So finster die Weser - Pia Heller - E-Book

So finster die Weser E-Book

Pia Heller

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Beschreibung

Ein unerwartetes Erbe führt die ungleichen Schwestern Alana und Olive zurück in ihr Heimatdorf an der Weser – und mitten in eine dunkle Vergangenheit. Der plötzliche Tod ihrer Großmutter wirft Fragen auf, die niemand im Dorf zu beantworten scheint. Stattdessen begegnen ihnen Schweigen, Misstrauen und Gerüchte über alte Verbrechen, die nie aufgeklärt wurden. Während die Schwestern versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen, geraten sie immer tiefer in ein Netz aus Geheimnissen und Bedrohungen – bis sie erkennen, dass die Gefahr näher ist, als sie je geahnt hätten.

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Pia Heller & Lena Fischer

So finster die Weser

Impressum

Texte: © 2024 Copyright by Pia Heller

Umschlag:© 2024 Copyright by Pia Heller

Verantwortlich

für den Inhalt:Pia Heller & Lena Fischer

Erlenweg 6

34399 Wesertal

Lektorat & Korrektorat: Sophie Reinhaller

[email protected]

Pia Heller & Lena Fischer

So finster die Weser

Krimi

Warnhinweis

Dieses Buch enthält sensible Themen wie explizite Gewaltdarstellungen, sexuelle Gewalt, Belästigung, Vergewaltigung, Stalking, psychische Erkrankungen, Essstörungen, so wie Familienkonflikte, Alkohol- und Drogenkonsum.

Bitte seien Sie achtsam beim Lesen, wenn Sie diese Inhalte belasten könnten.

Vorwort

Die vorliegende Erzählung ist ein Werk der Fiktion. Alle Ereignisse, Handlungen und fast alle Charaktere sind frei erfunden, und jede Ähnlichkeit mit realen Personen oder tatsächlichen Geschehnissen ist rein zufällig. Obwohl wir uns an den örtlichen Gegebenheiten orientiert haben, wurden Teile des Ortes und seiner Geschichte nach unserer literarischen Freiheit umgestaltet, um den Verlauf der Erzählung zu bereichern und lebendig zu gestalten.

Die historische Recherche, die diesem Werk zugrunde liegt, wurde jedoch mit größter Sorgfalt durchgeführt. Wir haben uns bemüht, die Vergangenheit des Ortes in ihren wesentlichen Zügen authentisch darzustellen. Einige Figuren, die in dieser Geschichte erscheinen, existieren tatsächlich in der realen Welt. Um sicherzustellen, dass ihre Darstellung respektvoll und korrekt erfolgt, haben wir im Vorfeld um Erlaubnis gebeten, diese realen Personen in die Erzählung einflechten zu dürfen. Julian, du bist auch drin, jetzt musst du es lesen.

Wir danken allen, die uns auf dieser Reise unterstützt haben, und hoffen, dass dieses Werk den Charakter und die Atmosphäre des Ortes, in dem es spielt, auf eine Weise widerspiegelt, die sowohl fiktiv als auch zutiefst menschlich ist.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Einladung zum Dorffest in Gieselwerder

Entdecken, Genießen und Staunen

Am letzten Märzwochenende 2024 lädt Gieselwerder zu einem besonderen Dorffest ein. Zahlreiche private Haushalte öffnen ihre Türen und präsentieren die Geschichte ihrer Häuser und unseres Ortes in liebevoll gestalteten Ausstellungen – ein spannender Einblick in vergangene Zeiten.

Was erwartet Sie?

Geschichte hautnah: Entdecken Sie die Historie unserer Häuser und erfahren Sie mehr über das Leben früherer Generationen.

Kulinarische Genüsse: Genießen Sie eine Auswahl an Speisen und Getränken im stimmungsvollen Burghof vor dem Rathaus.

Besondere Atmosphäre: Erleben Sie ein festliches Ambiente und ein echtes Gefühl der Gemeinschaft.

Termin und Ort

Wann: Samstag, 30. März, und Sonntag, 31. März 2024, jeweils ab 10 Uhr

Wo: Gieselwerder, Treffpunkt und Verpflegung im Burghof vor dem Rathaus

Dieses Fest ist eine wunderbare Gelegenheit, die Geschichte unseres Dorfes zu erleben und gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

PROLOG

Der schwere Nebel schob sich vom Weserufer über die schneebedeckten Wiesen, bis dicht unter die Brücke, die den Fluss mit ihren dicken Steinfüßen überspannte. Aus dem märchenhaften Rathaus, das wie eine kleine Festung von einer Steinmauer umgeben war, drang ein warmer Lichtschimmer. Trotz der frühen Morgenstunden befanden sich schon Gemeindemitarbeiter an ihren Schreibtischen.

Eine kleine Amsel verirrte sich in den erhellten Fensterrahmen und betrachtete zwei Frauen, die sich einen Kaffee gegen die morgendliche Müdigkeit einschenkten, als ein schmerzerfülltes Stöhnen die Stille zerschnitt. Der darauffolgende Schrei ließ den kleinen Vogel die Flucht ergreifen.

Dank der kürzlich erneuerten, dreifach verglasten Fenster des Rathauses, bekamen die beiden Frauen nichts von dem Unglück mit. Sie nippten in aller Ruhe an ihren Kaffeebechern und gingen die Aufgaben für den heutigen Tag durch. Es sollte ein besonderes Fest werden, dass der örtliche Heimat- und Verkehrsverein von langer Hand geplant hatte. Im Burghof, der von einer Mauer gesäumte Platz vor dem Rathaus, hingen bunte Wimpelchen. Die Dorfbewohner hatten am Vortag kleine Stände zum Kuchen- und Glühweinverkauf aufgebaut.

Viele Häuser wurden zur Besichtigung geöffnet. Die Dorfbewohner präsentierten voller Stolz die alten Fachwerkbauten und darin extra für diesen Anlass drapierte Bilder der Vergangenheit des Ortes. Sie alle würden die Geschichten, die sie seit Jahrzehnten in sich trugen, präsentieren. Alle bis auf eine Person, deren Geschichte heute endete.

Kapitel 1

Olive

Montagmorgen. Der Hahn hatte noch nicht gekräht, doch das dämliche Telefon klingelte ununterbrochen. Ich wälzte mich langsam in meinem Bett und stellte fest, dass es erst kurz nach sechs war. Draußen dämmerte es schon langsam. Die ersten Sonnenstrahlen kämpften sich ihren Weg über die grünen Hügel. Der Anrufer besaß Ausdauer. Es klingelte schon zum dritten Mal, als ich mich schließlich schwerfällig aus dem Bett erhob. Das wird bestimmt der alte Henderson sein, der aus mir nicht verständlichen Gründen der Annahme war, ein Smart sei das geeignete Fahrzeug, um auf eine Schafweide zu fahren. Erst letzte Woche hatte er zwischen ungläubig blickenden Wollnasen im Schlamm gesteckt.

„Winter“, meldete ich mich in rauem Ton. Wer mich so früh aus dem Bett klingelte, hatte meine Höflichkeit noch nicht verdient. Die Bewohner unseres Dorfes legten ohnehin keinen übermäßigen Wert auf solche Plänkeleien.

„Spreche ich mit Olivia Winter?“, fragte mich eine deutsche Stimme. Kurz war ich verwirrt. Ich wohnte nun schon zwölf Jahre in den Highlands. Deutschland hatte ich vor zwanzig Jahren verlassen. Die einzige Deutsche, zu der ich Kontakt pflegte, war meine Großmutter, doch auch wir hatten uns schon länger nicht mehr gesprochen. Ich hasste es, dass man in Deutschland immer davon ausging, dass ich Olivia heißen müsste.

„Nur Olive“, korrigierte ich ihn.

„Frau Winter, gut, dass ich Sie endlich erreiche. Da Sie das Erbe angenommen haben, wird es Zeit, dass Sie sich um den Nachlass kümmern. Die Gemeinde wird demnächst die Grundsteuer einfordern und hat noch kein aktuelles Konto von Ihnen übermittelt bekommen.“

„Konto?“, fragte ich aufgebracht. „Wofür?“

„Wie ich bereits sagte, benötigt die Gemeinde es, um die Grundsteuer…“

„Wofür die Gemeinde es benötigt, habe ich verstanden. Warum benötigt sie es von mir? Ich habe kein Erbe angenommen. Was soll ich denn überhaupt geerbt haben?“

„Darüber kann ich mit Ihnen nicht sprechen.“

„Wie bitte? Soll das ein Scherz sein? Sie wollen meine Kontodaten, doch ich darf nicht erfahren, wofür ich blechen soll?“

„Sie müssten zuerst einmal Ihre Identität bestätigen, dass geht nicht am Telefon.“

„Wissen Sie was? Verarschen Sie doch jemand anderen, ich falle auf Ihre Masche nicht herein!“, schrie ich in den Hörer und legte auf.

Mein Puls hatte sich ins unermessliche beschleunigt. Ich spürte mein Herz heftig pumpen. Die Sache hatte mich ganz schön aufgeregt. So was Dreistes. Doch warum ein Anruf auf Deutsch? Sicher kamen Betrüger auch an solche Informationen, die sich auf meine Herkunft bezogen, doch wäre eine andere Masche nicht einfacher?

Irgendwas an diesem Anruf gefiel mir gar nicht, fernab, von der augenscheinlichen Betrugsmasche, hinterließ er ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend.

Einschlafen konnte ich nun ohnehin nicht mehr, also zog ich mir meine Latzhose und das grau-grüne Flanellhemd an, dass vom Vortag über meinem Stuhl hing und machte mich auf ins Dorf.

Mein Cottage lag mitten im Ortskern, fernab von meinem eigentlichen Wohnsitz. Über der Eingangstür hing immer noch das provisorisch ergänzte Schild „Olive-Handwerksarbeiten aller Art“. Vor meiner Ergänzung bestand der Name meines kleinen Betriebs nur aus meinem Vornamen. Leider hieß ein italienisches Restaurant im Nachbarort genauso, so dass sich abends vor allem Touristen zu meinem ehemaligen Wohnsitz und jetzigem Büro verirrten und neben der penetranten Laufkundschaft aus dem Dorf, kein Gefühl für die Zeit hatten, zu der mir ein Feierabend zustand. Ich liebe diese Arbeit und ich liebe Castletown, doch auch ich benötige meine Freiräume.

Geselligkeit ertrage ich so lange, wie ich für einen Kunden etwas repariere oder umbaue. In meiner Freizeit bevorzuge ich ein gutes Buch und die raue Natur der Highlands. Vielleicht war auch das einer der Gründe, aus denen ich mich entschlossen hatte, allein in diesen Teil der Insel zu fliehen. Meine Mutter Karla, meine Halbschwester Alana und mein Stiefvater Lynel konnten recht anstrengend sein.

Da ich voll mit der Renovierung meiner kleinen, abgelegenen Hütte, im Dunnet Forest, etwa drei Meilen von Castletown beschäftigt war, hatte ich mir für einige Wochen frei genommen. Nun stellte ich fest, dass der Briefkasten im Vorgarten des Cottage am Überquellen war. Ich klemmte mir einen Schwung zerknitterter Briefe unter den Arm und schloss die blaue Holztür auf. Sie gab knarrend nach, ehe sie sich mit Schwung öffnete.

Ich machte mir in der kalten Küche einen Tee und zündete das Feuer im Kamin an. Die Maimorgende waren in dieser Gegend frisch und feucht. Mit einer Tasse Earl Grey setzte ich mich an meinen antiken Schreibtisch und ging die Umschläge einen nach dem anderen durch.

Beim Lesen des Absenders des dritten Briefes spuckte ich fast den Schluck milchigen Tees wieder aus, den ich gerade genommen hatte. Er stammte aus Deutschland. Ihn hatte jedoch nicht Oma geschickt, sondern eine örtliche Behörde. Es waren weitere Briefe aus Deutschland dabei. Die anderen stammten jedoch nicht aus dem Wohnort unserer Großmutter, sondern aus dem nächstgrößten Nachbarstädtchen. Das Adressfeld gehörte zu einer Kanzlei. Mir wurde ganz flau im Magen. Ein finsterer Gedanke durchzog meinen Kopf. War Oma etwas passiert?

Rasch riss ich die Umschläge der Briefe auf. Meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Warme Tränen liefen über meine Wangen. Mir wurde übel.

Dem Anwaltsschreiben war ein Testament beigelegt, dass man für dieses kopiert hatte.

Mein letzter Wille

Mit diesem Testament widerrufe ich alle bisher errichteten Verfügungen von Todes wegen. Es soll allein das hier Geschriebene gelten.

Ich, Anneliese Winter, geboren am 29.05.1944, setze als Erben zu gleichen Teilen ein: Meine Tochter Karla Fox, geb. Winter sowie ihre Töchter Olive Winter und Alana Fox. Des Weiteren vermache ich im Wege des Vermächtnisses in Höhe von jeweils € 17.000 (in Worten: siebzehntausend Euro) an Olive, Winter und an Alana, Fox. Der Erhalt des Geldes ist an die Bedingung geknüpft, dieses allein für den Zweck der Instandsetzung und des Erhalts der ebenfalls zu gleichen Teilen vererbten Immobilie zu nutzen. Die Regelung meines Nachlasses soll durch einen Testamentsvollstrecker erfolgen. Deshalb setze ich meinen langjährigen Freund Dr. Albert Stresemann als Testamentsvollstrecker ein. Sollte diese Person die Übernahme dieser Aufgabe nicht wahrnehmen können, soll das Nachlassgericht eine geeignete Person als Testamentsvollstrecker benennen. Der Testamentsvollstrecker soll den Nachlass möglichst zeitnah und nach meinen Anordnungen aufteilen. Die Vergütung richtet sich nach den jeweiligen Empfehlungen des Deutschen Notarvereins.

Gieselwerder, den 12.01.2024.

Anneliese Winter

Meine Kindheit zerfiel in Scherben. Oma war das einzige, dass mich noch mit meinem früheren Leben verbunden hatte. Mum und ich hatten uns bereits in meiner Jugend auseinandergelebt, doch Oma hielt steten Briefkontakt. Ich fühlte mich schuldig, dass ich ihr so lange nicht geantwortet hatte. Wann erhielt ich den letzten Brief? Ich glaube im März. Jetzt hatten wir Mai. Oma muss irgendwann während der letzten zwei Monate von uns gegangen sein.

Oma Liese war eine der fittesten Rentnerinnen, die ich kannte. Sie hatte mir wenig über kleinere Wehwehchen berichtet, die sie selten hatte. In ihrem letzten Brief schrieb sie über ihre vortreffliche Ausdauer beim Spazierengehen. Hatte sie mich all die Jahre getäuscht?

Eine weitere Sache belastete mich: Ich müsste mich in nächster Zeit nach Deutschland begeben, um diese Angelegenheit zu klären. Meine Laune sank ins Bodenlose.

Kapitel 2

Alana

Dieser Brief, den mir Mum vorbeigebracht hatte, war meine Rettung. Klar, ich habe Granny geliebt, doch ich habe die alte Frau seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Verschwommen erinnerte ich mich an Familienfeste, bei denen Granma Liese so viele Torten für unsere kleine Familie gebacken hatte, dass wir gut eine Woche nur davon hätten leben können.

Ein wahrer Alptraum für die schlanke Linie! Mein Fitnesscoach würde mich nach nur einem Stück dieser Zucker-Sahne-Bomben ohrfeigen. Ich konnte seine Worte förmlich in meinem Kopf hören: „Alana, denk immer daran, dass Fernsehkameras zehn Pfund dazu addieren. Du willst doch nicht wie eine dieser fetten Midlife-Crisis-Hausmütterchen aussehen.“

Das wollte ich wirklich nicht. Ich achtete penibel darauf, was ich aß. Die Fernsehkameras waren weniger das Problem als die Fotos in der True-Crime- oder den Klatschmagazinen.

Na gut, vielleicht achtete ich nicht immer darauf, was ich aß. Mit den Jahren hatte ich eine Binge-Eating-Störung entwickelt, die meinen Ernährungsplan oft durcheinandergebracht hatte. Stopfte ich mich wahllos voll, folgte ein Tag konsequentes Fasten. Ich wusste selbst, dass das nicht gesund sein konnte, doch schaffte es seit jeher mein Gewicht konstant niedrig zu halten.

Hätte sich nicht so schnell eine Lösung gefunden, hätte die Armut dieses Problem von allein gelöst. Im zentralen London sind die Mieten und die Lebensmittelpreise nun mal höher. Meine Miete wurde seit zwei Monaten nicht beglichen. Lange genug, um die Geldeintreiber des High-Court auf den Plan zu rufen.

Ich hätte mir nie die Blöße gegeben, meine Familie um Geld zu bitten, doch eine Erbschaft war etwas vollkommen anderes.

Ich hatte meine Sachen schon fast alle gepackt – jedenfalls die, die ich noch nicht auf Ebay verkaufen musste, als mein Smartphone klingelte.

„Alana hier, was gibt‘s.“

„Ally, ich bin es, Olive. Was zum Teufel soll das?“, raunte meine Schwester ins Telefon.

„Hallo, Schwesterherz, du hast angerufen, was meinst du?“

„Ohhh, deine Unschuldsmiene, die du gerade verbal aufsetzt, kaufe ich dir nicht ab! Was soll der Scheiß mit dem Erbe? Wusstest du davon?“

„Ich war letzten Monat mit Mum beim Gericht. Du weißt ja, wie sie zu ihrer alten Heimat steht. Sie hat das Erbe abgelehnt. Nun sind wir die Alleinerbinnen.“

Mum hatte kein besonders großes Interesse an dem Nachlass ihrer Mutter. Sie hatte dieses Dorf abgrundtief gehasst. Lynel verdiente gut, somit hatten die beiden ausgesorgt. Zudem lebten sie sehr bescheiden. Ich war froh, dass Mum das Erbe ausgeschlagen hatte, denn so vergrößerte sich mein Anteil. Mit meinem und Mum’s Erbgeld konnte ich meine Schulden begleichen. Ich hatte Mum versprochen, Olive davon zu unterrichten, doch entschloss mich, die Sache auszusitzen. Das war nicht die erste Lüge in dieser Erbgeschichte, denn ich hatte Mum außerdem versprochen das Erbe ebenfalls aus der Ferne abzutreten und Deutschland weiterhin den Rücken zu kehren. Hätte Olive das Erbe ausgeschlagen – worauf ich hätte Gift nehmen können – wäre ich leer ausgegangen. Ich war auf ihr handwerkliches Geschick angewiesen, allein könnte ich eine Renovierung deren Ausmaß ich nicht kannte unmöglich stemmen. Das Geld war an die Bedingung geknüpft damit das Haus zu renovieren. Da Granma dies explizit erwähnen musste gehe ich nicht vom bestmöglichen Zustand des Hauses aus. Mein Plan sah es vor, für ein, zwei Monate nach Deutschland zu reisen, die Hütte auf Vordermann zu bringen und dann wieder zu verschwinden. Wie schwer konnte das schon sein? Granma wohnte schließlich nicht in einer Bruchbude, soweit ich weiß. Der Verkauf des Hauses würde dann eine hübsche Summe für mich abwerfen. Olive musste sich nur noch davon überzeugen lassen, mit nach Deutschland zu kommen.

„Hör mal Olive, ich hatte in den letzten Wochen viel Stress. Ich wollte es dir ja erzählen, doch es kam immer was dazwischen.“

„So ein Bockmist! Du hast es absichtlich verschwiegen, um mir eins auszuwischen.“

Ich ließ mich an der riesigen Kücheninsel aus weißem Marmor hinuntergleiten und griff in die offene Tüte Essigchips. Olive sorgte schon immer für Stress. Sie hatte nie ein gutes Verhältnis zu unserer Mutter. Mum hatte alles versucht, doch Olive war stur und eifersüchtig. Dieser Stress machte mich hungrig. Wie gern hätte ich gestichelt, doch ich musste meine Schwester beruhigen.

„Olive, bitte!“

„Schieb dir dein bitte sonst wohin. Ich habe hier ein Geschäft zu führen. Nicht jeder lebt ein Jet-Set-Luxusleben im Zentrum Londons.“

Olive hatte schon immer hart gearbeitet, doch ich ebenfalls. Nach meinem Anglistikstudium und der Ausbildung bei der Polizei wurde ich aus einem glücklichen Zufall heraus von einem der bekanntesten Kriminalmagazine als Exklusivreporterin angestellt. Nachdem ich ungefähr zwei Jahre für das Magazin „True-Crime-UK“ geschrieben hatte, veröffentlichte der Redakteur ein Bild von mir. Eine Modelagentur nahm mich in ihr Portfolio auf und so führte eins zum anderen. Eine Zeit lang ging es mir gut. Ich verdiente mehr Geld, als ich ausgeben konnte, traf einen netten Typ und bekam einen Heiratsantrag.

David Lengley war ein Traummann. Er arbeitete ebenfalls bei der Modelagentur, die mich entdeckt hatte, war groß und hatte grüne Augen. Eines der angesagtesten, männlichen Lauftstegmodelle Londons. Wir zogen zusammen und wurden von den Medien zelebriert. Die Londoner Klatschpresse liebte ihr neues Vorzeigepaar. Man schrieb über unseren Urlaub in der Toskana, die Dates in den beliebtesten Szenerestaurants und die romantische Verlobung vor dem Pariser Eifelturm.

Wäre da nicht seine Spielsucht gewesen.

David konnte es zu Beginn noch verstecken, doch dann fehlte mir regelmäßig Geld. Er leerte nicht nur mein Portemonnaie, sondern auch meinen Bankaccount. David kannte mich gut. Er fand schnell heraus, wo ich die Notfallzettel mit meinen Pins aufbewahrte. Trotz meines sonst einwandfreien Gedächtnisses konnte ich mir diese einfachen vierstelligen Nummern nicht merken.

Es kam mir nicht seltsam vor, dass er zu Beginn der Beziehung verlangte, dass ich die Miete für unsere Wohnung zahlen sollte. Er würde mir das Geld anschließend überweisen. Ich richtete einen Dauerauftrag ein und schloss einen Mietvertrag unter meinem Namen ab. Schließlich hatte David mich zum Urlaub und in zahlreiche Restaurants eingeladen. Es war mir zu peinlich, das alles öffentlich bekannt zu geben. Nun war ich dabei, die Beziehung leise ausschleichen zu lassen. Ich war so blauäugig. Ich, die es schaffte durch intensive Recherche Mordfälle aufzuklären, an denen die Polizei verzweifelt war. Nun saß ich hier in meiner verlassenen Vierzimmerwohnung mit Blick auf den Hydepark. Bis auf mein Bett gab es keine Möbel mehr. Die teuren Designerstücke musste ich verkaufen.

„Mein Leben ist viel komplizierter, als du es dir vielleicht vorstellst. Bitte Olive, ich verspreche dir, dass alles ganz schnell geht. Wir fliegen nach Deutschland und klären die Sache. Wir waren so lange nicht mehr dort. Willst du gar nicht wissen, was aus den Leuten geworden ist?“

„Interessiert es dich? Du siehst das ganze doch nur als kleines Abenteuer und deine ganz persönliche Vendetta. Das Mädchen, das einst gemobbt wurde, ist nun ein Star. Uhhh, schaut sie an, sie ist ja so berühmt, ihr Leben ist so perfekt.“

„Lass das! Du weißt, dass du keine andere Wahl hast. Hätte ich die Möglichkeit, würde ich es auch ohne dich klären, doch du stehst nun mal mit im Testament. Und das Geld könntest du sicher gut gebrauchen. Was machst du gerade? Ich meine gehört zu haben, dass du im schottischen Outback als Klempner oder sowas arbeitest.“

„Handwerkerin, doch lassen wir das Geplänkel. Wir fliegen für eine Woche, keinen Tag mehr.“

„Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest. Unsere Flüge sind schon gebucht. Beweg deinen süßen Hintern hier runter und hol mich bei meiner Wohnung ab.“

Am anderen Ende der Leitung erklang ein genervtes Stöhnen. Olive war überzeugt.

„Was schulde ich dir für die Flüge?“

„Nichts, die schenke ich dir.“

Für die Flugbuchung hatte ich meine Kreditkarte bis an ihr Limit gereizt, doch anders hätte Olive erfahren, dass ich uns One-Way-Tickets gekauft hatte. Ich wusste nicht genau, wie lange man für eine Hausrenovierung benötigte, doch länger als eine Woche sicherlich. Olive schickte mir ein skeptisches „Mhhh“ durchs Telefon. Ich steckte finanziell ganz schön in der Tinte, doch Olive hielt sich irgendwo in den Highlands mit Handwerkerarbeiten über Wasser. Sie brauchte das Geld sicher genauso dringend wie ich.

Gerade als ich aufgelegt hatte, klingelte mein Telefon erneut. Es war David. Er liebte mich immer noch und wollte nicht wahrhaben, dass unsere Beziehung ein Ende gefunden hatte. Ich war stinksauer. Er lebte sein Leben, als sei nie etwas passiert. Immer, wenn ich ihn auf seine Spielsucht habe ansprechen wollen, blockte er ab. Sein Terminkalender hing immer noch in der Wohnung, die ich bezahlte, oder bezahlen sollte. Er befand sich gerade bei einem Shooting für eine angesagte Modemarke. Das Geld, das er dabei verdiente, würde wieder in die Casinos der Stadt fließen.

Ich ignorierte den Anruf und packte meine letzten Sachen. Die Männer vom High Court hatten mir ein paar Stunden gegeben, um mein Zeug zusammen zu packen, ehe sie die Wohnung zurückfordern würden. Es war so demütigend. Davids Sachen lagen noch immer überall in der Wohnung verteilt. Ich hätte ihm sagen können, dass wir eine knappe Frist zur Räumung bekommen hatten, doch schließlich war er es, der uns dieses Schlamassel eingebrockt hatte. Sollen sie sein Zeug doch behalten. Meins befand sich in vier riesigen, pinken Hartschalenkoffern und fuhr mit mir den Fahrstuhl hinab.

Der Concierge, der sich bereits mit den Männern vom High Court unterhielt, sah mich missmutig an. Er hätte bestimmt gerne ein Foto gemacht und damit ein paar Pfund bei einem der hiesigen Klatschmagazine kassiert, doch die Hausordnung und vermutlich auch irgendein Gesetz verboten es ihm.

„Ms. Fox, wären Sie soweit?“

„Sie sagen das, als hätte ich eine andere Wahl.“

Der ältere der beiden Männer verzog sein Gesicht. Etwas, das wie Mitleid aussah, spiegelte sich in seinen Augen wieder.

„Haben Sie schon eine Bleibe für heute Nacht?“

„Wird mir denn keine gestellt?“, fragte ich scherzeshalber.

„Nur wenn sie Leistungen vom Staat beziehen.“, antwortete er absolut ernst.

Na toll, dachte ich. Zuerst wohnungslos, dann obdachlos. Ich durfte mir nichts von meiner misslichen Lage anmerken lassen. Würde einer der Anwesenden quatschen, könnte ich mich vor Reportern nicht mehr retten.

„Dann wird es halt das Hilton“, stöhnte ich gekünstelt.

„Soll ich Ihnen ein Taxi rufen, Ms. Fox?“, fragte der Concierge.

So ein Mist, dieser kleine schmierige Typ wusste ganz genau, dass das nur ein Bluff war. Nein, verdammt! Bestell das Taxi nicht, ich bin schon pleite und brauche die letzten Pfund für etwas Essbares!

„Ja, bitte“, antwortete ich mit einem Lächeln.

Die Männer vom High Court nahmen den Wohnungsschlüssel entgegen und zogen von dannen. Der Concierge half mir bei den Koffern. Er lud sie auf einen goldenen Bügelwagen und schob sie an die Straße, an der mich bereits ein Black-Cab erwartete. Mein Gepäck war so wuchtig, dass es kaum in das kleine Auto passte. Ich quetschte mich zwischen die pinken Monsterkoffer und zog die Tür hinter mir zu. Der Concierge, der seine Hand bereits, Trinkgeld fordernd, ausgestreckt hatte, sah mir beleidigt hinterher, als der Taxifahrer startete. Ich bat ihn seine Route zu ändern und mich bei einer alten Freundin rauszuschmeißen. Ich würde ihr erzählen, dass ich morgen früh zum Airport müsste und die Nacht vor dem Flug nicht allein verbringen wollen würde, was sogar stimmte. David hatte einen Folgejob, der ihn nach Mailand führte. Er würde heute noch in den Flieger steigen und erst übermorgen vor der gepfändeten Wohnung stehen. Das viele Gepäck, das in Wahrheit den kläglichen Rest meines ganzen Besitzes darstellte, müsste ich Sydney auch nicht erklären. Sie war Vollzeitmodel und reiste stets mit viel Gepäck.

Kapitel 3

Olive

Elf Stunden Fahrt. So ein Mist. Ich packte schnell ein paar Klamotten in eine Sporttasche, die ich seit der High School besaß und setzte mich hinters Steuer. Eigentlich hatte ich darauf gehofft einen Flug von Inverness aus zu bekommen, doch konnte keinen freien mehr erhaschen.

Alana hätte mir ruhig früher Bescheid geben können, dann hätte ich das alles besser organisiert. Auf der einen Seite war ich furchtbar sauer, auf der anderen, breitete sich Erleichterung in mir aus. Hier in Castletown kannte mich jeder und alle wollten etwas von mir. Auch lange nach Ladenschluss klopften Leute an mein Cottage und wollten, dass ich ihnen half. Nicht immer waren es handwerkliche Probleme. Ich fühlte mich oft wie das „Mädchen-für-alles“. Ich liebte die Menschen hier, doch freute mich auf eine Woche der Ruhe. Vielleicht würden die Einwohner Castletown’s ihre Gesinnung ändern. Sie würden lernen müssen, wie es ohne mich ist. Schließlich gab es auch eine Zeit vor mir, in der das Dorf es geschafft hatte, irgendwie zu überleben.

Ich warf die schmale Tasche auf den Beifahrersitz meines Pick-Up’s und fuhr los.

Dank Alanas Spontanität würde ich die ganze Nacht durchfahren müssen, um rechtzeitig in London anzukommen.

Auf der überdachten Ladefläche des Wagens befand sich eine Art Camperaufbau, der mir einen kurzen Power-Nap auf der Fahrt ermöglichen sollte.

Mrs. Darfield hatte mir ein Lunchpaket zusammengestellt. Nach meinem Telefonat stand sie bereits wartend an der Tür des Cottage. Meine letzte Amtshandlung vor meiner Woche Pause bestand darin, ihren Backofen zu reparieren. Es kostete mich nicht viel Zeit. Der guten Frau war nur die Sicherung herausgesprungen. Mit einem Klick war der Ofen wieder in Betrieb. Ich zog die Mehrfachsteckdosen aus weiteren Mehrfachsteckdosen und riet ihr, demnächst weniger Geräte gleichzeitig am Netz zu haben.

Sie hatte, neugierig wie sie war, mein Gespräch durch die hellhörigen Wände hindurch mitverfolgt und wusste, dass ich für eine Woche weg sein würde, deshalb schnürte sie mir ein dickes Lunchpaket mit allem, was ihr Hofladen hergab.

Das in einem Weidenkörbchen verstaute Verpflegungspaket war größer, als meine Reisetasche und verströmte während der Fahrt einen herrlichen Duft nach Schafskäse und hausgemachter Wurst.

Mrs. Darfield pflückte die Blumen selbst, die sie an den Rand ihres Käses modellierte. Die essbaren Blüten verliehen ihm eine ganz besondere Note.

Ich erinnerte mich an die Zeit in Deutschland. Gieselwerder hatte viel mit Castletown gemeinsam. Auch dort schlachtete man noch selbst, stellte Käse- und Milchprodukte her. Ich weiß noch genau, wie wir jeden Samstag, meine Oma nannte diesen Tag Sonnabend, zum Bauernhof von Onkel Fredi gegangen sind und leere Schraubgläser dort gelassen hatten. Fredi war nicht mit uns verwandt, doch wir nannten viele Leute Onkel oder Tante. Er füllte die, mit den Familiennamen beschrifteten Gläser dann mit frischem Schmand. Am Sonntagmorgen war es schließlich meine Aufgabe, das kostbare Gut wieder abzuholen und mit dem Schmand und einer Tüte Brötchen den Frühstückstisch zu ergänzen, den meine Mutter schon liebevoll gedeckt hatte.

Der Duft von gemahlenen Kaffeebohnen und gekochten Eiern hing in der Luft unserer bescheidenen Küche. Mum und ich pflückten gemeinsam Blumen, die wir in ein Weck-Glas auf die Mitte des Tisches stellten. Mum weckte Oma erst, als alles perfekt war. Sie liebte den überraschten Gesichtsausdruck, den Oma extra für sie auflegte, wenn sie die Küche betrat.

Castletown erinnerte mich in vielen Hinsichten an Gieselwerder. Was hätte ich als Kind nur dafür gegeben, für immer in diesem Ort wohnen zu bleiben.

Alana hasste das Dorfleben. Zugegeben, es war für sie kein Zuckerschlecken. Nicht nur, dass sie das zweite uneheliche Kind meiner Mutter war, sondern auch wegen ihres Aussehens.

Mein leiblicher Vater hatte uns kurz nach meiner Geburt verlassen. Meine Mum war damals fünfzehn Jahre alt und ging noch zur Schule, in dieselbe Klasse, wie mein Erzeuger. Sie waren jung und dumm, deshalb hielten sie Sex um Mitternacht für eine legitime Verhütungsmethode. Mum hatte das in einem ihrer Magazine gelesen. Sie war ein ganz schöner Hippie und glaubte diesen esoterischen Unfug.

Neun Monate später tauschte sie die Kristalle und Räucherstäbchen gegen eine Babywiege und Schnuller. Sie musste früh lernen Verantwortung zu übernehmen, doch Oma unterstützte sie, wo sie nur konnte. Mum wohnte weiterhin bei unserer Großmutter und mein Vater zog nach Bayern, das war der Ort, der einer verlassenen Insel für ihn wohl am nächsten kam.

Da Mum selbst noch zur Schule ging und über kein Einkommen verfügte, zahlte sie den Unterhalt, den ihr mein Vater schickte, an Oma. Die hatte sich nun um zwei Kinder zu kümmern.

Als ich etwa drei Jahre alt war, verliebte Mum sich in einen britischen Soldaten, der in Höxter stationiert war. Trotz ihres nun umfangreicheren Wissens in Sachen Verhütung wurde sie wieder schwanger. Er versprach ihr, sie zu heiraten, und machte ihr gleich, nachdem er von der Schwangerschaft erfahren hatte, einen Antrag und sie sagte ja. Es gab eine Blitzhochzeit mit Babybauch, bei der nur Oma, Opa, Mum, ihr neuer Lover und ich anwesend waren. Das Glück schien perfekt, bis Lynel wieder nach England zurückberufen wurde. Er versprach meiner Mum, sich nach einem anderen Beruf umzusehen, der ein Zusammenleben einfacher machen würde.

Neun Jahre strichen ins Land, in denen die beiden eine Fernbeziehung führten. Alanas Zielscheibe wuchs immer mehr. Sie kam ganz nach ihrem Vater, was sich nicht als Vorteil erwies. Wir hatten schon vorher einen schweren Stand. Die Eltern meiner Schulfreunde waren verheiratet und lebten zusammen mit ihnen in wunderschönen Einfamilien- oder Mehrgenerationenhäusern. Wir wohnten mit unserer Großmutter in einer kleinen Mietwohnung. Meine Mum wurde viel zu jung schwanger und wurde dann auch noch verlassen. Ich kannte kein Kind, dass eine alleinerziehende Mutter und einen nicht existenten Vater hatte. Heute gibt es viele verschiedene Formen der Familie, die von der Gesellschaft akzeptiert werden, doch damals sah man das etwas anders. Ich war zwar noch jung, doch verstand, was man über uns erzählte. Es fielen Worte wie „Asozial“ und „Rabenmutter“. Meine Mum hatte kaum Freunde.

Mir ging es etwas besser. Ich war nie die Sorte Mädchen, die um die Aufmerksamkeit der anderen buhlte, doch hatte schon immer eine große Klappe und kein Problem damit, meine Meinung zu sagen. Sei es vor Erwachsenen oder den anderen Kindern. Diese Direktheit brachte mir viele Freunde und Freundinnen ein. Sämtliche Mädchen in meinem Alter waren ziemlich hinterhältig und lästerten gerne, was ihnen immer Ärger brachte. Den Jungs war das zu anstrengend, deshalb nahmen sie mit mir Vorlieb. Die Mädchen in meiner Klasse fanden das ziemlich cool. Ich war ihre Informationsquelle und Verbindung zum anderen Geschlecht. Immer, wenn sich eine von ihnen in einen der Jungen verliebte, mit denen ich befreundet war, musste ich Kupplerin spielen. Das machte ich ungern, doch ich wollte niemanden enttäuschen und hoffte insgeheim, dass sie mir auch mit dem Jungen helfen würden, in den ich mich verschossen hatte.

Marcel Knasse war ein Traum. Er hatte blondes, wuscheliges Haar, eine athletische Figur und konnte Handball spielen wie kein anderer. Er besuchte die 9. Klasse und hatte somit kein Interesse an „kleinen Siebtklässlerinnen“. Er wohnte in meinem Nachbarort, doch fuhr mit demselben Bus wie ich. Auch wenn der Bus schon rappelvoll war – und das war er jeden Morgen – wagte es kein Schüler der unteren Klassen, sich in die hinterste Bank zu setzen. Die gehörte ausschließlich den Neunt- und Zehntklässlern.

Ich versuchte mich trotzdem, möglichst weit hinten hinzusetzen, um ihn während der Fahrt anschmachten zu können. Marcel stieg in Gewissenruh dazu. Er trug stets seine Jack&Jones Markenjacke aus Kunstleder und rote Chucks. Seine zerissenen Jeans hatte er im Gegensatz zu mir nicht selbst gemacht, sondern durfte sie so kaufen. Lässig schlich er durch den Bus, als würde er ganz allein ihm gehören. Auf der „Rammelbank“ warteten Jasmin und Sören auf ihn. Sie besuchten die zehnte Klasse und wohnten ganz in meiner Nähe. Natürlich wechselten sie kein Wort mit mir, ich war ja schließlich erst in der siebten Klasse.

So sehr sie sich auch bemühten, meine Freundinnen schafften es nicht, Marcel auf mich aufmerksam zu machen. Der einzige Junge, der mich nicht nur als Kumpel sah und auf mich stand war Tim. Der kleine moppelige Tim.

Er hatte den Spitznamen „Klopsi“ und war so ziemlich der uncoolste Typ der Schule. Tim besuchte die achte Klasse und interessierte sich neben mir nur für die Landwirtschaft. Einige riefen ihn auch „Bauer“, was Tim gefiel. Sie meinten es jedoch keineswegs freundlich, was sie durch Ausrufe wie „du stinkst schlimmer als Kuhscheiße“ oder „selbst Hühner lachen über dich“ kundtaten. Ich machte bei diesen Sticheleien nicht mit. Nicht, weil ich so integer war, sondern weil mir diese Art von Aufregung auf den Zeiger ging.

Meine Schwester besuchte zu der Zeit die örtliche Grundschule. Weder die anderen Kinder noch die Eltern wollten etwas mit uns zu tun haben. Alana war das einzige schwarze Kind in der Klasse. Ich könnte nicht behaupten, dass es eine große ethnische Vielfalt in unserem Dorf gab. Die meisten Kinder waren blond und weiß wie Kalk.

Alana hatte die tiefbraune, fast schwarze Haut ihres Vaters und sein krauses, schwarzes Haar geerbt. Ich war ja so neidisch. Sie sah in meinen Augen einfach perfekt aus. Meine blonden, feinen Haare lagen platt an meinem Kopf an. Ihre waren immer voluminös, auch wenn sie sie zwei Tage nicht gewaschen hatte. Ich bekam in der Pubertät Pickel und hatte gerötete Wangen, Alana war makellos, wie eine Barbie. Vielleicht war es die Angst vor dem Andersartigen, vielleicht der Neid der anderen Mädchen, die sie zu dem trieben, was passiert war. Es gab jedenfalls kaum einen Tag in der Schule, an den Alana nicht heulend nach Hause kam. Das verschaffte ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Mum. Ich hatte keine Probleme, mein Leben lief reibungslos – zumindest in Mums Augen.

Während meine Mutter sich einzig und allein um Alana kümmerte, verbrachte ich viel Zeit bei meinen Großeltern. Meine Großmutter hatte immer ein offenes Ohr und versuchte so gut es ging, das zu ersetzen, was meine Mutter nicht konnte. Sie war mehr als nur meine Großmutter, sie wurde für mich zum Mutterersatz.

Umso mehr schmerzte mich ihr Tod. Alana würde nie begreifen, was mir diese Frau bedeutet hatte.

Beim Gedanken an diese schöne Zeit füllten sich meine Augen erneut mit Tränen.

Als ich auf das Navi sah, stellte ich überrascht fest, dass ich schon die halbe Strecke hinter mir gelassen hatte. Es gab keinen Stau und auch sonst kein Verkehrshindernis. Die dazugewonnene Zeit konnte ich also genauso gut dafür nutzen, Mrs. Darfields Lunchpaket genauer unter die Lupe zu nehmen und mir anschließend einen ruhigen Parkplatz für ein Nickerchen zu suchen.

In den frühen Morgenstunden würde ich dann weiter Richtung London Fahren und Alana auf dem Weg zum Flughafen einsammeln.

Das Handy in meiner Tasche war auf stumm gestellt. Jetzt, da ich meinen Wagen geparkt hatte, warteten etliche Nachrichten und verpasste Anrufe auf mich. Die meisten stammten von den Einwohnern aus Castletown, die noch nicht verstanden hatten, dass ich für eine weitere Woche nicht für sie da sein würde.

Die einzige Nachricht, die ich aus nicht geschäftlichen Gründen erhalten hatte, war von Alana.

War ja klar. Ich musste alles stehen und liegen lassen und meine Schwester ließ es heute noch mal krachen. Was wohl ihr Verlobter dazu sagte? Im Prinzip war es mir auch egal. Ich war lange nicht mehr bei Alana oder Mum zu Besuch gewesen. Sie hatten auch keine Anstalten gemacht, mich zu besuchen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob Mum den Verlobten schon persönlich getroffen hatte.

Alana war jetzt etwas Besseres. Sie war ein B-Promi. Wenn ich etwas über ihr Leben wissen wollte, musste ich nur eines der gängigen Klatschmagazine aufschlagen oder eine dieser blasphemischen Promi-Sendungen gucken.

Ich bog auf den nächsten Parkplatz ab, der nicht zu einer der großen überlaufenen Ketten gehörte, die die Autobahnen dominierten und ließ meinen Kopf gegen die Nackenstütze gleiten. Der Duft aus dem Weidenkorb ließ mir keine Ruhe, er war zu betörend und hatte sich bereits im ganzen Auto ausgebreitet. Ich schlug das rot-weiß-karierte Tuch zur Seite und entdeckte zwei Haggis-Gurken-Sandwiches, hartgekochte Eier, ein Stück Schafskäse und eine Glasflasche gefüllt mit Frischmilch.

Ich wickelte zuerst die Sandwiches aus der Frischhaltefolie, schnitt mir ein Stück Käse ab und trank anschließend etwas Milch. Der volle Magen machte mich so müde, dass ich augenblicklich auf der Matratze, die auf der überdachten Ladefläche meines Wagens lag, einschlief.

Kapitel 4

Alana

So sehr ich es auch versucht hatte, ich bekam diese Nacht vor dem Flug kein Auge zu. Nicht nur, weil ich meine Schwester über die Dauer unseres Aufenthalts belogen hatte, sondern auch, weil ich mein jetziges Leben hinter mir lassen würde.

Sydney, die auch schon wach war, machte mir einen schwarzen Kaffee. Sie müsste das Haus erst in ein paar Stunden für ihr nächstes Shooting verlassen. Ich füllte mir den Kaffee in meinen Isolierbecher um und zog meine Koffer in den Aufzug. Ich wollte Olive nicht die Chance geben, Fragen zu stellen. Sydney würde sich nur verquatschen.

Diese Gegend Londons roch morgens nach frisch aufgebrühtem Kaffee und Gebäck. Sydneys Wohnung war umrahmt von Cafés wie Pret und Costa. Bei dem Duft ofenfrischer Croissants knurrte mein Magen. Wie gerne hätte ich mir eins geholt, doch so beginnt es immer. Aus einer „Cheat-Mahlzeit“ werden schnell mehrere und ehe man sich versieht, hat man bis Dienstag das gesamte Kalorienspektrum der Woche aufgebraucht. Tapfer nahm ich einen Schluck des Kaffees, der mit Milch sicher besser geschmeckt hätte und versuchte meinen Magen so auszutricksen.

Als der schmutzige Geländewagen in die Straße einbog, wusste ich, dass es nur Olive sein konnte. Sie hatte sich in den Jahren, in denen wir auf der Insel wohnten, in eine burschikose Dorfpomeranze verwandelt. Was ist nur aus dem einst beliebtesten Mädchen der Schule geworden? Einerseits bewunderte ich sie dafür, dass ihr die Meinungen der anderen egal zu sein schienen, andererseits trauerte ich ein wenig um die Schwester, die sie mir einst gewesen war.

Olive fuhr nicht an den Bordstein heran, sondern parkte mit zwei Reifen auf dem Gehweg. Sie ließ den Motor laufen und glitt aus der Fahrerkabine zu mir herunter.

„Wartest du auf einen Diener, oder lädst du deinen Hausstand selbst ein?“, fragte sie anstelle einer Begrüßung im rauen Ton. „Was soll das alles sein? Das sieht aus, als hättest du für ein ganzes Auslandsjahr gepackt.“

„Ich reise gerne mit Auswahlmöglichkeiten.“

„Wir fliegen nach Deutschland, nicht Mailand.“

„Reg dich ab, ich räum die Koffer selbst in den Wagen.“

„Gut!“, flammte sie mich an.

„Gut“, schrie ich zurück.

Meine Muskeln zitterten zwar nach dieser Betätigung, doch ich fragte aus Zorn nicht nach Hilfe. Mit verschränkten Armen nahm ich auf dem Beifahrersitz Platz und sprach während der Fahrt zum Flughafen kein Wort mit Olive. Selbst als wir ausstiegen, suchte ich, ohne sie zu beachten, nach einem Kofferwagen und rollte meine Fracht erhobenen Hauptes zum Check-In. Ein kurzer Blick auf mein Smartphone, bevor ich es in den Flugmodus schaltete, zeigte mir drei verpasste Anrufe von David. Ich schüttelte angenervt meinen Kopf und schaltete den Bildschirm wieder aus.

Von da an lief alles weitere schweigend ab. Wir gingen durch die Kontrollen, warteten, bis unser Flug bereit zum Boarding war und stiegen ein. Ich hatte uns Plätze nebeneinander gebucht, nichts anderes war mehr frei.

Olive starrte mit schmalen Lippen aus dem Fenster und sah mich erst wieder an, als wir in Frankfurt landeten.

„Ich nehme an, einen Fahrservice vom Flughafen aus hast du auch längst gebucht?“

Beschämt sah ich zu Boden. Mein Geld reichte gerade noch für die Tickets, doch darüber, wie wir von Frankfurt nach Gieselwerder kommen sollten, hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Olive würde merken, dass etwas nicht stimmte, wenn mir nicht schnell etwas einfiel, also entschied ich mich für eine kleine Lüge, bei der ich jedoch nahe an der Wahrheit bleiben würde. Wenn ich eins aus meiner Zeit als Kriminalreporterin gelernt hatte, dann, dass sich Lügen besser verkauften, wenn in ihnen ein Funken Wahrheit steckte.

„Verdammt, daran habe ich überhaupt nicht gedacht“, moserte ich mit nach vorn geschobener Unterlippe und kramte theatralisch in meiner Tasche. Ich ertastete mein Portemonnaie und ließ meine Kreditkarte beim Herausholen verschwinden. „Das darf doch nicht wahr sein! Wo ist meine Visa?!“

„Hattest du deine Tasche nicht die ganze Zeit im Auge?“

„Als ich den Gepäckwagen geholt habe, hatte ich sie auf die Koffer gelegt.“

„Wie dämlich kann man nur sein!“, rief Olive laut stöhnend. „Und jetzt wurdest du auch noch ausgeraubt. Toll gemacht Ally.“

„Was machen wir jetzt?“, fragte ich schuldbewusst.

„Ich organisier uns einen Mietwagen. Für ein Taxi zahl ich nicht“, brummte Olive und ging zu dem Autoverleih hinüber. Sie füllte ein paar Formulare aus, zog ihre Karte durch und kam mit einem VW-Schlüssel wieder. „Ich will keine Beschwerden hören.“

„Ist in Ordnung. Besser als nichts.“

Olive antwortete mit einem weiteren Knurren. Langsam fragte ich mich, ob sie in Schottland nicht doch unter Bären gelebt hatte.

Wir stiegen in den Polo und machten uns auf den Weg ins gute alte Wesertal. Olive mit schlechtmöglichster Laune, ich mit einem immer lauter knurrenden Magen. So ging das Spielchen etwa eine Stunde, dann kehrte Olive beim nächsten McDonalds ein.

„Was möchtest du haben?“

„Ich habe kein Geld dabei.“

„Red nicht so einen Schwachsinn und rück mit der Sprache raus. Ich zahle.“

„Einen Salat, aber ohne Dressing.“

Olive verdrehte die Augen und fuhr zum Schalter. „Ein Royal TS-Menü und einen Big Mac mit Salat, aber ohne Dressing.“

„Hey, ich wollte nur einen Salat!“

„Dein Magen sagt was anderes.“

„Ach, und eine Cola Light“, ergänzte sie und fuhr zur Abholung vor.

Sie hatte recht, ich war am Verhungern und auch wenn ich es bereuen würde, ich genoss den Burger und die kalte Limo. Sowohl meine als auch Olives Laune verbesserte sich nach der kleinen Mittagspause und wir begannen sogar so etwas wie einen Smalltalk zu führen, während wir die letzten Stunden zu unserem Ziel zurücklegten. Mein wieder eingeschaltetes Handy summte wie verrückt. Weitere verpasste Anrufe von meinem zukünftigen Ex-Verlobten. Olive, die mich über die ganzen Mitteilungen auszuhorchen schien, erzählte ich schöne Lügen über eine intakte Beziehung und darüber, wie sehr er mich vermissen würde. Das tat er vermutlich auch noch, denn schließlich wusste er noch nichts von all dem, was in seiner Abwesenheit geschehen war.

Irgendwann wichen die Hochhäuser kleineren Einfamilienhäusern, die Entfernungen zwischen den Orten wurden länger und die Dichte der am Straßenrand stehenden Bäume nahm zu.

Als sich die Weser zu meiner Rechten zu zeigen begann, wusste ich, dass wir nicht mehr weit entfernt waren. Der Tag neigte sich zwar dem Abend, doch die Sonne gab nochmal alles und wärmte uns so stark, dass wir mit heruntergelassenen Fenstern fahren mussten. Die Bäume, die links und rechts den Straßenrand flankierten warfen flackernde Schatten auf uns. Ich hielt meine Hand hinaus in den warmen Fahrtwind und schloss für einen Moment die Augen. Ich hatte vergessen, wie schön sich das hier anfühlen konnte. Wie angenehm grün hier alles war und wie herrlich der Duft war, der von den blühenden Feldern in der Luft lag.

Kapitel 5

1986 - Marie

Oma beschwerte sich über den Staub, den die blühenden Rapsfelder mit sich brachten, doch Marie liebte einfach den süßlichen Duft, der am Ortsrand immer intensiver wurde. Sie lief über den Feldweg, Lucie, den Dackel, vor sich und strich mit der Hand über die Grashalme, die am Rand des Feldes wuchsen und deren Spitzen zu weichen Federn wurden, bevor sie ihre Samen in die Natur entließen.

Lucie lief ebenfalls am Wegesrand entlang, der heiße Asphalt tat mit Sicherheit unter ihren Pfoten weh. Sie bevorzugte das kühle Gras. Maries Mutter würde sie ausschimpfen, wüsste sie, dass sie nicht wie abgemacht durch den Wald lief, doch Claudia hatte die Idee, am „Toten Arm“ zu picknicken.

Der „Tote Arm“ war ein besonders flacher Weserabschnitt, wo der Fluss eine Kurve schlug. Das Land dort am Ufer gehörte Claudias Eltern. Zum Anbau taugte es nicht, doch sie nutzten es immer wieder als Zeltplatz oder um sich dort abzukühlen. Damit waren sie auch die Einzigen. Es war ihr geheimer Ort.

Als Marie dort ankam, saß ihre beste Freundin bereits auf der karierten Decke, die sie aus dem Wohnzimmer ihrer Oma stibitzt hatte, und breitete das Festmahl aus. Es gab belegte Brote, eine kleine Tüte Gummibärchen und zwei Päckchen Saft. Marie musste Lucies Leine strammer halten, da diese ebenfalls etwas naschen wollte. Claudia grinste nur und klopfte auf den freien Deckenplatz neben ihr.

„Tut mir leid, dass es später wurde. Ich musste noch den Ziegenstall sauber machen“, entschuldigte sich Marie, obwohl Claudia längst über ihren neuen Taschengeldjob bei ihrem Nachbarn Bescheid wusste. Sie winkte ab.

„Macht nichts, ich habe mich in der Zeit etwas gesonnt. Schließlich will ich zum Ferienbeginn nicht als Kalkleiste ins Freibad.“

Ihr Grinsen intensivierte sich und sie zog ein kleines braunes Fläschchen halb aus ihrem Rucksack.

„Hast du nicht getan!“, staunte Marie ungläubig. „Gibst du mir auch was ab?“

„Jaja, aber nicht zu viel, sonst merkt Mama es doch noch“, flüsterte Claudia verschwörerisch, obwohl weit und breit keine Menschenseele zu sehen war. Sie schraubte den Deckel ab und ließ etwas von der wertvollen Flüssigkeit in Maries Handinnenfläche tropfen. Marie verrieb das Sonnenöl zuerst in ihrem Gesicht, womit sie es so gut wie aufgebraucht hatte. Mit den fettigen Händen fuhr sie sich dann über die Arme, bis ihre Handinnenflächen trockener waren als zuvor. Es roch wunderbar tropisch nach einer Mischung aus Kokosnuss und Insel.

Lucie wollte es gleich wieder von Marie abschlecken, doch diese schob sie zur Seite und fütterte sie mit einem Stück Brotrinde, das sie von ihrer Stulle abriss.

Claudia und Marie lachten und scherzten, unterhielten sich über ihre fantasievollen Pläne und darüber, wie sie ihre Ferien verbringen wollten. Sie waren sich sehr einig, dass sie einen großen Teil dieser Zeit im Wald an dem kleinen Bach verbringen würden, der zu einem See führte. Sie liebten es, Hütten aus Ästen zu bauen, sich zwischen den Blättern der Buchen zu verstecken und ihre Fantasien über Feen und Kobolde, die dort lebten, zu beflügeln.

Die Tatsache, dass die Schneewittchen-Geschichte in ihrem Heimatort geschrieben worden war, verlieh diesem Teil des Reinhardswaldes eine märchenhafte Anmut, die sie immerzu spürten. Da waren sie sich sicher, doch sie schrieben ihre eigenen Märchen, tobend und kichernd unter den Kronen der alten Bäume.

Ab und zu, aber vor allem, wenn es wieder einmal regnete, spielten sie auch drinnen mit ihren Puppen. Daran hatten sie viel Spaß, durften es nur keinen der anderen Mädchen aus ihrer Klasse erzählen, da sie in einem Alter angelangt waren, in dem es als uncool galt, sich mit so kindischen Sachen zu beschäftigen.

An manchen Nachmittagen zogen sie sich in Claudias Zimmer zurück, das sich im Dachgeschoss befand und wie ein kleines Reich über den Häusern thronte. Dort hatten sie ihre eigene Welt, abgeschirmt von den Erwachsenen und den Regeln der Außenwelt.

Sie tauchten ein in ihre Fantasien, die grenzenlos schienen. Claudia hatte eine alte Schreibmaschine, die sie von ihrer Großmutter bekommen hatte, und sie tippten Geschichten, die so abenteuerlich waren wie ihre Träume. Mal waren sie Piraten auf hoher See, mal Prinzessinnen in einem fernen Königreich.

Und dann gab es diese besonderen Tage, an denen sie sich als Forscherinnen ausgaben. Sie schnallten sich Rucksäcke auf, nahmen Ferngläser und Kompass mit und zogen los in die Wildnis am Rande ihres Ortes. Stundenlang streiften sie durch den Wald, immer auf der Suche nach geheimnisvollen Spuren und verborgenen Schätzen. Oft kamen sie dreckig und erschöpft zurück, aber glücklich und erfüllt von neuen Abenteuern.

Die Sommer vergingen wie im Flug, und doch schienen sie unendlich zu sein in ihrer Fülle an Erlebnissen und Freiheiten. Sie wuchsen zusammen auf, teilten ihre Geheimnisse und Träume miteinander. Claudia war mehr als nur Maries beste Freundin – sie war ihre Schwester im Herzen.

Doch wie das Leben so spielt, änderten sich die Dinge. Die Zeit blieb für niemanden stehen, auch nicht für sie. Sie wurden älter und die Welt um sie herum veränderte sich. Neue Interessen kamen hinzu, andere Freundschaften entstanden. Aber die Erinnerungen an diese unbeschwerte Zeit, an die endlosen Sommertage voller Abenteuer und Träume, würden für immer in ihren Herzen bleiben.

Kapitel 6

Olive

Ich konnte meiner Schwester einfach nicht länger böse sein. Seitdem uns die Weser zu unserer Rechten begleitete wirkte sie so zufrieden und unbelastet wie seit langem nicht mehr. Ich erkannte einen tiefen Frieden in ihren müden Augen. Als ich sie heute Morgen traf, dachte ich zuerst sie hätte die Nacht hindurch gefeiert, doch ihre Haare waren ungewaschen und ihre Kleidung, die sie seit gestern offensichtlich nicht gewechselt hatte, roch nicht nach einer langen Clubnacht. Ich wusste nicht, was mit ihr schon wieder los war, doch diese kleine Stimme in mir sagte: „Sieh genauer hin! Das ist nicht die Alana, die du kanntest.“

Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, als ich erneut zu ihr rüber sah. Man sollte meinen, dass sie sich vor einer Heimkehr sträuben müsste, nach all dem, was man ihr hier angetan hatte, doch sie strahlte über das ganze Gesicht.

„Wo genau müssen wir eigentlich hin?“, fragte ich sie, nachdem wir das Ortsschild passiert hatten. Alana kramte einen zerknitterten Brief aus ihrer Hosentasche.

„Ähm, hier steht, dass Oma sich ein Haus in der Brückenstraße gekauft hatte. Es soll gegenüber der ehemaligen Apotheke liegen. Du weißt schon, wo“, behauptete sie und hatte damit recht. Ich erinnerte mich an die Apotheke, bog vor der ersten Tankstelle rechts ab und hielt auf dem Parkstreifen. Wir stiegen beide, dankbar uns strecken zu können, aus. Alana studierte das Papier und blickte sich dabei stirnrunzelnd um, bis sie ihr Ziel erspäht hatte.

„Da drüben, das Haus mit dem doppelten Treppenaufgang!“

„Bist du dir sicher? Was sollte Oma mit einem so großen Haus vorgehabt haben?“

Das Gebäude hatte die Ausmaße einer kleinen Villa und schon auf der Vorderseite so viele Fenster, dass ich von mindestens zwanzig Räumen ausging. Oma wollte etwas Eigenes, doch sie hatte sicher nicht vorgehabt, ein Hotel zu eröffnen.

„Meinst du es ist Fachwerk?“

„Lässt sich schlecht sagen. Sollen wir rein gehen?“

„Ich habe keinen Schlüssel, den bekommen wir heute vom Nachlassverwalter. Wir wollten uns auf der Gemeinde treffen.“

Ich sah auf meine Uhr. Der Verwalter sollte jeden Moment da sein. Alana und ich nahmen unsere Ausweise, verriegelten das Auto und spazierten die Straße hinab, vorbei an all den gut erhaltenen Fachwerkhäusern mit ihren dunklen Balken und roten Ziegeldächern. Die Brückenstraße war ruhig, nur vereinzelt hörte man das Summen von Autos in der Ferne. Die Sonne schien warm auf unsere Gesichter, und eine leichte Brise strich durch unsere Haare. Wir konnten den Burghof, in dem sich die Gemeinde befand, bereits sehen.

Als wir die Gemeinde erreichten, sahen wir bereits einen Mann vor dem Eingang stehen, der uns erwartungsvoll ansah. Er war groß und schlank, mit grauen Schläfen und einer Brille auf der Nase. Vermutlich handelte es sich bei ihm um Omas alten Freund Dr. Albert Stresemann, den sie in ihrem Brief erwähnt hatte.

„Guten Morgen“, grüßte er höflich, als wir näherkamen. „Ich bin Herr Stresemann“, sagte er ohne Erwähnung des Doktortitels. „Der Nachlassverwalter“, schob er hinterher. „Sie müssen Olive und Alana sein, richtig?“

Wir nickten und stellten uns vor. Herr Stresemann reichte uns die Hand und führte uns ins Gebäude. Dort wartete bereits ein Tisch auf uns, auf dem diverse Dokumente ausgebreitet lagen.