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Tief unter der Erde verbirgt sich eine uralte Stadt voller Wunder und Magie. Doch in Catacombia schlummert auch ein düsteres Geheimnis … Es herrschen finstere Zeiten in Catacombia, denn die machthungrige Dämonin Grimorga strebt danach, die Herrschaft über die unterirdische Stadt an sich zu reißen. Dazu hat sie einen teuflischen Plan ausgeheckt: Mithilfe implantierter Chips will sie die Catacombier zu willfährigen Dienern machen. Nur einer verweigert ihr stur die Gefolgschaft: Sam. Doch ausgerechnet ihn braucht sie, um ihr Ziel zu erreichen. Also lockt sie ihn mit einem großen Versprechen: seine Mutter wiederzufinden. *** Die neue Trilogie von Erfolgs-Autor R. L. Ferguson! *** Venedig? Das war Sams erster Gedanke, als er auf die Stadt unter sich starrte. Unmittelbar gefolgt von einem zweiten: das alte Griechenland? Keines von beidem schien zuzutreffen. Bin ich etwa in Indien? Oder Ägypten? Es waren alle diese Orte und dennoch keiner von ihnen. Breite Straßen schlängelten sich zwischen kunstvoll verzierten Häusern, hohen Pyramiden und gedrungenen Tempelbauwerken hindurch. Zierliche Brücken führten über Kanäle, die sich kreuz und quer durch die Stadt zogen. Auf vielen Dächern wuchsen üppige Gärten. Und hoch über allem ragten Türme aus Glas in die Höhe ... Entdecke alle Abenteuer der Reihe "Catacombia": Band 1: Abstieg in die Tiefe Band 2: Grimorgas Erwachen Band 3: Hüter der Flamme Kennst du schon R. L. Fergusons spannende Reihe rund um "Die Schule der Alyxa"?
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2022
Sams Fuß glitt ab und unversehens fand er sich an der nackten Wand der vereisten Klippe hängend wieder – nur noch gehalten von den Fingerspitzen. Trotz der dicken Handschuhe, die er trug, waren die Hände starr vor Kälte. Seine Füße baumelten in der Luft. Furcht griff nach seinem rasenden Herzen.
Nach einigen Sekunden verzweifelten Strampelns gelang es ihm schließlich, die metallenen Klettereisen an den Stiefelspitzen in das Eis zu graben. Vorsichtig erlaubte er den Beinen, wieder sein Gewicht zu tragen. Das Eis hielt. Erleichterung durchströmte ihn.
Mit leichtem Zittern kletterte er die letzten zehn Meter der Felswand empor. Als er sich oben auf den schneebedeckten Felsvorsprung zog, peitschte ihm die ungebremste Kraft des eisigen Windes ins Gesicht. Zum Schutz vor dem frostigen Hieb biss er die Zähne zusammen und beugte sich den Abgrund hinab.
„Ist nicht so übel, wie’s aussieht!“, rief er.
„Sagt der Junge, der fast in eine Gletscherspalte gefallen wäre!“ Ellas Stimme wehte von irgendwo weiter unten zu ihm hinauf. Sie selbst war in einer wirbelnden Wolke aus Schnee verborgen.
„Die Leiter war wacklig!“
„Ein schlechter Kletterer schiebt’s immer auf die Ausrüstung!“
Endlich tauchte Ella aus der Wolke auf. Vorsichtig arbeitete sie sich mithilfe ihres Eispickels empor, während sie das Seil, das sie beide verband, als Leithilfe benutzte. Dem schlüpfrigen Bereich ausweichend, in dem Sam beinahe abgestürzt wäre, vollendete sie den Kletterabschnitt und gesellte sich zu Sam auf den Felsvorsprung. Er half ihr, sich auf die Beine zu hieven, bevor sie sich noch ein wenig weiterschleppten, um unter der überhängenden Kante einer Schneewehe Schutz zu suchen. Zumindest für den Moment waren sie hier nicht mehr den Elementen ausgesetzt.
„Hätte echt gedacht, dass wir schon längst tot wären“, sagte Ella und rang nach Atem.
„Danke für das Vertrauensbekenntnis“, erwiderte Sam. Er blickte den Berg Richtung Gipfel hinauf, in den Mahlstrom aus wirbelndem Eis. „Na, egal, ist noch Zeit genug.“
Hinter ihnen knirschten Schritte im Schnee. Als Sam sich umwandte, erfasste sein Blick einen untersetzten Mann, der einen hellgrünen Thermoschneeanzug trug. Sein rotes Gesicht lugte aus einer pelzverbrämten Kapuze hervor. Kleine Eiskristalle hingen von seinem buschigen Schnurrbart herab.
„Wenn ihr euch beeilt“, sagte Master Gaff, „seid ihr die ersten auf dem Gipfel.“
Sam wollte sich gerade schon wieder auf den Weg machen, als die Wolken sich ein wenig lichteten. Langsam klärte sich die Sicht und gab in voller Höhe den Blick auf jene Felswand frei, die sie gerade emporgeklettert waren – einschließlich der tückischen Berghänge, die sich darunter erstreckten.
Der Anblick verschlug ihm den Atem. Es war kaum zu glauben, dass sie nur noch ein paar Hundert Meter vom Gipfel des Mount Everest trennten.
Der Aufstieg von Camp 4 war unglaublich hart gewesen und die Schneesturmbedingungen hatten alles nur noch schlimmer gemacht. Es schien eine Ewigkeit gedauert zu haben, bis sie einen markanten Felsabsatz, den sogenannten „Balkon“, erreicht hatten – und sogar noch länger, um zum Schneedom des Südgipfels zu gelangen. Aber jetzt hatten sie den Hillary Step erfolgreich bezwungen. Der Rest sollte relativ einfach sein.
„Komm“, sagte Sam und zog Ella hoch. „Letzte Runde.“
Ein bestürzter Ruf drang aus der Tiefe zu ihnen hinauf. Sam starrte in den Abgrund.
Zwei weitere Kletterer hatten den gefährlichen Abschnitt der Felswand erreicht. Wanda, in Blau gekleidet, hatte ihren Eispickel fallen gelassen und klammerte sich mit den behandschuhten Fingerspitzen an die Felswand. Boric – in der hellgelben Jacke unschwer zu erkennen – versuchte verzweifelt, sie zu erreichen.
„Wanda!“, schrie Sam. „Nicht vom Fleck rühren!“
Aber er konnte die Panik in ihren Augen erkennen. Ihr von der Kapuze umrahmtes Gesicht war zu einer Maske des Horrors verzogen. Im nächsten Moment glitt ihre rechte Hand ab. Sie stürzte und schoss an Boric vorbei, der sich unmittelbar unter ihr an das Eis krallte. Das Seil, das sie miteinander verband, straffte sich und Boric wurde mit einem Aufschrei aus der Felswand gerissen. Kreischend sausten beide in die Tiefe. Sie hatten nicht die geringste Chance.
„Wie überaus unglücklich“, merkte Master Gaff kopfschüttelnd an, während er verfolgte, wie sie sich im Zuge ihres Absturzes in kleine Punkte verwandelten. „Hätten sie doch zu Beginn des Unterrichts nur besser aufgepasst.“
Unmittelbar bevor die fallenden Kids auf die tödlichen Felsbrocken Hunderte Meter unter ihnen aufschlugen, schimmerte dort ein Gewebe aus Licht auf, das sich an den Konturen der Landschaft orientierte. Sam erhaschte einen Blick auf etwas innerhalb der Felsen – ein glühendes Muster, das ein wenig wie eine Leiterplatte in einem Computer aussah.
Mit einem Flimmern verschwanden Wanda und Boric aus ihrer Existenz.
„Sam?“, hörte er Ella neben sich. „Bist du okay?“
„Äh … klar“, antwortete er.
Er zog seinen Handschuh aus und drückte die Handfläche gegen die Nackenseite. So gerade eben konnte er den harten quadratischen Umriss des Metachips spüren, der dort unter seiner Haut verborgen war, und er musste an den Tag denken, als man ihm diesen implantiert hatte. Der Tag, an dem er zum ersten Mal einem Medizin-Dschinn begegnet war – einem schwirrenden Roboterinsekt, das nur allzu erpicht darauf gewesen war, ihm einen Stich mit seiner Injektionsnadel zu verpassen. Und gleichzeitig der Tag, an dem er erstmals dem Rat begegnet war.
Sein erster Tag in Catacombia.
Das alles kam ihm nun wie ein Traum vor. Und dennoch: Hier war er – und lebte immer noch darin.
Sam zog seinen Handschuh wieder an und blickte sich voller Staunen um. Nahm die steil wogenden Hänge in sich auf, die sich unter ihm erstreckten. Den Gipfel, der über ihm steil in die Höhe ragte. Spürte das Prickeln der dünnen Bergluft in der Kehle. Schmeckte die samtene Kälte der im Wind treibenden Schneeflocken – und rief sich in Erinnerung, dass nichts davon real war.
Er war überhaupt nicht auf dem Mount Everest. Nicht in Nepal. Und er trug nicht einmal die gepolsterte Jacke, die seinen Körper vor den Elementen abschirmte. Dank des winzigen Chips in seinem Nacken hatte er Zugang zu einer gigantischen Holosimulation in den Tiefen der catacombischen Akademie. Das Ganze war nichts anderes als eine einzige, gewaltige Illusion. Was Wanda und Boric betraf, so waren sie zum Glück nicht tot, sondern einfach nur aus dem Spiel genommen worden.
„Was ist los?“, fragte Ella.
„Nichts“, erwiderte Sam. „Es ist nur dieser Ort hier. Catacombia. Er ist ziemlich erstaunlich, weißt du?“
Sie grinste. „Tja, ganz unsere Meinung.“
Sam blickte wieder nach unten und nahm wahr, dass die Felswand nun vor Kletterern wimmelte. Die anderen Kids schlossen zu ihnen auf. An der Spitze war Gabriel, der zuversichtlich in seinem golden schimmernden Schneeanzug dahinklettere. Melsie, seine Partnerin, blieb zurück. Jedes Mal, wenn Gabriel vorwärtsdrängte, straffte sich das Seil zwischen ihnen und riss ihn zurück.
„Worauf wartest du?“, schrie Gabriel zu seiner Partnerin hinab. „Mach hin!“
„Ich klettere, so schnell ich kann“, rief Melsie zurück. Da war ein Riss in ihrer Jacke und Sam konnte sehen, dass sie zitterte. Die Simulation konnte verrückte Spielchen mit dem Geist treiben. Das war der Witz an der Sache.
Melsie langte nach einem Halt und verfehlte die angepeilte Stelle. Über das Eis scharrend, rutschte sie mehrere Meter in die Tiefe, bevor sie sich wieder fing. Sie klammerte sich an die Felswand und zitterte vom Kopf bis zu den Zehen.
„Ich hab die Nase voll.“ Gabriel zog ein Messer aus seinem Gürtel.
„Das macht er jetzt doch nicht wirklich, oder?“, sagte Sam.
Schockiert schüttelte Ella den Kopf. „Glaub schon.“
Sirrend zerfetzte eine Seilfaser nach der anderen.
„Du bist echt ein Arsch“, japste Melsie, bevor auch schon der letzte Strang durchtrennt war. Sie fiel, krachte in ein Kletterpaar unmittelbar unter ihr und riss die beiden mit sich. Zu dritt stürzten sie in die Tiefe und fegten in einer schrecklichen Kettenreaktion diverse andere Klassenkameraden von der Felswand. Der gesamte Berg schien vor Licht zu pulsieren, als ein Bergsteiger nach dem anderen die Simulation verließ.
„Seid besser auf der Hut“, rief Gabriel unbeeindruckt zu ihnen hinauf, als er sich an den letzten Abschnitt der Felswand machte, während das durchtrennte Seil unter ihm hin und her baumelte. „Euch knöpf ich mir als Nächstes vor.“
„Das war kein sehr sportlicher Zug.“ Master Gaff wandte sich zu Sam und Ella. „Ich schlage vor, ihr beginnt mit eurem finalen Anstieg.“
Das musste man Sam nicht zweimal sagen. Ausgeschlossen, dass sie sich von Gabriel auf dem Weg zum Gipfel ausstechen ließen.
„Los“, sagte er.
„Klebe dir sozusagen an den Hacken“, erwiderte Ella.
Um den Gipfel zu erreichen, mussten sie sich auf einem schmalen Grat vorankämpfen, der von Schnee bedeckt und von Geröll übersät war. Das Klettern selbst war nicht allzu schwierig, aber so, wie der Grund auf beiden Gratseiten steil in die Tiefe abfiel, war er gefährlich exponiert. Sam hatte das Gefühl, als würde er sich auf einer Messerschneide bewegen.
Sie wechselten sich an der Spitze ab und bewegten sich von einem sicheren Punkt zum nächsten, während sie jeweils darauf warteten, dass der Partner nachkam. Sie stellten ein großartiges Team dar. Doch Sam wusste, dass dies nichts mit Gedankenlesen zu tun hatte, sondern mit Gedankenfeuer – dieser geheimnisvollen geistigen Fähigkeit, die alle Catacombier sich zunutze machen konnten. In den Wochen, die seit seiner Ankunft in Catacombia vergangen waren, hatten sich Sams eigene Gedankenfeuer-Fähigkeiten in bemerkenswertem Tempo verbessert. Was einfach nur verwunderlich war … Schließlich hatte er in Wirklichkeit doch nicht einmal überaus hart dafür trainiert. Bei seiner Ankunft war er ein hoffnungsloser Fall gewesen, aber etwas hatte sich verändert: Es war fast, als hätte jemand einen Wasserhahn aufgedreht. Jetzt, da seine Kräfte leichter flossen, fühlte Sam sich mit jedem weiteren Tag, der verstrich, mehr als ein Teil von Catacombia. Ziemlich bemerkenswert für einen Jungen, der aus einer Stadt auf der Oberwelt hierher heruntergefallen war.
Aber vielleicht war es auch gar nicht so bemerkenswert, wenn man bedachte, dass Sam ursprünglich in Catacombia zur Welt gekommen war.
Als sie fast das Ende der Strecke erreicht hatten, hielt er inne und warf einen Blick in die Tiefe, zunächst nach links, dann nach rechts. Hier war er nun und bewegte sich auf einem Grat zwischen zwei alternativen Welten. Zwei möglichen Schicksalen.
Für welches würde er sich entscheiden?
„Geh weiter, Dummkopf.“ Ella verpasste ihm einen Klaps auf den Rücken. „Siehst du denn nicht? Der Gipfel ist direkt vor uns.“
Die letzte Strecke kletterten sie Seite an Seite, bis sie schließlich die höchste Spitze des Berges erreichten, wo Master Gaff sie bereits erwartete. Nach Luft ringend, blieben sie schwer schnaufend vor ihrem Lehrer stehen.
„Gut gemacht!“, lobte Gaff. „Ausgezeichnete Teamarbeit.“
„Wie sind Sie vor uns hergekommen?“, staunte Sam.
„Wenn du der Designer der Simulation wärst, würdest du dann nicht auch ein paar Abkürzungen einbauen?“ Der Schnee um Master Gaffs Stiefel zischte, woraufhin er in den Boden zu sinken begann. „Ihr habt zwei Minuten, um den Ausblick zu genießen. Dann ist die Stunde zu Ende.“ Sekunden später war er verschwunden.
Hand in Hand standen Sam und Ella auf dem Gipfel des höchsten Berges der Erde und drehten sich einmal langsam im Kreis, während sie das spektakuläre Panorama des Himalaja-Gebirges in sich aufnahmen, das sich unter ihnen ausbreitete. So weit der Blick reichte, stiegen und fielen die Bergspitzen wie gefrorene Wellen eines gewaltigen Ozeans, um sich dann in weiter Ferne zu verlieren. Grelles Sonnenlicht besprenkelte die Gipfel mit kalter Magie.
Wieder einmal war Sam von Ehrfurcht überwältigt. Dieses Mal staunte er nicht nur über den Realismus der Simulation, sondern über ihre schiere Dimension. Welche gigantischen Datenströme waren erforderlich, um eine Illusion dieser Größe und Auflösung zu erschaffen? Mit seinem Verständnis über die Funktionsweise war es nicht weit her. Catacombische Technologie hatte sich komplett unabhängig von derjenigen der Oberwelt entwickelt. All dies – der Ausblick vor ihm – war in Catacombias Großer Bibliothek gespeichert. Dort fokussierten die Chronisten ihre Gedankenfeuer-Fähigkeiten darauf, die gesamte Geschichte der Oberwelt bis zu ihren Quellen zurückzuverfolgen und zu speichern, indem sie auf Erinnerungen zugriffen und sie reproduzierten. Erinnerungen, die auf ihrer geheimnisvollen, ganz eigenen Art von Festplatte gespeichert waren, deren Funktionsweise er nicht einmal ansatzweise verstand.
Er spürte, wie Ella neben ihm zitterte.
„Was ist los?“, fragte Sam.
Ella grinste. „Oh, es ist nur dieser Ort hier. Die Oberwelt. Sie ist ziemlich unglaublich, weißt du?“
Sam antwortete mit einem Lächeln. „Das finden wir da oben auch.“
„Ihr braucht gar nicht so selbstzufrieden aus der Wäsche gucken!“
Es war Gabriel. Er hatte die Kapuze zurückgestreift und starrte sie zornig an, während seine Haare im Wind wehten. Er hielt seinen Eispickel auf Schulterhöhe, als plante er, gleich damit zuzuschlagen. In seinen zusammengekniffenen Augen lag ein wachsamer Ausdruck.
„Stimmt, wir sind ziemlich zufrieden mit uns“, bestätigte Sam. „Vor allem, weil wir vor dir hergekommen sind.“
Gabriels behandschuhte Finger verstärkten den Druck um den Schaft des Pickels und er trat einen drohenden Schritt auf sie zu. Sam seufzte. Seit Tag eins hatte Gabriel ihm Ärger bereitet und es verging kein Tag an der Akademie, an dem er Sam nicht beleidigte, bedrohte oder – wenn gerade keine Lehrer zusahen – ihm einen Schlag auf den Arm verpasste oder ein Bein stellte. Nicht dass Sam sich groß darum scherte. Auf seinem Weg durch das staatliche Fürsorgesystem der Oberwelt hatte er mit Schlimmerem zu tun gehabt. Gabriel war wie jeder andere Rüpel, dem er je begegnet war. Unglücklich. Das Beste war, es zu ignorieren … es klaglos durchzustehen.
„Warum kletterst du nicht einfach weiter?“, sagte Gabriel und warf den Kopf himmelwärts. „Den ganzen Weg in diese zurückgebliebene Welt hinauf, aus der du kommst.“
„Lass es, Gabriel“, erwiderte Ella. „Sam ist hier, um zu bleiben.“
„Solange er mir nicht in die Quere kommt.“
Gabriel ließ den Eispickel in den Schnee fallen und marschierte auf Sam los, bis sie Brust an Brust standen. Sam wich nicht zurück, sondern hielt dem Blick des größeren Jungen reglos stand.
„Du träumst davon, einer von uns zu sein, stimmt’s?“, knurrte Gabriel.
Sam sagte nichts.
„Tja, träum weiter!“ Gabriel pflanzte Sam beide Hände auf die Front seiner Thermojacke und stieß hart zu. Sam flog nach hinten, schlug hart auf und begann zu rutschen. Es gelang ihm, sich auf den Bauch zu rollen, doch seine rudernden Arme fanden keinen Halt im pulvrigen Schnee. Er schlitterte auf den Rand des schieren Abgrunds zu, kippelte dort kurz – und fiel.
„Sa-a-ham!“
Ellas Schrei verhallte, als Sam kopfüber durch die dünne, kalte Luft fiel. Laut rauschend pfiff der Wind an ihm vorbei und trieb ihm die Luft aus den Lungen, während ein Ring aus schneebedeckten Felsen auf ihn zuschoss – Zähnen gleich, die ihn in einem hungrigen Maul erwarteten. Er öffnete den Mund, um zu schreien, als …
… er sich blinzelnd aufrecht stehend in einer dunklen leeren Kammer wiederfand, gekleidet in seiner normalen grauen Tunika. Als er auf seine Füße blickte – die nun nicht mehr in schweren Bergsteigerstiefeln steckten, sondern in weichsohligen catacombischen Sneakern –, nahm er winzige Lichtpunkte wahr, die über den Boden davonjagten … die letzten Überbleibsel der Everest-Simulation, die sich in der Finsternis verflüchtigten.
Sam holte tief Luft, um den Atem sogleich wieder in einem langen, langsamen Schauder von sich zu geben. Vom Gipfel des Mount Everest in den Tod zu stürzen, ließ einen sich schon ein bisschen zittrig fühlen, selbst wenn es nicht wehtat.
Ella stand in der Nähe mit Gabriel an ihrer Seite, während sich der Rest ihrer Klassenkameraden dahinter in einem Kreis versammelt hatten.
Gabriel lachte und mit einem Mal hatte Sam genug davon, alles klaglos hinzunehmen. Stattdessen fragte er sich, wie es sich wohl anfühlte, wenn er Gabriel die Faust in die höhnisch verzogene Fresse hämmern würde. Dem finsteren Ausdruck auf Melsies Gesicht nach zu urteilen, empfand sie wohl genau das Gleiche.
Bevor Sams Wut sich weiter steigern konnte, erschien Master Gaff. „Ich habe dich wegen deines Verhaltens gewarnt“, sprach er zu Gabriel. „Melde dich nachher bei mir. Wir werden eine Unterhaltung darüber führen, wie wichtig es ist, eine Niederlage mit Würde zu akzeptieren.“
Gabriel schürzte die Lippen und Sam dachte schon, er würde den Lehrer herausfordern. Aber der Moment verstrich und Gabriel stapfte stumm davon, die Hände an den Seiten zu Fäusten geballt.
Sams Wut verrauchte so schnell, wie sie gekommen war. Er machte schon Anstalten, Gabriel zu folgen, als Ella ihn mit ausgestreckter Hand stoppte.
„Mach’s nicht noch schlimmer“, warnte sie.
„Ich will nur mit ihm reden“, erwiderte Sam. „Du hattest recht: Ich bin hier, um zu bleiben. Und das wird bedeutend leichter sein, wenn ich nicht jeden verdammten Tag der Woche mit Gabriel zusammenrassele.“
„Wir haben keine Wochen in Catacombia.“
„Du weißt, was ich meine.“
„Er muss einfach nur runterkommen.“ Sie musterte ihn mit scharfsinnigem Blick. „Und du vielleicht auch.“
Master Gaff klatschte in die Hände.
„Ihr dürft jetzt gehen“, verkündete er, um sogleich hinzuzufügen: „Nicht vergessen: Morgen ist die Akademie wegen des Erneuerungsfestes den ganzen Tag geschlossen. Ich empfehle ein frühes Eintreffen am Heiligtum, wenn ihr einen guten Platz haben wollt!“
Er schritt durch die Simulationskammer davon und die Klasse begann sich zu zerstreuen.
„Schnappen wir uns ein Pod“, sagte Ella.
Joggend machte sie sich auf den Weg zu einer Ansammlung kugelförmiger Fahrzeuge, die in der Ecke der Kammer geparkt waren. Sam folgte in gemächlicherem Tempo, während er sich fragte, was der morgige Tag wohl an neuen Überraschungen auf Lager haben mochte.
Bei seinem letzten Besuch im Heiligtum hatte ein Terrorist versucht, die Äbtissin zu töten, bevor er sich selbst in die Luft sprengte. Nicht lange danach hatte eine sogar noch größere Explosion den Hub beschädigt und die gesamte unterirdische Stadt ins Chaos gestürzt. Es war wie eine Erinnerung daran, dass Catacombia genau die gleiche Art von Problemen hatte wie die Oberwelt.
Das Erneuerungsfest – eine ganztätige Feier, gewidmet der Heilung der Wunden und der Wiederherstellung des Friedens – sollte das Ende aller Gewalt markieren.
Sam wollte gern glauben, dass man diese Kurve kriegen könnte, aber irgendwie zweifelte er daran.
Einige Wunden schwärten ewig.
„Das war cool“, sagte Ella, als das Pod automatisch den Hauptkorridor der Akademie entlangsteuerte und dem Gefährt vor ihnen folgte.
„Was, der Erste auf dem Gipfel des Everest zu sein?“, hakte Sam nach.
„Das auch. Tatsächlich habe ich aber gerade daran gedacht, wie du dich davon abgehalten hast, Gabriel eins auf die Nase zu geben.“
Sam lachte. „Glaub mir, die Versuchung war groß.“
Das Pod näherte sich der Außenwand der Akademie, die binnen Sekunden zerfloss, bevor das fliegende Fahrzeug sie erreichte. Sobald sie hindurch waren, morphte sie sich hinter ihnen wieder in die alte Struktur zurück. Catacombia war voller beiläufiger Alltagswunder wie diesem, ohne dass Sam ihrer jemals überdrüssig wurde.
Außerhalb der Akademie-Mauern breitete sich im orangefarbenen Abendlicht Catacombias Stadtkern vor ihnen aus. Die Stadt erinnerte an ein riesiges Amphitheater – eine schüsselförmige, tief in den massiven Fels getriebene Senke, in der sich Bauwerke aller möglichen Stilrichtungen zusammenballten.
Kaum hatte das Pod eine malerische Plaza mit gefliestem Grund überflogen, als es auch schon an einem schnittigen Wolkenkratzer aus Glas vorbeifegte. Augenblicke später passierte es einen mehrstufigen Turm, der Sam an eine chinesische Pagode erinnerte.
Er saugte den Anblick in sich auf. Es gab so unendlich viele Wunder hier, zu viele, um sie zu zählen.
„Hörst du mir überhaupt zu?“, riss Ella ihn aus seinen Gedanken.
„Was? Oh, ja. Gabriel. Ich schätze, er tut mir leid.“
„Wegen Cassia?“
Sam nickte.
Das Pod beschrieb eine scharfe Kurve, um dem Lauf eines der vielen Kanäle zu folgen. Catacombia war durchsetzt von großen Wasserflächen und miteinander verbundenen Inseln. Einige Gebäude trieben auf der Wasseroberfläche, während andere – wie zum Beispiel Ellas Haus – zum größten Teil unter Wasser lagen.
„Wir könnten ihm die Wahrheit sagen“, schlug Ella vor. „Ihm erzählen, wie sie wirklich gestorben ist.“
„Ich glaube nicht, dass das helfen würde“, sagte Sam offen heraus. „Das würde er nie glauben. Egal … Du weißt, dass wir das nicht können.“
Widerstrebend lenkte Sam seine Gedanken zum entsetzlichen Showdown in der Kammer unter dem Heiligtum zurück, wo die grausame Dämonin Grimorga sich aus ihrem uralten Gefängnis erhoben hatte. Cassia war ein Mädchen aus der Akademie gewesen und zugleich Gabriels beste Freundin – vielleicht mehr. Es war Cassia gewesen, die Sam in die alte Kammer geführt hatte – er hatte ihr vertraut, nur um von ihr hintergangen zu werden, als sie sich als Mitglied der sogenannten Jünger entpuppt hatte. Diese hatten sich der Befreiung Grimorgas aus ihrem unterirdischen Kerker verschrieben und waren bereit, die dämonische Feindin Catacombias bei der Zerstörung der Stadt zu unterstützen – um anschließend die Welt unter ihrer Herrschaft wieder neu aufzubauen.
Cassia hatte den Preis bezahlt und war von den Trümmern der eingestürzten Kammer zerschmettert worden. Aber was Gabriel und so ziemlich jeden anderen anbelangte, so war Cassia gestorben, als die Jünger die Bombe am Hub gezündet hatten.
„Vielleicht ahnt er etwas“, überlegte Sam. „Oder vielleicht ist er auch einfach nur wütend auf die Welt und ich bin ein leichtes Ziel. Egal, wenn’s um Cassia ging, war er immer eifersüchtig, vor allem als sie so tat, als wär sie meine Freundin.“
„Schöne Freundin“, schnaubte Ella. „Sie war ein echtes Miststück.“
Damit hatte Ella nicht unrecht. Cassia war bereit gewesen, nicht nur Sam zu opfern, sondern auch ihre eigene Großmutter – die Äbtissin des Heiligtums und Anführerin der Diakone, deren Aufgabe es war, Grimorgas Gefängnis zu bewachen.
„Hast du gehört, wie es der Äbtissin inzwischen geht?“, fragte Sam, seinem Gedankenstrom folgend.
„Sie ist dabei, sich zu erholen, denke ich. Sie hoffen sogar, dass sie morgen das Erneuerungsfest leiten kann.“
Das Pod scherte seitwärts in eine schmale Gasse aus, um einen Verkehrsstau zu umgehen. Fachwerk-Lagerhäuser erhoben sich zu beiden Seiten. Ihre Wände waren von Rissen und kleinen Kratern überzogen und einige Dächer waren eingestürzt – Schäden, die durch den Trümmerregen verursacht worden waren, der infolge der Hub-Explosion herabgeregnet war. Die Reparaturen in der ganzen Stadt liefen auf Hochtouren, aber es war weiterhin nicht ungewöhnlich, auf Inseln der Zerstörung wie diese hier zu stoßen.
„Ich hasse es, dass wir die Einzigen sind, die die Wahrheit kennen“, fuhr Ella fort. „Und dass wir wegen alldem dauernd lügen müssen.“
„Besser stumm als tot“, kommentierte Sam.
Ungeachtet aller catacombischen Wunder beruhte die Geschichte der Stadt nur auf Halbwahrheiten. Generationen von Bewohnern waren im Glauben aufgewachsen, dass Grimorga einfach nur ein Märchen sei. Eine Gründungssage, die sich aus den Nebeln der Vergangenheit herausgeschält hatte – über eine Gottheit, die ihnen die Gabe des Gedankenfeuers gegeben hatte, nur um dann zurückgewiesen zu werden. Lediglich wenige Auserwählte wussten mittlerweile, dass Grimorga real war: die Diakone selbst und gewisse hochrangige Mitglieder des catacombischen Rates. Und natürlich Sam und Ella, die die Dämonin mit eigenen Augen gesehen hatten.
Sam war sich nicht sicher, was die Eingeweihten am meisten daran fürchteten, wenn die Wahrheit herauskäme – einmal abgesehen vielleicht von der Angst selbst. Trotzdem würden einige von ihnen zu tödlichen Mitteln greifen, um das Geheimnis zu wahren. Sam war dahin gehend explizit von Farzan gewarnt worden – dem Oberhaupt der städtischen Geheimpolizei, den sogenannten Lauschern. Gewarnt, über alles den Mund zu halten, was er unter dem Heiligtum mit angesehen hatte.
Sam wünschte, er könnte es vergessen. Selbst jetzt noch, viele Wochen später, sah Sam in seinen Träumen, wie die monströse Gestalt des Dämons ihrem Schlaf entstieg – eine Kreatur, die geradewegs der Hölle entsprungen schien.
Als sie wieder aus der Gasse herauskamen, hatte sich der Himmel von Orange zu Violett verdunkelt: ein Wunder, wenn auch ein künstliches. Die Farben stammten von den Elektriszenz-Paneelen, die das scheibenförmige Solar umkränzten – Catacombias Äquivalent der Sonne. Während die Paneele ihre Farbe und Helligkeit von einem grellen Gelb zur Mittagszeit zu einem dunklen Indigoblau um Mitternacht änderten, verharrte das Solar selbst fest fixiert am Himmel. Woraus sich eine weitere Besonderheit Catacombias ergab: Tag und Nacht kamen und gingen, doch niemals bewegten sich die Schatten. Eine geniale Täuschung und ein technologisches Wunder.
„Weißt du“, redete Ella mit einem Lächeln weiter. „Ich glaube, es gibt einen viel einfacheren Grund, warum Gabriel dich nicht mag.“
„Und zwar?“
„Du hast ihn von seinem Thron gestoßen.“ Als Sam mit einem verwirrten Blick reagierte, fuhr sie fort: „Gabriel war immer der Klassenbeste. Er mag vielleicht nervig sein, aber er ist sehr smart und seine Gedankenfeuer-Fähigkeiten gehen schier durch die Decke. Doch jetzt bist du aufgekreuzt.“
Sam spürte, wie er rot wurde. „Ich bin nicht so gut.“
„Noch nicht“, erwiderte sie und beugte sich eifrig vor. „Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so schnelle Fortschritte macht wie du. Du hast dich zu einem super Pod-Piloten entwickelt und kannst Dschinns genauso gut kontrollieren wie jeder andere Catacombier.“
Sam musste eingestehen, dass da was dran war. „Ich bin Catacombier, schon vergessen?“
Obwohl sie allein im Pod waren, blickte Ella sich nervös um. „Ich dachte, wir würden nicht darüber reden.“
„Hier drin sind nur wir zwei. Niemand hört zu.“
Sie betrachtete ihn mit ernstem Ausdruck.
Sam erinnerte sich nicht an seine Eltern, nicht im wirklichen Sinn jedenfalls. Was er herausgefunden hatte, stammte von Besuchen in der Bibliothek und den kurzen Unterhaltungen, die er mit den Jüngern geführt hatte, als diese ihn zeitweilig gekidnappt hatten. Was er erfahren hatte, hatte ihn gleichermaßen getröstet wie beunruhigt. Seine Eltern waren selbst Jünger gewesen – Feinde Catacombias, die sich der Rückkehr Grimorgas verschrieben hatten. Erst als man von ihnen verlangt hatte, ihr Kind Grimorga zu überlassen und so das ultimative Opfer zu bringen, hatten sie sich geweigert und waren mit Sam als Säugling in die Oberwelt geflohen. Es hatte sie das Leben gekostet und Sam blieb als Waisenkind zurück, das dann mit einem ganzen Haufen Fragen zu seiner Vergangenheit in staatlicher Obhut aufgewachsen war.
Ella kannte die Geschichte in groben Zügen und Sam rechnete es ihr hoch an, dass sie nicht weiter nachfragte. Es war ihm unmöglich, seine Empfindungen in Bezug auf seinen Dad und seine Mum in Worte zu fassen. Denn in Wahrheit war er sich nicht einmal selbst darüber im Klaren. Immer noch erfuhr er Neues über die Vergangenheit und damit auch etwas über seinen Platz in der jetzigen Welt.
Er schüttelte sich unmerklich, bestrebt das Thema zu wechseln. „He, willste mal meinen neusten Trick sehen?“
„Und ob!“
Sam presste die Hände gegen die Wangen und ließ sie dann auf die Schenkel sinken, um sich in den Zustand mentaler Bereitschaft zu versetzen, der für die erfolgreiche Anwendung des Gedankenfeuers erforderlich war. Es war so etwas wie ein psychischer Balanceakt, bei dem er das Gefühl heraufbeschwor, dass sein Geist nichts und alles enthielt – beides zur gleichen Zeit.
Nichts. Alles.
Genau da, zwischen diesen beiden, lag das Gedankenfeuer.
Es durchfuhr ihn wie ein unsichtbarer Strom, eine lebendige Macht, die mehr war als reine Kraft. Das Gedankenfeuer band ihn an die Welt und löste ihn gleichzeitig aus ihr. Er kanalisierte es, entließ es aus dem Inneren seines Geistes und erlaubte ihm, über sein Gesicht zu fließen und den Hals hinabzuströmen.
„Hey, Ella“, sprach er mit einer Stimme, die tiefer war als seine eigene.
„Wow, ist ja irre!“, hauchte Ella. „Du hörst dich ja genauso wie Gabriel an.“
Nun, da das Gedankenfeuer seine Stimme modifiziert hatte, erlaubte Sam ihm auch, sein Gesicht zu verändern. Ein Vorgang, den man Glamour nannte – und er lernte immer noch dazu.
Ella lachte. „Okay, nicht übel, die Ähnlichkeit, aber die Augen stimmen noch nicht.“
„Besser, als so auszusehen wie dieser Höhlenmensch Sam“, konterte Sam und äffte Gabriels verächtlichen Tonfall nach.
Inzwischen konnte Ella sich vor Kichern nicht mehr halten. „Lass dich dabei nicht von Gabriel sehen.“
Sam entspannte seinen Geist und ließ den Glamour vergehen.
„Der war gut“, gluckste Ella und rieb sich die Tränen aus den Augen. „Und wie geht’s mit deiner Telekinese voran?“
Sam gab ein Ächzen von sich. „Immer noch mau. Du hast mich doch beim letzten Gedankenball-Spiel gesehen, oder? Hätte wohl kaum peinlicher sein können.“
Sie zuckte die Achseln. „Das ist die am schwersten zu erlernende Fähigkeit. Du wirst es schon schaffen.“
Überall in den Gebäuden um sie herum gingen nun die Lichter an. Das Pod jagte über einen Skulpturenpark hinweg, dessen Ausstellungsstücke Wildblumen ähnelten, die aus Stein gemeißelt waren. Selbst die kleinsten von ihnen waren über zehn Meter hoch. Eine Skulptur lag zertrümmert unter einem gewaltigen Knäuel aus Stahl begraben, das offensichtlich vom Himmel gestürzt war – noch ein Schaden, den die Explosion am Hub verursacht hatte.
Sam erhob sich halb von seinem Sitz und blickte durch das blasenförmige Kabinendach hinaus. Er erkannte die Gegend nicht.
„Das Pod macht wegen des Verkehrs einen Umweg durch den Ingenieurs-Sektor“, erklärte Ella. „Siehst du das Gebäude da vor uns? Das ist der Nexus, wo Dad arbeitet.“
Sie zeigte auf eine riesige Tulpe, die über dem Skulpturenpark aufragte – eine dickbauchige, massige Struktur aus metallenen Blütenblättern, die auf der Spitze eines dicken, zylindrischen Stängels saß. Die Blätter der gigantischen Blüte waren eng zusammengefaltet, als hätten sie sich um ein verborgenes Geheimnis geschlossen.
„Öffnet es sich auch?“, fragte Sam.
„Also nicht, dass ich es schon mal gesehen hätte“, antwortete Ella.
Als sie den Nexus hinter sich ließen, blickte er den Weg zurück, den sie gekommen waren, und entdeckte etwas Dunkles, das sich vor dem hellen Flickenteppich der City-Lichter bewegte. Ein Pod mit abgedunkelter Oberfläche. Ihm wurde bewusst, dass er es auch zuvor schon einmal gesehen hatte, unmittelbar vor der Akademie. Es musste sich nicht unbedingt um dasselbe Pod handeln, aber irgendetwas daran brachte sein Herz plötzlich zum Rasen.
Ihr eigenes Fahrzeug vollführte eine Rechtskurve und steuerte zum Wasserweg zurück, der sie zu Ellas Zuhause führen würde.
Das andere Pod machte dasselbe.
Sam drehte sich zu Ella um. „Ich glaube, wir werden verfolgt.“
Ella starrte durch das Kabinendach, die Augen halb geschlossen, um vor dem Hintergrund der blendenden Lichter der Stadt etwas zu erkennen.
„Ist nur ein Pod“, stellte sie schließlich fest.
„Und warum ist es dann abgedunkelt?“, fragte Sam.
„Keine Ahnung. Privatsphäre? Vielleicht weil seine Lichter einfach nur wieder aufgeladen werden müssen?“
„Ich hab’s in der Nähe der Akademie gesehen.“
„Dasselbe Pod? Du wirst schon paranoid.“
„Es gibt nur einen Weg, um das zu klären.“ Sam schaltete den Autopiloten aus und übernahm die manuelle Steuerung.
„Im Ernst jetzt?“, stöhnte Ella, warf sich in ihren Sitz zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wo wir schon fast zu Hause sind?“
Ihren Einwand ignorierend, ließ Sam sich vom Gedankenfeuer durchströmen und steuerte das Pod vom Kanal fort auf eine Reihe von mächtigen Gittermasten aus Metall zu. Hellblaue Elektriszens knisterte in ihnen wie eingekerkerte Blitze. Im Slalom flog er zwischen den Masten dahin, steuerte zuerst nach links, dann nach rechts und wieder nach links. Die Fenestrone des Pods – verborgene Rotoren, die das Fahrzeug in der Luft hielten – sirrten protestierend. Das Glühen der Elektriszens-Bögen tauchte die Kabine des Pods in gespenstisches Licht.
„Sind sie noch an uns dran?“, fragte Sam und konzentrierte sich darauf, den Hindernissen auszuweichen.
Ella hielt die Arme fest verschränkt. „Bei deinem Spiel mach ich nicht mit.“
„Guck einfach.“
Mit finsterer Miene warf sie einen Blick zurück. Als sie nichts sagte, wusste Sam, dass sich sein Verdacht bestätigt hatte.
„Hab’s doch gesagt.“
Nachdem sie den letzten Mast passiert hatten, entließ Sam das Pod aus seinem mentalen Griff und erlaubte dem Autopiloten, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Automatisch brachte das Navigationssystem des Fahrzeugs sie zum Kanal zurück, der sie nach Hause führen würde.
„Es müssen Lauscher sein“, überlegte Sam und drehte sich wieder in seinem Sitz um. „Farzans Agenten. Ich wette, er lässt jeden unserer Schritte beobachten.“
„Sollte einen nicht wundern“, erwiderte Ella. „Ich mag es genauso wenig, ausspioniert zu werden, wie du. Aber was können wir machen?“
Während sich die Solarscheibe weiter zu einer künstlichen Abenddämmerung herunterdimmte, wurde am Himmel allmählich der Hub selbst sichtbar, der nun zusammen mit Hunderten anderen Lichtern vor sich hin funkelte. Von der Mitte des Solars emporsprießend, stellte der Hub eine gigantische und komplizierte Struktur dar, die von einigen Blickwinkeln aus wie ein auf dem Kopf stehendes Wurzelgeflecht aussah. Die Bombe der Jünger hatten einige ihrer Stützstreben weggesprengt, doch diese waren nun ersetzt worden, und Teams aus Ingenieuren arbeiteten Tag und Nacht daran, die Schäden an den umgebenden Arbeitsbereichen und Gerüsten zu beheben.
Der Hub war vieles in einem, aber vor allem stellte er die Hauptverbindung zwischen Catacombia und der oberen Welt dar. Seine komplexe Struktur enthielt Dutzende Gateways, die Reisen zwischen den Reichen erlaubten. Solche Reisen waren für alle illegal – mit Ausnahme der Gesandten, die speziell dafür ausgebildet waren, die Oberwelt zu beobachten und deren Bewohnern in Krisenzeiten unauffällig Hilfe zukommen zu lassen.
„Ich frage mich, ob die Bombe auch irgendwelche Gateways beschädigt hat“, sagte Sam, kurz wie hypnotisiert von einem Lichterschwarm, der die Position eines Ingenieurteams markierte.
„Mein Vater erzählte mir, dass die Explosion nicht so tief gereicht hat“, antwortete Ella. „Die Gateways sind gut geschützt, und das ganz zu Recht.“
Ihre Stimme nahm einen warmen Klang an, als sie über dieses Thema sprach – so wie immer in solchen Fällen. Ellas Traum war es, eines Tages eine Gesandtin zu werden und selbst die Gateways zu benutzen.
Das Pod ging im Sinkflug aufs Wasser runter. Kurz bevor es die Oberfläche durchstieß, warf Sam noch einmal einen Blick zurück. Das verdunkelte Pod war nirgends zu entdecken.
„Sieht aus, als wär ihnen langweilig geworden“, stellte er fest.
Eine kurze Tauchfahrt brachte sie zu dem halb unter Wasser liegenden Haus, in dem Ella mit ihren Eltern lebte. Genauso wie die Außenmauern der Akademie zerschmolz die Außenwand des Gebäudes, kaum dass das Pod sie berührte, um sich gleich wieder zu schließen, als das Fahrzeug nach innen glitt. Sobald das Pod am hauseigenen Anlegedock aufgetaucht war, glitt das Kabinendach zurück und sie kletterten hinaus.
Sam hatte gerade erst den Fuß auf den Steinboden gesetzt, als ein großer Hund mit ungebändigtem, grauem Fell unter aufgeregtem Bellen angesprungen kam. Sam ließ sich gerade noch rechtzeitig auf die Knie fallen, um das Tier in seinen Armen zu empfangen.
„Einstein! Hast du mich vermisst, Junge?“
Der Hund antwortete, indem er Sams Gesicht ausgiebig mit seiner Sabberzunge abschleckte, während sein Schwanz eher wie ein Propeller rotierte, als einfach nur zu wedeln.
„Er wird fett“, merkte Ella an.
„Hier ist er viel glücklicher als früher. Ich denke, es ist kein Vergnügen, ein Streuner zu sein.“
Ella schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht glauben, dass ihr da oben Tiere auf den Straßen verhungern lasst.“
„Ihr da oben? Nicht alle und alles in der Oberwelt ist schlecht, weißt du?“
„Sorry. Du weißt, was ich meine.“
Sam wollte schon Einwände erheben, doch dann hielt er sich davon ab. Die Wahrheit war, dass er während seiner Zeit in Catacombia noch kein einziges streunendes Tier gesehen hatte. Auch gab es hier keine Obdachlosen. Er vermisste so einige Dinge aus der Oberwelt, aber Tierheime und Suppenküchen zählten definitiv nicht dazu. Auch wenn im Herzen dieses Paradieses ein paar Lügen verborgen lagen, so war das vielleicht ein Preis, den zu zahlen sich lohnte.
Sie gingen über das Dock entlang auf den Hauptbereich des Hauses zu, während Einstein Sam gehorsam auf den Fersen folgte.
„Willst du nach dem Essen mit in den Wasserpark?“, fragte Ella, als sie die Küche betraten. „Die haben jetzt bis in den späten Abend hinein geöffnet. Hab gehört, die pumpen dieses bunte, phosphoreszierende Glibberzeugs ins Wasser. Wanda und Jeladi gehen auch.“
Sein letzter Besuch im Wasserpark war ziemlich cool gewesen, aber heute Abend konnte er keine große Begeisterung dafür aufbringen. „Nein, geh du nur. Ich sollte wirklich wieder mal mit meinen Hausarbeiten auf Stand kommen.“
„Du bist so ein Streber!“
Ella verdrehte die Augen und schob einen Teller in den Nahrungsdschinn: eine stromlinienförmige Maschine mit vorspringenden Propellern und einer Haube, die aussah wie ein lächelnder Mund. Die Haube schloss sich und der Dschinn piepte. Einen Augenblick später öffnete sie sich wieder und Ella nahm den Teller heraus, auf dem sich nun etwas türmte, das aussah wie pinkfarbene Marshmallows. So wie Sam Ella kannte, handelte es sich um ausgewogene Ernährung in Perfektion und schmeckte sogar schlimmer, als es aussah.
Sam schob einen weiteren Teller in den Dschinn. Er schloss die Augen und stellte sich vor, wonach sein Magen sich sehnte. Obwohl seine Gedankenfeuer-Fähigkeiten gut waren, fand er es immer noch einfacher, Dschinns zu bedienen, indem er sich genau vorstellte, was er von ihnen wollte. Gehorsam servierte der Dschinn zwei dampfend heiße Hotdogs, einer ohne alles, der andere überhäuft von Röstzwiebeln und ertränkt in Ketchup.
„Na also“, strahlte er triumphierend. „Traditionelle Oberweltküche.“
„Bäh!“, kommentierte Ella. „Wie eklig!“
Sam tunkte seinen Finger in den Ketchup und schleckte ihn ab. „Mach es nicht mies, bevor du es überhaupt probiert hast.“
Mit nicht überzeugter Miene verließ Ella mit ihrem Marshmallows-Teller die Küche.
Auch Sam nahm das Essen mit auf sein Zimmer. Dort legte er sich aufs Bett und vertilgte gierig den ersten Hotdog. Er schmeckte exakt wie die, die er sich immer am Foodtruck geholt hatte, der gleich um die Ecke von Bright Futures stand – dem Waisenhaus, in dem er die letzten paar Jahre in der Oberwelt verbracht hatte. Die Hälfte des anderen Hotdogs warf er Einstein zu, der ihn mitten aus der Luft schnappte und hinunterschlang.
„Nicht zu fassen, dass sie dich fett genannt hat“, nuschelte er. „Hey, lass uns mal was versuchen. Bleib!“
Einstein stellte die Ohren auf, als Sam die verbliebene Hotdog-Hälfte auf den Boden legte. Sam starrte sie an, um sie mit der Kraft seines Willens zum Schweben zu bringen. Ella hatte recht: Telekinese in den Griff zu kriegen, gehörte wirklich zu den kniffligsten Gedankenfeuer-Fähigkeiten. Ihrem Lehrer an der Akademie nach war sie einst allein den Zauberern vorbehalten gewesen. Doch jetzt, in der modernen Zeit, hatte sie sich zu einer selten praktizierten Disziplin zurückentwickelt, da die meisten Leute sie für unnütz hielten. Die Metachips hatten solche Fähigkeiten überflüssig gemacht. Statt dieser – wie Pavel es bezeichnete – „altmodischen Methoden“ ermöglichten nun die Chips es den Catacombiern, über neuronale Netzwerke mit bestimmten Technologien und Objekten zu interagieren. Zu den wenigen noch gebräuchlichen Anwendungen gehörte Gedankenball – ein Spiel, bei dem es sich im Wesentlichen um eine Art kontaktloses Fußball handelte, das von vier gegnerischen Teams auf vier Tore gespielt wurde. Sam hatte es nur ein paarmal versucht und wahrscheinlich würde er zukünftig bei der Mannschaftswahl nicht so schnell als Erster genommen werden. Auf ihn hatte das Ganze chaotisch und geistig erschöpfend gewirkt – sehr zum Vergnügen der anderen Spieler. Die geschicktesten Schüler – unter ihnen Ella – waren jene, die eine echte Verbindung zu telekinetischen Instinkten besaßen und sich nicht einfach nur auf die Metachips verließen.
Ohne zu blinzeln, starrte Sam den Hotdog an, bis seine Augen zu brennen begannen. Er meinte, etwas zu spüren … eine Essenz seiner selbst, die nach dem Hotdog langte. Er rührte sich um einen halben Zentimeter. Ich schaff’s! Sam richtete seine Gedanken neu aus und versuchte, den Hotdog mit der schieren Kraft seines Willens vom Boden zu lösen. Er spürte, wie ihm das Herz in der Brust hämmerte. Kommschon! Ein Ende hob sich an, wie von einem unsichtbaren Faden gezogen. Ja! Und jetzt das andere …
Bellend sprang Einstein vor und schloss die Kiefer um den Hotdog.
„Nein, Junge!“, rief Sam. „Gerade wo’s mal funktioniert hat!“
Einstein schluckte und blickte verlegen hoch, während sein Schwanz wedelnd über den Boden fegte.
Sam kicherte. Er konnte dem Hund kaum einen Vorwurf machen. „Du kriegst trotzdem nichts mehr“, sagte er.
Als Einstein sich wieder niederließ, machte Sam es sich halb im Liegen bequem, um einen Tennisball gegen die Wand zu schmeißen und wieder aufzufangen. Nach ein paar Runden legte er ihn auf seinem Regal ab, neben einem zerfledderten Comic und einem uralten Gamecontroller. Als Boric ihm von dem Schwarzmarkthandel mit Artefakten aus der Oberwelt erzählt hatte, den es in Catacombia gab, war Sam schlichtweg begeistert gewesen.
„Mein älterer Bruder ist ein Gesandter“, hatte Boric ihm eines Tages in der Akademie anvertraut. „Er sackt Sachen ein und bringt sie mit zurück. Verrat’s niemandem, sonst kriegt er Ärger und auf gar keinen Fall darfst du ihm erzählen, dass ich derjenige bin, der sie aus seinem Schrank stibitzt.“
Sam verfügte über keinerlei Möglichkeiten, Geld zu verdienen – und soweit er es beurteilen konnte, war so etwas wie ein catacombisches Finanzsystem auch nicht existent. Aber er war in der Lage, einige der gestohlenen Güter einzutauschen, indem er für Boric die Mathehausaufgaben erledigte. In jedem anderen Jugendzimmer würde ein ramponierter Controller, ein abgewetzter Tennisball sowie ein zerfledderter Comic nicht allzu viel bedeuten. Aber in Sams Augen waren es unbezahlbare Schätze, unentbehrliche Erinnerungen an das Leben, das er hinter sich gelassen hatte.
Das Leben, das er vermisste – trotz allem, was Catacombia zu bieten hatte.
