »Rumpelkammer« bezeichnet hatte.

Mit einem ungewohnten Lächeln trat er über die Türschwelle. Ohne ein abschätziges Wort oder einen abwertenden Blick ging er an den Kleidungsstücken vorbei zur Theke. »Guten Morgen, Miss Missy«, begrüßte er sie. »Ms Zoe.« Er nickte in ihre Richtung.

Missy wusste seine ungewohnt gute Laune nicht zu deuten. Hatte er etwa Frühlingsgefühle und suchte den Laden privat auf, um ein Kleidungsstück für seine Angebetete zu kaufen? Schnell setzte sie wieder ihr Verkaufslächeln auf, auch wenn es ihr schwerfiel, dies in seiner Anwesenheit zu halten. »Detective Chief Inspector Corning, was für eine Ehre!«, begrüßte sie ihn, wobei ihre Mundwinkel verkrampften und leicht zu zucken begannen. »Kann ich irgendetwas für Sie tun?« Sie vielleicht nach draußen begleiten und die Tür hinter Ihnen schließen?

»Ich würde gerne mit Ihnen unter vier Augen reden«, sagte er.

Entweder würde er ihr intime Details über seine Beziehung verraten, oder er beschuldigte sie wieder des Einmischens in irgendeinen Mordfall. Beide Vorstellungen hatten zur Folge, dass ihre Mundwinkel dem Druck nachgaben und nach unten sanken. »Was wollen Sie? Ich habe meine Detektivlaufbahn an den Nagel gehängt und mich seit einem halben Jahr in keinen Mordfall mehr eingemischt«, beteuerte Missy, in der Hoffnung, dass er auf dem Absatz kehrtmachen würde.

»Ich weiß, darum geht es nicht«, versicherte er. »Können wir in Ihrem Büro reden?«

Widerwillig führte Missy ihn in den kleinen Raum hinter der Theke, der nur Platz für einen Schreibtisch, ein schmales Waschbecken mit Spiegel und einen Stuhl bot. Kommentarlos stieg Corning über einen Stiefel, von dem Missy den zweiten verlegt hatte, und setzte sich auf den Stuhl vor einem Papierstapel.

Hoffentlich war das keine Finte, um ihre Finanzen zu überprüfen. Missys Herzschlag setzte kurz aus, dann fiel ihr ein, dass Finanzen nicht zu seinem Aufgabengebiet gehörten. Corning wollte eher Morde aufklären, gefährliche Straftäter ausfindig machen und Drogenkartelle auffliegen lassen, um nach London versetzt zu werden.

Sie schluckte, als ihr ein düsterer Gedanke kam: War einer ihrer Freunde ermordet worden oder in ein Verbrechen hineingeraten? Oder waren in einem ihrer verkauften Kleidungsstücke Drogen gefunden worden oder wieder eine Mordwaffe? Dafür verhielt er sich merkwürdig ruhig. Er würde in den letzten Monaten sicher keinen Kurs in Selbstbeherrschung oder Meditation besucht haben, oder? Vielleicht war er doch verliebt? Was es auch war, Missy wollte nicht weiter auf die Folter gespannt werden, und allein in einem Raum mit Corning zu sein, war tatsächlich eine Marter.

»Jetzt verraten Sie schon, warum Sie hier sind!«, forderte sie harsch.

Corning lächelte sie an. »Ich möchte Ihnen etwas geben.« Er zog einen durchsichtigen Beutel aus seiner Tasche heraus, auf dem ›Police Evidence Bag‹ stand, ein Spurensicherungsbeutel.

War doch einer ihrer Freunde gestorben? Er hielt ihn ihr wortlos entgegen. Durch das Plastik hindurch erkannte Missy einen Stoff in violetter und gelber Farbe. Automatisch spürte sie einen Stich im Magen, als wollte er ihr etwas sagen. Als Corning eine dünne Jacke mit aufgenähter gelber Blume auf dem Rücken herauszog, verkrampfte ihr Bauch, und ihr wurde schlagartig übel. Jetzt verstand sie die Botschaft ihres Bauches.

»Woher haben …?« Für ein paar Sekunden erstarrte ihr Körper, doch ihr Inneres war aufgewühlt wie der Meeresboden, über dem ein Tsunami wütete. Ihr Kopfkino spielte einen tragischen Film im Schnelldurchlauf ab, der zart und hoffnungsvoll begann, aber durch einen Schicksalsschlag in einem Drama endete. Es war Missys eigene Lebensgeschichte gewesen, in der die Jacke mit der Blume eine wichtige Rolle spielte. Es war die Lieblingsjacke ihrer Mutter gewesen, die sie seit mehr als fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, zumindest nicht in echt und in Farbe. Das letzte Mal hatte sie sie auf den grauen, krisseligen Aufnahmen einer Überwachungskamera gesehen, die ihr Corning vor einigen Monaten gezeigt hatte. Sie waren am Todestag ihrer Mutter an einer Tankstelle aufgenommen worden und zeigten, wie sie angstvoll vor ihrem Vater geflüchtet war. Seitdem spukten die Bilder in Missys Kopf herum. Das Letzte, was auf den Aufnahmen von ihrer Mutter zu sehen war, war die große Blume auf ihrer Jacke, grau, aber unverkennbar. Es war dieselbe Blume, die jetzt vor ihr lag, doch diese war verwelkt durch Dreck, Risse und Kratzer.

»Hat sie die Jacke etwa …« Ein Knoten bildete sich in Missys Hals, der verhinderte, dass sie den Satz zu Ende aussprach.

Corning hatte genug Taktgefühl, um ihn nicht zu beenden. Er nickte nur und reichte ihr die Jacke.

Missy zog sie an sich, drückte sie an ihr Gesicht, sog den Geruch auf. Unter erdigen, ja sandigen Noten trat der ganz eigene Duft ihrer Mutter auch nach so vielen Jahren noch hervor, eine Mischung aus Magnolien und einer eigenen süßlichen Note, die sie immer mit sich trug und die Missy auch nach dem Studium am Institut Supérieur International du Parfum in Paris nicht deuten konnte. Es muss ihr körpereigener Geruch gewesen sein, der wie ein mühselig komponiertes Parfum duftete und für sie und ihren Vater ein Mysterium war. Auch nach all den Jahren und der Tragik, mit der die Jacke verwoben war, haftete er noch immer an ihr. Missy roch noch einmal daran und nahm eine weitere Note wahr: getrockneter Schweiß. War er durch das Weglaufen vor ihrem Vater entstanden? Was für Ängste sie erlitten haben musste! Missy konnte ihre Tränen nicht länger aufhalten, die sie in den letzten Jahren in Torquay unterdrückt hatte. Sie hatten sich in ihr aufgestaut, strömten nun wie nach einem Dammbruch aus ihr heraus und mündeten auf der Jacke ihrer Mutter.

»Bitte.« Corning hielt ihr ein Taschentuch entgegen.

Missy nahm es an und schniefte hinein, griff nach einem Weiteren, das sie ebenfalls vollschnaubte. Nach dem dritten Taschentuch stockte sie, und die Trauer verwandelte sich in Verwunderung. Warum zeigte Corning ihr die Jacke? Warum war er so verständnisvoll und machte keinerlei Witze über ihren Laden und die Unordnung in ihrem Büro? Sicher nicht aus reinster Nächstenliebe. Sie nahm die Jacke von ihrem Gesicht und blickte ihn direkt an. »Was wollen Sie von mir?«

Corning rückte auf dem Stuhl hin und her. »Ich bin weiterhin fest davon überzeugt, dass der Tod Ihrer Mutter und der Fall Balzac zusammenhängen«, begann er leise. »Und nur Sie können Licht ins Dunkel bringen.«

Missy hätte ahnen müssen, dass er diesen Fall nicht aufgeben würde. Er war besessen davon, ihn zu lösen, um endlich den Ruhm zu ernten, der ihm eine Versetzung nach London sicherte.

»Ich glaube wirklich daran, dass meine Theorie stimmt. Balzac hat seinen Kunden geholfen, mit perfiden Methoden Steuern zu hinterziehen, und hat Ihren Vater dort hineingezogen. Ihre Mutter hat es herausgefunden, weshalb sie sich stritten und sie mit der Scheidung drohte.« Er hielt kurz inne und sagte dann in für seine Verhältnisse behutsamer Art: »Sie war kurz vor ihrer Abreise bei einem Scheidungsanwalt gewesen.«

»Scheidungsanwalt?« Missy spürte, wie der Staudamm hinter ihren Augen wieder brüchig wurde. Sie wollte so etwas nicht mehr hören, erst recht nicht von Corning. Schon zweimal hatte er sie in den letzten Monaten in sein Büro geladen und ihr von seiner haltlosen Theorie erzählt, für die er keinerlei Beweise hatte.

»Ich bitte Sie noch einmal, fahren Sie zum Starnberger See, schmuggeln Sie sich in Balzacs Ferienhaus und suchen Sie nach Beweisen!«, appellierte Corning. »Es ist nicht auf seinen Namen registriert, und Sie sind die Einzige, die weiß, wo es sich befindet.«

»Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen? Ich werde es nicht tun. Und von Ihnen werde ich mich nicht ausnutzen lassen. Außerdem ist es eine Straftat, in ein Haus einzubrechen. Was ist, wenn ich erwischt werde?« Missy war verärgert über seine Hartnäckigkeit und die Leichtigkeit, mit der er ihr Leben aufs Spiel setzte. Sein Mitgefühl war nichts als Heuchelei. Ein plumper Versuch, sie auf seine Seite zu bekommen. Aber Missy wollte sich darauf in keiner Weise einlassen.

»Sie sind doch clever und kennen sicher ein paar Tricks, wie Sie unbemerkt in ein Haus einbrechen. Machen Sie es für sich«, sagte Corning. »Sie werden endlich die Hintergründe zu dem Tod Ihrer Mutter erfahren. Ich werde nach London versetzt, und wir werden uns nie wieder sehen.«

Missy musste zugeben, dass der Gedanke verlockend war, Corning aus der Stadt zu wissen, dennoch war der Tod kein Spiel. Zudem hatte sie Angst davor, dass sich ihre schlimmsten Befürchtungen als wahr herausstellten und ihr Vater eine größere Rolle am Tod ihrer Mutter spielte, als sie bisher wusste. »Nein«, sagte sie bestimmt.

Corning rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. »Okay, okay, Sie sind noch nicht so weit.« Er machte eine kurze Pause, bevor er auf die Jacke zeigte, die Missy fest umklammert hielt. »Glauben Sie, dass Sie mit Ihrem Geruchsdings etwas herausfinden können?«

»Gehen Sie jetzt bitte!«, zischte Missy. Sie hielt die Jacke fest umklammert und hätte sie wie eine Löwenmama verteidigt, wenn Corning nur auf die Idee gekommen wäre, sie wieder mitzunehmen. Ihre Gedanken schweiften zu ihrer Vergangenheit, in der ihre Mutter noch lebendig gewesen war. Nur vage vernahm sie, wie Corning aufstand, zur Tür ging, diese öffnete und wieder schloss. Einige Minuten lang blieb sie die Jacke umklammernd sitzen und durchlebte ihre ganz persönliche Zeitreise, die sie in ihre Kindheit und Jugend führte. Nach Deutschland, zu den vielen Tagen und Abenden, die sie mit ihrer Mutter allein verbracht hatte, während ihr Vater auf Dienstreisen gewesen war. Sie hatten geredet, gelacht, sich die Haare frisiert, kleine Modenschauen nur für sich aufgeführt und Geheimnisse ausgetauscht.

Doch das größte Geheimnis, die genauen Umstände des Todes ihrer Mutter und die Frage, welche Schuld ihr Vater dabei trug, blieb weiter im Verborgenen. Oder war die Jacke das fehlende Puzzlestück?

Missy grub die Nase noch einmal tief in den Stoff. Unter den Gerüchen von Plastik, Erde, Sand, Magnolien und dem salzigen Geruch ihrer eigenen Tränen nahm sie noch eine andere Duftnote wahr: Benzin. Aber dies war kein neuer Hinweis, sondern nur ein weiterer Beweis dafür, dass ihre Mutter kurz vor ihrem Tod an der Tankstelle gewesen war.

Missy legte die Jacke zurück in den Spurensicherungsbeutel, wo das Geruchsensemble weiter konserviert wurde, und versteckte ihn im untersten Schubfach ihres Schreibtisches. Bevor sie in den Verkaufsraum zurückging, wischte sie mit der Armbeuge über ihre Augen, warf einen Blick in den Spiegel und zupfte ihre Haare zurecht. Zoe war in Rechnungen vertieft und sagte nichts, doch Missy spürte, wie ihre stummen Fragen ihren Rücken durchlöcherten, als sie an ihr vorbei zur Ladentür ging. Dort schaute sie durch die Schaufenster, erleichtert darüber, dass Corning verschwunden war. Dafür entdeckte sie graue Wolken, die sich über den blauen Himmel geschoben hatten, als spürten sie, wie es in Missys Herz aussah. Kurz darauf prasselten die ersten Regentropfen auf den Bürgersteig und die Pflanzen vor ihrem Schaufenster. Hoffentlich würde das Treffen des Vintage Swimming Club Torquay nicht ins Wasser fallen!

Kapitel 2

Den Rest des Tages war Missy so unkonzentriert gewesen, dass sie einige Geschichten der Kleidungsstücke vertauscht oder vergessen hatte. Bei einer Tasche mit vielen kleinen Löchern hatte sie einen kompletten Blackout und faselte in der Not etwas von einem Igel, auf dem die Tasche nach dem Wurf aus einem Haus gelandet war. Erst später fiel ihr die ursprüngliche Geschichte ein: Die frühere Besitzerin hatte in der Tasche ein Ei von einem vom Aussterben bedrohten Vogel transportiert, der nur in der Wüste überlebt. Um es zu seinen wenigen Artgenossen zu bringen, musste sie einen Kaktuswald durchqueren, wo nicht nur die Tasche durchlöchert wurde, sondern auch die Kleidung der Frau. Zum Glück hatte sie es geschafft, das Ei sicher in seine Heimat zu bringen, auch wenn die Frau einige Wunden davongetragen hatte. Was für eine Heldin! Wahrscheinlich würde Missy die Geschichte sowieso niemand abnehmen.

Die Tea Time verbrachte sie wie immer mit Barbara, die im Laufe der Zeit eine Freundin geworden war. In ihrer Bakery auf der gegenüberliegenden Straßenseite verkaufte sie nicht nur Scones, Gebäck, Tee und andere englische Spezialitäten, sondern fügte – quasi als Sahnehäubchen – noch etwas Tratsch aus der Gegend hinzu. Nicht selten war sie mit der Verbreitung brisanter Neuigkeiten schneller als die Zeitungen, Fernsehsender und Nachrichtenwebseiten. Einige Geschichten wurden Barbara von ihren Kunden schon früh am Morgen erzählt und verbreiteten sich von einem zum nächsten wie ein Lauffeuer.

»Na, was wollte denn der DCI Grummelkopf heute Morgen von dir?«, fragte Barbara, noch bevor sie die Etagere mit zwei Tassen Tee, einer kleinen Kanne, einem halben Sandwich sowie einem Scone mit Clotted Cream auf dem Tisch vor der Couch im Vintage Mission abstellte. Ihr Blick durchbohrte sie, als wollte sie sie hypnotisieren, um an die Informationen zu gelangen. »Ist etwa wieder ein Mord geschehen?«, bohrte sie nach.

Missy nahm ein Stück Candis, das neben der Tasse in einem Glasschälchen lag, und rührte es langsam in ihren Tee. Barbara steckte ihre Nase gerne in die Angelegenheiten anderer und war eine gute Quelle für Informationen, aber auch gefährlich, wenn man selbst ein Geheimnis verbergen wollte. Zum Glück hatte sie bisher nicht herausgefunden, wer Missy wirklich war. »Nein, er hat nur ein Kleidungsstück gesucht«, log Missy. Sie glaubte, Sterne in Barbaras Augen funkeln zu sehen.

»Für sich oder eine Freundin?«, fragte diese.

»Das unterliegt der Schweigepflicht«, sagte Missy schmunzelnd, in der Hoffnung, das Gespräch so auf eine charmante Art abzuwürgen.

»Papperlapapp! Du bist doch keine Ärztin.« Barbara winkte ab. »Erzähl schon! Hat unser Detective etwa eine Freundin?«

»Nein!«, wehrte Missy ab, vielleicht einen Tick zu entschieden. Hoffentlich erkannte Barbara nicht, dass etwas faul war. Womöglich wägte sie bereits ab, wie viele Cakes sie mit dieser Information verkaufen konnte.

»Das ist ja die Sensation!«, rief Barbara aus, so dass Missy Angst hatte, dass tatsächlich Funken aus ihren Augen flogen. »Wer sich wohl auf diesen übellaunigen Typen einlässt? Das werde ich auch noch herausfinden.«

»Nein, er hat wirklich keine Freundin«, versuchte sie Barbara aufzuhalten, aber es war zu spät. Das Gerücht war in der Welt, und Missy wusste nicht, wie sie es wieder tilgen konnte, ohne ihr eigenes Geheimnis zu verraten. Etwas Gutes hatte das Ganze: Barbara war jetzt auf einer falschen Fährte und würde nicht weiter nach einer Verbindung zwischen ihr und Corning suchen.

Nach einem Tee, Scones, wilden Spekulationen über Cornings Freundin und etwas Tratsch aus der Gegend waren das Treffen mit Corning und die trübseligen Gedanken an ihre Vergangenheit immer weiter in Vergessenheit geraten – und wenn es nach Missy ginge, könnten sie gern weiter dortbleiben. Obwohl sie die Vergangenheit aus nostalgischen und stilistischen Aspekten liebte, wollte sie durch ihre eigene nicht mehr aus der Bahn geworfen werden.

Kurz vor Feierabend zog Missy ihr liebstes Vintage-Badeoutfit unter ihrem Mantel an: einen zweiteiligen weinroten Badeanzug aus den Dreißigern mit hochgeschlossenem Höschen, das den Bauchnabel bedeckte – so, wie es damals Sitte war. Der Regen hatte im Laufe des Tages nachgelassen. Der Himmel war von hellen Wolken durchzogen, die nicht danach aussahen, als würden sie sich bald wieder grau färben und das Treffen des Vintage Swimming Clubs trüben.

Betty, die mittlerweile nicht nur bei den Fotosessions mit den Kleidungsstücken dabei war, sondern mit ihrem Auge für besondere Kombinationen auch den Schaufensterpuppen regelmäßig einen neuen, aufregenden Stil verpasste, kam kurz vor Feierabend ins Vintage Mission, wo sich Melinda, eine Stammkundin, mit einem Mann in der 70er-Jahre-Abteilung umschaute.

»Leider müssen wir heute schon etwas früher schließen, weil sich gleich der VSCT trifft und wir noch vor Sonnenuntergang zum Strand kommen wollen«, sagte sie mit bedauerndem Tonfall und zeigte auf das Plakat an der Tür.

»Deswegen sind wir hier. Wir kommen mit!« Melinda lächelte und knöpfte im nächsten Moment ihren Mantel verschwörerisch auf, wobei sie den Blick auf einen Badeanzug mit psychedelischem Muster freilegte.

Missy kannte ihn gut, da er lange in ihrem Laden gehangen und nur auf die richtige Besitzerin gewartet hatte. So war es bei den besonderen Kleidungsstücken aus dem Vintage Mission: Sie wurden von vielen bewundert, von einigen anprobiert und sogar fotografiert, aber waren letzten Endes zu außergewöhnlich oder passten nicht zum favorisierten Jahrzehnt der Kundinnen – bis an einem Tag die richtige Person in den Laden trat und es Liebe auf den ersten Blick war, ein richtiges »Match«.

»Wunderbar!«, rief Missy aus. »Lasst uns schwimmen gehen! Seid ihr mit dem Auto hier?«

»Ja«, sagte der Mann und zeigte auf einen schicken glänzenden schwarzen Ford Mustang, der aussah wie aus den 60ern. »Ich habe dafür extra meinen Sonntagswagen herausgeholt.«

Missy war jedes Mal gerührt von der Hingabe, mit der Vintage-Liebhaber oft bis zur Perfektion ihr favorisiertes Jahrzehnt darstellten und mit kleinen Details ausschmückten. »Wie schön! Dann folgt uns einfach!«

Sie ging mit Zoe und Betty zu ihrem alten Käfer, der ihr im Vergleich zu dem blank polierten und wie neu aussehenden Mustang leicht schäbig vorkam. Doch die rostigen Stellen, die unter dem gelben Lack hervorschienen, verliehen ihm einen besonderen Charme, der an Shabby Chic erinnerte. Als wären die Kratzer, die Roststellen und Beulen Absicht und sollten ihm eine gewisse Patina verleihen. Allerdings war der Abstieg von schick zu schäbig bereits in vollem Gange, und Missy hatte eine Hassliebe zu dem Käfer entwickelt. Immerhin war mittlerweile der Motor repariert worden und sprang meistens an, wenn sie losfahren musste.

Mit Betty auf dem Rücksitz und Zoe mit ihrem ständigen Begleiter, der Kameratasche, auf dem Beifahrersitz brausten sie die Dolphin Road entlang zur Torbay Road, vorbei an Sandstränden, Palmen, Hotels und einigen wenigen Touristen. Hinter dem Hafen bogen sie rechts ab und stellten ihre Autos auf einem großen Parkplatz ab. Hier hatten die Menschen noch vor ein paar Jahren geparkt, um den auf Wassertiere spezialisierten Zoo Living Coasts zu besuchen, der seit ein paar Jahren geschlossen war. In den 70er Jahren hatte an der Stelle Coral Island, ein riesiger Betonkomplex mit Bars, Pools und Spielhallen, gestanden. Im 19. Jahrhundert war dort das Marine Spa eröffnet worden, ein Gebäude im italienischen Stil mit einem Ballsaal, einem Konzertsaal, einem sonnendurchfluteten Wintergarten und einem öffentlichen Schwimmbad. Was für ein geschichtsträchtiger Ort! Leider zeugten heute nur Fotos auf Informationstafeln davon. Oft hatte Missy sich vorgestellt, wie sie dort am Pool liegen und das Dolce Vita in Südengland genießen würde. Mit dem Vintage Swimming Club Torquay kam sie diesen Vorstellungen zumindest ein bisschen näher, auch wenn sie viel Phantasie verwenden musste, um ganz in diese glorreiche Vergangenheit einzutauchen.

Die kleine Truppe um Missy bog am Rande des Parkplatzes in einen schmalen, sandigen Pfad mit Brombeerbüschen ein, der leicht zu übersehen war, sich seinen Weg zur Beacon Cove entlangschlängelte und den Blick auf die Häuser von Torquay, die nicht weit entfernt waren, hinter sich ließ. Das einzige Gebäude, das die Bucht überragte, war das ehrwürdige Imperial Hotel, das bereits Agatha Christie als Inspiration für einige Krimis gedient hatte.

Sobald sie den Weg zur Bucht hinunterging, hatte Missy das Gefühl, plötzlich auf dem Land zu sein und nicht in einer Stadt. Einzig die Zäune am Rande des Weges trübten die Vorstellung. An ihnen waren Fotos aus der ruhmreichen Vergangenheit der Bucht angebracht, die aus der Viktorianischen Zeit stammten, in der der kleine versteckte Küstenabschnitt »Ladies’ Bathing Cove« genannt wurde, weil damals nur Frauen Zugang dazu hatten. Auf anderen Schwarz-Weiß-Fotos waren Wagen im Wasser zu sehen, die Frauen als Umkleidekabine dienten, und auch die Lifeboat Station, die 1923, wie Missy unter dem Foto gelesen hatte, zu einem Café umgebaut worden war. Es war wohl auch der Lieblingsstrand von Agatha Christie gewesen. Einmal hatte sie dort sogar einem Kind das Leben gerettet. Auf Bildern aus den 70ern waren auch Tretboote, Liegestühle und Matratzen zu sehen.

Als Betty und Zoe ihr von der Idee des Vintage Swimming Club Torquay erzählten, hatte Missy sofort an die Beacon Cove gedacht. Ob ihr kleiner Club auch einmal so beliebt sein würde, dass die ganze Bucht wieder voller Badegäste wäre wie auf den Fotos?

Heute wohl eher nicht. Am Strand befand sich nur ein Mann, und der sah mit seiner praktischen Kleidung nicht so aus, als käme er zum Clubtreffen. Nur wenig erinnerte noch an die Fotos aus der Vergangenheit, an denen sie gerade vorbeigegangen waren. Das Café war längst abgerissen, keine Wassersportgeräte waren zu sehen, und Müll lag auf dem Strand. Einzig die halbrunden Treppenstufen, die von der einen Seite der Bucht zur anderen führten, waren noch da und warteten darauf, von den Mitgliedern des VSCT mit altem und neuem Leben gefüllt zu werden.

Missy zog einen Sonnenschirm aus ihrer Tasche und klappte ihn auf. Verstohlen blickte sie zu dem Pfad, den sie gerade heruntergelaufen waren, in der Hoffnung, dass noch jemand dazustoßen würde. Als niemand zu sehen war, sagte sie: »Lasst uns das Treffen des Vintage Swimming Clubs Torquay einläuten!«

Es war wesentlich wärmer als im Winter, dennoch kostete es Missy Überwindung, den Mantel auszuziehen. Sie öffnete ihn einen kleinen Spalt breit und spürte sofort eine Meeresbrise, die sich um ihren Körper verteilte und Gänsehaut hinterließ. Kurz bevor sie den Mantel komplett auszog, langsam und mit kleinen Rückfällen, in denen sie ihn wieder schloss, hörte sie eine nur allzu bekannte Stimme über den Strand rufen:

»Halt! Nicht ins Wasser gehen.«

Melinda drehte sich um. »Was ist los? Ist etwas mit dem Wasser?«

Missy verdrehte die Augen und blieb ruhig. »Es ist nichts. Das ist nur Ms Kilster, die immer einen großen Auftritt benötigt.« Sie wusste mittlerweile, dass die Panik, die in der schrillen Stimme lag, nicht ernst zu nehmen war.

»Missy!«, hörte sie eine andere Stimme, die ihr ebenfalls vertraut vorkam. Es war Luke! Diesmal drehte sie sich um, denn ihren einstigen Theater-Ehemann hatte sie schon länger nicht mehr gesehen. Seitdem sie das Stück Das Böse unter der Sonne beim International Agatha Christie Festival aufgeführt hatten, hatten sie sich nur sporadisch zufällig auf der Straße getroffen. Sie lachte, als sie ihn ansah. Er trug genau dieselbe Badehose wie bei der Aufführung! Hinter ihm befanden sich noch andere Schauspieler von damals.

»Es ist so schön, euch zu sehen!« Missy wurde warm ums Herz und war froh, ihre einstigen Theaterkollegen nach so langer Zeit wiederzusehen.

»Wenn du nicht mehr zur Probe kommst, kommen wir eben zu dir«, erklärte Mr Warren, der den Meisterdetektiv Hercule Poirot gespielt hatte.

»Es tut mir leid«, beteuerte Missy. »Ich brauchte nach dem Tod von Amanda und allem, was danach geschehen war, etwas Abstand.«

»Das verstehe ich.« Luke umarmte Missy. »Schön, dich wiederzusehen.«

»Ms Kilster hat erzählt, wie erfolgreich du als Missy Marple geworden bist«, sagte Mr Warren.

Missy senkte den Kopf und schaute auf den Sand, in dem die Bilder von dem letzten Mordfall vor ihr auftauchten, den sie am liebsten vergessen wollte. Es stimmte zwar, dass sie den Fall gelöst hatte, dennoch waren zwei Menschen gestorben, und auch sie wäre beinahe ums Leben gekommen. Sie war keine gute Detektivin, denn sie konnte ihre Erfolge nicht von dem Leid trennen, mit denen sie verbunden waren. Wenn es überhaupt irgendetwas Gutes in dem ganzen Übel gegeben hatte, dann, dass sie dadurch Betty kennengelernt hatte. Missy Marple, wie Ms Kilster sie genannt hatte, hatte sich zur Ruhe gesetzt. »Keine Sorge, ich werde dem berühmten Hercule Poirot keine Konkurrenz sein«, sagte sie grinsend.

»Noch nicht«, warf Ms Kilster mit erhobenem Zeigefinger ein. »Aber ziehen Sie sich warm an, Mr Warren.« Bei den Worten musterte sie ihren Schauspielkollegen, der gerade seine Jacke auszog.

Als seine Bademode freigelegt wurde, machte sich ein Grinsen auf Missys Gesicht breit. Mr Warren trug tatsächlich einen blau-weiß gestreiften Männerbadeanzug, aber es war nicht irgendeiner. Es handelte sich wie bei Luke um genau das gleiche Modell, das er im letzten Jahr bei ihrem gemeinsamen Theaterstück getragen hatte. Damals hatten sie in einer Turnhalle geprobt und sich nur vorgestellt, dass sie in einer Bucht seien. Jetzt hatten sie echten Sand unter den Füßen, das Meer vor und Möwen über sich – auch wenn bei 10 Grad nicht gerade Strandwetter herrschte. Die anderen schienen in alter Manier darüber hinwegzusehen und wieder ihre Phantasie zu benutzen, um die Illusion eines Sommerbades aufrechtzuerhalten. Wie schön wäre es, hier an diesem Ort das Theaterstück aufzuführen!

»Was für herrliches Wetter«, sagte Luke, dessen muskulöser Körper leicht zitterte.

»Für England ist es das wirklich.« Missys Zähne klapperten ebenfalls. »Lasst uns baden gehen!« Damit sie endlich aus dem kalten Wind kamen und nach einem kurzen Sprung ins Wasser von ihren Handtüchern so schnell wie möglich wieder aufgewärmt wurden.

»Auf jeden Fall! Das ist ja so gesund« Ms Kilster öffnete ihren Mantel, den sie sogleich wieder schloss. »Und so kalt.«

»Es ist eben etwas anderes als Ihr Jacuzzi«, spottete Missy.

»Mein Jacuzzi!«, sagte Ms Kilster schwärmerisch. »Geht ihr mal ins Wasser, Kinder! Ich werde hier auf euch aufpassen und euch im Notfall retten. So wie früher, als hier noch die Torquay Lifeboat Station stand.«

Missy versuchte sich vorzustellen, wie Ms Kilster alles stehen und liegen ließ, den Kaftan, den sie trug, von sich warf, und ins kalte Wasser rannte, um jemandem zu helfen, aber das Bild wurde einfach nicht scharf und greifbar. Noch ein Grund mehr, um nur kurz im Wasser zu sein, schließlich musste jemand im Notfall helfen.

Obwohl sie in den letzten Monaten regelmäßige Treffen des VSCT durchgeführt hatten, war es für Missy jedes Mal eine Überwindung gewesen, den Mantel auszuziehen und sogar nur die Fußspitze ins kalte Wasser zu strecken. Manchmal brauchte sie mehr als fünf Minuten dafür. Zum Glück war Betty an ihrer Seite gewesen, die schon öfter beim Torquay Boxing Day Dip teilgenommen hatte. Bei dem jährlichen Event am 26. Dezember hatten sich wagemutige Bewohner in schicken Kleidern am Strand von Torre Abbey Sands ins Wasser gestürzt und dabei Geld für wohltätige Zwecke gesammelt. Betty hatte Missy bei den winterlichen Clubtreffen an der Beacon Cove jedes Mal motiviert, mit einem Lächeln ins Wasser zu gehen, auch wenn sie sich wie ein Nadelkissen fühlte, das von den kalten Wassermassen hundertfach gestochen wurde.

Wie jedes Mal machte Betty mit ihnen ein paar Übungen zum Aufwärmen. Im Winter hatte sie darauf bestanden, dass sie eine Badekappe und Neoprenhandschuhe trugen, was nicht gerade Boheme gewirkt hatte, aber immerhin sicherer war. Mit den ersten wärmeren Tagen hatte sie ihnen die Entscheidung selbst überlassen, und Missy nahm lieber die Kälte in Kauf als eine Kopfbedeckung, bei der die Form wichtiger war als der Stil. Die extreme Kälte hatte sogar etwas Gutes: In den Momenten dachte sie an nichts anderes, und genau das brauchte sie gerade. Keine Gedanken, keine Gefühle, keine Vergangenheit. Dieses Mal ging Missy ohne Zögern ins Wasser und ließ sich darin mit geschlossenen Augen treiben, als wäre Hochsommer. Erst als sie ihren Namen mehrmals hörte, erwachte sie langsam aus ihrer gefühllosen Starre.

»Miss Missy, kommen Sie aus dem Wasser«, rief Ms Kilster ihr zu. »Ihre Lippen sind schon ganz blau.«

Jemand griff Missys Hand, sie erwiderte den Händedruck, und ihre Gedanken kamen zurück. Erinnerungen an ihre Mutter, die sie in den Starnberger See zog und vollspritzte. »Du zitterst ja am ganzen Körper«, hörte sie eine Stimme sagen, aber es war nicht ihre Mutter. Sie öffnete die Augen und sah Luke vor sich. Sofort zog sie ihre Hand weg und ging zum Ufer.

Dort angekommen, hörte sie einen lauten Pfiff und Ms Kilsters Stimme: »Miss Missy, gehen Sie noch einmal ins Wasser und kommen wieder zurück. Und diesmal lächelnd. Ms Zoe braucht noch ein gutes Foto.«

»Sollte eine Rettungsschwimmerin nicht dafür sorgen, dass Leben gerettet werden und niemand erfriert?«, fragte Luke. »Ich unterrichte Schwimmen und habe auch eine Rettungsschwimmerausbildung absolviert.«

»Ach, Papperlapapp, Sie Warmduscher!«, winkte Ms Kilster ab. »Ms Zoe braucht Fotos, um Werbung für euren kleinen Club zu machen. Also haben Sie sich nicht so.« Sie lehnte sich zu Zoe und sagte: »Sie könnten mir doch sicher ein paar Bilder abgeben, um sie zu verbreiten, nicht wahr?«

Zoe nahm für einen Augenblick die Augen von der Linse und blickte ernst. »Wenn Sie mir die entsprechenden Lizenzgebühren zahlen.«

Ms Kilster räusperte sich und tönte: »Na ja, eigentlich brauche ich sie nicht. Ich habe schon eine bessere Werbemaßnahme an Land gezogen.«

»Und welche?«, fragte Missy, gespannt auf die nächste Verrücktheit von dieser Frau, die sich für nichts zu schade war und immer neue Ideen hatte, um Torquay bekannter zu machen.

Ms Kilster strahlte über das ganze Gesicht, als sie die folgenden Worte aussprach: »Ein Charabanc!«

»Ein was?«, fragten Missy und Zoe gleichzeitig.

»Haben Sie etwa noch nicht davon gehört?«, rief Ms Kilster. »Ich habe doch Flyer in alle Briefkästen werfen lassen und den für Ihr Lädchen eigenhändig hineingetan. Ich erinnere mich gut an Ihren etwas kitschigen Briefkasten. Haben sie meinen Flyer etwa weggeworfen?« Bei den letzten Worten riss sie die Augen weit auf und schaute Missy mit ihrem berühmten Stierblick an, bei dem niemand widersprechen wollte.

Missy wechselte einen kurzen Blick mit Zoe, die nur mit den Achseln zuckte und die Augen verdrehte. »Natürlich habe ich ihn gelesen und nicht weggeworfen. Ich habe das Wort mit Ihrer britischen Aussprache zuerst nicht verstanden. Vielleicht könnten Sie noch einmal erklären, worum es geht. Für die anderen.«

»Mit dem größten Vergnügen!« Ms Kilster stellte sich wie auf einer Bühne vor alle anderen und tönte: »Das Charabanc war das Fortbewegungsmittel für Touristen in den 20er Jahren. Es war wie eine riesige motorisierte Kutsche, in der mehr als zwanzig Menschen sitzen konnten.«

»Sie meinen also einen Bus?«, fragte Missy.

»Bus!«, winkte Ms Kilster ab. »Sie haben doch das Foto auf dem Flyer gesehen. Sah das etwa aus wie ein Bus?«

»Nein«, log Missy.

»Es war wie ein riesiges Cabrio.« Ms Kilster hob die Arme feierlich in die Höhe, als sie das Wort aussprach.

»Wurden Charabancs nicht eingestellt, weil die Fahrten zu gefährlich waren?«, meinte Betty sich zu erinnern.

Ms Kilster winkte ab. »Ja gut, damals ist der eine oder andere gestorben, aber das ist doch schon hundert Jahre her. Das Charabanc, das ich für meine Fahrten benutze, wurde restauriert und ist auf dem neuesten Stand der Sicherheit.«

»Wann können wir denn damit fahren?«, fragte Missy, die es liebte, in Torquay den Glanz der Vergangenheit und Geschichten aufzuspüren – oder neu zum Strahlen zu bringen, wie sie es mit ihrem Vintage Swimming Club in der Beacon Cove versuchte. Dieses Charabanc klang außergewöhnlich und gleichermaßen verrückt, was immer eine gute Kombination war.

»Steht alles auf dem Flyer, doch ich will mal nicht so sein. Der ganz große Auftritt wird natürlich dieses Jahr beim International Agatha Christie Festival stattfinden«, erzählte Ms Kilster. »Wir werden die Fans damit zu den wichtigsten Orten der Queen of Crime fahren und ein kleines Ein-Personen-Stück aufführen. Die vielen Sitzreihen eignen sich hervorragend als Zuschauertribüne. Im Vorfeld werden wir noch ein paar Probefahrten durchführen. Die erste ist bereits morgen.«

»Darf ich mitfahren?«, fragte Missy sofort.

»Tut mir leid, es ist alles ausgebucht. Aber Sie haben Glück. Das Charabanc wird auf seiner Tour auch an Ihrem Charity Shop vorbeifahren.«

»Sie meinen meine Vintage Boutique«, korrigierte Missy sie. Auch wenn bei beiden Konzepten gebrauchte Sachen verkauft wurden, lagen Welten dazwischen. Wahrscheinlich waren diese Feinheiten für Ms Kilster nicht zu verstehen.

»Was auch immer«, sagte diese. »Das Haus neben ihrem Lädchen ist nämlich Teil der Tour. Halten Sie sich fest, was ich herausgefunden habe! Dort war früher ein Friseur, bei dem sich Agatha Christie einmal die Haare hat schneiden lassen.« Ms Kilster strahlte wie eine Enthüllungsreporterin.

»Wie aufregend«, sagte Zoe mit ironischem Unterton. »Wenn sie hier aufgewachsen ist, war sie sicher in fast jedem Haus schon einmal. So groß ist die Stadt nun auch nicht.«

»Ich wüsste nicht, dass Sie einmal in Ihrer Charity Boutique gewesen wäre«, erwiderte Ms Kilster pampig.

Die gab es auch erst seit zwei Jahren, aber Missy wollte sie nicht noch einmal korrigieren. Die Aussicht auf eine Fahrt in diesem besonderen Gefährt aus den 20er Jahren war zu verlockend. Außerdem hätte es ja sein können, dass dort vor einhundert Jahren ein Geschäft gewesen war, das Agatha Christie einmal aufgesucht hatte.

»Na, ich sehe mal, was sich machen lässt, Miss Missy«, sagte Ms Kilster. »Vielleicht kann ich Sie doch irgendwie unterbringen. Einen kleinen Gefallen bin ich Ihnen ja noch schuldig.«

Einen? Kleinen? Bei all den Sachen, die Missy für diese Diva getan hatte, vom Einspringen bei ihren verrückten Aktionen bis hin zum Verstecken einer Hauptverdächtigen, müsste sie ihr dieses Charabanc schenken!

Missy schaute in die Runde, blickte von Ms Kilster zu Betty, Luke und Mr Warren, und ihr fiel auf, dass sie all ihre Bekannten durch tragische Morde kennengelernt hatte. War das die Art und Weise, wie man in England Freundschaften schloss? Obwohl sie durch verhängnisvolle und schicksalhafte Verbindungen zusammengefunden hatten und ein Schatten über ihnen schwebte, war Missy froh, sie zu kennen, und wollte sie nicht missen – selbst Ms Kilster. Es erfüllte sie mit Freude, dass sie den VSCT unterstützten und sie heute wieder zusammengekommen waren, auch ohne Mordfall.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen wachte Missy schweißgebadet von einem Traum auf, von dem kleine Bildfetzen vor ihren Augen aufblitzten. Sie sah das Gesicht ihrer Mutter mit dem kleinen Mal neben den Lippen, das auch Missy hatte. Sah ihre weichen Haare und wie sie auf der Theaterbühne einen Blumenstrauß in Empfang nahm. Eine gelbe Blume daraus stach hervor und wurde immer größer, während sich der Hintergrund violett färbte. Es war die Jacke ihrer Mutter, schmutzig und von Rissen durchzogen, die von dem schrecklichen Sturz von der Klippe zeugten, an dem ihr Vater beteiligt gewesen war. Oder war er gar der Mörder gewesen? Niemand außer ihm wusste, was damals genau passiert war. Immerhin hatte er zugegeben, dass er sich mit ihrer Mutter gestritten hatte und ihr deswegen nach Torquay und später in den Wald gefolgt war, der mit der Klippe abschloss. In seiner Version war sie ausgerutscht und in die Tiefe gefallen, doch was war der Auslöser für den Streit gewesen? War wirklich Balzac mit seinen illegalen Geschäften involviert gewesen?

Nein, noch war sie nicht bereit, noch tiefer zu bohren und sich der ganzen Wahrheit zu stellen. Erst im Sommer hatte sie so etwas wie Frieden mit ihrem Vater geschlossen, hatte zumindest seiner Version der Geschichte zugehört und gespürt, wie sich die Wut gegen ihn verringert und sich die große Wunde in ihrem Herzen ein wenig geschlossen hatte – bis sie durch die Aufnahmen von der Überwachungskamera wieder aufgerissen worden war. Missy war an den Bildern von ihrer ängstlichen Mutter und dem heftigen Streit zwischen ihren Eltern an der Tankstelle kurz vor ihrem Tod fast zerbrochen. Was würde passieren, wenn sie noch tiefer bohrte und noch mehr verstörende Informationen zutage brachte? War sie stark genug, um diese zu ertragen?

Würde sie es überhaupt jemals sein?

Jetzt brauchte sie dringend eine Ablenkung von dem Thema, bevor sie in ein Loch fiel, aus dem sie nur schwer wieder hervorkommen würde.

In der Sekunde fiel ihr Ms Kilster und dieses Charadings wieder ein. Das sollte helfen, sie auf andere Gedanken zu bringen. Die Erzählungen von Ms Kilster hatten sie äußerst neugierig auf das besondere Gefährt gemacht, von dem sie in Deutschland noch nie etwas gehört hatte. Ms Kilster hatte gesagt, dass sie Missy noch einen Gefallen schuldete, und den würde sie jetzt einfordern. Allerdings nicht morgens um sieben, wie sie mit Blick auf die Uhr entschied.

Da sie nicht mehr einschlafen konnte und nicht zu viel Zeit mit Grübeln verbringen wollte, beschloss sie, zu Barbara’s Bakery zu gehen und sich eine Ladung Klatsch servieren zu lassen. Vielleicht wusste sie ja mehr darüber oder besaß noch den sagenumwobenen Flyer, der im Vintage Mission vermutlich im Müll gelandet war wie alle anderen Werbeflyer.