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Tauche ein in ein London voller Wunder und Magie Bei einem magischen Fest in London wird Lucys Leben mit einem Schlag auf den Kopf gestellt: Ihre Großmutter wird vor ihren Augen entführt und Lucy kann sich danach an nichts erinnern! Zum Glück hat sie Freunde, die ihr zur Seite stehen – und ihre magischen Objekte. Denn Lucy hat ein ganz besonderes Talent: Sie ist eine Spellcrafterin und kann Gegenständen Magie einhauchen. Doch die Suche nach der Wahrheit führt sie auf eine gefährliche Spur. In London ist die Magie außer Kontrolle geraten … Umhänge, die unsichtbar machen. Medaillons, die Geschichten erzählen. Schwerter, die die Welt zerteilen. In den geheimen Workshops der Spellcrafter werden mitten in London wahre Wunder gefertigt – mit jeder Menge Talent und einem kleinen Tropfen goldener Magie. Entdecke alle Abenteuer rund um Lucy und die Magie der Spellcrafter: Band 1: Die Magie der silbernen Flamme Band 2 erscheint im Herbst 2025 Band 3 erscheint im Frühjahr 2026
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2025
Als Ravensburger E-Book erschienen 2025 Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Verlag
© 2025 Ravensburger Verlag Originaltitel: Spellcraft 1 © Working Partners Ltd. Text: R. L. Ferguson Übersetzung: Christian Dreller Coverillustration: Asur Misoa Covergestaltung: ZeroMedia GmbH Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.
ISBN 978-3-473-51258-4
ravensburger.com/service
„Wer als Erster an der Treppe ist“, rief Lucy Fairwright ihrer Großmutter zu, als sie in Wandsworth Town aus dem Zug stiegen.
„Was? Mit meinen Klapperknochen?“, erwiderte die alte Lady. Fahrig nestelte sie an ihrem bunten Kopftuch und dem gelben Strickschal herum. „Brr … ist das kalt heute Abend!“
Lachend wich Lucy einem Geschäftsmann aus, der auf sein Handy glotzte, und stürmte über den Bahnsteig zur steilen Treppe, die hinunter zur Straße führte. Den animierten Werbeanzeigen für Luxus-Parfüme, E-Autos und die neuste Streaming-Serie über eine Gruppe Teen-Superhelden schenkte sie nicht die geringste Beachtung. Schließlich gab es dort, wohin sie mit ihrer Großmutter gerade unterwegs war, mehr Wunder als alles, was die normale Welt zu bieten hatte.
„Halt dich bloß am Geländer fest. Es könnte eisglatt auf den Stufen sein“, wehte Oma Serenas Stimme hinter Lucy her, als sie die Treppe hinunterhüpfte.
Lucy störte sich nicht an ihrer übertriebenen Fürsorge. Das war nur so was wie die berühmte unliebsame Kunstkirsche auf dem Kuchen. Worauf es ankam, war der Kuchen selbst. Und nach Lucys Meinung war Oma Serena sozusagen der weltbeste Kuchen, den man kriegen konnte: wohltuend und fruchtig, mit einer süß saftigen Mitte.
„Schneller, Lahmente!“, rief sie vom Fuß der Treppe empor.
„Das geduldige Mädel kassiert am Ende stets den Hauptgewinn.“
Oma Serena hatte für jede Lebenslage ein Sprichwort auf Lager. Lucy kannte sie alle. Aber am hellsten erstrahlte dasjenige in ihrem Geist, das ihre Oma von sich gegeben hatte, als Lucy gerade mal vier Jahre alt gewesen war. Am Tag des schrecklichen Autounfalls, bei dem ihre Eltern ums Leben gekommen waren. Da hatte sie gesagt: „Für eine Familie braucht es nicht mehr als zwei.“
Und unglaublicherweise hatten sie genau das hingekriegt. Waise zu werden war, als würde das Leben in eine Million Teile zerspringen. Aber Oma Serena hatte kurzerhand all jene Teile genommen, eingeschmolzen und etwas Neues daraus gezaubert. Etwas Ganzes.
Etwas Magisches.
Acht Jahre waren seitdem vergangen und die Bande ihrer kleinen Zweierfamilie waren so stark wie eh und je. Lucy konnte sich nicht vorstellen, dass sie jemals brechen würden.
All das ging Lucy nun durch den Kopf, als sie beobachtete, wie ihre Großmutter die Treppe hinunter auf sie zukam – dieses Energiebündel von einer Frau, die bei jedem Schritt Warmherzigkeit verstrahlte und ungeachtet ihrer etwas schwerfälligen Erscheinung niemals außer Atem kam. Das Allerbeste jedoch war, dass sie es irgendwie immer schaffte, Lucy zum Lachen zu bringen.
„Hab gewartet“, begrüßte Lucy sie.
„Und zum Dank gibt’s einen Kuss.“ Oma Serena verpasste ihr einen flüchtigen Kuss auf die Nasenspitze. „Mach deinen Mantel zu. Es ist kalt hier draußen.“
Lucys Hände fuhren an den offen hängenden Kragen.
„Aber dann kann doch keiner mehr mein neues Wappen sehen.“
Ihre Finger glitten über das silbrige Abzeichen, das an ihrem Pullover prangte. Es zeigte einen dunklen Drachen, der eine silbrig blaue Flamme über einen verschnörkelten Schild spie. Sie hatte den Drachen sofort ins Herz geschlossen. Tatsächlich hatte sie sogar das Gefühl, dass er sich manchmal bewegte, wenn sie gerade den Blick abwandte.
Oma Serena knöpfte Lucys Kragen mit ihren runzligen Fingern zu.
„Das darfst du die normalen Leute nicht sehen lassen“, warnte die alte Lady. „Genauso wenig wie das, was in deiner Tasche steckt. Komm schon, wir wollen nicht zu spät kommen.“
Sie verließen die Bahnstation und durchschritten das Gewölbe unter der Eisenbahnbrücke, während sie Richtung Norden auf die Themse zuhielten. Ein kalter Wind blies Lucy Schneeflocken ins Gesicht. Jetzt, nach dem Ende der Londoner Rushhour, war es ruhig auf den Straßen, auch wenn irgendwo in der Ferne eine Polizeisirene heulte. Über ihnen spannte sich ein dunkler Abendhimmel.
Lucy beklopfte ihre Manteltasche. „Alles okay, Patches“, flüsterte sie. „Bald kannst du rauskommen.“
Sie ließen die Läden und Restaurants im Zentrum von Wandsworth hinter sich und gelangten in den heruntergekommenen Flussufer-Distrikt. Verfallene Lagerhäuser erhoben sich aus der Finsternis. Ihre Schritte hallten auf dem Beton wider. Die Straßen in diesem Teil der Stadt waren nicht einfach nur ruhig – sie waren einsam und verlassen.
Lucys Smartphone vibrierte.
MAH HIN! DIE MSSE IST GEIL!
Sie grinste. Aus irgendeinem Grund war Renly gegen die Segen der Autokorrektur immun.
Bleib ruhig, textete sie zurück. Wir sehen uns in der Glasbläser-Zone.
Renly antwortete mit einem Smiley und Lucy steckte das Handy weg.
Sie blieben vor einer stillgelegten Brauerei stehen. Ein riesiges silberfarbenes Tor versperrte den Eingang. Ein Hängeschild verkündete:
BETRETEN VERBOTEN – AUF ANORDNUNG DES STADTRATES VON WANDSWORTH
„Wie fühlst du dich?“, fragte Oma Serena. Ihre Augen funkelten im matten Schein einer nahen Straßenlaterne.
„Aufgeregt“, erwiderte Lucy. „Nervös.“
„Es gibt nichts, weswegen du nervös sein müsstest. Immerhin bist du schon häufiger auf der Wintermesse gewesen.“
„Aber das ist das erste Mal, dass ich dort meine Arbeit präsentiere.“
„Was diesen ganzen Tag nur umso schöner macht!“
Oma Serena löste die Knöpfe an Lucys Kragen, um den metallischen Glanz des Lehrlingswappens zu enthüllen.
„Sei stolz“, sagte die alte Lady. „Bist du bereit?“
„Denke schon.“
„Du denkst?“
„Ich meinte: Ja.“
„Na dann los!“
Oma Serena drehte den Torgriff nach links. Ein Quietschen ertönte und augenblicklich erwachte die Metallarbeit zum Leben. Aus silbernen Streben sprossen sich windende, von schimmernden Metallblättern geschmückte Zweige. Blumen aus Chrom erblühten. Binnen eines Augenblinzelns verwandelte sich das Tor in einen leuchtenden, metallischen Dschungel.
Dann schwang es plötzlich mit einem gewaltigen, gähnenden Quietschen auf.
Lucys Gesicht wurde in buntes Licht getaucht und ihr schlug eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse entgegen: Rufe und Gelächter, dumpfe Schläge, knallende Laute und diverse Musikinstrumente, die ein Dutzend verschiedener Melodien gleichzeitig spielten, hallten durcheinander. Der Duft von frittierten Zwiebeln und warmem Popcorn stieg ihr in die Nase. Es war, als wären alle Jahrmärkte, auf denen sie jemals gewesen war, hier zu einem einzigen zusammengeschmolzen.
„Alles in Ordnung, Liebes?“, fragte ihre Großmutter und ruckte sanft an ihrer Hand.
Lucy war wie gelähmt. Ihre Sinne schienen wie in Brand gesetzt. Obwohl sie schon viele Male hier gewesen war, war sie jedes Mal aufs Neue von all den Eindrücken überwältigt. Jetzt konnte nur eines helfen.
Sie griff in ihre Tasche und holte Patches hervor. Patches war ein kleines Tier, das ganz und gar aus Stoffresten bestand und Lucy bei Stress immer half, sich wieder zu beruhigen.
Er besaß den Körper eines Tigers, nur dass seine Streifen grün und blau waren. Seine Flügel erinnerten an die einer Fledermaus – wenn man sich denn eine mit scharlachroten Lederschwingen vorstellen konnte – und er hatte das schwarz-weiße Gesicht eines Pandas.
Am wichtigsten jedoch war: Patches lebte.
Gut, nicht im normalen Sinn. Patches war ein magisches Spielzeug, das genau an jenem Ort erschaffen worden war, den Lucy und ihre Großmutter gerade betraten. Das allein war schon genug, um ihn zu etwas Besonderem zu machen. Aber da war noch etwas an Patches, das ihn bemerkenswert machte.
Sein Schöpfer war Alexander Fairwright. Lucys Vater.
„Was meinst du, Patches?“ Lucy wiegte die kleine Stoffkreatur liebevoll in ihren Händen. „Sollen wir rein?“
Die bestickten Fäden, die Patches Maul darstellten, verzogen sich zu einem stummen Lächeln. Mit wedelnden Pfoten vollführte er einen Freudensalto auf Lucys ausgestreckten Handflächen.
„Das interpretiere ich mal als Ja.“ Scherzhaft hob sie den Zeigefinger. „Aber nicht abhauen! Ich kenn dich doch!“
Patches bedachte sie mit einem Ausdruck großäugiger Unschuld.
Nachdem Lucy ihn wieder in ihre Tasche gestopft hatte, folgte sie ihrer Großmutter durch das offene Tor in den Großen Workshop von Wandsworth.
Der Anblick raubte ihr wie immer den Atem. Hier, unter der Gewölbedecke der Großen Halle, spürte sie die Luft förmlich vibrieren. Was kein Wunder war, denn jeder Teil des Gebäudes war von Magie durchwirkt – von den Säulen aus gehärtetem Donnerstein, die sich wie Spiralen empordrehten, bis zu den hängenden Kronleuchtern aus Ewigglut-Glas, die ihr goldenes Licht in jeden Winkel des riesigen Workshops ergossen.
Die Große Halle wies eine dreieckige Form auf. Die drei Außenwände stießen an drei spitzen Punkten zusammen, wobei jede Seite dieser geometrischen Figur jeweils einem der drei Spellcrafter-Talente gewidmet war: der Magie der silbernen Flamme, der Kunst der goldenen Blitze und der Macht der weißen Sonne. In der Mitte des Dreiecks erhob sich ein gigantischer Glaszylinder, aus dem Hunderte Glasröhren sprossen, die sich in alle Richtungen wanden. Es sah aus wie etwas aus dem Chemielabor eines Riesen. Der Zylinder war mit einer goldenen Flüssigkeit gefüllt, die von den Röhren zu Hunderten Ständen und Bühnen transportiert wurde, die überall in der Halle verstreut waren. Bei der Flüssigkeit handelte es sich um Aether – jener kostbaren magischen Substanz, mittels der Spellcrafter wie Lucy Objekten Magie einhauchen konnten.
„Nirgends sonst findest du so viel Aether an einem Ort“, sagte Oma Serena, während ihre Augen auf den turmhohen Zylinder gerichtet waren. „Es ist ein Wunder, dass die Septs das erlauben.“
„Warum sollten sie auch nicht?“, erwiderte Lucy. „Sie kontrollieren ihn doch.“
Ihre Großmutter gab ein Grunzen von sich. „Manchmal glaube ich, du bist viel zu weise für dein Alter. Also, wo ist jetzt dieser Löffel, den du gefertigt hast?“
„Können wir zuerst bei den Schneidern vorbeischauen?“
Oma Serenas Augen nahmen einen weichen Ausdruck an. „Dein Vater?“
Lucy nickte. Auch wenn ihr eigenes Talent auf dem Gebiet des Glases lag, hatte sie sich immer zur Spezialität ihres Vaters hingezogen gefühlt. Die Schneiderei-Abteilung zu besuchen war so etwas wie eine Pilgerreise – etwas, an das sie erst einmal ein Häkchen machen musste, bevor sie irgendetwas anderes unternahm.
„Geh ruhig schon einmal zu den Glasbläsern vor“, sagte sie. „Da treff ich mich später sowieso mit Renly.“
„Verlauf dich nicht. Du weißt, wie chaotisch es hier zugehen kann.“
Oma Serena wuselte durch die Menge davon, während Lucy allein zurückblieb. Ihre Augen wanderten suchend über das pulsierende Treiben in der Halle, bis sie schließlich auf einem Schild haften blieben:
DIE KUNST DER GOLDENEN BLITZE: SCHNEIDEREI-BEREICH
Darunter war das Wappen dieses Spellcrafter-Talentes zu sehen: eine webende Spinne, aus deren Beinen goldene Blitze zuckten.
Kaum hatte Lucy das Schild erreicht, war sie von Leuten in den ungewöhnlichsten Kostümen umgeben – allesamt erfahrene Spellcrafter, die mithilfe der Kunst der goldenen BlitzeKleidung mit den unglaublichsten Eigenschaften herstellten.
Neben ihr war eine Frau mit einer Robe aus Federn zu sehen, die bei jedem Schritt die Farbe wechselten. Ein Mann direkt vor ihr trug einen Anzug, der ganz und gar aus Eis bestand. Und Lucy fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie zwei Zwillingsmädchen in verspiegelten Kleidern erblickte, die nicht die Halle reflektierten, sondern eine atemberaubende Berglandschaft mit Wasserfällen.
Sie wagte sich tiefer in die Menge hinein und steuerte auf eine Ansammlung von Ständen zu, an denen verschiedene Schneider ihre Fertigkeiten demonstrierten. Die meisten Stände waren voller exotischer Kleidungsstücke, die an Stangen zur Schau gestellt wurden. Aber an keinem davon hing ein Preisschild, denn nichts davon war zum regulären Verkauf vorgesehen. Das war das Tolle an der Winterausstellung. Es ging nicht darum, Geld zu verdienen, sondern die Kreativität zu feiern.
Lucy machte an einem der Stände halt, um eine junge Frau dabei zu beobachten, wie sie einem schwarzen Samthut den letzten Schliff verpasste. Die Frau trug ein kleines Wappen der webenden Spinne auf ihrer Brust. Das Quartett von Ringen, das sie an den Fingern trug, verriet, dass es sich bei ihr um eine Spellcrafterin des vierten Grades handelte: höchst erfahren also, wenn auch noch nicht auf dem Niveau einer Meisterin.
Lucy verfolgte, wie die Schneiderin ihre rechte Hand über den Hut hielt. Plötzlich schossen Fäden goldenen Lichtes aus ihren Fingerspitzen und durchdrangen den Samtstoff. Im nächsten Moment bewegten sich ihre Finger so schnell, dass sie zu Schemen verschwammen, während sich zwischen ihnen und dem Stoff ein glühendes Netz materialisierte.
Die andere Hand der Frau langte zu einer Glasröhre empor, die über ihrem Kopf hing. Sie drehte an einem Sperrhahn und ein einzelner feiner Tropfen goldenen Aethers – hierhergeleitet vom Zentralzylinder – sickerte behutsam auf den Hut.
Die Finger der Frau arbeiteten noch ein paar Sekunden weiter, bevor das Lichtnetz urplötzlich verschwand und sie sich mit einem zufriedenen Seufzen zurücklehnte.
„Vergessen Sie nicht, den Hahn wieder zuzudrehen“, platzte es aus Lucy heraus, erfreut darüber, dass ihr etwas aufgefallen war, das eine Grad-Vier-Spellcrafterin übersehen hatte – und das, wo sie selbst doch nur ein einfacher Lehrling mit erst einem einzigen Ring war.
„Nicht nötig“, erwiderte die Schneiderin. „Das war sowieso meine letzte Zuteilung für heute.“
„Oh, richtig. Klar.“
Lucy trat den Rückzug an. Sie kam sich dämlich vor. Jeder wusste schließlich, dass die Aether-Versorgung strikt von den fünf Septs überwacht wurde – den nichtmagischen Autoritäten, die auf diese Weise Kontrolle über die Spellcrafter ausübten. Bei den Tropfhähnen handelte es sich um ausgeklügelte Vorrichtungen. Sie verzeichneten genau, wie viel Aether ein Spellcrafter benutzte, und kappten die Zufuhr, sobald jemand sein Limit erreicht hatte.
„He“, rief die Schneiderin. „Willst du nicht sehen, was der Hut kann?“
Was Lucy wirklich wollte, war, in der Masse zu verschwinden. Aber sie war noch nie in der Lage gewesen, ihre Neugier im Zaum zu halten. Zögerlich kehrte sie an den Stand zurück.
„Was ist deine Lieblingsfrucht?“, fragte die Schneiderin und setzte sich den Hut auf den Kopf.
„Bitte?“
„Deine Lieblingsfrucht. Welche magst du am liebsten?“
„Äh, Trauben, schätze ich.“
Ein Bündel blauroter Samttrauben materialisierte sich urplötzlich auf der Hutspitze. Lucy lachte.
„Äpfel“, sagte sie. Die Trauben verwandelten sich in ein Trio aus roten Samtäpfeln.
„Ist das das Beste, was du auf Lager hast?“ Die Frau grinste.
Lucy dachte einen Augenblick nach. „Obstsalat.“
Überall aus dem Hut explodierten Früchte: Orangen, Bananen, Avocados und sogar eine Ananas. Das Endresultat war nicht so sehr ein Obstsalat als vielmehr ein regelrechtes Obstbankett, das auf dem Hut der Schneiderin bedenklich hin- und herschwankte.
„Hut!“, sprach die Frau und alle Früchte verschwanden.
„Cool!“, rief Lucy. „Ich wünschte, ich könnte auch so etwas.“
„Stellst du auch aus?“ Die Schneiderin ließ den Hut auf ihre Werkbank fallen. „Wie ich sehe, trägst du einen Lehrlingsring.“
Lucy nickte. „Ich bin eine Glasbläserin. Ich habe einen Löffel gemacht. Wenn man ihn hält, dann …“
Die Schneiderin hob die Hand. „Nicht verraten. Ich komme vorbei und finde es selbst raus. Ich liebe Überraschungen.“ Sie schüttelte belustigt den Kopf. „Obstsalat, also wirklich!“
In der Glasbläser-Zone der Großen Halle stieß Lucy wieder zu ihrer Großmutter. Auch hier wimmelte es nur so von Menschen. Dicht an dicht schoben sie sich durch die Standreihen, um spektakuläre Vasen, komplexe Skulpturen und außergewöhnliche Meisterstücke naturwissenschaftlicher Apparaturen zu bewundern.
„Ah, da bist du ja“, begrüßte Oma Serena sie. „Also, welcher ist deiner?“
Sie stand vor einer Reihe von Regalen, die aus hölzernen Sechseckzellen bestanden. Die ganze Ansammlung sah wie eine gigantische Bienenwabe aus. Jede Zelle beherbergte ein anderes Objekt: In einer war eine große Glasschüssel, in einer anderen eine Kamera mit Riesenlinse und wiederum in einer anderen eine Brille mit goldenem Rahmen. Die meisten Ausstellungsstücke sahen ziemlich normal aus. Lucy jedoch wusste, dass jedes davon auf seine Weise besonders war.
Rasch entdeckte sie den Löffel, den sie gefertigt hatte. Sie händigte ihn ihrer Großmutter aus, die ihn voller Bewunderung betrachtete.
„Glatt, runde Linien. Ich mag ihn.“
„Ich habe ihn mit der Veritas-Technik hergestellt“, erklärte Lucy.
„Sehr schön. Schauen wir, ob er funktioniert.“
Oma Serena hob den Löffel empor und verkündete: „Die Erde umkreist die Sonne.“ Nichts geschah. Sie nickte zustimmend und sagte: „Der Mond besteht aus Blauschimmelkäse.“
Augenblicklich erglomm der Löffel in einem leuchtenden Kirschrot.
„Ein sehr effektiver Lügendetektor.“ Sie legte den Löffel wieder in seine Zelle zurück. „Gut gemacht, Lucy.“
Lucy schwoll die Brust vor Stolz. Sie wollte gerade erklären, wie sie den Löffel mit ihrer Magie der silbernen Flamme unter Hinzuträufeln eines winzigen Aethertropfens gefertigt hatte, als ein Mann und eine Frau an sie herantraten. Der Mann war kahlköpfig, das graue Haar der Frau war zu einem strengen Bob gestutzt. Auf ihren Krawattennadeln prangte ein Wappen, das einen Stapel Münzen vor einem Banktresor zeigte.
„Guten Abend“, begrüßte die Frau sie. „Mein Kollege und ich sind Akquisitions-Agenten von Sept Argent.“ Ihre Stimme war so geleckt wie ihr schicker grauer Businessanzug.
„Guten Abend“, erwiderte Lucys Großmutter.
„Sind Sie Serena Fairwright? Die Meister-Glasbläserin?“
„Sie wissen genau, wer ich bin. Warum fragen Sie?“
Der Ausdruck der Frau wurde frostig. „Sept Argent hat Interesse daran, auf der Wintermesse bestimmte Artefakte zu erwerben. Wir würden gerne über Preise sprechen.“
„Ebenso wie vielleicht auch über Ihre Einstellung“, knurrte der Mann leise.
Lucy bemerkte, wie viel Anstrengung es ihre Großmutter kostete, ein Lächeln in ihr faltiges Gesicht zu zaubern.
„Verzeihen Sie mir meine Unhöflichkeit“, lenkte Oma Serena ein. „Ich war in Gedanken schon bei der Veranstaltung, bei der ich gleich als Jurymitglied fungiere: dem Lehrlings-Wettbewerb der Glasbläser. Ich bin gerade auf dem Weg zur Bühne. Vielleicht möchten Sie mich begleiten? Ich bin sicher, dass es dort jede Menge Sachen von Interesse für Sie gibt.“
Bevor die Frau antworten konnte, schob sich ein dürrer Mann zwischen sie und Oma Serena. Im Gegensatz zu Lucys kugelrunder Großmutter schien er aus nichts als geraden Linien zu bestehen. Ein langer weißer Mantel hing von seinen Schultern, ohne die geringste Falte zu werfen. Sein Gesicht war kantig und selbst die Brille hatte quadratische Linsen.
„Entschuldigen Sie bitte“, wandte er sich an die beiden Sept-Argent-Agenten. „Aber ich fürchte, ich muss Ihnen die junge Lady kurz entführen.“
„Junge Lady, na klar“, mokierte sich Oma Serena. Das Lächeln auf ihrem Gesicht verriet ihre Belustigung.
Lucy erkannte den Mann. Es war Erasmus Glint, Oberhaupt von Sept Crann – dem auf Naturwissenschaften konzentrierten Sept. Was erklärte, warum er ständig auf der Suche nach ausgefeilten Glasgerätschaften war und Freundschaften zu allen gestandenen Glasbläsern pflegte – vor allem zu Meistern und Meisterinnen wie Oma Serena.
Die Sept-Argent-Agenten musterten Glint finster. Er reagierte mit einem schmallippigen Lächeln.
„Bitte entschuldige mich, Liebes“, sagte Oma Serena an Lucy gewandt und hakte sich bei Glint unter. „Wie’s aussieht, ruft die Pflicht.“
Sie zogen davon und ließen Lucy allein zurück. Ihr Blick wanderte zum Glaszylinder, der groß genug war, um von fast überall in der Großen Halle aus gesehen zu werden. Als Meisterstück der Glasbläserkunst war er beeindruckend. Als Machtsymbol der fünf Septs einschüchternd …
Sie dachte an die locker lässige Leichtigkeit, mit der Erasmus Glint die Aufmerksamkeit ihrer Großmutter für sich beansprucht hatte, und an die hochnäsige Haltung der beiden Sept-Argent-Agenten. Was stimmte nur mit den Septs nicht? Waren sie allesamt machthungrig? Oder einfach nur eifersüchtig auf die Spellcrafter, weil diese über die magischen Kräfte verfügten, an denen es ihnen fehlte?
Als Lucy spürte, wie die Frustration in ihr stieg, zwang sie sich dazu, sich zusammenzureißen. Die Septs hatten einen wichtigen Job zu erledigen. Schließlich musste jemand die Aether-Versorgung der magischen Gemeinschaft kontrollieren. Man stelle sich nur vor, was passieren würde, wenn die Leute zu viel benutzten und der Nachschub dadurch versiegte. Die Septs leisteten super Arbeit. Alle sagten das.
Aber warum mussten sie dann immer so überlegen tun?
Sie spürte, wie etwas in ihrer Tasche zappelte. Lucy zog Patches heraus und setzte ihn in die kleine Holzzelle mit ihrem Glaslöffel. Eine freudige Erregung ergriff sie, als sie ihr eigenes Werk neben dem magischen Tier sah, das ihr Vater geschaffen hatte.
„Also“, sagte sie. „Denk schön daran, was ich dir vorhin über …“
Mit einem jähen Satz hopste Patches aus dem Regal. Lucy langte nach ihm. Doch da hatte er bereits die roten Lederflügel gespreizt, vollführte einen eleganten Looping und sauste mit vollem Karacho davon.
„Patches! Komm zurück!“
Lucy nahm die Verfolgung auf. Mit permanenten Ausweichmanövern kämpfte sie sich durch die Menge – stets einen Schritt hinter der bunten Stoffkreatur, während diese hierhin und dorthin flitzte. Dann, ohne jede Vorwarnung, kam Patches mitten in der Luft abrupt zum Halten.
„Was sollte das denn?“, japste Lucy, als sie ihn einholte.
„Meine Schuld“, ertönte eine vertraute, muntere Stimme hinter ihr. „Ich habe gewunken. Er ist gekommen. Guter alter Patches! Ich sag doch immer, dass er mich am liebsten mag.“
„Renly Lumensmith!“
Sie wirbelte herum und erblickte einen hochgewachsenen, schlaksigen Jungen vor sich, der ein schmuddeliges T-Shirt und eine zerschlissene Jeans trug. In seinen Augen stand ein verschmitztes Funkeln, während er einen hölzernen Gehstock schwang, der so bemalt war, dass er einer Zuckerstange glich. Tänzelnd bewegte er sich von einem Zeh auf den anderen, was Lucy nicht überraschte. Renly konnte einfach nicht still halten.
„Frösche“, sagte er.
„Was?“
„Frösche! Affen! Die haben sogar einen Elefanten!“
„Was redest du denn da?“
Er packte ihre Hand. Das so typische Funkeln in seinen Augen erstrahlte auf einmal heller als je zuvor.
„Von Holzarbeiten natürlich! Hier entlang! Ich werde dir die erstaunlichsten Sachen zeigen, die du je gesehen hast!“
Kaum war Patches wieder sicher in ihrer Tasche verstaut, jagte Lucy hinter Renly her, der bereits davongestürmt war. Warum verflixt noch mal musste er auch immer alles in Höchstgeschwindigkeit erledigen?
„Was hat dich denn so extrem begeistert?“ Sie war bereits aus der Puste.
„Wirst du gleich sehen.“
Sie erreichten die Seite der Dreieckshalle, die der Macht der weißen Sonnegewidmet war – dem Talent, mit dem Spellcrafter Artefakte aus soliden Materialien wie Stein, Holz und Metall formen konnten. Das magische Silbertor am Eingang der Messehalle war vor Jahrhunderten von einem Spellcrafter mit genau dieser Gabe erschaffen worden. Das Wappen dieses Talentes wurde von einem riesigen Bären geziert – dem ultimativen Symbol für Stärke. Als Lucy zu dem Wappenschild an der Wand hochblickte, hätte sie schwören können, dass er ihr gerade zugezwinkert hatte.
Renly hielt vor einem Podium inne, auf dem ein Mann von fassartiger Statur mit kunstvoller Origami-Technik eine Rüstung formte – was nichts anderes hieß, als dass er Stahlplatten statt Papierbögen faltete. Unter seinen bereits fertigen Kreationen fanden sich ein Helm aus metallenen Blättern, eine Brustplatte, die wie ein Schildkrötenpanzer aussah, sowie ein Paar Stachelhandschuhe.
„Ich dachte, wir gehen zur Holzarbeit-Sektion“, sagte Lucy.
„Tun wir auch“, erwiderte Renly. „Aber dieser Kerl ist einfach spitze.“
Wie die meisten Magier mit der Macht der weißen Sonnetrug der Rüstungsschmied ein kurzärmliges Hemd, das seinen überdimensionalen Armmuskeln ungehinderte Bewegungsfreiheit ermöglichte. Seine Bizepse spannten sich merkwürdig, während er arbeitete. Fast sahen sie wie kleine Kreaturen aus, die sich unter der Haut in seinem Körper hin- und herbewegten. Dieser Aspekt des Handwerks hatte auf Lucy schon immer ziemlich schräg gewirkt. Aber vermutlich dachten die Leute das Gleiche von dem glühenden Atem, der ihrem Mund entströmte, wenn sie mit Glas arbeitete.
Drei Leute drängten sich zusammen, um den Schmied bei der Arbeit zu beobachten: Militärs von Sept Fortis in ihren gepolsterten, mit schwarz-gelben Tarnmustern versehenen Uniformen. Ihre wespenartige Erscheinung wurde durch die insektenähnlichen Atemmasken unterstrichen, die ihre Gesichter verbargen.
Lucy hatte sich immer vor Sept Fortis in Acht genommen. Doch da sie nicht nur auf der Wintermesse, sondern in allen Bereichen der magischen Gesellschaft für die Sicherheit zuständig waren, war es schwer, ihnen aus dem Weg zu gehen. Aber für den Moment schob sie ihre Ängste beiseite und schlängelte sich nah genug heran, um etwas von ihrer Unterhaltung mitzubekommen.
„… sollten ihn für die Sache rekrutieren …“
„… innovative Waffentechnik vom Feinsten …“
„… sehr nützlich gegen den Eisenorden …“
Plötzlich wirbelte einer der Soldaten herum.
„Hau ab, Mädel.“ Das Gesicht des Mannes war als vager Schemen hinter seinem Visier zu erahnen. „Du hast hier nichts zu suchen.“
Lucy schluckte und zog sich mit klopfendem Herzen zurück.
„Was hat er gesagt?“, fragte Renly, als sie sich vom Metallarbeit-Bereich in die Holzarbeit-Zone schoben.
„Nicht viel.“
„Mal wieder typisch Sept Fortis. Nur Fäuste und kein Hirn. Aha! Da sind wir!“
Sie hatten eine riesige Arena erreicht, die von einem niedrigen Zaun umgeben war. In ihr tummelten sich lauter lebensgroße mechanische Zootiere, allesamt aus Holz. Unter ihnen waren unter anderem ein Löwe, ein Affe, ein Känguru und – genauso wie Renly es versprochen hatte – sogar ein Elefant.
„Na, was sagst du?“ Renly hüpfte vor Begeisterung auf der Stelle. „Sind die nicht irre?“
Das waren die Tiere in der Tat. Die Mahagonibeine des Löwen bewegten sich so geschmeidig wie die einer echten Raubkatze. Der geschnitzte Holzaffe schwang sich an Eichenarmen von einem Klettergerüst herab. Und der Elefant war schlicht ein Wunder: Sein perforierter Körper gab den Blick auf einen Innenmechanismus frei, der wie das komplizierteste Uhrwerk aussah, das Lucy jemals zu Gesicht bekommen hatte.
Lucy wollte gerade ihre Bewunderung zum Ausdruck bringen, als eine Gruppe Männer und Frauen zu ihnen an den Zaun trat. Ihre langen weißen Mäntel wiesen sie als Sept-Crann-Wissenschaftler aus. Und sie waren an den Holztieren mindestens genauso interessiert wie die Sept-Fortis-Soldaten zuvor an der Origami-Rüstung.
„Eine beeindruckende Technologie“, sagte eine der Frauen.
„Mag sein“, erwiderte einer ihrer männlichen Kollegen. „Aber sie dient keinem Zweck.“
„Da muss ich zustimmen“, meinte eine etwas ältere Frau. „Wenn die Wintermesse nicht eine komplette Zeitverschwendung ist, will ich nicht Cholorette Nin heißen. Unsere Spellcrafter sollten ihre Talente besser auf Dinge konzentrieren, mit denen sich tatsächlich etwas Nützliches bewirken lässt. Wir spenden ihnen unsere kostbaren Aether-Vorräte und was machen sie damit?“ Sie wedelte verächtlich mit der Hand. „Spielzeuge!“
Lucy spürte, wie Patches sich in ihrer Manteltasche wand. „Schon gut“, murmelte sie. „Spielzeuge sind toll!“
Die Sept-Crann-Wissenschaftler stiegen über den Zaun und schlenderten in der Arena herum, während sie Kommentare über die hölzerne Menagerie fallen ließen. Zu Lucys Erstaunen folgte Renly ihnen.
„Hey“, flüsterte sie. „Misch dich ja nicht in Sept-Angelegenheiten ein!“
„Tu ich nicht“, entgegnete er mit einem Strahlen. „Wo sonst kann man mal auf wichtig machen, wenn nicht auf der Wintermesse?“
Entschlossen baute sich Renly direkt vor den Wissenschaftlern auf.
„Aus dem Weg, Junge“, sagte Cholorette Nin.
„Ich hab gerade mitbekommen, wie Sie über nutzlose Objekte geredet haben.“ Renly hielt seinen gestreiften Gehstock hoch. „Dürfte ich Ihnen meine allerneueste Kreation präsentieren? Die tatsächlich unglaublich nützlich ist? Ich nenne sie meinen Suche-Stab.“
„Wir sind ziemlich beschäftigt.“
„Jetzt gib dem Jungen doch eine Chance, Cholorette“, schaltete sich die jüngere Frau ein.
Renly verbeugte sich tief, bevor er auf ein Podest mitten in der Arena zusteuerte. Er tippte mit seinem Stock spielerisch auf die Holzplanken und drehte sich einmal im Kreis, während er einen imaginären Hut lüftete. Schon hatte sich eine kleine Menge versammelt, aus der Lachen und Geklatsche erscholl. Lucy fragte sich, wie Renly das nun wieder hingekriegt hatte. Er hatte noch nichts getan und doch hatte er bereits alle so weit, dass sie ihm förmlich aus der Hand fraßen.
„Ich brauche einen Freiwilligen!“ Renly sah sich suchend um, dann zeigte er auf Lucy. „Oh, da haben wir ja schon jemanden!“
Erneuter Applaus brandete auf, als Lucy sich zögernd zu ihm aufs Podest gesellte. Sie hoffte, das hier würde schnell vorübergehen.
„Nimm den Stab!“ Renly klang wie der Hauptakteuer eines epischen Dramas.
Lucy nahm den Stab.
„Und jetzt gib ihn mir wieder zurück.“
Verwirrt gehorchte sie.
„Jetzt stell dich da rüber.“
Renly zeigte auf eine etwa zehn Meter entfernte Stelle nahe des Elefanten. Pflichtbewusst nahm Lucy ihre Position ein. Die Menge verharrte in stummer Erwartung.
„Verfolgen Sie nun“, sprach Renly, „wie der Suche-Stab seinen Weg zu demjenigen zurückfindet, der ihn zuletzt berührt hat.“
„Das bist ja du!“, rief jemand in der Menge und lachte laut auf.
„Ich habe den Stab angefertigt“, sagte Renly mit einem Zwinkern. „Ich zähle nicht.“
Er ließ den Stock ein weiteres Mal auf dem Holzpodest auftippen, nur dass er ihn diesmal losließ. Ohne erkennbare Stützmittel blieb der Stock auf der Spitze stehen. Die Zuschauer gaben murmelnd ihre Anerkennung kund.
Einen Moment lang passierte überhaupt nichts. Dann machte der gestreifte Stock einen kleinen Hüpfer auf Lucy zu. Aber bevor er weiterhopste, zögerte er kurz. Als er sich endlich überwand, vom Podest auf den Hallenboden hinunter zu springen, kippte er auf die Seite – und wirbelte plötzlich wie wild herum. Sekunden später hob er ab wie ein Helikopter und flog senkrecht in die Höhe. Lucy war schon überzeugt, er würde gleich in eine der Glasröhren krachen und einen Regenschauer kostbaren Aethers auf ihre Köpfe prasseln lassen. Aber da sackte er plötzlich leblos herab und schepperte auf den Boden.
Die Menge – einschließlich der gesamten Sept-Crann-Gruppe – zerstreute sich.
Lucy kletterte zurück auf das Podium.
„Hätte besser laufen können“, brummte sie.
„Übung macht den Meister.“ Renly klatschte vergnügt in die Hände. „Ich bin am Verhungern. Lass uns was essen.“
Sie stöberten einen Imbissstand auf und stellten sich hinter einer Gruppe von Leuten in die Schlange, die aussahen, als kämen sie gerade von einer richtigen Bühne – oder besser gesagt vom Laufsteg. Ihre hochmodischen Outfits kennzeichneten sie als Mitglieder von Sept Felicitas, was ihre Unterhaltungen prompt bestätigten. Denn die innigen Diskussionen, in die sie verstrickt waren, drehten sich um nichts anderes als die aktuellsten Bücher, die sie gelesen hatten, oder die neuesten Restaurants und Nachtclubs, in denen sie gewesen waren.
„Gut zu wissen, dass es wenigstens einen Sept gibt, der auf Unterhaltung steht“, meinte Renly. Er verrenkte sich den Hals, um einen Blick auf eine Prozession Sept-Domir-Anwälte zu erhaschen, die gerade in ihren schweren schwarzen Roben und hellen Perücken vorbeitrotteten. „Im Gegensatz zu dieser Truppe da.“
„Oh, ich schätze mal, wir brauchen sie alle“, erwiderte Lucy. „Ob nun Argent, Domir, Felicitas, Crann oder Fortis. Sie verwalten das Geld, betreiben Forschung und helfen uns, dass wir vor der normalen Welt verborgen bl…“
„Was bist du? Eine wandelnde Werbebroschüre?“
„Ich sag ja nicht, dass die Septs perfekt sind. Ich glaube nur, dass es ohne sie viel schwerer wäre, Spellcrafter zu sein.“
Als sie die Spitze der Schlange erreichten, bestellte Lucy für sie beide Würstchen aus Erbsenprotein in Sauerteigrollen. Gleichzeitig erregte etwas ihre Aufmerksamkeit, das ihr die dunkleren Aspekte der Sept-Spellcrafter-Beziehung ins Gedächtnis rief.
Der junge Mann hinter dem Tresen war ein Greeder. Es waren die Eisenschellen an seinen Handgelenken, die das verrieten – ganz zu schweigen von seinem gekrümmten Rücken und den dunklen Ringen unter seinen Augen. Irgendwann musste er sein Talent genutzt haben, um mit Aether gefertigte Objekte zu eigenen, egoistischen Zwecken herzustellen – statt zum Wohle der Septs. Er war als Greeder gebrandmarkt und von einem Sept-Domir-Richter dazu verurteilt worden, Eisenschellen zu tragen, die ihn seines Talentes beraubten und in diesen erbarmungswürdigen Zustand versetzt hatten.
Erst jetzt wurde Lucy bewusst, dass es sich bei den Angestellten an den anderen Imbissständen ebenfalls überwiegend um Greeder handelte – ebenso wie bei den Reinigungskräften und Müllaufsammlern, die überall in der Halle zu sehen waren. Der Verlust der magischen Kräfte ging für einen Spellcrafter mit dem Verlust des sozialen Status einher – und schlimmer noch: der Selbstachtung. Es war nicht fair, dass den Greedern nichts als niedere Hilfsarbeiten blieben. Aber traurigerweise schien das nun mal der Lauf der Dinge zu sein.
Der junge Mann reichte Lucy das Essen. Sie versuchte, seinen Blick einzufangen, aber er hatte sich bereits wieder abgewandt. Egal was er auch verbrochen haben mochte, sie konnte nicht anders, als Mitleid für ihn zu empfinden.
„He, Lucy, soll ich hier verhungern, oder was?“, rief Renly sich in Erinnerung und riss sie aus ihren Gedanken.
Sie sahen sich nach einem ruhigen Fleckchen zum Essen um und ließen sich auf einer Bank nieder, die sich in der Nähe des Haupteingangs befand. Da es ihr in der Halle mit jeder Minute wärmer vorkam, streifte Lucy ihren Mantel ab, bevor sie es sich schmecken ließ.
An einer nahen Wand hing die Große Tafel des Londoner Übereinkommens, an das sich alle Spellcrafter zu halten hatten. Bei der Tafel handelte es sich um eine riesige alte Platte aus geschwärztem Holz, in die ein komplexes Symbol eingraviert war: vier gekrümmte Linien, die sich an fünf Punkten kreuzten.
Die Stellen, an denen sie sich schnitten, standen für die geheimnisvollen Tore – jene heiligen Orte, an denen die Septs die kostbaren Aether-Ressourcen abschöpften.
Unter der Tafel prangte eine Plakette, auf der die drei Gesetze festgehalten wurden, nach denen alle Spellcrafter zu leben hatten:
Du sollst keine Titel führen.
Du sollst keine Talente miteinander verbinden.
Du sollst weder Leib noch Geist durch dein Talent verändern.
Diese Gesetze waren tausend Jahre zuvor vom Londoner Übereinkommen festgehalten worden – jener Versammlung, die den Aufstieg der fünf Septs und der gesamten Spellcrafter- Community besiegelt hatte. Wie alle Spellcrafter trug Lucy eine Plakette, bei der es sich um eine Miniaturnachbildung der Großen Tafel handelte, an ihrer Kleidung. Direkt unter dem Wappen mit dem dunklen Drachen.
Sie beendeten ihre Mahlzeit und machten sich auf die Suche nach weiteren Wundern. Lucy war zwar bereits in allen drei Zonen gewesen, die die drei Spellcrafter-Talente repräsentierten. Aber es gab noch so viel mehr zu entdecken!
Sie waren erst ein kurzes Stück gegangen, als sie merkte, dass sie ihren Mantel auf der Bank vergessen hatte.
„Geh schon mal vor“, sagte sie zu Renly. „Ich komme nach.“
Sie lenkte ihre Schritte zurück zur Bank und nahm den Mantel wieder an sich. Kaum hatte sie sich erneut in Bewegung gesetzt, stieß sie mit einem Jungen zusammen, der gerade mit einer Gruppe Erwachsener vorbeiging. Sie wollte schon losschimpfen, dass er ihr einfach so in den Weg gelaufen war, als sie sah, um wen es sich handelte.
„Sorry“, murmelte sie. „Wollte dir nicht in die Quere kommen.“
„Kein Problem“, erwiderte der Junge mit einem freundlichen Lächeln. „Ist ’n ziemliches Gewusel hier.“
Der Name des Jungen lautete Carter Prince. Er war nur ein Jahr älter als Lucy, aber seine breiten Schultern ließen ihn sehr viel reifer erscheinen.
Alles an ihm strahlte Selbstbewusstsein aus, angefangen vom lässig langbeinigen Gang bis hin zum schelmischen Glanz seiner blauen Augen.
„Stellst du heute Abend etwas aus?“, fragte Carter.
„Was? Oh, ja. Einen Löffel.“
Mit abwesendem Nicken warf der Junge einen Blick auf die Gruppe, mit der er gekommen war und die gerade dabei war, in der Menge zu verschwinden. Der Größte darunter war Halston Prince, Carters Vater – Vorsitzender von Sept Argent und einer der mächtigsten Männer der Spellcrafter-Community, vielleicht sogar ganz Londons. Bei den übrigen handelte es sich vermutlich um seine Berater: Banker, Finanziers und mathematische Analysten.
Als Halston Princes Sohn würde Carter zweifellos einen ordentlichen Batzen Macht von seinem Vater erben. Die Septs rekrutierten häufig Leute aus der normalen Welt – vorbehaltlich strengster Sicherheitsüberprüfungen. Aber einflussreiche Eltern zu haben, war definitiv ein Vorteil. Dies unterschied sich so völlig von den Spellcraftern, bei denen magische Kräfte von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden. Was Lucy betraf, so hatte sie ihre Fähigkeiten in erster Linie von ihrer Mutter geerbt, die ebenso wie sie und Oma Serena eine Glasbläserin gewesen war.
Kurz gesagt war genau das der Unterschied, dachte Lucy. Was Erfolg anbelangte, so drehte sich bei den Septs alles um Karrierechancen. Bei Spellcraftern lag er im Blut.
„Warum lächelst du?“, fragte Carter.
„Hä?“
„Was ist so lustig?“
„Oh, nein, es ist nichts.“ Lucy fummelte an ihren Haaren herum. „Sorry, dass ich in dich reingerannt bin.“
„Wie schon gesagt, kein Problem.“
Mit diesen Worten eilte Carter seinem Vater und dessen Sept-Argent-Gefolge hinterher.
Lucys Wangen glühten, während sie ihr Smartphone herauszog und Renly eine Nachricht schickte.
Wo bist du?
Er antwortete sofort: BLAUSZELT! SCHNEID-ZONE. KOMMSCHNLL!
Warum verwendete Renly eigentlich beharrlich für alles Großbuchstaben?
Lucy stieg auf die Bank und ließ den Blick suchend über die Menge schweifen. Sie entdeckte das blaue Zelt auf der Stelle. Es war unmöglich zu übersehen. Sie sprang von der Bank und eilte darauf zu. Renly erwartete sie am Eingang und spielte mit einem Fidget Spinner herum.
„Was ist das hier?“, fragte Lucy.
„Eine Schneiderkunst-Demonstration. Komm schon, das musst du dir ansehen.“
Rund ein Dutzend Leute hatte sich bereits im Zelt versammelt. Eine blaue, mit Wassertropfen gesprenkelte Plastikplane bedeckte den Boden. Ein Mädchen stolzierte darauf wie ein Supermodel auf dem Laufsteg herum. Sie trug etwas, das wie ein silberfarbener Raumanzug aussah. Als sie Lucy und Renly entdeckte, blieb sie stehen.
Lucys Laune sank schlagartig auf Null. Das Mädchen war niemand anderes als Adele Flaremason.
„Hallo, ihr Loser“, begrüßte Adele sie.
„Hi, Adele“, erwiderte Renly. „Was gibt’s hier Schönes?“
„Für dich nichts, Vollpfosten.“
Jemand in der kleinen Menge lachte über ihre Bemerkung. Lucy wusste nicht, ob Adeles Gesichtsausdruck ein arrogantes Grinsen oder ein höhnisches Lächeln darstellen sollte. Vermutlich beides. Zumindest Renly schien die Beleidigung nicht weiter zu stören. Was Lucy anging, so war es für sie völlig in Ordnung, dass sie und Adele nicht miteinander konnten – und das, obwohl sie gelegentlich zusammen im Workshop Unterricht hatten. Man konnte eben nicht mit allen gut Freund sein. Aber warum musste das Mädel immer so verdammt gemein sein?
Adele kehrte ihnen den Rücken zu und machte sich wieder ans Auf- und Abstolzieren, vollkommen gefangen in ihrer Supermodel-Rolle.
„Ich danke Ihnen ganz herzlich, dass Sie zu meiner Schneiderkunst-Vorführung gekommen sind“, begrüßte sie das Publikum und drehte sich tänzerisch im Kreis. „Ich kann es gar nicht erwarten, Ihnen meine neueste supertolle Kreation zu präsentieren. Ich nenne sie den Sag-dem-Regen-Ade-Anzug.“
„Warum muss bei ihr immer alles ,supertoll‘ sein?“, murmelte Renly.
„Beachten Sie das Fadenmuster an den Nähten“, fuhr Adele fort. „Wie Sie sehen können, habe ich ein doppelt rückgebogenes Stichmuster benutzt, verstärkt mit einer halbstarken Infusionseinheit Aether. Das ganze Kleidungsstück ist garantiert wasserdicht.“
„Beweis es!“, rief ein Junge.
„Mit Vergnügen.“
Adele schnippte mit den Fingern und eine bucklige Frau kam durch eine Klappe ins Zelt geschlurft. Sie hatte einen Schlauch dabei und trug Eisenschellen an den Handgelenken. Ihr Gesicht – das ebenso übermüdet aussah wie das des Jugendlichen am Imbisstresen –, wies eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Adeles Zügen auf. Lucy hatte sie schon einmal gesehen. Sie war ziemlich sicher, dass dies Adeles Tante war.
„Dreh auf!“, befahl Adele.
Die Frau öffnete einen Hahn und Wasser schoss aus dem Schlauchende. Der Strahl klatschte gegen Adeles Raumanzug, nur um in einem feinen Sprühnebel wieder zurückgespritzt zu werden. Jetzt war Lucy klar, warum der Boden mit der Plastikplane bedeckt war.
„Klasse“, kommentierte Renly.
Bei näherer Betrachtung erkannte Lucy, dass das Wasser den Anzug überhaupt nicht traf: Es prallte von ihm ab, bevor es überhaupt in dessen Nähe kam. Der Anzug musste von irgendeiner Art unsichtbarem Kraftfeld umgeben sein.