Schicksalsrätsel - Heike Jakobsen - E-Book

Schicksalsrätsel E-Book

Heike Jakobsen

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Beschreibung

Anita Habi gibt in diesem Buch einen ganz persönlichen Einblick in ihr Leben, das sie aus bescheidenen Verhältnissen in Kroatien nach Deutschland führte. Obwohl ihr das Leben schwere Verluste und Schicksalsschläge zugemutet hat, hält sie sich innerlich tapfer, aufrecht und stark und blickt dankbar auf ein tradi-tionsreiches Familienleben und ihre erfüllten Berufsjahre zurück. Ihre lebenslange Suche nach Liebe in drei Ehen erfüllt sich im Alter mit dem Mann, an dessen Seite sie Vertrautheit, Geborgenheit und Sorglosigkeit erlebt.

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EPUB
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Seitenzahl: 88

Veröffentlichungsjahr: 2025

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„Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.“

(Novalis)

© 2025 Anita Habi, Dr. Heike Jacobsen

V + V Sofortdruck GmbH, Zur Schmiede 9, 45141 Essen

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autoren unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Anita Habi, Dr. Heike Jacobsen

Schicksalsrätsel Meine lebenslange Suche nach Liebe

Ein biografisches Gespräch

Inhalt

Cover

Urheberrechte

Titelblatt

Kapitel I.

Kapitel II.

Dank

Die Autorinnen

Schicksalsrätsel

Cover

Urheberrechte

Titelblatt

Kapitel I.

Die Autorinnen

Schicksalsrätsel

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I.

„Ich weiß gar nicht, was meine Tochter will mit meinem bescheidenen Leben, ich hab‘ keine Ahnung, wieso sie so großen Wert darauflegt“, beginnt Anita Habi und lacht herzlich, als sie auf dem Sofa Platz nimmt. Sie spricht mit leicht slavischem Akzent, gemischt mit bayerischem Einschlag und rollt das R. Der erste Eindruck: offen, stark und herzlich, harte Schale, weicher Kern. Sie sieht kräftig aus, braun gebrannt von der täglichen Arbeit in ihrem großen Garten. Den Bauchspeicheldrüsenkrebs, der vor einigen Jahren bei ihr festgestellt wurde, wie sie mir am Telefon zuvor verraten hat, sieht man ihr überhaupt nicht an.

„Ist Ihre Tochter Ihr einziges Kind?“, frage ich.

„Nein, sie ist nicht mein einziges Kind. Sie ist jetzt mein einziges Kind“, antwortet sie, während ihre Augen feucht werden, und eröffnet damit unmittelbar ein Feld von Schicksalsschlägen, die die Familie offensichtlich getroffen haben.

Ich schlage vor, bei ihr anzufangen. Anita ist mit ihrem Lebensgefährten im Wohnmobil gekommen. „Wir wohnen in Lauingen, in Bayern, eine halbe Stunde von Augsburg entfernt. Geboren bin ich in Kroatien und in sehr, sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sie müssen sich das so vorstellen: Seit dem Krieg sind 70 Jahre vergangen, und dann noch 100 Jahre davor. So ungefähr haben wir gelebt.“

„Ich sehe da vor mir Ochsenkarren, Landwirtschaft, keinerlei Technik. So etwa?“

„Genau. So war es. Wir hatten nur zwei Kühe, mehr konnten wir uns nicht leisten. Wenn wir nicht gezogen haben, dann haben die Kühe die Maschinen gezogen“, bestätigt sie und fährt fort: „Als meine Mutter mit mir schwanger war, gab es nichts zum Essen, gar nichts. Früher gehörten die Ländereien Grafen, Tito hat dann Land an die Bauern verteilt, die ein Zehntel des Ertrags behalten durften. Oft konnten sie die Ernte nicht selbst verzehren, sondern brauchten sie, um das Land zu bestellen. Mein Großvater war Schuster für die Grafschaft, die Oma hatte ein bisschen Landwirtschaft. 1945, als der Krieg schon zu Ende war, sind mein Opa und zwei Brüder kurz nacheinander erschossen worden. Die beiden Schwestern meiner Mutter sind nach Zagreb und nach Serbien gegangen, und meine Mutter blieb als Jüngste zu Hause. Dort lernte sie mit 20 meinen Vater kennen, der damals 18 Jahre alt war. Er hatte 14 Geschwister, beide kamen zusammen, und meine Mutter hat den kleinen Bauernhof übernommen. Das Haus bestand aus Küche und Schlafzimmer und war aus Lehm, der jedes Jahr frisch verputzt wurde. Meine Mutter wurde schwanger, als mein Vater kurz auf Heimaturlaub vom Militär, wo er zwei Jahre lang diente, zu Hause war. In ihrer Schwangerschaft konnte meine Mutter sich und mich in ihrem Bauch nicht ernähren. Als ich am 22.7.1952 auf die Welt kam, sah ich scheinbar aus, wie ein ausgezogener Hase, sodass sich meine Mutter geschämt hat, ihr Baby ihren Freundinnen zu zeigen. Ich war keine Frühgeburt, aber so ausgehungert, dass ich das ganze Leben bis jetzt unter den Folgen gelitten habe“, erklärt sie. „Ich war immer unterernährt, wir haben nie mehr gehungert, sondern hatten später alles. Wir konnten uns so komplett selbst versorgen, dass nur Zucker und Öl dazugekauft wurden, wenn wir Geld hatten. Jedes Jahr an Weihnachten wurde ein Schwein geschlachtet, aus dem Fett wurde Schmalz gemacht, der Rest wurde wegen der Haltbarkeit geräuchert, denn wir haben erst 1962 Strom bekommen.“ Sie lächelt.

Ich erkundige mich, ob sie Geschwister hat.

„Nach mir kamen noch drei, von denen zwei mit einem Jahr verstorben sind, der dritte kam tot zur Welt, als meiner Mutter bei der Arbeit im neunten Monat der Schwangerschaft ein Holzscheit auf den Bauch gefallen ist. Sieben Jahre später kamen noch mein Bruder, meine Schwester und mein jüngster Bruder“, zählt sie auf. „Die beste Beziehung hab‘ ich zu meiner Schwester, weil sie auch in Deutschland lebt. Zu den Jungs habe ich auch eine gute Beziehung, aber sie sind zu weit weg, einer war in der Schweiz und ist nach der Rente wieder runtergezogen. Meine Schwester war in jeder Situation für mich da, wenn ich sie gebraucht habe.“

„So viele Schwangerschaften und Verluste hatte ihre Mutter“, denke ich laut.

„Ja, und meine Mutter war eine kleine Frau, ein bisschen kleiner als ich, aber wie ein Roboter. Sie hat nur gearbeitet. Mein Vater hat nach dem Militär im Schichtdienst im Bergwerk gearbeitet, meine Mutter war den ganzen Tag draußen, hat mit den Männern Gras gemäht, die Kühe geführt und das Land bestellt. Und wir Kinder haben ihr geholfen“, erinnert Anita sich. „Wir mussten arbeiten ab dem Tag, an dem wir laufen konnten: Obst aufsammeln zum Schnapsbrennen, Viecher füttern, alles, wie Erwachsene. Das war ganz normal. Ich musste als die Älteste am härtesten arbeiten, aber ich fand meine Kindheit sehr schön. Meine Mutter hat immer gesagt: ,Kinder, seid nicht faul.‘ Wir waren nur draußen in der Natur. Als ich in den Sommerferien eine Woche zu meiner Tante nach Zagreb durfte, hab‘ ich mich gefühlt wie im Gefängnis, fürchterlich, arbeitslos.“ Sie lacht.

Das Leben auf dem Dorf mit nur vier Häusern auf dem Berg und weiteren Häusern im Tal gefiel ihr besser. Die Schule lag fußläufig 300 Meter weit entfernt auf dem Berg.

„Meine Oma hat den ganzen Tag über Bohnen gekocht, bei uns wurde im Prinzip nur Eintopf gegessen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel Eintopfrezepte es gibt, je nach Saison.“ Wir amüsieren uns. „Dazu gab es Knödel mit verschiedenen Füllungen, Polenta, Brot und Hefezopf aus selbst angebautem Weizen, den wir in der Mühle haben zu Mehl mahlen lassen, Kuchen. Also, ich muss sagen: Es war sehr schön.“

„Wieso waren Sie dann unterernährt? Das klingt lecker“, werfe ich ein. „Dann haben Sie doch gut gegessen.“

„Ich nicht. Ich mochte gar nichts, nicht mal Suppe. Meine Oma war krank, sie konnte nicht laufen. Oma hat gekocht und uns Kinder versorgt. Mir hat nichts geschmeckt, auch nicht das Huhn am Sonntag. Ich hab‘ mir Salz genommen, hab‘ mich im Garten zwischen Tomaten und Paprika gesetzt und direkt vom Strauch gegessen. Heute liebe ich Polenta und koche sie gerne für mich“, sagt sie. „Wir haben alle zusammen in dem Schlafzimmer geschlafen, mehr Räume gab es ja nicht: Oma, Eltern, vier Kinder. Im Winter sind die Haare an der Bettkante eingefroren. Nur in der Küche war es warm. Mein Vater hat mich nie mit Namen gerufen, sondern: ,Sohn, komm her.‘ Ich sollte wohl den Platz der verstorbenen Söhne ausfüllen. Das war mir egal, ich hatte sowieso keine Röckchen.“ Anita lacht. „Das Einzige, was mich gestört hat: In der Schule haben uns die Lehrer verprügelt und zu Hause die Eltern. Das war so üblich. Der Vater war ein lieber Mensch, nicht so streng wie Mutter, aber er war Choleriker. Wir sind dann immer der Oma unter den Rock gekrochen. Sie hatte offene Beine, da durfte er nicht draufschlagen“, weiß sie noch. Wir amüsieren uns.

„Mein Vater ist mit 34 Jahren bei der Arbeit im Bergwerk tödlich verunglückt. Da war ich 14, mein Bruder war 7, meine Schwester 5, und der Kleine war 4 Jahre alt. Und die Mutter war plötzlich alleine mit uns und der Oma. Da begann eine harte Zeit, ich musste den Vater vertreten und der Mutter bei jeder Arbeit helfen, morgens um 5 Uhr aufstehen, auf dem Feld hacken, um kurz vor 8 Uhr hab‘ ich mich schnell zu Hause umgezogen, bin in die Schule gegangen, mittags zurückgekommen, hab‘ Essen aufs Feld mitgenommen und mit Mutter dort gegessen, weitergearbeitet, abends nach Hause. Mutter hat die Viecher versorgt, und ich musste noch Hausaufgaben machen und die Stiefel der Geschwister putzen. Meine Mutter hat sehr auf Ordnung und Sauberkeit geachtet“, erzählt sie.

Erst nur Sohn genannt, wuchs Anita so nach dem Tod des Vaters in die Rolle als Mann in der Familie hinein – in einem Alter, in dem ein Mädchen normalerweise seine Weiblichkeit entdeckt.

„Ja, total. Wir haben oben Wald gehabt und zusammen Bäume gefällt, sie auf den Wagen geladen und wieder nach Hause gebracht. Im Winter haben wir die Kühe die Stämme ziehen lassen, das war leichter. Zu Hause haben wir dann die Stämme zersägt und sie zum Heizen verkauft, damit meine Mutter etwas Geld hatte, um Steuern zu zahlen. Manchmal haben wir Vieh verkauft. Sie selbst hat keine Witwenrente bekommen, und für uns Kinder erhielt sie bis zum 18. Lebensjahr umgerechnet 50 Mark. Dafür musste sie noch ein Jahr lang prozessieren, sonst hätte sie gar nichts gehabt.“

„Haben Sie Ihren Vater vermisst?“, frage ich.

„Ja, aber ich hatte keine Zeit zu trauern“, antwortet sie. „Meine Mutter ist in ein tiefes Loch gefallen