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Unversehens stolpert der depressive Vampir Freddie, der der Welt seit mehr als 170 Jahren abgeschworen hat, in die Selbsthilfegruppe für Paranormale. Dort merkt er schnell, dass der Name Programm ist: Denn darin sitzen unter anderem eine zauberunfähige Hexe mit geschwisterlichen Eifersuchtsproblemen und ein Kaffee trinkender Zombie. Gemeinsam stellt sich die Gruppe den wichtigen Fragen des paranormalen Lebens: Kann ein Vampir sterben? Wenn man zwei Jahre lang nicht schläft, ist man dann ein Außerirdischer? Und warum riecht die Sirene eigentlich so gut? Bei atemberaubenden Abenteuern mit seinen neuen Freunden wird Freddie nicht nur mit der Liebe, sondern auch mit machthungrigen Plänen konfrontiert …
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Seitenzahl: 498
Veröffentlichungsjahr: 2025
Nadine Schwager
Selbsthilfegruppe für Paranormale
© dead soft verlag, Mettingen 2025
http://www.deadsoft.de
Querenbergstr. 26
D-49497 Mettingen
© the author
Coverillustration: Josi Saefkow
http://www.josi-saefkow.webabdor.de
Coverbearbeitung: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-746-0
Unversehens stolpert der depressive Vampir Freddie, der der Welt seit mehr als 170 Jahren abgeschworen hat, in die Selbsthilfegruppe für Paranormale. Dort merkt er schnell, dass der Name Programm ist: Denn darin sitzen unter anderem eine zauberunfähige Hexe mit geschwisterlichen Eifersuchtsproblemen und ein Kaffee trinkender Zombie.
Gemeinsam stellt sich die Gruppe den wichtigen Fragen des paranormalen Lebens: Kann ein Vampir sterben? Wenn man zwei Jahre lang nicht schläft, ist man dann ein Außerirdischer? Und warum riecht die Sirene eigentlich so gut?
Bei atemberaubenden Abenteuern mit seinen neuen Freunden wird Freddie nicht nur mit der Liebe, sondern auch mit machthungrigen Plänen konfrontiert …
Für Susl – Danke, dass du Freddie von Anfang an begleitet hast.
Für Flo - Q!
Der Abend begann so, wie er immer begann.
Freddie wachte auf und verfluchte sein Schicksal allein dafür. Dann kroch er unter den Pappkartons hervor, die er heute Nacht sein Zuhause genannt hatte, und klopfte sich den Dreck von der Kleidung. Doch das wertete sie nicht unbedingt auf. Sein Pullover hatte das ein oder andere Loch, seine Hose Flecken, über die er gar nicht nachdenken wollte. Ein Teil der Sohle des rechten Schuhs fehlte. Und trotzdem war es ihm am Ende gleichgültig.
Durch die Straßen New Yorks wehte ein kühler Wind. Der Herbst zeigte sich unbarmherzig. Auch das war Freddie egal.
Lustlos griff er nach seinem schlammgrünen Rucksack, schulterte ihn und verließ die Gasse und den Müll, in dem er geschlafen hatte.
Der Hunger wühlte in seinen Eingeweiden, doch er widerstand. Er wollte nicht essen. Er wollte nicht morden. Er wollte einfach nicht.
Er wusste, dass er es nicht mehr allzu lange würde hinauszögern können. Er hatte seit zehn Tagen nichts gegessen, sein Rekord lag bei dreizehn Tagen. Doch dann übernahm der Trieb, das Biest in ihm. Das Dunkle, was ihn zu dem machte, was er war, aber nie hatte sein wollen.
Er seufzte. Zumindest war er im Hungerdelirium nicht mehr Herr seiner Sinne. Meistens hatte er einen Blackout und kam erst wieder zu sich, wenn es vorbei war. Dann musste er den Kampf zumindest nicht miterleben, die Schreie, den Tod. Er musste sich dann nur noch darum kümmern, die Leiche zu entsorgen. Grauenvoll war das. Und er hatte noch kein einziges Mal davon vergessen können. Er erinnerte sich an jedes Gesicht, an jeden Tod, an dem er schuld war.
Er hasste seine Existenz. Leben konnte man das Ganze nicht nennen.
Seufzend ging er die Straße hinunter, wobei ihm ein fieser Duft in die Nase geweht wurde. Seine schwarzen Locken wurden bei jedem Schritt vom Wind zerzaust, der heute wirklich garstig kalt wehte. Er drehte den Kopf, um herauszufinden, woher der Gestank rührte. Sein Geruchssinn war das Einzige, was sich nach seiner Verwandlung geschärft hatte.
Er drehte sich einmal im Kreis, konnte jedoch keine Richtung ausmachen, aus der der Gestank kam. Einer Eingebung folgend senkte er die Nase deshalb nach unten und schnupperte an seiner Jacke. Angewidert zog er die Nase kraus. Er stank so erbärmlich!
Eigentlich sollte es ihn nicht wundern, wenn er Tag für Tag in Unrat schlief. Irgendwann nahm seine Kleidung den Geruch einfach an. Doch das konnte er einfach nicht ertragen. Egal, wie sehr er seine Existenz verfluchte, er wollte kein stinkender, verlotterter Mann sein, der auf diesen Straßen wandelte!
Deshalb beschloss er, zu dem großen, erleuchteten Universitätsgebäude am Ende der Straße zu gehen. Es war ein Betonkasten mit vier Stockwerken, in dem noch viele Deckenlichter brannten. Er war schon einige Male dort gewesen, er wusste, dass es im Keller frei zugängliche Duschen gab. Für die Chemie-Laboranten, die tagsüber dort wirkten. Nach Einbruch der Dunkelheit nutzte man die Räumlichkeiten dann für Abendkurse und andere Zusammenkünfte.
Die zweiflügelige Eingangstür ließ sich öffnen, als er daran zog, sodass der Wind hinein heulte und einzelne Blätter in der Eingangshalle herumwirbelte. Freddie trat hindurch und ließ die Tür einfach offen. Sicher hätte er sie wieder schließen können, aber dafür brachte er nicht genug Enthusiasmus auf. Was hatte das schon für einen Sinn?
Gemächlich schritt er die breite Steintreppe in den Keller hinab, um zielstrebig die große Gemeinschaftsdusche zu betreten. Er zögerte nicht lange, sondern passierte die Spiegel über den Waschbecken unbeachtet. Er ließ sich den schwarzen Mantel von den Schultern gleiten und hängte ihn an die Garderobe, um danach in den dahinterliegenden Duschraum zu treten. Dort wurde er seine stinkenden Sachen los und stellte die erste Dusche links an. Das Wasser war kalt, aber das störte Freddie kein bisschen. Genauso wenig, wie ihn der kalte Herbstwind störte.
Diesen Vorteil zumindest hatte seine untote Existenz.
Er stellte sich unter den Wasserstrahl und ließ ihn mit geschlossenen Augen über sich laufen. Sein Körper reagierte kein bisschen auf die Kälte, doch zumindest verschwand der Gestank. Seife benutzte er seit Jahrzehnten nicht mehr, der süßliche Geruch davon hing ihm nächtelang in der Nase und trieb ihn fast in den Wahnsinn. Und noch mehr Wahnsinn konnte er wirklich nicht gebrauchen. Sobald ihm seine Nase meldete, dass er sauber war, stellte er das Wasser ab und zog ein Handtuch aus seinem Rucksack, der neben seinen stinkenden Sachen auf dem Boden stand. Er rieb sich trocken und schlüpfte dann in Wechselkleidung. Eine schwarze Stoffhose, ein weißes Shirt und einen braunen Pullover, der so weich war, dass er vermutlich aus irgendeinem teuren Stoff war. Freddie hatte keine Ahnung, er hatte einfach das erstbeste Stück, das er gesehen hatte, mitgenommen. Dass er einen Merinopullover oder etwas in der Art stahl, hatte er ja nicht wissen können.
Zumindest sah er aus wie ein ganz normaler Mensch, als er zurück in die Umkleide trat. Die Spiegelzeile über den Waschbecken gab ihm recht in seiner Annahme. Seine kurzen Locken waren schon fast trocken und in dem Pullover und der Stoffhose machte er den Eindruck eines Vorstadtvaters, der am Abend noch einen Kurs über Literatur und Schreiben besuchte.
Freddie musterte sich aus seinen dunklen Augen, unter denen tiefe Schatten lagen. Das machte der Hunger. Hätte er nur erst wieder gegessen, dann wären sie verschwunden und man würde ihn für einen athletischen, gesunden Mittdreißiger halten. Doch das war er nicht. Beinahe hundertachtzig Jahre schon nicht mehr. Er riss den Blick von seiner Erscheinung los und stopfte die stinkenden Klamotten in das feuchte Handtuch gewickelt zurück in den ansonsten leeren Rucksack. Danach warf er sich seinen Mantel über, schulterte den Rucksack und verließ die Räumlichkeiten. Ohne Eile ging er die Treppe wieder hinauf. Er hörte Stimmen über dem Heulen des Windes in der Eingangshalle und verlangsamte seine Schritte. Der Hunger in seinen Eingeweiden brüllte, dass er hinaufgehen und einen von den Menschen dort oben dazu bringen sollte, sich mit ihm in eine dunkle Gasse zu begeben, um ihn töten zu können und den Hunger endlich zu stillen. Doch er wehrte sich. Er blieb hart. Er musste den Menschen jetzt nur noch für eine Weile aus dem Weg gehen, um nicht doch noch schwach zu werden. Aussichtslos in einer Stadt wie New York.
Er wartete ab, bis er über sich keine Geräusche mehr außer dem heulenden Wind und den raschelnden Blättern hörte, dann setzte er seinen Aufstieg fort. Er erschrak, als er am oberen Ende der Treppe ein Mädchen stehen sah. Ihre hellen Augen waren direkt auf ihn gerichtet, ohne zu zwinkern. Sie trug ein rotes Wollkleid, das ihr bis zu den Knien reichte, die in dicken, weißen Strumpfhosen steckten. Ihre Füße zierten kleine, rote Doc Martens. Ihr blasses Gesicht wurde umrahmt von braunem Haar, das in dicken Strähnen weit über ihren Rücken hing.
Sobald er in Sicht kam, streckte sie die Hand nach ihm aus. Irritiert starrte Freddie sie an und bewegte sich kein Stück weiter. Was wollte die Kleine von ihm? Verwechselte sie ihn? Doch er hatte unten sonst niemanden bemerkt, der zu ihr hätte gehören können. Er warf einen forschenden Blick in ihre hellen, blauen Augen. Konnte sie vielleicht nicht gut sehen? War sie womöglich blind?
„Du verwechselst mich, Kleine“, sagte er deshalb rau und nahm seinen Weg nach oben nun doch wieder auf. Je schneller er an ihr vorbei war, desto besser. Sein Magen rebellierte. Er bäumte sich auf, er knurrte hungrig. Kinder waren eine besondere Versuchung. Ihr Blut war frisch, es roch verführerisch. Deshalb hatte er sich seit fast hundertachtzig Jahren nicht mehr in die Nähe eines Kindes getraut. Erwachsene hinzuschlachten war das eine. Aber Kinder … nein, er wollte niemals ein Kind anrühren. Zum Glück waren diese selten noch draußen, wenn er mit seinem Streifzug durch die Nacht begann. Er hielt die Luft an, als er an dem Mädchen vorbeitreten wollte, aber sie drehte sich zu ihm und hielt ihm weiterhin die ausgestreckte Hand entgegen.
„Es ist dein Schicksal, mit mir zu kommen“, sagte sie ernst, wobei sie ihn musterte. Was für seltsame Worte von einer vielleicht Zehnjährigen.
„Glaube mir, es würde nur an deinem Schicksal etwas ändern, wenn ich dich begleite. Lass gut sein, Kleine“, antwortete Freddie beherrscht. Für einen Moment vergaß er, die Luft anzuhalten, und sog den Duft des menschlichen Fleisches ein. Er wappnete sich, sofort loszurennen, schnell und weit weg von dem Kind, um es nicht zu gefährden, sobald ihn das Aroma ihrer Jugend traf. Doch es blieb aus. Erstaunt atmete er noch einmal ein, diesmal tiefer. Sie roch nicht … so. Sie roch nicht wie andere Kinder. Nicht einmal wie andere Menschen!
„Begleite mich“, sagte sie wieder und trat einen Schritt näher zu ihm, um ihre Einladung zu festigen. Für einen Moment überlegte Freddie, was er tun sollte. Er hatte solch einen Hunger, aber er spürte keinerlei Drang, das Mädchen zu töten. Das war neu. Und das war seltsam.
Es weckte seine Neugier.
Wie war das überhaupt möglich? Er wusste, dass er es herausfinden wollte. Vielleicht verbarg sich hier ja ein Hilfsmittel für ihn? Wenn er seine Nase dazu brachte, Menschen nicht mehr als Beute anzusehen, vielleicht musste er dann nie mehr töten? Welch eine Erleichterung das doch wäre! Welch eine Last, welch eine Schuld von ihm abfallen würde! Und vielleicht – nur ganz vielleicht – konnte er dann auch endlich sterben!
Zögernd streckte er die Hand nach dem Kind aus, bis sie seine langen, schlanken Finger mit ihren umschloss. Dann ging sie voran und führte ihn in einen Seitengang hinein. Eine einzige Tür stand dort offen, hinter der Licht brannte. Leise Stimmen drangen heraus. Zielstrebig zog sie ihn darauf zu und wollte ganz klar hineingehen, da blieb Freddie vor dem Schild am Türstock stehen. Es war ein hastig und ohne viel Liebe gestaltetes, weißes DIN-A-4-Blatt, auf dem stand:
Selbsthilfegruppe für Paranormale (und Angehörige)
Die leisen Gespräche im Raum verstummten, als Freddie mit dem Mädchen eintrat. Knapp hinter der Tür ließ sie seine Hand los und setzte sich auf einen freien Stuhl in einem kleinen Stuhlkreis zwischen zwei Erwachsene. Eine Frau mit Kopftuch und einem Baby in der Trage vor der Brust und einem dürren Mann mit dunklem Haar und Brille. Ihm entströmte ein interessanter Geruch nach Tod, der Freddie die Stirn runzeln ließ. Von der Frau mit dem Baby ging derselbe Nicht-Geruch aus wie von dem Mädchen, vermischt mit etwas Süßlichem, das er nicht ganz deuten konnte. Ansonsten saßen noch eine weitere Frau in schwarzen Klamotten mit tief ausgeschnittenem Top und ein kleinerer Mann mit Glatze und Brille in der Runde. Die freizügig gekleidete Frau lächelte breit, als sie ihn sah.„Hallöchen“, flötete sie und in Freddies Magen regte sich ganz deutlich der alles zerfressende Hunger. Sie roch wunderbar. Sie roch fantastisch. Ihr Aroma vernebelte ihm beinahe alle Sinne!„Oh, ein neuer Mitstreiter!“, bemerkte ihn nun auch der kleine Glatzkopf mit der Brille. Er roch nach … er roch nach … Freddie wusste nicht, wonach er roch. Anders, nicht unappetitlich, aber nicht so verzehrend wie die Frau.
„Willkommen in unserer Selbsthilfegruppe für Paranormale. Ich bin Bernie, der Gründer der Gruppe. Setz dich doch gern zu uns und stell dich vor!“
Zögerlich machte Freddie zwei Schritte in den Raum hinein, wo ihn der Duft der Frau wieder mit voller Wucht traf. Er leckte sich über die Fangzähne, ließ die Lippen dabei aber geschlossen. Er durfte ihr nicht näherkommen, wenn er nicht wollte, dass etwas Hässliches geschah. Immerhin war er sehr, sehr hungrig. Er spürte, wie seine Hände zu zittern begannen. Er musste trinken! Er musste von ihr trinken! Mit Mühe riss er sich zusammen. Es war besser, wenn er ging. Sofort! Gerade drehte er sich um, da betrat eine weitere Person den Raum. Eine junge Frau mit dunkelviolettem Haar, in schwarzen Lederstiefeln, einer schwarzen Jeans mit vielen Löchern und einem engen, schwarzen Top mit Regenbogenflagge am Revers richtete den Blick ihrer stechend grünen, schwarz geschminkten Augen auf die kleine Versammlung.„So fangen P-pornos an“, murmelte der Dürre mit dem Todesgeruch, während er den Neuankömmling atemlos anstarrte.„Bin ich hier richtig bei denen, die denken, sie seien was Besonderes?“, fragte die junge Frau abschätzig.
Bernie nickte. Dann schüttelte er den Kopf.„Wir sind Paranormale.“
„Das macht uns nicht automatisch zu etwas Besonderem“, warf auch Freddie ein. Ihr Geruch war ebenso irgendwie seltsam. So als wäre sie halb menschlich, halb irgendetwas anderes.
Zumindest was ihren Geruch anging, war diese Gruppe hier außergewöhnlich.
„Setzt euch, setzt euch! Stellt euch vor!“, bat Bernie nun neugierig und die junge Punkerin folgte der Einladung mit festem Schritt. Sie ließ sich auf dem freien Stuhl neben der Frau mit dem tief ausgeschnittenen Top nieder, was ihr Aroma ein wenig dämpfte, sodass Freddie sich traute, nicht mehr ganz so flach zu atmen.
Trotzdem hielt er es für keine gute Idee, länger hier zu verweilen. Er machte einen Schritt auf die Tür zu, da sagte das kleine Mädchen in dem roten Kleid: „Er muss bei uns bleiben. Er gehört hierher!“
Verständnislos drehte Freddie sich zu ihr um, doch da sagte Bernie freundlich: „Agatha kann die Fäden des Schicksals sehen. Sie weiß, wer welche Bestimmung zu erfüllen hat. Wenn sie sagt, du gehörst in unsere Gruppe, dann hat sie recht.“
„Recht oder nicht, ich kann nicht bleiben“, erwiderte Freddie und fuhr wiederum mit der Zunge innen über seine Zähne. Er wollte diese Frau töten!
„Ehe du gehst, sag uns doch, inwiefern du paranormal bist“, bat diese in dem Augenblick lüstern. „Ich zum Beispiel bin eine Sirene!“
„Tatü-tata“, machte die Punkerin trocken und der Dürre schmunzelte. Die Frau mit dem Baby verzog keine Miene, sondern streichelte gedankenverloren den Rücken ihres Kindes.„Eine Sirene, eine Frau, die mit ihrem Gesang Männer anlockt, um sie zu verspeisen!“, konkretisierte die freizügig Gekleidete beleidigt. Roch sie deshalb so … so anziehend?
„Na, dann sing uns doch mal was vor, Lady!“, provozierte die Punkerin sie erneut, aber die Sirene schlug lediglich die Augen betörend nieder, bevor sie ihren Blick auf Freddie richtete: „Das muss ich gar nicht.“
Sie stand auf und trat zu Freddie, um ihn an der Hand mit sich zum Stuhlkreis zu ziehen. Und er wollte fliehen. Er wollte es wirklich! Aber sie roch so appetitlich und das Biest in ihm übernahm für eine Sekunde die Oberhand, sodass er nicht gehen konnte. Er folgte ihr lammfromm und ließ sich auf dem harten Holzstuhl nieder, den sie ihm auserkoren hatte. Sie zwinkerte ihm zu und ging zu ihrem Platz zurück.
„Nun gut, dann zäumen wir das Pferd von hinten auf“, schlug Bernie vor. „Agatha und Myriam …“ Er nickte freundlich zu dem Mädchen und danach zu der freizügigen Frau. „… habt ihr bereits kennengelernt. Charlie, sag doch kurz etwas zu dir.“
Er richtete den Blick auf den Dürren, der sich nervös aufsetzte und sich räusperte.
„Ich … ähm … ich bin Charlie … und ich … äh … ich bin ein Außerirdischer.“
Die Punkerin lachte kurz auf, Freddie dagegen legte den Kopf schief. So rochen Außerirdische? Nach Tod?
„Du bist kein Außerirdischer“, sagte er deshalb ernst. „Warum denkst du das?“
„Doch, doch …“
„Wir sprechen hier niemandem seine Identität ab“, unterbrach Bernie sanft, doch Charlie hob bereits die Hand und Bernie nickte ihm zu.
„Ich … ich … ich muss ein Außerirdischer sein. Ich schlafe nicht mehr. Ich esse nicht mehr. Ich t-trink-ke ausschließlich K-Kaffee.“
„Kein Wunder, dass du nicht schläfst!“, warf die Punkerin abfällig ein. „Wenn ich zu viel Kaffee trinke, schlafe ich auch nicht mehr! Manchmal zwei, drei Tage nicht!“
„Ich schlafe seit zwei Jahren nicht mehr.“
Das Lachen der jungen Frau verstummte.
Für einen Moment senkte sich Stille zwischen die Stühle, dann sagte Freddie ruhig: „Tote schlafen nicht.“
„T-Tot-te?“ Charlie riss die Augen auf. „Ich bin t-tot?! Aber ich … ich laufe doch noch herum! Ich arbeit-te! Ich rede!“
„Du riechst aber tot.“ Freddie zuckte die Schultern und Charlie vergrub die Nase sofort in seiner Achsel. Erleichtert hob er danach den Kopf wieder.
„Ich rieche gar nicht! Das ist w-wirklich erleicht-ternd!“
„Ist es nicht. Ich rieche auch nicht. Tote haben keinen Schweißgeruch.“
„D-das heißt, du bist auch t-tot?“, fragte Charlie mit großen Augen.
Freddie nickte.
„Wie bist du gestorben?“, hakte Bernie neugierig nach und lehnte sich etwas nach vorne.
„Ich wurde gebissen.“
Zum Beweis entblößte er seine viel zu langen Fangzähne, die er sonst immer sorgsam hinter seinen Lippen verborgen hielt.
„Du bist … du bist ein V-Vamp-pir?!“ Charlies Stimme überschlug sich und er machte Anstalten, aufzustehen und wegzulaufen. Die Sirene, Myriam, aber legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter und hielt ihn so davon ab.
Freddie dagegen nickte.
„Das heißt, du hast so richtige Superkräfte?“, wollte Agatha wissen.
„Nein.“
„Du bist nicht superschnell? Hast keine Supernachtsicht? Bist nicht superstark? Bist nicht unverwundbar, bis auf einen Pflock in deinem Herzen oder einer Silberkugel?“
„Mit Silberkugeln tötet man Werwölfe, keine Vampire!“, schaltete die Punkerin sich Augen verdrehend ein.
„Alles Mythen“, wiegelte Freddie trocken ab.
„Also t-töt-tet dich ein P-Pflock ins Herz nicht?“, hakte Charlie zitternd nach.
„Nope.“
„Was ist mit Kruzifixen? Oder Knoblauch?“, wollte Bernie wissen.
Erneut schüttelte Freddie den Kopf.
„Das heißt, du kannst nicht sterben? Was ist mit Sonnenlicht?“, hakte die Punkerin nach.
„Tut weh, tötet mich aber nicht. Ich hab es versucht. Mich dort schlafen gelegt, wo die Sonne wenig später hin scheinen würde. Mehr als einmal. Wie ihr seht, lebe ich noch.“
Die Erinnerungen an diese Erlebnisse waren gelinde gesagt unschön. Als verkohlter Körper brutzelnd in der Sonne zu liegen, bis diese ihren Abstieg begann und er im Mondlicht endlich wieder genug Kraft bekam, um aufzustehen und mit schwarzen Gliedmaßen auf die Jagd nach heilendem Blut zu gehen … Sein Versuch, sich umzubringen, hatte vier Menschenleben gekostet, bis er wieder halbwegs hergestellt gewesen war.
Seine Existenz war verflucht.
„Kannst du eine Kirche betreten?“, hakte Bernie interessiert nach.
„Ich kann sie nicht nur betreten, ich kann darin sogar schlafen, töten oder Scrabble spielen.“
„Höchst erstaunlich“, murmelte Bernie. „Kannst du fließendes Wasser überqueren?“
„Wie hätte ich sonst nach New York kommen sollen?“
Die Punkerin lachte.
„Den Kerl mag ich!“
„Verrate uns doch deinen Namen, mein Freund. Und vielleicht auch, wie alt du bist“, bat Bernie mit leuchtenden Augen.
„Mein Name ist Freddie und ich bin 212 Jahre alt.“
„In all den Jahren meines langen Lebens …“, Bernie lachte, „… habe ich noch niemals einen Vampir getroffen. Unglaublich, nicht wahr? In 2033 Jahren bist du der erste Vampir, der mir über den Weg läuft.“
Freddie legte den Kopf schief. Dieser kleine Kerl war 2033 Jahre alt? Roch er deshalb so … anders?
Kaum zu glauben, dass so einer so lange überlebt haben sollte. Er hatte immer gedacht, Langlebige oder Unsterbliche, wie man sie landläufig nannte, müssten imposante, große Männer sein, die sich in jeder Situation behaupten konnten. Doch andererseits waren Kakerlaken auch fürchterlich alt und die waren auch klein und versteckten sich.
„Wie wird man zum Vampir?“, wollte die Punkerin da wissen.
„Man wird gebissen“, wiederholte Freddie und versuchte den Gedanken an die Nacht vor 178 Jahren zu verdrängen. Wäre er doch nur nicht mehr hinausgegangen, um nach den Schafen zu sehen! Wäre er einfach in seinem Haus geblieben, bei seiner Frau und seinen Kindern! Dann wäre er jetzt tot und seine Gebeine bereits glücklich verrottet.
„Und dann?“
Aller Augen lagen neugierig auf ihm.
„Dann verwandelt man sich. Jede Nacht ein bisschen. Bis du nach drei Nächten selbst anfängst, nach Beute zu suchen und zu töten.“
Zum Glück hatte er gemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Zum Glück war er in der Nacht der Verwandlung nicht zu Hause gewesen, sondern weit, weit weg auf der Suche nach einem Arzt, der ihm helfen konnte. Denn so hatte er den Arzt getötet und nicht seine Frau und Kinder. Damit hätte er nicht leben können. Nicht einmal untot.
„Du musst die Leute, die du beißt, doch auch nicht töten“, warf die Punkerin da lax ein und zuckte die Schultern. „Wenn du sie nicht ganz austrinkst, können sie …“
„Nein!“ Das Wort war sehr viel lauter herausgekommen, als Freddie gewollt hatte. Die junge Frau hatte keine Ahnung, wovon es da sprach!
Ihre Augen verengten sich verärgert, aber Freddie hob entschuldigend eine Hand.
„Lässt man sie nach dem Trinken am Leben, verwandeln sie sich selbst in Vampire. Da ist der Tod die bessere Alternative.“
„Kommt auf den Blickwinkel an“, warf Myriam ein und ließ ihm ein vielsagendes Lächeln zuteilwerden.
„Es gibt keinen Blickwinkel. Ein Vampir tötet unschuldige Menschen, um satt zu werden. Er lebt ewig und kann nicht sterben. Egal, wie oft oder womit er es versucht. Ich habe es versucht. Ich habe mir den Kopf abgeschlagen, mich von Hochhäusern und Brücken geworfen, ich habe mich ertränkt, mich erstochen, erschossen, mich der Sonne ausgesetzt, mir einen Holzpflock ins Herz gerammt, mich ausbluten und vierteilen lassen, mich aufgehängt und mich verbrannt. Und jedes verdammte Mal bin ich danach wieder aufgewacht. Jedes. Verdammte. Mal.“
Wieder Stille.
„Kannst du dich nicht mit deiner neuen Existenz arrangieren?“
Die leise Stimme gehörte der Frau mit Baby. Aus dunklen, unergründlichen Augen sah sie ihn an. Er bohrte seinen Blick in ihren.
„Ich töte Menschen, um zu überleben. Alle, die ich je kannte, sind tot. Meine Frau und meine Kinder habe ich zu Grabe getragen. Selbst die Enkel meiner Enkel sind mittlerweile tot. Diese Existenz ist ein Fluch. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Das heißt, wenn du nicht trinkst, stirbst du?“, wollte Agatha nun leise wissen.
Das kleine Mädchen hatte er ganz vergessen! Er sprach von Mord und Selbstmord vor einem unschuldigen Kind! Am liebsten hätte er sich dafür geohrfeigt.
„Ich kann nicht nicht trinken“, antwortete er nach einer langen Pause. „Wenn ich lange genug nicht trinke, übernimmt das Biest in mir die Kontrolle. Dann wache ich irgendwo auf, eine Leiche in meinen Armen haltend, aber mein Hunger ist gestillt.“
„Ich-ich-ich habe noch eine Frage“, meldete Charlie sich da stotternd.
Aller Augen richteten sich auf ihn und Freddie nickte, um ihm zu erlauben zu sprechen.
„W-Wenn … w-wenn ich k-kein Außerirdischer bin … w-was bin ich denn dann?“
„Ein herumlaufender Toter?“ Die Stimme der Punkerin war schneidend. „Die nennt man Zombies. Kennst du keine Horrorfilme, oder was?“
„Ich … ein Z-Zombie?“ Mit großen, ungläubigen Augen blickte Charlie in die Runde. Mit seiner ganzen Körperhaltung schien er um Hilfe zu flehen.
„Nennen wir es nicht Zombie. Der Begriff ist so abgenutzt und negativ belegt“, schlug Bernie beruhigend vor. „Nennen wir es: Wiedergänger.“
„Ein W-Wiedergänger“, murmelte Charlie atemlos. „Verw-wese ich jetzt? M-muss ich Gehirne essen?“
„Wenn Kaffee dich bisher am Leben gehalten hat, solltest du nicht auf Hirn angewiesen sein“, schlussfolgerte Freddie vernünftig.
Erleichtert atmete Charlie auf. Doch dann zog er die Brauen zusammen, als würde er vor einem neuen Problem stehen.
„K-Kündige ich dann jetzt meinen Job? Ich meine, w-wenn ich t-tot bin …“
„Du lebst doch in einer Mietwohnung, Charlie. Wovon willst du denn die Miete bezahlen, wenn du keinen Job mehr hast?“, warf Bernie ein.
Verständig nickte der Wiedergänger. „Aber meine K-Krank-kenversicherung brauche ich jet-tzt nicht mehr, oder?“
Die Punkerin lachte so laut los, dass das Baby in der Trage unruhig wurde. Seine Mutter strich ihm schnell besänftigend über den Rücken, doch da begann sich einer der Tische hinter ihr unruhig anzuheben. Quietschend rutschte er wie von Geisterhand über den Boden und prallte knallend gegen einen anderen Tisch.
„Verdammte Scheiße!“, rief die Punkerin erschrocken und diesmal war es Myriam, die lachte.
„Aziza ist Telekinetin“, erklärte Bernie sowohl der Punkerin als auch Freddie lächelnd. „Sie hat ihre Fähigkeiten noch nicht ganz im Griff. Aber mit ein bisschen Übung …“
„Niemand darf das wissen!“, bat Aziza mit einem drängenden Blick zu den Neuankömmlingen. „Sonst nehmen sie mir mein Baby.“
Freddie nickte und auch die Punkerin kniff verstehend die Lippen zusammen.
„Dann bist nur noch du übrig.“ Bernies Blick richtete sich auf die vorlaute Punkerin, die jetzt selbstgefällig die Arme verschränkte und sich zurücklehnte.
„Ich bin Izzy. Meine Familie entstammt einem uralten Hexengeschlecht und mein Bruder spricht mit Drachen. Aber ich bin natürlich das schwarze Schaf, logisch.“ Sie verdrehte die Augen über die Engstirnigkeit ihrer Eltern.
„Bist du eine Wicca?“, hakte Bernie nach.
Dieses Wort hatte Freddie noch nie gehört. Aber auch von Wiedergängern hatte er bisher erst einmal gelesen. Bernie schien über ein erstaunliches Fachwissen in diesem Bereich zu verfügen.
„W-Was ist denn eine W-Wicca?“, wollte auch Charlie wissen.
„Eine Naturhexe. Seit mehreren Jahrzehnten ist Wicca auch eine eigenständige Religion, aber ein wichtiger Anteil ist Hexenkunst mit Natur und Elementen, einer Göttin und einem Gott. Es gibt aber auch Hexen, die keine Wicca sind“, erklärte Bernie dünn lächelnd.
„Zauberei“, spuckte Izzy verächtlich. „Ich bin keine Hexe. Ich habe keine Kräfte. Aber auf dem Schild draußen steht, dass hier auch Angehörige von Paranormalen herkommen können!“
„Natürlich“, nickte Bernie. „Willst du uns also von deinem Bruder erzählen?“
„Gott, dieser Wichtigtuer! Jeden Abend verschwindet er, um seine Drachen zu treffen und auf ihnen zu fliegen. Ich hasse diesen Blödmann!“
„Ist da wohl jemand neidisch?“, feixte Myriam zufrieden, doch Bernie unterbrach ihre Hänseleien: „Es kann sehr belastend sein, jemanden mit Kräften in der Familie zu haben. Denkt nur, euer Bruder wäre Harry Potter. Man hat doch gesehen, was es mit Petunia gemacht hat, dass ihre Schwester eine begabte Hexe war.“
„Vergleichst du mein Leben gerade mit einem Kinderbuch?!“, hakte Izzy fassungslos und gleichzeitig verärgert nach. Freddie sah ihr an, dass sie im Begriff war, aufzuspringen und zu gehen.
„Entschuldige, Izzy. Eine Leidenschaft von mir, die ich nicht ablegen kann. Wenden wir uns deiner Geschichte wieder zu. Wie fühlst du dich damit, dass du nicht mit Drachen sprechen kannst? Was halten deine Eltern davon?“
„Ach, die! Die preisen ihr Wunderkind, ihren Lieblingssohn, ihren …“, begann Izzy, doch Freddie hörte nicht mehr zu. Er musterte die kleine Gesellschaft im Raum und fragte sich, was er eigentlich hier verloren hatte. Neben Bernie schien er am meisten über die düstere Welt zu wissen, in der er wandeln musste und von der ein Großteil der Bevölkerung dieses Planeten nicht einmal etwas wusste. Und solange ihm in dieser Runde niemand sagen konnte, wie er sein vampirisches Leben endlich beenden konnte, war das hier Zeitverschwendung.
Deshalb stand er nun einfach auf und steuerte die Tür an.
„Freddie! Willst du uns etwa schon verlassen?“, unterbrach Bernie sofort das Gespräch mit Izzy, die genervt aussah.
„Für mich gibt es hier nichts zu tun oder zu sagen. Ich brauche keine Hilfe und auch keine Selbsthilfe. Gute Nacht“, antwortete er, aber im Flur holte Bernie ihn ein und hielt ihn behutsam am Arm fest. Mit einem bedauernden Blick sah er zu ihm auf und meinte: „Ich glaube, ich habe herausgehört, dass du sehr unglücklich mit deiner Existenz bist. Wir können dir auf jeden Fall helfen. Und sei es nur dadurch, dass du Freunde und Gleichgesinnte um dich hast. Falls du uns doch noch einmal brauchst, wir sind jeden Donnerstag hier. Wir würden uns freuen, wenn du noch einmal kommen würdest.“
„Tut mir leid, kein Bedarf.“
Damit zog er den Arm aus Bernies weichem Griff und ging den Flur entlang zurück zur offenen Eingangstür, um einen Moment später wieder in den Abend hinauszutreten.
Der Herbstwind scheuchte Blätter und allerlei Müll über den Asphalt, als Freddie seine allnächtliche Wanderung begann. Getrieben von Unruhe und der Tatsache, dass er kein Zuhause besaß, durchstreifte er Nacht für Nacht die Straßen von New York. Er war seit drei Jahren in der Stadt und er mochte sie. Hier fiel er nicht auf, war nur einer von vielen Fremden.
Einen Schlafplatz fand er auch jede Nacht. In irgendeiner lichtgeschützten Gasse lag er unter Kartons. Oder im Müllcontainer oder unter einer dicken Plane versteckt. Er legte keinen Wert auf Luxus. Den hatte er weder nötig noch verdient. Ein Vampir spürte nicht, ob er bequem lag oder nicht. Der Schlaf, in den er bei Tagesanbruch fiel, glich eher einem Koma. Hätte jemand ihn gefunden und in ein Leichenschauhaus oder ein Krematorium gebracht, er hätte es nicht einmal bemerkt.
Nicht, dass er nicht schon ein oder zwei Mal in den letzten zwanzig Jahren in einer Kühlzelle im Leichenschauhaus aufgewacht war. Das erste Mal war er noch erschrocken, beim zweiten Mal hatte er nur geseufzt.
Seitdem achtete er wieder besser darauf, wo er sich zum Ende der Nacht niederlegte.
Er hatte die nächste Kreuzung noch nicht erreicht, da hörte er seinen Namen hinter sich. Erstaunt drehte er sich um und sah Myriam auf sich zueilen.
Sie hatte einen roten Mantel fest um sich gezogen und stöckelte hastig an seine Seite, wobei sie breit grinste.
„Ich hatte gehofft, dass ich dich noch erwische! Ich wollte dich nicht einfach so gehen lassen.“
Der Wind wehte ihm ihren verführerischen Duft direkt in die Nase und Freddie konnte vor Hunger kaum an sich halten. Er vernebelte ihm komplett das Hirn und Myriam schien ihm das anzusehen. Denn im nächsten Moment griff sie nach seiner Hand und gurrte: „Wollen wir nicht zu mir gehen? Es ist schon dunkel und hier draußen ist es wirklich zu kalt für eine Dame wie mich.“
Freddie wusste genau, was geschehen würde, wenn er jetzt mit ihr ging, aber dieser Geruch! Er wollte widerstehen. Er wollte es wirklich!
„Nein, tut mir leid, ich …“
„Wenn du schon etwas vorhast, begleite ich dich einfach! Und wir gehen danach zu mir.“ Die Sirene funkelte ihn mit ihren schönen, dunklen Augen an. „Mich wirst du heute Abend sowieso nicht mehr los, Monsieur Vampir.“
Das wollte er auch gar nicht. Er konnte nicht! Er wollte … er wollte sie beißen.
Freddie schüttelte den Kopf, um wieder klar zu werden, aber der Hunger hatte die Kontrolle übernommen. Diesmal in wachem Zustand, gegen seinen Willen. Weil diese Frau so unendlich gut roch!
„In Ordnung“, sagte er rau und wiederum blitzte Myriams Lächeln auf. Doch das konnte er kaum sehen, denn seine Gedanken wanderten bereits zu dem Moment, in dem er seine Zähne in ihre Hauptschlagader schlagen würde. Sie würde süß schmecken, genauso süß, wie ihr Duft ihm jetzt weismachte. Seine Sinne wurden von ihr vernebelt und für einen kurzen Moment blitzte die Erinnerung daran auf, was sie in der Gruppe gesagt hatte: Sie lockte Männer an, um sie zu fressen. Doch dieser Moment war schnell vorbei und er ließ sich von der Sirene in ein Taxi verfrachten.
Myriams Wohnung lag im Dachgeschoss und hatte große Fenster in die Schrägen eingelassen, die das ganze Studio in Mondlicht tauchten. Sie selbst knipste nur ein kleines Licht an, um die Atmosphäre nicht zu zerstören, wie sie sagte. Die schnell vorbeiziehenden Wolken verdunkelten das Studio immer wieder zum Teil. Entgegen der landläufigen Meinung konnten Vampire im Dunkeln nicht sehen wie Katzen. Freddie sah vermutlich besser als ein Mensch, aber nicht wie ein Nachtsichtgerät. Deshalb war es auch für ihn dunkel, wenn es für einen Menschen dunkel war.
„Wein muss ich dir ja nicht anbieten, um dich locker zu machen, oder?“, hakte Myriam mit einem selbstgefälligen Grinsen nach, als sie ihren Mantel loswurde und achtlos auf die Lehne der roten Couch warf.
Freddie schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was er noch tun konnte, um sich aus dieser Situation zu befreien, denn er wollte weder mit dieser Frau intim werden noch wollte er sie töten.
Abgesehen davon, dass eine gemeinsame Nacht sowieso nicht möglich war. Er hatte es in den letzten fast hundertachtzig Jahren einige Male versucht, aber sein Körper war nun mal tot. Da konnte kein Blut in die erregbaren Gegenden fließen, er konnte nicht in Schweiß ausbrechen, er verspürte nicht einmal Lust. Und das war nicht das Schlechteste an dieser Existenz, musste er sich eingestehen.
Doch Myriam sah das anders, denn sie trat zu ihm und legte ihre Arme um seinen Hals, um ihn begehrlich anzuglänzen.
„Nun, Monsieur Vampir, da sind wir endlich. In meiner kleinen Lusthöhle. Und ich verspreche dir, du wirst dich vor süßer Pein in meinen Armen winden!“
Ihr Geruch war überwältigend! Süß und verheißungsvoll und pulsierend vor dickem Blut …
Ohne sein eigenes willentliches Zutun legte Freddie die Arme um ihren schlanken Körper, als sie auch schon die Lippen auf seine presste. Er versteifte sich kurz, doch dann fühlte er ihren Herzschlag und stellte sich vor, wie ihr kräftiges Herz das Blut durch ihre Adern pumpte, ihre Lippen rot färbte und ihre Wangen erröten ließ.Allein dieser Gedanke ließ es um ihn geschehen. Aber er wollte das nicht! Er wollte nicht! Stöhnend zog er die Lippen von ihren, doch Myriam lächelte listig.
„Mein Lieber, habe ich dich noch nicht genug gelockt?“
Sie presste ihren Mund wieder auf seinen, heiß und verführerisch. Doch als sie diesmal seine Lippen mit der Zunge öffnete, ritzte sie sich an einem seiner Fangzähne. Ein einziger Tropfen Blut drang aus dem Schnitt in ihrer Zunge in Freddies Mund. Sofort setzte sein Verstand aus und die Maschinerie des Hungers übernahm die Kontrolle.
Er zog sich erneut zurück, nachdem er den Tropfen gierig aufgesogen hatte, und versenkte den Kopf an ihrem Hals. Mit der Zunge tastete er nach ihrer Halsschlagader, die von ihrem süßen Blut nur so pulsierte. Nur am Rande seines Hungerwahnsinns nahm er Myriams Lachen wahr. Doch sein Verstand ließ es nicht ein, er gab ihm selbst keinen Raum, darüber nachzudenken. Denn jetzt war nur das Blut wichtig. Das Blut, das seinen quälenden Hunger endlich stillen würde.
Er biss zu und sofort sprudelte der Nektar des Lebens auf seine Zunge. Er verschloss die kleinen Wunden fest mit seinen Lippen, damit ihm kein Tropfen entging. Der erste Schluck war pure Lust. Er fühlte sich an wie eine Segnung, denn er war so unendlich süß und verheißungsvoll. Genau so, wie sie gerochen hatte!
Nach dem zweiten und dritten Mundvoll, der seine Kehle hinunterrann, kehrte langsam ein wenig Vernunft zu ihm zurück. Myriam lachte noch immer, als würde er sie kitzeln. Dabei tötete er sie langsam. Erst jetzt spürte er, dass sie ihre Finger tief in seine Schultern gegraben hatte. Wenn er sie in einer tödlichen Umarmung hielt, dann hielt sie ihn definitiv in einem Schraubstock. Doch warum? Qualen oder Schmerzen schien sie keine zu leiden.
Er schluckte wieder, doch da hörte er Myriam vertraulich raunen: „Ich denke, das reicht nun, um dein Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Dann schmeckt es auch viel besser.“
Was meinte sie damit? Was schmeckte besser? Sein Herz?!
Doch er musste keinen weiteren Gedanken daran verschwenden, denn jetzt biss Myriam in seinen Nacken und riss ein großes Stück Muskel heraus.
Freddie brüllte vor Schmerz und versuchte, sie von sich zu schieben, während ihr süßes Blut ihr über den Hals in den Ausschnitt rann anstatt in seinen Mund. Aber Myriam hielt ihn weiter fest in ihrem Krallengriff und kaute genüsslich sein herausgerissenes Fleisch.
„Vampire schmecken so viel besser, wenn sie satt sind! Das Zeitfenster ist kurz, in dem sie danach genießbar sind.“ Sie grinste dämonisch und zerrte ihn wieder näher zu sich, um diesmal den nächsten Biss direkt über seiner Schulter anzusetzen.
Die Pein war überwältigend. Freddie war zwar schon einige Male gestorben, beziehungsweise fast gestorben, doch gefressen worden war er noch nie.
Konnte er so vielleicht sterben? Konnte das der Ausweg sein, den er immer gesucht hatte?
Wieder riss die Sirene ihm das Fleisch von den Knochen und er brüllte seinen Schmerz heraus. Die tiefen Wunden brannten wie Feuer! Schlimmer, wie Säure!
Nein, das konnte er nicht aushalten! Wenn er starb, dann nicht auf diese Weise!
Doch er entkam ihrem Schraubzwingengriff nicht, egal wie sehr er daran zerrte. Er blickte für einen gedankenverlorenen Moment in das blutverschmierte Gesicht der Sirene, auf das zufriedene Grinsen, das gierige Glimmen in ihren Augen. Und er wusste, dass er nur eine Chance hatte: Er musste sie schneller töten, als sie ihn töten konnte.
Als sie ihm für den nächsten Bissen näherkam, wehrte er sich nicht mehr. Ihr Hals lag direkt vor ihm, als sie erneut in seine Schulter biss und er drückte einfach zwei weitere Löcher in ihre Halsschlagader, sodass die doppelte Menge Blut aus ihr herausfloss und in seinem Mund landete.
„Hör auf damit!“, kreischte sie wütend, denn sie schien seinen Plan zu erraten.
Diesmal versuchte sie ihn wegzudrücken, aber Freddie schloss seine Arme fest um ihren wohlgeformten Körper und begann gierig zu saugen. Das Blut kam ihm in Schwallen entgegen und er schluckte gierig. Er wusste, dass er einen Menschen in wenigen Minuten austrinken konnte, er tat es immer schnell, damit sein Opfer nicht lange leiden musste. Und er auch sein Leid verkürzen konnte, auch wenn es kein Vergleich zu dem seiner Opfer war.
Wütend grub Myriam ihre langen Fingernägel in seinen Hals, wie um ihm die Kehle herauszureißen. Doch das verhinderte Freddie, indem er das Kinn senkte. Er ließ sich nicht abbringen, sondern drückte sich noch enger an sie, sodass sie nicht ihre ganze Kraft einsetzen konnte. Die Sirene stieß einen Schrei aus, der direkt aus Homers Feder hätte kommen können. Er klang schrill wie der Schrei eines Falken.
Dann schlug sie ihre Finger in seinen Rücken.
Sie schnitten tief in seine Muskeln und er hatte das Gefühl, sie versuchte, ihn von hinten zu durchbohren. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Aber er durfte nicht aufhören zu trinken! Wenn er gestattete, dass sie den Rest ihres Blutes behielt, war das sein Untergang.
So fest er konnte, presste er seinen Mund auf ihren Hals und trank in großen Zügen. Ihr Blut hatte mittlerweile seine betörende Süße verloren. Es wurde sauer auf seiner Zunge, aber er konnte trotzdem nicht aufhören. Er musste sie töten!
Myriam zog ihre in seinen Rücken vergrabenen Finger nun in zwei verschiedene Richtungen auseinander und Freddie meinte, sein Rückgrat knacken zu hören. Sie wollte ihn ausweiden! Sie schaffte sich gerade einen Durchgang zu seinen Organen!
Doch er stoppte immer noch nicht. Es konnte nicht mehr viel sein, was sie am Leben erhielt. Er musste dran bleiben, auch wenn er am liebsten geschrien hätte.
„Hör auf! Stopp! Lass mich gehen!“, kreischte sie auf einmal und Freddie bemerkte, wie die Kraft, die seinen Rücken auseinanderzog, langsam nachließ.
Sie wurde endlich schwächer!
Das Blut, das aus ihrer Ader kam, sprudelte auch schon längst nicht mehr. Das essigsaure Zeug, das er sich einverleibte, er musste schon saugen, um seinen Mund ausreichend zu füllen.
„Hör auf, tu mir das nicht an! Freddie, bitte, bitte, lass mich am Leben!“, verlegte Myriam sich auf einmal aufs Betteln. Sie musste merken, dass es zu Ende ging. Ihre Stimme wurde wieder so verführerisch, so schmeichelnd, so liebevoll, dass sie ihn beinahe von der Notwendigkeit überzeugt hätte, ihr das Leben zu lassen.
Aber Freddie spürte zu deutlich die blutenden Löcher in seinem Leib, die noch immer brannten, und wusste im selben Moment, dass sie ihr Werk vollenden würde, wenn er es nicht tat. Und er wollte nicht aufgefressen werden. Das hatte nicht einmal seine armselige Existenz verdient.
Myriams Finger glitten auf einmal kraftlos aus seinem Rücken und ihre Arme baumelten hilflos über seine Schultern.
„Freddie … tu es nicht … hab Erbarmen …“, flüsterte sie, als auch ihre Beine unter ihr nachgaben und sie gemeinsam zu Boden fielen.
Freddies Mund rutschte von ihrem Hals und er warf einen kurzen Blick auf ihren blutverschmierten Mund mit den spitzen Zähnen, die ihm zuvor nicht aufgefallen waren.
„Du hättest auch kein Erbarmen mit mir gezeigt“, antwortete er schlicht, dann kniete er sich unter höllischen Schmerzen wieder über ihren Hals und trank die letzten, widerlichen Schlucke des sauren Blutes der sterbenden Sirene.
„Freddie …“, hauchte sie noch, dann hörte ihr Herz auf zu schlagen.
Stöhnend richtete Freddie sich auf und fiel vor Schmerz nach hinten. Er konnte sich kaum noch bewegen. Ihr Blut pulsierte durch seinen toten Körper und er blutete wie verrückt aus all den Wunden, die sie ihm geschlagen hatte. Ihm war schwummrig von der Macht des Blutes, das plötzlich wieder durch ihn floss.
Erschöpft und müde wälzte er sich auf die Seite, um die tote Sirene zu betrachten.
Natürlich hatten sich schon einige seiner Opfer gewehrt, aber so etwas hatte er noch nie zuvor erlebt. Er hatte noch nie einen Kampf auf Leben und Tod mit einem anderen offenbar übersinnlichen Wesen geführt!
Er hätte nie gedacht, dass …
Auf einmal verwandelte sich Myriams Körper. Er wurde erst grau, dann brüchig und einen Atemzug später zerfiel sie zu Staub.
Mit einem erschrockenen Schrei kroch Freddie von ihr weg, um nicht von der Staubwolke eingehüllt zu werden. Ungläubig starrte er auf den Platz, an dem jetzt ein lang gezogenes Häuflein Asche lag.
Hätte er es nicht selbst gesehen, hätte er es niemals geglaubt!
Er hatte ein übernatürliches Wesen getötet.
Es hatte gedauert, bis Freddie sich von dem Schrecken erholt hatte und dazu in der Lage war, aufzustehen und im Badezimmer des Studios nach einem Verbandskasten zu suchen. Er hatte alle seine stark blutenden Wunden verbunden. Sicherlich würde sein Körper bis zum nächsten Abend brauchen, bis er geheilt war. Das Blut der Sirene würde dabei helfen.
Nachdem er schließlich die Fenster geöffnet hatte und kühle Nachtluft hereinließ, sah er sich genauer in der Wohnung um.
Das Studio war groß. In dem vorderen Teil, in dem er sich befand, war das Wohnzimmer eingerichtet. Auf der anderen Seite, nur durch ein großes Raumteiler-Regal getrennt, das Schlafzimmer. Die Küche und das Bad zweigten nebeneinander vom Wohnzimmer ab.
Irgendetwas kam ihm unlogisch vor, aber er kam nicht darauf. Im Grunde konnte es ihm auch egal sein. Er würde jetzt seinen Rucksack nehmen und sich aus dem Staub …
Ein ungewohntes Geräusch riss Freddie aus seinen Gedanken und er sah sich erstaunt um. Ein kleines, rundes, schwarzes Ding schob sich mit leisen Sauggeräuschen über den Teppich auf das Staubgebirge zu, das einmal Myriam gewesen war. Schon hatte es dieses erreicht und begann damit, ihn einzusaugen.
„O Gott, nein!“, entfuhr es Freddie, der nicht einmal der gefräßigen Sirene das Ende in einem Staubsauger gönnte.
Hastig lief er hin und hob den Staubsauger mit spitzen Fingern vom Boden, um dabei möglichst wenig Staub abzukriegen.
Das kleine Gerät beschwerte sich piepsend, dass es so unwirsch von seiner Aufgabe abgezogen wurde, woraufhin Freddie sich suchend umsah. Er hatte in den Prospekten, unter denen er oft schlief, gesehen, dass diese kleinen Staubsauger irgendwo eine Station hatten, in der sie Ruhe gaben. Mit dem am Boden staubigen Staubsaugerroboter lief er suchend durch das Studio. Erst im Schlafzimmer entdeckte er die Station und stellte das Gerät vorsichtig hinein. Eine Lampe sprang auf Rot, als der Roboter geladen wurde. Zumindest hielt er jetzt die Borsten still.
Nachdem Freddie nun sowieso im Schlafzimmer stand, sah er sich um.
An der Wand neben dem Bett hing ein dicker, offensichtlich sehr teurer Orientteppich, wo eigentlich Platz für ein ganzes Zimmer gewesen wäre. Wäre dort nicht eine Wand gewesen. Als Myriam ihn hier heraufgeführt hatte, hatte er gesehen, dass ihre Wohnung die einzige im Obergeschoss war. Warum also war dort kein weiteres Zimmer?
Er wollte den Gedanken gerade abhaken und zu seinem ursprünglichen Plan zurückkehren, seine Habseligkeiten zu nehmen und abzuhauen. Da zog ihm ein Geruch in die Nase. Ein Geruch nach … Mensch?
Er sog die Luft noch einmal konzentrierter ein, da musste er feststellen, dass der Mensch, den er da roch, schon eine Weile lang nicht mehr am Leben war. Eine Leiche? Hier?
Suchend blickte er sich in dem ordentlichen Schlafzimmer mit dem großen Bett und dem noch größeren Holzschrank noch einmal um. Doch der Geruch kam definitiv von der Wand mit dem Orientteppich. Hatte sie dahinter womöglich jemanden eingemauert? War seine vampirische Nase wirklich so gut, dass er das durch den Beton hindurch riechen konnte?
Kurzerhand trat er zum Teppich und hob ihn am unteren Ende an. Dahinter kam keine in Beton gemauerte Fratze zum Vorschein, sondern eine Tür. Das erklärte zumindest die Größe des Teppichs. Neugierig geworden klinkte Freddie und durfte feststellen, dass die Tür nicht verschlossen war. Vorsichtig tastete er daneben an der Wand nach einem Lichtschalter, denn die Kammer schien kein Fenster zu besitzen. Nicht mehr, stellte er fest, als ein Kandelaber an der Decke aufflammte und als Erstes das zugemauerte Fenster beleuchtete. Doch dann ließ Freddie seinen Blick schweifen und konnte sich einen erstaunten Laut nicht verkneifen.
Das komplette Zimmer war bis zur Decke vollgestopft mit Regalen. In denen direkt gegenüber der Tür standen unendlich viele Bücher. Doch keine gedruckten, es schien sich um Notizbücher zu handeln. Einige hatten Jahresdaten auf den Rücken geprägt, andere wiederum waren schon sehr vergilbt und ihre Ledereinbände spröde. Nur die letzten vier oder fünf in der Reihe ganz rechts unten schienen neueren Datums zu sein und hatten die schönen Muster von modischen Notizheftchen.
In den Regalen an der linken Wand standen diverse kleine Vitrinen mit Beschriftung. Vorsichtig trat er näher und las die erste: Julius Caesar, März 44 v. Chr.
Ungläubig runzelte Freddie die Stirn, als er den geprägten Ring in der kleinen Vitrine betrachtete. Er hob den Blick zur nächsten Vitrine darüber, die beschriftet war mit: Johann Seb. Bach, Juli 1750
Darin lag eine Perücke mit weißen Locken, wie man sie im Barock gerne getragen hatte.
Interessiert sah er sich weiter um, entdeckte ein Stück fast verrottetes, menschliches Ohr in einer Vitrine, die mit Vincent van Gogh beschriftet war, einen Kohlegriffel von Aristoteles und noch so einige Unglaublichkeiten. Konnte das wahr sein? Konnte Myriam so alt gewesen sein, dass sie all diese Dinge wirklich selbst gesammelt, all diese Menschen wirklich selbst getroffen hatte?Das älteste Stück schien aus der frühen Pharaonenzeit zu stammen und war mit 3000 vor Christus datiert.
Unmöglich!
Oder konnte Myriam wirklich so alt gewesen sein?! Wenn doch, wie hatte er sie dann so leicht töten können?
Er wandte sich der Wand zu, in die die Tür eingelassen war. Dort stand eine riesige Kühltruhe. Ihr entströmte der Geruch nach menschlichem Fleisch. Für einen Moment rang Freddie mit sich, ob er wirklich hineinsehen wollte, doch dann sprang er über seinen Schatten und öffnete den Deckel. Ein kurzer Blick auf die in Folie verschweißten Fleischstücke genügte ihm, die Truhe gleich wieder zu schließen und zwei Schritte zurückzuspringen. Er rang innerlich um Fassung, da ihm der Reflex, sich aus Ekel zu übergeben, mit Eintritt in sein neues Leben abhandengekommen war. Stattdessen drehte er sich um und trat zu der Bücherwand.
Er nahm eines der ältesten Bücher links oben zur Hand und blätterte es vorsichtig auf. Jede einzelne Seite war vollgeschrieben mit kleinen sauberen Zeichen, die mit Tinte verfasst worden schienen. Allerdings kannte er die Schriftzeichen nicht. Sie erinnerten ihn an ägyptische Hieroglyphen. Enttäuscht stellte er es zurück und nahm sich eines aus der Mitte der Wand. Kyrillische Schrift.
Seufzend stellte er auch dieses zurück und schritt weiter in der Zeit voran, bis er eines herauszog, mit dem er Glück hatte. Es war in Englisch verfasst. Neugierig geworden las er die ersten zwei Seiten quer. Myriam schien sich zu der Zeit in London befunden zu haben. Er staunte, als er den Namen Henry VIII. sah, und durchsuchte das Notizbuch dann nach einer Datumsangabe. 02. April 1532 stand beim nächsten Eintrag. 1532. Unfassbar!
Hilflos und überwältigt von all den besonderen Gerüchen und Entdeckungen in diesem verborgenen Zimmer drehte Freddie sich um sich selbst. Hatte er eben wirklich eine fünftausend Jahre alte Sirene getötet? Konnte das wahr sein?!
In seinem Kopf drehte sich alles und er presste sich für einen Moment die Handballen auf die Augen. In der Dunkelheit dahinter fiel es ihm leichter, sich zu beruhigen. Er atmete tief durch und spürte wieder die schmerzenden Wunden in seinem Körper. Er konnte zwar nicht an einer Infektion sterben, aber er wusste, wie es war, sich schwer verwundet durch eine kalte Stadt zu schleppen. Darauf konnte er wohl verzichten. Gerade wollte er eine Entscheidung für diese Nacht treffen, da hörte er wieder das Staubsaugergeräusch.
Stöhnend ließ er das Kinn auf die Brust sinken.
Der Waschtrockner war fertig, als Freddie am nächsten Abend erwachte. Wie er gemutmaßt hatte, waren seine Wunden über Tag verheilt und er konnte wieder unauffällig zurück auf die Straße. Also duschte er, holte seine Kleidung aus dem Waschtrockner und zog sich an. Er sah immer noch aus wie ein Penner. Auch seine Wechselsachen waren nun nicht mehr tragbar, immerhin hatten sie viele Löcher, die Myriam hineingebissen hatte. Er musste sich wohl oder übel neue Sachen besorgen. Stirnrunzelnd schlüpfte er in seine kaputten Schuhe. Es wurde wirklich Zeit.
Er verließ das Badezimmer und blickte noch einmal zu dem Teppich im Wohnzimmer, auf dem Myriams Asche gelegen hatte. Bis der kleine, fleißige Staubsaugerroboter sie über Tag unermüdlich bis auf das letzte Staubkorn weggesaugt hatte. Freddie schauderte kurz. Diese Ruhestätte hatte er Myriam nicht gewünscht.
Seufzend bückte er sich zu seinem Rucksack, doch unwillkürlich blieb sein Blick an dem Orientteppich hängen, hinter dem all diese Geheimnisse verborgen waren. Tagebücher aus Jahrtausenden. Es juckte ihn, sie zu ergründen. Er wollte einfach alles wissen, er wollte die Erfahrungen der Sirene teilen. In der vergangenen Nacht hatte er begonnen, die Tagebücher nach dem Anfang der englischen Bücher zu durchforsten. Irgendwann gegen 1400 hatte sie vom Kyrillischen in ein sehr altes Englisch gewechselt. Es war faszinierend gewesen, was er hatte entziffern können.
Und es reute ihn, diese Schätze nun unentdeckt in dieser Wohnung zurückzulassen. Er sah wieder zu dem sauberen Wohnzimmer. Und zurück zum Orientteppich.
Ob er …? Einen Moment überlegte er noch. Er störte doch hier niemanden. Das Studio war verwaist. Und bis er all die Tagebücher gelesen hatte, könnte er doch …
Freddie seufzte. Er hatte seit Jahrzehnten keinen festen Wohnsitz mehr gehabt und irgendwie schreckte ihn der Gedanke. Jeden Morgen zum selben Haus zurückzukehren, jeden Tag im selben Bett zu schlafen.
Aber diese Bücher waren von unschätzbarem Wert! Er konnte sie nicht so einfach zurücklassen!
Entschlossen ließ er seinen Rucksack wieder zu Boden gleiten. Er würde wenigstens bleiben, bis er die Bücher gelesen hatte! Das würde ihn vielleicht ein paar Wochen kosten und er musste nur aufpassen, den anderen Nachbarn im Haus nicht aufzufallen. Aber nicht auffallen konnte er zumindest gut. Wenigstens hatte dieses Haus keinen dieser neugierigen Portiers, die überwachten, wer ein und aus ging.
Trotzdem brauchte er neue Kleidung. Und darum würde er sich heute Abend als Erstes kümmern.
Er nahm sich einen Schlüssel von dem kleinen Schlüsselbrett neben dem Eingang und prüfte, ob dieser die Wohnungstür auch aufschloss, ehe er das Studio und kurz darauf das Haus verließ.
Myriams Wohnung lag in einer völlig anderen Gegend als der Teilbereich der Universität, in dem die Selbsthilfegruppe stattfand. Sie waren am vergangenen Abend mit einem Taxi hergefahren. Dafür hatte Freddie nun keinen weiten Fußweg zu einem Bekleidungsgeschäft. Da Oktober war, ging die Sonne inzwischen wieder zeitig genug unter, dass der Laden für Herrenmode noch geöffnet hatte. Freddie betrat ihn und sah sich um. Überall standen ordentlich aufgeräumte Regale mit exquisiten Kleidungsstücken. Vermutlich hochpreisig, so modern, wie der Innenraum gestaltet war. Er war der einzige Kunde. Das war nie gut, wenn man etwas stehlen wollte.
Doch seine Klamotten sahen so schlimm aus, dass er keine Wahl hatte.
Möglichst unauffällig ging er durch die Reihen der Regale. Eben keimte die Hoffnung in ihm auf, dass die junge Kassiererin ihn vielleicht einfach ignorierte und stur auf ihren Feierabend wartete, da tauchte eben diese auf einmal vor ihm auf. Sie strahlte ihn an.
„Herzlich willkommen! Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie in einer so unnatürlich hohen Stimmlage, dass es Freddie überrumpelte.
„Eh …“, machte er, aber die junge Frau kam ihm noch einen Schritt näher, um an seinem zerschlissenen Pullover zu zupfen.
„Sie brauchen einen neuen Pullover! Und eine neue Hose! Und oje, Ihre Schuhe! Wir kleiden Sie ganz neu ein! Kommen Sie!“
Im nächsten Moment hatte sie sich strahlend bei ihm eingehängt und zog ihn mit sich zu den Umkleidekabinen.
„Aber … ich … ich habe kein Geld für …“, begann er zu stammeln, da die junge Frau einen größeren und damit sehr viel kostspieligeren Plan für seine Garderobe zu haben schien. Wie sollte er auch mehr als zwei Kleidungsstücke ungesehen hier herausschmuggeln? Doch sie winkte einfach ab: „Geht aufs Haus!“
Vom Donner gerührt blieb er stehen und starrte sie an.
„Wie bitte?!“
Ihr Grinsen wurde noch breiter, als sie sich an ihn lehnte und ihn anhimmelte.
„Gegen einen Kuss können Sie alles von mir haben! Alles!“
„Einen … Kuss?“
„M-hm!“ Das junge Ding rieb seinen Kopf vertraulich an seinem Oberarm und Freddie war sich sicher, dass er träumte. Hätte er träumen können zumindest, aber damit war es seit seiner Verwandlung auch vorbei.
„In … in Ordnung“, sagte er schließlich argwöhnisch und ihr entfuhr ein Kieksen. Sofort rannte sie los und zerrte ihn dabei mit sich, bis sie ihn in eine Umkleidekabine verfrachtet hatte.
„Ziehen Sie sich aus, ich bringe Ihnen alles, was Sie brauchen!“, befahl sie beflissen und ihre schnellen Schritte entfernten sich wieder, ehe Freddie so recht wusste, wie ihm geschah.
Er hatte keine Ahnung, was hier vor sich ging, doch wenn er nun eine neue Garderobe bekam und das ganz legal gegen einen Kuss …
Das war völlig hirnrissig. Nein, das konnte auf keinen Fall wirklich passieren!
„Sie sind ja immer noch nicht ausgezogen. Hier, probieren Sie diese Sachen an!“
Die junge Verkäuferin war zurückgekehrt und drückte ihm einen Stapel weicher, gut geschnittener Pullover in die Arme. Dann verschwand sie wieder und Freddie beschloss, einfach mitzuspielen und zu sehen, wohin es ihn brachte.
Es brachte ihn zu einem ansehnlichen Berg an Kleidung, die ihm ausgezeichnet stand, wie die junge Frau immer wieder betonte. Sie gab ihm sogar Schuhe, Lackschuhe, Turnschuhe, Sneakers … Freddie war überwältigt von der Vielfalt der Farben und Schnitte.
Letztendlich dirigierte die junge Frau ihn zur Kasse, wo sie alles in eine riesige Tüte stopfte und sich dann mit einem verliebten Lächeln zu ihm vorbeugte.
„Meine Bezahlung dürfen Sie nicht vergessen.“
Erwartete sie denn nun wirklich, dass er sie küsste? Argwöhnisch sah Freddie sich im Laden um, sie waren immer noch allein. Zu seinem Glück vermutlich. Er musterte nun die junge Verkäuferin wieder kritisch, doch ihre gespitzten Lippen waren deutlich.
Zurückhaltend lehnte er sich vor und berührte vorsichtig ihre Lippen mit seinen. Ein Schaudern fuhr durch das junge Ding und Freddie wollte sich sofort zurückziehen, doch sie grub auch schon ihre Finger in seine Locken und öffnete mit der Zunge gierig seinen Mund. Er ertrug es kaum eine Sekunde, dann befreite er sich von ihr und schnappte sich die Tüte mit seinem Einkauf.
„Ich muss gehen!“
„Schade! Aber es war wunderbar. Kommen Sie morgen wieder? Ich bin wieder hier und warte auf Sie!“, rief die junge Frau ihm hinterher, als er hinausstürmte.
Die Nacht umfing ihn mit schneidendem Wind, den er durch seine neuen Sachen, von denen er eine Kombination bereits anbehalten hatte, kaum spürte. Auch die Schuhe waren dicht. Das war ein überraschend wohliges Gefühl, auch wenn er noch immer verwirrt von dem war, was eben in diesem Geschäft vonstattengegangen war.
Was hatte diese Frau geritten, ihn so anzuhimmeln? Er war sonst doch niemand, der auffiel oder gar angeflirtet wurde.
„Hallo, schöner Mann!“
Eine Dame mittleren Alters war direkt vor ihm stehen geblieben und musterte ihn wollüstig. Irritiert blickte Freddie sie an. Wenn er nicht 212 Jahre alt gewesen wäre, wäre sie älter als er gewesen. Um einiges älter!
„Wo bist du nur mein ganzes Leben gewesen?! Ich habe jahrelang nach dir gesucht und plötzlich stehst du mitten auf der Straße einfach vor mir! Komm, lass uns …“, begann sie glücklich, doch Freddie stolperte verwirrt einige Schritte zurück und stieß dabei aus Versehen ein Pärchen an, das gerade vorbeiging.
„Verzeihung!“, murmelte er kaum hörbar, während die andere Frau ihm folgte.
„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte die zum Pärchen gehörende Frau sofort und ließ ihren Mann los, um beide Hände um Freddies Arm zu klammern. Auch sie bekam einen völlig vernebelten Blick, während ihr Gatte fragte: „Diane, was ist denn jetzt los? Lass den armen Kerl in Frieden!“
Arm fühlte Freddie sich wirklich.
„Lassen Sie meinen Seelenverwandten los!“, keifte die ältere Frau nun die jüngere an, deren Mann schon versuchte, sie von Freddies Arm zu zerren.
Fassungslos starrte Freddie von einer zur anderen und verstand nicht einmal ein bisschen, was hier gerade vorging. Waren denn alle Frauen auf einmal völlig durchgedreht?!
„Aus dem Weg, Ladys!“, befahl da auf einmal eine dominante Stimme, sodass alle aufsahen. Ein Polizist schlug sich zu ihnen durch. Er trug einen Helm und eine Lederkluft, offensichtlich war er ein Motorradpolizist, der von seinem Bike abgestiegen und zu ihnen geeilt war.
„Entfernen Sie sich von diesem Herrn!“, befahl er mit einem Selbstvertrauen, das Freddie im ersten Moment erleichterte. Im zweiten dachte er daran, dass er am vergangenen Abend eine Frau getötet hatte und eben mit einem Sack voller Kleidung, ohne zu bezahlen, aus einem Geschäft gestürmt war. Das hier konnte nicht zu seinem Vorteil ausgehen.„Sir, Sie sind verhaftet!“, bestimmte der Polizist da auch schon und packte Freddies Arm, wobei er ihm zuzwinkerte. „Kommen Sie mit!“
War das sein Ernst? Oder wollte er ihn damit nur aus dieser Situation retten?
Entschlossen drängte der Polizist sich mit Freddie durch die Frauentraube, während er sich fest an Freddies Seite drückte.
„Also, Herzchen, wohin wollen wir fahren? Zu dir nach Hause?“, raunte der Mann dabei, sodass Freddie ungläubig die Augen aufriss. Wollte der ihn etwa auch nur …? Was zur Hölle war denn hier auf einmal los?!
„Daddy!“
Freddie stockte, als sich eine kleine Hand in seine schob. Ein Gefühl überkam ihn, das er seit hundertachtzig Jahren nicht mehr gespürt hatte. Eine kleine, vertrauensvolle Hand in seiner, der Drang, das Kind mit jeder Faser seiner Existenz zu beschützen …
Baff sah er das Kind an und erkannte Agatha.
Die Erleichterung rauschte durch seinen Körper wie ein Aufzug ohne Halteseile. Schnell befreite er sich von dem Polizisten und sagte: „Agatha! Da bist du ja!“
„Komm, Daddy, wir gehen nach Hause. Ich bin müde.“
In einer exzellent geschauspielerten Geste wischte sie sich über die Augen und blinzelte müde zu ihm auf.
„Ist das …?“ Der Polizist schien tief enttäuscht, ließ Freddie aber endgültig vom Haken. „Na, dann kommt gut heim.“
Er zog eine Grimasse und stieg allein auf seine Polizeimaschine. Freddie dagegen wandte sich Agatha zu, die ihn mit ihrem ernsten, blassen Gesicht musterte.
„Ich habe gesehen, dass du Hilfe brauchst. Komm mit.“
Sie ließ seine Hand nicht los und zog ihn hinter sich her durch die Menschen. Seltsamerweise hatte Freddie an diesem Abend noch nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet, jemanden zu beißen, obwohl ihm viele Menschen bereits so nah gekommen waren. Lag das an dem Blut der Sirene, das ihn noch so sättigte? Oder an der Panik und dem Unverständnis, den er diesen Situationen entgegenbrachte?
Er achtete nicht darauf, wohin Agatha ihn führte, doch zumindest wurden die Straßen um sie herum schnell leerer und bald waren sie die Einzigen weit und breit.
„Danke“, sagte Freddie, der endlich wieder durchatmen konnte.
Agatha blieb stehen und ließ seine Hand los, um ihn zu mustern. Es fühlte sich an, als könnte sie ihn mit ihrem Blick durchdringen, als wüsste sie genau, was seit ihrem letzten Treffen vorgefallen war.
„Du hast Myriam getötet“, stellte sie ohne Wertung in der Stimme fest, was er für so ein kleines Mädchen erstaunlich reif fand.
„Ihr Blut fließt durch deine Adern.“
Freddie nickte schuldbewusst.
„Das ist der Grund dafür. Ihr Blut.“
„Wofür? Dass sich alle so seltsam benehmen?“, hakte Freddie nach.
Agatha nickte und ihr dickes Haar fiel dabei über ihre Schultern. Diesmal trug sie kein rotes Kleidchen, sondern eine blaue Regenjacke und weiße Hosen in blau-weiß gepunkteten Gummistiefeln.